Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Gedanken nach der Präsidentenwahl in Österreich

Die FAZ, sie sei als Symptom zitiert, fasst es zusammen:

„Die anfängliche „Willkommenskultur“ trieb, wie in Deutschland selbst, den Populisten aus allen Schichten massenweise Wähler zu. Die fühlen sich beim alles beherrschenden Thema Einwanderung von den „Volksparteien“ nicht mehr verstanden, sondern als fremdenfeindliche Dummköpfe verunglimpft, die den „Rattenfängern“ auf den Leim gingen.“

Kurz: Wer nicht von Anfang an bereitwillig dafür plädierte, möglichst viele Nicht-Weiße im Mittelmeer oder sonstwo verrecken zu lassen, hat der FPÖ die Wähler zugetrieben.

Wer nicht bereit war, darauf zu scheißen, mal nachzufragen, wieso z.B. in Libyen es für Menschen aus südlicheren, afrikanischen Gefilden recht plötzlich brandgefährlich wurde, wird notfalls von der taz gerügt. Wer somit der Lampedusa-Gruppe lauschte, hat automatisch Hofer gefördert. Eine frappierende Logik. Wer also nicht  FPÖ-Politik fordert oder betreibt, bringt sie erst hervor. Auch eine Form der Zurückweisung einer jeder Form von Handlungsfreiheit. Ja, ich vermeinte so was auch bei Scholz durchzuhören. Das macht es eher schlechter.

Es scheint ein Phämonen zu existieren, das Neurechte prinzipiell von den Folgen ihrer Forderungen frei spricht, weil ja immer irgendwelche wahlweise Humanisten, Linken, „Gutmenschen“ die Welt hervor bringen, auf die dann nur reagiert würde.  Weil diese Gruppen  ja nachweislich an den Hebeln der Macht sitzen – . Harharhar. Das ist auch nicht neu – an den Neonazis der 90er waren ja auch schon die ’68er schuld. Und der Historikerstreit der 80er entzündete sich an der – aus der Erinnerung zitierten – These Noltes, der Nationalsozialismus sei ein Bollwerk gegen den Kommunismus gewesen. Was ja viele bürgerliche Steigbügelhalter vor ’33 auch so sahen.

Der FAZ scheint es wohl absurd, die Frage zu stellen, die ich auch nicht beantworten kann, welche Einflüsse, Folgen und Nicht-Einflüsse westlicher und sonstiger Politik in Syrien wirken und nicht wirken und was eine Wirtschaftsgroßmacht wie Deutschland und ihr fortwährender Export-Boom damit zu tun haben könnten. Warum auch. Wir nationalisieren halt alles und jedes, ganz egal, was auch immer da kommt und geschieht. Auch das ist Deutschland.

Wer nicht a priori schrie, dass, wasauchimmerdasheißt, „Integration“ „märchenhaft“ sei, züchtet sozusagen notwendig neofaschistische Tendenzen (als soche sind die meiner Meinung nach zu werten). Die, die sie aktiv betreiben, fördern, fordern, wählen, sind immer schon frei von jeglicher Verantwortung und meinen das alles gar nicht so. Ist nur Gegenwehr gegen die, die solche Tendenzen nicht zulassen wollen. Ach so.

Darin sind in allerlei Analysen ja sowieso fortwährend einig: Ein tief verwurzelter und institutionalisierter Rassismus, nö, gibt’s gar nicht. Nur dann, wenn ein Nicht-Weißer zufällig mal anwesend ist, und dann ist der selbst schuld. Ein unsäglicher Dünkel kultureller Überlegenheit? Nö, nirgends! Die Verdrehung universeller, normativer Voraussetzungen eines gelingenden Zusammenlebens auf Basis symmetrischer Relationen hin zu irgendeinem sittlichen Kernbestand, über den Andere angeblich nicht verfügten, nur WIR, scheiden in solchen Weltbildern von vornherein aus als Grund für die anwachsenden Wellen des Trumpismus, Putinismus und Orbanismus aus – allesamt Profiteure einer neoliberalen Politik übrigens, die eben diese durch einen völkisch gefärbten Kulturdünkel in allerlei Supremacy-Varianten abzumildern vorgeben.

Das ist schon ein gewaltiger Coup. Erst redet man Menschen drei Jahrzehnte lang ein, ihr Verzicht gründe in der geschichtsnotwendigen Kraft der Globalisierung. Diese erfordere nun mal im Zuge internationaler Konkurrenz eine Absenkung der Standards in Sachen Lohn, Absicherung, Rente usw. – und dann schiebt man anschließend den kläglichen Restbeständen eines Internationalismus, der noch die Emanzipation aller gleichermäßen zum Ziel hatte, die Schuld für die Folgen in die Schuhe.

Aber der ist ist ja eh weitestgehend verschwunden, dieser Internationalismus. Stattdessen verwirrt er sich in Teilen selbst durch kokettierende Putin-Anbiederungen, weil ja die US-Aggression nunmehr vor allem gegen diesen gerichtet sei (das könnte ja zu recht so sein) – und sorgt so dafür, dass z.B. TTIP in manchen Kreisen gar nicht mehr kritisierbar ist, ohne dass einem gleich der „Antiamerikanismus“-Waschlappen ins Gesicht fliegt.

Letzteres, der leider in vielen Fällen sogar richtige Antiamerikanismus-Vorwurf dann, wenn beim Wettern gegen „Investorenschutz“ vor allem deren „Ausländischsein“ beklagt wird, federt dann aber zugleich  ab, dass z.B. in der Frage nach unabhängigen Wirtschafts-Schiedsgerichten nur wieder eine menschenrechtsorientierte Politik, ja, ich weiß, die ist oft auch nur vorgeschoben, an deren Begründung ändert das aber nichts, den Interessen ökonomischer Akteure geopfert wird.

Das schürt, weil es ja begriffen wird, diesen in seiner politischen Orientierung widerlichen Zorn auf „Eliten“ und das „Establishment“ oder auch „Systemparteien“, die die „Interessen des Volkes“ nicht mehr berücksichtigen würden – widerlich daran ist das Verständnis von „Volk“, weil es im Sinne vordemokratischer VolksGEMEINSCHAFTEN im rassistischen Sinne interpretiert wird.

Nun haben politische und ökonomische Akteure ja tatsächlich jahrelang global Arbeitende gegeneinander ausgespielt und „Standortkonkurrenz“als Begründung noch der gruseligsten Maßnahmen angeführt. So kursieren auf einmal auf der Irgendwielinken in Zirkeln knapp unter offiziell wahrnehmbaren Öffentlichkeiten scheußliche Begriffe wie „Migrationswaffe“: Um endgültig den Interessen Arbeitender und Arbeitsloser den Garaus zu bereiten, würden nun alle Schleusen, also Grenzen geöffnet, um billige Reservearmeen für den Arbeitsmarkt „herein zu lassen“. Nachdem Prekariat und Billiglohnsektor erfolgreich etabliert seien, ginge es nun um die endgültige Verelendung und Emtrechtung. Schlimm genug, dass so was kursiert – der Grund liegt aber bestimmt nicht bei den „Gutmenschen“, sondern gespiegelt wird, was von Friedman über Thatcher und Reagan bis Schröder politisch eingeprügelt wurde. Und die einzige Antwort ist eine inklusive Ökonomie, keineswegs eine, die Nutzlose produziert, die sich wechselseitig bekämpfen teils wollen und unterbieten teils müssen.

Nichts von dem ist gut, vieles ist erbärmlich oder rechtfertigt nun schon mal gar nicht, in Hörner zu stoßen, wie z.B. Frau Wagenknecht das tat.

Es werden zur Tarnung auf jeden Fall alle möglichen Kultursaucen darüber gegossen, sei es nun westlich-liberal versus Islam oder sonstwas, wobei regelmäßig vergessen wird, was „liberal“ so alles mal hieß (und in den USA teilweise noch heißt). Weil eine kulturelle Deutung die ökonomische überschrieben hat, und das so, dass das POLITISCHE, grundrechts-basierte, formal-demokratische, partizipatorische Element verschwindet. Es wird weiter völkisch gedeutet im Sinne des „kulturell Dominante dürfen per Mehrheitsentscheud darüber verfügen, welche Minderheit welche Rechte erhält und welche nicht“. Was undemokratisch ist, weil es dieser die Legitimation entzieht. Mehrheitsentscheidungen gründen in Individualrechten – werden diese aufgehoben, ist das Verfahren nicht mehr rational begründbar.

Das leitet über zum zweiten, entscheidenden Faktor: Der Privilegienabsicherung. Weil neben der Globalisierungsrhetorik seit den 60er Jahren eine weitere Mechanik am Wirken ist, die zum Eingangszitat aus der FAZ zurück führt: Die Emanzipationbestrebungen rund um das Spektrum von Martin Luther King bis zu den Black Panthers, immer neue Wellen des Feminismus wie auch queerer Bewegungen führen häufig zu hochaggressiven Absicherungen der Vorrechte bis dato dominanter Gruppen – historische Analogien finden sich in der zunehmenden rechtlichen Gleichstellung von Juden im Verlauf 19. Jahrhundert, die immer neue Aufwallungen antisemitischer Exzesse nach sich zogen.  Die ja auch von Verfechtern der Aufklärung zu hören bekamen, was heute Muslimen entgegen schwallt: Mach doch mal die Locken neben den Ohren weg, Du bist doch irgendwie im Mittelalter stehen geblieben mit Deiner Religiösität. Eine pseudowissenschaftliche Biologisierung folgte dann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, nicht zufällig zur Hochzeit des Kolonialismus: Auch sowas findet sich heute wieder in Bestsellerlisten.

Ich persönlich finde zwar beunruhigend, dass religiöse Begründungen zunehmend wieder politisch hoffähig werden, das ändert aber nicht daran, dass auch die Möglichkeit der religiösen Praxis im Sinne grundrechtsbasierter Politik gegeben sein muss, keine derer priviligiert zu werden hat in einer so begründeten Demokratie und diese kurios folkloristische Deutung des „christlichen Abendlandes“ durch Pegida und Co als einzig mögliche Gestaltung öffentlicher Räume irgendwo zwischen Feiertagsromantik und Kirchengebimmel angesiedelt ungefähr so viel politische Berechtigung hat wie die Forderung, es dürften nur und ausschließlich Andrea Berg, die Puhdys und Udo Lindenberg (sorry, Udo, Du tickst in diesen Fragen schon richtig) im Radio laufen. Und Ähnliches wird ja sogar gefordert.

Um so gruseliger, dass bis hin zu Kretschmann und Anderen das Narrativ, Konsequenz aus dieser doppelten Frontstellung, ich nenn’s mal „Traumatisierung durch neoliberaken Systemwechsel“ und „Absicherung altgewohnter, kultureller Dominanzen und Formen des eingeübten Dünkels“, sei, nun die „Sorgen und Ängste“ der immergleichen als Maßstab anzusetzen. Weil sonst allesamt erst so richtig faschistisch würden. Das ist Victim-Blaming, und das mag im Antisemitismus analog Jahrtausende eingeübt worden sein, Juden die Schuld an ihm zu geben: Es ist nicht der Geflüchtete schuld, dass manche finden, er solle abgefackelt werden –  und seine Unterstützer sind dies auch nicht.

Es wird doch flächendeckend auf die Sorgen und Ängste von Geflüchteten, von Muslimen und Nicht-Weißen in Deutschland und muslimischen und nicht-weißen Deutschen, von queeren und Trans*Menschen geschissen. Und, misogyn, wie dieses Land strukturiert ist, gelten die Interessen und Gefühle von Frauen ja auch nur was, wenn die sich rassistisch instrumentalisieren lassen. Ansonsten gibt’s Saures und offene Gewaltandrohungen.

Klar, wie in Österreich treten auch verdammt viel Ignorierte und politisch eben auch nicht Vertretene für die Rechte nicht-dominanter Gruppe und von Geflüchteten ein – so manches, natürlich nicht jedes Mal aber eher, wenn es mal wieder primãr darum geht, nicht Nazi zu sein und weniger um die Betroffenen.

Zunächst schien bei dem, was dann zur „Flüchtlingskrise“ umgewidmet wurde, kurz was ganz anderes breitenwirksam zu erwachen – das Interpretationsfolien Schaffen der FAZ belegt, wie so ein zartes Pflänzchen von rhetorischen Springerstiefeln nicht nur dort zertrampelt wird. Über das Brutalitätspotenzial derer, die sich durch die FAZ bestätigt sehen könnten, verfügen deren Gegner nicht.

Was bleibt? Eben beides. Ökonomische und kulturelle Emanzipation wieder zusammen denken und zu konzeptionalisieren, ohne sich von all den Blockkonstruktionen beeindrucken zu lassen – und das so zu denken, dass die wirtschaftlich in 30 Jahren Neoliberalismus Erpressten begreifen, dass das in ihrem Interesse ist wie auch in dem der Geflüchteten. Und in Sachen „Reformpolitik“ hat es die Menschen in anderen europäischen Länder härter getroffen als nun ausgerechnet in Deuschland oder Österreich – ganz zu schweigen von fortgesetzem Kolonialismus in anderen Schläuchen anderswo.

Nicht mit Putinismen kungeln, sondern das, was mal linke Ideale waren, wieder ernst nehmen. Würde ich mal sagen.

Hoch die internationale Solidarität eben – statt nun der FAZ und anderen ihr Gerede von legitimen, völkischen  Volkszorn durchgehen zu lassen. Emanzipation umfassend begreifen. Weil sie das Leben besser macht. Schwache Worte nur angesichts umfassender Gewalt – aber was denn sonst?

Intensitäten: FC St. Pauli – Kaiserslautern 5:2 (… und viel Backstory zur Schnürsenkelfrage)

Heute ist der 17.5. – der internationale Tag gegen Homo- und Transphobie. 

Mag der Begriff „-phobie“ in diesem Zusammenhang auch weiterhin mit guten Gründen umstritten sein, Heterosexismus trifft es besser; sollte auch eher ein Bindestrich-PRO für alle Lebensformen- und weisen jenseits von Hetero- und cis-Sexismus Ziel sein: Im Sinne der Freiheit aller gleichermaßen führt als Weg dahin eben nur das nachhaltige Abräumen all dessen, was Grenzen und Abwertung schafft. Von Strafandrohungen – und -vollzug überall da, wo es den noch gibt, ein Ende der großen und kleinen Feindseligkeiten gegen „Geotherte“, versteckter und offener Gewalt (der insbesondere Trans*menschen am häufigsten zum Opfer fallen). 

Und auch dort, wo alle sich vollends aufgeklärt wähnen, formal-liberale Toleranz zu leben glauben, sind die Mikrophysiken der Macht, der subtilen Entwürdigungen und offenen Ignoranzen „Dann hängen wir mal ’ne Regenbogenflagge auf, und das Thema ist endlich erledigt und wir können uns wieder dem heteronormativen Tagesgeschäft lautstarken Mackerns zuwenden“ oft noch wirksam. Geboten ist, Diskriminierungs-, Unterdrückungs- und Gewaltformen systematisch aufeinander zu beziehen. Sie auf Identität und Unterschied (!!) hin abzuklopfen. Was immer auch beinhaltet, die Instrumentalisierung Homosexueller zurückszuweisen, wenn dadurch Rassismus genährt wird – und eben diesen wie auch Transfeindlichkeit in Gay Communities ebenso hinter sich zu lassen.

Zum Kernbestand nicht etwa der „Werte“, sondern der notwendigen Regeln eines gelingenden Miteinanders gehört beim FC St. Pauli satzungsgemäß auch das Ziel, solche Formen symbolischer Gewalt, Diskriminierung eben, wirksam zu bekämpfen. Das betrifft Sexismus, Rassismus, Homo- und Transphobie gleichermaßen – und Ableismus auch. Welche Mittel, strukturellen Wandlungen und symbolischen Aktionen dazu führen können, das ist wohl so klar noch nicht. Damit nicht im Sinne des Erreichten die Suche einfach so selbstzufrieden eingestellt werden kann, sondern sie kontrovers weiter betrieben wird, formulieren Aktive häufig über so genannte „soziale Medien“ initiierte Interventionen.

Zuletzt: Warum beteiligt sich die Mannschaft des FC St. Pauli nicht an einer Aktion „der Region“, Regenbogenschnürsenkel beim letzten Heimspiel zu tragen?

Bei Facebook machte ein Post des „Aktionsbündnisses gegen Homophobie und Sexismus“ die Runde, in dem suggeriert wurde, in der Geschäftsstelle und im sportlichen Bereich herrsche das Lippenbekenntnis.. 

Mich wunderte das. So was kenne ich eher aus Teilen der „aktiven Fanszene“, aber aus der genannten Richtung bisher nicht. Könnte aber ja so sein.

Trotzdem: Immerhin hatte die Mannschaft eine Regenbogenflagge gespendet, lief mit Transparenten, die Sookees „Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich lieben“ beim Heimspiel auf, trug stolz die Regenbogentrikots wie auch antifaschistische Botschaften am Leib – nun kursierte die Aussage, an Aktionen an Spieltagen wolle sie sich nicht mehr beteiligen. 

Verwundert rieb ich mir die Augen. Huch? Geladen als Blogger zum Fotoshooting von Viva con Agua, die Diskussion im Kopf, fand ich mich in einem Hinterhof in Ottensen wieder. Robin Himmelmann, Lennart Thy und Philipp Heerwagen waren noch anwesend – ein Making of zu den Fotos, die als Geburtstagsgeschenk an den Verein bei der Milerntor-Gallery zu sehen sein werden, findet sich bei Stpauli.nu. Die Diskussion rund um die Schnürsenkel entbrannte zunächst unter Bloggern und Pressebetreuern mitten im Raum – wohl unüberhörbar. Philipp Heerwagen gesellte sich zu uns. Ganz von selbst. 

Klarstellung: Im Mannschaftsrat sei das Thema ausführlich diskutiert worden. Tatsächlich, was dem Nicht-Fussballer vielleicht so klar nicht sei, seien Schnürsenkel nun mal zentraler Bestandteil des Arbeitsgerätes. Wohl wie das Rohrblatt, auf dem ein Saxophonist spielt, da geht ja auch nicht jedes – Haptik, Reißfestigkeit und andere Eigenschaften seien entscheidend für ein sicheres Gefühl beim Spiel. Keineswegs habe sich sich die Mannschaft generell gegen Aktionen an Spieltagen ausgesprochen, und schon gar nicht die Teilnahme an einer solchen gegen Homophobie grundsätzlich verweigert. Immer gern!  Spieler, die neu zum Team stießen, würden unter anderem von ihm prompt darüber aufgeklärt, welche Haltungen und Grundsätze in diesem Verein geboten und Grundlage, somit ggf. erlernbar seien – weil diese auch für jene auf dem Rasen gelten. Er selbst trüge zudem den pink Torwartdress auf dem Platz sehr gerne, weil er wisse, dass viele Zuschauer das provoziere (alle Zitate sinngemäß, ich habe nicht mitgeschrieben. Er fand es aber okay, dass ich darüber blogge, hab ich mir selbstverständlich erlauben lassen). 

Das Bemerkenswerte sind ja nicht nur die Aussagen. Prima! Sondern, dass diese Art von Kommunikation zwischen Fussballprofis und Bloggern einfach so stattfinden kann beim FC St. Pauli – von den Spielern initiiert. Ich jammer und hader ja nun auch alle Nase lang mit irgendwas rund um den Verein. Aber, hey, das ist, glaube ich, doch ganz schön ungewöhnlich. Eine mangelnde Identifikation mit dem, wofür der Verein neben dem Fussball sonst noch so steht, war da aber so gar nicht spürbar. Dankeschön! Und: Toll!

Auch die Geschäftsstelle legte nach. Regenbogeneckfahnen beim Spiel statt der Schnürsenkel, und heute deutlichste Stellungnahmen zum Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie. Alle Kommunikationen drumherum zeigen: Das ist Bewegung drin! Es werden auch strukturelle Fortentwicklungen diskutiert und hoffentlich eines Tages umgesetzt. Solche, die weiter gehen als das, was in der „aktiven Fanszene“ mir zumindest diskutierbar erscheint. Auch Viva con Agua regt sich und ist in Bewegung. Bin gespannt, wohin:) – und blogge begleitend.

  
Also: INTENSITÄTEN! Ja, Überleitung zum Schwärmen. Zur offenen Begeisterung. Nicht nur darüber, dass es in diesem Verein doch möglich ist, als offen Schwuler mehr oder minder mitten in die Umkleidekabine zu spazieren, laustark Heterosexismus zu diskutieren und dabei nicht nur auf offene Ohren, sondern auf aktives Interesse und volle Handlungsbereitschaft zu stoßen. 

Nein, auch diese so rundum schönen, erfüllenden und ja, intensiven Stadionerlebnisse: Es gibt sie noch!

Solche Erfahrungen, Emotionen wie das Spiel am Sonntag, das glückliche Ausharren nach dem Spiel auf den Rängen, ehrliche Freude angesichts einer doppelten Ehrenrunde der Mannschaft, sich nicht lösen können vom Stadion, ein Wohlgefühl jenseits trügerischer Euphorie ein Schweben in den Alltag trägt und „Zeitqualität“ neu definiert – wow! 

Nicht nur wegen der 5 Tore. Nicht nur, weil Ryo Miyaichi derart einschlug (klar, auch deshalb, aber nicht nur) – und auch nicht nur, weil wirklich von ganzem Herzen Lennart Thy, Okan Kurt, Jan Verhoek und Enis Alushi so was von alles Gute gewünscht werden kann, weil’s gute Typen sind  – weil sie mit uns ja ein verdammt tiefes Tal durchschritten haben, in schwierigsten Situationen reinhauten (Kurt, einst auf den Platz geworfen inmitten eines Abwärtssogs, er hielt stand!) und auch für Restabilisierung sorgten. Ich meine, Platz 4: Danke! Natürlich auch an Ewald Lienen. Auch, weil ich niemandem das Tor mehr gönnte als Christopher Buchtmann. 

Weil es insgesamt einfach schön war. 

Weil so ein Feeling des Neuen in der Luft lag. Als gäbe es mehr als Konservieren längst erzählter Geschichten. In der Spielweise. Im Torjubel auf den Rängen. 

Vielleicht ja von Regenbogenfarben beschwingt, eingefärbt, verzaubert. „Somewhere over the rainbow“ –  

„And the dreams that you dreamed of

Dreams really do come true ooh ooooh

Someday I’ll wish upon a star

Wake up where the clouds are far behind me ee ee eeh

Where trouble melts like lemon drops …“

Und das auch noch auf der Reeperbahn nachts um halb 1. Wurde ja auch endlich mal wieder gesungen. Viele sprachen von einem „versöhnlichen Abschluss“. Wofür versöhnt? Zu meckern hatten wir ja nicht wirklich was. 

Es bleibt halt das Werden … wenn es weiter so wird, wird es gut. 

You don’t have to be cool to rule my world: FC St. Pauli – 1860 München 0:2 

Cool muss echt nicht. Lovesexy reicht ja, und das ist eh eine Energie, die befällt, wann immer das Individuum sich empfangsbereit dafür fühlt. Glaube ich. Nur dass das halt allzu oft blockiert und behindert wird durch all die -ismen …

Aber … vielleicht wäre es ja anders gelaufen, wenn eben doch, ganz, wie Erik sich das gewünscht hatte, „Let’s go crazy“ vor dem Spiel gelaufen wäre. Immerhin ist Prince da noch aufgetreten. Und immerhin standen wir hinterher in einer Kleingruppe nicht mehr so ganz Junger vor der Domschänke und schwärmten uns von Prince ausgehend durch die Tracks der Heroen, auf deren Schultern er thronte: Nile Rodgers zum Beispiel. Auch, dass der in einem Club, in dem Trans-Menschen performten, auf die Idee zu „I’m coming out“ kam, das er Diana Ross schrub. So berichteten wir uns, durch Super-ARTE-Dokus belehrt.

Da schließt die Frage an, wieso in so einem Fall eine Göttin wie Diana Ross als Medium männlicher Songwriter hier von mir beinahe behandelt worden wäre. Was sowohl falsch als auch unverschämt wäre. Unsere Spieler sind ja auch nicht die Medien Lienens, während sie mal mehr, mal weniger seine Vorgaben in Musik auf dem Platz verwandeln. Vielleicht ist Lienen ja ihre Muse. Diese Frage danach, inwiefern die Interpretin eben selbst erschafft, stellt sich z.B. den Jazz-Improvisierenden gar nicht. Da dudelt mensch über die Akkorde von Cole Porter oder Miles Davis und macht was draus. „Rappers Delight“ der Sugarhill Gang basierte ja auch auf „Good Times“, dem wohl meistgesampleten Riff, von – Nile Rodgers. 

Gerade in Zeiten, da auf Stuttgarter Parteitagsreden ein chauvinistischer und hochaggressiver Kulturnationalismus erhebliche Bevölkerungsteile zu „Volksfremden“ erklärt (und damit auch nur explizit macht, was die Gefühls-, Wahrnehmungs- und Handlungsweisen großer Teile der „Mitte“ implizit im Altagsempfinden bestimmt, selbst wenn viele derer anders darauf reagieren) und sie in ihren Freiheitsspielräumen krass beschneiden will, ist ja im Gegenzug auf die tiefschürfende Prägung kultureller Diversität hierzulande  u.a. durch internationale Popkultur zu verweisen. Die eh wirkt, zum Glück. Die wollen zurück in die Zeit vor AFN und BFBS zu „Grün ist die Heide“, was die Kulturwüste Deutschland nur endgültig veröden würde. Mensch braucht ja nur mal in die Gazetten schauen, was hier mittlerweile als Philosoph gilt. Fängt mit S an. Erschütternd. Jetzt verteidigt – übrigens zu recht – sogar schon Alan Posener in DIE WELT Political Correctness als Basis sinnvollen Diskutierens, während die Irgendwielinke noch dabei ist, Critical Whiteness niederzuschreiben.

Was nun durch immer dieselbe Punkrock-Folklore auch dann nicht korrigiert werden kann, wenn Vertreter derer von den Neurechten am Auftreten gehindert werden sollen (was nix wurde; wären die echt noch subversiv, hätte die SPD den Slime-Gig vermutlich gleich mit unterbunden). 

Ja, ich tue mich schwer, über das Spiel zu schreiben – für die 60er war’s schön, für uns irgendwie belanglos. 

  
Keineswegs belanglos die tolle Choreo auf der Gegengeraden – die weist hoffentlich auch weiter auszubauende Wege in die neue Saison. „All colours are beautiful“ – von Regenbogenfahnen umgeben.

Wie froh wir sein können, dass Fafa Picault bei uns bleiben wird, das stellte er einmal mehr unter Beweis. In den war „Let’s go crazy“ nun aber so was von gefahren, hinten und vorne und überall Picault. Toll. You don’t have to be cool, you have to be Fafa. Und beim nächsten Mal strahlt das dann derartig intensiv auf alle aus, dass unser Saisonfinale, das letzte Heimspiel, schon all das Grandiose vorweg nehmen wird, was die nächste Saison uns schenkt. Und dann wird das Spiel bestimmt auch von den Klängen Prince‘ bestrahlt. Ja, wer keine Kraft zum Träumen hat … 

Wie die Geschäftsführer des FC St. Pauli 90 Minuten lang …

… eine Frage abwehren wollten, die die taz anschließend dennoch stellte

Oder: Was macht Sportjournalismus? Wozu ist er da?

Womit vertreiben sich die mutmaßlich müden Kollegen vom Abendblatt oder den 11Freunden ihre ggf. trüben Tage, was geht in denen von MOPO und BILD vor, die Tag für Tag Zeilen schinden und sie sich aus den wund getippten Fingern saugen müssen? Lesen sie heimlich Camus‘ „Der Mythos des Sisyphos“ und wagen es nicht, das den Kollegen zu verraten, dass sie gar nicht wie alle anderen auch „Frauentausch“ und ähnliche Formate gucken, wenn gerade kein Fussball läuft? Um Hohn, Spott und Ausgrenzung zu vermeiden, verschweigen sie solche Lektüren halt lieber?

Hassen sie heimlich Stutzen, Bälle und Rasen, meiden phobisch allzu grüne Parkflächen? Schreiben im Verborgenen – nur  für die Schublade! – Thriller über Serienkiller, deren Trillerpfeifen beim Morden schrillen, während sie ihre Opfer mit Freistoßspray verzieren oder ihnen Spielernoten aufs Rückrad tätowieren? Oder wachen sie nachts aus Alpträumen auf, weil sie ihre Leser als wabernde Zombie-Apocalypse imaginierten, die,  auf sie eindringend, Headlines wie „Lienen will nicht mit der Mistgabel essen“ hungrig schmatzend ihnen entgegen stöhnen vorm finalen Biss (und andere Lyrik aus des Sportjournalisten-Hirn)?

Fragen, die gestern allesamt NICHT gestellt wurden. Hätte mich schon interessiert.

Andreas Rettig und Thomas Meggle, kaufmännischer und sportlicher Geschäftsführer des FC St. Pauli, hatten zum Hintergrundgespräch geladen. Neben den Erwähnten versammelten sich auch Fanzine-Macher und Blogger, alle lauschten gebannt in der Viva con Agua-Loge im Millerntor-Stadion.

Wir erfuhren viel: Dass Freiburg einen immens höhren Anteil an Fernsehgeldern zur Verfügung habe als wir, dass der FC St. Pauli hohe Investitionen fortwährend tätige in Stadion und Infrastruktur und das auch – aus Überzeugung! – durch den Verkauf des Stadionnamens nicht zu lindern sei. Dass andere Vereine ihre U23 abmeldeten, wir nicht. Dass Umsatz nicht gleich Etat sei. Dass der Rückerwerb der Merchandising-Rechte ja erstmal koste, bevor er Einnahmen generiere. Dass auch auf Rekorderlöse aus Spielertransfers Steuern zu entrichten seien und mensch nie genau wisse, wann die Vereine, wo die Jungs nun spielten, das Geld überweisen. Dass in Software zur Spielersichtung- und beurteilung investiert werden müsse und diese ja nicht nach Namen und Beliebtheit bei den Kollegen vom Print ausgewählt würden, sondern auch nach Funktion im Kader, Spielertyp, links- und rechtsfüßig, groß und klein, in- und ausländisch (inwiefern ein höherer Anteil ausländischer Spieler sich negativ auf den Teamgeist auswirke, wie behauptet wurde, erschloss sich mir nicht) wie auch aufgrund von Fähigkeiten je nach Spielsituation: Ein Fafa Picault sei auch dazu da, in der zweiten Halbzeit, wenn mehr Räume entstünden, diese zu nutzen. Funktionale Differenzierung nennt das der Soziologe, früher sprach mensch von Arbeitsteilung.

Pointe: Auch in der nächsten Saison sei der Lizenzspieleretat nicht erheblich höher als in dieser, und die Mannschaft sei doch schon super gebaut (und ein toller Stürmer auch schon verpflichtet). Wie der Tabellenplatz und der Saisonverlauf ja belegten. Und in der Tat: Trotz manch kuriosen Heimspiels ist Meckern ja nicht wirklich angesagt, sondern eher ein fettes Dankeschön dem Team entgegen zu schmettern – zudem der Großteil derer im Kader uns auch vorm Abstieg zuvor bewahrte.

Die Botschaft: Sonnenklar. Info-Dump, um denen, die täglich schreiben wie auch den Besserwissern in den Kommentarspalten „sozialer Medien“ die Parameter zu skizzieren, in denen sich die Handlungsmöglichkeiten der Verantwortlichen bewegen. Eine gewisse Gereiztheit war spürbar, denen all das nun überhaupt so haarklein aufbereiten zu müssen. War ja so überraschend alles nicht und neu ebensowenig.

Aber: Ging nicht der Vortrag ein wenig an der Zielgruppe vorbei?

Oder, anders gefragt: Geht es bei der Berichterstattung rund um Fussball und all die kneipenabendfüllenden Diskussionen rundherum überhaupt um INFORMATION oder gar WISSEN?

Ist es nicht eher der Reiz der Meinung, des Gerüchts, der Spekulation und vor allem des BEURTEILENS Anderer, der Lust anstachelt und das Spiel aum Laufen hält? Ist Grundlage des Kommentierens gar das Abwägen, faktenbasiert? Interessiert das noch wen?

Ich wage es ja kaum zu vermuten, und bestimmt irre ich, aber, wenn es denn gar möglich ist, dass des nachts in Ohmachtsgefühlen und Schweiß gebadet der Sportjournalist seine LeserInnen als ihn selbst zitierende Zombies erträumt und übermüdet solche Bilder und Stimmungen Gedanken über jene, die frisch geschriebene Zeilen in der U-Bahn lesen werden, beeinflussen KÖNNTEN – ja, manchmal kommt mir der Gedanke einer unterschwellig vergeltungsfreudigen Haltung, die Texte antreibe, eine gewisse Wut und Verachtung den Lesenden gegenüber könnte spürbar sein, das ist unfair und ungerecht, ich weiß -, ist dann so Profanes wie tatsächliche Handlungsspielräume überhaupt wichtig? Oder ist es nicht vielmehr unterhaltsamer für fast alle Beteiligten, wenn Ängste geschürt werden, dass wichtige Spieler gehen könnten, dass vor lauter Selbstzufriedenheit wichtige Maßnahmen gar nicht als solche erkannt würden und, wenn schon die ewig gleichen Berichte zu verfassen sind, wenigstens ein klein wenig das Gefühl eigener Macht dadurch angefüttert wird, dass Unruhe verbreitet und ein Hauch von Zwietracht gesät und geerntet werden KÖNNTEN?

Hey, that’s Entertainment! Drei Regeln gibt es für gute Dramaturgie: Konflikt! Konflikt! Konflikt! Steht zumindest in „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“. Und anschließend noch ein verächtliches „Für immer zweite Liga“ ausstoßen …
Als Thomas Meggle und Andreas Rettig ihre Ausführungen beendet hatten, stellte der Verteter der taz die Frage – sinngemäß – doch noch. „Sagt mal, wollt ihr nicht noch ein wenig Geld in die Hand nehmen, um ein paar richtige Granaten zu verpflichten?“ Wie gesagt: Sinngemäß. Aus der Erinnerung zitiert.

Andreas Rettig zeigte sich angesichts der Frage enttäuscht.

Unabgegolten. So viele offene Fragen – Danke, Prince! 

  

Ein bißchen gruselig ist es ja schon, wenn nach Monaten der Blogpause erneut ein Nachruf in „Metalust & Subdiskurse“ erscheint. 

Prince. R.i.P.. 

Ich gebe es ja zu: Vor allem eine Erinnerung. Auch für mich. An die 80er und die frühen Neunziger. Eine intensive, eine schöne, eine inspirierende – eine, die eigenes Ausweichen schmerzhaft fokussiert und die Glaubwürdigkeitsfrage auch dann stellen würde, wenn es ein „antiauthentisches authentisches Sein“ gäbe. Prince hat unendlich überragende Antworten gegeben (wenn auch, so sagt das Netz, nicht unbedingt auf die Frage nach der Homo-Ehe) – und bleibt lebendig als Fragestellung. Eine, die das Unabgegoltene wohl noch viel schärfer ausleuchtet als im Falle David Bowies.
Noah Sow, von der ich so viel mehr lernen durfte als von vielen anderen Menschen, verlinkte bei Facebook anlässlich des Todes von Prince einen Text. Ich finde ihn nicht wieder und paraphrasiere drum. Der Text eines Menschen, der in Brooklyn oder der Bronx aufgewachsen von Prince lernte, was für Weiße durch David Bowie ermöglicht worden sei: Sein zu dürfen, was er als Schwarzer sein wollte – als eben das darzustellen zu müssen, was er darstellen solle. So ungefähr.

Wie immer, wenn Noah etwas verlinkt, entstand ein sonores Grübeln in meinem Kopf bei der Lektüre all der Nachrufe und verstummte nicht mehr. 

Manche Totengebete in der hiesigen Presse normalisierten vor sich hin, indem sie Prince wahlweise als Popclown oder „Exzentriker“ behandelten – was immer das meinen kann. „Exzentrisch“ – außen vor, nix Maßgebliches wohl für „die Mitte“. Andere zählten seine Hits auf und erzählten dann, dass sie was mit denen erlebt hatten. 

Deutlich wurde, dass sie nicht IN IHNEN erlebt hatten: Eher zufällig lief dessen Musik, als sie auf vergangenen Parties turnten und knutschten, und er war halt ein Superstar. Viele griffen den „Gender Trouble“, von Prince so virtuos inszeniert, auf – am absurdesten ein Autor bei ZEITonline, der ihm eine „Überlegenheit über Judith Butler“ attestierte. Der Gedanke als solcher schillert schon so völlig unsinnig, dass ich lachen musste – wie kommt so ein Schmierfink auf solch eine Hierarchiebildung? Unter anderem führte er an, dass Prince ja Gitarre spielen konnte. Mal ab von der möglichen phallozentrischen Deutung – dazu später mehr -: War jetzt Udo Jürgens Jürgen Habermas überlegen, weil er Klavier spielen konnte und in „Dieses ehrenwerte Haus“ zugleich eine postkonventionelle Moral proklamierte? Dass Menschen offenkundig nicht über Gender schreiben können, ohne nebenbei vorsichtshalber der berühmtesten und profiliertesten Theoretikerin einen zu verpassen und noch in aufgehobenen, männlichen Sterotypen deren Dominanz fomulieren müssen, das verweist auf eben dieses Unabgegoltene, das ich meine. Prince bleibt als Frage, der ausgewichen wird.

Als Weißer wie David Bowie seit der Thin White Duke-Phase (!!!) sich gebend  – oder auch der vor Ziggy Stardust – in einem Großraumbüro oder einer Bank gearbeitet zu haben, das dürfte einigermaßen unproblematisch gewesen sein. Als Fussballtrainer oder KfZ-Mechaniker hätte es da vermutlich mehr Probleme gegeben. Trotzdem. Deshalb, seien wir ehrlich: So gewaltig wird der Freiheitsspielraum nun nicht gewesen sein, den Bowie eröffnete. Bowie-Typ sein, das war okay. 

Aber so wie Prince 1985 oder 2016 auch nur durch ein von der Innenstadt entferntes Einkaufszentrum oder gar nachts durch Fallingbostel zu laufen – ich weiß nicht, wie das in der Bronx oder in Brooklyn war, aber dass sich in Deutschland damals wie heute auch nur irgendetwas durchgesetzt hätte, das dies ermöglichte oder damals ernsthaft wirkte, das zu behaupten halte ich zumindest für gewagt. Und mensch stelle sich nur mal Pohlmann, Clueso oder Philp Poisel, von mir aus auch Haftbefehl im Prince-Look vor, und es dürfte klar sein, dass trotz aller feuilletonistischen Hymnen rein gar nix hier in Deutschland wirkte von dem, was Prince so glanzvoll erschuf. 

Bei mir auch nicht. Was überschlagen sich denn dann auf einmal alle? Nur weil zwischendurch auch mal für Conchita Wurst beim Grand Prix mensch votete (nur Sido nicht), die ins Karnevaleske zu verbannen eben so deutsch ist wie sonst gar nichts, weil ansonsten alle derartig zittern, ihre ach so „authentische“ Thees-Ullmann-normalisierte Cis-Mensch-Attitude könnte wanken? 

Ja, ich doch auch! In irgendeinem Blog stand, dass ja damals, in den 80ern, also da, als ich mein Coming out hatte, Prince als so schwul gegolten habe. Und das sei ein Schimpfwort auf Schulhöfen gewesen (har, har, als sei das heute anders) und keiner hätte es sein wollen oder dürfen – ja, an dem Kampf erinnere ich mich sehr wohl, nun auch ja nicht „zu tuntig“ sein zu wollen. Was natürlich immer alle prüften, OB ich das sei.  Gelegentliche Koketterie mit Kajal und ganz selten Lippenstift und ein großer Ohrring. Ansonsten schon aus Karrieregründen und nackter Angst bloß nicht zu „feminin“. Aber so mutig wie andere, im „Fummel“ unterwegs zu sein, war ich ja auch nicht und hatte all die internalisierte Homophobie genau so gefressen wie alle anderen auch. 

Ich würde lügen, wenn ich jetzt eine Befreiung durch Prince behaupten würde, an ihm lag das nicht; und ich kenne auch keinen Weißen, bei dem das so gewesen wäre. Am mutigsten waren noch die aus den Gothic-Szenen, wirklich, mit Mini-Rock und Strapsen und Schminke und Latex und Fetischen – nur dass die Abgrenzung gegen „Black Music“ nicht im Sinne der Gewandung, sondern von Prince & Co da auch am stärksten war. In irgendwielinken Szenen hôrten ihn zwar alle, aber nachhaltige Wirkung kann da nun wirklich nicht festgestellt werden.

Auch musikalisch nicht. Als ich jetzt noch mal in die Lovesexy-Tour hinein guckte – ja, ich gebe es ja zu, dass ich das damals toll, aber auch anstrengend fand, das Konzert im Millerntor-Stadion. Prince war nur selten einfach. Deshalb war er ja so gut. Derart treibend rhythmische Funk-Komplexität, durchsetzt mit Verweisen von James Brown bis zurück zu Cab Calloway, eine teils echt schräge Harmonik mit Jazz-Bezügen, wahnsinnig schnell, wahnsinnig komplex, und selbst auf Elvis in Las Vegas und Sammy Davis Jr. wurde angespielt. Was für ein WISSEN nötig ist, aus diesen fast schon enzyklopädischen Bezügen eine so mitreißende Show zu formen, das hat jüngst mit ganz anderen Mitteln Kamasi Washington durchgespielt – und dabei dann trotzdem noch mit Witz und Leichtigkeit und so derart sexy tatsächlich Entertainment zu betreiben wie Prince, sorry, aber das gibt es tatsächlich nur in den US-Black-Cultures und mit Abstrichen in sich ihrer Postkolonialität bewussten Metropolen wie London (in Indien und Brasilien und auf Kuba bestimmt auch, da kenne ich mich nicht so aus). 

Deutschland ist da einfach eine Kulturwüste, wenn man sich all diese erbärmlichen Deutschpop-Weichspüler und rockistischen Macker anhört, die dann wie Rio Reiser singen wollen. Und das über Zweizimmer-Altbauwohnungen. Bye, bye, Rauchhhaus. 

So dass ich mich richtig erschrocken habe, als eine Nummer beim Wiedergucken von Prince auf der Bühne erschien, die auch von Bryan Adams hätte performt werden können. 

Aber WIE Prince sie brachte! „Purple Rain“ habe ich eh immer für eine Cockrocker-Parodie gehalten, und, siehe da: Nach phallischem Gitarrenwix-Solo präsentierte Prince seinen sehr appetitlichen Arsch derart kokett und eindeutig mit Augenaufschlag – würde der Autor von DIE ZEIT sich nur einmal so präsentieren, er würde eine Ahnung davon bekommen, wie unsinnig sein Gequassel über Judith Butler ist und dass er statt Heinz Bude mal lieber Bell Hooks lesen sollte. 

Wie mensch von Prince lernen konnte, zu HÖREN, gerade die Relation von digital zu analog, darüber schreibe ich dann noch ein anderes mal – jetzt frage ich mich lieber noch ein paar Wochen, wieso der Mann hierzulande überhaupt so gefeiert wurde angesichts seines Ablebens. Völlig zu recht zwar, aber wieso sonst noch?

Wo er doch so gar keine Spuren außer Erinnerungen hinterließ. 

Das las sich fast so, als seien nun einige froh, ihn endgültig abhaken zu können.

Weil ja angeblich all das, wofür er stand, längst etabliert sei: Die Aufhebung von SOZIALEN Kategorien wie schwarz und weiß, Mann und Frau, hetero und schwul. Schön war’s! 

Streift morgen im Job mal die High-Heels-Schaftstiefel über, malt euch ’nen Lidstrich und singt bei „If I was your Girllfriend“ genau so textsicher mit wie bei „An Tagen wie diesen“, Jungs  – und dann wartet ab, was passiert. Ja, ich trau’s mir ja auch nicht. Eben. Warum denn? Und nein, ein Luxusproblem ist das nicht.

Klang- und Bilddenken im Dialog mit dem Saxophon: David Bowies „Blackstar“-Album

Ich geb’s ja zu: Ich hätte das Album vermutlich gar nicht angehört, hätte David Bowie nicht den Übergang vollzogen.

Ein schweres Versäumnis wäre das gewesen – eine abschließende Vision als Hinterlassenschaft von Gewicht mir entgangen. Bowie zeigt Wege auf hinaus dem „Meta“, ohne dabei der berühmten „falschen Unmittelbarkeit“ zu erliegen.

Springt mitten hinein ins Erforschen des Seins und seinem Sich-Ereignen in Klängen, Sprache und (Sprach-)Bildern in all ihrer Historizität. Das Werden zelebriert sich als Vergehen, aus dem das Neue aufscheint, so in etwa kann das „Blackstar“-Album gehört werden, und so plump diese Message scheint, ihre Durchführung geht tief unter die Haut– das Album taucht Mehr von diesem Beitrag lesen

Selbstwidersprüche in der Agitation gegen „Politisch Überkorrekte“

Die FAZ mal wieder. Heizt fröhlich an die Facebook-Kommentar-Hater, die sich einbilden, „Weihnachtsmärkte“ könnten zukünftig „Wintermärkte“ heißen. Es geht in einem Artikel, überschrieben mit „Die politische Korrektheit bedroht die freie Rede“ und vom pegidistischen Geiste beflügelt, um das Verurteilen, Maulstopfen und Zumschweigenbringen derer, die sich für das Einfordern von „Safe Spaces“ für durch Diskriminierung Sozialisierte an britischen Universitäten einsetzen. 

Der Text zeigt auf, dass es ausschließlich um die Freiheit jener geht, die gesellschaftlich sowieso dominieren und Anderen noch ganz andere Rechte vorenthalten wollen. So z.B. jenes zu heiraten. 

Auftrumpfend formuliert er die Pointe: Das“Recht, nie von irritierenden Ideen herausgefordert oder von Angriffen aufgerüttelt zu werden„, würde erstritten.

Der Witz ist ein schlechter. Wer transsexuell, als schwul oder lesbisch, als schwarz oder Frau gelesen oder als Muslim, Hindu oder Jude in einer weiß dominierten, cis- und heterosexistischen sowie christlich geprägten Gesellschaft aufwächst – letzteres eine mit allerlei Privilegien ausgestattete, bestens abgesicherte und mit einer Geschichte ausgestattete Formation, die in vergleichbaren Fällen Verbote nach sich ziehen würde -, verbringt sein/ihr Leben in fortwährender Irritation und unter Dauerbeschuss. Ein kontinuierlich aufgerütteltes Leben, sozusagen. 

Der Alltag kann, wenn mensch nicht aufpasst, zum fortwährenden Angriff durch Andere ausarten, zum Verharren in einer fortwährenden Verteidigungshaltung. Schon aus Well-Being-Gründen ist es nötig, sich Facebook- und Twitter-Pausen zu verordnen, möglichst keine sexistischen, rassistischen und heteronormativen Fernsehproduktionen voller weißem cis-Personal, das in christlichen Kirchen von Inspector Barnaby gütig beäugt den Bund der Ehe schließt, mehr anzugucken und das fortwährende Problematisiertwerden mal für ein paar Tage zu ignorieren. 

Im Nachklapp zur Debatte rund um Köln und den Bahnhofsvorplatz dürfte auch deutlich geworden sein, dass abgestufte Formen sexueller Gewalt, auch das eine Mischung aus schmerzhafter Irritation des eigenen Sicherheits- und Integritätsbedürfnisses und brutalem Angriff, Befingertwerden und Schlimmeren,  für Frauen in Deutschland schlicht Alltag sind. Wer es nicht glaubt, braucht nur die Trolle zum Hashtag #ausnahmslos zu lesen: Der sexistsiche Mob ist überall und sehr angriffslustig.
Was in der Tat neu ist, ist, dass nunmehr auch dominante Gesellschaftsgruppen auf einmal Irritation und Angriff unterliegen. Dass durch die Homo-Ehe-Diskussion manche ihren Heteronormativität dienenden way of life nicht mehr als „natürliche“ Selbstverständlichkeit wahrnehmen können. Dass der Kanon der europäischen Kulturgeschichte nicht mehr unbefragt als globales Non-plus-Ultra gilt, weil er von Antisemitismus, Sexismus, Rassismus und Heteronormativität durchdrungen ist. Dass nicht mehr automatisch jede als  weiß gelesene Person befugt ist, qua gesellschaftlicher Position Nicht-Weiße zu belehren, zu paternalisieren, zu „zivilisieren“, zu beurteilen und ggf. zu exkludieren oder abzuschieben. Dass Frauen sich nicht mehr der Dominaz männlichen Zugriffs und Verfügens unterwerfen und mal nicht mehr fortwährend sich als Opfer phallischer Gewalt gezeichnet sehen wollen. Dass vielleicht sogar die märchenbuchhafte, patriachale Lesart der Bibel im Bischofsornat Alternativen erfährt, die – vor allem in den USA – Querverbindungen zu fernöstlicher und Sufi-Weisheit öffnen und weniger autoritär auftrumpfen als manche der aktuellen islamischen Rechtsgelehrten oder christlichen Sittenwächter. Dass das BH-Verbrennen Ende der 60er für als weiß gelesene Frauen Freiheitspielräume ermöglichen mochte, während als schwarz Gelesene froh waren, sich mal etwas anziehen zu dürfen, um dem sexualisierenden, weißen Blick zu entrinnen (das war ein variiertes Originalzitat einer schwarzen US-Bürgerrechtlern).

All diese Irritationen und Angriffe freilich möchte die FAZ in jenem Text am liebsten verbieten und weiter dafür sorgen, dass auch ja das Gewohnsheitsrecht dominanter Gruppen, Andere zu beleidigen, herabzuwürdigen und darüber zu diskutieren, ob diese ein Recht auf Rechte haben, als maßgeblich gilt. Z.B. auch jenes Recht Marginalsierter darauf, öffentlich mit ihrem Reden, ihren Bedürfnissen, ihren Ideen überhaupt erst mal sichtbar zu werden und ausnahmsweise auch mal Gehör zu finden. 

Bei einem Votum gegen die Homo-Ehe oder Sottisen gegen Transmenschen, ÜBER diese geäußert, von einem „Ringen um Ideen“ zu sprechen, ja, gar von Demokratie und Innovation daher zu schwadronieren, das ist ebenefalls ein schlechter Witz. Diese „Ideen“ sind an gesellschaftliche Zwangsmaßnahmen gekoppelt weder neu noch irritierend für alle jene, die sich bisher durch Eingliedern in Normalisierungsraster der Befragung entzogen und das auch konnten, weil sie nicht eh schon ständig aufgrund äußerer Merkmale dem Verdacht unterlagen. Diese „Ideen“  haben in jeder Diktatur, ob im Stalinismus (okay, der orthodoxen Kirche ging es da an den Kragen), Nationalsozialismus (in dem es vereinzelt, in Düsseldorf zum Beispiel, auch Katholikenverfolgung gab) oder Klerikalfaschismus unter Franco bestens gedeihen konnen. Auch in Monarchien wie unter Wilhelm Zwo. Und das ist ja kein Zufall. 

Nee, ihr lieben Mehrheitsgesellschaftler und Patriachatsliebhaber: Lasst IHR euch doch mal irritieren. Andere sind das eh gewöhnt. Haltet IHR doch mal Angriffe aus, anstatt EUER Well-Being als Weltmaßstab absolut zu setzen. Lernt IHR doch erstmal, Selbstverständnisse  ohne die Herabwürdigung Anderer zu gewinnen. Dann findet freie Rede vielleicht sogar mal wirklich statt. 

Das ewige Restaurieren bringt keine irritierenden Ideen hervor. Noch nicht einmal produktive Spinoza-Lektüren sind unter diesem Vorzeichen möglich, und selbst Shakespeare mutiert zum toten Fisch, wenn sich AutorInnen wie die von der FAZ durchsetzten. Solche Plädoyers gegen gesellschaftliche Innovation zementieren nur das, was vorher schon falsch war.

„… and the shame was on the other side“: Alienation durch Künstlichkeit besiegen. Rest in Peace, David Bowie

 
Ein Schlag in die Magengrube. Kurz sack ich weg. Morgendliches Scrollen durch die Timelines von Twitter und Facebook – ein Stück Welt, in dem die Popkultur und ich uns zusammen bewegten, ist plötzlich weg. Tot. The story ends. Unfassbar.

Andere Künstler schreiben Songs. Bowie erschuf Welten und formte sie zu einem Vexierspiel aus Möglichkeiten.

Welt1: Die jeweilige Persona und ihr in Visualisierung aufgobenes, musikalisches Gewand. Welt2: Eben die Bowie-Welt als Ganze – ein Unversum aus Verweisen, eine symbolische und musikalische Wucht in Vielfalt. Kosmisch. Ein Konglomerat aus Appropriation, Hybridem, ein Labyrinth – im Film gleichen Namens spielte er mit -; aus kühl scheinendem Kalkül und Düsternis, Glamour und Fantasie, Absturz und Stilisierung. In der Musik wie auch deren Inszenierung.
Er war immer schon da. Eine Voraussetzung. Unterhintergehbar. 

Hinein gewachsen in ein Pop-Szenario irgendwie zwischen Disco, Soul, früher Neuer Deutscher Welle und Postpunkverzweigungen mit einer Prise Queen und Kiss in den späten 70ern, frühen 80er schien uns so vieles schlicht sein Echo zu sein. Während ich zu „Let’s dance“, das so viele hassten, weil wie Verrat es schien an dem Underground in bierselig vollgepissten Kellerlöchern, auf die Tanzfläche eilte, fuhr zuleich das Wissen um all die Bowies zuvor mir in die Sinne. Den Ziggy, den im Anzug von „Young Americans“. Den, den wir bewunderten, wenn nach Carolyn Maas‘ „Sittin‘ in the dark“ Iggy Pops „Passenger“ auf Parties lief (das passierte oft), weil er das ja produziert habe. 

„Bowie-Typen“, das war ein fester Begriff für melancholische, anämisch-hagere, blasse Jungmänner, die Seitenscheitel trugen und eine ganz andere Sexyness versprühten als kraftstrotzende Jocks in Röhrenjeans. Die ein Hauch von Bohéme umwehte, als seien sie eine Fusion aus Klaus Manns „Frommen Tanz“, denn die Berlin-Assoziation war zu unserer Zeit schon gegeben, und den auf Stil setzenden unter den Postpunkbewegten – die allesamt vor ihm, der vorher schon da war, niederknieten wie vor einer Madonnenstatue. Klar, das Bild ist bewusst gewählt, niemand hat mehr von ihm gelernt als Madonna: Das fortwährende Neuerfinden, das viele dem Neoliberalismus als Prinzip untersciheben wollen, prägte er als Erfolgsrezept.
Die Problematik dieser Ikonographie wurde deutlich, als zu Zeiten, da er als „Thin White Duke“ sich inszenierte, ein offensives Kokettieren mit dem Faschistioden in Interviews aus Bowie drängte. Nicht zufällig in seiner Berliner Zeit, diese Stadt evoziert das wohl, weil mensch es dort bis heute spürt – die Brutalität dieser visuell wie sprachlich geprägten Faszination des Drüberhinausseins über die Moralität, die Walter Benjamin die „Ästhetisierung des Politischen“ nannte. Eine neue Rechte forderte er und behauptete Hitler als Rockstar, und schwamm mit in einem Strom der teils affirmierenden Provokation durch Nazismen, der auch frühe Punk Acts, in den Anfängen auch Joy Division und Siouxzie antrieb. Später schob Bowie diese Äußerungen auf kokainindizierte, psychotische Phasen. Bowie, das ist eben auch der Soundtrack zum einst bahnbrechenden „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Doch das Role Model, das er in jenen Jahren nach der „Ziggy Stardust“-Phase kreierte, kann als Abfeiern von Whiteness gelesen werden, ob bewusst oder unbewusst  – noch da, wo er sich akustisch auch bei Black Music-Traditionen bediente. „Heroes“ konnte somit auch zur Titelmelodie einer Ausgabe der ZDF-Sendung „Unsere Besten“ werden – spricht das gegen den Song? Ich glaube nicht.

Das alles  ist die Kehrseite dessen, was den Starman gerade in queeren Zusammenhängen so überlebensgroß erscheinen lässt: Todd Haynes hat in „Velvet Goldmine“, grob orientiert an der Bowie-Iggy-Pop-Story, unübertroffen ins Bild gesetzt, wie Glam als Zelebrieren von Bi und Andogynität den Natürlichkeitskult der Hippie-Generation durch radikale Künstlichkeit auslachte und zugleich toppte. Die Koppelung an Science-Fiction-Motive – Spiders from Mars, Space Oddity – hat es auch im Afrofuturismus gegeben, dort noch nachhaltiger motiviert. Sinn und Zweck der Alienwerdung: Alienation nun gerade entkommen durch die Projektion einer fantasievollen Zukunft derer, die im mehrgesellschaftlichen Realitätsprinzip naturalisierenden Zuschreibungen brutalstmöglich ausgesetzt werden.

Bowie demonstrierte das nicht nur auf der Bühne: Das „Andere Ufer“, das erste offene (!!!) Schwulenlokal in Berlin, also mit großen Fenstern zum Hereinschauen, besuchte er publikumswirksam als Stammgast. Seine Liaison mit Romy Haag zelebrierte er öffentlich. All die widersprüchlichen Aussagen in all den Jahren dazu, welcher „Orientierung“ er denn nun wirklich folge, sind nur konsequent: Der stilisierte Rollenwechsel hebt solche Fragen auf, sprengt Codes und Zeichenregime und eröffnet Freiheitsspielräume – und das noch da, wo der Zauber des Sentimentalen als Schmelz in die Melodieführung eindringt. Auch das eine Praktik im Glam, ebenso von Roxy Music vollzogen: Die Furcht, des Kitsch bezichtigt zu werden, schwindet, befreit ein Künstker sich von der Diktatur des Authentischen. So durchbrachen sie mit Bowie an der Spitze inmitten des Rockism-Paradigmas dessen Fundamente und spürten im freien Fall, lost in time, lost in space, die kosmische Dimension einer Ästhetik der Existenz auf, die diesen Namen auch verdient hat. Alles rund um New Wave und Synthie-Pop in den 80ern erzählte diese Geschichte weiter – mal gelungen und mal auch nicht. Und Bauhaus übersetzten es in Goth. 

Sein gerade Freitag erschienenes Album habe ich noch gar nicht gehört. Es werden Tränen wie jene des Pierrot sein, die fließen beim Hören – in die Unwirklichkeit der Vergänglichkeit des Unvergänglichen gebeamt, ein wenig maskenhaft. Und deshalb gut.

„… oder verteidigt die autonomie des nachtlebens gerade in ihrem geist“: Ulf Poschardt und das „Racial Profiling“ mancher Türsteher

„Wie Larry Levan verkörperte Knuckles den Disco-DJ, der nie in den schicken Mainstream-Clubs von New York Top-Hits spielte, sondern auch während des Disco-Hypes im Underground operierte“.

Ulf Poschardt, DJ-Culture, S. 243, Hamburg 1995/97

 

„“Painting the picture“ haben das die virtuosen Türsteher im legendären New Yorker „Studio 54“ genannt. Es ging darum, jenes filigrane soziologische Experiment, das jeder grandiose Abend im Nachtleben sein kann, gelingen zu lassen.

Die Werte, die dafür gebraucht werden, waren und sind so unterschiedlich wie die Clubs, die sie anwenden. Schönheit, Kraft, Stil, Reichtum, Macht, Exotik – zugelassen wurde an der Tür, was gebraucht war. Nichts ist schwieriger als dieser Mix.“

Ulf Poschardt, Rot-Grün will die Freiheit der Nacht reglementieren, in: DIE WELT 29.12. 2015

Macht. Reichtum. Exotik. Aha. EXOTIK.

Ich meine, Nile Rodgers von Chic, der einige der wirkungsmächtigsten Riffs und Grooves der Musikgeschichte erschuf – der besten, coolsten, frischesten Riffs: forever young -, habe einst in einem Interview berichtet, wie er in der Studio 54-Schlange stand und für zu schwarz, zu „raw“, zu wenig machtvoll und reich befunden wurde, um hineingelassen zu werden.

In der bei vielen vor lauter Motörhead (R.i.P., Lemmy!), Thees Ullmann und Coldplay vermutlich längst vergessenen Promi-Disco New Yorks hingen immerhin Ikonen wie Truman Capote, Andy Warhol und Grace Jones ab – letztere ist wohl eine der wenigen, die aus der Szenerie etwas nachhaltig Wirksames, etwas unvergesslich Wegweisendes geschaffen hat. So nachhaltig fazinierend, dass sie aus Kanonisierungspraxen Mehr von diesem Beitrag lesen

Momo on the radio: Tales of St. Pauli – Neues aus dem Metalustversum, Mo, 14.12. 2015, 14-16 h, FSK

Morgen tönt es wieder für die oder den, der/die will – eine neue Ausgabe der „Tales of St. Pauli“ ist auf den Frequenzen des FSK zu hören.

Den „Aufhänger“ bildet „Der Widerspruch der Kunst“, herausgegeben von Alex Körner/Julian Kuppe/Michael Schüßler, Berlin 2016; ich montiere, collagiere und kommentiere mich durch einige der enthaltenen Aufsätze, würdige und merke kritisch an. Weil eine Mail an den FSK-Verteiler ging und gefragt wurde, wer Lust habe, sich dem Werk zu widmen, bei dem mindestens 1 Radio Corax-Kollege beteiligt war.

Aber auch, weil die Rolle der Künste, ob nun widersprüchlich, dekorativ oder welterschließend als Beitrag wahlweise zur Gentrifizierung, zur Reflexion, zur Ausgrenzung und Stabilisierung struktureller Machtverhältnisse oder aber deren Verflüssung auch rund um diesen so merkwürdigen Stadtteil St. Pauli im Umbruch immer wieder Anlaß zur Diskussion bietet.

Was in verschiedenen Anläufen auch die Fragestellungen der Texte versuchen – also ein Feld auszuloten, zu erkunden und in theoretischen Ansätzen die Arbeit am Begriff zu leisten, um eine aktuelle Positionsbestimmung zwischen Markt, Resignation und dem Utopieversprechen einst, und sei es noch so gebrochen, der Künste auf Denk- oder Holzwegen zu weisen.

Ergänzt werden die Aussagen der AutorInnen mit der Forderung nach einer Erweiterung des theoretischen Bezugrahmens im Anschluss an Bell Hooks.

Wie immer am zweiten Montag im Monat zu hören ist mein Konvolut auf dem FSK von 14-16 h.

Hier wie immer die Tracklist:

 

Donna Summer – On the radio
Clueso – Out of Space (Live)
B. Slade – Changes
Charles Bradley – Golden Rule
Jonny McGovern – Soccer Practice
Erasure – Chains of Love
Alice Coltrane – Shiva-Loka (feat. Pharaoh Sanders)
Timmy Thomas – Why can’t we live together
Thelonius Monk – Let’s cool one
Aretha Franklin – Border Song
Sam Cooke – A Change is gonna come
Grace Jones – Hurricane
Noiseaux – There can be a home
Y’akoto – I will go down
DeeDee Bridgewater – You saved me
Grover Washington Jr. – Knucklehead

 

Viel Spaß beim Hören, wer auch immer das möchte!

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