Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Alles anders und doch so gleich: FC St. Pauli – Greuther Fürth 0:1

FÜRTH

 

 

“Auf den Straßen nur noch Lebenssurrogate, 
Liebesschwüre schwanken müde heim. 
Wieder nichts geschafft als Plagiate, 
und es wäre doch so schön, ein Held zu sein.”

(Konstantin Wecker, Vom Frieren)

Lieder machen aus Fussball spielen – was war denn nun Strophe gestern Abend, was Refrain, was Bridge? War das nun dem Blues-Schema folgend oder Schubert-Lied?

Nee, Blues war es nicht. Das Blues-Schema als eher starre Form ist zu facettenreich in all den Weisen, die es füllten und füllen, Paradebeispiel dafür, dass eine recht starre Abfolge der Akkorde durch Nuancen derer, die sie zum Leben erwecken, die ganze Vielfalt des Ausdrucks zum Singen bringen kann. Von Bessie Smith über Miles Davis bis Y’akoto..

Orientiert man sich an den akustischen Grausamkeiten, die vor dem Spiel aus den Boxen drangen, war es wohl eher die Austreibung des Blues mit den Mitteln der Heavy Metal-Gitarren. Das schienen die Spieler zu kopieren. Weil ihnen vermutlich gesagt wurde, der FC St. Pauli sei so. Was spielten sie noch zauberhaft, als man ihnen Vicky “Ich liebe das Leben!” ließ, aber das wurde ja strikt heterosexuell nieder gebuht von jenen, die immer noch glauben, Punkrock sei je die Antwort gewesen.

Die alten Wecker-Scheiben würden vielleicht helfen … genug ist nicht genug! Wer nicht genießt ist ungenießbar! Das macht mir Mut! So muss es sein!

Und draußen steigt die Sonne hoch, 
bei uns die Fantasie. 
Jetzt auf die Straße! Lacht sie aus, 
die Scheiß-Technokratie!

(Konstantin Wecker, Das macht mir Mut)

Nur, passt das? Zu dem, was frierend gestern im Stadion zu sehen war? Alles anders und doch gleich. So fühlte es sich mir zumindest an. Als würde ein Zitat misslingen, obgleich es doch mit neuem Elan aufgesagt wurde. Weil so höllisch schön auf Bunkerdächern aufflammte, was keine Zukunft, kein Werden findet aktuell.

Alles wurde getan: Dritter Trainer, neue Spieler, hässliche Kampagne mit Maulstopf-Slogan “Einfach mal die Klasse halten!” – wer hat eigentlich diese grausige Victory-Zombie-Hand entworfen oder abgesegnet? The Walking Dead fiel mir dazu ein …

Style und Inhalt finden im besten Falle zueinander, aber wenn das nun der Look meines Fussballvereins sein soll … willkommen in der Gruft!

Wie schon in Sandhausen ganz aufgedreht die ersten 20 Minuten, waren es 4 oder 5 Großchancen? Dann ein Gegentor, das von uns aus wie Abseits aussah, ein Torwartfehler des hinreißenden Himmelmann, der hat ja Style im Schreiben!, und dieser Eindruck, dass da Aufziehmännchen umeinander Kreise drehen im Dress des FC St. Pauli.

Zweite Halbzeit gegen tretmühlenhafte Fürther maximales Engagement, unorchestriert, aktionistisch. Koch assimiliert sich offenkundig schnell an eingeübte Töffeligkeiten, Sobota drehte echt hoch dynamisch auf, richtig gut, und doch wollte trotz der geballten Erfahrung der Dirigentschaft des Trainers der Eindruck nicht weichen, ein selbstreferentielles Solistenensemble spiele aneinander vorbei und habe zudem Abschlußpanik.

Ich verstehe es einfach nicht, dass bestens ausgebildete Akteure es schaffen, derart zu verdaddeln, wo sie, so scheint es mir als Niegespielthabendem, doch nur den Fuss hin halten müssten. Wie kommt das?

Woher diese Unstimmigkeiten, die mit gut gesetzten Dissonanzen in avancierter Musik so gar nichts zu tun haben? Es wirkte alles wie so oft bei uns wie die Simulation dessen, was alle noch für den FC St. Pauli halten: Kampfgeist, rennen, Ereifern über Ungerechtigkeiten (des Schiedsrichters, meine ich) – aber eben nur noch wie die Simulation.

So freuten sich auch allesamt zu recht über die großartige Pyro-Performance auf dem Bunker zum Einlaufen, aber … ich glaube ja immer noch, dass das Selbstverständnis als nur geschichtsbezogenes sich auf magische Weise sogar auf dem Feld verbreitet, weil zu viel Stagnation längst trotz Stadionneubau in die Hirne sich gefräst hat. Dass die Spieler sich in Rollen zu fügen haben, die sie gar nicht mehr so richtig verstehen, jeder eher mit sich beschäftigt. Dass sie irgendwas vorgeben sollen, während sie doch anderes leben und spielen wollen würden.

Ja, esoterische Analogieschlüsse sind unzulässig, aber es kann nicht gut sein, wenn man friert. Da hat Konstantin Wecker schon recht.

Ich werde dieses Fremdeln einfach nicht los derzeit, dieses Hoffen, Bangen und Erwarten, dass dann doch den frostigen Lappen der Gegenwart in Gesichter geschleudert bekommt. Da zieht sich trotz aller Duracell-Häschenhaftigkeit und dem Versuch, Ratlosigkeit durch Hyperaktivität zu bekämpfen,etwas merkwürdig Distanziertes durch alles mitten hindurch. So dass Fürth sich nur wie Obelix hinzustellen brauchte, um die Jungs an sich abprallen zu lassen.

Da ist in den tiefgefrorenen Lebenssurrogaten die Sexyness verloren gegangen, die erwartungsfroh angespannte Lässigkeit des Verführenwollens.

Dabei, so paradox das scheint, wäre gerade der Tabellenplatz dafür wie geschaffen. Ist der Ruf erst ruiniert, spielt es sich doch ganz ungeniert. Oder?

 

Tales of St. Pauli – Neues aus dem Metalustversum, Mo, 9.2., 14-16 h, FSK Hamburg

Vor lauter Arbeit kam ich kaum noch zum Bloggen, die nächste Radiosendung der “Tales of St. Pauli” aus gescheiterten Moderationen, toller Musik und einem fortwährenden Verstoß gegen Regeln der Servicehaftigkeit habe ich soeben dennoch fertig gestellt. Wird Montag ausgestrahlt.

Diesmal witzel ich im Vorbeigehen über einstige Aussagen des neuen Trainers Ewald Lienen und die “Einfach mal die Klasse halten!”-Kampagne des Vereins, lästere über den Facebook-Auftritt des Jolly Roger und verlese den im folgenden verlinkten, ungemein wichtigen, weil über den akuten Anlass hinaus strukturell bedeutsamen Text:

Community Statement: “Black” Studies at the University of Bremen

in Auszügen auch auf deutsch im Blog von Noah Sow zu lesen (das verlese ich auch):

SCHWARZE STUDIEN OHNE SCHWARZE LEUTE: COMMUNITY STATEMENT ÜBER DIE IMPLEMENTIERUNG VON “BLACK” STUDIES AN DER UNIVERSITÄT BREMEN

Ziemlich albern wirkt dagegen meine Lesung von Tweets, geschrieben parallel zum Sandhausen-Spiel.

Außerdem kommentiere ich den merkwürdigen Wandel des “Rechtsstaates” von einer Selbstbeschränkung staatlicher Willkür hin zu “List und Tücke” (Michael Neumann) und einer Anforderung an das Bewusstsein der Staatsbürger, während diverse Grundsätze meines Erachtens von der vermeintlichen “Gefahrenabwehr” folgenden Disziplinen unterlaufen werden und der Staat sich nicht mehr groß drum kümmert, was als Lehre aus dem “3.Reich” er sich selbst einst auferlegte.

Unsortiert rede ich u.a. diesen Gedanken folgend ein wenig über die Serie “The Wire”, ohne auch nur einmal zu erwähnen, worum es darin überhaupt geht, und lausche Xavier Dolan, obgleich ich nur einen seiner Filme nenne.

Das Finale bilden dann kurze Erläuterungen zu Thomas Bauers “Die Kultur der Ambiguität” und Gunnar Hindrichs “Die Autonomie des Klangs”.

Hier wie immer die Tracklist:

Jingle “Nun aber doch”
Lisa Simone – Interlude
Donna Summer – On The Radio
Moldy Peaches – These Burgers
Two Dancers – We Still Got The Dancin’ On Our Tongues
The Lumineers – Flower in your hair
Klaus Hoffmann – Wenn ich sing
The Blind Boys Of Alabama – Way Down To The Hole
Theo Parrish – Make No War
Joshua Redman – People Like You
Harlem River Drive – Harlem River Drive Theme
Lisa Simone – As Is well
Curtis Harding – Next Time
Miss Dominique – Les Moulins de mon coeur
Bent – Magic Love
Jingle “Fubbel”
Patrick Juvet – Medley Gay Paris
Julia Bell – We Watch The Stars
Badi Assad – Saudade Verdade Sorte
CéU – Mais Um Lamenta
Ingrid Caven – Chambre 1050
Mittendrin ist auch noch ein gnadenlos verunglückter Versuch eines Mashups aus “Happy” und “Self Destruction” zu hören, der sich aus einer Kommunikation mit Odradek/Twitter ergeben hat. Viel Spaß, wer auch immer sich das geben will  – zu erlauschen beim FSK-Hamburg.
Literatur:
Thomas Bauer, Die Kultur der Ambiguität, Berlin 2011
Gunnar Hindrichs, Die Autonomie des Klangs, Berlin 2014
 UPDATE: Die Black Knowledges Research-Group, der die oben verlinkte, massive Kritik galt, hat sich aufgelöst, weil sie die Intervention als zutreffend und richtig erkannte (via Mädchenmannschaft). Das freilich schafft ein zu füllendes Vakuum: Es anders machen – unter der Regie von PoC, und zwar ausreichend finanziert.

Welcome 2015! Neujahr im Metalustversum.

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“Der Madison Square Garden in New York City hat Platz für 20.000 Konzertbesucher. Dieses Blog wurde in 2014 etwa 66.000 mal besucht. Das entspräche etwa 3 ausverkauften Konzertveranstaltungen im Madison Square Garden.”

Hat mir WordPress geschrieben, ein zuverlässiger Dienstleister, kostenlos und immer für mich da – dafür ein herzliches Dankeschön!

Als Auflage für ein Buch oder bei 1 Euro pro Hit wäre das ja schon dolle, 66.000 im Jahr – sind aber gerade mal 180 Besucher pro Tag im Durchschnitt. Was bei einem seine Randständigkeit kultivierenden Blog schon recht cool ist, das einen fortwährenden Crossover zwischen Stilen, Genres und “Disziplinen” sucht und sich um möglichst undiszipliniertes Schreiben müht.

Als Flucht vor institutionellen Bedrängnissen einst gestartet ist es auf Reichweite auch gar nicht angelegt – nichtsdestotrotz einen herzlichen Danke an alle, die Muße, Mühe und Metalust mitzubringen bereit sind, sich durch die Teststrecken hier zu wurschteln!!!

2014 war ein grandioses Jahr für mich, 2015 wird noch besser, da bin ich mir sicher.

Mag auch die politische Großwetterlage sich immer weiter verdüstern und für meinen geliebten FC St. Pauli das Jahr mal ab von dem zu begrüßenden Wechsel im Präsidium eher übel gewesen sein: Persönlich konnte ich mir so viel Freiheit nehmen wie nie zuvor.

Der Mensch ist nur im Spiel er selbst, schrub Friedrich Schiller einst, im zweckfreien Probieren – und dazu hatte ich 2014 viel Zeit und Lust. War toll. Konnte mich beim Radiomachen ausprobieren, eine Promotion anschieben, bin nun zugelassen und freue mich darüber. Habe vieles angefangen und doch nicht zu Ende gebracht – wahrlich ein Luxus!

In der letzten Nacht habe ich mir sogar den Traum erfüllt, mal zur Unzeit lautstark Saxophon zu spielen :D – wenn es überall knallt, stört das ja niemanden. War toll. Super-Start in ein neues Jahr!

Nun freue ich mich trotz alledem, trotz politischer Grausamkeiten, fortgesetzter Marginalisierung all derer, die viel mehr zu sagen haben als jene, die rund um die Uhr auf allen Kanälen quatschen, trotz des Malträtierens so vieler wundervoller Menschen durch Staat, Wirtschaft und Nachbarn, ja, im Bewusstsein all dessen trotzdem auf 2015.

Weil ich den Glauben nicht verliere, dass Besseres möglich ist, wenn mensch sich darauf konzentriert. Die Erkenntnis des Verfügenkönnens über male und white Privilege sollte ja meines Erachtens nicht zu Schuldgefühlen führen, sondern beides sollte zur Abschaffung derselben zu nutzen sein in dem Sinne, dass Anderen, die nicht darüber verfügen können, im eigenen Aktionsradius Raum zu verschaffen und dabei selbst zurück zu treten richtig sei, die Gnade des Lernens erfahrend. Ich gebe mir weiter zumindest Mühe im Bewusstsein fortwährenden Scheiterns.

Denn was allerorten fehlt: Die Utopiearbeit. Die Vorstellung einvernehmlichen Miteinanders und geteilten Glücks über den “privaten” Radius hinaus. Und emphatischer Offenheit denen gegenüber, die nicht sowieso schon jede Bühne frei geräumt bekommen. Um handelnd, denkend, Kunst schaffend und Medienarbeit betreibend die hoffentlich richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Irgendwo zwischen “The Wire” und Xavier Dolan die Suche startend …

Das wollen die Funktionalisten, die Supremacy-Prediger, die Verwerter zwar allen austreiben, noch an das Bessere zu denken. Das Hohngelächter angesichts solcher Formulierungen wie oben vernehme ich sehr wohl. Doch wer sich dem Diktat verordneter Realitätsprinzipien beugt hat eh schon verloren, noch bevor er je gespielt hat.

In diesem Sinne wünsche ich allseits ein 2015, da die Unterwerfung unter den Haterwillen daran scheitert, dass viel zu viele in der Lage sind, im Sinne der Ambiguität, der Vielfalt und – deutigkeit ihren persönlichen Weg zum “Pursuit of Happiness” zu ertrotzen. Und das auch noch mit Spaß dabei!

Let’s do it – let’s fall in love!

Wessen Sorgen ernst nehmen? Deutschvölkische Selbstbezüglichkeit und Möglichkeiten ihrer Auflösung

Zunächst hatte ich ja den Eindruck, dass zu Pegida & Co letztlich alles gesagt wurde und ich nun nicht auch noch meinen Senf dazu geben müsse.

Je weiter sich die Sabbel-Spirale dreht, desto mehr schwindet dieser Eindruck. Es ist schon erstaunlich, wie alle möglichen eh schon allseits Präsenten ihre Süppchen im multimedialen Kochduell anrühren. So z.B. die FAZ:

“Auch der Ruf der Pegida-Protestierer „Wir sind das Volk“ ist eine Umdeutung. Er stand für die friedliche Revolution und den Kampf um Freiheit, jetzt steht er für Abgrenzung. Die Diffamierung einzelner Journalisten ist auch Teil der Strategie; so wurde ein Redakteur der „Sächsischen Zeitung“, die Pegida von Anfang an kritisch begleitet, vor der Semperoper namentlich angeprangert, um ihn in Dresden zu diskreditieren.”

Der Ruf ist KEINE Umdeutung, setzt man jenen Zeitraum an, da aus dem “Wir sind das Volk” als Claim der Bürgerrechtler “Wir sind ein Volk” wurde, als maßgeblich für die Aktualität an. Als Helmut Kohl seine – waren es 10 Punkte in seinem Plan? – “Wieder”vereinigungsbestrebungen verkündete und so die völkische Wende der DDR-“Revolution” für sich zu nutzen wusste.

Nein, das Ziel sind trotz “Lügenpresse”-Rufen NICHT vor allem Redakteure der Süddeutschen und auch nicht der FAZ, es sind PoC, Muslimifizierte und tatsächlich sich als Muslime Verstehende. Es sind laut Pediga-Flugblättern auch dem “Genderwahn” Verfallene, die längst gehäuft mit Morddrohungen überzogen werden, und da, wo sich der völkische Mob mit den Bildungsplangegnern mischt, wie immer schon auch LGTBIQ-People. Die man allenfalls dann mal gebrauchen kann, wenn es darum geht, Heterosexismus zu externalisieren.

Das mag ja für solche wie jene von der FAZ eine neue Erfahrung sein Mehr von diesem Beitrag lesen

“… ich denk, wie schön war es doch eben noch hier – mit Dir … ” – Udo Jürgens, R.i.P.!

Die „Wunderbar“ in der Talstraße Anfang bis Mitte der 90er: Je früher der Morgen, desto sentimentaler die Musik. Jene für schwule Communities damals, vielleicht heute noch so merkwürdige Mischung aus wechselseitiger Verachtung, garniert mit bösen Worten wie jenen vom „Resteficken“, und einem Aufgehen in Schmelz und Pathos wehte durch den Dunst von Bier, vielfältigen Düften und dem geteilten Lallen dank Wodka-Lemon und Kurzen. Der drogige Rausch des Jägermaster bereitete sich vor, Blackouts zu provozieren.

Ich weiß, was ich will!“ von Udo Jürgens spielte die DJane, der DJ  zu früher Stunde fast immer. Besser als andere adaptierte Jürgens da Disco- und Philly-Sounds, musikalischer Schwamm, der er war. Er, der noch den plüschigsten Kitsch, mal auch in Satin gewandet, mit der Aura eindringlicher Ernsthaftgkeit und frei von allen Camp-Anwandlungen dem Gehör anbot. Ein Könner, Künstler, Charismatiker Mehr von diesem Beitrag lesen

Eher Big Band als Modern Jazz Ensemble: FC St. Pauli – VFR Aalen 3:1

 

Aalen

Ja, ich habe mich gefreut.

Und wie!

Ich habe sie wieder geliebt, bin ihnen gefolgt, ganz, wie Baudrilliard ausführte, dass man dem Anderen folgte, von ihm verführt – ich glaube, der war das, der dergestalt dachte und es aufschrub.

Und so sehr das Gewettere, gestern durchtränkt  Mehr von diesem Beitrag lesen

Was ist das Ziel in diesem Spiel … FC St. Pauli – Darmstadt 0:1

IMG_5714.JPG Es ist Dezember und der Regen dringt durch die Kleider auf die Haut … Wenn Stefan Groenveld schon alles geschrieben hat, was mir zum gestrigen Spiel auch einfiele: Was treibt mich da noch zum Senfen? Verarbeitung? Geltungsdrang? Gewohnheit? Ratlosigkeit? Oder nicht doch die Suche nach dem Besseren?

Der Kampf gegen dieses Gefühl der Teilnahmslosigkeit, das immer wieder neu aufkeimt und als Leere ja auch neue Wege weisen könnte?

Die Trauer darüber, Sprüche, in der Halbzeit allseits geteilt, “ansonsten lagen wir um diese Zeit schon immer 0:2 zurück”, noch nicht mal mehr als Trostpreis zu empfinden? Die Sinn- und Spielsuche des Trainers entgegen all den Forumsunken richtig und überzeugend zu finden und trotzdem diesen schalen Beigeschmack der Resignation zu schmecken bei all dem Kaffee aus Tassen, schlürfend im kalten Spätherbst, Wärme genießend, wie ein schleichendes Gift?

“Sie üben ja noch!” raune ich meiner Sitznachbarin zu, und die will gar nicht aufhören zu lachen. Weil es doch Profis seien. Die menschliche Dimension des Dramas finde ich ja sogar gut. Dass da keine hochgezüchteten Sportmaschinen ihren Stiefel runter spielen auf dem Platz, sondern offenkundig recht liebenswert empfindsame Männer.

Nur dass es nie an die Punkt gerät, den jeder, dem erst allmählich nach durchzechten Nächten wieder einfällt, zu welch Kuriositäten das eigene Verhalten enthemmt gar fähig ist, kennt, jener Moment, da dieser “Ist der Ruf erst runiert!”-Habitus auf- und sich in schallendem Gelächter die Bahn bricht. Dass nie diese Wut über eigene Blockaden aufkeimt, die das Trotzdem schillernd leuchten ließe.

Doch,

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“Schwarze Wissensproduktion als angeeignete Profilierungsressource” – Artikel von Noah Sow

Ich hatte den im folgenden dringendst zu verlinkenden und zur Lektüre empfohlenen Text von Noah Sow bereits mittels eines Veranstaltungshinweises hier im Blog wie auch in der FSK-Sendung “Tales of St. Pauli” beworben. Und gar nicht mit bekommen, dass er online bereits zu lesen ist – jetzt aber.

Er ist ungemein wichtig und eindeutig auch an mich adressiert; ich mühe mich, es mir fortwährend hinter die Löffel zu schreiben und lese den ab jetzt einmal im Monat und ebenfalls da, wo es mir möglich ist, PRAKTISCH zu berücksichtigen, worum es geht. Die Konsequenzen sind keineswegs nur auf den universitären Zusammenhang beschrankt.

Er ist wichtig auch in Zusammenhängen, wo sich Menschen z.B. in der Flüchtlingsarbeit engagieren, ebenso dort, wo harsche, narzißtisch gekränkte Reaktionen bei dem Verweis auf Marginalisierungserfahrungen und deren Potenzial erfolgen und dann zur Vertiefung auf irgendwelche vermeintlich objektivierenden Aufsätze zu deren Abwertung verwiesen wird.

Also: Lesen! Am besten mehrfach, nicht nur auszugsweise und ohne die üblichen Instant-Argumente zu zücken.

“Post[i]- und dekoloniale Studien verlangen insofern genaue und gesonderte Betrachtung, als dass sie unter anderem Lehre über autonomiebringende Schwarze Widerstandspraxen behandeln. Sofern sich weiße Lehrende innerhalb postkolonialer Studien überhaupt verorten (müssen), erfolgt dies regelmäßig in Form des klassischen Helfer_innenmythos von fortschrittlichen Heilsbringenden, die wichtige Inhalte vermitteln und ‘Unterdrückten’ [Menschen, Themen, Theorien] ‘endlich eine Stimme verschaffen’. Zu wenig findet Betrachtung, dass dabei Schwarze Stimmen überlagert, fremdkontextualisiert und überdeckt werden. Dem deutschen Mehrheitsbewusstsein ist noch nicht gegenwärtig, dass die Interpretationen, Analysen und Fragestellungen derer, die von den kolonialen Strukturen profitieren, kaum deckungsgleich sein können mit den Interpretationen, Analysen und Fragestellungen derer, die durch ebenjene Strukturen eingeschränkt werden. Originäre Schwarze Wissensvermittlung wiederum findet sich an der Universität überwiegend im akademischen Prekariat wieder.”

Und im Anschluss sei das folgende Interview mit Noah Sow auch anempfohlen: “Zwischenbilanz – 7 Jahre nach Deutschland Schwarz Weiß.”

Momo on the radio: Tales of St. Pauli – Neues aus den Metalustversum, FSK, Mo, 8.12. 2014, 14-16 h

Fast ein Jahr nun dabei beim FSK. Los ging es mit einer Sendung zu Lou Reed – und nun habe ich erneut herum gespielt, experimentiert und ein wenig geforscht. Wie neuerdings jedes Mal begleitete mich mein Nachbar, auf dem Hinterhof Saxophon übend, im Background. Und wie immer ist die Musik viel wichtiger als das, was ich vor mich hin quatsche. Und: Wie immer hier die Tracklist, die Literatur- und die Linkliste! Und ebenso wie immer kann das Ganze über die FSK-Homepage angehört werden ;) … der Stream findet sich oben rechts.

 

Donna Summer – On The Radio
Liza Minelli – Maybe this time
Teen Girl Fantasy – Dancing in Slow Motion
Alain Mion – Levallois
Billie Holiday – One for my Baby
Gibson Kente – Sudava
Habib Koité – I Ka Barra
Meshell Ndegeocello – Shopping for Jazz
B.Slade – Changes
James Carter – Motown Mash
John Coltrane – Slowtrane
Shaun J. Wright & Alinka Present Twirl – Love Inspired
Sylvester – I (who have nothing)
Was (Not Was) – Wheel me out
Material & Nona Hendrix – Bustin’ Out
Jean Carn – If you wanna go back
Heather Small – Proud
Curtis Mayfiled – Junkie Chase
Literatur:
- Deleuze, Gilles: Philosophie und Minderheit, in ders.: Kleine Schriften, Berlin 1980
- Diederichsen, Diedrich, Über Pop-Musik, Köln 2014
- Duiker, K. Sello, Die stille Gewalt der Träume, Heidelberg 2010
- Reynolds, Simon, Rip it up and start again, A-Höfen 2007
Links:

Das Für-Sich-Seiende ist nicht, was es ist, und ist, was es (noch) nicht ist! Vfl Bochum – FC St. Pauli 3:3

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Die Teilnahmslosigkeit: Verschwunden. Das Nervenflattern, die Schweißausbrüche, das Involviertsein als Zuschauender: Wieder da!

Die Mimik Peter Neururers durchlief mehrere Stufen der Geschichte der Existenzphilosophie angesichts des druckvollen Aufspielens der Boys in Brown. Sollte sein Schnäuzer weiter wachsen, muss er sich schon ein wenig in Acht nehmen, verschlägt es ihn eines Tages zufällig nach Turin und er trifft dort auf geschundene Pferde.

Ich weiß nicht, ob er auf der anschließenden Pressekonferenz “Das Sein west!” proklamierte oder vom Dasein bis zum Gegentor referierte. Trotz spätem Ausgleich für seine Mannschaft sah der Mann ja, dass Wille und Vorstellung zum Spiel unseres Teams übergegangen war. Denn Meggles Antwort, und fiel sie auch nur in Gedanken, lautete sichtlich : Engagement! Der Mensch erschafft sich selbst durch Handlung!

Und mich erfreute verblüfft tatsächlich, dass die interimsweise annähernd in schockiert-distanzierte Ansätze der erdrückenden Signifikantenregime der Resignation driftende Jungmännerhorde des weltweit unvergleichlichen FC St. Pauli sich nunmehr ganz dem Werden verschrub. Saftig den Mut enterte, okay, bei den Gegentoren auch Portiönchen des Übermuts sie ritt. Immer noch besser als unterbewusst neben der Spur und außen vor zu sein. So what somit: Mich damit nun zu identifizieren fiel mir zumindest gar nicht mehr schwer. Das Spiel aufgeladen mit Spannung, und selbst dem 4:3 für uns blieb der Möglichkeitsraum keineswegs mehr verschlossen. Auch wenn es dann nicht fiel.

Wer Möglichkeitsräume öffnet, klebt nicht mehr am Sein. Lässt tabellarische Platzzuweisungen als Zeitpunkt, nicht -spanne bald auch hinter sich im “Alles fließt!” der Zeit. Hebt im Zukünftigen die Dialektik von Offensive und Defensive im Erfassen des Megglens auf. Da bin ich mir sicher.

Die Form zu finden, die unsere Inhalte zu transportieren vermag, das kann ja nur essayistisch angegangen werden, soll sie passen zu dem, was an Bewegung auch auf den Rängen nötig ist. Um statt Musealisierung und Ready-Made das Mobilé purer Entdeckungsfreude beim FC St. Pauli wieder in Schwung zu bringen. So ziehen sie uns mit.

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