Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Januar 2009

Na, immerhin ein Auswärtspunkt!

Habe mir ja selbst Liveticker und Fernguck-Verbot verhängt – Unglücksquote einfach zu hoch. Soeben die letzte Viertelstunde des Spiels in der Küche gehockt und gefleht: Bitte nicht sagen, wie’s steht, bitte nicht sagen, wie’s steht – den Sender, der das späte 0:1 in Frankfurt mir vor der Winterpause verkündet hatte, habe ich abergläubisch weggedreht. Bibbernd soeben dann nach Abpfiff bei kicker.de geguckt, und dann steht da sowas – scheint ein paar richtig spannende Minuten gegeben zu haben ;-):

19:25

68. min

2:2

VfL Osnabrück – FC St. Pauli
2:2 F. Bruns (68., Elfmeter, Hennings)
19:25

68. min

0:0

Rot-Weiß Oberhausen – TuS Koblenz
Spielerwechsel: Djokaj für Krontiris (TuS Koblenz)
19:24

66. min

2:1

VfL Osnabrück – FC St. Pauli
2:1 Peitz (66., Kopfball, de Wit)
19:22

65. min

1:1

VfL Osnabrück – FC St. Pauli
1:1 Hennings (65., Rechtsschuss)

Die Einheit der Vernunft in der Vielfalt ihrer Stimmen?

„Die Einheit dieser Vernunft ist nicht in die eine Perspektive des Vernünftigen zu bringen, weil die Rationalitätformen, in die sie sich teilt, nicht in einer diskursiven Prozedur versöhnbar sind. Der Wunsch nach einer solchen Aussöhnung übersieht, dass die theoretische Wahrheit über den Zusatnd der Welt, die praktische Wahrheit über die Angemessenheit des individuellen und kollektiven Handelns und die ästhetische Wahrheit über die Eminenz weltbildender Erfahrungen sich mit Notwendigkeit auf Voraussetzungen stützen, die nur jeweils anhand der alternatuiven Wahrheitsfragen geklärt werden können. Wie der Humor in seinen Verfahren, können auch das vernünftige Überlegen und Handeln keine der Positionen, auf die sie sich gleichwohl stützen müssen, unantastbar für sich bestehen lassen.“

Martin Seel, Über einige Beziehungen der Vernunft zum Humor. Eine Lektüre der „Korrektur“ von Thomas bernhard, in ders.: Die Macht des Erscheinens, Frankfurt/M. 2007, S. 204

Eine kurze Geschichte der Postmoderne

Was ich an dem Blogger Zettel schätze, ist, daß er sich stets Mühe gibt, gründlich zu argumentieren und sich auch umfassender Stoffe annimmt. Was ich nicht verstehe, ist, daß trotz alledem so wenig Mühe sich gibt, Positionen, die nicht seine eigenen sind, zu verstehen. Auch die Unschärfe in Begrifflichkeiten macht mich fuchsig.So macht es Sinn, „Kultur“ mit „Wissen“  analog zu verwenden; es verliert nur sofort jede Aussagekraft, wenn es dann auf einmal Wissensspezifik gibt (eben „kUlturspezifisches“) behauptet, und das auch noch in zeiten der Vermittlung des Wissens durch das Internet. Zudem es „kultur“ verkürzt, oder ist „Bollywood“ dadurch gekennzeichnet, daß man weiß, was in einem Film geschieht?

In einer mehrteiligen Serie hat er sich verschiedenen zugangsweisen zu Realität gewidmet, und ich war schon häufiger nah dran, da mal reinzugrätschen, weil, was so klar sich gibt, durchgängig dadurch glänzt, die Grundlagen der je eigenen Position nicht zu hinterfragen, sondern unbefragt vorauszusetzen.

Besonders irritiert das dann, wenn sich ein Autor als Verfechter der Moderne behauptet – nun kann man sich alleine schon ein Leben lang streiten, was denn nun unter Moderne zu verstehen sei, eine historische Epoche, eine Art des Denkens, der Anbeginn eines Autonomwerdens des Ästhetischen (z.B. bei Baudelaire), und um das präziser zu bestimmen, empfiehlt es sich zum Beispiel, von der ästhetischen Moderne zu sprechen.

Die startet  in den meisten Ordnungssystemen mit einem Autonomwerden des Materials  – Farbe in der Malerei ist nicht dazu da, etwas abzubilden, sondern fungiert als „Harmonie parallel zur Natur“ (Cézanne), entwickelt eigene Gesetzmäßigkeiten, denen sie folgt – und thematsiert die eigene Materialität, z.B. den Prozess des Malens.

Deshalb sehen die meisten der mir bekannten Autoren den Impressionismus noch nicht als modern an, da er sich noch der Darstellung von Licht widmet – so kam’s ja zu der, sinngemäß, Aussage Cézannes über Monet, daß dieser nur ein Auge sei, aber was für ein Auge!

Ganz analoge Tendenzen gibt es in den anderen, zentralen „Geltungsphären“ der Moderne, jetzt mal Habermas‘ Theorie der Geltungsansprüche simplifizierend, indem ich den begriff  „Geltung“ klaue:  Moral und Erkentnistheorie, wobei ich Wissenschaft in letzter nicht faktisch, aber theoretisch fußend begreife.

Was sich kompliziert liest, weil das kompliziert ist, nicht, weil ich komplizieren will: Der normale Forscher im Labor muß sich mit Erkenntnistheorie nicht beschäftigt haben, um zu sinnvollen und reproduzierbaren Aussagen zu kommen. Das alleine ist ja eine Differenz, die Zettels Referaten gar nicht auftaucht: Die Rekonstruktion dessen, was z.B. im Experiment erforscht wird, auf der Theorie-Ebene – Erkenntnistheorie -, und das Experiment selbst. Dabei ist die Relation kontitutiv für alles explizit moderne Denken. Man macht nicht einfach, man denkt darüber nach, was man macht.

Hinzu die Relation dieses einzelnen Experiments und dessen Deutung im Kontext der Geschichte einer einzelnen Disziplin, z.B. der Physik. Es ist unmöglich, ohne ein solches, konstitutives Vorverständnis das Ergebnis eines einzelnen Experiments zu deuten.

Das sind jedoch die Fragestellungen, die „die Moderne“ im Ganzen auszeichnet: Sie ist durch eine Mischung aus Pragmatismus – experimentieren wir mal tabufrei drauflos, ich lasse mir das Leichen sezieren nicht verbieten!  -, früher eher ungebrochen vereint mit Fortschrittsglaube-, Geschichtsbewußtsein und eine Reflexion auf die je eigenen Grundlagen beschäftigt.

Sie kann nicht mehr ungetrübt scholastisch behaupten „x ist unbedingt wahr“, nein, sie thematisiert den Weg, der  zu dieser Aussage führt – wie komme ich auf sie? Welche Methoden und Prozesse sind das? -, was immer auch den Fallibilismus bereits in sich trägt, also das Wissen daraum, daß eine Aussage auch widerlegt werden könnte: Ha, waren doch bakterien, die Magengeschwüre verursachen! .Zum Beispiel, wenn neue Verfahren und Methoden auf den Plan treten.

Es gibt mir nicht Bibel noch Gott ein, was wahr ist, nein, ich habe in Diskussion mit anderen Wissenschaftlern eine Weg zu finden, zu behaupten „x ist wahr“, und der Weg dahin ist profan und säkular und eben immer auch einer, der eine Geschichte hat – Galileo, Newton, Einstein.

Das ist analog zum Autonomwerden des Materials in der Kunst: Nun koppeln sich die Verfahren z.B. von ihrer metaphysischen Einbindung in ein z.B. christliches Weltbild ab, ganz, wie die Kunst sich von Christentum und Moral abgekoppelt hat. Doch auch letztere wird historisch, durch Verfahren bestimmt (Rechtsstaat,kategorischer Imperativ, das Abschließen von Verträgen, Diskursethik), und auch sie ist  ist der metaphysischen Begründung enthoben und zudem ihrerseits geschichtlich – war noch in den 50ern eine strikt christliche Sexualmoral üblich, so gilt das heute den meisten bei allen Rollbacks als nicht mehr up to date.

Modernisierungstheorien fassen diese Entwicklung häufig unter Stichworten wie „Rationalisierung“ zusammen – die Vernunft tritt an die Stelle des Glaubens, und das ist nun mal die eigentliche Pointe aller Aufklärung und somit auch der Moderne, die auf sie folgte: Die Freiheit, vernünftig zu sein und Vernunft zu gebrauchen, statt in Gottes- und Obrigkeits und Autoritätsfurcht zu erstarren.

In diesem Rationalisierungsprozess treten die „Geltungssphären“ Ästhetik, Moral und Erkenntnis auseinander und liegen seitdem miteinander im Clinch, weil sie sich wechselseitig nicht mehr zu stützen vermögen: Große Kunst muß nicht moralisch sein, was wahr ist, ist unabhängig von dem, was schön ist. Das sind dann auch die 3 Kritiken Kants, und deshalb hat dessen Werk die Moderne so vortrefflich eröffnet, die in Hume und Descartes bereits angelegt war.  Durch Hegel trat die Historisierung hinzu, und ob der ansonsten Moderne oder Gegenmoderne war, darüber kann man lange streiten.

Nun traten von Anbeginn an Gegenbewegungen auf den Plan – die Romantik war so eine, der Nationalismus, der Antisemtismus sind Beispiele für die (historische) Gegenmoderne. Denn das kennzeichnete sie immer auch: Der Universalismus – auch z.B. der von ihr vertreten, formalen Moral, in der die Menschenrechte gründen. So wurden auch Fallibilismus und das aus-Sich-Schöpfen der normativen und kognitiven Grundlagen, eine Begründung aus der Vernunft mittels ihrer Prozessualität und der Möglichkeit ihres Selbstbezugs, selbst als universal gültg angesehen. Eine paradoxe Struktur, denn wendete man den Fallilismus auf sich selbst an, dann wäre er falsifizierbar und könnte somit ja gar nicht wahr sein.

Einher ging mit dieser Entwicklung des Denkens ein ziemlich gewaltiger Überlegenheitsdünkel den vermeindlich nicht so rationalen Sitten und Gebräuchen anderswo einher, indem man die Errungenschaften der Rationalisierung selbst als „Kultur“ oder „Zivilisation“ bestimmte . Das lief als Schatten immer mit: Die Moderne als historische Epoche ist auch das Zeitalter des verschärften Kolonialismus (auch wenn dieser schon früher losging), des aggressiven Imperialismus, sie hat beide Weltkriege, hat Hiroshma und, historisch mit nichts vergleichbar,  die Shoah hervorgebracht. Die eben nicht Irrationalimus entsprang sondern eine hochrationales Verfahren, so schrecklich das ist.

Darauf ist in etwa reagiert die „postmoderne Situation“. Angesichts der Totalitarismen „Drittes Reich“ und Stalinismus fragte man sich: Wie zum Teufel konnte es dazu kommen, inmitten der aufgeklärten, rationalen Zivilistaion? Was war noch Marx wissenschafts- und fortschrittsgläubig – und, was kam dabei raus? Die auf der Wissenschaft fußende, industriell organsierte Massenvernichtung.

Und was postmoderne und poststrukturalistische Denker taten und dachten, das war eine Reflexion auf die Moderne selbst und insofern nichts anderes als deren Fortsetzung und Radikalisierung mit anderen Mitteln, insbesondere der Sprachphilosophie. War doch die Moderne schon im wesentlichen bestimmt durch eine radikale Reflexion auf die Grundlagen dessen, was wir wissen können, was wir tuen sollen und wir wir das behandeln, was es sonst noch gibt (Ästhetik), so wurde nun in unterschiedlichen Perspektiven diese Reflexion noch einmal reflektiert.

Und das, so die These, weil „die Moderne“ selbstvergessen eben genau dies bleiben gelassen hatte und stattdessen – wie z.B. Sartre – „die Geschichte“ wieder zum göttlichen Richter aufgeblasen hatte, so eine bestimmte, vulgärmarxistische Sicht der Dinge. So feierte der dann ja kurz mal Stalin und reiste um die Welt, um Dikatatoren die Hände zu schütteln. Weil sich die Moderne nur mit den Ergebnissen von Wissenschaft beschäftigt hat, wo dann so dolle Sachen wie Rassenlehren bei rauskamen – dabei jedoch völlig ignorierte, wie die Instituionen funkionieren und organsiert sind, in denen insbesondere Wissen über Menschen erzeugt wird (so kann man das frühe und das mittlere Werk Foucaults verstehen, dazwischen kam „Doie Ordnung der Dinge“, was nicht anderes war als ein Versuch, Transzendentlphilosophie ohne Subjekt zu betreiben und so eine Diagnostik der Denksysteme der Moderne hervorzubringen).Wie entstehen so Fragestellungen wie die von der Ungleichheit der Rassen, ja, wie ein Rassebgriff, wie konstituiert sich Homosxualität und die Hysterie der Frau als Gegenstand und Untersuchungsfeld in der Ordnung der Diskurse?

Die Denker reflektierten auf die impliziten Pfeiler des modernen Wissens – Patriachat und Sexismus, Homophobie, kultureller Überlegenheitsdünkel, Schriftvergessenheit, das Subjekt und den Menschen in seinen materialen oder auch utopischen (DDR) Definitionen, Eurozentrismus, die „großen Erzählungen“. Um so Raum für das Besondere zu schaffen, anstatt es dem Allgemeinen zu unterwerfen – aus der hier skizzierten perspektive waren Horkheimer und Adorno postmoderne Denker.

Zumeist wandten sie sich den Medien zu, in denen Erkenntnis, Moral und auch Ästhetik sich formulieren, Sprache, Bibliotheken, Massenmedien – und schütteten dabei allzu das Kind mit dem Bade aus. Indem sie gleich die Errungenschaft der Moderne, das Freisetzen des Rationalen in seinem Facettenreichtum, angriffen: Horkdorno durch ein Gleichsetzen der instrumentellen Vernunft mit Vernunft überhaupt, und Derrida z.B. durch die Attacken auf den „Logozentrismus“, ein Begriff, den mit Ludwig Klages auch ein Vordenker des Faschismus (der dummerweise auch Walter Benjamin inspirierte) verwandte. Und das, obgleich sie selbst doch jene Rationalität für sich in Anspruch nahmen, die sie kritisierten – ganz wie Kant, nur daß dieser das im Gegensatz zu denen auch wußte.

Zwei weitere Fallgruben taten sich auf,die bis heute nicht wieder zugeschüttet wurden: Ein Hang zur Ästhetisierung der Welt, da kommen dann hinten Poschardt und solche bei raus. Und eine teils frappierende Ignoranz ökonomischer Fragen, die, weil ursprünglich fast alle als Marx-Kriktiker sie auftraten – Horkdorno natürlich nicht, aber z.B. Foucault – denkgeschichtlich verständlich, wirkungsgeschichtlich aber fatal ist. Wobei man  auch das Foucault noch am wenigsten ankreiden kann, hat er doch die Disziplinierungsprozesse, die die Industrialsierung erst ermöglichten, vortrefflich analysiert.

Und was macht Zettel daraus?

„Das Konzept ist so diffus wie dieses postmoderne Denken selbst. Wie auch immer – jedenfalls richtet es sich gegen die „Moderne“ (die freilich überwiegend diejenige des 19. Jahrhunderts ist!) mit ihrem Rationalismus, ihrer Überzeugtheit von der Existenz unumstößlicher Wahrheiten, ihrem Gestus der Aufklärung, ihrem Glauben an stetigen Fortschritt.

Mit anderen Worten: Der Postmodernismus ist eine Gegenbewegung gegen die Kultur des aufgeklärten, rational und insbesondere wissenschaftlich denkenden weißen Mannes.

In unserem jetzigen Kontext ist an diesem postmodernen Denken interessant, daß es zum Relativismus tendiert; und speziell zu einem kulturellen Relativismus.“

Ganz offenkundig kennt er das gar nicht, was er kritisiert. Und hinsichtlich dessen, was er unter Moderne versteht, auch diese nur in groben Umrissen.

Das ist typisch für eine bestimmte Rhetorik weißer Männer, diese Verschlagwortung und konsequente Ignoranz eines Begründungszusammenhanges, die dann bei gleichzeitiger Unkenntnis wechselseitiger Bezüge – Lyotard hat sich nicht umsonst so mit der „Kritik der Urteilskraft“ Kants herumgeschlagen, aus den gleichen Motiven übrigens wie Hannah Arendt –  ein „Freund“ und „Feind-Schema“ reproduziert, ob man das nun so nennt oder nicht. Hier die vermeindlich Rationalen, da die Unverständlichen. Hier die Kultur der Wissenschaft des weißen Mannes, da – na, die hysterischen Frauen, die Irren und die Wilden, die erspart Zettel uns freundlicherweise, obgleich es genau diese Grenzziehungen sind, die seinen Lebensunterhakt sicherte (oder sichert).

Das ist eines jener Kondensate, die als Gegenaufklärung und Gegenmoderne diese von Anfang an begleitet haben: Das Austreiben der Reflexion auf die eigenen Grundlagen, und stattdessen in der Pose des Kämpfers gegen Relativismus das Schlachtross des heiligen Kriegers aufsatteln und fundamentalistisch selektiv irgendetwas Materiales behaupten, was dann für alle gelten solle. Macht der Papst auch so. Hat Habermas damals auch so gemacht. Nur daß dieser das Prozessuale, Dialogische der Wissenschaften immer auch thematisierte und nicht eine Ontologie der Ergebnisse vertrat.

Kant war kein Relativist, und die Postmoderne steht – in Relation recht winzig – in seinen Fußstapfen. Eine Kritik des Eurozentrismus, des Sexismus und des Rassismus ist auch kein Relatvismus, sondern Grundlagen sind nur aus dem Reflexionsverhältnis selbst – zum Beispiel auf die eigene, europäische Perspektive – zu gewinnen. Das ist ja gerade die „Zumutung“ der Moderne: Es gibt keine Gewißheiten, also sind wir frei! Es gibt keine gottgebenen Standesunterschiede, also habe ich als Arbeiter auch Rechte einzufordern! Die einzige Gewißheit ist, daß ich Hunger habe, also gebt mir zu fressen! Die einzige Gewißheit ist, daß ich vernünftig bin und sprechen kann, aber selbst die Sinne können trügen. „Ihrer Überzeugtheit von der Existenz unumstößlicher Wahrheiten“ – nein, genau das gilt ja NICHT, braucht man doch nur Popper lesen. Auch „rational“ praktiziert Zettel zwar reflexiv, die eigene Praxis jedoch reflektiert er nicht, sondern er tut so, als wäre es einzig das Anerkennen bestimmter wissenschaftlicher Erkenntnisse, was als „rational“ zu gelten habe.

„Man triff sie zunehmend beispielsweise bei Studenten an: Realität sei eben ein Konstrukt. Jede Kultur, jede Zeit habe ihre eigene Wahrheit und damit ihre eigene Wirklichkeit. Vor allem „alternatives“ Denken aller Art wird damit gerechtfertigt; es stünde auf derselben Stufen wie „etablierte Wissenschaft“. Eben nichts als ein anderes Konstrukt.“

Auch bei Kant ist Realität schon insfern ein „Konstrukt“, daß die Erscheinungen eben durch die Erkenntnisleitung selbst konstituiert werden, und genau das ist – siehe oben – sogar eine der zentralen Pointen der Moderne in all ihren Facetten, und will man sie ihr austreiben, betreibt man Gegenaufklärung.

Es ist zudem ein verkürzter Vernunftbegriff, Rationalität wie auch Wahrheit exklusiv den empirischen Wissenschaften vorzubehalten; die reden einfach oft über etwas ganz anderes, weil die Erfahrung, eine Frau zu sein, eben nicht identisch mit den falsifizierbaren und allenfalls provisorisch gültigen Ergebnissen der Hirnforschung. Und Lobotomie haben, by the way, nicht die Postmodernen erfunden, auch Zyklon B nicht.

Daß hinter allem immer auch Verteilungskämpfe stehen, das gibt Zettel ja wenigstens zu:

„In den USA möchten sich afro-, latino- und nativ- amerikanische Kulturen mit gleichen Rechten neben der Kultur der toten weißen Männer etablieren.“

Frechheit. Und natürlich haben die allesamt totalitäre Bestrebungen und sind total intolerant. Ganz im Gegensatz zu Zettel, der ihnen ja sofort seinen Lehrstuhl geräumt hätte. Eine Diagnose übrigens, die ganz ähnlich von Seiten der Postmodernen den toten, weißen Männern wiederfuhr.Und es ist nun mal leider historisch so, daß weiße Männer herrschten, nicht schwarze Frauen.

Da bringt der Zettel nur mal wieder alles durcheinander, moralische mit politischen mit wirtschaftlichen mit historischen mit soziologischen mit Fragen der Wahrheitsgewinnung im wissenschaftlichen Prozess und meint wohl, letzterer sei irgendwie privilegiert. Den er zudem ja seltsamerweise frei jeglichen Interesses behauptet, wie die Merkelschen Forderungen nach Förderung der Biotechnologie und jene, allseits erhoben, nach der „Verwertbarkeit“ universitären Wisens vortrefflich belegen.Gänzlich interessenfrei.

Aber Interessen dürfen wohl vor allem Frauen, Latinos und Afroamerikaner nicht haben … so lange das jenen der weißen Männer dient, die sich Barbarenhorden gegenüber sehen.

Der blödeste Hype von allen ist ja, ständig …

… „don’t believe the hype“ zu krakeelen.

Public Enemey durften das, aber ansonsten gilt in Fragen der Popkultur das bildungsbürgerliche Distinktionsgehabe, als erster eben „don’t believe the hype!“ zu sagen: Sieg! Wie in diesen Quizshows, wo antworten darf, wer zuerst auf irgendeine Hupe haut. Ruck-Zuck-Rhetorik. Wohl eine Art Sediment der Duell-Kultur von einst – 12 Uhr mittags. Bestes Rezept, aus jeder Diskussion als strahlender Gewinner hervorzugehen.

Das ist demokratiefeindlich, verweigert die Diskussion um Inhalte und negiert die Möglichkeit von Qualität jenseits der reinen Selbstgefälligkeit der Besserwisser, die sich dadurch auszeichnen, auf eine eigene Meinung zu verzichten, weil sie nix zu sagen haben.  So bezogen bleiben sie auf das, was sie nicht glauben wollen.

Bestes Beispiel: Charlotte Roche. Original-Zitat: „Was viele gucken, ist doch eh nicht gut!“ Und dann schreibt sie die Feuchtgebiete. Touché!

Na ja, …

… der Witz im St. Pauli-Forum, dass Schalke ja nur Hallenfussball gewöhnt sei, der war dann trotzdem gut 😉 …

Hatte mich so gefreut auf heute abend 😦 … werde schon wieder ganz unausglichen in dieser langen Winterpause.

Gedanken und Gefühle zum gestrigen Obama-Day

Ein Fest für die Demokratie. Großartig. Verstehe voll und ganz, daß solche emotional aufgeladenen Massenaufmärsche auch Angst verursachen können; ein Gefühl jedoch, das bei den Montagsdemos in der DDR doch auch niemand hatte.

Habe schon oft in all den Blogs, in denen ich schrub, auf die eigene, popkulturell angloamerikanische Sozialisation verwiesen, daß eine Joan Baez, ein Hunter S. Thompson, „Saturday Night Fever“ und „Fame“ und „Hair“, ein Elvis Presley, Maze und die Commodores, die Talking Heads, Barbra Streisand und James Brown und Janis Joplin mir näher sind, mich tiefer prägten als ein Goethe, wenn auch nicht nachhaltiger als ein Kant oder Sartre oder Foucault.

Das war der Grund, warum ich an den transatlantischen Blog-Karneval-Paraden nie hatte teilnehmen können: Zu umfassend der Einfluß, zu nah das Sujet.

Freilich immer der Einfluß eines bestimmten Ausschnittes, Hollywood, Disco und wohl jenem, der in den USA mit „Liberals“ überschrieben ist, was ja meilenweit entfernt ist von dem, was hier so als „liberal“ auftritt und dann Kritik an Reaktionären wie  Reagan reaktionär und scheinliberal als reaktionär und scheinliberal abtut.

Jene „Liberals“ in der Philosophie waren auch in meinem Studium wichtige Namen, die Auseinandersetzung rund um Rawls war prägend für Habermas beispielsweise – und so war es schlicht schön für mich gestern, so viele popularisierte Versatzstücke jener Denkkategorien, die mich einst beeinflussten, aus der Rede von Obama herauszuhören.

Muss diese freilich erst mal lesen, was also er jetzt eigentlich genau gesagt hat; aber jenseits der Gemeinschaftshuberei, die eher Kommunitaristen pflegten, meinte ich sehr viel Vertrautes zu hören – nachdem unter George W. Bush so vieles in’s Ensetzliche sich drehte in jener Nation, die uns einst befreite.

Folter, religiöser Fundamentalismus, Abbau der Bürgerrechte, Überwachungsstaat – all das, was man immer auch mit angloamerikanischen Argumenten kritisierte, erstand auf und machte diese aus all ihren popkulturellen Produkten so vertraute Nation so fremd und fern. Ich fand das schlimm, und gestern hat zumindest mir Obama den Glauben zurückerstattet.

Mir Fernseh-Heulsuse, die ich bin – und gerne bin – traten natürlich auch die Tränen in die Augen.

Einmal, als die so wundervolle Michelle Obama den kleinen, verwachsenen Bush noch mal knuddelte, bevor er in den Hubschrauber stieg – hat mich berührt, diese Geste.

Und dann natürlich, als die göttliche Aretha Franklin sang – da stiegen so viele Bilder auf, so viele Erlebnisse, das ist eine Generation von Künstlern, die die Luft erst erschaffen haben, die ich atme, die so viel näher mir sind als jeder Marsch, jeder Walzer und jede Polka. Was wurden wir euphorisch, damals, im Camelot am Hamburger Berg, wenn „Freedom“ gespielt wurde im Homo-Club!

Habe die Szene in „Blues Brothers“  – Respect! – immer als gewichtigeren (harhar) Feminismus erlebt als Alice Schwarzer, was sachlich mit Sicherheit falsch ist, von der Wirkung der Bilder her jedoch richtig. Der ganze Sound der Motown-Generation, das Duett mit George Michael, das und was draus wurd, das ist ja der Soundtrack meines Lebens – man, Danke, daß ihr uns den geschenkt habt.

Und jenseits aller politischen Prognosen hatte ich gestern das Gefühl, daß die symbolische Saat genau dieser Generation aufgegangen ist. Und das finde ich gut, komme was da wolle, denn ich bin auch ihr Produkt, und ich bin es gerne – ohne jemals in einer Gospel-Kirche gewesen zu sein …

Wir ’79er

Die Diagnose von Ring2 …

… zur Hessenwahl ist die tatsächlich treffendste: Hessen leidet am Stockholm-Syndrom.

Die wahrhaft deutsche Volksfront hat in Hessen einmal mehr gesiegt – eine Frage der Moral?

Also die traditional hierzulande wirksame Volksfront zwischen den Völkischen (Unterschriftensammlung gegen doppelte Staatsbürgerschaft und Anti-Ypsilanti-Al-Wazir-Wahlkampf z.B.) und den Wirtschaftslobbyisten.

Ist ja eigentlich auch weder überraschend, noch wirklich schlimm, weil sich mit der SPD nun auch nie irgendwas ändern wird, und kann man jammern, wenn TINA gilt? Kein Wunder, daß die Walhbeteiligung noch weiter weg gesackt ist, wenn doch immer die gleichen siegen, und wenn’s mal andere sind, diese die Politik der Immergleichen nur noch drastischer betreiben.

Die SPD  ist ja tatsächlich endgültig unwählbar geworden. Eigentlich ja schon seit Schröder, aber seitdem sie nun auch noch zu blöd war, ein wenigstens rudimentär linkes Bündnis auf die Beine zu stellen da in Hessen, braucht man sie ja tatsächlich nicht mehr.

Kann es trotzdem nicht ertragen, nun ausgerechnet Westerwelle grienen zu sehen, also jemanden, der mit Leuten wie Koch und Rüttgers zu koalieren bereit ist, von „Charakter“ sprechen zu hören. Da könnte ja glatt auch Frau Goetsch sich dergleichen zusprechen.  Charakter im positv wertenden Sinne, meine ich. Ansonsten haben die ja schon alle einen. Wie Weine. Und wenigstens ist der Guido seiner Schuhsohle ein Stück näher gekommen.

Und wo in Hessen neulich so ganz plötzlich wieder so viel von „Gewissen“ die Rede war – meines wurde immerhin einst amtlich geprüft – , und bezugnehmend auf eine Diskussion weiter unten, seinen hier mal kurz die „Stufen der Moralentwicklung“ nach Lawrence Kohlberg zitiert und zur Diskussion gestellt, mehr als Flucht in den Elfenbeiturm bleibt ja nicht angesichts der Realpolitik:

„Autoritätsmoral:

Stufe 1 – Gehorsam-Strafe-Orientierung

Stufe 2 – Naiv egoistische Orientierung


Gruppenmoral:

Stufe 3 – „Prima Kerl“-Orientierung

Stufe 4 – Ordnungs- und Pflichtbewußtseinsorientierung


Grundsatzmoral:

Stufe 5 – Legalistische Vertragsorientierung

Stufe 6 – Gewissens- und Prinzipienorientierung“

Der Übergang von 5 zu 6 ist übrigens der von vertragstheoretischen Erwägungen zu Kant, der auch eine moralische Motivation, die in seinem Fall einen vernünftige ist, herzuleiten versuchte, während die reine Vertragsmoral darauf verzichten kann. Für Ayn Rand-Fans und solche, die Pflichten gegenüber sich selbst postulieren, sei erwähnt, daß die Höherstufigkeit hier aufwärts zählend behauptet wird.

Fand das früher mal alles gut und richtig und weiß nun auch nicht mehr, was ich von diesem Modell halten soll. Bezogen auf die Debatte weiter unten, die ja dann doch einer noch genaueren Erläuterung bedarf, sei die Reaktion auf dieses Modell von Carol Gilligan, Mitarbeiterin Kohlbergs, auch zitiert – sie sieht neben der Kohlbergschen Sicht – „Gerechtigkeitsperspektive“ – noch eine „weibliche“ als alltägliche wirken, eine, die ich mit zunehmendem Alter immer plausibler finde:

Die Gerechtigkeitsperspektive

Die Gerechtigkeitsperspektive stellt das Selbst des Individuums in den Vordergrund. „In einer Gerechtigkeitsperspektive hebt sich das Selbst, als moralische Instanz, als Gestalt gegen einen Hintergrund sozialer Beziehungen ab“ (Gilligan, 1991, S.84)

Beurteilt werden die eigenen Ansprüche und die des/der Anderen nach einem allgemein gültigen Standard der Gleichwertigkeit und der gleichwertigen Beachtung von Rechten und Regeln. Im Mittelpunkt des moralischen Konflikts steht die Frage „Was ist gerecht?“. Wahrung von Rechten und Erfüllung von Pflichten sind die inhaltlichen Ansprüche einer Gerechtigkeitsethik. Die Gerechtigkeitsorientierung rekurriert in erster Linie auf Chancengleichheit und gerechter Verteilung von vorhandenen Ressourcen. Bedürfnisse von Ego und Alter werden unter dem Anspruch von Objektivität gegeneinander abgewogen. „Gerechtigkeitsmoral ist rigide an der exakten Einhaltung situationsunabhängig vorweg abstrakt und allgemein festgelegter Rechte und Pflichten orientiert“ (Nunner-Winkler, I, S.13). Die Fähigkeit, leidenschaftslos zu urteilen als Kennzeichen dieser Objektivität betrachtet. „Innerhalb einer Gerechtigkeitsperspektive [wird] Unparteilichkeit als das Kennzeichen reifen moralischen Denkens betrachtet“ (Gilligan, 1991, S.97).

Die Fürsorgeperspektive

Im Vordergrund der zweiten moralischen Orientierung steht die Beziehung und das Gefühl für Verantwortung im Vordergrund. „In einer Fürsorgeperspektive wird zur Gestalt die Beziehung, die das Selbst und die Anderen definiert.“ (Gilligan, 1991, S.84) Im Zusammenhang der Verantwortlichkeit anderen gegenüber sind Wahrnehmung und Reaktion auf die Bedürfnisse anderer Mittelpunkt des moralischen Dilemmas. Die Frage „Wie soll ich reagieren?“ stellt die Problematik von dem Zusammenhang einer veränderten Perspektive und der dadurch bedingten Veränderung der gesamten Situation am deutlichsten dar. „Aus einer Fürsorgeperspektive […] ist Unparteilichkeit gerade das moralische Problem“ (Gilligan, 1991, S.97). Die Position des Betroffenen einnehmen und die Situation von mehr als einem Standpunkt aus zu betrachten ist kennzeichnend für die den Aspekt der Fürsorge. „Inhaltlich hegt es bei der Fürsorglichkeitsmoral um Verantwortlichkeit und Fürsorge für andere, d.h. darum, Leid für andere zu vermeiden, zu verhindern, zu lindern (Nunner-Winkler, I, S.13). Das Abwägen von Für und Wieder unter Berücksichtigung der persönlichen Beziehung machen Unparteilichkeit geradezu unmöglich. Fürsorglich orientierte Menschen reagieren kontextsensitiv und flexibel. Die Konfliktlösungen richten sich meist nach den konkreten Umständen und den zu erwartenden Folgen. „Die moralische Schwäche der Frauen, manifest in einer scheinbaren Diffusion und Konfusion des Urteils, ist somit untrennbar von der moralischen Stärke der Frauen, der vorrangigen Bedachtnahme auf Beziehungen und Verantwortungen“ (Gilligan, 1993, S.27).

Die Auseinandersetzung mit Kohlberg findet sich im Verlinkten gut dargestellt – Danke, Petra Höfels!

Prinzip statt Mensch, so könnte man die Alternative auch formulieren, und betrachtet man Prinzipienreiter von Lenin bis Friedman, dann fragt man sich ja schon, ob eine Dosis weiblicher Moral nicht viel Unheil verhindert hätte.

So, und das beziehe man jetzt auf das Wahlergebnis in Hessen 😉 …

Der „Boulevard der Marken“

Artikel 1
(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.
(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.

Artikel 2
(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.

Artikel 3
(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.
(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Artikel 4
(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.
(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.
(3) Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.

Artikel 5
(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.
(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.
(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

Als überzeugter Verfassungspatriot finde ich ja schon großartig, was vor 60 Jahren niedergeschrieben wurde und noch immer gilt. Auch wenn ich den Einschub mit dem „Sittengesetz“ da in Artikel 2 für ein problematisches, hegelianisches Einsprengsel halte, ist der kantische Satz direkt davor eine bis heute einfach unübertroffene Errungenschaft der Geistesgeschichte. Die „Abschaffung“ des Asylrechtsparagraphen halte ich genau deshalb bis heute für einen Skandal.

Zu feiern gibt es nichtsdestrotz genug – wenn man über die Rechtsrealität auch vortrefflich streiten kann, so ist deren Grundlage schon enorm.

Liest man an jetzt jedoch Vorstellungen, Planungen und Fantasien zum Festakt, fragt man sich doch, ob das denn wahr ist:

„Auf dem Prachtboulevard Unter den Linden flanieren 300 deutsche Autos „vom Schnauferl bis zum Neuwagen“. Vorbei am „Boulevard der Marken“, wo deutsche Firmen von Nivea bis Rotkäppchen ihre 2,70 Meter hohen Logos präsentieren, kommt der Besucher zum Brandenburger Tor. Auf einer Bühne rechts neben dem historischen Gebäude kann er live den drei wichtigsten deutschen Politikern lauschen: Bundespräsident Horst Köhler, Bundestagspräsident Norbert Lammert und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Zur Stärkung gibt es „deutsche Traditionsgerichte“.“

Nicht wegen der Troika Merkel-Köhler-Lammert, die sind ja auch gewählt, wenn auch nicht von mir.

Sondern weil es schon seltsam anmutet, daß aus dem Schutz der Menschenwurde, der Anerkennung der Menschenrechte, der freien Entfaltung der Rersönlichkeit, der Glaubens- und Meinungsfreiheit nunmehr ein Marsch, ausschließlich an den Wirtschaftsinstutionen vorbei paradierend wie einst an Erich Honecker,  geworden zu sein scheint: Die Niveawürde, die freie Entfaltung von Mercedes und die Meinungsfreiheit der Deutschen Bank, oder was soll das heißen? Auferstanden aus den Ruinen Thüringer Würstchen als Lammertsches Leitkultur-Fanal gegen Döner und Sushi? Rotkäppchensekt als Waffe gegen Tequila? Das liest ja so, als habe irgendwer das Kulturindustrie-Kapitel in der Dialektik der Aufklärung programmatisch gelesen …  glatte Dystopie das.

Ich trinke ja auch oft und gerne mein Astra, auch zu Thüringer Würstchen,  und plädiere für die Rechte der Deutschen Bank, habe auch nix gegen Lüttje Lagen, und trotz des eindeutigen Sexismus der Belabelung jener Getränke soll die Troika da an der Staatsspitze auch gerne treudeutsche Produkte wie Busengrapscher und Schlüpferstürmer süppeln, fall sie das wollen sollte, aber was ist denn das für eine Verhohnepiepelung der nun wirklich mal hehren Worte der Gründerväter dieser Republik, da eine Produktpalette aufzustellen und vorfahren zu lassen? Stimmt das etwa? Ist das wirklich so geplant?  Habe eben ein wenig die Fassung verloren, als ich’s las … bin wahrscheinlich einer Satire auf den Leim gegangen.