Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Wissenschaft

Ein alter Blog-Wegbegleiter berichtet aus Umea!

Berichtet von Wäldern, Seen, Wäldern, Seen, Wäldern, Seen, Fitneßcentern (kritisch) und der schweigenden Macht des Küchenutensils – diese:

“(…) konzentriert das kulinarisch Mögliche auf den Pol der materiellen Verfügbarkeit und gekonnten Handhabung”. 

Welcome back in der Blogosphäre!

Wo einstige “liberale” Kontrahenten mittlerweile schlapp gemacht haben und sich einbilden, sie hätten alles gesagt (dabei wissen sie nach Bankenkrise, Griechenland usw. vermutlich einfach nur insgeheim, dass das, was sie vertreten haben, schlicht falsch war), machen wir derweil weiter und verbinden Theorie und Leben – der eine mit Saxophon und passivem Fussballgenuss, der andere mit zwei Kochplatten, ohne Schneebesen, aber bestimmt bald mit Gitarre und Musik-Apps :) … und Forschung rund um männliche Selbstbilder, ganz auf den Spuren Michel Foucaults in Uppsala. Nur eben in Umeå. Die Mittsommernacht naht …

“Wir wünschen uns, dass die genannten Denkrichtungen in Zukunft im Bereich der Philosophie an der Universität Hamburg in Forschung und Lehre in angemessener Form vermittelt werden”

Manchmal, von Nostalgie erfasst, surfe ich hin zu dem Philosophischen Seminar der Universität Hamburg und trauere.

Ich hatte das große Glück, in den späten 80ern dort zu studieren, in die frühen 90er hinein. Das war eine Zeit, wo man fast von einem Philosophie-Boom sprechen konnte, die “Postmoderne-Debatte” ebenso prägend war wie jene rund um die Systemtheorie und die Analytische Philosophie. Rückblickend muss freilich konstatiert werden, dass es auch eine Zeit der Renaissance liberaler Philosophie war – am deutlichsten wurde dies in “Faktizität und Geltung” von Jürgen Habermas. Feministische Perspektiven wurden zwar nichts systematisch gelehrt, aber auch nicht abgeblockt, so zumindest meine Wahrnehmung, und von Lehrenden wie Anke Thyen auch vertieft. Die Butler-Rezeption setzte gerade erst ein. Die Postcolonial Studies freilich waren noch nicht bemerkt worden, Namen wie Gayatri Chakravorty Spivak, Edward Said, Stuart Hall oder Frantz Fanon waren unbekannt. Fragen wie jene nach Kulturimperialismus, Eurozentrismus usw. waren dennoch prägend, zumeist über die französische Philosophie vermittelt.

Allerdings stagnierte die Debattierlust bereits zu meiner Studienzeit. Der Weggang von Herbert Schnädelbach markierte da schon eine irrevidierbare Zäsur. Lehrende wie Martin Seel zogen sich eher auf die “reine Philosophie” zurück, die Künne-Schüler pflegten ihren weltverschlossenen Elitarismus der Wittgenstein-Lektüre, und was auch Bernhard H.F. Taureck wurde, das weiß ich gar nicht.

Mittlerweile sind zum Zwecke der Depotenzierung der Philosophie meines Wissens diese den Geschichtswissenschaften angeschlossen; “zu meiner Zeit” waren sie Teil der Sozialwissenschaften. Und letztere sind, so meine ich verfolgt zu haben, den Wirtschaftswissenschaften unterworfen.

Jedes Mal, wenn ich nun nachschauen gehe, packt mich eine Mischung aus Wut und Traurigkeit angesichts des kärglichen und eher auf Philosophiegeschichte verengten Angebots. Für mich immer ein Symptom der Austreibung des Denkens, der Kritik und der Reflektion aus der Gesellschaft auch im Allgemeinen.

Dass nunmehr ein Brief wie der folgende den Weg in die Öffentlichkeit findet, erstaunt nicht und erhält hiermit die vollumfängliche Unterstützung eines Absolventen eben dieses Fachbereichs:

“Sehr geehrte Verantwortliche des Philosophischen Seminars der Universität Hamburg, [...]

der Lehrplan des Philosophischen Seminars der Universität Hamburg ist zur Zeit stark durch Perspektiven der analytischen Philosophie geprägt. Die Bereiche der Kritischen Theorie, des Poststrukturalismus sowie der feministisch geprägten Philosophie sind im Lehrplan nicht enthalten. Damit werden drei weitverzweigte und vielbeachtete philosophische Strömungen des 20. Jahrhunderts vollständig ausgeklammert, die in aktuellen ästhetischen, sozialphilosophischen und politischen Diskursen eine tragende Rolle spielen.”

Diese gedanklichen Säuberungsaktionen im universitären Bereich zerdeppern gesellschaftlich schon zu viel; gut, dass die Studierenden opponieren.

Lehraufträge nehme ich gerne entgegen ;)

Die literarische Haltung zum Anderen als Modus der Emphatie (auch mit sich selbst)

Angeregt einerseits durch einen Text von Bersarin, andererseits von Nadine Lantzsch, aber auch durch die Versatzstückhaftigkeit der rein normativ, aber nie am Tatsächlichen orientierten Rhetorik des Hamburger Innensenators Neumann greife ich mal eine Diskussion wieder auf, die sehr dominant war in der Philosophie der 80er Jahre – die aber älter ist.

Habermas hat es einst den “Gattungsunterschied” zwischen Literatur und Philosophie genannt, Foucault immer den Gegendiskurs der Literatur thematisiert; auch Rorty hat das literarische Schreiben am Leitfaden Nietzsches und Derridas in “Kontingenz, Ironie, Solidarität” eindrucksvoll diskutiert.

Die Frage ist dahingehend zu erweitern, wie man denn nun sich Wirklichkeit annähert und welche Form der Darstellung welche Art der Wahrheitsgeltung und auch Wirkung zu entfalten vermag. Weil, so meine These, paradoxerweise im Fiktionalen mehr sag- und darstellbar ist als im Theoretischen, und das auch deshalb, weil man sich – teils in der in der grammatischen Form der 3. Person beim “personalen Erzählen” – in die Perspektive der 1. Person versetzen kann und eine Haltung zur Figur, die man erfindet, wie im Falle der 2. Person einnimmt. Und weil man etwas verständlich machen kann, was theoretisch an dem Punkt, wo quantifiziert wird, nicht mehr möglich ist: Menschliches Erleben.

Das spielt seit Einstein, Heisenberg und Schrödinger auch in die Naturwissenschaften hinein; jene Naturalismen, die bevorzugt von der  Rechten in Anspruch genommen werden, formulieren ja zumeist einen metaphysischen Realismus, der mit Wissenschaft wenig gemein hat.

Bersarin und Nadine kommen da deshalb mit rein, Mehr von diesem Artikel lesen

“In England zum Beispiel ist es relativ ruhig geworden”: Zum Kassenrollenwurfurteil

Lang, lang ist es her, da las ich einen Text, in dem Umberto Eco prognostizierte, die so genannten “westlichen” Gesellschaften könnten sich perspektivisch in ein neues Mittelalter wandeln: Befestigte Städte und Klöster und viel “Pöbel” drumherum. So könnten sich die Besitzenden gegen die Besitzlosen, die dennoch mittels Steuern, Konsum etc. als Melkvieh herhalten müssten, abschotten.

Niklas Luhmann hat in einem Vortrag einst ähnliches zum Thema Exklusion ausgeführt – wie die Dysfunktionalen, die in den verschiedenen sozialen Systemen Recht, Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik etc. nicht benötigt würden, im Falle brasilianischer Städte in die Favellas abgeschoben würden. Dort führte das später zu dem anderen raumlogischen Sozialordnungsprinzip neben dem Ausschluss: Dem Einschluss. Die Favellas wurden einfach eingemauert.Um die, die sich Wohnungen und Häuser leisten können, zu schützen.

Das Interessante an Luhmanns Denken zumindest so, wie ich ihn verstanden habe, ist, dass er das Ganze anhand der System-Umwelt-Beziehung erläutert. Auf der einen Seite das an Selbsterhalt und permanenter Selbsterzeugung  orientierte System, das durch seine Operationen zugleich eine undifferenzierte und als ungeordnet erlebte Umwelt zu beherrschen und zu verwerten trachtet.

Das ist ein eigentlich der Biologie entlehntes Modell, das jedoch nicht biologistisch ist, und kann am Ernähren und Verdauen sich verdeutlicht werden. Vielleicht ist das auch gar nicht Luhmanns Denken sondern das, was ich mir aus seinen Texten zusammen gereimt habe :D – gerade weil mir diese Phänomene nach jahrelanger Zusammenarbeit mit großen Organisationen, von denen man mal als Umwelt, mal als Systembestandteil “bearbeitet” wird, wohlvertraut sind.

Auch jeder, der einmal Mehr von diesem Artikel lesen

“Die Macht kommt von unten”

Das waren Zeiten! Damals, Ende der 80er – die Diskussion rund um “Postrukturalismus” und “Postmoderne” wurde mit erbarmungsloser Heftigkeit an Universitäten, auf Kongresses und in Aufsatzsammlungen geführt. Mein Einstieg in die akademische Philosophie, nachdem zuvor ein eher lebensweltlich-praktisch verstandener Sartre meine Misanthropie nährte, war ein Vortrag von Herbert Schnädelbach zu Michel Foucaults “Die Ordnung der Dinge”, “Das Gesicht im Sand” hieß der. Eigentlich steckte da alles drin, was später mein Studium prägte – Schnädelbach neckte zwar den allseits dominanten Jürgen Habermas, schmiss sich aber auf dessen Seite im Zuge der Verteidigung von “DIE VERNUNFT” in der Vielfalt ihrer Stimmen, da zumeist die philosophische Postmoderne und ihre Vertreter als Vernunftkritik rezipiert wurden. Das Thema ist keineswegs gegessen, sieht doch z.B. der Pro-Westler und der Antideutsche Hand in Hand mit der CIA die “westliche Kultur” ganz hegelianisch als die Verwirklichung des Vernünftigen in Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Wirtschaftssystem, was weniger “zivilisierten” Völkern und Kulturen notfalls per kriegerischer Handlung eingebombt werden müsse.

Nun hatten zuvor bereits Horkheimer und Adorno in der “Dialektik der Aufklärung” die sich historisch entfaltende Vernunft als zerstörerisch in ihrer instrumentellen Form gedacht – sie diene dazu, sich Mensch und Natur gefügig zu machen, beides zu beherrschen, somit sei sie nach dem Umschlagen von Aufklärung in Mythologie zum Prinzip totaler Herrschaft geworden. Dieses “Umschlagen” zeige sich im “Positivismus”, bei dem ganz wie einst im Mythos Begriff und Sache wieder zusammen fielen und ganz wie einst der Magier nun der Wissenschaftler Macht und Herrschaft über Leben und Dinge auszuüben trachtete. Im Zuge der Ökologiebewegung wurde diese Kritik an der “Naturbeherrschung” wieder populär, die in Regenwaldrodung und Meeresverschmutzung ganz rational das Leben zerstörte. Eine nicht mehr marxistische, an den Erfolg technischen Fortschritts, also der Produktivkraftentwicklung glaubende, sich links verstehende Kapitalismuskritik wurde möglich und wirkungsmächtig.

Nichtsdestotrotz hatte eine ganze Generation akademischer Lehrer rund um Jürgen Habermas im Gefolge von Adornos “Negativer Dialektik” versucht, erweiterte, nicht-instrumentelle Vernunftbegriffe zu formulieren. Und dann kamen diese ganze Studenten, lasen die Poststrukturalisten und die “Dialektik der Aufklärung” neu und setzten mit Foucault auf eine Kritik der Macht, die der Vernunft, der Rechtsentwicklung, der Geschichte westlicher Demokratien, ja, die Menschheitsgeschichte durchdrungen hätte, gerade im Zuge der Etablierung all dessen, woran man getreu Adenauer folgend irgendwie zu glauben gewohnt war, nicht äußerlich sei. Die Entwicklung der Humanwissenschaften habe die ach so hehre, bis zum Grundgesetz fort geschrittene Rechtsentwicklung schlicht unterlaufen, so schrub Foucault z.B.. Weil gar nicht mehr der Richter Recht spreche, sondern der psychiatrische Gutachter, zum Beispiel, und für Sicherheitsverwahrung plädiere.

Während man sich auf Gewaltenteilung wer weiß was einbildete, fand in der realhistorischen Entwicklung nur eine fortschreitende Disziplinierung und Normalisierung von Gesellschaften statt – in Schulen, Fabriken, der Psychiatrie und den Gefängnissen. Ganz rational würde die Bevölkerung bürokratisch erfasst und dazu gebracht, sich gewissermaßen selbst zu disziplinieren, um nicht in den Sog  von Umerziehungsinstitutionen wie Gefängnis oder Psychiatrie zu geraten. Fortschreitende Überwachung würde internalisiert und so erst Subjektivität erzeugt, indem man sich an möglichen Sanktionen orientierte, die man vermeiden wollte – ich bin das, was Lehrer und Chefs über mich sagen, die über mich Buch führen, Zeugnisse ausstellen usw.

Um diese Maschinereie zu ölen, wurde abweichendes Verhalten gezielt produziert: Z.B. in dem Wissen über die “Delinquenz”. Was sind das für “Milieus”, in denen sie entsteht? Die Sozialwissenschaft stand Statistik bei Fuß, um auf diese Gruppen einzuwirken. Und so was wie Dorgenkriminalität, auch gut zu gebrauchen bei der Finanzierung von Geheimdiensten, sorgt für einen stets präsenten Pool von Delinquenten, ebenso die Institution Gefängnis, bei der jeder weiß, dass sie “Kriminalität” tradiert, nicht etwa verhindert. So ist permanent die Masse präsent, gegen die sich die “Rechtschaffenden” abgrenzen können.

Die Ergebnisse der Humanwissenschaften, das Wissen über die “Devianten”, wirkt eben auch auf die Normalsierten: In stetem Abgrenzungsdruck zu den erforschten “Populationen” regulierte sich ihr Verhalten. Das Wissen wurde allseits verbreitet, begründete Gesetze, also Interventionsbefugnisse wie die Entmündigung und Psychiatrisierung “hysterischer” Frauen, ermöglicht. Wer will das dann schon noch sein?

Was ergänzend zur Folge hatte, dass Männer auch ja nicht weibisch-hysterisch sein wollten und sich entsprechend bürgerlich-kontrolliert verhielten, immer ganz realistisch die Wahrheit im Visier. Untersucht und erzeugt wurde in den Forschungseinrichtungen Wissen über die Abweichenden, die im “Bauch” der Normalverteilung gerieten nicht ins Scheinwerferlicht – mussten sich aber stets hüten, da nicht rein zu geraten. Der Bundestrojaner könnte ja was finden.

So weit sehr grob die Story in “Überwachen und Strafen”. Revolutionär waren daran zweierlei Thesen: Wissen hat Machtwirkungen, und Macht ist produktiv, nicht repressiv. Sie bringt etwas hervor: Weltsichten, Subjektivitätsvorstellungen, Normalitätsraster. Und mächtig sind diese deshalb, weil sie eben wirken, auf Personen und deren Verhalten. Es war nach Foucault nicht mehr möglich, und wer es tut, obwohl er dessen Werk kennt, lügt, “reine” Wahrheitsfragen zu stellen – denn was soll ein Wissensbegriff, der nicht irgendwie an “Wahrheit” gekoppelt ist? Anders in manchen Formen der marxistischen Ideologiekritik, wo man noch Nicht-Entfremdetes hinter den Tücken der Herrschaft wittert, IST ein jeder durch diese Prozeduren zu dem geworden, als was er sich versteht. Da gibt es keine irgendwo verortete Eigentlichkeit mehr.

Und man kann nur Gegenmacht erzeugen, andere Bilder, Wissensformationen und Praktiken dem entgegen stellen, um die, die Zentren unserer Kultur und Gesellschaft, unseres Institutionengefüges sind, sozusagen durch Pluralität zu entmachten. Das brachte dann im Gegenzug den berühmten Beliebigkeitsvorwurf hervor.

Das hat ganz schön schockiert, damals. Gender- und Queer-Theory wie auch postkoloniale Studien knüpften dort an, indem sie das Wissen über Schwule und Lesben, Frauen und Kolonisierte, das auch in Alltagssituationen sich reproduziert, problematisierten. Weil keiner, der zu den Kolonisierten, patriachal annektierten oder heteronormativ als das Andere dessen Hervorgebrachten gehörte, drumherum kam, sich in seiner Sozialisation mit eben diesen “Bildern” auseinanderzusetzen und sich dazu zu verhalten – eine Möglichkeit, die Foucault erst in seinem Spätwerk einräumte. Und diese Machtwirkungen sind überall, also nicht nur an Formationen wie Staat oder Firma gekoppelt.

Es gibt das berühmte “Die Macht kommt von unten”-Zitat Foucaults, was gerade Linke sehr empörte: Die sind doch die Unterdrückten! Ja, auch, Foucault operiert nicht völlig außerhalb des Raumes der marxistischen Kritik: Z.B. die städtebauliche Veränderung wie in Paris oder Hamburg, da unübersichtliche und unkontrollierbare “Elendsquartiere” abgeräumt oder mit Boulevards durchzogen wurden, sind Teile einer umfassenden Sozialdisziplinierung, um die überhaupt erst ab jetzt gedachte “Bevölkerung” dem kapitalistischen Wirtschaften zur Verwertung zugänglich zu machen. Die ganze auf “Fortpflanzung” zentrierte Sexualwissenschaft, die alle nicht dieser dienlichen Formen pathologisierte, und wer will schon krank sein?, hatte im Hintergrund die Notwendigkeit des Bevölkerungswachstums zu Zeiten der frühen Industrialisierung. Man zeige mir einen Wissenschaftszweig, der nicht unter dem Druck eines solchen “Wozu?” stünde. Dennoch reproduziert sich überall dort, wo die dieses “Wissen” eingesickert ist, die Machtwirkung und wird mittels sozialer Kontrolle weiter gereicht :”Ist ja voll schwul, ey!”.

Das alles hat Denker wie Habermas sehr aus der Fassung gebracht. Zwar hatte der selbst noch in der “Theorie des Kommunikativen Handelns” vor der “Kolonisierung der Lebenswelt” durch administrativ-bürokratische Systeme ebenso wie jener kapitalistischen Wirtschaftens gewarnt und Verrechtlichungstendenzen gegeißelt, aber bei ihm gab es immer die “gute Vernunft”, die sich in Geltungsansprüchen im moralischen und deskriptiven Sinne und auch hinsichtlich der eigenen “Authentizität” äußern würde, die in Sätzen wie “ich finde es richtig, dass …” oder “es ist der Fall, dass …” oder “Ich fühle wirklich, dass …” artikulierte. Diese stifteten sozialen Zusammenhalt und würden helfen, Handlungen zu koordinieren.

Im Fall sozialer Normen, die moralische Implikationen haben, ist er, fast, um sich vor Foucault zu retten, zu einer recht waghalsigen Konstruktion übergegangen: “Die kontrafaktsiche Antizipation der Bedingungen einer idealen Sprechsituation”. Oder aber “der herrschaftsfreie Diskurs”. Soll heißen: Man stelle sich vor, es würde um eine Regel gerungen wie “Du sollst nicht töten!” Doch, Diktatoren schon! Nein! Doch! Um nun zu einem Ergebnis zu kommen, habe man sich vorzustellen: “Wie würde (!!!) die Diskussion laufen, wenn die Interessen ALLER Beteiligten und Betroffenen gleichermaßen Berücksichtigung fänden? Wenn alle die gleichen Mitspracherechte hätte, es kein Machtgefälle zwischen ökonomisch Starken und Schwachen, Männern und Frauen gäbe” usw..

Im Gegensatz zu anderen war Habermas schon klar, dass solche Situationen nie und nirgends gegeben sind; dennoch ist es für ihn ein Verfahren, die Allgemeingültigkeit einer Norm zu begründen. Und Vorbild war zu allem Überfluss noch die Diskussion zwischen Wissenschaftlern und des “zwanglosen Zwangs des besseren Arguments”. Allgemeingültigkeit deshalb, weil eben überhaupt nur unter diesem Gesichtspunkt, der Universalisierbarkeit, Begründungen vorgenommen werden können, sonst sind sie nicht vernünftig.

Das für ihn so Fiese an Foucaults Sicht der Dinge ist, dass das, was der als Machtwirkung eindrucksvoll beschrieben hat, auf der Ebene der Gründe wieder auftaucht, durch Human- und Sozialwissenschaften generiert: Weil wir ja wissen, dass Schwule unglücklich und Kopftuchmädchen durch ehrenmordende Brüder bedroht und Frauen so emotional sind, können die den Standards, die da formuliert sind, gar nicht gerecht werden und sind a priori von der Debatte auszuschließen oder aber Gegenstand der Debatte, also der zu begründenden Norm: Sei lieber nicht schwul, die sind eh allesamt suizidal. Das wurde auf breite Bevölkerungsgruppen angewandt, manche von denen wurden mal eben vernichtet: Eh zu unzivilsiert, die Hereros.

Weil es eben bestimmte Voraussetzungen gibt, die zur Partizipation voraus setzt: Bei Habermas einfach sprach – und handlungsfähig. Doch wurde im Gegensatz zur “kontrafaktischen” Konstruktion bei ihm in der historischen Realität gerne mal Sprach- und Handlungsfähigkeit auch lediglich eingeschränkt behauptet: Bei Frauen und “Wilden” zu Beispiel.

Ja, ein langer Text, um dieses seltsame Phänomen herzuleiten, dass man in real assymetrischen Konstellationen – also einer ist schwul, der andere hetero, einer Mann, die andere Frau, eine ist schwarz, der andere weiß  - ständig auf die Annahme stößt, man würde in “herrschaftsfreien Räumen” diskutieren. Tut man nicht, weil im Sinne Foucaults allesamt systematisch andere Prägungen erfahren hat, die unterschiedliche Arten von Gründen hervor bringen. Die, die das glauben, man operiere in herrschaftsfreien Räumen, tun so, als sei das, was Habermas geschrieben hat, eben keine explizit kontrafaktische, nie und nirgends realisierte Situation, sondern “natürliche” Gesprächsvoraussetzung. Was falsch ist. Und dafür muss man schon einen Wahrheitsanspruch erheben, um das behaupten zu können. Und so kam es zur These vom “performativen Widerspruch”.

Aber auch an der Konstruktion selbst ist etwas grundfalsch: Da taucht auf der Ebene p (“dass p”, “x ist richtig, weil p”) die subjektive Erfahrung auf und nicht auf der Ebene der Sprecherposition – so, als könne man da von sich und sich und seinen Erfahrungen abstrahieren, indem man sie zum Gegenstand einer Diskussion macht.

Das ist ein ganz interessantes Phänomen, betrachtet man, was bei den Umkehroperationen passiert: Weiße, heterosexuelle Männer zumeist sind ja eifrigst und gerne dabei, das Verhalten gegenüber Frauen, Schwarzen und Schwulen zu diskutieren, deren Empfindungen also auf der p-Ebene anzusiedeln und dann über deren Berechtigung oder auch nicht zu lamentieren. Sie fühlen sich aber, gelinde gesagt, selten wohl, wenn die ihren da auftauchen – sie diskutieren ja im Sinne des Allgemeinen über das Besondere.

Nur, ganz plötzlich dann wird ihr Empfinden sogar maßgeblicher Gegenstand der Diskussion, wenn Mensch Homophobie, Rassismus oder Sexismus thematisiert und diese bei ihnen selbst vermutet. Dann geht es ab, und das geht gar nicht. Obwohl doch endlose Diskussionen über die Berechtigung von Empfindungen angesichts ganz realer Traumata der “Gegenstände” ihrer Diskussion ständig und überall statt finden. Also, symetrisch ist das nicht … und vor allem wird die gesamte Foucaultsche Ebene einfach ausgeblendet. Als würden alle mit gleichen Erfahrungen in eine Diskussion gehen. Die Umkehr gibt es auch: Dass Schwule vehement abstreiten, von Homophobie geprägt zu sein, zum Beispiel. Ist ja auch gefährlich in dieser Kultur, darüber zu sprechen – die Sanktionen können sehr hart ausfallen. Ausschluss ist da die häufigste und harmloseste.

Paradox an der Nummer ist, dass im Grunde genommen nur human- und sozialwissenschaftliche Mittel als Gegengift erscheinen – zum Beispiel der permanente Nachweis der realen Benachteiligung von Frauen. Nur dass, wenn sie so verfährt, Frau immer weiter unter Rechtfertigungs- und Beweispflicht gestellt wird, und die Männer-Mehrheit in der Wissenschaft, den Medien usw. schon den “Gegenbeweis” antreten wird … da hat man sie. Wer sich rechtfertigen muss, hat verloren.

Besser ist, die Prämissen anzugreifen. Die Kategorien selbst.  Die Unterscheidung hetero/homo z.B. bei der Fragestellung schon anzugreifen. Doch wieder erscheint dann etwas ganz seltsames: Die ganzen vollends Aufgeklärten kommen mit “spielt doch gar keine Rolle, ob nun schwarz oder weiß. Du Rassist!” um die Ecke. Wie praktisch.

Im Grunde genommen bin ich nun als Ex-Habermasianer eher wieder bei der postmodernen Ansicht gelandet, dass man vielleicht gar nicht so viel auf die Argumentationen schielen sollte. Da gewinnen eh immer die Normalen, die Nicht-Abweichungen (Männer betrachten Frauen oft als Abweichung vom allgemeingültigen, männlichen “Prinzip”, hat ja auch christliche Tradition), die alles dafür tun, ihre Privilegien zu verteidigen (nein, nicht alle).  Sondern vielmehr auf die Literatur, vielleicht auch den fiktionalen Film zu setzen. Vielleicht hat die “Rocky Horror-Picture-Show” doch mehr bewirkt als  Michel Foucault.

Und ansonsten Nischendasein.

Und die Forderung nach der sozialen Revolution. Weil sich im Falle des von Klassismus Betroffenen gerade die Frage nach der Partzipation an Diskussionen, bei denen sich Bildungsbürger die “ideale Sprachsituation” vorstellen, schon aufgrund eines ganz anderen Pools von Gründen und Sprachformen eh zumeist auf der Strecke bleiben. Mit diesem Text könnten sie auch nichts anfangen. Und da weiß ich dann gar nicht mehr weiter.

 

 

Wie im Westen …

“Doch 1974 war Schluß mit der Praxis und der Sommerschule auf Korčula. Die Stalinisten im Apparat hatten endgültig die Nase voll von einer Gruppe von Professoren, die eine pluralistische marxistische Diskussion nicht nur propagierten, sondern seit einem Jahrzehnt auch konsequent in die Praxis umsetzten. Das internationale Renommee, das Sommerschule und Praxis brachten, wog in den Augen des Apparats nicht mehr den echten oder vermeintlichen Ärger auf, den diese Leute verursachten. Die Praxis und die Sommerschule wurden auf die übliche jugoslawische Art verboten: Es wurden ihnen einfach der Geldhahn zugedreht.”

Es sei auf diesem Wege noch einmal begeistert die Geschichtsschreibung des Alten Bolschewiken auf Shifting Reality empfohlen – und ergänzend dazu auch auf die Analogie beim Umbau bundesdeutscher Universitäten seit den späten 80er Jahren verwiesen: Was nicht Verwertungsinteressen dient oder selbst verwertbar ist, wird halt wahlweise ausgetrocknet oder eingestampft. Während zugleich in den Volkswirtschaftsstudiengängen alles an den einen stalinistischen Weg assimiliert wird. Geldhahn zu, Denken tot!

Was der Nachwuchs denkt und schreibt: Kapitalismuskritik im Zeckensalon

Uiuiui.

Zunächst prima: Im Zeckensalon setzt man sich mit der Geschichte linker Bewegungen und deren Theoriebildung auseinander, um Kapitalismus zu kritisieren.

Will den Text jetzt gar nicht im Ganzen kommentieren, er korrespondiert nur ganz gut mit der Geschichtsschreibung unseres Altherrenklüngels, gerade an den Punkten, wo die Diskussion anders sich situiert.

Zu meiner Beruhigung halten sich die “antideutschen” Einsprengsel in Grenzen, Mehr von diesem Artikel lesen

Wie bitte?

“Mit den im Jahr 2006 vorhandenen technischen Möglichkeiten sei es kaum möglich gewesen, Plagiate zu erkennen, behaupten die Wissenschaftler einer gemeinsamen Erklärung.”

Was hat denn das mit technischen Möglichkeiten zu tun? Meines Wissens hat zu Guttenberg doch bei durchaus bekannten und renommierten Verfassungsrechtlern plagiiert, oder? Kennt man die nicht als Juristen-Doktorvater?

Offener Brief von Doktoranden und Doktorandinnen an die Bundeskanzlerin

Dann Copy & Paste ich doch auch noch was zu Guttenberg …

.. weil dieser von Norbert erwähnte Aspekt irgendwie untergegangen ist:

“”Nun ganz ehrlich Leute: Ich finde das nun weniger sehr aufregenswert, dass der seine Doktorarbeit abgeschrieben hat, als dass sie von der Uni Bayreuth so bewertet wurde. (…) Klar ist es das und dies ist der eigentliche Skandal. Denn alle diese Leute waren damals schon aufstrebende Politiker und ihr glaubt doch nicht, dass von wohlwollenden Professoren und Universitäten so jemanden ein Stein in den Weg gelegt wird. Ganz im Gegenteil: Da wird eben mal ein bisschen geschummelt. Man will doch nicht als derjenige dastehen, der dem aufstrebenden Politiktalent den Doktor verwehrt hat.”

Habe ich jetzt ungeschickterweise mit Quelle verlinkt zitiert, aber das frage ich mich ja auch die ganze Zeit: Meinen Prüfern einst bei der Magisterarbeit wäre wahrscheinlich nicht aufgefallen, wenn ich Passagen aus “DIE ZEIT” hinein gemauschelt hätte, ohne die Quelle zu nennen. Vielleicht auch nicht, wenn ich einen komplett unbekannten Aufsatz auf dem Netz gefischt hätte. Die zentralen Aufsätze und Bücher zu den diskutierten Themen freilich sind denen, die die Arbeit zu beurteilen hatten, bekannt gewesen, weil das deren Job ist, sie zu kennen, damit sie das machen können, wofür sie da sind: Den Stand der Philsophie, Soziologie und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte über den aktuellen Stand des Wissens und der Reflektion hinaus zu treiben. Und dazu muss man schon wissen, welcher das ist. Um meine damalige Herangehensweise an das Thema in der Magisterarbeit überhaupt sachgemäß beurteilen zu können, mussten sie das wissen. Und noch in den mündlichen Prüfungen war Kriterium für die Note 1, über den Text hinaus zu gehen, selber zu denken, Urteilskraft zu beweisen.

Keine Ahnung, ob bei Herrn von Guttenberg die restlichen, nicht plagiierten Passagen dieses bezeugen; bemerkenswert ist, dass in dieser mit Regelbefolgung zugeschissenen Welt  derartige Tugenden zumeist verschwunden sind. Was wie ein Widerspruch erscheint, aber keiner ist: Die Regel, eine Quelle als Quelle kenntlich zu machen, kann ja selbst Gegenstand einer ziemlich originellen Reflexion werden, und so ungefähr habe ich immer das Werk Derridas (unter anderem) verstanden, wo Fussnoten teilweise eine sich vom Text, unter dem sie stehen, völlig entfernen und anfangen, eigene Geschichten zu erzählen, und in Zitierweisen Quellen so umsortiert werden, dass sich Sinnzusammenhänge ergeben, die den Text auseinander fallen lassen.

Das mögen keine Praktiken sein, die für Juristen maßgeblich sind, sie alle sind freilich Kommentare zum Thema Wittgensteins, nämlich jenem, was es heißt, eine Regel zu befolgen. Das wiederum ist Kern jeder Juristerei, Regelauslegung, wie auch der Exekutive, sich daran dann zu halten, und dass nun ausgerechnet jene, die Herrn zu Guttenberg beurteilten, offenkundig dessen Regelverstöße nicht auffielen, wirft ein Licht auf die Juristerie wie auch die Politik, das ziemlich eigentümliche Auffassungen von diesem Themenkomplex wie auch seltsame, kaum nachvollziehbare Wissensstände offenbart. Zudem eine Haltung dem Denken gegenüber, das der Nörgler in der Kommentarsektion beim Che pointiert zusammen fasst:

“Zwischen dem Umbringen des Geistes und dem Umbringen von Menschen macht der spätkapitalistische Herrscherpöbel selber keinen Unterschied.

Ich bestreite, dass das Verreckenlassen von Soldaten in einem sinnlosen Krieg eines höheren Maßes an Skrupellosigkeit bedarf, als das Verreckenlassen der Wissenschaft in einer gefakten Dissertation.

Guttenberg hat mit der Erschaffung einer Depraviertenarmee begonnen, deren Mitgliedern die Rechte der Menschen wie des Geistes gleichermaßen fremd sind.”

Von zu Guttenbergs Doktorvätern, Juristen, die den Geist der Verfassung, die Würde des Menschen sei unantastbar und ein jeder vor dem Gesetz gleich, zu lehren haben, wurde er dabei auch noch tatkräftig unterstützt. Man muss sich eher die Frage stellen, ob deren Rücktritt nicht auch zu fordern wäre.

Und ergänzend darauf hinweisen, dass Kindertagesstätten einerseits und Theater, Museen und Opern andererseits nix sind, was gegeneinander auszuspielen wäre. Weil eben die Haltung dem Geiste gegenüber, die Nörgler trifft, in letzteren Institutionen gelehrt wird – ein Beethoven, ein Tschechow, ein Picasso wissen mehr darüber zu erzählen als Parteiprogramme.  Ohne sie fallen Gesellschaften in jene Barbarei zurück, für die ein zu Guttenberg symptomatisch steht.

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