Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Dezember 2008

Das ist ja alles noch viel doller!

„Der Papst hatte sich am Montag vor der Kurie mit der Gender-Theorie auseinandergesetzt, nach der die Zuordnung von weiblichen und männlichen Rollen weitgehend gesellschaftlich bestimmt und nicht von der Natur vorgegeben ist. Dahinter stehe ein Versuch des Menschen, sich von der Schöpfung zu emanzipieren, sagte Benedikt XVI. Die Gender-Theorie stelle die „Natur des menschlichen Wesens als Mann und Frau“ infrage.“

Na, hat ihm das ein allseits bekannter Netz-Doktor diktiert oder doch vielleicht ein allseits bekannter und berüchtigter Wirtschaftsinstitutsmitarbeiter? Der Ratzinger ist echt gemeingefährlich. Als wäre nicht, wenn überhaupt, die Institution des Papstums selbst ein historisch verhängnisvoller Versuch, sich „von der Schöpfung zu emanzipieren“.  Oder ist er sowas wie eine Ameisenkönigin?

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Die Meldung kam ja fast auf Zuruf …

… bezogen auf den vorherigen Eintrag:

„Papst Benedikt XVI hat die Ausbreitung von Homosexualität mit der Abholzung des Regenwaldes verglichen. Um der Homo-Gefahr entgegenzutreten, sei eine „Ökologie des Menschen“ erforderlich.

„Die Kirche soll die Menschen auch vor der Selbstzerstörung schützen“, erklärte der gebürtige Bayer bei seinem traditionellen Jahresrückblick am Montag.“

 

Die wertende Naturalisierung des Sozialen ist halt doch ein ziemlich deutliches Merkmal für faschistoides Denken. So schützt Frau Bätzing vor dem Alkohol und der Papst vor mir. Habe mir ja schon immer gedacht, daß es sich auf der Führungsebene der katholischen Kirche eher um sowas ähnliches wie eine schwarzmagische Sekte handelt.

Das hat Jesus nicht verdient, daß solche Leute sich auf ihn berufen …

„Das Verdeckte tritt an die Oberfläche. Die zunehmende Faschisierung der herrschenden Klasse ist offensichtlich.“

Bezieht sich zwar auf Russland, die Überschrift. Wenn jedoch Mitarbeiter vom Job aus ostdeutschen  Metropolen zurückkehren und inmitten des Hochkulturbetriebs auf schwulenfeindliche Sprüche stoßen, dann verstört das doch. Auch, wenn in der gleichen Situation süffisant grinsend darauf verwiesen wird, daß in einer bestimmten Loge ja Hitler mal gesessen habe.

An anderem Ort wurde auf einen „Paradigmenwechsel“ verwiesen, dem ich mich hiermit anschließen will. Man braucht ja nur die Entwicklung in manchem „liberalen“ Blog verfolgen, wo plötzlich Kommenatoren auftauchen, die sich mit ihrer profunden Innenansicht der rechten Szene auch noch brüsten, um festzustellen, wo die Gefahren lauern: Daß im Zuge all der aktuell proklamierten Staatsinterventionen in der Wirtschaftskrise die Saat von Papst, Neo-Rauch-Ästhetik und anschwellenden Bocksgesängen gleich mit aufgehen könnte, auch, um mal wieder der Linken das Wasser abzugraben. Dagegen ist das Kosmopolitische, Menschenrecht und universale Moral fälschlich im Markt vermutende der Liberalismen von einst, also jenen vor der Finanzkrise, tatsächlich das kleinere Übel.

Daß aus dem ganzen „Kultur“-Geschwätz der letzten Jahre so ein typisch alldeutscher Sumpf aus Honoratioren-Klüngeln sich bilden könnte, der Staat und Wirtschaft fröhlich fusioniert, die Untertanen wieder so richtig Untertanen sein läßt und mit all den Beuysschen und Warholschen Visionen und ihrer Wirkung so richtig aufräumt (die ja selbst in „Jeder kann ein Unternehmer sein“, zwar pervertiert, doch noch mitschwingen): Hallelujah statt Happening, Bibel statt Bisexualität,  Zucht statt Zelebration der Pluralität und ganz viel tiefes Tannengrün mit so richtig weißen Menschen davor – eine Comeback des wohlorganisierten Ständestaates, wo Naserümpfen  angesichts all der Flaschensammler an die gute, alte Zeit erinnert, als unappetitliche Kinder und Tagelöhner noch Maikäfer sammelten. Wobei es unwahrscheinlich ist, daß ein neuer Reinhard Mey dann singen wird „Es gibt keine Ratten mehr“ …

Bißchen viel Visionen vielleicht angesichts der folgenden Meldung in der FAZ und doch nicht nur Unsinn:

 

Ebenso fatal wäre es, die Entscheidung für den Neo-Faschisten Beljaew-Gintowt, die nach Berichten von mehreren russischen Zeitungen ausschlaggebend durch den Vertreter der Deutschen Bank in der Jury, Friedhelm Schütte, gefällt wurde, als Fehltritt abzutun. Die Deutsche Bank finanziert den 2007 erstmals vergebenen und mit 40 000 Euro dotierten Preis, der politisch engagierte Werke auszeichnet. Schütte ist Kurator der Kunstsammlung der Deutschen Bank und hat sich bis dato nicht zu seiner Entscheidung geäußert. (…)

Mitunter ist er (Beljaew-Gintowt, MR) der Chef-Stilist der fremdenfeindlichen, ultrarechten Bewegung „Eurasische Jugendunion“. Auch in Moskau hat die Auszeichnung für Empörung gesorgt. Der Kritiker Andrej Kowalew urteilte: „Das Verdeckte tritt an die Oberfläche. Die zunehmende Faschisierung der herrschenden Klasse ist offensichtlich.'““

 

Na, dann sammelt euch doch unter der Nordmanntanne und singet mal wieder kichernd „10 kleine Negerlein“ statt „O du Fröhliche“, ihr könntet Avantgarde sein. Denn daß in Krisenzeiten die Chancen eher für mehr oder weniger extreme Formen des Konservatismus sich bieten als für die Revolution, das ist ja kein historisches Novum.

War voll heute bei der „Agentur“

Die Vorhut von 2,7 % Wirtschaftsschrumpfung wohl.

Und ich kann diesen Gestus manchen Personals da physisch nicht ertragen. Bei allem Verständnis dafür, daß das echt kein lustiger Job ist.

Was die ganzen Leute sich anhören müssen in einem Tonfall von mancher Sachberarbeiterin, nee:

„Jetzt gehen Sie bitte in die Wartezone und füllen erst mal die Stellungnahme aus, wieso Sie zu den letzten zwei Terminen nicht erschienen sind!“

„Haben Sie denn überhaupt in den letzten zwei Jahren zwölf Monate gearbeitet? Na, das scheint mir aber nicht so. Das stellen wir schon noch fest.“

Fast staatsanwaltlich, die Attitüde. Okay, andere sind auch supernett. Kommt ja nicht nur auf die Systeme an, sondern auch darauf, was der Einzelne draus macht.

Viel szeniges Volk war da, um sich zum neuen Jahr oder auch kurz davor (einer zum 25.12.)  arbeitslos zu melden. Wohl Internet-Prekariat und sowas, durchaus jüngere Leute, so um die 30, mit diesen Hip Hopper-„Schiebermützen“-Kappen, ganz trendy.

 

Bemerkenswerterweise ist der einzige von uns 3 Gesellschaftern, der sich den „Gründungszuschuß“ und das „Überbrückungsgeld“ nicht holt, jener mit der Banker-Karriere in seiner Vergangenheit. „Ich war noch nie beim Arbeitsamt!“, sagt er.

Na, das wird sich bei solchen Lebensläufen auch bald ändern … im konkreten Fall aber nicht!

Meine Meinung: Sabine Bätzing ist jugendgefährdend! Für ein Nationales Aktionsprogramm gegen die „Bundesdrogenbeauftragte“! Aber Nachtrag beachten! Dann nehme ich alles zurück!

„Die Deutschen kommen zu leicht an Alkohol, findet die Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing. Deshalb müssten die Steuern für Bier und Wein angehoben werden. Das berichtet die „Leipziger Volkszeitung“, die sich auf den Entwurf eines Nationalen Aktionsprogramms zur Alkoholprävention bezieht.“

Weiter geht’s. War ja klar. Nach Hartz IV und den Anti-Raucher-Gesetzen nun  der Alkohol. Mit diesen Umerziehungsfantasien schreitet die Wandlung der SPD zu einer erzkonservativen Partei fort.

Ich plädiere dafür, doch lieber Sabine Bätzing zu drosseln. Verbietet sie einfach. Oder macht sie schwerer zugänglich. Erhebt eine Sabine Bätzing-Steuer. Sabine Bätzing ist viel zu gering besteuert. Jeder soll erst eine Sabine-Bätzing-Steuer entrichten, bevor er ihre Verlautbarungen zur Kenntnis nehmen darf.

Denn dieser Paternalismus ist jugendgefährdend und außerordentlich schlecht für die psychische Gesundheit.  Prost!

NACHTRAG:

„Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing, hat klargestellt, dass sie keine Steuererhöhung für alkoholische Getränke fordert. Sie wandte sich am Samstag in Berlin gegen anderslautende Interpretationen ihrer Pläne für ein Aktionsprogramm Alkoholprävention.“

Lediglich wissenschaftlich untersucht werden solle, welchen Einfluss der Preis auf das Konsumverhalten habe. Das werden bahnbrechende Erkenntnisse sein, eine wissenschaftliche Revolution!

Staatlicher Zwang versus private Freiheit

War’s Noergler, der drüben geschrieben hatte, der Zwang zum Unterschreiben der sogenannten „Eingliederungsvereinbarung“ (dieses Wort alleine – für mich als Homo riecht das nach symbolischen Elektroschocks, also ein wenig nach verbranntem Fleisch) erfülle den Tatbestand der Nötigung? Kann ich juristisch nicht beurteilen, aber was die Schröderschen Gesetze, neoliberalen Indoktrinationen folgend, so alles angerichtet haben, das kann man in der aktuellen Rechtssprechung ganz gut nachvollziehen:


„Die beklagte Arbeitsgemein­schaft bot ihm im August 2005 eine bis 17. Dezember 2005 befristete Arbeitsgelegenheit gegen eine Mehraufwandsentschädigung von 1,50 €/Stunde als Gemeindearbeiter im Umfang von wöchentlich 30 Stunden an. Der Kläger trat die Arbeitsgelegenheit nicht an. Daraufhin senkte die beklagte Arbeits­gemeinschaft die Regelleistung (Arbeitslosengeld II) für Oktober bis Dezember in Höhe von bisher 345 Euro monatlich um 30 vH (= 103,50 Euro). Hiergegen wandte sich der Kläger ua mit der Be­gründung, die angebotene Tätigkeit überschreite mit 30 Stunden das Maß des Zulässigen. Das Sozialgericht hat die Klage abgewiesen, das Landessozialgericht ihr teilweise stattgegeben. Der 4. Senat des Bundessozialgerichts hat am 16. Dezember 2008 im Verfahren B 4 AS 60/07 R ent­schieden, dass die Beklagte dem Kläger eine Arbeitsgelegenheit angeboten hat, die den gesetz­lichen Anforderungen genügt. Die Arbeitsgelegenheiten sind nach der geltenden Gesetzeslage keine Gegenleistung für die dem Hilfebedürftigen gewährten Grundsicherungsleistungen, sondern sie ge­hören zum Katalog der in § 16 SGB II geregelten Eingliederungsleistungen. Arbeitsgelegenheiten sind ein Instrument der Grundsicherungsträger zur Umsetzung des Grundsatzes des Förderns.“

„Fördern“ ist da ja eine lustige Vokabel. Wie hießen noch diese Zwangsarbeitsmaßnahmen in der DDR?

„Guti“ und „Tschüssi“

Kein Wunder, daß kein Mensch mehr in der Lage ist, vernünftig deutsch zu lernen, der hierzulande hinzustößt – so lange Menschen in Bussen sitzen, die beim lautstarken Telefonieren Formulierungen wie „Ich dachte, Du wärest family-mäßig verpflichtet“ gebrauchen. Muß ich ja mal ganz konservativ einwerfen. Kann der nicht „familiär“ sagen? Da schwingt zwar auch das Französische mit, aber gegen dieses „-mäßig“, dieses Krückensilbenkonstrukt, ist ein Fremdwortreigen schlicht Poesie. Gegen all diese Kreol-Varianten, die Deutsch-Türken z.B. einführen oder all die Inversionen, die in Frankreich vollbracht werden, ist das einfach ein kultureller Rückschritt.
Und dann auch noch Gespräche mit „Guti! Bis dann! Tschüssi!“ zu beenden – kann der Kerl, der das sagte, nicht lieber ganz Kerl sein?

Eine neue Telefonnummer …

…. ist wie ein neues Leben. Erstaunlich. Mal ganz unkritisch: Das sind wirklich große Momente, wenn man nach Monaten des Darbens den Kompagnon, der bis vor kurzem noch reiner Kollege war, plötzlich wieder per interner Durchwahl anrufen kann 😉 …

Liebe, Popkultur und den FC St. Pauli lesen ….

„“Wenn wir ein Buch lieben“, schrieb Catherine Simpson kürzlich, „lesen wir voller Energie. Wir glauben, das geliebte Buch würde uns, wenn es ein Mensch wäre, umarmen. Unser Gefühl ist intensiver als bloßer Spaß, einschneidender und heftiger als Freude,  viel umfassender als Zerstreuung. Wir sind dem geliebten Text dankbar, daß es ihn gibt. Solche Bücher haben etwas von den aufwühlenden Reizen einer Liebesbeziehung an sich und vermitteln so das Gefühl, in einer anderen Welt als der zu leben, die uns sonst beschränkt. Wir erleben ein Hin- und Herschwanken zwischen Kontrolle und Selbstaufgabe, einen vergnüglichen und tröstenden Tanz und die Befriedigung von verborgenen Bedürfnissen.“ (Stimpson 1990, 958)

Dem ist lediglich hinzuzufügen, daß die Romantik des Lesens auch die Populärkultur bestimmt: Platten und Filme, Autos und Fernsehshows, Sportteams und Designerklmaotten werden geliebt.“

Simon Frith, Das Gute, das Schlechte und das Mittelmäßige. Zur Verteidigung der Populärkultur gegen den Populismus, in: Roger Brumley, Udo Göttlich, Carsten Winter (Hrsg.): Cultural Studies, Grundlagentexte zur Einführung, S. 213, Lüneburg 1999

Da stellt sich dennoch die Frage: Was unterscheidet ein Auto von einer Platte, ein Sportteam von Designerklamotten?

Ganz großes Theater!

Der Vorhang fiel, und keine Fragen offen: Gewonnen! Platz 5! 27 Punkte!

Dann doch.

Zu Standing Ovations und „Bravo!!“-Rufen (das war ich) zelebrierten die Boys in Brown vor der Südtribüne nach dem furiosen Finale eine Verbeugung auf jenem  Rasen, der die Welt bedeutet, wie sie formschöner auch ein Opernensemble nicht zustande gebracht hätte: „Da capo!“ nach der Winterpause!

Soweit es Heimspiele betrifft, eine Vorstellung der diesjährigen Tournee haben wir ja noch beim FSV Frankfurt vor uns, wo unter anderem Jahrhundertstürmer Cenci spielt, glaube ich … von der Bedeutung für den Fußball deutscher Ligen ist der ungefähr so gewichtig wie Katze Bulat. Falls sich an den noch jemand erinnert. Eigentlich ’n süßer Typ. na ja, die Rolle des Torwarts füllte er dann doch nicht so dolle aus …

Mit weitaus mehr Bedeutung aufgeladen hat Fatmir Vata manches Spiel – unermüdliche Kämpfer auf kurzen, krummen, dicken Beinen wie den mag ich ja. Ein echter Charakterdarsteller, der mit dem Alter nichts an Ausstrahlung eingebüßt hat. Eine echte Rampensau.

Der faßte den Plot des heutigen Stücks treffsicher und publikumswirksam zusammen:

„Hab eben auf NDR-info ’nen Kurzinterview mit Vata gehört, der in der 80. dachte, dass „wir heute gewinnen: aber dann wechselt Stanislawski, und dann kommt da diese lange Kerl …““


So schrub’s soeben jemand im St. Pauli-Forum. Der lange Kerl, das war mein Lieblingsspieler Morike Sako, und der traf zum 2:2 und bereitete das 3:2 vor: Also, das war schon Spitze, was Chef-Dramaturg Holger Stanislwaski sich da ausgedacht hat.

Nachdem der erste Akt – also,  laut Drehbuchseminar, und für’s Theater trifft’s ja mittlerweile wohl nicht minder zu, wenn nicht gerade Tschechow oder Heiner Müller oder Beckett oder so dargeboten werden, hat der erste Akt ja Emphatie durch Kennenlernen mit dem zentralen Protagonisten zu schaffen.

So passte dann auch meine Lieblingsspieler Florian Bruns nach einem filigranen Sololauf durch 95% der gegnerischen Abwehr unmittelbar nach Anpfiff haarscharf vor das nicht minder gegnerische Tor, doch mein Lieblingsspieler Marius Ebbers verfehlte nur knapp. Hätte man die Sequenz auf S. 12 des Skriptes geschoben, dann wäre das auch falsch gewesen – es muß ein starkes Bild am Anfang sein,  damit der Zuschauer hineingezogen wird. Ach, komm, lieber Leser, ob nun TV, Theater oder Film, das ist doch schnurz, wenn’s um Fußball geht 😉

Die weitere Handlung ergibt sich prinzipiell aus den antagonistischen Kräften, auf die der Held trifft – das machten die Koblenzer heute ziemlich super: „couragiert“, stand auf der Kicker-Seite, seien sie gewesen,  ich würde eher sagen, brandgefährlich waren die, allen voran Vata und Cha, das war schon enorm, was die so machten.

Nächste Regel ist dann ja, daß jede Szene vom positiven zum negativen Pol kippen solle, und umgekehrt, hat Herr McKee oder wie der heißt, der aus „Adaption“ mit Nicholas Cage, in „Story“ geschrieben, wenn ich mich recht entsinne.


Pointe der heutigen Inszenierung: Dieser Verlauf wurde nicht plump hollywoodesk-kleinteilig in schnellen Szenen-Wechseln, wie filmisch montiert, zelebriert. Vielmehr setzte man auf die Wurzeln, die Basics, eben das, was in diesem berühmten Zweitausendeins-Lehrbuch, heißt der Syd Field, der Mann, der das geschrieben hat?, geschildert wird, in Reinform: Einfach eine gaaaaaanz lange Szene nach der Introduction von der 10. bis zur 39. Minute, und dann eine weitere gaaaaaaanz lange Szene von der 39. bis zur 78. Minute, garniert mittendrin durch einen 11-Meter, der Koblenz voll und ganz zu gönnen war.

In der 39. Minute  fiel nämlich das 1:1, nachdem zu siegessicher die eigentlichen Helden des Abends in der zehnten Minute in Führung gingen und eigentlich ganz gefällig spielten. Jedoch immer durchsetzt war diese Szene 1 des zweiten Aktes – klare Vorausdeutung, macht jeder gute Krimi so  – mit Drohgebärden des Antagonisten. Auch das kann man ja in all diesen „Wie schreibe ich ein Drehbuch?“-Lektüren lernen: Erschaffe nicht den klischeehaften Bösewicht! Gebe dem Antagonisten sympathische Züge – lass ihn Katzen lieben oder für seine schwerkranke Tochter die Verbrechen begehen oder eben einfach maximal engagiert Fussball spielen, und das hat der Rapolder heute super hingekriegt.
Durch das Vorziehen des Midpoints um etwa 6 Minuten, den Ausgleichstreffer eben exakt so lange vor der Halbzeit, Wahnsinns-Timing, war die zweite gaaaaaanz lange Szene dann wirklich avantgardistisch: Stolpern, stümpern,  sich-doof-stellen, wackeln, wanken, watscheln, also keinerlei Anbiedern an das Publikum. Das sang trotzdem. Eigentlich ist ja jedes Spiel am Millerntor ein Musical, und die Moll-Töne und die Dissonanzen des Ensembles  konterkarierten die Chöre auf den Rängen mit „That’s the way – aha, aha, – we like it – aha, aha“.

Ein ironischer Kommentar geübter Millerntor-Gänger, der dann – erst Tusch, dann heben die Hörner an zum furiosen Finale, siehe oben – durch eine wahrlich zündende Idee des gewieften Theatermachers Stanislawski, Nomen est Omen, hähähä, der hat halt auch seine „Method“, beantwortet wurde:  Der dritte Akt.

Der Clou: Man führe die Hauptfigur des Dramas erst in der 78. Minute ein. Was ein Auftritt! Wer wirklich Charisma hat, zieht das Publikum halt gleich in seinen Bann, der Antagonist wurde zum Zuschauer degradiert – degradiert? Woher kommt diese blöde Formulierung eigentlich? War super heute, Zuschauer zu sein!!! -, und Morike Sako brauchte nur 6 Minuten, bis technisch brilliant, sowas wie ein hohes C in der Oper war das, nicht etwa Gläser zum Zerspringen, doch den Ball in’s Tor er brachte.

Die SMS-Antwort auf meine Berichterstattung zum 2:2 von den besten Plätzen des Hauses, Haupt-Tri-Bühne, Block 10, hinaus in die weite Welt, die nicht zusehen konnte und doch teilhaben sollte:

„Was fuer’n Drama!“

Und, lassen wir ihn, P.A., der diese Zeile schrub, der heute, arbeitend den Konjunktureinbruch bekämpfend, leider nicht dabei sein konnte und draußen bleiben mußte, den Siegtreffer kommentieren:

„War gerade mit dem Hund draussen und habe das Tor und YNWA gehört. Gänsehaut!“

Wobei zu betonen ist, daß der Schanzenpark doch ’n ganzes Stück entfernt vom Stadion liegt …. und YNWA ist natürlich das berühmte „You’ll neever walk alone!“, das unser letztes Heimspiel-Musical dieses Jahres angemessen ausklingen ließ.
Was ein Jahr 2008 am Millerntor! Nur eine Niederlage, als es um nix mehr ging – selbst Hoffenheim haben wir geschlagen, und überhaupt: Solche Songs lassen sich eben nur auf den FC St. Pauli und seine Hauptdarsteller, unsere Fußballgötter, umdichten. Einfach statt „I Love you Baby!“ „FC St. Pauli“ singen, liebe Leser, sofern ihr noch nie im besten Haus am Platz hier an der Elbe wart! Denn Hamburg ist braun-weiß!