Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

In Köln sitzen und nicht wissen, was auf der JHV passiert …

Das Rauschen der Straßenbahn dringt aus der Ferne durch das geöffnete Zimmer meiner Interims-Dachgeschosswohnung an der Grenze von Sülz zu Lindenthal. Habe die „Blue Note Monthly“-Playlist September eingestartet; Köln wirft mich ja sowieso immer ein wenig in der Zeit zurück.

Muss gleich noch tun und schaffen, hier am Küchentisch mit Blick auf Dächer und herbstliche Baumspitzen – klar, deshalb bin ich in Köln, zum Arbeiten, und ich weiß um das Privileg, gut bezahlte Jobs zu bekommen, die ganz lustig sind, wo angenehme Menschen mit umgeben und die Firma sogar noch die Wohnung zahlt. Was ein Appell es, es zu so zu nutzen, dass es keines bleibt. Ist mir hier und da sogar schon gelungen. Eine ganz hübsche Behausung, Wohnküche und Schlafzimmer, von dem aus in Richtung City der Blick Mehr von diesem Beitrag lesen

Zizek, Kretschmann, Kristina Schröder und der Rest …

Kristina Schröder:

„Mein Gefühl ist, dass die Menschen auch hierzulande inzwischen eine tiefe Aversion gegen den „politisch korrekten“ Diskurs haben. Es ärgert sie wahnsinnig, dass man bestimmte Positionen rechts der Mitte nicht mehr artikulieren kann, ohne niedergemacht zu werden. Diese Kultur ist in den USA noch stärker ausgeprägt. In amerikanischen Universitäten werden inzwischen schon „Trigger“-Warnungen herausgegeben, wenn bei Texten die Gefahr besteht, Minderheiten in ihren Gefühlen zu verletzen. Und die Unis sind kulturprägend für den intellektuellen Diskurs in einem Land. Diese Kultur führt aber zu einer geistigen Enge, die viele inzwischen unerträglich finden. Trump ist jemand, der diesen Diskursverboten etwas entgegensetzt. Das hat den Leuten gefallen.“

Winfried Kretschmann:

„“Wir dürfen es mit der Political Correctness nicht übertreiben“, sagte er. Auch Menschen, „die ganz anders denken“, verdienten „Respekt und Klarheit“.“

Zizek:

„Der linke Ruf nach Gerechtigkeit geht häufig Hand in Hand mit den Kämpfen um die Rechte von Frauen und Homosexuellen, für Multikulturalismus und gegen Rassismus und so weiter. Das strategische Ziel des Clinton-Konsenses besteht darin, all diese Kämpfe von der linken Forderung nach Gerechtigkeit abzutrennen – weshalb das lebende Symbol dieses Konsenses Tim Cook ist, der Apple-Chef, der stolz einen offenen Brief gegen die Diskriminierung von LGBT-Personen unterzeichnet und jetzt problemlos Hunderttausende Foxconn-Arbeiter in China vergessen kann, die Apple-Produkte unter Sklavenbedingungen montieren. Er hat ja seine große Geste der Solidarität mit den Unterprivilegierten gemacht und die Abschaffung jeglicher Geschlechtersegregation gefordert. Wie so oft stehen die Großunternehmen stolz vereint mit der politisch korrekten Theorie“

Der Rest der Reaktionären in der irgendwielinken Blogosphäre ist derweil dabei,  Kristina Schröder noch zu toppen und jene in Psychiatrien einweisen zu wollen, die eine weiß-männlich-heterosexuellen Hegemonie konstatieren und fügt sich damit bruchlos in jene Traditionen ein, die schon Lou Reed folterten. Diese Pathologisierungsnummer beansprucht freilich gerade in psychoanalytisch, freudomarxistisch geprägten Teilen der Linken so eine Art Gewohnheitsrecht für sich  – die landen irgendwie irgendwann immer bei Kristina Schröder und Co und werden noch schlimmer, und das auch noch wiederholt und über Jahre hinweg. Der Wurm war da schon immer drin. Da hilft es aber, Foucault mal wieder zu lesen, um das zu überwinden.

Andere meinen, irgendetwas Progressives zu formulieren, wenn gegen „Identitätspolitiken“ (also Feminismus, Kampf für Lesben-, Schwulen-, Bi- und Transgender-Rechte, „Black Live Matters“ etc.) „der kleine, weiße Mann (!!!) auf der Straße“ in Stellung gebracht wird, ganz pegiadaesk, aber natürlich ganz anders gemeint. Diesem sich zu nun zu widmen sei Gebot statt diesen Regenbogenmischpoken, schwarzen „Behinderten“, hahar usw.  –  es ist allerdings jederzeit möglich, in Analysen einfach das zu kopieren, was eigentlich kritisiert werden sollte. Und so viel Verständnis, wie es aktuell für die Brexit-Voter aufgebracht wird, habe ich für Sufi-Immane in London, die gegen Leute wie Anjem Choudary kämpfen, auf dass ihnen die Youngster nicht weg kippen, nie irgendwo gelesen.

Was dabei ebenso auf der Strecke bleibt, Mehr von diesem Beitrag lesen

Melancholie: Nur mal eben den neuen Computer ausprobieren …

Verloren. Wieder verloren.

Höre die Playlist „Melancholie des Jazz“ eines Streamings-Dienstes; Herbie Hancock liebkost so unvergleichlich, wie eben nur er es konnte, die Piano-Tasten. Ein Saxophon seufzt dazu und singt von Wehmut.

Es wird Herbst da draußen und alle Klischees von den sich färbenden Blättern blala, ist eher was für ZDF-Krimis, das formuliere ich nicht weiter aus; eine Trompete setzt ein und wie verselbständigt gleichen die inneren Bilder plötzlich den Filmen jener Tage. „Außer Atem“ und so.

Als die Exis allmählich wichen und sich etwas vorbereite, das noch nicht da war und später unter „’68“ subsummiert doch den Style der Anzüge von Miles Davis oft sehr mißlungen konterkarierte.

Miles Davis, DAS wäre eine coole Entscheidung für den Literaturnobelpreis gewesen, würde er noch leben. Ja, genau, gerade, weil er ohne Worte so viel sagte und so radikal neuen Sinn erschloss, atmosphärisch dicht, bildstark und wirklich innovativ. Einer, der nicht einfach nur mit Rimbaudschen Mitteln Gospel und Traditionals entkontextualisierte und überschrub.

Dies ist der zweite Anlauf, diesen Text zu schreiben, um den neuen Computer auszuprobieren. Ja, war an der Zeit, bei dem anderen, der mir so lange so treu seinen Speicherplatz schenkte und unverdrossen diente, war es ein wenig so, wie es zumindest scheint, dass es zwischen Trainer und MAnnschaft das bestimmende Verhältnis sein KÖNNTE: Mehr von diesem Beitrag lesen

Der Weg zu kämpferischer Poesie: FC St. Pauli -Arminia Bielefeld 2:1 

„Auf den harten Linien 

Meiner Siege 

Laß ich meine späte Liebe tanzen.“

Um mit Else Lasker-Schülers Worten das Sujet zu etablieren. 

Okay, war nicht unbedingt MEIN Sieg. Sondern der der Mannschaft. Aber ja ein Sieg auch FÜR mich. Und Dich. Und für uns uns alle, die wir pilgern an das Tor, das Millerntor. 

Alleine der Jubelausbruch von P.A. neben mir in der 90. Minute, dieses entfesselt-orgiastische  Freudeverhalten, diese sich entladende Anspannung, diese im Schrei verdichtete Eruption von Glücksgefühlen – wer niemals dieses Stadion betrat, der kennt so was nicht und wird so nie erfahren, wie tiefgreifend gut solche Erinnerungsbilder am Tag danach tun. 

3 Punkte! 

Die ersten überhaupt in dieser Saison! 

Obgleich wir die doch schon in Stuttgart verdient hätten. „Lohn“ und „Verdienst“, das sind vielleicht nicht die Begriffe, die fassen können, was das Spiel gestern in einer sich über 90 Minuten steigernden Willenslust (oder wie auch immer mensch das nennen mag) an Dramatik zu bieten hatte. Viel zu prosaisch. Das Spiel verlief vom Worte suchenden Gebrabbel zur Wucht kämpferischer Poesie, die der Verzweiflung den Zweifel austrieb, so dass „Ver-ung“ alleindann eben auch keinen Sinn mehr machte.

Ja, war halt ein tölpeliger Anfang gegen Bielefelder, die sich mental seltsam, aber konsequent auf das Sein als Kegel am Ende einer Bowlingbahn eingestellt hatten. So dass sie wahlweise selbst nach fast anrührendem Bitten um körperliche Intimität mit unseren Jungs schlicht grundlos umfielen oder aber das Kegelfallartige schubsend auch den Boys in Brown beibringen wollten.  Gegen deren Willen. Schön war das nicht, was die da spielten. Nöthe musste bestimmt nur deshalb raus, weil desssen Anflüge von Eleganz in Bielefeld beim Team der Kegel mutmaßlich harsche Sanktionen nach sich ziehen. Einfach nicht plump, aggressiv und grobschlächtig genug.

Eine zumindest originelle und durch und durch eigenwillige Regelauslegung des Schiedsrichters stachelte den Glauben der Arminen an ihre kegelige Spielphilosophie noch an. Ein vom Fussballgott so zunächst an jeglichem Flow vorbei choreographiertes Geschehen auf dem Rasen trieb die Hofffnung in den Untergrund. Wir zweifelten, ja, an unseren Jungs, ich gebe es ja zu, sie maßregelten uns ja dann auch dafür mit Hilfe der Wonnen des Sieges,  an der Qualität des Kaders, an den Entscheidungen und Kriterien der sportlichen Leitungen. 
Und dann doch. Sie ließen uns die Skepsis nicht und bekämpften sie mit vollem Einsatz. Während wir noch dröge lamentierten, dass ein Mittelfeld, das nur aus Christopher Buchtmann besteht, ggf. nicht ganz optimal konzipiert sei, zeigte Aziz Bouhaddouz dem Mitspieler kurzerhand in unmissverständlicher Geste, wohin er den Ball gerne gespielt bekäme, und vollendete sogleich trotz Blockadeversuchen der Arminen-Kegel gar volltrefflich zum 1:0. Das war schön. 

Die Wende hatte sich schon angedeutet, als Sören Gonther, der Regenbogenkapitänsbinden-Verweigerer, den Platz verlassen musste. Selbstverständlich wünsche ich selbst dem gute Besserung, Gesundheit und alles Glück dieser Erde in seiner heteronormativen Welt zu endlosem Ballermann-Schlager-Bumsbeat (Vicky Leandros versteht der vermutlich gar nicht wirklich). Trotzdem immer ein gutes Zeichen, wenn er nicht spielt, und es hat ja funktioniert: Ab da ging es bergauf. Bei unserem Abseitstor war ich gerade Bier holen, selbst der Kicker schrub, es sei nur vermeintlich eines gewesen – und als dann Sahin, der dem Rest der Mannschaft hoffentlich noch ein bißchen das Tanzen beibringt, seine forschen, durchsetzungswilligen und auch nach Fehlern und Gedöhns immer neu anlaufenden Tugenden so dem begeisterten Publikum vorführte, dass sie auch gleich schon wieder ausgemerzt waren, immerhin versuchte, machte und tat er unaufhörlich und auch verdammt viel Gutes, da kochte es wieder, unser Spiel. Und es war ihm so was von zu gönnen, dass er zum bestmöglichen Zeitpunkt auch das Tor schoss. Weil: Besser schwach starten und zum Schluss mit Bravour den Sieg erkämpfen als supercool loslegen und doch verlieren. Ja, Binse, aber wahr. 

Und sowieso sind solche Spiele ja viel großartiger als routiniert und ödsouverän erarbeitete Siege. Nach so einem Spiel will die Liebe leidenschaftlich tanzen, und ich plädiere tatsächlich dafür, die Jungs mal in die Tanzschule zu schicken. Macht locker, und die Musikalität des Spiels umkurvt in Zukunft kurzerhand gegenerisches Kegelverhalten. Mit Hüftschwung.

Meine Güte, was bin ich erleichtert, dass wir gestern unseren ersten Dreier eingefahren haben!!!!

Die Netflix-Serie „The Get Down“: Scheitern, das Räume öffnet und Musik, die ihre Geschichte selbst erzählt

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Eine eher randständige Szene pointiert gelungen, worum es in der Netflix-Serie „The Get Down“ geht: Ezekiel „Zeko“ Figuero (Justice Smith), die Hauptfigur, angehender Rapper und virtuoser Wortartist, folgt einer Essens-Einladung seines millionenschweren, zukünftigen Chefs. Er ist der erste Teilnehmer eines Praktikumprogramms, das Jungs aus der Bronx den Weg ins geregelte Leben ebnen soll. Seine Ausflüge nach Downtwon Manhattan sind treffend mit Kiwanukas „Black Man in an White World“ unterlegt.

Nach einem heroischen Auftritt im Flur des Konzerngebäudes, da Ezekiel seinem „Förderer“ mitteilt, diesem die Chance geben zu wollen, von Anfang an auf seinem Weg dabei sein zu dürfen, weil dieser später davon profitieren würde (auch verweigert er die Rolle des „Ghetto-Maskottchens“), lädt der ihn zum Diner in seine Villa ein. Die Tür des Prachtbaus öffnet Ezekiel die höhere Töchter des Patriarchen. Sie trägt über ihrer Bluse eine Mixtur aus tradiert sittsamem Samt- und nietenbesetztem Hundehalsband. Anschließend bei Tisch amüsiert sie sich darüber, dass Ezekiel noch nie was von Punk und den Ramones gehört habe.

Es ist das einzige Mal, dass Punk in „The Get Down“ Erwähnung findet. Das ist sozial ebenso treffsicher skizziert wie auch erstaunlich bei einer Serie, die 1977 spielt. Und die ins rechte Licht rückt, welche Relevanz „widerständige weiße Musikkultur“ tatsächlich hatte, historisch.

Vermutlich ist geboten, tatsächlich, wie es mir eher zufällig passierte, Hallbergs „City on Fire“ und „The Get Down“ Mehr von diesem Beitrag lesen

Wenn Vorfreude sich zu Nachwehen wandelt: FC St. Pauli – Eintracht Braunschweig 0:2 


Hey, endlich wieder Fussball! 

Das dachten wir vorher. 

Schon kurz nach Anpfiff verglomm das noch gar nicht so richtig entfachte Feuer prompt. Jenes, das doch gerade erst wieder entzündet war, innerlich Bereitschaft lebend, all das magische Räucherwerk aus Leidenschaft, Glücksempfinden, Angstbewältigung, ja, auch Funken sprühenden Entsetzens und in Stichflammen sich entladender Begeisterung  in schneller Folge, gepaart mit braunweiß glühender Zuneigung zu Männerbeinen auf dem Platz, eben das ganze Repertoire, das Menschen in diesem Stadion im besten Fall verzaubert, auf dem Altar des Spiels in ritueller Ergebenheit zu  drapieren und den Fussballgöttern auf dem Platz zu opfern. Nachdem die Glut in der Sommerpause unterschwellig weiterschwelte.

Nein, die Flammen der Hingabe erfuhren eine 90minütige, nasskalte Dusche. Sie löschte das Glühen zusehender Erlebnisbereitschaft und löste es auf in einer Art Gegenzauber zu Glaube und Hoffnung. Ja, ganz verpilchert könnte ich jetzt schreiben „aber die Liebe bleibt!“, aber da kann mensch ja eh nix machen, dass die einfach da ist und sich hämisch ins Fäustchen lacht, verlässt der durchaus Frust gewohnte Fan das Stadion wie ein begossener Pudel …

Was also war des Pudels Kern? 

Keine Ahnung. 

Was kann die Welt Dir schon gewähren? Entbehren sollst Du, sollst entbehren! So fühlte sich das Spiel zumindest an. Sogar die Verständnis- und  Erkenntnisfähigkeit schrumpelte zum scheiternden Humunculus-Experiment im Reagenzglas des Alchemisten. Heraus kam nur ein Klumpen unansehnlichen Matsches wie aus einer Pfütze am Rande des Doms. 

Kennst Du das Stadion, wo nur noch Fehlpässe blühen? 

Das war ja das Schlimme: Diese komische Rat-, Fassungs- und Konzeptionslosigkeit im Spiel, die, ich zitiere einen Facebook-Freund, die Gegengerade in einen Elefantenfriedhof verwandelte (muss ich als Haupttribünensitzer gerade schreiben, ich sitz da auch nur so gerne, weil ich mich in dem Umfeld ausnahmsweise mal so richtig blutjung fühlen kann) – eine Mannschaftsleistung, die auf zwei Halbzeiten gedehnt den Sound eines Luftballons, aus dem die Luft entweicht, erzeugte. Da standen sie dann wie arme Toren und hatten so viel Punkte wie zuvor. 

Und das nach diesen sensationellen, na, 65 Minuten in Stuttgart. 

Die gleichen Sportler-Persönlichkeiten nun wie vom Irrlicht in den Sumpf des fussballerischen Trugschlusses und Fehlschusses gelockt. 

Ja, Braunschweig spielte eklig, aber sehr gut, aber dass unsere im Gegenzug herum gaukelten wie Hobby-Magier, denen ständig die gezinkten Karten aus dem Ärmel fielen und das Kanichen ausgebüxt war, so dass nur noch vertrocknete Möhrenstummel aus dem Zylinder sie zogen und beim Entfesselungstrick sie sich immer weiter nur verhedderten … 

Das Drama nahm ja schon lange vor dem Spiel seinen Lauf, als ausnahmsweise mal ein SONG gespielt wurde, „Back to black“ von Amy Winehouse, und mitten hinein die Braunschweiger Fans mit ihren wilhelminische Marschtrommeln losballerten. 

Und dann, als die ja wirklich, danke!!!, Glückwunsch, Ehrfurcht, unglaublich grandiose Fahnenchoreo (tolle Fotos wie immer beim Kleinen Tod) auf allen Tribünen den Schall dämpfte und Visionen wie im schamanischen Trance erzeugte, dass all die Energie sogleich sich orgiastisch entladen würde … nö. 

Nix mit Ekstase, nix mit Fussball, der so kosmisch schwingt wie anderswo „in Zungen sprechen“ in Leiber fährt.

Wie schreibt „Grenzenlos 1910“ so treffend? „Erst haben wir schlecht gespielt, und dann hatten wir Gonther„. Normalerweise läge es mir fern, auf einzelnen Spielern rumzuhacken, selbst auf solchen, die mit Hilfe der Lokalpresse ihre Wechselwünsche proklamieren – aber dass einer wieder zum Kapitän gewählt wurde, der in der letzten Sasion sang- und klanglos die Regenbogenkapitänsbinde verschwinden liéß, dass manche sich schon fragten, ob er sie vielleicht ganz putinesk für „Homo-Propaganda“ hielte, das mag in den Augen vieler eine Petitesse sein . In meinen nicht. Ich will keinen Mannschaftskapitän des FC St. Pauli auf dem Platz sehen, der klammheimlich Solidarität entzog, aus welchen Gründen auch immer. Und verzaubert wird so das Spiel der Mannschaft bestimmt auch nicht. Da kann es schon mal vorkommen, dass der heilige Geist unter dem Millerntorrasen sich wehrt und Rutsch- und Stolperfallen erzeugt. 

Ich bin ja sonst stets bereit, die Schönheit des Scheiterns wortreich abzufeiern, das Liebenswerte des Sichüberrennenlassens poetisch zu umschwärmen, das Tun statt des Siegens zu besingen, Fehler statt Heldenmut zu lieben und das Zarte und Weiche angesichts dieser so unangenehm straight aufspielenden Braunschweiger für den Atem wahrer Kunst zu halten. So war es aber diesmal auch nicht, dass das nun ginge. Dafür war es zu trübe, zu lau, zu profan. Und es beruhigt mich auch nicht, wenn Lienen nun proklamiert, sie müssten sich jetzt erstmal finden. 

Wo haben sie sich denn in der Vorbereitung gesucht?

Im magischen Rezeptbuch scheint das nicht gewesen zu sein. 

Wirkte eher wie der Aufprall falscher Wunsch-Vorstellungen auf den grauen Asphalt der Realität statt wie die Wiederverzauberung der St. Pauli-Welt. 

Das mit der Wunscherfüllung klappt ja nur, wenn mensch die wieder vergisst und sich ganz der Sinnlichkeit des Hier und Jetzt hingibt, so den Zauber des Seins wieder spürt. Ist der Kopf zu voll, kommen Beine ins Rutschen – und der Gegner netzt ein. 

Fafalogie und Azizisophie: VFB Stuttgart – FC St. Pauli 2:1 

Der Zattoo-Stream hakte ständig (einen funktionierenden Fernseher habe ich ja gar nicht mehr). Ein enthemmt in Nerventode hinein faselnder Peter Neururer verstörte. Ein Sport-1-Kommentator, der sprach, als würde er mit Krähenschnabel Nieten, treudeutsche Sinnsprüche formend, auf  Bundesgrenzschutzuniformen tackern. In schneidend zurechtweisender Manier traktierte er verbal unaufhörlich.

Das Zuseh- und Zuhörsetting bot sich so suboptimal dar – ganz, wie auch die Geräuschkulisse der Stuttgarter Horde auf den Rängen schauderlich erklang. Ein wenig so, als sei der Frust angesichts lebenslang durchlittener, sinnentstellter, aber immer aggressiv spaßbewehrter Junggesellenabschiedsrituale zu einem akustischen Verlauf mutiert, der vom Grellen des Pfeiffkonzerts in ein Triumpgeheul wölfisch-wagneresker Siegfried-Karrikaturen sich verwandelte.

Das kurze Glück sei ihnen gegönnt, doch warum nun gleich zwanghaft Antimusik produzieren, liebes Stuttgarter Publikum, wo doch Fafa Picault zuvor euch Groove, Beat und Spannungsaufbau lehrte? Ganz II und V der Dur-Jazzkadenz in Personalunion – er erzeugte die Spannung treibender Spielrhythmen, die Aziz Bouhaddouz  im 0:I so stilsicher auflöste.

Das war ja schon dolle in Halbzeit 1, vor allem der fafalogische Wirbel, der azizisophisch pointiert auch noch im Pfostentreffer sich entlud.

Dieses Spiel leicht vor der 1 des Takts wie bei südamerikanischen Claven, mal nicht laid back phrasiert, kein Dexter Gordon-Sound diesmal, in der ersten Halbzeit 1, sondern vorwärtsverteidigend, bis in Netz des Gegners die Läufe quer durch ausgeklügelte Akkordfolgen in Halbton-Ganzton-Schritten spielend. Einmal zwar nur vollendet, so what,  und doch immer spielästhetisch expressiv einen Sound kreierend, der die Vorfreude auf folgende Spiele dieser Saison anstachelt und bestimmt immer neu zum Tanze uns rufen wird!

Wie so oft, wenn der Spannungsaufbau so steil geht und die Komposition dramaturgisch vortrefflich verdichtet erklingt, entstand irgendwann ein Bruch. Waren es die Auswechslungen? War es dieser eine Solist aus der gegnerischen Blaskapelle namens Maxim, der merkwürdig entkoppelt über Marschetüden der Stuttgarter schwebend ihrem Spiel sonst fremde Melodien schenkte, dass unsere Jungs Ryo vorne auf einmal alleine ließen, weil sie überrascht lauschten, dass ein wenig Musik nun doch dem VFB entwich?

Fragen über Fragen, die nur bei einer funktionalen Analyse, nicht jedoch einer der Schönheit taumelnder Helden sich stellen.

Denn der Glanz der Zukunft scheint nur auf, wenn zwischendrin die Improvisation über den harmonischen Rahmen honigsüßer Lienen-Arrangements auch mal die falschen Töne trifft und Skalen zwischendurch verwechselt.

Dorisch über alles blasen, das konnte eben doch nur Miles Davis (das wird über ihn zumindest behaupte, das er das tat), und unser „Kind of Braun-Weiss“ soll ja eh nur die melancholische Unterströmung bleiben, die wahren Jubel erst ermöglicht, weil um den Blues sie weiß. Eben dann, wenn erneut fafalogisch die neue Kreation der rhythmisch virtuosen Kompa-Rap-Post-Punk-Prämissen das Millerntor zur azizisophischen Conclusio erbeben lässt. Und die heißt Tor.

Bin mir nach gestern sicher, dass solche fussballerischen Syllogismen ganz musikalisch uns von nun an noch oft erfreuen werden.

Leerer Formalismus, das falsche Allgemeine und strukturelle Dominanz: Die Debatte um die „Hate Speech“-Broschüre der Antonio Amadeu-Stiftung

Jetzt habe ich sie auch mal gelesen – die Broschüre „Geht sterben! – Umgang mit Hate Speech und Kommentaren im Internet“ der Antonio-Amadeu-Stiftung.

In Blogs überregionaler Tageszeitungen verbreiten angesichts derer mutmassliche Möchtegern-Noltes wiederholt vermeintlich begründete Ängste vor dem „Internet-Gulag“ und allgegenwärtiger Zensur, im Jahr 2016 heroisch den Weltkommunismus und allerortens präsenten Stalinismus‘ bekämpfend.

In meinen Augen nähren sie so Vorstellungen eines „freien, gesunden Volksempfindens“, das sich, angeblich in den Widerstand gedrängt, den Attacken aggressiver Minderheiten ausgesetzt sieht und so in legitimer Gegenwehr zu allen rhetorischen Waffen greift. Um mit diesen wildwütig um sich zu schießen.

Am allerliebsten auf Frauen dreschen sie auf ein (Anetta Kahane, Julia Schramm). Fast, als hätten sie zu viel Nietzsche gefrühstückt und müssten nun mit Peitschen bewehrt tradiert verinnerlichte Erziehungsansprüche des Mannes als solchem ausleben.

Andere wiederum gröhlen reflexartig „aber die Linksexremen“, erklären Polizisten zur marginalisierten, von „Hate Speech“ („ACAB“) tief traumatisierten Minderheit – um im Gegensatz zu dem „Zensur“-Geschrei wenigstens Mehr von diesem Beitrag lesen

Der FC St. Pauli bei der Hamburg Pride? Nö. Warum nicht? Hier die Antwort.

Der Abend der Trikot-Präsentation – jener von Under Amour. Es ist regnerisch. Wolken ziehen ins Irgendwo. Die einen saufen Bier, die anderen Gin. Der Grill duftet oder stinkt, je nach Nase. Alle blicken gen Altona in die Ferne.

Die fehlenden Regenbogenärmel der Profimannschaft bestimmen die Diskussionen auf der Dachterrasse des „Übel & Gefährlich“. Ein Bloggerkollege berichtet von einer türkischstämmigen Trans*person in seinem Umfeld – und auch davon, wie unendlich viel dieses Symbol am Ärmel der Shirts einer Profifussballmannschaft diesem Menschen bedeutet hätte. Obgleich da ansonsten gar keine Beziehung zum FC St. Pauli bestünde.

Mir ja auch.

Er schwenkt um auf Berichte von einem New York-Besuch: Wie er die dortige Pride-Parade erlebt habe, tief beeindruckt von deren Wucht und zudem auch noch umschwärmt von jenen, die ihn „cute“ fanden. Ja, das schmeichelt. Dort sei ihm ebenso wie beim Gucken der Netflix-Serie „Sense8“ klar geworden: In den USA sind Diskussionen bzgl. dessen, was NACH der Diskriminierung kommen KÖNNTE, 20 Jahre weiter fortgeschritten als hier.

Und nu? Wie können deutsche Diskussionen, Verlautbarungen und auch Änderungen der Strukturen, in denen Menschen agieren, an diese Entwicklung Anschluss finden?

Das ist nicht nur eine der großen Fragen dieses Blogs, sondern sollte es seinem Selbstverständnis nach auch für den FC St. Pauli sein. Wenn Roger Hasenbein aus dem Aufsichtsrat in der Mopo verkündet, Mehr von diesem Beitrag lesen

DIE ZEIT, ihr Kampagnenjournalismus und warum Simon Urban mutmaßlich auch einfach nur beleidigt ist

Alle Tage wieder .. ja, bei zeit.de.

Herrschaftstabilisierende Argumentationsverweigerung im Schreihals-Akkord.

Aktuell: Simon Urban. Einer von den Schriftstellern, die zu lesen mich nicht interessieren würde.

Simon Urban ist einer, der über die eigene Irrelevanz hinaus zu wachsen versucht, indem er sich an eine mehrheitsgesellschaftliche, medial akut weit verbreitete Mode andockt.

Eine, die öde wäre, würde sie nicht schlicht die Macht jener absichern, Mehr von diesem Beitrag lesen