Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Gedanken und Gefühle zum gestrigen Obama-Day

Ein Fest für die Demokratie. Großartig. Verstehe voll und ganz, daß solche emotional aufgeladenen Massenaufmärsche auch Angst verursachen können; ein Gefühl jedoch, das bei den Montagsdemos in der DDR doch auch niemand hatte.

Habe schon oft in all den Blogs, in denen ich schrub, auf die eigene, popkulturell angloamerikanische Sozialisation verwiesen, daß eine Joan Baez, ein Hunter S. Thompson, „Saturday Night Fever“ und „Fame“ und „Hair“, ein Elvis Presley, Maze und die Commodores, die Talking Heads, Barbra Streisand und James Brown und Janis Joplin mir näher sind, mich tiefer prägten als ein Goethe, wenn auch nicht nachhaltiger als ein Kant oder Sartre oder Foucault.

Das war der Grund, warum ich an den transatlantischen Blog-Karneval-Paraden nie hatte teilnehmen können: Zu umfassend der Einfluß, zu nah das Sujet.

Freilich immer der Einfluß eines bestimmten Ausschnittes, Hollywood, Disco und wohl jenem, der in den USA mit „Liberals“ überschrieben ist, was ja meilenweit entfernt ist von dem, was hier so als „liberal“ auftritt und dann Kritik an Reaktionären wie  Reagan reaktionär und scheinliberal als reaktionär und scheinliberal abtut.

Jene „Liberals“ in der Philosophie waren auch in meinem Studium wichtige Namen, die Auseinandersetzung rund um Rawls war prägend für Habermas beispielsweise – und so war es schlicht schön für mich gestern, so viele popularisierte Versatzstücke jener Denkkategorien, die mich einst beeinflussten, aus der Rede von Obama herauszuhören.

Muss diese freilich erst mal lesen, was also er jetzt eigentlich genau gesagt hat; aber jenseits der Gemeinschaftshuberei, die eher Kommunitaristen pflegten, meinte ich sehr viel Vertrautes zu hören – nachdem unter George W. Bush so vieles in’s Ensetzliche sich drehte in jener Nation, die uns einst befreite.

Folter, religiöser Fundamentalismus, Abbau der Bürgerrechte, Überwachungsstaat – all das, was man immer auch mit angloamerikanischen Argumenten kritisierte, erstand auf und machte diese aus all ihren popkulturellen Produkten so vertraute Nation so fremd und fern. Ich fand das schlimm, und gestern hat zumindest mir Obama den Glauben zurückerstattet.

Mir Fernseh-Heulsuse, die ich bin – und gerne bin – traten natürlich auch die Tränen in die Augen.

Einmal, als die so wundervolle Michelle Obama den kleinen, verwachsenen Bush noch mal knuddelte, bevor er in den Hubschrauber stieg – hat mich berührt, diese Geste.

Und dann natürlich, als die göttliche Aretha Franklin sang – da stiegen so viele Bilder auf, so viele Erlebnisse, das ist eine Generation von Künstlern, die die Luft erst erschaffen haben, die ich atme, die so viel näher mir sind als jeder Marsch, jeder Walzer und jede Polka. Was wurden wir euphorisch, damals, im Camelot am Hamburger Berg, wenn „Freedom“ gespielt wurde im Homo-Club!

Habe die Szene in „Blues Brothers“  – Respect! – immer als gewichtigeren (harhar) Feminismus erlebt als Alice Schwarzer, was sachlich mit Sicherheit falsch ist, von der Wirkung der Bilder her jedoch richtig. Der ganze Sound der Motown-Generation, das Duett mit George Michael, das und was draus wurd, das ist ja der Soundtrack meines Lebens – man, Danke, daß ihr uns den geschenkt habt.

Und jenseits aller politischen Prognosen hatte ich gestern das Gefühl, daß die symbolische Saat genau dieser Generation aufgegangen ist. Und das finde ich gut, komme was da wolle, denn ich bin auch ihr Produkt, und ich bin es gerne – ohne jemals in einer Gospel-Kirche gewesen zu sein …

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9 Antworten zu “Gedanken und Gefühle zum gestrigen Obama-Day

  1. lars Januar 21, 2009 um 2:18 pm

    Ich habe zwar nur ganz wenig von der Inauguration gesehen. Aber es ist tatsächlich das erste und einzige Mal, dass ich das Gefühl habe, es sei „mein“ Präsident – das hatte ich bislang bei noch keinem Deutschen Politikerl. Habe sogar gestern bei meinem Vater angerufen, er solle mir zum neuen Präsidenten gratulieren. Bislang war diese doppelte Staatsbürgerschaft immer eine Spielkarte, die ich identitätsbezogen zücken konnte. Gestern war es zum ersten Mal ein bißchen mehr.

  2. momorulez Januar 21, 2009 um 2:36 pm

    Ja, da ist was dran, an diesem „das ist auch „mein“ Präsident“. Fasst zusammen, was ich oben meinte. Bei Willy Brandt hatte ich das – eher retrospektiv, weil ich damals noch zu jung war, und trotz Radikalenerlaß, weil er das selbst als größten Fehler seines politischen Lebens ansah – schon auch, aber seitdem nie wieder.

    Mal ganz ab davon, welche Erwartungen jetzt enttäuscht werden usw. , was ja alles passieren wird – dieser gestrige Tag ist trotzdem unumkehrbar, irrevidierbar, symbolisch zu gewichtig, als dass man das tilgen könnte.

  3. Lina Januar 21, 2009 um 4:10 pm

    Fasst zusammen, was ich oben meinte.

    Ja, aber die Originalfassung oben – Deine overwhelming very personal Hymmne auf Amerika, ‚my own country‘ – möche ich keinesfalls missen; sie ist Dir sehr gut gelungen (-: !

    Übrigens: ich sass seelenruhig, also emotionslos und auf initiale ‚Zündung‘ wartend davor … es wäre mir gar nicht in den Sinn gekommen, ’same old stories‘, Bilder und Bezüge also, wie Du sie aufsteigen lässt, mit der Inauguration eines US-Präsidenten zu verbinden … auch wenn mir diese Ablösung eines Vorgängers Hoffnung macht.

  4. momorulez Januar 21, 2009 um 5:51 pm

    Ich habe ja Obama eigentlich sehr schnell als so eine Art popkulturelles Phänomen, das ich historisch und gesellschaftlich gewichtig finde, wahrgenommen – dann kommen die Bilder vielleicht auch leichter, als wenn man ihn rein politisch rezipiert.

    Und wenn ich Aretha Franklin sehe, dann brechen bei mir ganz automatisch alle Dämme 😉 …

  5. MartinM Januar 21, 2009 um 5:58 pm

    Ich neige dazu, jeder politischen „Show“ zu misstrauen. Allerdings kann ich nicht verhehlen, dass es mir gefallen hat. Vielleicht wegen der (pop-)kulturellen Referenzen? Oder weil dieses „zivilreligiöse“ Ereignis so zivilisiert wirkt?
    („Zivilisisiert“, „civilised“, ist etwas anderes, als was hierzulande „kultiviert“ genannt wird. George W. Bush war IMO weder das eine noch das andere. Vielleicht deshalb die Erleichterung? „Erwacht aus einem Alptraum?“) Es ist zivilisiert, wenn eine Autorin vom Format Elizabeth Alexander ein Gedicht zur Amteinführung schreibt und vorträgt. Auch der Auftritt Aretha Franklin wirkte zivilisiert. Die Rede Obamas wirkte – so wenig man den schönen Worte eines Politikers auch trauen sollte – zivilisiert in ihren Zielen und Ansprüchen. Auch die kleine Geste Michelle Obamas gegenüber Bush wirkt zivilisiert.

  6. momorulez Januar 21, 2009 um 6:04 pm

    Ich glaube ja, daß ohne „Show“ Politik in Zeiten der Massenmedien gar nicht funktioniert, weil sie dann weder mobilisiert noch packt, und daß deshalb die Mullahs so eine Angst vor der Popkultur haben. Und die Show gestern war schon ’ne gute, da haste recht!

    Heute mittag mit ’nem Kollegen drüber gequatscht, und wir saßen da tatsächlich beide kurz mit Tränen im Augenwinkel. Hat schon Bedeutung, der Obama.

  7. Pingback: Loveparade — #fcsp

  8. Pingback: Aretha Franklin, Blues Brothers, Eddie Murphy, “The first black President of the United States”, President Blowfly to Barrack Obama — ☠ #fcsp

  9. ring2 Januar 22, 2009 um 3:46 pm

    Seit Dan und John dürfen ja auch Weißbrote mit lauter Schwarzen auf dem Boulevard tanzen. Sie müssen nur bescheuert genug aussehen – 😉
    http://de.youtube.com/watch?v=S7lwcjNaH_A

    p.s. danke für diesen Artikel, spricht mir aus der Seele.

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