Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Februar 2009

Stimmt das?

„Avantgarden sind Begleiterscheinungen des wachsenden Zins- und Wettbewerbsdrucks. Der neue gesellschaftliche Reichtum und demografische Umwälzungen treffen im 19. jahrhundert auf Ideen, die noch mitgeschleift werden aus vorindustrieller Zeit: Erlösungsvorstellungen auf Seiten der Avantgarden und Autoritätstreue beim Publikum.“

dv in einer Rezession Rezension von Stefan Thomas Raabs „Avantgarde“-Routine, Monopol 3/2009, S. 99

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Recht hat er! Wenn „rot“ Subjekt wird, dann ist das Kunst!

Lüpertz: Fotografie wird viel mehr Unterhaltung, viel mehr Kabarett, viel mehr Zirkus. Es geht in Richtung dieser – und das sage ich mit allem Respekt – Halbseidenheit von Fotografie. Sie wird ein großes Unterhaltungspotenzial erfüllen müssen, aber das sind alles Dinge, die die Fotografie von der Kunst wegtransportieren. Im Gegensatz zur Malerei hat die Fotografie keine Oberfläche, sie hat nur Inhalte. Sie hat Stimmungen, sie hat Spannungen, sie hat Verblüffungen. Das sind durchaus ehrenwerte Kriterien. Die Fotografie füllt inzwischen gigantische Formate. Aber das ist das, was sie letztendlich ruinieren wird: Sie hat verheerende technische Möglichkeiten.

Sind Sie in ihrer vehementen Haltung im Alter wertkonservativ geworden?

Lüpertz: Das höchste, was es für mich gibt, ist das Bildermalen. Es ist sehr viel einfacher, mit irgendwelchen Hilfsmitteln etwas zu erzeugen, als mit dieser furchtbaren Einsamkeit von Pinsel und weißer Leinwand und der Konkurrenz von Bildern aus 2000 Jahren Bilder zu malen, die heute überhaupt noch einer wahrnimmt.

Ja, ist so. Wenn ich all diese Blümchenfotgrafierer im Park sehe und die ganzen i-phone-Knipser, bedeutungsschwanger den Park nur noch’s durch’s Objektiv erkundend, dann ist ja fast wie eine Demokratisierung der Kriterien, was Kunst sei, und sowas gehört in die Politik, nicht an die Kunsthochschule und schon gar nicht in’s Fernsehen. Das hat auch nix mit „werkonservativ“ zu tun, sondern mit der Erfahrung, die man macht und die man hat. Man macht eben die Erfahrung des Knipsens, wenn man knipst, und die eines Gegenstandes, wenn man malt. Das ist ein Unterschied. Malen ist wie Sex, Knipsen wie Onanie. Sonst wären als die Abu Ghraib-Bilder so gar nicht möglich gewesen – ist ja offenkundig, daß da eben NICHT ein Gegenstand erfahren, sondern allenfalls angeguckt wurde, sonst wäre die abgebildete Praxis gar nicht möglich gewesen. Das ist ja eines von Warhols großen Themen, das isses, was er zeigt und erfährt. Ein Gegenstand wird dann nicht objektivistisch unterworfen, wenn er etwas von mir will, während ich ihn erkunde. Und wenn ich das nicht wahrnehme, sondern allenfalls Hilfeschreie abbilde, dann mache ich auch keine Kunst, sondern Wissenschaft so, wie Zettel glaubt, daß sie funktionieren würde.

Deshalb ist der Ausdruck „Gegenstand“ hier auch völlig verfehlt, den ist man halt so gewöhnt als Philosoph, aber auch Propositionen begehren, liebe Sprachanalytiker.

Drum frage ich mich immer: Was will die Stadt von mir, wenn sie mich wissen läßt, daß hier schräg gegenüber mal ’ne Straße war, die auf einen Pestfriedhof zuführte, wo jetzt nur noch ein Schulgelände genau diese Erinnerung versiegelt? Wenn ich irgendwann die Antwort finde, dann mache ich auch endlich mal Kunst …

Der Echo 2009: Das waren die 90er!

Na, mal abgesehen von Peter Fox. Auf den lasse ich ja nix kommen. Aber ob’s Pochers strecken- und erstaunlicherweise  komisches Dauerpöbeln war, weil der ja 90er-Ikone Harald Schmidt chronisch mißadaptiert, oder der plötzliche Anfall von Political Correctness bei Bushido, der sich für Frauenrechte einsetzen will und dann doch „Na, wo bleiben denn die Emanzen?“ ausrief (und der’s schaffte, daß in Zeiten von Eva Herrmann und Frau von der Leyen mir das wie ein Aufruf zur Homophobie erschien, was natürlich Quatsch ist, aber was aussagt, erst recht, als die eigentlich ja ganz geile Sau v0n Prollrapper ritterlich an’s Mikrophon stürmte, um dieses arme Mädchen mit der Brille vor johlendem Publikum zu schützen, das sich verstieg, mit Lionel Ritchie den Soul gröhlen zu wollen und dabei souverän-väterlich deklassiert wurde): Dieses „höher, schneller, weiter“ bei gleichzeitiger Reanimation dessen, was als „Big Name“ gilt, das hat ja ’95 noch funktioniert. Sah ja alles aus wie ’ne aufgeblasene BRAVO Supershow, ohne auch nur im entferntesten an die Coolness der MTV-Awards heranzureichen. Mein – sehr netter! – Steuerberater ist da schließlich auch hingefahren. Allein schon diese ausgestellte Nominierten-Lounge auf weißen Sofas, die aus guten Gründen sonst Backstage verbleibt: Das wirkte wie die feuchten Träume jener, die es einst ertrebenswert fanden, in den V.I.P.-Bereich des Trinity vorzudringen oder im p1 Promis zu gaffen. Bekenne auch, daß ich mich gestern sogar bestens unterhalten fühlte bei dieser seltsamen Nabelschau und Musealisierung untergegangener Pop-Reiche, aber Atlantis hat jetzt ja auch irgendwer bei „Google Sea“ oder wie das heißt entdeckt.

Komisch, daß das gar keinem aufgefallen ist, daß es kein Zufall war, daß Lindenberg Mitte der 90er seinen Echo für das Lebenswerk erhielt und nun noch mal als „Bester Act National“ gekürt wurde. Daß es genau die Rezepte jener Zeit sind, die gestern für ’ne recht schwache Quote sorgten. Auch damals, so in der ersten Hälfte der 90er, waren Depeche Mode noch mal ganz groß, wurden die Die Toten Hosen endgültig Stadionrocker und Inbegriff der teutonischen Gröhl-Seele, Ballermann halt,  und wurden U2 zu Unrecht noch mal so richtig bejubelt; der Sound, den man denen bei der Präsentation ihrer ausgesprochen langweiligen neuen Single gestern zumutete, war eine Frechheit selbst einem wie Bono gegenüber. Depeche Mode waren da schon pointierter, wie sie fast selbstironisch und herrlich knapp die Zeiten zitierten, als sie in Berlin Neubauten-Samples zu Welthits verwursteten, und daß Lindenberg da so unterhaltsam über die Bühne schlenderte, war eben auch nur ein Symptom dafür, daß der sowas wie der Peter Alexander der 40-50jährigen und darüber hinaus geworden ist. Zum Glück hat der lange schon keine Filme mehr gedreht, der eine, an den ich mich erinner, hatte ja auch die unfreiwillige Komik vom „Weißen Rössl“ und „Graf Bobby“. Wo ja nie die intendierten Pointen lustig waren, sondern immer nur, daß die Macher wirklich glaubten, diese könnten lustig sein. Daß Jan Delay mit dem Lindenberg gesungen hat, werde ich ihm ja auch nie verzeihen. Die Scherben waren halt immer das, was im Deutschrock wirklich wichtig war, nicht Lindenberg, was ausgerechnet Westbam immer schon am besten begriffen hat.

Soweit zur Relevanz. Unterhaltungssauce, make it big und amüsant – aber was außer Razorlight hatte eigentlich gestern etwas zeitgemäßes? Die Scorpions mag ich ja sogar, nicht musikalisch, aber sonst, na ja, denen gönne ich schon alles; „Ich + Ich“ arbeiten mit den gleichen Rezepten wie der Schlager einst, okay, das kann man noch zeitgemäß finden; Paul Potts stieß gesanglich doch allzu deutlich an seine Grenzen, und diese Schlager-Maus brachte das alles eigentlich unfreiwillig auf den Punkt, was „Leitkultur“ in Deutschland wirklich bedeuten könnte: Schlechte Melodien auf Synthie-Mischmasch-Sound, und im Hintergrund tanzt wie eh und je das Fernsehballett.

Das war eigentlich die Sendung zur Finanzkrise, fett aufgeblasen, gebannt schauen alle zu und halten die Maschinereie am Laufen, dabei haben nur Handys überlebt, und öffentlich-rechtlich suvbventioniert werden vermutlich Veranstalter und TV-Produzenten ein fettes Minus eingefahren haben, wenn noch am Freitag morgen auf  „Oldie ’95“ für den Kartenverkauf geworben wurde und Sponsoren-Einbindung öffentlich-rechtlich ja auch nur bedingt möglich ist.

Aber dann war da ja noch der deutsche „Grand Prix“-Beitrag: Was für eine grandiose Frechheit, das fand ich ja fast schon wieder gut, diese Unverschämtheit, Cab Calloway schlecht und treudeutsch zu recyclen, indem man ihn einmal durch den Catarina Valente & Silvio-Francesco-Wolf drehte, den „Mambo Nr. 5“ im Hinterkopf,  und das ganze mit, na, was wohl, 90er-Sound-Saucen zu garnieren und was Mittelmäßiges dann ganz, ganz groß aufblasen: Wie die ganze Veranstaltung halt. Wenigstens den Sänger würde ich schon buchen, wenn er denn Edelstricher wäre und ich sowas täte, ist aber beides ja nicht der Fall, deshalb sei wenigsten die neue Frisur und die Brille von Laudator Joko Winterscheidt belobigend erwähnt. Sah gut aus. Aber der ist ja im Gegensatz zum Rest der Veranstaltung eh Zukunft und hat so jeden Applaus verdient …

Erfahren

„Es gibt unterschiedliche Strategien, um mit der Eigenmächtigkeit des Materials, der Widerborstigkeit der Figuren oder dem Eigenleben der Sprache umzugehen. Manche Autoren legen Wörterlisten an, andere üben sich als Virtuosen im Zeichnen und Verwerfen von Bauplänen; da verwandelt sich ein Text fortlaufend als ein unabschliessbares work in progress, hier überlässt sich jemand ganz dem sprachlich induzierten Gedanken- und Bilderstrom (und wirft dennoch ein achtsames inneres Auge auf den Fortgang einer Erzählung). Die Offenheit des Kunstwerks hat viele Gesichter; auch wenn nichts dem Zufall überlassen scheint, hat eine dem Material innewohnende Macht die Hand im Spiel. Gleichwohl: Wenn sich der Leser lediglich als ausführendes Organ einer Leseanweisung empfindet, muss er sich geprellt vorkommen. Denn erst dort, wo die Kontrolle nachlässt und das Material der Absicht des Autors ein Schnippchen schlägt, verselbständigen sich der Stoff und die Sprache.“

 

Wohl wahr. Nieder mit dem Kalkül, der Strategie, dem accessoirehaften Durchklenieren von Szene-Zugehörigkeiten. Wenn in Rocko Schamonis „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ die Stadt nur als Kulisse der Idee, „die Überflüssigen“ in Sprache zu überführen, dient, dann fühle ich mich ein klein wenig verarscht. Dann witter ich Kalkül nur statt Erfahrung. Auch, wenn irgendwo am Anfang des Buches ’nen Schafsschädel im Bett des Helden liegt: Wie reinredigiert vom Lektor wirkt es, damit Leser bei der Stange bleiben. Ganz anders – ja, ein extrem unfairer Vergleich – in Uwe Timms „Die Entdeckung der Currywurst“ , wo die Figuren vorantreiben durch’s Hamburg ganz kurz vor Kriegsende, wo das Leben in den Trümmern gar nicht primär als Leben in den Trümmern geschildert wird, sondern als organsisatorische Meisterleistung und die Suche nach Lust und Genuß unter dem Banner der Angst und doch der Möglichkeit kleiner Freiheiten inmitten des abflauenden Grauens des Krieges. Die Liaison zwischen einem Anfangzwanziger und einer Anfangvierzigerin wird nur vor diesem Hintergrund möglich, und das, obgleich und doch auch weil die soziale Kontrolle in Gestalt eines humpelnden Blockwarts kurz vor dessen Abdankung dank Einnahme der Stadt durch die Briten gemeingefährlich durch Wohnungen schnüffelt und Deserteure sucht. Da folgt man den Ereignissen und weiß doch nicht, was kommt. Da läßt man sich auf die Figuren ein, anstatt als Stellvertreter sie zu sehen, eine Gefahr, die gerade in linken Diskursen so übermächtig wirkt.

Ich lese anders, seitdem ich mich nicht mehr fortwährend mit Ausbeuter-Chefs und angstgepeinigten Budget-Verantwortlichen herumschlagen muss. Kann mich besser einlassen. Vorher noch war’s die Krimi-Lektüre, die wie ein Ritual des Lesens durch gleiche Formen dann Entspannung versprach, gerade, weil man sich da nicht einlassen braucht, wenn man nicht will. Weil das Wissenwollen um die „Wer-war-der-Täter“-Antwort einen bis zum Schluss bei der Stange hielt. Als sei das Formatiertwerden im Arbeitsverhältnis der Quell der Suche nach der Formatierung von Erfahrung in der Unterhaltungskunst (ja, DDR-Wort, passt hier aber, um das Pop-Emblem zu meiden). Als sei Horkdornos These von der Verdoppelung des Alltags in der Kulturindustrie wirklich wahr.

Nun lechze ich nach genau dem Gegenteil, nach dem Hinter (nicht Hintern) des Klischees. Will trinken.

Wobei, wenn man den grandiosen Theaterdonner auf dem neuen Morrissey- und dem neuen Mando Diao-Album hört, dieses lustvolle Tönen eklektizitischer Klischees, hinter denen auch nur das Wollen von Erfahrung sich verbirgt, dann  umspiegelt das Formatierung ja auch virtuos. Da kann man sich auch hinein begeben und dabei noch über sich selber lachen. Dann ist auch Inszenierung gut, weil sie sich gut anfühlt und Lebenslust erzeugt.

Bei den Büchern jedoch, die ich eher suche denn finde, da ist viel mehr Erfahrung möglich als in der kleinen Form des Songs; und wie, das bringt Herr Bucheli (kicher) in der NZZ auf den Punkt.

War’s Baudrilliard, der die Texte über das Dem-Anderen-Folgen geschrieben hat? Ist einem qualitativen Begriff von Erfahrung zumindest näher, als den Anderen zu verorten …

Kunst kommt nicht von Können

Parallel „Ein Amerikaner in Paris schauen und Rocko Schamonis „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ lesen. Bei Büchern wie „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ komme ich ja immer zu spät. Ist wohl schon 2007 erschienen.  Spielt da, wo ich lebe, erzählt, wie ich mal gelebt habe, aber das ist lange schon her.  Bin ja widerlicher Karrierist geworden und hänge Freitags bei Notaren rum, um die GmbH-Anteile mit der KG zu kaufen. Eklig. Dabei kenne ich noch’s so gut, verkatert und ziellos über das Schulterblatt zu schlurfen, nachmittags um halb 4, und wieder die Chance verpaßt zu haben, den aktuellen Schwarm angequatscht zu haben. Ist aber wirklich SEHR lange her …

Wie ja auch „Ein Amerikaner in Paris“, das ist ja noch länger her. Da waren Männer noch Männer, selbst wenn sie steppten, und bedrängten das Frollein einfach so lange, bis es hingerissen lachte. Während ältere Damen im Pelzmantel nicht begehren durften. In den „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ hingegen ist der Antiheld ein Spanner. Eben einfach das Gegenteil des charmanten Baggerers, der Widerstände niederwitzelt.  Zunächst mal. Bin ja noch nicht so weit.

Überall ist Lehrbuch, ist, „wie man ein Thema macht“. Gestern in der Thalia-Buchhandlung war das so, und danach beim Bundesvision-Song-Contest auch. Popkurs-Teilnehmer und Creative-Writing-Buch-Adepten. Alle Lektoren machen das gleiche. Da schielen alle auf den Erfolg, und die, die über die „Nutzlosen“ schreiben, tuen das ja auch, indem sie das Grundaxiom „Niemals eine passive Hauptfigur!“ einfach umkehren. Dann überarbeiten, die Szene auf die Spitze treiben, kann man bei Irving lernen: Wenn ein Aquarium im Arzt-Wartezimmer steht, dann trinke es und laß es nicht einfach rumstehen. Und rede dann mit dem Fisch in Deinem Bauch, das spielt an auf den Babel-Fisch. Erwähne den „Titanic“-Typen bei „Wetten daß!?“, der Leser freut sich, daß er sich auch erinnert. Ansonsten sind die Sätze so geschreiben, wie sie geschrieben sein sollen: Kurz, im Präsens, Zitierfähiges eingestreut – „die edelste Nation ist die Resignation“, harharhar. Passt dann gleich Zitatesammlungen von Hollow Skai in der Popabteilung der Tahila-Buchhandlung, wo eifrig kanonisiert wird. In der Philosophenecke stehen auch Zitatesammlungen und „Best of!“-Sammlungen, jemand anderes dachte sich „Folge ich doch mal den 3 Regeln, einen verdammt guten Roman zu schrieben: Konflikt, Konflikt, Konflikt“ und gibt „Die großen Philosophenstreite“ heraus. Oder so ähnlich.

Steht gleich neben den 3 Regalbrettern von Herrn Schmid zur „Lebenskunst“, daß das aus dem Spätwerk von Fouacult nun wurde, wäre Grund für Brandanschläge. Na ja, nicht wirklich, nur fast – für eine emotional-intellektuelle Kernsnschmelze im Rezipientenhirn halt. Lebenweisheit – Kanon – Best of, eigentlich zieht sich das durch alle Regalbretter da in der Thalia-Buchhandlung, und das Schlimme ist ja, daß es darum auch in den „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ geht, nur gegativ, wobei zum Glück bisher keine Songs auftauchen. Soweit es nicht den Wildwuchs von Krimi, Thriller, Fantasy betrifft, wo auch alle Klappentexte sich gleich lesen – hätte es wirklich so viele dubiose Geheimbünde gegeben, wäre die Realhistorie bestimmt lustiger gewesen.Und vor lauter Serienkillern gäbe es die Menschheit gar nicht mehr.

Und alles ist gut gemacht. Grauenhaft. Auch der bayrische Mundart-Pop, der viel zu wenig Punkte erhielt, auch diese langsame Piano-Passage bei diesen seltsamen Ruhrpott-Rockern, die Schröders Motto „Helfen kannste Dir nur selber“  stumpf martialisch als Kern von so vielem, was in Deutschland als „authentisch“ gilt, in Hardrock für Doofe umformartierten.

Dem Sänger von Fotos würde ich ja gerne fehlen, auch wenn ich das laut Frau Modeste gar nicht fühlen darf; aber wahrscheinlich würde ich dann auch nur zum neu-formtierten Zitat, die bringen’s ja sogar, noch beim Filmchen für Stefan Raab zu kommentieren, was es mit Band-Fotos mit Tieren auf sich hat, während sie sich mit Tieren drehen lassen, wie bewußt, aber wie soll man da noch fühlen? Kann einem da wirklich jemand fehlen, wenn man das eigene Gefühl für ein Zitat hält? Wenn man in Clips Damon Albarn zu Blur-Zeiten kopiert? Und jedes Riff vor Wissen strotzt?

Wenigstens waren Polarkreis 18 niedlich euphorisch, und dieser Herr für Rheinland-Pfalz, der auch einst mit Fettes Brot musizierte, das war sogar richtig gut – aber eben auch gut gemacht, ach, so betont intelligent, aber wenigstens gbt’s wieder dieses abgenähten schwarzen Jeans, die so sexy Männerbeine machen, und trotz alledem war es dann doch wie „Ein Amerikaner in Paris“, Face to face, Rücken an Rücken. Da hüpfen nämlich auch gerade Frauen in langen, roten Kleidern in Brunnen herum, im Hollywood-Studio-Paris, richtig gut choreographiert, Gene Kelly steppt sich durch den Nebel, und die Form-Analogie zum Bundesvision-Contest ist unübersehbar in Sachen „Choreographie“.

Daß der herr Fox das alles auch mit Affenmasken nicht brechen kann, das weiß er, und da kann er nix für. Wenigstens ist der kein Zitat, hat mich bei Seeed schon immer gewundert, daß so ein Typ in diesen theatralischen Kostümen den „Amerikaner in Paris“ nachtanzt. Der sieht einfach so dermaßen nach gar nichts aus mit seinem schiefen Mund und seinem roten Vollbart, ist herzergreifend unsympathisch in Interviews und legt da eine Performance hin, hat eine Präsenz, die alle anderen in den Schatten stellt – cool. Extrem guter Text, der war mehr als nur gut gemacht, der fand Bilder, als wäre er der wahre Erbe von Klaus Hoffmann. Das schreibt tatsächlich Lieder wie „Der Boxer“ fort, weiß gar nicht, ob diese Hip-Hop-Reggae-Sozialisierten heimlich Hannes Wader, Konstantin Wecker und Franz-Josef Degenhardt hören, selbst zur Hundescheiße in Berlin gibt es ja ein Lied von dem Hoffmann,  aber diese Zeile von dem, der inmitten toter Tauben schläft, auch der Titel schon, das weist ’nen Weg und bricht auf die Form und wird wieder Inhalt und Gefühl.

Schade nur, daß so ein Lied über Hamburg gar nicht möglich ist. Weil Hamburg auch auf dem Nachhauseweg eigentlich nie häßlich ist …. uns durch diesen Bibo-Song da zu diskreditieren, das ging trotzdem zu weit.

Ruinen gibt’s, …

… die gibt’s gar nicht. Bei facebook existieren tatsächlich  zwei Gruppen mit den Namen:

Michel Foucault has Ruined My Sense of Reality &
Michel Foucault Has Ruined My Sex Life.

Hängt das zusammen?

Identitätsfragen

… dann doch lieber „Moulin Rouge“ statt des Länderspiels gucken!

Rochieren, Barren, Bunzen: Markenunrecht!

„Schiesser, Märklin, Rosenthal – der Ausverkauf der Inneneinrichtung der bundesrepublikanischen Identität schreitet voran. Die Krise frisst die Kindheitserinnerungen, die zu nicht geringen Teilen an die liebevoll drapierten Fetische der Warenwelt geknüpft waren. Das Bedürfnis nach Sicherheit, das sich politisch Geltung und Anerkennung in einer soliden Bündnispolitik auf dem langen Weg nach Westen verschaffte, fand seinen emotionalen Ausdruck nicht zuletzt in einem anhänglichen Markengebrauch.


Wenn nicht die Vokabeln der Konsumkritik noch so gut sitzen würden, könnte man sogar versucht sein, von Geborgenheit zu sprechen. Bauknecht weiß, was Frauen wünschen, und war ferner darauf aus, auch den Gefühlshaushalt sauber zu halten. Selbst wer von Braun zu Philips wechselte, konnte sicher sein, ohne Produktentfremdung zum verflossenen Gerät zurückzukehren.“


Terror!

Am schlimmsten damals, als mir wiederfuhr (widerfuhr?), mit der unsäglichen Frau Roche und dem nicht besseren Herrn von Stuckrad-Barre in einem Raum sitzen zu müssen, um entzückten Gesichtern zuzusehen angesichts der Feststellung von einem der beiden, dass ja gerade alle Schoko-Riegel ihr Design geändert hätten. Witzig! Originell! Ja! Ein Thema! Ein Ansatz! Ein Weg!

Schon wenn ich nur darüber schreibe, fährt es in mich, dieses von Hass getränkte Gefühl, jetzt aber so richtig extra ganz lange Sätze voller Schachteln schreiben zu wollen. Hauptsachen in Nebensätze zu packen. Weg mit den Verben, her mit den Adjektiven! Und vor allem kein einziges Accessoires, das retrospektive Zeitgeist-Assoziationen wecken könnte, zu erwähnen. Mit Fremdworten um mich ballern will ich nur und hasse alles Populäre!

Ist ja eigentlich so ein Neunziger-Trend, akut werdend um die Jahrtausendwende nach längerer Inkubationszeit, Marken und Acessoires aufzuzählen, das für Pop zu halten und Meetings abzuhalten, in denen allesamt Listen erstellten mit dergleichen. GRAUENHAFT! Habe Wochen, Monate, Jahre meins Lebens in Konferenzräumen gesessen und nicht anderes getan, als in beseelt-verdinglichte Gesichter von Menschen zu schauen, die so Leute wie Frau Roche und Herrn Stuckrad-Barre einladen, um …. na, das hatten wir ja oben schon.

Und die Saat geht auf. Neulich schon der „Boulevard der Marken“ zum Verfassungsfest, und nun Herr Nutt in der von mir abonnierten Zeitung. Spreewald-Gurke und Club-Cola. Aaaaaaargh!

Schämen Sie sich, Herr Nutt. Sonst lese ich Sie doch auch gerne. Wie kommt man nur auf solche Sätze: „Das Bedürfnis nach Sicherheit, das sich politisch Geltung und Anerkennung in einer soliden Bündnispolitik auf dem langen Weg nach Westen verschaffte, fand seinen emotionalen Ausdruck nicht zuletzt in einem anhänglichen Markengebrauch.“

Pfui! Für meinen Vater war vor allem der Phantomschmerz anstelle des amputierten Beines identitätsstiftend und für mich somit gleich mit, für meine Mutter das Hausen im Verschlag auf dem Finanzamtsboden und die anhaltende Aversion gegen Zuckerrübensirup und Magarine aus eben jener Zeit, und da war’s ihr ziemlich schnurz, ob das nun Rama oder Lätta war. Da können Sie auch noch sehr ihre eingestaubte Lektüre Kritischer Theoretiker  kokett-begrifflich einstreuen, als seien diese längst obsolet geworden, Sie belegen doch nur deren Gültigkeit. Wie kann man dem Klassenfeind nur so auf den Leim gehen, Identitätsfragen mit jenen des Markengebrauchs zu verknüpfen?

Klar: All die sexy Brustmuskulaturen und geilen Rücken damals in den späten 80ern, frühen 90ern beim Tunten-Schwoof, das war schon sexy, aber ich weiß noch wie heute, daß mir nicht wichtig war, ob diese Hemden drüber nun Schiesser- oder sonstwas für’n Feinripp waren, sondern das, was so appetitlich drin verpackt war und wie es lockte, WEIL es verpackt war. Für Mac-Fans mag sich die Welt zwar anders darstellen, aber die sind mir ja spätestens seit dem De:Bug-Jahrespoll endgültig unsympatisch geworden – überalle „i“ und „mac“ auf Platz 1, die totale Marken-Uniformität, wer heute noch ein i-phone nutzt, plädiert morgen schon  für Rauchverbote und Arbeitsdienste oder so! Was für eine Gleichschaltung!  Was für eine jämmerliche Szene-Uniformität, erinnere mich noch stolz an Zeiten, als es total uncool war, ÜBERHAUPT Markenware zu kaufen und jeder sich SCHÄMEN mußte, der „gebrandet“ durch die Gegend spazierte. Und jetzt geben im Netz Ex-Autonome mit ihren Designer-Anzügen an, und sogar mein Kompagnon trägt Lacoste. Aber der kommt auch aus Düsseldorf.

Zudem man nicht vergessen sollte, daß dieses verfickte Hakenkreuz als Markenzeichen eines der wohl marketingtechnisch brilliantesten war – einfach nicht totzukriegen. Erkennt man sogar, wenn es gar nicht zu sehen ist, sondern nur das rote Feld mit weißem Rund, mußte ich mal im Stadion bei Chemnitz-Fans betrachten.

Und dieses markige Plädieren, dieses „Ich bin der Melitta-Mann inmitten der Inneneinrichtug der bundesrepublikanischen Identität“-Geschreibe von Herrn Nutt lenkt genau davon ab und glaubt auch noch den „Keine Experimente!“-Slogans von einst, legitimiert rückwürgend den „D-Mark-Nationalismus“ und sieht auch im Schiesser-Unterhemd nicht sexy aus. Was ja nix macht. Aber von „Identitätsfragen“, soweit es Deutschland betrifft, sollte man so barrend und rochierend doch lieber den Füller lassen … auch wenn man auf ’nem Macbook schreibt.