Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: März 2009

Manchmal möchte ich schon mit Dir …

… Hand in Hand in Wiesbaden stehen, um dem FC St. Pauli beim verdienten, kommenden Sieg zuzuschauen – nur, daß ich bei Auswährtsfahrten immer so’n Unglück gebracht habe (was bei der Auswährtsbilanz des FC St. Pauli allerdings auch nicht die hohe Kunst der Magie ist), und außerdem bin ich ja eh nur Mode- und Erfolgsfan und Haupttribünensitzer – und trotzdem übe ich hier gerade in altbewährter Solidarität am Computer sitzend und laustark zu youtube mitsingend (da kommt man sich schon ein wenig debil vor, egal, macht Spaß!) das neu zu initiierende Fanlied für’s kommende Match ein:

Fussballclub Sankt Pauli
Go !
FC Sankt Pauli
Ohhh ! FC Sankt Pauli, schieß ein Tor !

Hat was 😉 …

Verstehe ich nicht …

„Die Gewerkschaft hatte auf jeden Fall einen richtigen Propaganda-Apparat und eine politische Mission. Die legitime Aufgabe von Gewerkschaften besteht darin, für die Rechte von Arbeitnehmern zu kämpfen und nicht darin, zu beeinflussen, was Journalisten schreiben.“

 

Beeinflußt denn das, was Journalisten schreiben, nicht ggf. auch Arbeitnehmerrechte? Was ist denn das für eine Vorstellung Kampf für die Rechte von Arbeitnehmern? Kann’s sein, dass da ein Vertragsmodell und ein Konzept von Öffentlichkeit gegeneinander ausgespielt werden von jenen, die Öffentlichkeiten eh im Griff haben? Und was ist mit der direkten oder auch nur mittelbaren Einfluss- und Rücksichtnahme beim Gestalten redaktioneller Teile durch und auf potenzielle Anzeigenkunden, zum Beispiel?

Schwestern, zur Sonne, zu Freiheit!

„Die Moso können mit Fug und Recht den Anspruch erheben, ein universelles Problem der menschlichen Existenz gelöst zu haben, de Zweispalt zwischen Sehnsucht nach Sex und Liebe und den Anforderungen der Familienkontinuität und -ökonomie.“

Was Somlu drüben ausgegraben hat, das ist ja schon außerordentlich erstaunlich und fast sowas wie eine reale Utopie (mal abgesehen von der Fußnote am Ende, der Umgang mit Wut ist ja doch immens wichtig). Hatte mehrfach gelesen, daß in manchen asiatischen Kulturen die Institution der Vaterschaft unbekannt sei, was das jedoch konkret heißen könnte, wußte ich nicht.

Mit meiner Schwester hätte so ein Modell durchaus auch hingehauen. Liest sich allerdings auch sehr idealisiert, wäre interessant, mal tiefer zu gucken, welche normativen und normalisierenden Kräfte dort unterschwellig wirken. Zudem ich auch zunehmend merke, daß ich für meine Nichten und Neffen immer wichtiger werde, je älter diese werden – da ist das Kontaktbedürfnis groß.Wenn’s finanziell gehen sollte, übernehme ich da eh irgendwann Studiengebühren und ähnliches.

Umgekehrt hätte selbst mancher Konflikt mit meiner Mutter gar nicht stattgefunden, da diese eher die Folge dessen  waren, daß sie aus einer Ehe enstanden war – meine Großeltern -, die wirklich die Hölle auf Erden gewesen sein muß wie bei so vielen Paaren, die nach dem Krieg dann eher gezwungen denn freiwillig die 50er Jahre zusammen durchstehen mußten. Und daß keine Brüder da waren, die sie nach der Scheidung hätten unterstützen können.

Das war übrigens – jetzt sehr um die Ecke gedacht – auch großes Thema in Frankreich, als der „Paque“ oder so ähnlich dort diskutiert wurde, meine ich mich zu erinnern. Daß es gerade auf dem Lande sehr häufig Geschwisterpaare gab, gleich- und verschiedengeschlechtlich, und es keinen Grund gäbe, diesen nun rechtliche Vorteile vorzuenthalten, die homosexuelle Nicht-Geschwisterpaare nunmehr für sich in Anspruch nehmen könnten. Wie überhaupt, wenn ich richtig informiert bin, der „Paque“ oder so ähnlich auch für Hetero-Paare gilt, da ist Deutschland einfach noch lange nicht so laizistisch wie Frankreich. Liest man die Merkel-Rede weiter unten, ist das ja hier auch noch ’ne Form von Gottesstaat in christlicher Hinsicht. Die Ehe als Bedrohung der Familie ist da tatsächlich ein Gedanke mit einer enormen Sprengkraft 😉 .. . super.

Danke, Somlu! Gedanklich außerordentlich anregend, diese Vorstellung!

Wo das Neue wohnen könnte …

Das Interview mit dem Herrn Schmidbauer neulich in Die Zeit hinterließ bei mir einen tiefen Eindruck. Insbesondere sein Finale hat mich sehr tief berührt, unten wird’s zitiert, kenne ich gut; jedoch ebenso die Ausführungen über den Segen der Verdrängung. Mache meinen jetztigen Job schließlich auch nur, weil ich vor 16 Jahren schrecklichen Liebeskummer hatte – da lief mir jemand über den Weg, der in 3 Wochen mein psychisches System mal eben sprengte, all die ausgefeilten Neurosen hinfort fegte, woraufhin ich mir bei einer Praktikumsmöglichkeit auf einem Feld, das zu beackern mir niemals in den Sinn gekommen wäre, dachte „Ach, darauf kommt’s jetzt auch nicht mehr an“ – und so hatte ich den Salat. Nun, im abschließenden Prozess vor dem Arbeitsgericht, fällt mir immer wieder auf, was ich eh schon immer wußte: Ich reproduziere da Familienmuster. Der Aufbruch einst war eine Flucht in das Bekannte. Ein Nichtloslassenkönnen des Vertrauten. Dann kam das Neue wohl zu früh. Jetzt kannste aber kommen, Neues! 😉

Insofern Labsal für meine Seele, das Interveiw mit Herrn Schmidbauer. Die Gedankführung dort war einst ja fast Gemeinwissen – frage mich, wieso es dem Klassenfeind gelungen ist, dieses Denken unter Kondionierungsmodellen zur Steigerung der Arbeitsleistung und evolutionsbiologischem Mythen-Schnick-Schnack zu begraben. Selbst mir als bekennendem Psychoanalysehasser, der ich bin, fehlt diese Zugangsweise in öffentlichen Diskursen, weil die tiefenpsychologischen Modelle im Zuge der kollektiven Menschenverachtung jener, die neben „Fördern und Fordern“ nichts mehr gelten lassen wollen, die Chance zum Innehalten böten.

Das ist ja sowas wie eine fast schon mythische Hoffnung in der aktuellen Krise: Dass der ökonomische Zusammenbruch zur Entschleunigung führen könnte und dass im Zuge der Renovierung des „christlichen Menschenbildes“ eine Praxis wie „Andacht“ die allgegenwärtigen Normierungen und die Tiraden der Hassprediger bricht. Mal gucken. Jetzt aber O-Ton Schmidbauer:

„ZEITmagazin: Verdrängen Männer und Frauen eigentlich unterschiedlich?

Schmidbauer: Das Ideal der Männlichkeit beruht auf stärkeren Verdrängungen als das Ideal der Weiblichkeit – denken Sie nur an den Satz „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“, den Jungen häufiger zu hören bekommen als Mädchen. Jungen werden zum Stolz erzogen und haben als Männer permanent Angst, in ihrem Stolz verletzt zu werden. Frauen sind mehr an Differenzierungen interessiert. (…)

ZEITmagazin: Am Ende sind die Männer also an allem schuld?

Schmidbauer: Nein. Sie sind nur psychologisch weniger belastbar, können seelischen Stress schlechter verarbeiten, weil sie als Kinder sozusagen eine Fleißaufgabe erledigen müssen. Mädchen können sich mit der Mutter identifizieren – Jungs müssen sich von der Mutter abgrenzen. Sie müssen von klein auf lernen, ihre Abhängigkeit von der Mutter und das weibliche Bild in ihrem Inneren zu verdrängen und etwas anderes dagegenzusetzen. Sie müssen sich – wie man so schön sagt – desidentifizieren. Das kostet Kraft, die dann fehlt, wenn es darum ginge, geduldig die vielen Knoten zu entwirren, mit denen wir es zu tun haben.“

Taschenspielertricks

Da finden ja sogar noch ganz spannende Diskussionen statt in meinem ehemaligen Zuhause! Für durch Foucault geprägte Blogger wie mich gerade dann ergiebig, wenn Blogger von ziemlich weit gegenüber sich verzetteln, ohne es zu merken – das erfreut.

Sujet drüben ist unter anderem ein in klinischen Kontexten entstandener „Persönlichkeitstest“ namens MMPI, dessen Vorstellung dessen, was denn nun „Persönlichkeit“ sei, offenkundig anhand verschiedener Skalen wie z.B. der „Masculinity/Feminity“-Skala kategorisiert und erfaßt sei.

Besonderheit ist, dass, wenn ich das richtig verstanden habe, dieser Test eine ständige Erweiterung erfährt, weil die Kriterien und Abstufungen, anhand derer die Skalen entwickelt werden, selbst nicht als begriffliche oder konzeptionelle insofern, daß allgemeine Theorien über die Persönlichkeit als solche einfach vorausgesetzt sich finden,  operationalisiert werden, sondern selbst am Bevölkerungdurchschnitt sich orientierende Werte erst erheben und daraus die diagnostischen Instrumente entwickeln.

Ich weise hier ausdrücklich darauf hin, daß ich zwar mal Vorträge über Methoden eindimensionaler Skalierung gehört und und die Konstruktion von Skalen überhaupt gelernt habe, aber den Großteil wieder vergaß, erschien mir als zuviel Theaterdonner für zumeist recht triviale Ergebnisse  – und, Ausnahme, dass als eine der wenigen die empirische Soziologie befruchtende Leistungen Adornos die F-Skala gilt, also eine Skala, anhand derer eine Anfälligkeit für faschistoide Einstellungen und Handlungen erforscht werden kann. Das wird im folgenden noch mal wichtig werden.

Das setzt ja eine Vorstellung, was Faschismus sei, voraus, und insofern auch eine normative Vorstellung dessen, was richtiges und was falsches Handeln sei, weil man sich ja doch mittlerweile zumindest in diesen Breiten im Falle von 80-90% der Bevölkerung einig ist, daß  es nicht in Ordung ist, Juden zu verprügeln und deren Häuser und Synagogen anzuzünden, zum Beispiel. Im Falle von Moscheen mag das anders aussehen hinsichtlich der Einigkeit und Prozentsätze.

Dieser oben erwähnte Persönlichkeitstest geht anders vor, wenn ich das richtig verstehe. Zettel formuliert das im Dialog mit Che so:

„Da kaum ein Mensch auf allen Skalen den Mittelwert erreicht – wir sind ja nicht industriell verfertigt -, wäre dann ja bei jedem von uns allerlei “verschoben”. Es ist aber gar nix verschoben, sondern Menschen unterscheiden sich eben. Das ist es, was gemessen wird – Unterschiede zwischen Menschen. Deshalb heißt das betreffende Fach auch “Differenzielle Psychologie”. (…)

“Gemeint war damit, dass mir Emotionen und Ideale wichtiger waren als Karriere und Statussymbole, dass ich mich eher über meine Beziehungen zu anderen Menschen definierte als über Leistung, dass ich eher passiv als zupackend war usw. ”

Ja, das sind Items, die hoch auf dieser Skala laden (das müßte ich jetzt auch wieder erläutern, es ist ein Begriff aus der Faktorenanalyse). Es ist nun mal empirisch so, daß die betreffenden Eigenschaften bei Frauen – im Schnitt – ausgeprägter sind als bei Männern. Also gehören sie zu Recht zu dieser Skala.“

Ja, und? Man erhebt also zunächst jede Menge Daten über der Verhältnis von Menschen zu Hunden, wo dann ja nahe läge, eine Skala von „Hundeliebhaber“ bis „Hundehasser“ zu erstellen, aber wie gewinnt man eine solche empirisch? Fragt man also ganz offen alle erst mal „Wie ist ihr Verhältnis zu Hunden“, wertet aus, definiert die Extreme, um so zu der bahnbrechenden Erkenntnis zu gelangen, dass sich das Ergebnis auf einer Skala, die von „Hundeliebhaber“ bis „Hundehasser“ reicht, abbilden läßt? Womit vor allem die Hypothese gestützt wird, dass die Normalverteilung gar keine quantitativen Fragen stellt. Forscht wieder, bekommt dann heraus, dass der Durschnitt sich neutral zu Hunden verhält, um dann bei der Anwendung des Testes auf ein Individuum wiederum die Abweichung von der Neutralität zu suchen und das als Persönlichkeitsmerkmal zu behaupten?

Ist das nicht zirkulär, und braucht man nicht erst mal Konzepte, was überhaupt ein Hund ist, was „mögen“ und „hassen“ heißt usw.? Da kann man noch so gelehrt von Validität, Reliabilität und „Objektivität“ schreiben, worin besteht denn letztere? In einem K9nsens, was ein Hund sei und in der Aussage, dass Hundehasser besonders weit vom Durchschnitt abweichen? Sagt das nicht eher was über das Verhältnis einer Population zu Hunden aus als über die Dispositionen eines Individuums, weil letztere ja nur in Relation zur durchschnittlichen Einstellung der Anderen erfaßt werden, aber nicht z.B. hinsichtlich des höchst individuellen Traumas, schon 5 Mal von Rottweilern gebissen worden zu sein?

Und wie begreift  so ein Instrumentarium eine Qualität wie „Hass“? Gar nicht, oder? Man kann jetzt wie Glucksmann Hass als den Willen, etwas zu vernichten, bestimmen, aber kann man das erst mal wieder empirisch erheben wollen, oder muß man nicht vielmehr wiederum Begriffe auch voraussetzen, um die Frage überhaupt sinnvoll stellen zu können? „Ein Hundehasser ist einer, der giftige Köder auslegt“, das ist ja nun eine definitorische Frage und zudem eine solche, die erläutert, wie man den Begriff „Hundehasser“ sinnvoll verwenden kann, wofür also dieser ganze statistische Aufwand?

Bezogen auf die durchschnittliche Verteilung geschlechtsspefizischer Selbstverhältnisse und Verhaltensdispositionen – man merkt, irgendeine Vorstellung dessen, was „Persönlichkeit“ heißt, muß man schon mitbringen – wird das ja nun noch kruder. Zum einen wird die Geschlechterdifferenz als konstitutiv ja nun nicht erst mal umständlich erhoben, sondern offenkundig vorausgesetzt. Dann werden die Erlebniswelten von alleinerziehenden Müttern, Huren in der Herbertstraße, Snob-Gattinnen an der Elbchaussee und ja überall und allerorten akut von Ehrenmorden bedrohten Muslima in einen Topf geworfen, zusammengerührt, und heraus kommt, simsalabim, die Durchschnittsfrau. Was für eine Aussagekraft kann das denn bitte hinsichtlich der Verfaßtheit konkreter Individuen haben, wenn Persönlichkeit die Differenz zu der so gezeugten Durchschnittfrau ist?

Ich vermute mal, dass der Test so komplex ansetzt, dass er auch irgendwo die soziale Situation mit berücksichtigt, trotzdem, das ist schon ein wenig krude, so eine Vorstellung. Zudem ja zunächst in der Diskussion abgestritten wurde, dass „Devianz“ bei solchen Tests eine Rolle spielen würde, aber wertneutral heißt das nun mal nix anderes als „Abweichung“ und wurde infolge dann z.B. in der Kriminalitätsforschung auch normativ aufgeladen. Weiß gar nicht mehr, wie dieser Heini hieß, der mir beim A-Team mal ein solches Maß an Devianz unterstellte, dass das in seinem konkreten Umfeld nicht mehr akzeptiert würde.

Nun wird in Zettels Welt aber jenseits alles Normativen vor sich hingeforscht, auch die ganze praktische Anwendung der Ergebnisse spielt in dieser Welt eine allenfalls sekundäre Rolle – WARUM MACHT MAN DENN SOLCHE TESTS?????? -, all die Abweichungen also, die bei klinischen Tests dann so lustige Diagnosen wie Borderline oder Paranoia hervorbringen, sind wertneutral. Ist ja auch qualitativ unerheblich, ob man nun paranoid ist oder auch nicht, ist halt einfach anders, die Menschen sind halt verschieden und manche wohnen  in der Psychiatrie.

Zettel führt allerdings ein weiteres Kriterium an, was pathalogisch sei, nämlich Leid. Wieder ein guter Trick. Wer unter dem Verlust des Arbeitsplatzes leidet, der ist einfach nur ein Fall für Pathologen. Ach, ewige Unschuld des Begriffs.

Ich kann jetzt nicht anders, als das Ganze auf die F-Skala rückzubeziehen, auch auf die Gefahr hin, dann dieses Laws mich überführt zu finden, für’s Thema ist es halt wichtig. Angenommen, dieser Test hätte 1939 in Deutschland Anwendung gefunden, wie hätten dann wohl die Skalen ausgesehen, also jene Erhebungen, die den Mittelwert erzeugen? Wie die F-Skala, nur eben als Parameter für „Normalität“, also Durchschnittlichkeit? Und wer wäre da deviant, sorry, ganz wertneutral abweichend gewesen? Waren dann Juden, Sinti, Roma und Homosexuelle pathologische Fälle? Die litten ja … ganz objektiv.

Ich gehe noch weiter, habe die „Masculinity“-Skala nirgends gefunden: Ich vermute, dass das, was – im Durchschnitt – als besonders männlich gilt bei dieser MM-Testerei, auch bei der F-Skala von Adorno eine besondere Anfälligkeit für Faschistoides signalisiert. Also die Verachtung des Schwachen, Weichen, „Schwulen“, Passiven, Devoten, des Mangels an Stolz und „Eigenverantwortung“, eben des Mangels an Heldentum – und was fangen wir mit so einem Befund an? Fordern wir die feministische Wissenschaft? Weil der durchschnittliche Mann auch weiter schnell wie ein Windhund, hart wie Kruppstahl, Mist, das Dritte habe ich vergessen, sein will, und wer’s im Alltag nicht schafft, wird kompensatorisch Amokläufer?

Sehnsucht nach Super-Richie

Politikerreden scheinen zumindest wieder diskussionsfähig zu sein, hier und gegenüber. Selbst wenn aus je eigener Perspektive Rayson und ich mal den Köhler, mal die Merkel des Wischi-Waschi bezichtigen, so scheint ja doch auf einmal wieder ein Anliegen entstanden zu sein, dass etwas GESAGT wird in der Arena der Politik. Und auch bei Rayson meine ich das Bedürfnis zu lesen, die Dimension des Politischen überhaupt mal wieder zu bestimmen, auch wenn er meiner Diagnose „selber schuld!“ nicht zustimmen würde, weil ich ja eher der Auffassung bin, dass eine bestimmte Rhetorik aus der liberalen Ecke, die Politik per se als Eingriff in die Privatsphäre begreift, dafür gesorgt hat, dass sie seit langem auf Felder stattfindet, wo sie gar nix zu suchen hat und zudem viel zu massiv „Staat“ und „Politik“ miteiander identifziert werden. Wobei ich umgekehrt freilich ganz auf liberaler Seite bin, die Schutzrechte des Privaten gegen den Staat in Stellung zu bringen und deshalb Die Grünen, mit denen ich politisch sozialisiert wurde, nur noch unerträglich finde. Um hier selbst zum Wischi-Waschi überzugehen. Aber ich habe ja auch nicht Amt noch Mandat.

 

Bin beim Lesen der teilweise sehr treffsicheren Analyse von Köhlers Rede durch Rayson trotzdem an der folgenden Passage hängen geblieben:

„Aber der Kernpunkt ist: Appelle an die Moral anderer sind nichts anderes als Selbsterhöhungen. Köhler betritt, sich moralisch gerechtfertigt wähnend, die Bühne, um sich über die Schlechtigkeit der Zöllner rundum zu beschweren. Nun mag es mit deren Bußfertigkeit heute nicht wirklich weit her sein, aber das exkulpiert den Pharisäer nicht. Auch den Vätern (und Müttern) der von Köhler beschworenen “Sozialen Marktwirtschaft”, also des Neo- bzw. Ordoliberalismus, wäre nie in den Sinn gekommen, die Moral als eine Art Ersatzrecht zu etablieren, sondern sie haben sich damit beschäftigt, welche Regeln aufgestellt werden müssen, damit niemand bei seinem Gegenüber voraussetzen muss, dass es moralischer handelt als er selbst. So ist für die Politik angemessen, über neue und andere Regeln nachzudenken (z.B. zur Vermeidung von moral hazard), aber ein Armutszeugnis, sich als moralischer Richter aufzuspielen. Das gilt auch dann, wenn das bedeutsame Schwafeln zur Job Description gehört.“

 

Das wirft ja für mich eher Fragen auf, als dass es eine Antwort böte; dem Gegenüber einfach Selbsterhöhung zu unterstellen, wenn es an die Moral des Gegenübers apelliert, das hieße ja auch zu akzeptieren, wenn man an der Bushaltestelle vermöbelt wird. Und Paragraphen gegen Körperverletzung sind der Moral nicht äußerlich. Umgekehrt sind annähernd alle sich als links verstehenden mir Bekannten dazu übergegangen, der Ansicht zu sein, dass sie den Ordoliberalismus gegen seine neoliberalen Feinde verteidigen müßten, deshalb sei genau hingelesen, was Rayson zu deren Programmatik schreibt.

Habe auch insofern vollstes Verständnis für Raysons Auffassung, dass mir der moralisch überhöhte Gestus der Weltwirtschaftsschicksalgemeinschaft und der Menscheitsaufgaben Köhlers Moral eher zu suggerieren scheint, als dass er sie in Relation zur Politik bestimmen könnte. Recht, Politik, Moral, das ist ein irrsinnig kompliziertes Verhältnis, tritt wie bei der Merkelin dann noch ein großes C hinzu und auch Geschichte, wird es ein Brei, glatt ungenießbar.

Grübelte dann, wann mich eigentlich eine Politiker-Rede zuletzt beeindruckt hat. Es gab die eine oder andere von Herrn Höppner, ehemals Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, die brachte mich zumNachdenken, eine spezfische fiel mir nicht ein. So scrollte ich , glatt 24 Jahre zurück – ja, die von Richard von Weiszäcker zum 8. Mai 1985, die hat damals schwer beeindruckt, natürlich auch, weil er der erste hochrangige Politiker war, 40 Jahre nach Kriegsende, der es erwähnenswert fand, dass auch Schwule von den Nazis verfolgt und umgebracht wurden. Der Mann hatte ja die gleiche Job-Description wie auch Herr Köhler, und fast hatte ich Angst, sie wiederzulesen, die Angst, sie nun doch banal zu finden.

Nix da. Geht auch anders als in den Ruck- und Schicksalsreden. Dem einen oder anderen mag der Kontext „Historikerstreit“ und die Diskussionen von 45-85 nicht mehr so geläufig sein, gerade die sollten erneut sie lesen. Ein Auszug nur, dann sei die Diskussion eröffnet:

Wir haben wahrlich keinen Grund zu Überheblichkeit und Selbstgerechtigkeit. Aber wir dürfen uns der Entwicklung dieser vierzig Jahre dankbar erinnern, wenn wir das eigene historische Gedächtnis als Leitlinie für unser Verhalten in der Gegenwart und für die ungelösten Aufgaben, die auf uns warten, nutzen.

Man wird ja wohl noch fragen dürfen, ob …

„Wir müssen die Familien stärken in unserer Gesellschaft: Ein Satz, den wir seit vielen Jahren sagen, der von vielen Familien eher als Sonntagsrede verstanden wird. Dazu gehört für mich auch das klare Bekenntnis zu Ehe und Familie, mit all den Folgerungen, die es hat. Ich bin ein toleranter Mensch. Ich glaube auch, wir sollten gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften Rechtssicherheit in einem bestimmten Umfang geben. Aber die Ehe für Homosexuelle in der Gleichrangigkeit mit der Ehe und Familie, wie sie im Grundgesetz verankert ist, halte ich nicht für richtig. Ich sage das, obwohl ich mit vielen Betroffenen diskutiert habe, und ich sage im Übrigen, vielleicht sollten wir uns solchen Diskussionen auch öfter aussetzen, weil sie sehr schwierig zu führen sind, weil sie einen schnell auch in die Situation bringen: Gönnt ihr uns das nicht, weil ihr anders seid? Was leitet euch?

Wir neigen dazu, bestimmte Fragen einfach abzuschneiden und zu sagen, schon der sie stellt, diskreditiert sich selber. Das ist immer ein schlechtes Zeichen. (…)  Viele Fragen wurden deshalb immer schon als respektlos qualifiziert, damit man sich mit ihnen gar nicht mehr befassen musste. So etwas führt immer dazu, dass Volksparteien schrumpfen und sich nicht ausweiten.“

 

Ich bekenne ja, dass ich die massive Reaktion bei queer.de nicht so ganz, aber ein wenig schon teilen kann, was die Rede von Frau Merkel betrifft, da folge ich ihr in Vagheit; dafür, dass diese Plattitüden-Sammlung in der Katholischen Akademie vorgetragen wurde, ist das ja fast schon mutig.

 

Aber beim genaueren Hinlesen fragt man sich ja doch, was sie da eigentlich sagt. Wieso diese albernen Anspielungen auf vermeindliche Regeln der Political Correctness? „Wir neigen dazu, bestimmte Fragen einfach abzuschneiden und zu sagen, schon der sie stellt, diskreditiert sich selber. Das ist immer ein schlechtes Zeichen. “ Bei dieser rhetorischen Figur wird mir ja immer ganz schwindelig auch dann, wenn nicht gerade über „Börsenjuden“ oder die Bell Curve oder die Verfasstheit weiblicher Gehirnhälftenvernetzungen diskutiert wird … dann wird man ja  auchoffen fragen dürfen, ob „gemischtrassige“ Ehen denn „gleichrangig“ seien, von mir aus auch solche zwischen HSVern und St. Paulianern oder zwischen alten Männern und jungen Frauen. Was für eine unsinnige Fragestellung, nee, wird man nicht fragen dürfen, weil die Antwort keinen Sinn ergeben kann, danke, Herr Schlick, Moritz meine ich, es ist dummes Zeug, nun ein Ranking der Beziehungsformen zu eröffnen, und worauf bitteschön spielt es an, dass das was mit dem Schrumpfen der Volksparteien zu tuen habe? Liegt das daran, daß die Ressentiments irgendwelcher Menschenverächter nicht mehr genug bedient werden können, und somit – Trauer tragen – sich eine adäquate politische Mobilsierung nicht mehr erreichen lässt? Oder sollte man’s vielleicht lösen wie bei DSDS? Oder wie bei der Tennis-Weltrang-Liste? Eine Lösung, steuerrechtliche und sozialstaatliche und sonstige Vorteile für Partnerschaften mit Kindern noch weit zu forcieren, die fände ich super, aber ist das denn CDU-Politik? Macht doch eher die Linkspartei. Und im Falle türkischstämmiger Mitbürger gelten sie dann als „Parallegesellschaft“, die Familienbande … und die Neue Rechte fürchtet sich vor demographischer Überwucherung. Ficken Christen hochrangiger? Oder einfach nur ergebnisorientierter?

 

Das ist ja das Groteske an solchen Statement wie jenem der Nicht-Gleichrangigkeit: Es fehlt jegliche Begründung der Merkelschen Präferenz. Da war das Verfassungsgerichtsurteil spannender: Das ging einfach von einer qualitativen Differenz der Beziehungsformen aus, die jedoch nicht in Konkurrenz zueinander stünden, das gefiel mir besser.

 

Und wie bekommt man es hin, einerseits eine Politik gegen Hartz IV-Empfänger fortzuführen, wenn diese zu einem sehr hohen Prozentsatz alleinerziehende Mütter sind, aber zugleich Solidarität ganz dufte zu finden? Solidarität mit wem denn? Gut, all die alleinstehenden Frauen mit Kind gäbe es vielleicht auch nicht, würde man wie unter Adenauer, dem großen Europäer, die wirtschaftliche Abhängigkeit der Frau vom Manne mal wieder etwas deftiger gestalten – oder verkrümeln sich nicht vielleicht doch eher die Männer? Das wäre mal ’ne wirklich wichtige Frage vor einer katholischen Akademie, und mit „Individualismus“ ist doch viel zu allgemein hingleangt, wer ist denn bitte gegen Individualismus, ernsthaft, könnte ja auch ein dem Kapitalismus immanenter Konsumismus sein, der die Jungs vertreibt. Wo’s Hire & Fire geben sollte, wie mancher meint, da gibt’s halt auch das Hire & Fire der Mütter, wenn die’s nicht mehr bringen, im Ergebnis. Um dann, merkelisch, andereseits faktisch einen erbarmungslosen Klassenkampf von oben zu forcieren, und dann doch immer wieder Sozialstaatlichkeit und Solidarität super zu finden, nachdem man soeben eine Gleichung von Klassenkampf und Rassismus kritisch als großes Übel anführt und zudem auch noch einsteigt in den Text mit real-existierenden Flüchtlingsdramen, während man zugleich den Rassismus als reine Geschichte behauptet, damit man sich auch ja nicht mehr damit auseinander setzen muss? Diese Inszenierung von nachdenklichkeit führt zur Verwirrung, so meine Diagnose.

 

Klar, mit Klassenkampf meint sie die real-existierenden Kommunismen, aber das war ja nun gerade keiner und verdreht nur wieder alles.  Um dann, merkelisch, also anbiedernd und sachlich eben nur halb wahr, staatliche Solidaritätssprinzipien in den evangelischen und katholischen Soziallehren historisch zu fundieren, so, als hätten durchaus vom Klassenkampf inspirierte, soziale Kämpfe deren Durchsetzung nicht erst ermöglicht. Man kann doch nicht von Bautzen reden, von den Sozialistengesetzen im Kaissereich aber schweigen, die ja nicht zufällig gleichzeitig mit der Etablierung der Sozialgesetzgebung erlassen wurden, oder? War die DDR nicht druch und durch wilhelminisch? Aber der ist ja neuerdings auch nur Popstars in einer florierenden Epoche deutscher geschichte, der Wilhelm, habe ich neulich irgendwo gelesen.

 

Diese begrifflich unpräzise Schmonzettenhaftigkeit und Vagheit macht mich ganz irre, weil sie sich durchzieht, diese durch und durch ahistorische Berufung auf Historie und Tradition, die glaubt, das Thema dadurch erledigt zu haben, daß man dann auch mal den Dreißigjährigen Krieg und religiöse Konflikte erwähnt, der Vollständigkeit halber. Hatten die denn nix mit konkurrierenden „christlichen Menschenbildern“ zu tun? Die lösen sich zwangsvereinigt auf bei Frau Merkel in einem diffusen Friede-Freude-Eierkuchen-Nächstenliebe-Bla-Bla auf, da ist mir ja fast der Papst lieber, der redet wenigstens Tacheles, da weiß man, wo der Feind steht.

 

Haben jetzt Rippen, Erbsünden, Jenseitsorientierung, der Gedanke der Transformation, der Gemeinde, der göttlichen Gnade, ach, Jahrtausende stritten sie sich, in dieser Gemengelage aus positiver Freiheit, Kinderfreunlichkeit, Solidarität, Emphatie, gegen die ja nun wirklich nur Liberale was haben können, ausgedient?

 

Diese seltsame, rückwirkend gedachte, aber eben nur projizierte Einheit von Christentum und Kantischer Moral ist eben nicht dadurch zu haben, daß man ausweicht und so allgemein bleibt, dass man nichts mehr sagt,  liebe Frau Merkel, bei allem Respekt vor dem Amt. Was für ein Wischi-Waschi! Dann doch lieber das Leib-Seele-Problem und das Fortwirken christlicher Motive in der Neigung/Pflicht-Opposition bei Kant, anstatt immer nur den einigermaßen unstrittigen Grundsatz der Rechtslehre einerseits zu beschwören und andererseits zurück zu nehmen, indem man ein Beziehungsformen-Ranking einführt.

 

Ratzinger, übernehmen Sie, Sie langen wenigstens richtig zu und erklären mich für sündig und verdorben und koppeln christliche Menschenbilder an Enthaltsamkeit! Das ist wenigstens spezifisch. Da weiß man, was man hat!

 

PS: Wann unterschreibt der eigentlich diesen Love-Act, den Reggae-Musiker unterzeichnen müssen, bevor sie einreisen dürfen?

 

 

Wie man sich fühlt …

Es ist kein Zufall, dass ich nach dem Spiel das erste mal seit Jahren wieder im „Toom Perstall“ war. Weil man immer der kleine Teenie auf dem Schulfhof bleibt, innerlich, der Angst hat, schlicht auf die Schnauze zu bekommen, wenn er zeigt, wen und was er begehrt. Dass er gemobbt und gemieden wird. Das geht nie weg, das bleibt. Da ist der FC St. Pauli eine heilsame Erfahrung.

Im Perstall ist es zwar jetzt alles anders, weiß gar nicht, ob man noch „Katharina“ zu ihm sagt. Die ist tot, eine schwer übergewichtige Transe mit tiefer Stimme und schief sitzender Perücke, die den Raum hinter dem Thresen völlig ausfüllte und den Laden betrieben hat. Man munkelte über sie, sie würde ein Doppelleben als Journalist in Wien führen. Man mußte immer aufpassen, daß sie wirklich korrekt Geld heraus gibt; irgendwo an die Wand geschmiert war eine Karrikatur von ihr mit Dollar-Zeichen in den Augen. Damals, als es nur die Music-Box mit Hanne Wieders „Circe“, Hildegard Knefs „In dieser Stadt“  und Heinz Erhardts „Fährt der alte Lord fort“ gab und nur vereinzelt ausgewählte, aktuelle Hits. Gibt Lieder, bei denen ich immer an diesen schmalen, verqualmten, überfüllten Raum denken muß, „Englishman in New York“ von Sting zum Beispiel. An die Pferdegeschirre an der Wand, die verranzten Bänke und die zerfetzten Plastikdecken auf den Tischen, die vollgeschreibene Clowand, wo ich einst ein Max Goldt-Gedicht hinterließ, „Könnten Bienen fliegen“. Wo ich mich in Sylvesternächten halb ausgezogen auf dem Clodeckel wieder fand und immer wieder die Geschichte erzählt bekam, daß ich beim Nachhausegehen mit einem damals noch sehr attraktiven Max beim Pinkeln am einzigen Gebüsch weit und breit auf der Stresemannstraße einfach umkippte und dort schlafen wollte – „Ja, ich habe Dich dann gerettet“, wieder und wieder erzählte Max mir das. Der Tequilla halt, fiese und verwerfliche Sauf-Geschichten, die einen Heidenspaß machten 😉 …

Auf dem Nachhauseweg kam ich immer am legendären „Penny“ vorbei, damals mit dem FC St. Pauli natürlich sympathisierend, aber ansonsten an Fussball desinteressiert. Gibt ja dieses herrliche „Sie waren, sie bleiben, sie sind“ von But Alive. Da sitzt der Fan vorm Penny, der Fankneipe, und die Zeile „nach Auswärtsniederlagen falle ich oft in ein tiefes Loch, wach am nächsten Morgen auf und denk: Ich lieb‘ sie doch“, na, in der dieser grauenhaften ersten Halbzeit gestern fiel sie mir wieder ein, die Zeile, auch wenn das ja eine Heimspielniederlage war, die sich da anbahnte. 0:2 nach 5 Minuten, und das ausgerechnet gegen Rostock. Leute also, vor denen mich die starke Antifa rund um Hamburgs Kiez immer beschützt hat.

Wie gut erinnere ich mich daran, wie damals nach dem WM-Endspiel 1990 binnen kurzem die Reichskriegsflaggen die Stresemannstraße unappetitlich garnierten und hinterher alle erzählten, die Polizisten hätten noch in der U-Bahn-Station den Nazis den Weg zum „Spar“ gewiesen, das dann gestürmt wurde. Hätte das nicht einen Hinterausgang gehabt, wer weiß, ob das alle überlebt hätten – Eisenpfeiler und Fahrräder flogen durch die Scheiben. An Wochenenden nach HSV- oder auch St. Pauli-Spielen mußte man unsinnige Umwege gehen, wenn man zum Beispiel in „Or“ wollte, weil die Nazi-Hools am Hans-Albers-Platz sich ballten und vorgaben, die Hafenstraße stürmen zu wollen. Im Alltag jedoch wußte ich: Meide Bergedorf und Harburg, aber rund um den Kiez bist Du sicher. Konnte auf offener Straße Händchen halten oder mit Typen knutschen, nur vor mancher Prostituierten mußte man aufpassen, die fanden das geschäftsgefährdend 😉 …von Polizisten fühlte ich mich diesbezüglich nie beschützt.

Und gestern randalierten sie nun vor dem Spiel rum vorm Stadion, die, die mein Leib, mein Leben bedrohen. Sehr offensiv und explizit sogar. Und saß inmitten eines Stadions, wo Transparente über die Geraden geschoben wurden, „Es grüßen die schwulen Hamburger“ und „Schwulenhass: In Rostock Normalität“. Eine Reaktion darauf, daß beim Hinspiel in Rostock deren Fans glaubten, Gesänge gegen schwule Hamburger würden beleidigen. Denen spielte man vor dem Spiel „All you need is love“; als ich gerade in’s Stadion lief, riefen alle „Arschloch“, da lief nämlich „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten.

Und dann lagen wir so früh zurück. Das war wirklich der Tiefpunkt meiner bisherigen St. Pauli-Fan-Karriere. Unsere Manschaft hatte schlicht Angst, selbst der sonst so megacoole Rothenbach fing an, zitternd herumzutapsen, wenn der Ball auf ihn zurollte. Abwechselnd liefen sämtliche Spieler gleichzeitig zum Ball, wie in der E-Jugend, die linke Seite blieb so dauerhaft verwaist; oder sie liefen vor ihm weg, wichen zurück, auch der später so grandiose Hoilett und Trojan sowieso. Sako wurde immer an der gleichen Stelle umgeschubst, jener Sako, der noch im Hinspiel mit Affenlauten bedacht wurde. Es war einfach nur schrecklich. Es war demütigend, niederschmnetternd, beängstigend, grausam, daß nun ausgerechnet diese Truppe, die für Rassisten auf den Rängen spielt (nein, sie sind es nicht alle, aber es gibt sie dort sehr wohl sehr lautstark) unsere Mannschaft so dermaßen verunsichert und fertig machte. Ich hatte das Gefühl, als würde meine ganze Kultur, die ich in Hamburg seit mehr als zwei Jahrzehnten lebe, von der Hafenstraße, dem Subito und dem Dschungel über das Toom Perstall, das „Or“, das Café unter den Linden, das O-Feuer fast jeden Mittag, die Ominpräsenz von Wappen und Totenkopf im Viertel, Benny und sein „Viva con Agua“, die Musik von Kettcar, Fettes Brot und Tocotronic, der Blick auf die Elbe, die Domschenke, als würde all das mit Füßen getreten und von unseren Spielern jenem Mob, der uns schon immer abfackeln wollte, preisgegeben und ausgeliefert.

Wir alle haben in der Halbzeit nichts mehr erwartet. Überlegten, ob wir nicht lieber irgendwo ein Bier trinken wollen. Waren fertig. Litten. Versanken in Resignation. Rissen gequält Witze.

Dann diese tatsächlich ziemlich spektakulär aussehende Pyro-Show der Rostocker in der Halbzeit mit dem dämlichen Transparent „Hansa Hooligans“. War eindeutig für Filmteams und Fotografen ausgeleuchtet: Schwarze Figuren auf zaun und durchscheinender Banner vor Feuerschein.

Zugleich stellte man fest, daß Trojan und Ludwig zum Glück rausgenommen wurden, und die Boys in Brown standen inmitten des Nebels im Mittelkreis, man spürte es: Das wollen die sich nicht bieten lassen. Das lassen sie nicht zu. Nicht am Millerntor. Das können sie uns und sich nicht antuen. Boll zum Beispiel hat genau das dann ja später auch im Interview bestätigt. Es geht einfach nicht, daß Leute, die unsinnigen, sexistischen Quatsch über den „femininen Muschipups“ auf Transparente schreiben (habe ich wie alle anderen gar nicht verstanden, worum’s da wirklich ging) und bei deren „Sieg!“-Rufen man das „Heil“ einfach mithört, daß diese ausgerechnet bei uns die große Show abziehen.

Zum Wiederanpfiff war eine völlig andere Mannschaft auf dem Platz. Es war unglaublich. Es war großartig. Gerade noch die tiefstmöglichen Tiefen durchlitten, und dann so ein Höhenflug. In Sachen Fallhöhe einfach nicht zu toppen. Fussballgott Brunnemann gab den Antreiber, Hennings das Frettchen, das sich festbeißt, Hoilett den Super-Dribbler – und als Sako den Elfer versenkte, war ihm die Genugtuung anzuspüren. Was habe ich ihm und uns und der ganzen St. Pauli-Historie das gegönnt!!! Dann diese beiden wundervollen Tore von Hoilett, Tore, über die jede Mannschaft sich wegärgert – wundervoll, dass gerade die schwarzen Spieler trafen! Ist sogar dem NDR aufgefallen.

Es war wie eine Wiederauferstehung, es war so triumphal, so giganstisch, so gewaltig, eine Explosion all dessen, was am St. Pauli-Mythos wahr ist! Die Chöre nach Schlusspfiff, den Rostockern um die Ohren gesungen, „Nie mehr zweite Liga“ – ich hasse sonst Anti-Gesänge, aber das, das kam so zu Recht so von Herzen, da hat das Herz von St. Pauli wieder im Punkrock-Rhytmus geschlagen und gebebt und gelebt.

Und dann wollte PA, der Arsch, kein Bier mehr mit mir trinken gehen, und Ring2 war irgendwo im Schnee. Dann bin ich in’s Toom Perstall gegangen, Erinnerungen pflegen. Und obwohl meine wilden Zeiten dort eher von ’88 bis ’93 waren, ich ewig nicht da war (früher habe ich sogar Schoko-Nikoläuse zu Weihnachten geschenkt bekommen, von Vera, die jetzt wieder Werner ist) hat Marion hinter der Bar mich sogar wieder erkannt. Und ich fühlte mich ganz zu Hause …

Habe mal wieder was gelernt!

Deutsches Recht ist ja schon was Spannendes. Nicht immer schön, nicht immer nachvollziehbar, allzu oft wilhelminisch durchtränkt – und manchmal atmosphärisch überraschend frisch. Kenne ich noch von meinem Vater: Dem – Sozialdemokrat halt alter Schule – war’s als vorsitzendem Richter vor allem wichtig, den Leuten die Angst vor dem Gericht zu nehmen. Also das, was manch anderer Richter als Respekt empfindet und auch einfordert. Nun war min Vater auch in einer von Liberalen gerne attackierten Nische des Rechts zu Hause; Strafrecht zum Beispiel war ihm schlicht zu unappetitlich. Jetzt nicht wegen mutmaßlicher hygienischen Zustände von Angeklagten oder Staatsanwälten, sondern das Sujet als solches fand er gruselig – Leute zu Kanst verdonnern wollte er nicht. So ist auch der einzige Prozess, dem ich länger zuschaute, ein Strafrechtsprozess gewesen, und der Gestus des Richters hat mich nachhaltig schockiert. Selbstherrlichkeit und Inkompetenz wohl nicht hinsichtlich seiner juristischen Fähigkeiten, wohl aber hinsichtlich des verhandelten Sujets, beides in Personalunion, grauenhaft und beängstigend.

Um so schöner die heutige Erfahrung. Die Arbeitsrechtsverhandlung fand tatasächlich am runden, na, fast, Tisch statt. Auf der einen Seite die Kammer, auf der anderen Seite die Parteien. Wirkte eher wie ein Meeting irgendwo. Die Richterin distanziert und doch freundlich und charmant, jenseits jeglicher Kumpanei, klar und sehr deutlich und bestimmt bestimmt, ohne auf die Inszenierung von Macht zu gehen und zudem auch noch an klar nachvollziehbaren Kriterien orientiert. Ich bin positiv verblüfft, ganz unabhängig vom Ergebnis. Hat mir tatsächlich Vertrauen in Rechtsstaatlichkeit zurückerstattet.

Und ja, es gibt lawblog und so, aber ich dilettiere hier trotzdem mal rum, weil in manchen Lagern gegenüber ja ziemlich lange das Thema ein Dauerbrenner war: Daß alles Arbeitsrechtliche viel zu wenig flexibel sei, zu umständlich, und  ja sowieso Firmen nicht etwa wegen Kreditkrisen, fehlk0nzipierter Produkte, unsinniger Gewinnerwartungen, der Dumping-Preise der je größeren Konkurrenz oder schlicht steigender Rohstoffpreise pleite gehen, sondern immer nur wegen der Personalkosten und der schwierigen Kündigungsmöglichkeiten unterhalb der Leitungsebene.da schustert man sich ja dann gerne wechselseitig Kohle und Pöstchen zu.

In der Tat gibt es gewisse Rechte, die man erwirbt, wenn man lange dabei ist, z.B. eine Verlängerung der Kündigungsfrist sowie „Punkte“ bei der Sozialauswahl. Es gibt eine Sozialplanpflicht, meines Wissens, ab einer bestimmten Anzahl von Kündigungen. Aber sonst?

Man kann aus wirtschaftlichen Gründen kündigen und hat dann halt eine Sozialauswahl durchzuführen. Kann ich als neuerdings Arbeitgeber gar nicht schlimm finden. Die findet ja nur unter vergleichbaren Positionen statt.

Einfacher noch ist es, Standorte zu schließen. Deshalb ist das ja gerade so trendy, Redaktionen z.B. von Köln nach Hamburg zu verlagern oder ganze Sender von Berlin nach München. Da macht ja auch keiner einen Hehl draus, daß das zur Motivation erheblich beitragen kann, daß personalabbau so leichter fällt, selbst wenn dann nur 32 von 222 mitgehen oder so.

Dann jedoch hat bedacht zu weden, daß, wenn in anderen Unternehmensteilen an anderen Standorten eine vergleichbare Stelle frei ist, diese auch angeboten werden muß, und dann kann der Arbeitnehmer überlegen, ob er die annehmen will oder auch nicht. Wird das vergessen oder nicht gemacht, erfolgt die Kündigung rechtswidrig. Beweislast trägt hier sogar der Arbeitnehmer, und wenn man aus Mailverteilern fliegt, muß man sich halt anderweitig informieren.

Kündigungsschutzklagen haben rechtlich formal eh nur die Funktion, auf Wiedereinstellung zu klagen. Abfindungen in solchen Fällen werden dann fällig, wenn – oft vom Gericht deutlichst angeraten – ein Vergleich erfolgt, man sich also auf eine zu zahlende Summe einigt. Was freilich auch nur dann Aussicht auf Erfolg hat, wenn es eben frei, analoge Stellen gegeben hat – im Falle einer Standortauflösung. Geht’s dem Unternhemen schlecht, daß es eh keine Jobs zu bieten hat, braucht es sich da auch keine Sorgen zu machen.

Also so what? Das ist doch eigentlich alles ganz plausibel. Was ist den daran jetzt so fürchterlich unflexibel? Die Rechtssprechung wird über Ober-Gerichte, flapsig formuliert, insbeondere hinsichtlich der Zumutbarkeitsregeln für den Arbeitgeber offenkundig ständig angepaßt, diese wird inensiv diskutiert, und wieso muß man anstatt so eines Reglements, über das jeder Arbeitgeber ja informiert zu sein hat, dann zwanghaft die totale Rechtlosigkeit der Arbeitnehmer einfordern?

Treffende Halbzeit-Kommentare im St. Pauli-Forum:

Stani sitzt noch auf der Bank!Geht er gar nicht in die Kabine?

An seiner stelle würd ich nich in die kabine gehn…

…an seiner Stelle würde ich mich in die nächste Kneipe begeben und mich besaufen..

Endlich ist´s geschafft! 42 Gegentore, wir haben endlich die schlechteste Abwehr!