Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Neues Trikot, neue Möglichkeiten? Sozialprojekte von „Under Armour“

Im Eintrag zur Trikot-Präsentation hatte ich es ja angekündigt: Teil des Deals mit dem neuen Ausrüster „Under Armour“ (das über kurz oder lang mit Sicherheit „Under Amour“, französisch gesprochen, hier heißen wird) ist, dass auch ein 6stelliger Betrag in soziales Engagement fließen wird. So interessierte es mich, was die Marke in den USA in dieser Hinsicht bewirkt hat. Philipp Walter, Marketingleiter Deutschland, erwies sich als äußerst hilfreich und auskunftsbereit.

Knauserig scheint die Firma nicht zu sein: Unter anderem steckte ihr CEO Kevin Plank 5 Millionen Dollar in ein „Community-Center“ in Baltimore:

„The 10,000-square-foot project will be located at 1100 E. Fayette St. in the space formerly known as the Carmelo Anthony Center. The project, a partnership between Under Armour and the Living Classrooms Foundation, will include a covered turf field, workforce development and entrepreneurship center, dance and yoga studios, a recording studio and neighborhood kitchen. A classroom for science, technology, engineering and mathematics (STEM) will also be part of the building.“

Wenn ich das richtig verstehe, ist das eine Mischung aus kommerzieller und nicht-kommerzieller Nutzung.

Interessant ist dabei die Zusammenarbeit mit der „Living Classrooms„-Stiftung; nicht nur ich  werde dabei an jene Folgen von „The Wire“ denken, Mehr von diesem Beitrag lesen

Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“: Halbierter Meilenstein einer Diagnose der Gegenwart

7 Jahre nach Erscheinen regt sich nun auch eifriges Rauschen im hiesigen Blätterwald, umweht ein Werk, das in Frankreich – zu recht – vehemente Diskussionen auslöste: Didier Eribons „Rückkehr nach Reims„.

Das Buch rüttelt auf, weil es zwei Quellen seines Werdens als politisches Wesen eindrucksvoll analysiert: Die Herkunft aus der Arbeiterklasse wie auch eine typisch schwule Biographie. Eribon fundiert das strukturell Wirksame in konkreten Situationen seiner Lebensgeschichte. So zum Beispiel in Momenten, in  denen er, das Arbeiterkind, mit bürgerlichen Freunden zusammen traf:

„Zwei Freunde, die mit und nebeneinander zu existieren versuchen, sind immer auch zwei Verkörperungen der Sozialgeschichte, und manchmal lässt die Trägheit des Habitus auch in der engsten Beziehung zwei Klassen aufeinander prallen. Verhaltens- oder Ausdruckweisen müssen nicht im mindesten aggressiv oder verletztend gemeint sein, um dennoch genau so zu wirken. In bürgerlichen Kreisen oder bereits im Milieu der Mittelschicht begegnet man zum Beispiel regelmäßig der Annahme, man habe schon immer „dazugehört“. Ähnlich wie Heterosexuelle, die von Homosexuellen so sprechen, als könne ihr Gesprächspartner auf keiner Fall zu dieser stigmatisierten, belächelten oder herabgesetzten Spezies gehören, haben Bürgerliche einen Umgangston, der immer schon voraussetzt, dass man ihre kulturellen und existentiellen Erfahrungen notwendigerweise teilt. Sie merken nicht, welche Übergriffigkeit in dieser Annahme steckt (…)“

(Eribon, Didier, Rückkehr nach Reims, Berlin 2016, Pos. 1699-1703 des eBooks)

Touché!

Eribon gelingt es so, zwei Weisen des Diskreditiertwerdens und sozialer Determinanten an Michel Foucault, Pierre Bourdieu und Jean-Paul Sartre geschult so zu entfalten, dass die Klassenfrage und jene, was es heißt, durch die Beschimpfung zu dem zu werden, was mensch ist, eben schwul, zu verbinden wie auch zu kontrastieren. Er verbindet abstrakte Strukturanalyse, die Schilderung von Subjektivierungsweisen und deren Aktualisierung in alltäglichen Beziehungen und Kommunikationen vortrefflich.

Und das alles im Rahmen einer Autobiographie.

Selten habe ich bei der Lektüre eines Buches so vieles schon gewusst, zu nahe sind Eribons Quellen an denen, aus denen ich schöpfe, und er war on top mit Foucault und Bourdieu befreundet;  und ich habe doch endlos markiert und unterstrichen. Weil es so pointiert und treffsicher beschreibt und zusammenfasst, dieses Buch, was aktuell von Relevanz ist.  Es fasziniert im Vollzug des Denkens und des Aufbrechens jenes Mythos, dass personales Erfahren, Praxis, Lebensläufe und soziale Strukturanalyse nichts miteinander zu tun hätten.

Eribon schildert, wie er nach dem Tod seines Vaters nach Reims zurückkehrt und beim Anblick alter Fotos sein Aufwachsen im Arbeitermilieu Mehr von diesem Beitrag lesen

„Hamburg City“? Kunst aus dem Sudan und Samuel Yirga in der Millerntor-Gallery #6

Ging ja schon los, als wir noch mit rot-schwarzen Under Armour-Menschen frisch bestochen durch das Stadion des FC ST. PAULI, ja, hier schon einmal, ST. PAULI, lieber Clueso, dazu später mehr, pilgerten. Kleiner Tod lichtete wie üblich fantastisch viele formidable Fotos future-fähiger Visionen ab und kann das auch viel besser als ich, also dort vorbeischauen! 

Wie bereits die letzten Male fand ich besonders spannend, das mal nicht nur der tradierte Dünkel deutscher Bildungsbürgerkinder, sondern auch mit Einreiseschwierigkeiten kämpfende Menschen z.B. aus dem Sudan visuelle Räume eröffneten:


Das spannende bei einer Galerie in einem Fussballstadion ist ja gerade, wie die Gänge umdefiniert werden durch die Werke. Michael Fritz belehrte die vom Sponsoren Geladenen profund über Probleme von aus dem Sudan stammenden Künstlern und zitierte dabei viel aus dem grundlegenden Essays „Dear deutsche Kulturstiftung – Africa is not a country“ von Safia Dickersmann (das ich online nicht mehr finde). 

Mir schien wie schon beim letzten Mal neben der politischen Dimension die Auseinadersetzung mit der frühen Moderne und damit immer auch der sich damals öffnende Bruch zwischen KUNST und Kunsthandwerk prägend für diese Künstler aus den afrikanischen Ländern zu sein, was unter postkolonialen Bedingungen auch kein Zufall wäre, haben sich die Werke der Avantgarde des späten 19., frühen 20. Jahrhunderts zur Hochzeit des Kolonialismus doch häufig durch sich-erhebende Praxen der Appropriation, der kulturellen Aneignung vermeintlich „primitiver“ Kunst, erst die Aura verschafft, die Nicht-Weißen regelmäßig aberkannt wird. Kann aber auch sein, dass ich das, Eigenständigkeit ignorierend, hinein gucke, das wäre ja auch typisch. Trotzdem: So eine Fragestellung ist gerade in Zusammenhängen, in denen Menschen es sich leisten können, „Kommerzkritik“ zu üben, also bei uns im Stadion, von höchster Relevanz. 

Obgleich gerade Viva con Agua sich wie ich finde zu recht oft der Kritik ausgesetzt sieht, als U-Boot der Welthungerhilfe einfach nur die Attitude paternalistischer „Entwicklungshilfe“ für urbane, weiße Hipster fit zu machen, schätze ich ja sehr, dass die Akteure gerade deshalb in der Millerntor-Gallery oft genau da hin gehen, wo es weh tut (auch wenn viele das gar nicht merken, weil es sie nicht betrifft). Und übrigens bei Kritik auch nie beleidigt sind. Sie versuchen zumindest, trotz immer wieder aufscheinender, ethnographischer Bildwelt diese auch aufzubrechen. Wie gelungen das ist, das können andere treffsicherer beurteilen als ich; mir scheint es zumindest mehr als nur „gut gemeint“ zu sein, weil auf Ebene der Protagonisten und Subjekte doch überproportional häufig andere Menschen als sonst beim FC St. Pauli in Erscheinung treten. Wobei das Kriterium, dass auf allen hierarchischen Ebenen der Organisation auch Nicht-Weiße agieren, definitiv nicht erfüllt wird.

Dank white Privilege ist es für mich wohl leicht, das auszuhalten und da auch noch gerne hinzugehen. Ja, sagt sich leicht dahin.  Und ich gehe da sehr gerne hin und empfinde die Millerntor-Gallery  für FC St. Pauli-Verhältnisse als die multidimensionalste und avancierteste Veranstaltung, weil der Bruch und vielleicht ja auch Aufbruch da am spürbarsten ist (was sich auch im Publikum zeigt). 

Nun drang gestern bereits im Vorfeld durch, dass mit Max Herre und Clueso recht „große“, chartsaffine Namen die Bühne betreten würden. Im Falle von Max Herre finde ich persönlich die Bezüge, die er in Interviews herstellt:

Ich habe mich seit Jahren immer mal wieder mit Klezmer beschäftigt und mag vor allem die Harmonik sehr. Mit meinen Studiokollegen Samon Kawamura und Roberto Di Gioia habe ich musikalisch etwas herumgeforscht und kam auch in Berührung mit verschiedenen chassidischen Sachen. Mich interessierte vor allem die Geschichte des osteuropäischen Klezmers, der ja auch mit dem argentinischen Tango verwandt ist. Damit habe ich musikalisch experimentiert, und plötzlich war die Musik da.

Was fasziniert Sie daran?

Die Musik hat mir in gewisser Weise den Text diktiert. Ich habe mich in Berlin-Tel Aviv auf eine Reise begeben. Nämlich auf die Suche nach der Geschichte meiner Tante und die meiner Großtante.

Quelle: Jüdische Allgemeine

oft spannender als die Musik, die dann dabei rauskam; als gestern alle zu „Anna (immer wenn es regnet)“ abgingen, fand ich sogar die Kurt-Schwitters Passage irgendwie obszön. Bin ich vielleicht auch zu alt für, dieses „deutscher Hip Hop“- Ding war nie meins und die von Herre beschworenen Curtis Mayfield und Kurtis Blow sind mir doch lieber (und um Klassen besser). Trotzdem ja schön, wenn Menschen ihrer verflossenen Jugend nostalgisch nachfühlen im Stadion zum Herre-Sound (ist ja auch typisch FC St. Pauli, verflossene Jugend zu konservieren).

Na, und dann kam Clueso. Das hat mir schon harsche Kritik eingebracht, dass ich für den immer so schwärme und hat mit Sicherheit auch mit seinem zauberhaften Lächeln und den schönen blauen Augen zu tun (eine Freundin hat mal gesagt, der sei auch nur so erfolgreich, weil er weiß ist, und da ist ja was dran – die Geschichte weißer, heterosexueller Quotenmänner, deren Erfüllung je nach gesellschaftlichem Bereich zwischen 75 und 95 % zu erfordern scheint, wird ja ständig geschrieben, ohne dass die Quote Erwähnung fände). Ich mag seine Texte (mal ab von den misogynen, die sich bei ihm auch finden), finde die Stimme sexy, die Herangehensweise an den unverstellten Flow des sprachlichen und musikalischen Materials häufig sehr gelungen, weil da anders als bei mir das Bildungsbürgerliche fehlt und so Entdeckungen möglich werden. 

Also: Ich bin da schon irgendwie Fan und mache mir nur Sorgen, dass er zu sehr auf das Bild des „Neuen, deutschen Poeten“ mit ach so viel Gefühl und Gitarre sich fixiert und sich etwas zu oft mit teils fragwürdigen Dinosauriern des Deutschrock von Lindenberg bis zu den Puhdys ablichten lässt (deren „Alt wie ein Baum“ gestern im Schlagermove-Zelt lief, als ich nach Hause ging. Dann doch lieber Renft.) 

Viva con Agua unterstützt er seit 9 Jahren, und nun war er auf einer Äthiopien-Reise dabei. Ich durfte das bei Facebook ein wenig verfolgen, und das war schon faszinierend, wie alle Bild- und Tondokumente fortwährend zwischen der Kolonialtradition des weißen Helfers auf Zivilisierungsmission, umgeben von lachenden, schwarzen Kindern, und einem Sich-Öffnen für das Faszinosum dieses afrikanischen Staates und seines Musik- und Alltagslebens changierte. Fast schon kurios der Mitschnitt eines Konzertes des Goethe-Instituts in Adis Abeba, da Max Herre, Clueso und dessen Kumpel Norman Sinn mit derart großartigen Musikern aus dem Ethio-Jazz-Umfeld auf der Bühne standen, dass man bei ihren verschämten Deutschrap-Einlagen schon spürte, dass auch sie spürten, wie sie gegen diese Virtuosen komplett abkackten. 

Daraus entstanden ist ein Song mit: Samuel Yirga. „Aand Nen“ heißt der – hier der Clip (auch in dem sieht man dieses Changieren zwischen ethnographischem Blick, blödem Pop-Gepose mit 90er-Jahre-Lippenbewegen zum Song und echtem Interesse an der Subjektivität derer, denen sie begegneten). 

Samuel Yirga ist beim  Label von Peter Gabriel unter Vertrag, blutjung, lebt in Adis Abeba und definitiv eine Entdeckung. Danke an Clueso und Co, dass sie mir solche Künstler nahe bringen! 

Gestern deutete Yirga seine Fähigkeiten eher an, eindrucksvoll, und doch wirkte es etwas weichgespült für ein Mainstream-Publikum. In den Passagen, da er an seinem Piano so richtig los legte und sich in Blues- und dissonante Afro-Skalen hinein und wieder hinaus begab, da erœffnete sich schon eine atemberaubende musikalische Welt. Und zwar eine, die belegte, wie albern es ist, zwischen „Ethno- und World-Music“ als Partikularphänomen und globalem Pop zu unterscheiden (zudem Herre und Clueso sich nun wirklich anböten, eine Ethnologie deutscher Gegenwartskultur zu betreiben). Yirga spielte auch noch einen traditionellen, äthiopischen Popsong, der komplett unter die Haut ging, mir zumindest. Dass die ganzen offenkundig per BILD zum Cluesogucken Animierten bei diesem zum Smalltalk übergingen, das war nicht nur unhöflich, die haben auch wirklich was verpasst.

Na, und neben dieser echten Entdeckung zeigte sich doch noch die Klasse eine Clueso, über die ein Jan Delay mit seinen Backgroundsãngerinnen, die alle mehr können als er selbst, nicht verfügt: Er nutzte schlicht seine Popularität, einen Raum für Samuel Yirga zu eröffnen. Später kursierten Fotos bei Facebook, die zeigten, was ich vor Ort gar nicht wahrnahm: Dass Clueso zu Thomas Hübner wurde, der fasziniert vor diesem Mega-Musiker auf der Bühne hockte, fast kniete, und so gar keinen Anlass sah, sich in den Vordergrund zu spielen. Als er danach „Love the People“ anstimmte, glaubte ich ihm wieder und war erneut ganz verzaubert.

ABER: „Hamburg City“? Bitte? Konsequent sprach er das Publikum so an – im Stadion des FC ST. PAULI! ST. PAULI, lieber Clueso, nicht „Hamburg City“. Auch Viva con agua konnte nur auf diesem Humus wachsen, den dieser Verein bereit stellt, und in keinem anderen Stadion wäre so was möglich, dass die Gänge derart umdefiniert würden. Dieses „Hamburg City“ ging mir so auf die Nerven, dass ich als einziger (!!!) den „Saaaaaankt Paulihiiiiiiiiii“-Ruf anstimmte. Und KEINER stimmte ein. Stattdessen machten sich Menschen um mich herum lustig. In unserem Stadion! 

Also, lieber Clueso, Du Schwarm meiner schlaflosen Nächte, es ist toll, dass Du da warst, Danke!, aber wenn Du mal wieder unter MEINER Haupttribüne sein solltest, mach Dir doch bitte klar, wo Du gerade bist.

All das musste ich dann noch unserem Präsidenten buchstäblich brühwarm berichten bei einem leckeren Gin Tonic. Der DJ im Hintergrund trug nicht nur einen schnieken, bunten Streifenanzug und Lippenstift, sondern spielte auch zauberhafte 70er-Disco-Tracks, später house;  wir plauschten über Divine und Baltimore – und ja, dieses raren, queeren Momente am Millerntor macht eben doch nur die Gallery von Viva con agua möglich. 

Reine Geschmackssache? Neue Trikots – und ist das Verschwinden des Regenbogens auch das Ende „reiner Symbolpolitik“ des FC St. Pauli? 

„Welcome Hell!“ So der zentrale Slogan des neuen Ausrüsters des FC St. Pauli.

Die Hölle. Also das, wo manch fundamentalistischer Christ unsereins ja hin wünscht. Also uns, die einst „Sodomiten“ genannt wurden, bevor normalisierungswillige Psychiater „Homosexualität“ erfanden, damit es etwas gab, wogegen sich von nun an als „heterosexuell“ gelabelte, also nicht weiter klinisch zu Erforschende weil „normal“, abzugrenzen hatten. Um die Geschichte arg zu verkürzen und zurück in die Hölle  zu kommen. Oder auch dem Marketing des neuen Ausrüsters des FC St. Pauli, Under Armour. Das heißt „Unter der Rüstung“, beinhaltet also eine Verheißung. Wie ja die Hölle auch immer schon, weil da in christlicher Tradition nicht nur richtige Bösewichte angeblich landeten, solche, die gegen Gebote wie „Du sollst nicht töten“ oder „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg‘ auch keinem anderen zu“ verstießen, sondern unter Protestanten noch verschärft auch einfach jene, die frei sind und Spaß haben wollen.

Mensch glaubt es ja kaum, aber Letzteres taucht manchmal auf Ebene der „Kommerzkritik“ sehr wohl wieder auf, auf jener des Geißelns von Sexismus aber nun gerade nicht – und ist zentrales Thema unter anderem in Goethes „Faust“. Auch ein ziemlich sexistisches Machwerk.

Drum: Ist diese Partnerschaft mit „Under Amour“ nun ein Teufelspakt, und sind es eher die lustvollen oder die bösen Seiten des Mephistotelischen, die sich da eröffnen, oder auch nichts von alledem?


Quelle: Kleiner Tod 

Zu Ablauf und Resultaten der gestrigen Trikot-Präsentation haben die vom Magischen FC  und der Kleine Tod ja schon formidabel und ausführlich, zudem perfekt illustriert geschrieben.

Als ich so den Weg mit schritt, den Zukunft unsere Mannschaft am „I will“ vorbei durch rot und schwarz sich ebnen wird, den Gegner verschreckend, wusste ich auch nicht so genau, ob ich nun im nervtötenden Anachronismus konservativer Punk- und Hardcore-Auslegungen ersticken würde oder nicht vielmehr das Ganze auch ganz lustvoll mir als schwulen SM-Club imaginieren könnte. Beim neuen Spielertunnel – siehe die Fotos beim Kleinen Tod – verstärkte sich letzterer Eindruck noch, da ließe sich schon was mit anfangen. Bei der Gestaltung der Wände auf dem Weg dahin hatten immerhin auch Künstler aus dem FC St. Pauli-Umfeld wie Rambazamba mitgewirkt, prima, um diese charmante Darkroom-Atmosphäre zu schaffen. Ein paar Bilder von Tom of Finland dazwischen fehlten mir aber irgendwie doch.
Ja, es geht eben NICHT um reine Geschmacksfragen. Nie. All das Gerangel um Look, Feel, Outfit, Musik, Wandgestaltung und auch Trikotdesign bewegt sich nicht außerhalb sozialer und geschichtlicher Räume.

Es gibt nicht das individuelle, bürgerliche „Geschmacksurteil“ in der Unschuld interesselosen Wohlgefallens, von dem Immanuel Kant einst träumte.

Genau das war ja die Sensation der Trikots, die Jason Lee im Auftrag von „Hummel“ für uns gestaltet hatte: Die Vielfalt der Bezüge von Aquaman bis zu Sex Pistols-Covern, Keith Haring und Animal Print im Post-Punk, die thematische Zuwendung zu queeren Symboliken und auch zu der Lampedusa-Gruppe haben das eindrucksvoll belegt.

Die Orientierung am „Klassischen“ ist immer auch ein bürgerliches Statement gegen die vermeintlich schrillen und grellen Haltungen Geotherter und Deklassierter. Auch das war schon zu Goethes Zeiten so. Und wiederholte sich im New Yorker CBGB zu Zeiten von Patti Smith (die mit dem berühmten Cover zu „Horses“ das aber sogar thematisierte und Gender -Kategorien aufmischte) auch in Abgrenzung gegen die quietschbunten und mit Glamour, Glitter und Pailetten sich feiernden queeren People of Colour der Disco-Ära. Mir ist es jetzt auch scheißegal, ob das in irgendeiner Fankneipe am Thresen verstanden wird – aber wenigstens ist der eine oder da ja bierschwul:)

Und nein, lieber geschätzter Andreas Rettig, das ist auch zu billig, nun zu sagen, die neuen Trikots seien eben wie der FC St. Pauli: Wenig Form, viel Inhalt. Das hängt schon zusammen, Form und Inhalt. Und hinter das, was Jason Lee für den FC St. Pauli geleistet hat, fiel das Präsentierte zunächst mal deutlich zurück.

Zu Beginn war ich drum eher etwas entsetzt über das, was „Under Armour“ gestern mit viel Aufwand uns vorführte: Ein Business-Sprech-Vortrag von irgendeinem ranghohen Offiziellen, den ich problemlos auch selbst hätte schreiben können, ich höre mir so was ja nun auch seit mehr als zwanzig Jahren an. Textbausteine. Trailer, auf grausige Musik irgendwo zwischen Metallaica und Hardcore geschnitten, die so auch schon bei BRAVO TV ’93 in Sepultura-Beiträgen hätten laufen können. Eine ganz lustige Skype-Schaltung zur Mannschaft deshalb, weil die Spieler auch nicht so recht wussten, was sie sagen sollten und Christopher Buchtmann immerhin zu berichten wusste, dass die Trikots schön eng und sie deshalb für den Gegner nicht so leicht zu fassen seien. Der Moderator fragte bei allen interessanten Punkten auch dann nicht genauer nach, wenn Oke Göttlich und Andreas Rettig wirklich Spannendes zu berichten gehabt hätten. Und alles, was im Vorfeld diskutiert wurde über Bezüge zum Blackwater-Nachfolger Akademi oder auch zu Bezügen zur US-Waffenlobby NRA blieb, weil Werbeveranstaltung, ausgespart. Ist das St. Pauli-like? Trivial ist das nicht, weil sich z.B. nach dem Massaker an LGBT-People in Orlando, darunter maßgeblich Latinas und schwarze Menschen, „Gays against Guns“ formierte, explizit gegen die NRA gerichtet. Ich habe beim Rumgoogeln in keinem der Fälle eine engere Verknüpfung gefunden als z.B. die Zusammenarbeit von Under Armour mit Grosshändlern, die Messen beliefern, wo auch die NRA auftritt, finde aber nicht, dass das Thema zu den Akten gelegt werden kann.

ABER: Ich will ja gar nicht nur meckern, weil das eigentlich ganz großartig war gestern😀  … und ja, ich wurde ja auch mit einem Trikot, Speis, Trank und After-Show-Party bestochen, es war sehr schön und ich danke Under Armour für all das und mühe mich trotzdem redlich um Unabhängigkeit.

Es war auch sehr schön, weil der FC St. Pauli ja schon deshalb so großartig ist, weil die Kommunikationswege so kurz und offen sind. Zum Positiven:  Zur Beziehungsanbahnung nach Baltimore wurde tatsächlich eine Delegation von 16 St. Paulianern sowohl aus dem sportlich-ökonomischen Bereich als auch aus den Vereinsgremien geschickt, und so unangenehm besetzt ich letztere mal ab vom Präsidium zum Teil finde, so cool ist das als Ausweis demokratischer Kultur natürlich. Under Armour stellt zudem eine sechsstellige Summe für soziale Projekte zur Verfügung – ob das nun eher 100.000 oder 999.999 Euro sind, wollte Andreas Rettig auf direkte Nachfrage nicht beantworten. Sie statten auch Jugendspieler  und Nachwuchs aus, was  Talente locken kann. Vorbild sind Projekte in Baltimore, wo z.B. auch Sportplätze aus geschreddertem Sportausstattungsabfall gebaut wurden, Schulen bemustert und versorgt  und Müllentsorgung gefördert wurde. Genaueres dazu wurde mir per Mail vom Marketingleiter Deutschland noch versprochen, Philipp Walter, dazu blogge ich dann noch, der sich als ganz außerordentlich zugänglich erwies und so einem dahergelaufenen Blogger wie mir anschließend auf der Terrasse des „Übel & Gefährlich“ für ausgiebiges Fragen zur Verfügung stand.

Deutlich wurde die Bereitschaft, in einem auf mindestens 5 Jahre angelegten Engagement behutsam und mit offenen Ohren auf die Spezifika des FC St. Pauli zu reagieren und nicht auftrumpfend allesamt nach dem Motto „Wir bringen schließlich das Geld mit“ zu überrumpeln. Einzig merkwürdig war die Unterscheidung zwischen Sport und Politik. Aber wenn die Kommunikation so bleibt, wozu auch gehört, dass über die zu fördenden Sozialprojekte Vereinsgremien entscheiden, ist mehr Musik drin als nur Hardcore-Gitarrensound in dieser Zusammenarbeit …

Bleibt nur die Frage: Wohin ist der Regenbogen verschwunden? Da hat sich ja in Teilen des Vereins bis hin zu mutmaßlich denen, die die Kapitänsbinde tragen, so eine Haltung eingeschlichen, dass es sich z.B. bei queeren Ansprüchen um Partikularinteressen einer Minderheit handele, angesichts derer dann Heterosexuelle von Fall zu Fall nach eigenem Ermessen autoritär verfügen könnten, wann diese nun von Belang seien oder auch nicht. Das ist aber weder dem Grundgesetz noch den Vereinssstatuten zufolge (zumindest nicht denen des FC St. Pauli, bei 1910 e.V. könnte das anders sein) so und Kern jeder diskrimierenden Struktur. Das ist auch dann falsch, wenn es üblich und Hetero-Gewohnheit ist – schon wegen „Was Du nicht willst, dass man Dir tu …“.

Nun hat, gewitzt, Oke  gestern, darauf angesprochen – zugegeben zwischen Bier und Gin -, erwidert, dem Verein würde so oft vorgeworfen, er würde lediglich Symbolpolitik  betreiben, und so was wäre ja auch der Regenbogen am Ärmel (das Lichterkarussell opponierte da zurecht) – da wolle der Verein doch nun mal allmählich wirklich strukturell ran und in diesen Fragen grundsätzlich voran schreiten.

Word! Ich bin dabei und allzeit bereit:)

Gedanken nach der Präsidentenwahl in Österreich

Die FAZ, sie sei als Symptom zitiert, fasst es zusammen:

„Die anfängliche „Willkommenskultur“ trieb, wie in Deutschland selbst, den Populisten aus allen Schichten massenweise Wähler zu. Die fühlen sich beim alles beherrschenden Thema Einwanderung von den „Volksparteien“ nicht mehr verstanden, sondern als fremdenfeindliche Dummköpfe verunglimpft, die den „Rattenfängern“ auf den Leim gingen.“

Kurz: Wer nicht von Anfang an bereitwillig dafür plädierte, möglichst viele Nicht-Weiße im Mittelmeer oder sonstwo verrecken zu lassen, hat der FPÖ die Wähler zugetrieben.

Wer nicht bereit war, darauf zu scheißen, mal nachzufragen, wieso z.B. in Libyen es für Menschen aus südlicheren, afrikanischen Gefilden recht plötzlich brandgefährlich wurde, wird notfalls von der taz gerügt. Wer somit der Lampedusa-Gruppe lauschte, hat automatisch Hofer gefördert. Eine frappierende Logik. Wer also nicht  FPÖ-Politik fordert oder betreibt, bringt sie erst hervor. Auch eine Form der Zurückweisung einer jeder Form von Handlungsfreiheit. Ja, ich vermeinte so was auch bei Scholz durchzuhören. Das macht es eher schlechter.

Es scheint ein Phämonen zu existieren, das Neurechte prinzipiell von den Folgen ihrer Forderungen frei spricht, weil ja immer irgendwelche wahlweise Humanisten, Linken, „Gutmenschen“ die Welt hervor bringen, auf die dann nur reagiert würde.  Weil diese Gruppen  ja nachweislich an den Hebeln der Macht sitzen – . Harharhar. Das ist auch nicht neu – an den Neonazis der 90er waren ja auch schon die ’68er schuld. Und der Historikerstreit der 80er entzündete sich an der – aus der Erinnerung zitierten – These Noltes, der Nationalsozialismus sei ein Bollwerk gegen den Kommunismus gewesen. Was ja viele bürgerliche Steigbügelhalter vor ’33 auch so sahen.

Der FAZ scheint es wohl absurd, die Frage zu stellen, die ich auch nicht beantworten kann, welche Einflüsse, Folgen und Nicht-Einflüsse westlicher und sonstiger Politik in Syrien wirken und nicht wirken und was eine Wirtschaftsgroßmacht wie Deutschland und ihr fortwährender Export-Boom damit zu tun haben könnten. Warum auch. Wir nationalisieren halt alles und jedes, ganz egal, was auch immer da kommt und geschieht. Auch das ist Deutschland.

Wer nicht a priori schrie, dass, wasauchimmerdasheißt, „Integration“ „märchenhaft“ sei, züchtet sozusagen notwendig neofaschistische Tendenzen (als soche sind die meiner Meinung nach zu werten). Die, die sie aktiv betreiben, fördern, fordern, wählen, sind immer schon frei von jeglicher Verantwortung und meinen das alles gar nicht so. Ist nur Gegenwehr gegen die, die solche Tendenzen nicht zulassen wollen. Ach so.

Darin sind in allerlei Analysen ja sowieso fortwährend einig: Ein tief verwurzelter und institutionalisierter Rassismus, nö, gibt’s gar nicht. Nur dann, wenn ein Nicht-Weißer zufällig mal anwesend ist, und dann ist der selbst schuld. Ein unsäglicher Dünkel kultureller Überlegenheit? Nö, nirgends! Die Verdrehung universeller, normativer Voraussetzungen eines gelingenden Zusammenlebens auf Basis symmetrischer Relationen hin zu irgendeinem sittlichen Kernbestand, über den Andere angeblich nicht verfügten, nur WIR, scheiden in solchen Weltbildern von vornherein aus als Grund für die anwachsenden Wellen des Trumpismus, Putinismus und Orbanismus aus – allesamt Profiteure einer neoliberalen Politik übrigens, die eben diese durch einen völkisch gefärbten Kulturdünkel in allerlei Supremacy-Varianten abzumildern vorgeben.

Das ist schon ein gewaltiger Coup. Erst redet man Menschen drei Jahrzehnte lang ein, ihr Verzicht gründe in der geschichtsnotwendigen Kraft der Globalisierung. Diese erfordere nun mal im Zuge internationaler Konkurrenz eine Absenkung der Standards in Sachen Lohn, Absicherung, Rente usw. – und dann schiebt man anschließend den kläglichen Restbeständen eines Internationalismus, der noch die Emanzipation aller gleichermäßen zum Ziel hatte, die Schuld für die Folgen in die Schuhe.

Aber der ist ist ja eh weitestgehend verschwunden, dieser Internationalismus. Stattdessen verwirrt er sich in Teilen selbst durch kokettierende Putin-Anbiederungen, weil ja die US-Aggression nunmehr vor allem gegen diesen gerichtet sei (das könnte ja zu recht so sein) – und sorgt so dafür, dass z.B. TTIP in manchen Kreisen gar nicht mehr kritisierbar ist, ohne dass einem gleich der „Antiamerikanismus“-Waschlappen ins Gesicht fliegt.

Letzteres, der leider in vielen Fällen sogar richtige Antiamerikanismus-Vorwurf dann, wenn beim Wettern gegen „Investorenschutz“ vor allem deren „Ausländischsein“ beklagt wird, federt dann aber zugleich  ab, dass z.B. in der Frage nach unabhängigen Wirtschafts-Schiedsgerichten nur wieder eine menschenrechtsorientierte Politik, ja, ich weiß, die ist oft auch nur vorgeschoben, an deren Begründung ändert das aber nichts, den Interessen ökonomischer Akteure geopfert wird.

Das schürt, weil es ja begriffen wird, diesen in seiner politischen Orientierung widerlichen Zorn auf „Eliten“ und das „Establishment“ oder auch „Systemparteien“, die die „Interessen des Volkes“ nicht mehr berücksichtigen würden – widerlich daran ist das Verständnis von „Volk“, weil es im Sinne vordemokratischer VolksGEMEINSCHAFTEN im rassistischen Sinne interpretiert wird.

Nun haben politische und ökonomische Akteure ja tatsächlich jahrelang global Arbeitende gegeneinander ausgespielt und „Standortkonkurrenz“als Begründung noch der gruseligsten Maßnahmen angeführt. So kursieren auf einmal auf der Irgendwielinken in Zirkeln knapp unter offiziell wahrnehmbaren Öffentlichkeiten scheußliche Begriffe wie „Migrationswaffe“: Um endgültig den Interessen Arbeitender und Arbeitsloser den Garaus zu bereiten, würden nun alle Schleusen, also Grenzen geöffnet, um billige Reservearmeen für den Arbeitsmarkt „herein zu lassen“. Nachdem Prekariat und Billiglohnsektor erfolgreich etabliert seien, ginge es nun um die endgültige Verelendung und Emtrechtung. Schlimm genug, dass so was kursiert – der Grund liegt aber bestimmt nicht bei den „Gutmenschen“, sondern gespiegelt wird, was von Friedman über Thatcher und Reagan bis Schröder politisch eingeprügelt wurde. Und die einzige Antwort ist eine inklusive Ökonomie, keineswegs eine, die Nutzlose produziert, die sich wechselseitig bekämpfen teils wollen und unterbieten teils müssen.

Nichts von dem ist gut, vieles ist erbärmlich oder rechtfertigt nun schon mal gar nicht, in Hörner zu stoßen, wie z.B. Frau Wagenknecht das tat.

Es werden zur Tarnung auf jeden Fall alle möglichen Kultursaucen darüber gegossen, sei es nun westlich-liberal versus Islam oder sonstwas, wobei regelmäßig vergessen wird, was „liberal“ so alles mal hieß (und in den USA teilweise noch heißt). Weil eine kulturelle Deutung die ökonomische überschrieben hat, und das so, dass das POLITISCHE, grundrechts-basierte, formal-demokratische, partizipatorische Element verschwindet. Es wird weiter völkisch gedeutet im Sinne des „kulturell Dominante dürfen per Mehrheitsentscheud darüber verfügen, welche Minderheit welche Rechte erhält und welche nicht“. Was undemokratisch ist, weil es dieser die Legitimation entzieht. Mehrheitsentscheidungen gründen in Individualrechten – werden diese aufgehoben, ist das Verfahren nicht mehr rational begründbar.

Das leitet über zum zweiten, entscheidenden Faktor: Der Privilegienabsicherung. Weil neben der Globalisierungsrhetorik seit den 60er Jahren eine weitere Mechanik am Wirken ist, die zum Eingangszitat aus der FAZ zurück führt: Die Emanzipationbestrebungen rund um das Spektrum von Martin Luther King bis zu den Black Panthers, immer neue Wellen des Feminismus wie auch queerer Bewegungen führen häufig zu hochaggressiven Absicherungen der Vorrechte bis dato dominanter Gruppen – historische Analogien finden sich in der zunehmenden rechtlichen Gleichstellung von Juden im Verlauf 19. Jahrhundert, die immer neue Aufwallungen antisemitischer Exzesse nach sich zogen.  Die ja auch von Verfechtern der Aufklärung zu hören bekamen, was heute Muslimen entgegen schwallt: Mach doch mal die Locken neben den Ohren weg, Du bist doch irgendwie im Mittelalter stehen geblieben mit Deiner Religiösität. Eine pseudowissenschaftliche Biologisierung folgte dann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, nicht zufällig zur Hochzeit des Kolonialismus: Auch sowas findet sich heute wieder in Bestsellerlisten.

Ich persönlich finde zwar beunruhigend, dass religiöse Begründungen zunehmend wieder politisch hoffähig werden, das ändert aber nicht daran, dass auch die Möglichkeit der religiösen Praxis im Sinne grundrechtsbasierter Politik gegeben sein muss, keine derer priviligiert zu werden hat in einer so begründeten Demokratie und diese kurios folkloristische Deutung des „christlichen Abendlandes“ durch Pegida und Co als einzig mögliche Gestaltung öffentlicher Räume irgendwo zwischen Feiertagsromantik und Kirchengebimmel angesiedelt ungefähr so viel politische Berechtigung hat wie die Forderung, es dürften nur und ausschließlich Andrea Berg, die Puhdys und Udo Lindenberg (sorry, Udo, Du tickst in diesen Fragen schon richtig) im Radio laufen. Und Ähnliches wird ja sogar gefordert.

Um so gruseliger, dass bis hin zu Kretschmann und Anderen das Narrativ, Konsequenz aus dieser doppelten Frontstellung, ich nenn’s mal „Traumatisierung durch neoliberaken Systemwechsel“ und „Absicherung altgewohnter, kultureller Dominanzen und Formen des eingeübten Dünkels“, sei, nun die „Sorgen und Ängste“ der immergleichen als Maßstab anzusetzen. Weil sonst allesamt erst so richtig faschistisch würden. Das ist Victim-Blaming, und das mag im Antisemitismus analog Jahrtausende eingeübt worden sein, Juden die Schuld an ihm zu geben: Es ist nicht der Geflüchtete schuld, dass manche finden, er solle abgefackelt werden –  und seine Unterstützer sind dies auch nicht.

Es wird doch flächendeckend auf die Sorgen und Ängste von Geflüchteten, von Muslimen und Nicht-Weißen in Deutschland und muslimischen und nicht-weißen Deutschen, von queeren und Trans*Menschen geschissen. Und, misogyn, wie dieses Land strukturiert ist, gelten die Interessen und Gefühle von Frauen ja auch nur was, wenn die sich rassistisch instrumentalisieren lassen. Ansonsten gibt’s Saures und offene Gewaltandrohungen.

Klar, wie in Österreich treten auch verdammt viel Ignorierte und politisch eben auch nicht Vertretene für die Rechte nicht-dominanter Gruppe und von Geflüchteten ein – so manches, natürlich nicht jedes Mal aber eher, wenn es mal wieder primãr darum geht, nicht Nazi zu sein und weniger um die Betroffenen.

Zunächst schien bei dem, was dann zur „Flüchtlingskrise“ umgewidmet wurde, kurz was ganz anderes breitenwirksam zu erwachen – das Interpretationsfolien Schaffen der FAZ belegt, wie so ein zartes Pflänzchen von rhetorischen Springerstiefeln nicht nur dort zertrampelt wird. Über das Brutalitätspotenzial derer, die sich durch die FAZ bestätigt sehen könnten, verfügen deren Gegner nicht.

Was bleibt? Eben beides. Ökonomische und kulturelle Emanzipation wieder zusammen denken und zu konzeptionalisieren, ohne sich von all den Blockkonstruktionen beeindrucken zu lassen – und das so zu denken, dass die wirtschaftlich in 30 Jahren Neoliberalismus Erpressten begreifen, dass das in ihrem Interesse ist wie auch in dem der Geflüchteten. Und in Sachen „Reformpolitik“ hat es die Menschen in anderen europäischen Länder härter getroffen als nun ausgerechnet in Deuschland oder Österreich – ganz zu schweigen von fortgesetzem Kolonialismus in anderen Schläuchen anderswo.

Nicht mit Putinismen kungeln, sondern das, was mal linke Ideale waren, wieder ernst nehmen. Würde ich mal sagen.

Hoch die internationale Solidarität eben – statt nun der FAZ und anderen ihr Gerede von legitimen, völkischen  Volkszorn durchgehen zu lassen. Emanzipation umfassend begreifen. Weil sie das Leben besser macht. Schwache Worte nur angesichts umfassender Gewalt – aber was denn sonst?

Intensitäten: FC St. Pauli – Kaiserslautern 5:2 (… und viel Backstory zur Schnürsenkelfrage)

Heute ist der 17.5. – der internationale Tag gegen Homo- und Transphobie. 

Mag der Begriff „-phobie“ in diesem Zusammenhang auch weiterhin mit guten Gründen umstritten sein, Heterosexismus trifft es besser; sollte auch eher ein Bindestrich-PRO für alle Lebensformen- und weisen jenseits von Hetero- und cis-Sexismus Ziel sein: Im Sinne der Freiheit aller gleichermaßen führt als Weg dahin eben nur das nachhaltige Abräumen all dessen, was Grenzen und Abwertung schafft. Von Strafandrohungen – und -vollzug überall da, wo es den noch gibt, ein Ende der großen und kleinen Feindseligkeiten gegen „Geotherte“, versteckter und offener Gewalt (der insbesondere Trans*menschen am häufigsten zum Opfer fallen). 

Und auch dort, wo alle sich vollends aufgeklärt wähnen, formal-liberale Toleranz zu leben glauben, sind die Mikrophysiken der Macht, der subtilen Entwürdigungen und offenen Ignoranzen „Dann hängen wir mal ’ne Regenbogenflagge auf, und das Thema ist endlich erledigt und wir können uns wieder dem heteronormativen Tagesgeschäft lautstarken Mackerns zuwenden“ oft noch wirksam. Geboten ist, Diskriminierungs-, Unterdrückungs- und Gewaltformen systematisch aufeinander zu beziehen. Sie auf Identität und Unterschied (!!) hin abzuklopfen. Was immer auch beinhaltet, die Instrumentalisierung Homosexueller zurückszuweisen, wenn dadurch Rassismus genährt wird – und eben diesen wie auch Transfeindlichkeit in Gay Communities ebenso hinter sich zu lassen.

Zum Kernbestand nicht etwa der „Werte“, sondern der notwendigen Regeln eines gelingenden Miteinanders gehört beim FC St. Pauli satzungsgemäß auch das Ziel, solche Formen symbolischer Gewalt, Diskriminierung eben, wirksam zu bekämpfen. Das betrifft Sexismus, Rassismus, Homo- und Transphobie gleichermaßen – und Ableismus auch. Welche Mittel, strukturellen Wandlungen und symbolischen Aktionen dazu führen können, das ist wohl so klar noch nicht. Damit nicht im Sinne des Erreichten die Suche einfach so selbstzufrieden eingestellt werden kann, sondern sie kontrovers weiter betrieben wird, formulieren Aktive häufig über so genannte „soziale Medien“ initiierte Interventionen.

Zuletzt: Warum beteiligt sich die Mannschaft des FC St. Pauli nicht an einer Aktion „der Region“, Regenbogenschnürsenkel beim letzten Heimspiel zu tragen?

Bei Facebook machte ein Post des „Aktionsbündnisses gegen Homophobie und Sexismus“ die Runde, in dem suggeriert wurde, in der Geschäftsstelle und im sportlichen Bereich herrsche das Lippenbekenntnis.. 

Mich wunderte das. So was kenne ich eher aus Teilen der „aktiven Fanszene“, aber aus der genannten Richtung bisher nicht. Könnte aber ja so sein.

Trotzdem: Immerhin hatte die Mannschaft eine Regenbogenflagge gespendet, lief mit Transparenten, die Sookees „Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich lieben“ beim Heimspiel auf, trug stolz die Regenbogentrikots wie auch antifaschistische Botschaften am Leib – nun kursierte die Aussage, an Aktionen an Spieltagen wolle sie sich nicht mehr beteiligen. 

Verwundert rieb ich mir die Augen. Huch? Geladen als Blogger zum Fotoshooting von Viva con Agua, die Diskussion im Kopf, fand ich mich in einem Hinterhof in Ottensen wieder. Robin Himmelmann, Lennart Thy und Philipp Heerwagen waren noch anwesend – ein Making of zu den Fotos, die als Geburtstagsgeschenk an den Verein bei der Milerntor-Gallery zu sehen sein werden, findet sich bei Stpauli.nu. Die Diskussion rund um die Schnürsenkel entbrannte zunächst unter Bloggern und Pressebetreuern mitten im Raum – wohl unüberhörbar. Philipp Heerwagen gesellte sich zu uns. Ganz von selbst. 

Klarstellung: Im Mannschaftsrat sei das Thema ausführlich diskutiert worden. Tatsächlich, was dem Nicht-Fussballer vielleicht so klar nicht sei, seien Schnürsenkel nun mal zentraler Bestandteil des Arbeitsgerätes. Wohl wie das Rohrblatt, auf dem ein Saxophonist spielt, da geht ja auch nicht jedes – Haptik, Reißfestigkeit und andere Eigenschaften seien entscheidend für ein sicheres Gefühl beim Spiel. Keineswegs habe sich sich die Mannschaft generell gegen Aktionen an Spieltagen ausgesprochen, und schon gar nicht die Teilnahme an einer solchen gegen Homophobie grundsätzlich verweigert. Immer gern!  Spieler, die neu zum Team stießen, würden unter anderem von ihm prompt darüber aufgeklärt, welche Haltungen und Grundsätze in diesem Verein geboten und Grundlage, somit ggf. erlernbar seien – weil diese auch für jene auf dem Rasen gelten. Er selbst trüge zudem den pink Torwartdress auf dem Platz sehr gerne, weil er wisse, dass viele Zuschauer das provoziere (alle Zitate sinngemäß, ich habe nicht mitgeschrieben. Er fand es aber okay, dass ich darüber blogge, hab ich mir selbstverständlich erlauben lassen). 

Das Bemerkenswerte sind ja nicht nur die Aussagen. Prima! Sondern, dass diese Art von Kommunikation zwischen Fussballprofis und Bloggern einfach so stattfinden kann beim FC St. Pauli – von den Spielern initiiert. Ich jammer und hader ja nun auch alle Nase lang mit irgendwas rund um den Verein. Aber, hey, das ist, glaube ich, doch ganz schön ungewöhnlich. Eine mangelnde Identifikation mit dem, wofür der Verein neben dem Fussball sonst noch so steht, war da aber so gar nicht spürbar. Dankeschön! Und: Toll!

Auch die Geschäftsstelle legte nach. Regenbogeneckfahnen beim Spiel statt der Schnürsenkel, und heute deutlichste Stellungnahmen zum Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie. Alle Kommunikationen drumherum zeigen: Das ist Bewegung drin! Es werden auch strukturelle Fortentwicklungen diskutiert und hoffentlich eines Tages umgesetzt. Solche, die weiter gehen als das, was in der „aktiven Fanszene“ mir zumindest diskutierbar erscheint. Auch Viva con Agua regt sich und ist in Bewegung. Bin gespannt, wohin:) – und blogge begleitend.

  
Also: INTENSITÄTEN! Ja, Überleitung zum Schwärmen. Zur offenen Begeisterung. Nicht nur darüber, dass es in diesem Verein doch möglich ist, als offen Schwuler mehr oder minder mitten in die Umkleidekabine zu spazieren, laustark Heterosexismus zu diskutieren und dabei nicht nur auf offene Ohren, sondern auf aktives Interesse und volle Handlungsbereitschaft zu stoßen. 

Nein, auch diese so rundum schönen, erfüllenden und ja, intensiven Stadionerlebnisse: Es gibt sie noch!

Solche Erfahrungen, Emotionen wie das Spiel am Sonntag, das glückliche Ausharren nach dem Spiel auf den Rängen, ehrliche Freude angesichts einer doppelten Ehrenrunde der Mannschaft, sich nicht lösen können vom Stadion, ein Wohlgefühl jenseits trügerischer Euphorie ein Schweben in den Alltag trägt und „Zeitqualität“ neu definiert – wow! 

Nicht nur wegen der 5 Tore. Nicht nur, weil Ryo Miyaichi derart einschlug (klar, auch deshalb, aber nicht nur) – und auch nicht nur, weil wirklich von ganzem Herzen Lennart Thy, Okan Kurt, Jan Verhoek und Enis Alushi so was von alles Gute gewünscht werden kann, weil’s gute Typen sind  – weil sie mit uns ja ein verdammt tiefes Tal durchschritten haben, in schwierigsten Situationen reinhauten (Kurt, einst auf den Platz geworfen inmitten eines Abwärtssogs, er hielt stand!) und auch für Restabilisierung sorgten. Ich meine, Platz 4: Danke! Natürlich auch an Ewald Lienen. Auch, weil ich niemandem das Tor mehr gönnte als Christopher Buchtmann. 

Weil es insgesamt einfach schön war. 

Weil so ein Feeling des Neuen in der Luft lag. Als gäbe es mehr als Konservieren längst erzählter Geschichten. In der Spielweise. Im Torjubel auf den Rängen. 

Vielleicht ja von Regenbogenfarben beschwingt, eingefärbt, verzaubert. „Somewhere over the rainbow“ –  

„And the dreams that you dreamed of

Dreams really do come true ooh ooooh

Someday I’ll wish upon a star

Wake up where the clouds are far behind me ee ee eeh

Where trouble melts like lemon drops …“

Und das auch noch auf der Reeperbahn nachts um halb 1. Wurde ja auch endlich mal wieder gesungen. Viele sprachen von einem „versöhnlichen Abschluss“. Wofür versöhnt? Zu meckern hatten wir ja nicht wirklich was. 

Es bleibt halt das Werden … wenn es weiter so wird, wird es gut. 

You don’t have to be cool to rule my world: FC St. Pauli – 1860 München 0:2 

Cool muss echt nicht. Lovesexy reicht ja, und das ist eh eine Energie, die befällt, wann immer das Individuum sich empfangsbereit dafür fühlt. Glaube ich. Nur dass das halt allzu oft blockiert und behindert wird durch all die -ismen …

Aber … vielleicht wäre es ja anders gelaufen, wenn eben doch, ganz, wie Erik sich das gewünscht hatte, „Let’s go crazy“ vor dem Spiel gelaufen wäre. Immerhin ist Prince da noch aufgetreten. Und immerhin standen wir hinterher in einer Kleingruppe nicht mehr so ganz Junger vor der Domschänke und schwärmten uns von Prince ausgehend durch die Tracks der Heroen, auf deren Schultern er thronte: Nile Rodgers zum Beispiel. Auch, dass der in einem Club, in dem Trans-Menschen performten, auf die Idee zu „I’m coming out“ kam, das er Diana Ross schrub. So berichteten wir uns, durch Super-ARTE-Dokus belehrt.

Da schließt die Frage an, wieso in so einem Fall eine Göttin wie Diana Ross als Medium männlicher Songwriter hier von mir beinahe behandelt worden wäre. Was sowohl falsch als auch unverschämt wäre. Unsere Spieler sind ja auch nicht die Medien Lienens, während sie mal mehr, mal weniger seine Vorgaben in Musik auf dem Platz verwandeln. Vielleicht ist Lienen ja ihre Muse. Diese Frage danach, inwiefern die Interpretin eben selbst erschafft, stellt sich z.B. den Jazz-Improvisierenden gar nicht. Da dudelt mensch über die Akkorde von Cole Porter oder Miles Davis und macht was draus. „Rappers Delight“ der Sugarhill Gang basierte ja auch auf „Good Times“, dem wohl meistgesampleten Riff, von – Nile Rodgers. 

Gerade in Zeiten, da auf Stuttgarter Parteitagsreden ein chauvinistischer und hochaggressiver Kulturnationalismus erhebliche Bevölkerungsteile zu „Volksfremden“ erklärt (und damit auch nur explizit macht, was die Gefühls-, Wahrnehmungs- und Handlungsweisen großer Teile der „Mitte“ implizit im Altagsempfinden bestimmt, selbst wenn viele derer anders darauf reagieren) und sie in ihren Freiheitsspielräumen krass beschneiden will, ist ja im Gegenzug auf die tiefschürfende Prägung kultureller Diversität hierzulande  u.a. durch internationale Popkultur zu verweisen. Die eh wirkt, zum Glück. Die wollen zurück in die Zeit vor AFN und BFBS zu „Grün ist die Heide“, was die Kulturwüste Deutschland nur endgültig veröden würde. Mensch braucht ja nur mal in die Gazetten schauen, was hier mittlerweile als Philosoph gilt. Fängt mit S an. Erschütternd. Jetzt verteidigt – übrigens zu recht – sogar schon Alan Posener in DIE WELT Political Correctness als Basis sinnvollen Diskutierens, während die Irgendwielinke noch dabei ist, Critical Whiteness niederzuschreiben.

Was nun durch immer dieselbe Punkrock-Folklore auch dann nicht korrigiert werden kann, wenn Vertreter derer von den Neurechten am Auftreten gehindert werden sollen (was nix wurde; wären die echt noch subversiv, hätte die SPD den Slime-Gig vermutlich gleich mit unterbunden). 

Ja, ich tue mich schwer, über das Spiel zu schreiben – für die 60er war’s schön, für uns irgendwie belanglos. 

  
Keineswegs belanglos die tolle Choreo auf der Gegengeraden – die weist hoffentlich auch weiter auszubauende Wege in die neue Saison. „All colours are beautiful“ – von Regenbogenfahnen umgeben.

Wie froh wir sein können, dass Fafa Picault bei uns bleiben wird, das stellte er einmal mehr unter Beweis. In den war „Let’s go crazy“ nun aber so was von gefahren, hinten und vorne und überall Picault. Toll. You don’t have to be cool, you have to be Fafa. Und beim nächsten Mal strahlt das dann derartig intensiv auf alle aus, dass unser Saisonfinale, das letzte Heimspiel, schon all das Grandiose vorweg nehmen wird, was die nächste Saison uns schenkt. Und dann wird das Spiel bestimmt auch von den Klängen Prince‘ bestrahlt. Ja, wer keine Kraft zum Träumen hat … 

Wie die Geschäftsführer des FC St. Pauli 90 Minuten lang …

… eine Frage abwehren wollten, die die taz anschließend dennoch stellte

Oder: Was macht Sportjournalismus? Wozu ist er da?

Womit vertreiben sich die mutmaßlich müden Kollegen vom Abendblatt oder den 11Freunden ihre ggf. trüben Tage, was geht in denen von MOPO und BILD vor, die Tag für Tag Zeilen schinden und sie sich aus den wund getippten Fingern saugen müssen? Lesen sie heimlich Camus‘ „Der Mythos des Sisyphos“ und wagen es nicht, das den Kollegen zu verraten, dass sie gar nicht wie alle anderen auch „Frauentausch“ und ähnliche Formate gucken, wenn gerade kein Fussball läuft? Um Hohn, Spott und Ausgrenzung zu vermeiden, verschweigen sie solche Lektüren halt lieber?

Hassen sie heimlich Stutzen, Bälle und Rasen, meiden phobisch allzu grüne Parkflächen? Schreiben im Verborgenen – nur  für die Schublade! – Thriller über Serienkiller, deren Trillerpfeifen beim Morden schrillen, während sie ihre Opfer mit Freistoßspray verzieren oder ihnen Spielernoten aufs Rückrad tätowieren? Oder wachen sie nachts aus Alpträumen auf, weil sie ihre Leser als wabernde Zombie-Apocalypse imaginierten, die,  auf sie eindringend, Headlines wie „Lienen will nicht mit der Mistgabel essen“ hungrig schmatzend ihnen entgegen stöhnen vorm finalen Biss (und andere Lyrik aus des Sportjournalisten-Hirn)?

Fragen, die gestern allesamt NICHT gestellt wurden. Hätte mich schon interessiert.

Andreas Rettig und Thomas Meggle, kaufmännischer und sportlicher Geschäftsführer des FC St. Pauli, hatten zum Hintergrundgespräch geladen. Neben den Erwähnten versammelten sich auch Fanzine-Macher und Blogger, alle lauschten gebannt in der Viva con Agua-Loge im Millerntor-Stadion.

Wir erfuhren viel: Dass Freiburg einen immens höhren Anteil an Fernsehgeldern zur Verfügung habe als wir, dass der FC St. Pauli hohe Investitionen fortwährend tätige in Stadion und Infrastruktur und das auch – aus Überzeugung! – durch den Verkauf des Stadionnamens nicht zu lindern sei. Dass andere Vereine ihre U23 abmeldeten, wir nicht. Dass Umsatz nicht gleich Etat sei. Dass der Rückerwerb der Merchandising-Rechte ja erstmal koste, bevor er Einnahmen generiere. Dass auch auf Rekorderlöse aus Spielertransfers Steuern zu entrichten seien und mensch nie genau wisse, wann die Vereine, wo die Jungs nun spielten, das Geld überweisen. Dass in Software zur Spielersichtung- und beurteilung investiert werden müsse und diese ja nicht nach Namen und Beliebtheit bei den Kollegen vom Print ausgewählt würden, sondern auch nach Funktion im Kader, Spielertyp, links- und rechtsfüßig, groß und klein, in- und ausländisch (inwiefern ein höherer Anteil ausländischer Spieler sich negativ auf den Teamgeist auswirke, wie behauptet wurde, erschloss sich mir nicht) wie auch aufgrund von Fähigkeiten je nach Spielsituation: Ein Fafa Picault sei auch dazu da, in der zweiten Halbzeit, wenn mehr Räume entstünden, diese zu nutzen. Funktionale Differenzierung nennt das der Soziologe, früher sprach mensch von Arbeitsteilung.

Pointe: Auch in der nächsten Saison sei der Lizenzspieleretat nicht erheblich höher als in dieser, und die Mannschaft sei doch schon super gebaut (und ein toller Stürmer auch schon verpflichtet). Wie der Tabellenplatz und der Saisonverlauf ja belegten. Und in der Tat: Trotz manch kuriosen Heimspiels ist Meckern ja nicht wirklich angesagt, sondern eher ein fettes Dankeschön dem Team entgegen zu schmettern – zudem der Großteil derer im Kader uns auch vorm Abstieg zuvor bewahrte.

Die Botschaft: Sonnenklar. Info-Dump, um denen, die täglich schreiben wie auch den Besserwissern in den Kommentarspalten „sozialer Medien“ die Parameter zu skizzieren, in denen sich die Handlungsmöglichkeiten der Verantwortlichen bewegen. Eine gewisse Gereiztheit war spürbar, denen all das nun überhaupt so haarklein aufbereiten zu müssen. War ja so überraschend alles nicht und neu ebensowenig.

Aber: Ging nicht der Vortrag ein wenig an der Zielgruppe vorbei?

Oder, anders gefragt: Geht es bei der Berichterstattung rund um Fussball und all die kneipenabendfüllenden Diskussionen rundherum überhaupt um INFORMATION oder gar WISSEN?

Ist es nicht eher der Reiz der Meinung, des Gerüchts, der Spekulation und vor allem des BEURTEILENS Anderer, der Lust anstachelt und das Spiel aum Laufen hält? Ist Grundlage des Kommentierens gar das Abwägen, faktenbasiert? Interessiert das noch wen?

Ich wage es ja kaum zu vermuten, und bestimmt irre ich, aber, wenn es denn gar möglich ist, dass des nachts in Ohmachtsgefühlen und Schweiß gebadet der Sportjournalist seine LeserInnen als ihn selbst zitierende Zombies erträumt und übermüdet solche Bilder und Stimmungen Gedanken über jene, die frisch geschriebene Zeilen in der U-Bahn lesen werden, beeinflussen KÖNNTEN – ja, manchmal kommt mir der Gedanke einer unterschwellig vergeltungsfreudigen Haltung, die Texte antreibe, eine gewisse Wut und Verachtung den Lesenden gegenüber könnte spürbar sein, das ist unfair und ungerecht, ich weiß -, ist dann so Profanes wie tatsächliche Handlungsspielräume überhaupt wichtig? Oder ist es nicht vielmehr unterhaltsamer für fast alle Beteiligten, wenn Ängste geschürt werden, dass wichtige Spieler gehen könnten, dass vor lauter Selbstzufriedenheit wichtige Maßnahmen gar nicht als solche erkannt würden und, wenn schon die ewig gleichen Berichte zu verfassen sind, wenigstens ein klein wenig das Gefühl eigener Macht dadurch angefüttert wird, dass Unruhe verbreitet und ein Hauch von Zwietracht gesät und geerntet werden KÖNNTEN?

Hey, that’s Entertainment! Drei Regeln gibt es für gute Dramaturgie: Konflikt! Konflikt! Konflikt! Steht zumindest in „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“. Und anschließend noch ein verächtliches „Für immer zweite Liga“ ausstoßen …
Als Thomas Meggle und Andreas Rettig ihre Ausführungen beendet hatten, stellte der Verteter der taz die Frage – sinngemäß – doch noch. „Sagt mal, wollt ihr nicht noch ein wenig Geld in die Hand nehmen, um ein paar richtige Granaten zu verpflichten?“ Wie gesagt: Sinngemäß. Aus der Erinnerung zitiert.

Andreas Rettig zeigte sich angesichts der Frage enttäuscht.

Unabgegolten. So viele offene Fragen – Danke, Prince! 

  

Ein bißchen gruselig ist es ja schon, wenn nach Monaten der Blogpause erneut ein Nachruf in „Metalust & Subdiskurse“ erscheint. 

Prince. R.i.P.. 

Ich gebe es ja zu: Vor allem eine Erinnerung. Auch für mich. An die 80er und die frühen Neunziger. Eine intensive, eine schöne, eine inspirierende – eine, die eigenes Ausweichen schmerzhaft fokussiert und die Glaubwürdigkeitsfrage auch dann stellen würde, wenn es ein „antiauthentisches authentisches Sein“ gäbe. Prince hat unendlich überragende Antworten gegeben (wenn auch, so sagt das Netz, nicht unbedingt auf die Frage nach der Homo-Ehe) – und bleibt lebendig als Fragestellung. Eine, die das Unabgegoltene wohl noch viel schärfer ausleuchtet als im Falle David Bowies.
Noah Sow, von der ich so viel mehr lernen durfte als von vielen anderen Menschen, verlinkte bei Facebook anlässlich des Todes von Prince einen Text. Ich finde ihn nicht wieder und paraphrasiere drum. Der Text eines Menschen, der in Brooklyn oder der Bronx aufgewachsen von Prince lernte, was für Weiße durch David Bowie ermöglicht worden sei: Sein zu dürfen, was er als Schwarzer sein wollte – als eben das darzustellen zu müssen, was er darstellen solle. So ungefähr.

Wie immer, wenn Noah etwas verlinkt, entstand ein sonores Grübeln in meinem Kopf bei der Lektüre all der Nachrufe und verstummte nicht mehr. 

Manche Totengebete in der hiesigen Presse normalisierten vor sich hin, indem sie Prince wahlweise als Popclown oder „Exzentriker“ behandelten – was immer das meinen kann. „Exzentrisch“ – außen vor, nix Maßgebliches wohl für „die Mitte“. Andere zählten seine Hits auf und erzählten dann, dass sie was mit denen erlebt hatten. 

Deutlich wurde, dass sie nicht IN IHNEN erlebt hatten: Eher zufällig lief dessen Musik, als sie auf vergangenen Parties turnten und knutschten, und er war halt ein Superstar. Viele griffen den „Gender Trouble“, von Prince so virtuos inszeniert, auf – am absurdesten ein Autor bei ZEITonline, der ihm eine „Überlegenheit über Judith Butler“ attestierte. Der Gedanke als solcher schillert schon so völlig unsinnig, dass ich lachen musste – wie kommt so ein Schmierfink auf solch eine Hierarchiebildung? Unter anderem führte er an, dass Prince ja Gitarre spielen konnte. Mal ab von der möglichen phallozentrischen Deutung – dazu später mehr -: War jetzt Udo Jürgens Jürgen Habermas überlegen, weil er Klavier spielen konnte und in „Dieses ehrenwerte Haus“ zugleich eine postkonventionelle Moral proklamierte? Dass Menschen offenkundig nicht über Gender schreiben können, ohne nebenbei vorsichtshalber der berühmtesten und profiliertesten Theoretikerin einen zu verpassen und noch in aufgehobenen, männlichen Sterotypen deren Dominanz fomulieren müssen, das verweist auf eben dieses Unabgegoltene, das ich meine. Prince bleibt als Frage, der ausgewichen wird.

Als Weißer wie David Bowie seit der Thin White Duke-Phase (!!!) sich gebend  – oder auch der vor Ziggy Stardust – in einem Großraumbüro oder einer Bank gearbeitet zu haben, das dürfte einigermaßen unproblematisch gewesen sein. Als Fussballtrainer oder KfZ-Mechaniker hätte es da vermutlich mehr Probleme gegeben. Trotzdem. Deshalb, seien wir ehrlich: So gewaltig wird der Freiheitsspielraum nun nicht gewesen sein, den Bowie eröffnete. Bowie-Typ sein, das war okay. 

Aber so wie Prince 1985 oder 2016 auch nur durch ein von der Innenstadt entferntes Einkaufszentrum oder gar nachts durch Fallingbostel zu laufen – ich weiß nicht, wie das in der Bronx oder in Brooklyn war, aber dass sich in Deutschland damals wie heute auch nur irgendetwas durchgesetzt hätte, das dies ermöglichte oder damals ernsthaft wirkte, das zu behaupten halte ich zumindest für gewagt. Und mensch stelle sich nur mal Pohlmann, Clueso oder Philp Poisel, von mir aus auch Haftbefehl im Prince-Look vor, und es dürfte klar sein, dass trotz aller feuilletonistischen Hymnen rein gar nix hier in Deutschland wirkte von dem, was Prince so glanzvoll erschuf. 

Bei mir auch nicht. Was überschlagen sich denn dann auf einmal alle? Nur weil zwischendurch auch mal für Conchita Wurst beim Grand Prix mensch votete (nur Sido nicht), die ins Karnevaleske zu verbannen eben so deutsch ist wie sonst gar nichts, weil ansonsten alle derartig zittern, ihre ach so „authentische“ Thees-Ullmann-normalisierte Cis-Mensch-Attitude könnte wanken? 

Ja, ich doch auch! In irgendeinem Blog stand, dass ja damals, in den 80ern, also da, als ich mein Coming out hatte, Prince als so schwul gegolten habe. Und das sei ein Schimpfwort auf Schulhöfen gewesen (har, har, als sei das heute anders) und keiner hätte es sein wollen oder dürfen – ja, an dem Kampf erinnere ich mich sehr wohl, nun auch ja nicht „zu tuntig“ sein zu wollen. Was natürlich immer alle prüften, OB ich das sei.  Gelegentliche Koketterie mit Kajal und ganz selten Lippenstift und ein großer Ohrring. Ansonsten schon aus Karrieregründen und nackter Angst bloß nicht zu „feminin“. Aber so mutig wie andere, im „Fummel“ unterwegs zu sein, war ich ja auch nicht und hatte all die internalisierte Homophobie genau so gefressen wie alle anderen auch. 

Ich würde lügen, wenn ich jetzt eine Befreiung durch Prince behaupten würde, an ihm lag das nicht; und ich kenne auch keinen Weißen, bei dem das so gewesen wäre. Am mutigsten waren noch die aus den Gothic-Szenen, wirklich, mit Mini-Rock und Strapsen und Schminke und Latex und Fetischen – nur dass die Abgrenzung gegen „Black Music“ nicht im Sinne der Gewandung, sondern von Prince & Co da auch am stärksten war. In irgendwielinken Szenen hôrten ihn zwar alle, aber nachhaltige Wirkung kann da nun wirklich nicht festgestellt werden.

Auch musikalisch nicht. Als ich jetzt noch mal in die Lovesexy-Tour hinein guckte – ja, ich gebe es ja zu, dass ich das damals toll, aber auch anstrengend fand, das Konzert im Millerntor-Stadion. Prince war nur selten einfach. Deshalb war er ja so gut. Derart treibend rhythmische Funk-Komplexität, durchsetzt mit Verweisen von James Brown bis zurück zu Cab Calloway, eine teils echt schräge Harmonik mit Jazz-Bezügen, wahnsinnig schnell, wahnsinnig komplex, und selbst auf Elvis in Las Vegas und Sammy Davis Jr. wurde angespielt. Was für ein WISSEN nötig ist, aus diesen fast schon enzyklopädischen Bezügen eine so mitreißende Show zu formen, das hat jüngst mit ganz anderen Mitteln Kamasi Washington durchgespielt – und dabei dann trotzdem noch mit Witz und Leichtigkeit und so derart sexy tatsächlich Entertainment zu betreiben wie Prince, sorry, aber das gibt es tatsächlich nur in den US-Black-Cultures und mit Abstrichen in sich ihrer Postkolonialität bewussten Metropolen wie London (in Indien und Brasilien und auf Kuba bestimmt auch, da kenne ich mich nicht so aus). 

Deutschland ist da einfach eine Kulturwüste, wenn man sich all diese erbärmlichen Deutschpop-Weichspüler und rockistischen Macker anhört, die dann wie Rio Reiser singen wollen. Und das über Zweizimmer-Altbauwohnungen. Bye, bye, Rauchhhaus. 

So dass ich mich richtig erschrocken habe, als eine Nummer beim Wiedergucken von Prince auf der Bühne erschien, die auch von Bryan Adams hätte performt werden können. 

Aber WIE Prince sie brachte! „Purple Rain“ habe ich eh immer für eine Cockrocker-Parodie gehalten, und, siehe da: Nach phallischem Gitarrenwix-Solo präsentierte Prince seinen sehr appetitlichen Arsch derart kokett und eindeutig mit Augenaufschlag – würde der Autor von DIE ZEIT sich nur einmal so präsentieren, er würde eine Ahnung davon bekommen, wie unsinnig sein Gequassel über Judith Butler ist und dass er statt Heinz Bude mal lieber Bell Hooks lesen sollte. 

Wie mensch von Prince lernen konnte, zu HÖREN, gerade die Relation von digital zu analog, darüber schreibe ich dann noch ein anderes mal – jetzt frage ich mich lieber noch ein paar Wochen, wieso der Mann hierzulande überhaupt so gefeiert wurde angesichts seines Ablebens. Völlig zu recht zwar, aber wieso sonst noch?

Wo er doch so gar keine Spuren außer Erinnerungen hinterließ. 

Das las sich fast so, als seien nun einige froh, ihn endgültig abhaken zu können.

Weil ja angeblich all das, wofür er stand, längst etabliert sei: Die Aufhebung von SOZIALEN Kategorien wie schwarz und weiß, Mann und Frau, hetero und schwul. Schön war’s! 

Streift morgen im Job mal die High-Heels-Schaftstiefel über, malt euch ’nen Lidstrich und singt bei „If I was your Girllfriend“ genau so textsicher mit wie bei „An Tagen wie diesen“, Jungs  – und dann wartet ab, was passiert. Ja, ich trau’s mir ja auch nicht. Eben. Warum denn? Und nein, ein Luxusproblem ist das nicht.

Klang- und Bilddenken im Dialog mit dem Saxophon: David Bowies „Blackstar“-Album

Ich geb’s ja zu: Ich hätte das Album vermutlich gar nicht angehört, hätte David Bowie nicht den Übergang vollzogen.

Ein schweres Versäumnis wäre das gewesen – eine abschließende Vision als Hinterlassenschaft von Gewicht mir entgangen. Bowie zeigt Wege auf hinaus dem „Meta“, ohne dabei der berühmten „falschen Unmittelbarkeit“ zu erliegen.

Springt mitten hinein ins Erforschen des Seins und seinem Sich-Ereignen in Klängen, Sprache und (Sprach-)Bildern in all ihrer Historizität. Das Werden zelebriert sich als Vergehen, aus dem das Neue aufscheint, so in etwa kann das „Blackstar“-Album gehört werden, und so plump diese Message scheint, ihre Durchführung geht tief unter die Haut– das Album taucht Mehr von diesem Beitrag lesen

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