Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die Netflix-Serie „The Get Down“: Scheitern, das Räume öffnet und Musik, die ihre Geschichte selbst erzählt

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Eine eher randständige Szene pointiert gelungen, worum es in der Netflix-Serie „The Get Down“ geht: Ezekiel „Zeko“ Figuero (Justice Smith), die Hauptfigur, angehender Rapper und virtuoser Wortartist, folgt einer Essens-Einladung seines millionenschweren, zukünftigen Chefs. Er ist der erste Teilnehmer eines Praktikumprogramms, das Jungs aus der Bronx den Weg ins geregelte Leben ebnen soll. Seine Ausflüge nach Downtwon Manhattan sind treffend mit Kiwanukas „Black Man in an White World“ unterlegt.

Nach einem heroischen Auftritt im Flur des Konzerngebäudes, da Ezekiel seinem „Förderer“ mitteilt, diesem die Chance geben zu wollen, von Anfang an auf seinem Weg dabei sein zu dürfen, weil dieser später davon profitieren würde (auch verweigert er die Rolle des „Ghetto-Maskottchens“), lädt der ihn zum Diner in seine Villa ein. Die Tür des Prachtbaus öffnet Ezekiel die höhere Töchter des Patriarchen. Sie trägt über ihrer Bluse eine Mixtur aus tradiert sittsamem Samt- und nietenbesetztem Hundehalsband. Anschließend bei Tisch amüsiert sie sich darüber, dass Ezekiel noch nie was von Punk und den Ramones gehört habe.

Es ist das einzige Mal, dass Punk in „The Get Down“ Erwähnung findet. Das ist sozial ebenso treffsicher skizziert wie auch erstaunlich bei einer Serie, die 1977 spielt. Und die ins rechte Licht rückt, welche Relevanz „widerständige weiße Musikkultur“ tatsächlich hatte, historisch.

Vermutlich ist geboten, tatsächlich, wie es mir eher zufällig passierte, Hallbergs „City on Fire“ und „The Get Down“ Mehr von diesem Beitrag lesen

Wenn Vorfreude sich zu Nachwehen wandelt: FC St. Pauli – Eintracht Braunschweig 0:2 


Hey, endlich wieder Fussball! 

Das dachten wir vorher. 

Schon kurz nach Anpfiff verglomm das noch gar nicht so richtig entfachte Feuer prompt. Jenes, das doch gerade erst wieder entzündet war, innerlich Bereitschaft lebend, all das magische Räucherwerk aus Leidenschaft, Glücksempfinden, Angstbewältigung, ja, auch Funken sprühenden Entsetzens und in Stichflammen sich entladender Begeisterung  in schneller Folge, gepaart mit braunweiß glühender Zuneigung zu Männerbeinen auf dem Platz, eben das ganze Repertoire, das Menschen in diesem Stadion im besten Fall verzaubert, auf dem Altar des Spiels in ritueller Ergebenheit zu  drapieren und den Fussballgöttern auf dem Platz zu opfern. Nachdem die Glut in der Sommerpause unterschwellig weiterschwelte.

Nein, die Flammen der Hingabe erfuhren eine 90minütige, nasskalte Dusche. Sie löschte das Glühen zusehender Erlebnisbereitschaft und löste es auf in einer Art Gegenzauber zu Glaube und Hoffnung. Ja, ganz verpilchert könnte ich jetzt schreiben „aber die Liebe bleibt!“, aber da kann mensch ja eh nix machen, dass die einfach da ist und sich hämisch ins Fäustchen lacht, verlässt der durchaus Frust gewohnte Fan das Stadion wie ein begossener Pudel …

Was also war des Pudels Kern? 

Keine Ahnung. 

Was kann die Welt Dir schon gewähren? Entbehren sollst Du, sollst entbehren! So fühlte sich das Spiel zumindest an. Sogar die Verständnis- und  Erkenntnisfähigkeit schrumpelte zum scheiternden Humunculus-Experiment im Reagenzglas des Alchemisten. Heraus kam nur ein Klumpen unansehnlichen Matsches wie aus einer Pfütze am Rande des Doms. 

Kennst Du das Stadion, wo nur noch Fehlpässe blühen? 

Das war ja das Schlimme: Diese komische Rat-, Fassungs- und Konzeptionslosigkeit im Spiel, die, ich zitiere einen Facebook-Freund, die Gegengerade in einen Elefantenfriedhof verwandelte (muss ich als Haupttribünensitzer gerade schreiben, ich sitz da auch nur so gerne, weil ich mich in dem Umfeld ausnahmsweise mal so richtig blutjung fühlen kann) – eine Mannschaftsleistung, die auf zwei Halbzeiten gedehnt den Sound eines Luftballons, aus dem die Luft entweicht, erzeugte. Da standen sie dann wie arme Toren und hatten so viel Punkte wie zuvor. 

Und das nach diesen sensationellen, na, 65 Minuten in Stuttgart. 

Die gleichen Sportler-Persönlichkeiten nun wie vom Irrlicht in den Sumpf des fussballerischen Trugschlusses und Fehlschusses gelockt. 

Ja, Braunschweig spielte eklig, aber sehr gut, aber dass unsere im Gegenzug herum gaukelten wie Hobby-Magier, denen ständig die gezinkten Karten aus dem Ärmel fielen und das Kanichen ausgebüxt war, so dass nur noch vertrocknete Möhrenstummel aus dem Zylinder sie zogen und beim Entfesselungstrick sie sich immer weiter nur verhedderten … 

Das Drama nahm ja schon lange vor dem Spiel seinen Lauf, als ausnahmsweise mal ein SONG gespielt wurde, „Back to black“ von Amy Winehouse, und mitten hinein die Braunschweiger Fans mit ihren wilhelminische Marschtrommeln losballerten. 

Und dann, als die ja wirklich, danke!!!, Glückwunsch, Ehrfurcht, unglaublich grandiose Fahnenchoreo (tolle Fotos wie immer beim Kleinen Tod) auf allen Tribünen den Schall dämpfte und Visionen wie im schamanischen Trance erzeugte, dass all die Energie sogleich sich orgiastisch entladen würde … nö. 

Nix mit Ekstase, nix mit Fussball, der so kosmisch schwingt wie anderswo „in Zungen sprechen“ in Leiber fährt.

Wie schreibt „Grenzenlos 1910“ so treffend? „Erst haben wir schlecht gespielt, und dann hatten wir Gonther„. Normalerweise läge es mir fern, auf einzelnen Spielern rumzuhacken, selbst auf solchen, die mit Hilfe der Lokalpresse ihre Wechselwünsche proklamieren – aber dass einer wieder zum Kapitän gewählt wurde, der in der letzten Sasion sang- und klanglos die Regenbogenkapitänsbinde verschwinden liéß, dass manche sich schon fragten, ob er sie vielleicht ganz putinesk für „Homo-Propaganda“ hielte, das mag in den Augen vieler eine Petitesse sein . In meinen nicht. Ich will keinen Mannschaftskapitän des FC St. Pauli auf dem Platz sehen, der klammheimlich Solidarität entzog, aus welchen Gründen auch immer. Und verzaubert wird so das Spiel der Mannschaft bestimmt auch nicht. Da kann es schon mal vorkommen, dass der heilige Geist unter dem Millerntorrasen sich wehrt und Rutsch- und Stolperfallen erzeugt. 

Ich bin ja sonst stets bereit, die Schönheit des Scheiterns wortreich abzufeiern, das Liebenswerte des Sichüberrennenlassens poetisch zu umschwärmen, das Tun statt des Siegens zu besingen, Fehler statt Heldenmut zu lieben und das Zarte und Weiche angesichts dieser so unangenehm straight aufspielenden Braunschweiger für den Atem wahrer Kunst zu halten. So war es aber diesmal auch nicht, dass das nun ginge. Dafür war es zu trübe, zu lau, zu profan. Und es beruhigt mich auch nicht, wenn Lienen nun proklamiert, sie müssten sich jetzt erstmal finden. 

Wo haben sie sich denn in der Vorbereitung gesucht?

Im magischen Rezeptbuch scheint das nicht gewesen zu sein. 

Wirkte eher wie der Aufprall falscher Wunsch-Vorstellungen auf den grauen Asphalt der Realität statt wie die Wiederverzauberung der St. Pauli-Welt. 

Das mit der Wunscherfüllung klappt ja nur, wenn mensch die wieder vergisst und sich ganz der Sinnlichkeit des Hier und Jetzt hingibt, so den Zauber des Seins wieder spürt. Ist der Kopf zu voll, kommen Beine ins Rutschen – und der Gegner netzt ein. 

Fafalogie und Azizisophie: VFB Stuttgart – FC St. Pauli 2:1 

Der Zattoo-Stream hakte ständig (einen funktionierenden Fernseher habe ich ja gar nicht mehr). Ein enthemmt in Nerventode hinein faselnder Peter Neururer verstörte. Ein Sport-1-Kommentator, der sprach, als würde er mit Krähenschnabel Nieten, treudeutsche Sinnsprüche formend, auf  Bundesgrenzschutzuniformen tackern. In schneidend zurechtweisender Manier traktierte er verbal unaufhörlich.

Das Zuseh- und Zuhörsetting bot sich so suboptimal dar – ganz, wie auch die Geräuschkulisse der Stuttgarter Horde auf den Rängen schauderlich erklang. Ein wenig so, als sei der Frust angesichts lebenslang durchlittener, sinnentstellter, aber immer aggressiv spaßbewehrter Junggesellenabschiedsrituale zu einem akustischen Verlauf mutiert, der vom Grellen des Pfeiffkonzerts in ein Triumpgeheul wölfisch-wagneresker Siegfried-Karrikaturen sich verwandelte.

Das kurze Glück sei ihnen gegönnt, doch warum nun gleich zwanghaft Antimusik produzieren, liebes Stuttgarter Publikum, wo doch Fafa Picault zuvor euch Groove, Beat und Spannungsaufbau lehrte? Ganz II und V der Dur-Jazzkadenz in Personalunion – er erzeugte die Spannung treibender Spielrhythmen, die Aziz Bouhaddouz  im 0:I so stilsicher auflöste.

Das war ja schon dolle in Halbzeit 1, vor allem der fafalogische Wirbel, der azizisophisch pointiert auch noch im Pfostentreffer sich entlud.

Dieses Spiel leicht vor der 1 des Takts wie bei südamerikanischen Claven, mal nicht laid back phrasiert, kein Dexter Gordon-Sound diesmal, in der ersten Halbzeit 1, sondern vorwärtsverteidigend, bis in Netz des Gegners die Läufe quer durch ausgeklügelte Akkordfolgen in Halbton-Ganzton-Schritten spielend. Einmal zwar nur vollendet, so what,  und doch immer spielästhetisch expressiv einen Sound kreierend, der die Vorfreude auf folgende Spiele dieser Saison anstachelt und bestimmt immer neu zum Tanze uns rufen wird!

Wie so oft, wenn der Spannungsaufbau so steil geht und die Komposition dramaturgisch vortrefflich verdichtet erklingt, entstand irgendwann ein Bruch. Waren es die Auswechslungen? War es dieser eine Solist aus der gegnerischen Blaskapelle namens Maxim, der merkwürdig entkoppelt über Marschetüden der Stuttgarter schwebend ihrem Spiel sonst fremde Melodien schenkte, dass unsere Jungs Ryo vorne auf einmal alleine ließen, weil sie überrascht lauschten, dass ein wenig Musik nun doch dem VFB entwich?

Fragen über Fragen, die nur bei einer funktionalen Analyse, nicht jedoch einer der Schönheit taumelnder Helden sich stellen.

Denn der Glanz der Zukunft scheint nur auf, wenn zwischendrin die Improvisation über den harmonischen Rahmen honigsüßer Lienen-Arrangements auch mal die falschen Töne trifft und Skalen zwischendurch verwechselt.

Dorisch über alles blasen, das konnte eben doch nur Miles Davis (das wird über ihn zumindest behaupte, das er das tat), und unser „Kind of Braun-Weiss“ soll ja eh nur die melancholische Unterströmung bleiben, die wahren Jubel erst ermöglicht, weil um den Blues sie weiß. Eben dann, wenn erneut fafalogisch die neue Kreation der rhythmisch virtuosen Kompa-Rap-Post-Punk-Prämissen das Millerntor zur azizisophischen Conclusio erbeben lässt. Und die heißt Tor.

Bin mir nach gestern sicher, dass solche fussballerischen Syllogismen ganz musikalisch uns von nun an noch oft erfreuen werden.

Leerer Formalismus, das falsche Allgemeine und strukturelle Dominanz: Die Debatte um die „Hate Speech“-Broschüre der Antonio Amadeu-Stiftung

Jetzt habe ich sie auch mal gelesen – die Broschüre „Geht sterben! – Umgang mit Hate Speech und Kommentaren im Internet“ der Antonio-Amadeu-Stiftung.

In Blogs überregionaler Tageszeitungen verbreiten angesichts derer mutmassliche Möchtegern-Noltes wiederholt vermeintlich begründete Ängste vor dem „Internet-Gulag“ und allgegenwärtiger Zensur, im Jahr 2016 heroisch den Weltkommunismus und allerortens präsenten Stalinismus‘ bekämpfend.

In meinen Augen nähren sie so Vorstellungen eines „freien, gesunden Volksempfindens“, das sich, angeblich in den Widerstand gedrängt, den Attacken aggressiver Minderheiten ausgesetzt sieht und so in legitimer Gegenwehr zu allen rhetorischen Waffen greift. Um mit diesen wildwütig um sich zu schießen.

Am allerliebsten auf Frauen dreschen sie auf ein (Anetta Kahane, Julia Schramm). Fast, als hätten sie zu viel Nietzsche gefrühstückt und müssten nun mit Peitschen bewehrt tradiert verinnerlichte Erziehungsansprüche des Mannes als solchem ausleben.

Andere wiederum gröhlen reflexartig „aber die Linksexremen“, erklären Polizisten zur marginalisierten, von „Hate Speech“ („ACAB“) tief traumatisierten Minderheit – um im Gegensatz zu dem „Zensur“-Geschrei wenigstens Mehr von diesem Beitrag lesen

Der FC St. Pauli bei der Hamburg Pride? Nö. Warum nicht? Hier die Antwort.

Der Abend der Trikot-Präsentation – jener von Under Amour. Es ist regnerisch. Wolken ziehen ins Irgendwo. Die einen saufen Bier, die anderen Gin. Der Grill duftet oder stinkt, je nach Nase. Alle blicken gen Altona in die Ferne.

Die fehlenden Regenbogenärmel der Profimannschaft bestimmen die Diskussionen auf der Dachterrasse des „Übel & Gefährlich“. Ein Bloggerkollege berichtet von einer türkischstämmigen Trans*person in seinem Umfeld – und auch davon, wie unendlich viel dieses Symbol am Ärmel der Shirts einer Profifussballmannschaft diesem Menschen bedeutet hätte. Obgleich da ansonsten gar keine Beziehung zum FC St. Pauli bestünde.

Mir ja auch.

Er schwenkt um auf Berichte von einem New York-Besuch: Wie er die dortige Pride-Parade erlebt habe, tief beeindruckt von deren Wucht und zudem auch noch umschwärmt von jenen, die ihn „cute“ fanden. Ja, das schmeichelt. Dort sei ihm ebenso wie beim Gucken der Netflix-Serie „Sense8“ klar geworden: In den USA sind Diskussionen bzgl. dessen, was NACH der Diskriminierung kommen KÖNNTE, 20 Jahre weiter fortgeschritten als hier.

Und nu? Wie können deutsche Diskussionen, Verlautbarungen und auch Änderungen der Strukturen, in denen Menschen agieren, an diese Entwicklung Anschluss finden?

Das ist nicht nur eine der großen Fragen dieses Blogs, sondern sollte es seinem Selbstverständnis nach auch für den FC St. Pauli sein. Wenn Roger Hasenbein aus dem Aufsichtsrat in der Mopo verkündet, Mehr von diesem Beitrag lesen

DIE ZEIT, ihr Kampagnenjournalismus und warum Simon Urban mutmaßlich auch einfach nur beleidigt ist

Alle Tage wieder .. ja, bei zeit.de.

Herrschaftstabilisierende Argumentationsverweigerung im Schreihals-Akkord.

Aktuell: Simon Urban. Einer von den Schriftstellern, die zu lesen mich nicht interessieren würde.

Simon Urban ist einer, der über die eigene Irrelevanz hinaus zu wachsen versucht, indem er sich an eine mehrheitsgesellschaftliche, medial akut weit verbreitete Mode andockt.

Eine, die öde wäre, würde sie nicht schlicht die Macht jener absichern, Mehr von diesem Beitrag lesen

Neues Trikot, neue Möglichkeiten? Sozialprojekte von „Under Armour“

Im Eintrag zur Trikot-Präsentation hatte ich es ja angekündigt: Teil des Deals mit dem neuen Ausrüster „Under Armour“ (das über kurz oder lang mit Sicherheit „Under Amour“, französisch gesprochen, hier heißen wird) ist, dass auch ein 6stelliger Betrag in soziales Engagement fließen wird. So interessierte es mich, was die Marke in den USA in dieser Hinsicht bewirkt hat. Philipp Walter, Marketingleiter Deutschland, erwies sich als äußerst hilfreich und auskunftsbereit.

Knauserig scheint die Firma nicht zu sein: Unter anderem steckte ihr CEO Kevin Plank 5 Millionen Dollar in ein „Community-Center“ in Baltimore:

„The 10,000-square-foot project will be located at 1100 E. Fayette St. in the space formerly known as the Carmelo Anthony Center. The project, a partnership between Under Armour and the Living Classrooms Foundation, will include a covered turf field, workforce development and entrepreneurship center, dance and yoga studios, a recording studio and neighborhood kitchen. A classroom for science, technology, engineering and mathematics (STEM) will also be part of the building.“

Wenn ich das richtig verstehe, ist das eine Mischung aus kommerzieller und nicht-kommerzieller Nutzung.

Interessant ist dabei die Zusammenarbeit mit der „Living Classrooms„-Stiftung; nicht nur ich  werde dabei an jene Folgen von „The Wire“ denken, Mehr von diesem Beitrag lesen

Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“: Halbierter Meilenstein einer Diagnose der Gegenwart

7 Jahre nach Erscheinen regt sich nun auch eifriges Rauschen im hiesigen Blätterwald, umweht ein Werk, das in Frankreich – zu recht – vehemente Diskussionen auslöste: Didier Eribons „Rückkehr nach Reims„.

Das Buch rüttelt auf, weil es zwei Quellen seines Werdens als politisches Wesen eindrucksvoll analysiert: Die Herkunft aus der Arbeiterklasse wie auch eine typisch schwule Biographie. Eribon fundiert das strukturell Wirksame in konkreten Situationen seiner Lebensgeschichte. So zum Beispiel in Momenten, in  denen er, das Arbeiterkind, mit bürgerlichen Freunden zusammen traf:

„Zwei Freunde, die mit und nebeneinander zu existieren versuchen, sind immer auch zwei Verkörperungen der Sozialgeschichte, und manchmal lässt die Trägheit des Habitus auch in der engsten Beziehung zwei Klassen aufeinander prallen. Verhaltens- oder Ausdruckweisen müssen nicht im mindesten aggressiv oder verletztend gemeint sein, um dennoch genau so zu wirken. In bürgerlichen Kreisen oder bereits im Milieu der Mittelschicht begegnet man zum Beispiel regelmäßig der Annahme, man habe schon immer „dazugehört“. Ähnlich wie Heterosexuelle, die von Homosexuellen so sprechen, als könne ihr Gesprächspartner auf keiner Fall zu dieser stigmatisierten, belächelten oder herabgesetzten Spezies gehören, haben Bürgerliche einen Umgangston, der immer schon voraussetzt, dass man ihre kulturellen und existentiellen Erfahrungen notwendigerweise teilt. Sie merken nicht, welche Übergriffigkeit in dieser Annahme steckt (…)“

(Eribon, Didier, Rückkehr nach Reims, Berlin 2016, Pos. 1699-1703 des eBooks)

Touché!

Eribon gelingt es so, zwei Weisen des Diskreditiertwerdens und sozialer Determinanten an Michel Foucault, Pierre Bourdieu und Jean-Paul Sartre geschult so zu entfalten, dass die Klassenfrage und jene, was es heißt, durch die Beschimpfung zu dem zu werden, was mensch ist, eben schwul, zu verbinden wie auch zu kontrastieren. Er verbindet abstrakte Strukturanalyse, die Schilderung von Subjektivierungsweisen und deren Aktualisierung in alltäglichen Beziehungen und Kommunikationen vortrefflich.

Und das alles im Rahmen einer Autobiographie.

Selten habe ich bei der Lektüre eines Buches so vieles schon gewusst, zu nahe sind Eribons Quellen an denen, aus denen ich schöpfe, und er war on top mit Foucault und Bourdieu befreundet;  und ich habe doch endlos markiert und unterstrichen. Weil es so pointiert und treffsicher beschreibt und zusammenfasst, dieses Buch, was aktuell von Relevanz ist.  Es fasziniert im Vollzug des Denkens und des Aufbrechens jenes Mythos, dass personales Erfahren, Praxis, Lebensläufe und soziale Strukturanalyse nichts miteinander zu tun hätten.

Eribon schildert, wie er nach dem Tod seines Vaters nach Reims zurückkehrt und beim Anblick alter Fotos sein Aufwachsen im Arbeitermilieu Mehr von diesem Beitrag lesen

„Hamburg City“? Kunst aus dem Sudan und Samuel Yirga in der Millerntor-Gallery #6

Ging ja schon los, als wir noch mit rot-schwarzen Under Armour-Menschen frisch bestochen durch das Stadion des FC ST. PAULI, ja, hier schon einmal, ST. PAULI, lieber Clueso, dazu später mehr, pilgerten. Kleiner Tod lichtete wie üblich fantastisch viele formidable Fotos future-fähiger Visionen ab und kann das auch viel besser als ich, also dort vorbeischauen! 

Wie bereits die letzten Male fand ich besonders spannend, das mal nicht nur der tradierte Dünkel deutscher Bildungsbürgerkinder, sondern auch mit Einreiseschwierigkeiten kämpfende Menschen z.B. aus dem Sudan visuelle Räume eröffneten:


Das spannende bei einer Galerie in einem Fussballstadion ist ja gerade, wie die Gänge umdefiniert werden durch die Werke. Michael Fritz belehrte die vom Sponsoren Geladenen profund über Probleme von aus dem Sudan stammenden Künstlern und zitierte dabei viel aus dem grundlegenden Essays „Dear deutsche Kulturstiftung – Africa is not a country“ von Safia Dickersmann (das ich online nicht mehr finde). 

Mir schien wie schon beim letzten Mal neben der politischen Dimension die Auseinadersetzung mit der frühen Moderne und damit immer auch der sich damals öffnende Bruch zwischen KUNST und Kunsthandwerk prägend für diese Künstler aus den afrikanischen Ländern zu sein, was unter postkolonialen Bedingungen auch kein Zufall wäre, haben sich die Werke der Avantgarde des späten 19., frühen 20. Jahrhunderts zur Hochzeit des Kolonialismus doch häufig durch sich-erhebende Praxen der Appropriation, der kulturellen Aneignung vermeintlich „primitiver“ Kunst, erst die Aura verschafft, die Nicht-Weißen regelmäßig aberkannt wird. Kann aber auch sein, dass ich das, Eigenständigkeit ignorierend, hinein gucke, das wäre ja auch typisch. Trotzdem: So eine Fragestellung ist gerade in Zusammenhängen, in denen Menschen es sich leisten können, „Kommerzkritik“ zu üben, also bei uns im Stadion, von höchster Relevanz. 

Obgleich gerade Viva con Agua sich wie ich finde zu recht oft der Kritik ausgesetzt sieht, als U-Boot der Welthungerhilfe einfach nur die Attitude paternalistischer „Entwicklungshilfe“ für urbane, weiße Hipster fit zu machen, schätze ich ja sehr, dass die Akteure gerade deshalb in der Millerntor-Gallery oft genau da hin gehen, wo es weh tut (auch wenn viele das gar nicht merken, weil es sie nicht betrifft). Und übrigens bei Kritik auch nie beleidigt sind. Sie versuchen zumindest, trotz immer wieder aufscheinender, ethnographischer Bildwelt diese auch aufzubrechen. Wie gelungen das ist, das können andere treffsicherer beurteilen als ich; mir scheint es zumindest mehr als nur „gut gemeint“ zu sein, weil auf Ebene der Protagonisten und Subjekte doch überproportional häufig andere Menschen als sonst beim FC St. Pauli in Erscheinung treten. Wobei das Kriterium, dass auf allen hierarchischen Ebenen der Organisation auch Nicht-Weiße agieren, definitiv nicht erfüllt wird.

Dank white Privilege ist es für mich wohl leicht, das auszuhalten und da auch noch gerne hinzugehen. Ja, sagt sich leicht dahin.  Und ich gehe da sehr gerne hin und empfinde die Millerntor-Gallery  für FC St. Pauli-Verhältnisse als die multidimensionalste und avancierteste Veranstaltung, weil der Bruch und vielleicht ja auch Aufbruch da am spürbarsten ist (was sich auch im Publikum zeigt). 

Nun drang gestern bereits im Vorfeld durch, dass mit Max Herre und Clueso recht „große“, chartsaffine Namen die Bühne betreten würden. Im Falle von Max Herre finde ich persönlich die Bezüge, die er in Interviews herstellt:

Ich habe mich seit Jahren immer mal wieder mit Klezmer beschäftigt und mag vor allem die Harmonik sehr. Mit meinen Studiokollegen Samon Kawamura und Roberto Di Gioia habe ich musikalisch etwas herumgeforscht und kam auch in Berührung mit verschiedenen chassidischen Sachen. Mich interessierte vor allem die Geschichte des osteuropäischen Klezmers, der ja auch mit dem argentinischen Tango verwandt ist. Damit habe ich musikalisch experimentiert, und plötzlich war die Musik da.

Was fasziniert Sie daran?

Die Musik hat mir in gewisser Weise den Text diktiert. Ich habe mich in Berlin-Tel Aviv auf eine Reise begeben. Nämlich auf die Suche nach der Geschichte meiner Tante und die meiner Großtante.

Quelle: Jüdische Allgemeine

oft spannender als die Musik, die dann dabei rauskam; als gestern alle zu „Anna (immer wenn es regnet)“ abgingen, fand ich sogar die Kurt-Schwitters Passage irgendwie obszön. Bin ich vielleicht auch zu alt für, dieses „deutscher Hip Hop“- Ding war nie meins und die von Herre beschworenen Curtis Mayfield und Kurtis Blow sind mir doch lieber (und um Klassen besser). Trotzdem ja schön, wenn Menschen ihrer verflossenen Jugend nostalgisch nachfühlen im Stadion zum Herre-Sound (ist ja auch typisch FC St. Pauli, verflossene Jugend zu konservieren).

Na, und dann kam Clueso. Das hat mir schon harsche Kritik eingebracht, dass ich für den immer so schwärme und hat mit Sicherheit auch mit seinem zauberhaften Lächeln und den schönen blauen Augen zu tun (eine Freundin hat mal gesagt, der sei auch nur so erfolgreich, weil er weiß ist, und da ist ja was dran – die Geschichte weißer, heterosexueller Quotenmänner, deren Erfüllung je nach gesellschaftlichem Bereich zwischen 75 und 95 % zu erfordern scheint, wird ja ständig geschrieben, ohne dass die Quote Erwähnung fände). Ich mag seine Texte (mal ab von den misogynen, die sich bei ihm auch finden), finde die Stimme sexy, die Herangehensweise an den unverstellten Flow des sprachlichen und musikalischen Materials häufig sehr gelungen, weil da anders als bei mir das Bildungsbürgerliche fehlt und so Entdeckungen möglich werden. 

Also: Ich bin da schon irgendwie Fan und mache mir nur Sorgen, dass er zu sehr auf das Bild des „Neuen, deutschen Poeten“ mit ach so viel Gefühl und Gitarre sich fixiert und sich etwas zu oft mit teils fragwürdigen Dinosauriern des Deutschrock von Lindenberg bis zu den Puhdys ablichten lässt (deren „Alt wie ein Baum“ gestern im Schlagermove-Zelt lief, als ich nach Hause ging. Dann doch lieber Renft.) 

Viva con Agua unterstützt er seit 9 Jahren, und nun war er auf einer Äthiopien-Reise dabei. Ich durfte das bei Facebook ein wenig verfolgen, und das war schon faszinierend, wie alle Bild- und Tondokumente fortwährend zwischen der Kolonialtradition des weißen Helfers auf Zivilisierungsmission, umgeben von lachenden, schwarzen Kindern, und einem Sich-Öffnen für das Faszinosum dieses afrikanischen Staates und seines Musik- und Alltagslebens changierte. Fast schon kurios der Mitschnitt eines Konzertes des Goethe-Instituts in Adis Abeba, da Max Herre, Clueso und dessen Kumpel Norman Sinn mit derart großartigen Musikern aus dem Ethio-Jazz-Umfeld auf der Bühne standen, dass man bei ihren verschämten Deutschrap-Einlagen schon spürte, dass auch sie spürten, wie sie gegen diese Virtuosen komplett abkackten. 

Daraus entstanden ist ein Song mit: Samuel Yirga. „Aand Nen“ heißt der – hier der Clip (auch in dem sieht man dieses Changieren zwischen ethnographischem Blick, blödem Pop-Gepose mit 90er-Jahre-Lippenbewegen zum Song und echtem Interesse an der Subjektivität derer, denen sie begegneten). 

Samuel Yirga ist beim  Label von Peter Gabriel unter Vertrag, blutjung, lebt in Adis Abeba und definitiv eine Entdeckung. Danke an Clueso und Co, dass sie mir solche Künstler nahe bringen! 

Gestern deutete Yirga seine Fähigkeiten eher an, eindrucksvoll, und doch wirkte es etwas weichgespült für ein Mainstream-Publikum. In den Passagen, da er an seinem Piano so richtig los legte und sich in Blues- und dissonante Afro-Skalen hinein und wieder hinaus begab, da erœffnete sich schon eine atemberaubende musikalische Welt. Und zwar eine, die belegte, wie albern es ist, zwischen „Ethno- und World-Music“ als Partikularphänomen und globalem Pop zu unterscheiden (zudem Herre und Clueso sich nun wirklich anböten, eine Ethnologie deutscher Gegenwartskultur zu betreiben). Yirga spielte auch noch einen traditionellen, äthiopischen Popsong, der komplett unter die Haut ging, mir zumindest. Dass die ganzen offenkundig per BILD zum Cluesogucken Animierten bei diesem zum Smalltalk übergingen, das war nicht nur unhöflich, die haben auch wirklich was verpasst.

Na, und neben dieser echten Entdeckung zeigte sich doch noch die Klasse eine Clueso, über die ein Jan Delay mit seinen Backgroundsãngerinnen, die alle mehr können als er selbst, nicht verfügt: Er nutzte schlicht seine Popularität, einen Raum für Samuel Yirga zu eröffnen. Später kursierten Fotos bei Facebook, die zeigten, was ich vor Ort gar nicht wahrnahm: Dass Clueso zu Thomas Hübner wurde, der fasziniert vor diesem Mega-Musiker auf der Bühne hockte, fast kniete, und so gar keinen Anlass sah, sich in den Vordergrund zu spielen. Als er danach „Love the People“ anstimmte, glaubte ich ihm wieder und war erneut ganz verzaubert.

ABER: „Hamburg City“? Bitte? Konsequent sprach er das Publikum so an – im Stadion des FC ST. PAULI! ST. PAULI, lieber Clueso, nicht „Hamburg City“. Auch Viva con agua konnte nur auf diesem Humus wachsen, den dieser Verein bereit stellt, und in keinem anderen Stadion wäre so was möglich, dass die Gänge derart umdefiniert würden. Dieses „Hamburg City“ ging mir so auf die Nerven, dass ich als einziger (!!!) den „Saaaaaankt Paulihiiiiiiiiii“-Ruf anstimmte. Und KEINER stimmte ein. Stattdessen machten sich Menschen um mich herum lustig. In unserem Stadion! 

Also, lieber Clueso, Du Schwarm meiner schlaflosen Nächte, es ist toll, dass Du da warst, Danke!, aber wenn Du mal wieder unter MEINER Haupttribüne sein solltest, mach Dir doch bitte klar, wo Du gerade bist.

All das musste ich dann noch unserem Präsidenten buchstäblich brühwarm berichten bei einem leckeren Gin Tonic. Der DJ im Hintergrund trug nicht nur einen schnieken, bunten Streifenanzug und Lippenstift, sondern spielte auch zauberhafte 70er-Disco-Tracks, später house;  wir plauschten über Divine und Baltimore – und ja, dieses raren, queeren Momente am Millerntor macht eben doch nur die Gallery von Viva con agua möglich. 

Reine Geschmackssache? Neue Trikots – und ist das Verschwinden des Regenbogens auch das Ende „reiner Symbolpolitik“ des FC St. Pauli? 

„Welcome Hell!“ So der zentrale Slogan des neuen Ausrüsters des FC St. Pauli.

Die Hölle. Also das, wo manch fundamentalistischer Christ unsereins ja hin wünscht. Also uns, die einst „Sodomiten“ genannt wurden, bevor normalisierungswillige Psychiater „Homosexualität“ erfanden, damit es etwas gab, wogegen sich von nun an als „heterosexuell“ gelabelte, also nicht weiter klinisch zu Erforschende weil „normal“, abzugrenzen hatten. Um die Geschichte arg zu verkürzen und zurück in die Hölle  zu kommen. Oder auch dem Marketing des neuen Ausrüsters des FC St. Pauli, Under Armour. Das heißt „Unter der Rüstung“, beinhaltet also eine Verheißung. Wie ja die Hölle auch immer schon, weil da in christlicher Tradition nicht nur richtige Bösewichte angeblich landeten, solche, die gegen Gebote wie „Du sollst nicht töten“ oder „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg‘ auch keinem anderen zu“ verstießen, sondern unter Protestanten noch verschärft auch einfach jene, die frei sind und Spaß haben wollen.

Mensch glaubt es ja kaum, aber Letzteres taucht manchmal auf Ebene der „Kommerzkritik“ sehr wohl wieder auf, auf jener des Geißelns von Sexismus aber nun gerade nicht – und ist zentrales Thema unter anderem in Goethes „Faust“. Auch ein ziemlich sexistisches Machwerk.

Drum: Ist diese Partnerschaft mit „Under Amour“ nun ein Teufelspakt, und sind es eher die lustvollen oder die bösen Seiten des Mephistotelischen, die sich da eröffnen, oder auch nichts von alledem?


Quelle: Kleiner Tod 

Zu Ablauf und Resultaten der gestrigen Trikot-Präsentation haben die vom Magischen FC  und der Kleine Tod ja schon formidabel und ausführlich, zudem perfekt illustriert geschrieben.

Als ich so den Weg mit schritt, den Zukunft unsere Mannschaft am „I will“ vorbei durch rot und schwarz sich ebnen wird, den Gegner verschreckend, wusste ich auch nicht so genau, ob ich nun im nervtötenden Anachronismus konservativer Punk- und Hardcore-Auslegungen ersticken würde oder nicht vielmehr das Ganze auch ganz lustvoll mir als schwulen SM-Club imaginieren könnte. Beim neuen Spielertunnel – siehe die Fotos beim Kleinen Tod – verstärkte sich letzterer Eindruck noch, da ließe sich schon was mit anfangen. Bei der Gestaltung der Wände auf dem Weg dahin hatten immerhin auch Künstler aus dem FC St. Pauli-Umfeld wie Rambazamba mitgewirkt, prima, um diese charmante Darkroom-Atmosphäre zu schaffen. Ein paar Bilder von Tom of Finland dazwischen fehlten mir aber irgendwie doch.
Ja, es geht eben NICHT um reine Geschmacksfragen. Nie. All das Gerangel um Look, Feel, Outfit, Musik, Wandgestaltung und auch Trikotdesign bewegt sich nicht außerhalb sozialer und geschichtlicher Räume.

Es gibt nicht das individuelle, bürgerliche „Geschmacksurteil“ in der Unschuld interesselosen Wohlgefallens, von dem Immanuel Kant einst träumte.

Genau das war ja die Sensation der Trikots, die Jason Lee im Auftrag von „Hummel“ für uns gestaltet hatte: Die Vielfalt der Bezüge von Aquaman bis zu Sex Pistols-Covern, Keith Haring und Animal Print im Post-Punk, die thematische Zuwendung zu queeren Symboliken und auch zu der Lampedusa-Gruppe haben das eindrucksvoll belegt.

Die Orientierung am „Klassischen“ ist immer auch ein bürgerliches Statement gegen die vermeintlich schrillen und grellen Haltungen Geotherter und Deklassierter. Auch das war schon zu Goethes Zeiten so. Und wiederholte sich im New Yorker CBGB zu Zeiten von Patti Smith (die mit dem berühmten Cover zu „Horses“ das aber sogar thematisierte und Gender -Kategorien aufmischte) auch in Abgrenzung gegen die quietschbunten und mit Glamour, Glitter und Pailetten sich feiernden queeren People of Colour der Disco-Ära. Mir ist es jetzt auch scheißegal, ob das in irgendeiner Fankneipe am Thresen verstanden wird – aber wenigstens ist der eine oder da ja bierschwul🙂 …

Und nein, lieber geschätzter Andreas Rettig, das ist auch zu billig, nun zu sagen, die neuen Trikots seien eben wie der FC St. Pauli: Wenig Form, viel Inhalt. Das hängt schon zusammen, Form und Inhalt. Und hinter das, was Jason Lee für den FC St. Pauli geleistet hat, fiel das Präsentierte zunächst mal deutlich zurück.

Zu Beginn war ich drum eher etwas entsetzt über das, was „Under Armour“ gestern mit viel Aufwand uns vorführte: Ein Business-Sprech-Vortrag von irgendeinem ranghohen Offiziellen, den ich problemlos auch selbst hätte schreiben können, ich höre mir so was ja nun auch seit mehr als zwanzig Jahren an. Textbausteine. Trailer, auf grausige Musik irgendwo zwischen Metallaica und Hardcore geschnitten, die so auch schon bei BRAVO TV ’93 in Sepultura-Beiträgen hätten laufen können. Eine ganz lustige Skype-Schaltung zur Mannschaft deshalb, weil die Spieler auch nicht so recht wussten, was sie sagen sollten und Christopher Buchtmann immerhin zu berichten wusste, dass die Trikots schön eng und sie deshalb für den Gegner nicht so leicht zu fassen seien. Der Moderator fragte bei allen interessanten Punkten auch dann nicht genauer nach, wenn Oke Göttlich und Andreas Rettig wirklich Spannendes zu berichten gehabt hätten. Und alles, was im Vorfeld diskutiert wurde über Bezüge zum Blackwater-Nachfolger Akademi oder auch zu Bezügen zur US-Waffenlobby NRA blieb, weil Werbeveranstaltung, ausgespart. Ist das St. Pauli-like? Trivial ist das nicht, weil sich z.B. nach dem Massaker an LGBT-People in Orlando, darunter maßgeblich Latinas und schwarze Menschen, „Gays against Guns“ formierte, explizit gegen die NRA gerichtet. Ich habe beim Rumgoogeln in keinem der Fälle eine engere Verknüpfung gefunden als z.B. die Zusammenarbeit von Under Armour mit Grosshändlern, die Messen beliefern, wo auch die NRA auftritt, finde aber nicht, dass das Thema zu den Akten gelegt werden kann.

ABER: Ich will ja gar nicht nur meckern, weil das eigentlich ganz großartig war gestern😀  … und ja, ich wurde ja auch mit einem Trikot, Speis, Trank und After-Show-Party bestochen, es war sehr schön und ich danke Under Armour für all das und mühe mich trotzdem redlich um Unabhängigkeit.

Es war auch sehr schön, weil der FC St. Pauli ja schon deshalb so großartig ist, weil die Kommunikationswege so kurz und offen sind. Zum Positiven:  Zur Beziehungsanbahnung nach Baltimore wurde tatsächlich eine Delegation von 16 St. Paulianern sowohl aus dem sportlich-ökonomischen Bereich als auch aus den Vereinsgremien geschickt, und so unangenehm besetzt ich letztere mal ab vom Präsidium zum Teil finde, so cool ist das als Ausweis demokratischer Kultur natürlich. Under Armour stellt zudem eine sechsstellige Summe für soziale Projekte zur Verfügung – ob das nun eher 100.000 oder 999.999 Euro sind, wollte Andreas Rettig auf direkte Nachfrage nicht beantworten. Sie statten auch Jugendspieler  und Nachwuchs aus, was  Talente locken kann. Vorbild sind Projekte in Baltimore, wo z.B. auch Sportplätze aus geschreddertem Sportausstattungsabfall gebaut wurden, Schulen bemustert und versorgt  und Müllentsorgung gefördert wurde. Genaueres dazu wurde mir per Mail vom Marketingleiter Deutschland noch versprochen, Philipp Walter, dazu blogge ich dann noch, der sich als ganz außerordentlich zugänglich erwies und so einem dahergelaufenen Blogger wie mir anschließend auf der Terrasse des „Übel & Gefährlich“ für ausgiebiges Fragen zur Verfügung stand.

Deutlich wurde die Bereitschaft, in einem auf mindestens 5 Jahre angelegten Engagement behutsam und mit offenen Ohren auf die Spezifika des FC St. Pauli zu reagieren und nicht auftrumpfend allesamt nach dem Motto „Wir bringen schließlich das Geld mit“ zu überrumpeln. Einzig merkwürdig war die Unterscheidung zwischen Sport und Politik. Aber wenn die Kommunikation so bleibt, wozu auch gehört, dass über die zu fördenden Sozialprojekte Vereinsgremien entscheiden, ist mehr Musik drin als nur Hardcore-Gitarrensound in dieser Zusammenarbeit …

Bleibt nur die Frage: Wohin ist der Regenbogen verschwunden? Da hat sich ja in Teilen des Vereins bis hin zu mutmaßlich denen, die die Kapitänsbinde tragen, so eine Haltung eingeschlichen, dass es sich z.B. bei queeren Ansprüchen um Partikularinteressen einer Minderheit handele, angesichts derer dann Heterosexuelle von Fall zu Fall nach eigenem Ermessen autoritär verfügen könnten, wann diese nun von Belang seien oder auch nicht. Das ist aber weder dem Grundgesetz noch den Vereinssstatuten zufolge (zumindest nicht denen des FC St. Pauli, bei 1910 e.V. könnte das anders sein) so und Kern jeder diskrimierenden Struktur. Das ist auch dann falsch, wenn es üblich und Hetero-Gewohnheit ist – schon wegen „Was Du nicht willst, dass man Dir tu …“.

Nun hat, gewitzt, Oke  gestern, darauf angesprochen – zugegeben zwischen Bier und Gin -, erwidert, dem Verein würde so oft vorgeworfen, er würde lediglich Symbolpolitik  betreiben, und so was wäre ja auch der Regenbogen am Ärmel (das Lichterkarussell opponierte da zurecht) – da wolle der Verein doch nun mal allmählich wirklich strukturell ran und in diesen Fragen grundsätzlich voran schreiten.

Word! Ich bin dabei und allzeit bereit🙂 …

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