Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Umerziehung des Blog-Betreibers

Lustvoll jauchzen

Es heißt ja immer, Mensch solle seinen Feinde Liebe schicken … und in der Tat vergiftet Mensch sich in diesen ewigen Schlachten rund um Anerkennung und dominante Kultur selbst.

Dann wache ich morgens auf, will das Motto mal ausprobieren, denke, was kannste ihnen mal Schönes wünschen. Worauf hättest Du gerade Lust? Scheiße, keiner da. Ach, wünsche ich das doch, da lernt MANN Hingabe, sich öffnen, sich führen lassen, passiv sein dürfen, sich Gutes tun lassen … bitte, was ist denn das für ein Weltbild, das davon ausgeht, eine Vergewaltigung könne Genuss und lustvolles Jauchzen hervor bringen? Meines ist das nicht. Da muss beim Leser aber schon einiges voraus gesetzt sein in der eigenen Sicht zwischenmenschlichen Verhaltens, auf so eine Idee zu kommen …

Wobei virtuelle Freundinnen und neue Weggefährtinnen, mit denen zu kommunizieren mir sehr gut tut, mich darauf hin wiesen, das könne an diese Sprüche erinnern, die Lesben sich immer anhören müssen “Die muss nur mal ordentlich gefickt werden …”, und das stimmt. Dafür sorry. Es stimmt auch, dass man niemand wünschen solle, was der nicht will – ich dachte, auch das durch genuß- und lustvoll ausgeschlossen zu haben. Das tut mir dann leid.

Aber es sei bitte trotzdem zur Kenntnis genommen, dass Arschfick für mich wirklich was Schönes ist, was auch mit Besonderheiten der männlichen Anatomie zusammen hängt. Und dass ich, gerade mal wieder eimerweise mit Häme gegen Schwule, Feministinnen und Antirassisten überschüttet, wohl unbewusst das Bedürfnis hatte, darauf zu verweisen, dass Arschficker wie alle Menschen was sehr Schönes und Liebenswertes sind, die Sachen miteinander machen, die Spaß machen. Die genießen und lieben könnten, wenn  man sie denn nicht ständig mit Mist überschütten würde, und gerne mal lustvoll jauchzen. Schwanzlutscher auch.

Und der Herr, der gemeint war, kann sich ja  dann ersatzweise was anderes Schönes vorstellen und das dann erleben. Das wünsche ich ihm hiermit. Vielleicht mutiert er dann ja plötzlich zu einer wundervollen Person, die es nicht nötig hat, die Wut Diskriminierter in den Kontext von RAF und Nationalsozialismus zu stellen, wie es bei der Neuen Rechten so üblich ist …

Das verweist auf etwas anderes: Habe gerade recht fasziniert über die “Giraffen und Wolfssprache” gelesen. Weil ich ja Experte im Wölfisch bin, was kein Wunder ist, wenn man aus mindestens zwei Minderheitenpositionen – irgendwie Intellektueller, das ist nicht in jedem Fall die dominante Position, und schwul – ständig wölfisch angegangen wird.

Mensch rennt dann irgendwann mit nach vorne verlagerten Schultern, eingezogenem, vorgestreckten Kopf durch die Gegend, mit hängendem Mundwinkel und wachsamen Blick, weil Mensch stets auf den nächsten Schlag gefasst sein muss. Ein Körperpanzer bildet sich, Verspannungskopfschmerz ist häufig, und die nächste Attacke kommt ja auch, sobald man sich zeigt. Dann wird in St. Pauli-Blogs gegen Leute, die Habermas lesen, polemisiert, keine Ahnung, was für ein Bedürfnis sich dahinter verbirgt – und prompt ist man wieder im Wölfischen. Das steht ja nicht am Anfang.

Die Erkenntnis dieser Giraffensprache ist ja, dass hinter all dem Gezeter und Gekeile eigentlich ganz verständliches Bedürfnis stünde – z.B. jenes, nicht alle Nase lang mit Heternormativität konfrontiert zu werden, sondern einfach mal so sein zu dürfen, wie man empfindet und lieben und begehren will und dieses Begehren als etwas Schönes zu verstehen. Das ist ein langer Weg dorthin, Um dann jedes Mal einen Shitstorm zu ernten, wenn man das artikuliert.

Welches Bedürfnis steckt nun aber bei denen dahinter, die zumeist ungewollt mit Hate-Speech-Bildern operieren? Gibt es nicht auch wölfische Bedürfnisse? Ich meine, ich würde gerne giraffisch sprechend durch Lebens ziehen und habe irgendwie das Gefühl, man lässt mich nicht …

“Die Macht kommt von unten”

Das waren Zeiten! Damals, Ende der 80er – die Diskussion rund um “Postrukturalismus” und “Postmoderne” wurde mit erbarmungsloser Heftigkeit an Universitäten, auf Kongresses und in Aufsatzsammlungen geführt. Mein Einstieg in die akademische Philosophie, nachdem zuvor ein eher lebensweltlich-praktisch verstandener Sartre meine Misanthropie nährte, war ein Vortrag von Herbert Schnädelbach zu Michel Foucaults “Die Ordnung der Dinge”, “Das Gesicht im Sand” hieß der. Eigentlich steckte da alles drin, was später mein Studium prägte – Schnädelbach neckte zwar den allseits dominanten Jürgen Habermas, schmiss sich aber auf dessen Seite im Zuge der Verteidigung von “DIE VERNUNFT” in der Vielfalt ihrer Stimmen, da zumeist die philosophische Postmoderne und ihre Vertreter als Vernunftkritik rezipiert wurden. Das Thema ist keineswegs gegessen, sieht doch z.B. der Pro-Westler und der Antideutsche Hand in Hand mit der CIA die “westliche Kultur” ganz hegelianisch als die Verwirklichung des Vernünftigen in Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Wirtschaftssystem, was weniger “zivilisierten” Völkern und Kulturen notfalls per kriegerischer Handlung eingebombt werden müsse.

Nun hatten zuvor bereits Horkheimer und Adorno in der “Dialektik der Aufklärung” die sich historisch entfaltende Vernunft als zerstörerisch in ihrer instrumentellen Form gedacht – sie diene dazu, sich Mensch und Natur gefügig zu machen, beides zu beherrschen, somit sei sie nach dem Umschlagen von Aufklärung in Mythologie zum Prinzip totaler Herrschaft geworden. Dieses “Umschlagen” zeige sich im “Positivismus”, bei dem ganz wie einst im Mythos Begriff und Sache wieder zusammen fielen und ganz wie einst der Magier nun der Wissenschaftler Macht und Herrschaft über Leben und Dinge auszuüben trachtete. Im Zuge der Ökologiebewegung wurde diese Kritik an der “Naturbeherrschung” wieder populär, die in Regenwaldrodung und Meeresverschmutzung ganz rational das Leben zerstörte. Eine nicht mehr marxistische, an den Erfolg technischen Fortschritts, also der Produktivkraftentwicklung glaubende, sich links verstehende Kapitalismuskritik wurde möglich und wirkungsmächtig.

Nichtsdestotrotz hatte eine ganze Generation akademischer Lehrer rund um Jürgen Habermas im Gefolge von Adornos “Negativer Dialektik” versucht, erweiterte, nicht-instrumentelle Vernunftbegriffe zu formulieren. Und dann kamen diese ganze Studenten, lasen die Poststrukturalisten und die “Dialektik der Aufklärung” neu und setzten mit Foucault auf eine Kritik der Macht, die der Vernunft, der Rechtsentwicklung, der Geschichte westlicher Demokratien, ja, die Menschheitsgeschichte durchdrungen hätte, gerade im Zuge der Etablierung all dessen, woran man getreu Adenauer folgend irgendwie zu glauben gewohnt war, nicht äußerlich sei. Die Entwicklung der Humanwissenschaften habe die ach so hehre, bis zum Grundgesetz fort geschrittene Rechtsentwicklung schlicht unterlaufen, so schrub Foucault z.B.. Weil gar nicht mehr der Richter Recht spreche, sondern der psychiatrische Gutachter, zum Beispiel, und für Sicherheitsverwahrung plädiere.

Während man sich auf Gewaltenteilung wer weiß was einbildete, fand in der realhistorischen Entwicklung nur eine fortschreitende Disziplinierung und Normalisierung von Gesellschaften statt – in Schulen, Fabriken, der Psychiatrie und den Gefängnissen. Ganz rational würde die Bevölkerung bürokratisch erfasst und dazu gebracht, sich gewissermaßen selbst zu disziplinieren, um nicht in den Sog  von Umerziehungsinstitutionen wie Gefängnis oder Psychiatrie zu geraten. Fortschreitende Überwachung würde internalisiert und so erst Subjektivität erzeugt, indem man sich an möglichen Sanktionen orientierte, die man vermeiden wollte – ich bin das, was Lehrer und Chefs über mich sagen, die über mich Buch führen, Zeugnisse ausstellen usw.

Um diese Maschinereie zu ölen, wurde abweichendes Verhalten gezielt produziert: Z.B. in dem Wissen über die “Delinquenz”. Was sind das für “Milieus”, in denen sie entsteht? Die Sozialwissenschaft stand Statistik bei Fuß, um auf diese Gruppen einzuwirken. Und so was wie Dorgenkriminalität, auch gut zu gebrauchen bei der Finanzierung von Geheimdiensten, sorgt für einen stets präsenten Pool von Delinquenten, ebenso die Institution Gefängnis, bei der jeder weiß, dass sie “Kriminalität” tradiert, nicht etwa verhindert. So ist permanent die Masse präsent, gegen die sich die “Rechtschaffenden” abgrenzen können.

Die Ergebnisse der Humanwissenschaften, das Wissen über die “Devianten”, wirkt eben auch auf die Normalsierten: In stetem Abgrenzungsdruck zu den erforschten “Populationen” regulierte sich ihr Verhalten. Das Wissen wurde allseits verbreitet, begründete Gesetze, also Interventionsbefugnisse wie die Entmündigung und Psychiatrisierung “hysterischer” Frauen, ermöglicht. Wer will das dann schon noch sein?

Was ergänzend zur Folge hatte, dass Männer auch ja nicht weibisch-hysterisch sein wollten und sich entsprechend bürgerlich-kontrolliert verhielten, immer ganz realistisch die Wahrheit im Visier. Untersucht und erzeugt wurde in den Forschungseinrichtungen Wissen über die Abweichenden, die im “Bauch” der Normalverteilung gerieten nicht ins Scheinwerferlicht – mussten sich aber stets hüten, da nicht rein zu geraten. Der Bundestrojaner könnte ja was finden.

So weit sehr grob die Story in “Überwachen und Strafen”. Revolutionär waren daran zweierlei Thesen: Wissen hat Machtwirkungen, und Macht ist produktiv, nicht repressiv. Sie bringt etwas hervor: Weltsichten, Subjektivitätsvorstellungen, Normalitätsraster. Und mächtig sind diese deshalb, weil sie eben wirken, auf Personen und deren Verhalten. Es war nach Foucault nicht mehr möglich, und wer es tut, obwohl er dessen Werk kennt, lügt, “reine” Wahrheitsfragen zu stellen – denn was soll ein Wissensbegriff, der nicht irgendwie an “Wahrheit” gekoppelt ist? Anders in manchen Formen der marxistischen Ideologiekritik, wo man noch Nicht-Entfremdetes hinter den Tücken der Herrschaft wittert, IST ein jeder durch diese Prozeduren zu dem geworden, als was er sich versteht. Da gibt es keine irgendwo verortete Eigentlichkeit mehr.

Und man kann nur Gegenmacht erzeugen, andere Bilder, Wissensformationen und Praktiken dem entgegen stellen, um die, die Zentren unserer Kultur und Gesellschaft, unseres Institutionengefüges sind, sozusagen durch Pluralität zu entmachten. Das brachte dann im Gegenzug den berühmten Beliebigkeitsvorwurf hervor.

Das hat ganz schön schockiert, damals. Gender- und Queer-Theory wie auch postkoloniale Studien knüpften dort an, indem sie das Wissen über Schwule und Lesben, Frauen und Kolonisierte, das auch in Alltagssituationen sich reproduziert, problematisierten. Weil keiner, der zu den Kolonisierten, patriachal annektierten oder heteronormativ als das Andere dessen Hervorgebrachten gehörte, drumherum kam, sich in seiner Sozialisation mit eben diesen “Bildern” auseinanderzusetzen und sich dazu zu verhalten – eine Möglichkeit, die Foucault erst in seinem Spätwerk einräumte. Und diese Machtwirkungen sind überall, also nicht nur an Formationen wie Staat oder Firma gekoppelt.

Es gibt das berühmte “Die Macht kommt von unten”-Zitat Foucaults, was gerade Linke sehr empörte: Die sind doch die Unterdrückten! Ja, auch, Foucault operiert nicht völlig außerhalb des Raumes der marxistischen Kritik: Z.B. die städtebauliche Veränderung wie in Paris oder Hamburg, da unübersichtliche und unkontrollierbare “Elendsquartiere” abgeräumt oder mit Boulevards durchzogen wurden, sind Teile einer umfassenden Sozialdisziplinierung, um die überhaupt erst ab jetzt gedachte “Bevölkerung” dem kapitalistischen Wirtschaften zur Verwertung zugänglich zu machen. Die ganze auf “Fortpflanzung” zentrierte Sexualwissenschaft, die alle nicht dieser dienlichen Formen pathologisierte, und wer will schon krank sein?, hatte im Hintergrund die Notwendigkeit des Bevölkerungswachstums zu Zeiten der frühen Industrialisierung. Man zeige mir einen Wissenschaftszweig, der nicht unter dem Druck eines solchen “Wozu?” stünde. Dennoch reproduziert sich überall dort, wo die dieses “Wissen” eingesickert ist, die Machtwirkung und wird mittels sozialer Kontrolle weiter gereicht :”Ist ja voll schwul, ey!”.

Das alles hat Denker wie Habermas sehr aus der Fassung gebracht. Zwar hatte der selbst noch in der “Theorie des Kommunikativen Handelns” vor der “Kolonisierung der Lebenswelt” durch administrativ-bürokratische Systeme ebenso wie jener kapitalistischen Wirtschaftens gewarnt und Verrechtlichungstendenzen gegeißelt, aber bei ihm gab es immer die “gute Vernunft”, die sich in Geltungsansprüchen im moralischen und deskriptiven Sinne und auch hinsichtlich der eigenen “Authentizität” äußern würde, die in Sätzen wie “ich finde es richtig, dass …” oder “es ist der Fall, dass …” oder “Ich fühle wirklich, dass …” artikulierte. Diese stifteten sozialen Zusammenhalt und würden helfen, Handlungen zu koordinieren.

Im Fall sozialer Normen, die moralische Implikationen haben, ist er, fast, um sich vor Foucault zu retten, zu einer recht waghalsigen Konstruktion übergegangen: “Die kontrafaktsiche Antizipation der Bedingungen einer idealen Sprechsituation”. Oder aber “der herrschaftsfreie Diskurs”. Soll heißen: Man stelle sich vor, es würde um eine Regel gerungen wie “Du sollst nicht töten!” Doch, Diktatoren schon! Nein! Doch! Um nun zu einem Ergebnis zu kommen, habe man sich vorzustellen: “Wie würde (!!!) die Diskussion laufen, wenn die Interessen ALLER Beteiligten und Betroffenen gleichermaßen Berücksichtigung fänden? Wenn alle die gleichen Mitspracherechte hätte, es kein Machtgefälle zwischen ökonomisch Starken und Schwachen, Männern und Frauen gäbe” usw..

Im Gegensatz zu anderen war Habermas schon klar, dass solche Situationen nie und nirgends gegeben sind; dennoch ist es für ihn ein Verfahren, die Allgemeingültigkeit einer Norm zu begründen. Und Vorbild war zu allem Überfluss noch die Diskussion zwischen Wissenschaftlern und des “zwanglosen Zwangs des besseren Arguments”. Allgemeingültigkeit deshalb, weil eben überhaupt nur unter diesem Gesichtspunkt, der Universalisierbarkeit, Begründungen vorgenommen werden können, sonst sind sie nicht vernünftig.

Das für ihn so Fiese an Foucaults Sicht der Dinge ist, dass das, was der als Machtwirkung eindrucksvoll beschrieben hat, auf der Ebene der Gründe wieder auftaucht, durch Human- und Sozialwissenschaften generiert: Weil wir ja wissen, dass Schwule unglücklich und Kopftuchmädchen durch ehrenmordende Brüder bedroht und Frauen so emotional sind, können die den Standards, die da formuliert sind, gar nicht gerecht werden und sind a priori von der Debatte auszuschließen oder aber Gegenstand der Debatte, also der zu begründenden Norm: Sei lieber nicht schwul, die sind eh allesamt suizidal. Das wurde auf breite Bevölkerungsgruppen angewandt, manche von denen wurden mal eben vernichtet: Eh zu unzivilsiert, die Hereros.

Weil es eben bestimmte Voraussetzungen gibt, die zur Partizipation voraus setzt: Bei Habermas einfach sprach – und handlungsfähig. Doch wurde im Gegensatz zur “kontrafaktischen” Konstruktion bei ihm in der historischen Realität gerne mal Sprach- und Handlungsfähigkeit auch lediglich eingeschränkt behauptet: Bei Frauen und “Wilden” zu Beispiel.

Ja, ein langer Text, um dieses seltsame Phänomen herzuleiten, dass man in real assymetrischen Konstellationen – also einer ist schwul, der andere hetero, einer Mann, die andere Frau, eine ist schwarz, der andere weiß  – ständig auf die Annahme stößt, man würde in “herrschaftsfreien Räumen” diskutieren. Tut man nicht, weil im Sinne Foucaults allesamt systematisch andere Prägungen erfahren hat, die unterschiedliche Arten von Gründen hervor bringen. Die, die das glauben, man operiere in herrschaftsfreien Räumen, tun so, als sei das, was Habermas geschrieben hat, eben keine explizit kontrafaktische, nie und nirgends realisierte Situation, sondern “natürliche” Gesprächsvoraussetzung. Was falsch ist. Und dafür muss man schon einen Wahrheitsanspruch erheben, um das behaupten zu können. Und so kam es zur These vom “performativen Widerspruch”.

Aber auch an der Konstruktion selbst ist etwas grundfalsch: Da taucht auf der Ebene p (“dass p”, “x ist richtig, weil p”) die subjektive Erfahrung auf und nicht auf der Ebene der Sprecherposition – so, als könne man da von sich und sich und seinen Erfahrungen abstrahieren, indem man sie zum Gegenstand einer Diskussion macht.

Das ist ein ganz interessantes Phänomen, betrachtet man, was bei den Umkehroperationen passiert: Weiße, heterosexuelle Männer zumeist sind ja eifrigst und gerne dabei, das Verhalten gegenüber Frauen, Schwarzen und Schwulen zu diskutieren, deren Empfindungen also auf der p-Ebene anzusiedeln und dann über deren Berechtigung oder auch nicht zu lamentieren. Sie fühlen sich aber, gelinde gesagt, selten wohl, wenn die ihren da auftauchen – sie diskutieren ja im Sinne des Allgemeinen über das Besondere.

Nur, ganz plötzlich dann wird ihr Empfinden sogar maßgeblicher Gegenstand der Diskussion, wenn Mensch Homophobie, Rassismus oder Sexismus thematisiert und diese bei ihnen selbst vermutet. Dann geht es ab, und das geht gar nicht. Obwohl doch endlose Diskussionen über die Berechtigung von Empfindungen angesichts ganz realer Traumata der “Gegenstände” ihrer Diskussion ständig und überall statt finden. Also, symetrisch ist das nicht … und vor allem wird die gesamte Foucaultsche Ebene einfach ausgeblendet. Als würden alle mit gleichen Erfahrungen in eine Diskussion gehen. Die Umkehr gibt es auch: Dass Schwule vehement abstreiten, von Homophobie geprägt zu sein, zum Beispiel. Ist ja auch gefährlich in dieser Kultur, darüber zu sprechen – die Sanktionen können sehr hart ausfallen. Ausschluss ist da die häufigste und harmloseste.

Paradox an der Nummer ist, dass im Grunde genommen nur human- und sozialwissenschaftliche Mittel als Gegengift erscheinen – zum Beispiel der permanente Nachweis der realen Benachteiligung von Frauen. Nur dass, wenn sie so verfährt, Frau immer weiter unter Rechtfertigungs- und Beweispflicht gestellt wird, und die Männer-Mehrheit in der Wissenschaft, den Medien usw. schon den “Gegenbeweis” antreten wird … da hat man sie. Wer sich rechtfertigen muss, hat verloren.

Besser ist, die Prämissen anzugreifen. Die Kategorien selbst.  Die Unterscheidung hetero/homo z.B. bei der Fragestellung schon anzugreifen. Doch wieder erscheint dann etwas ganz seltsames: Die ganzen vollends Aufgeklärten kommen mit “spielt doch gar keine Rolle, ob nun schwarz oder weiß. Du Rassist!” um die Ecke. Wie praktisch.

Im Grunde genommen bin ich nun als Ex-Habermasianer eher wieder bei der postmodernen Ansicht gelandet, dass man vielleicht gar nicht so viel auf die Argumentationen schielen sollte. Da gewinnen eh immer die Normalen, die Nicht-Abweichungen (Männer betrachten Frauen oft als Abweichung vom allgemeingültigen, männlichen “Prinzip”, hat ja auch christliche Tradition), die alles dafür tun, ihre Privilegien zu verteidigen (nein, nicht alle).  Sondern vielmehr auf die Literatur, vielleicht auch den fiktionalen Film zu setzen. Vielleicht hat die “Rocky Horror-Picture-Show” doch mehr bewirkt als  Michel Foucault.

Und ansonsten Nischendasein.

Und die Forderung nach der sozialen Revolution. Weil sich im Falle des von Klassismus Betroffenen gerade die Frage nach der Partzipation an Diskussionen, bei denen sich Bildungsbürger die “ideale Sprachsituation” vorstellen, schon aufgrund eines ganz anderen Pools von Gründen und Sprachformen eh zumeist auf der Strecke bleiben. Mit diesem Text könnten sie auch nichts anfangen. Und da weiß ich dann gar nicht mehr weiter.

 

 

Jakob Augstein über “Schuld und Vergebung” am Beispiel Oscar Wildes und was das mit Immanuel Kant zu tun hat

Also, die Dreistigkeit, mit der Vertreter des evangelikal-arischen Komplexes (Danke, Loellie) und andere Katholiken ihrer unsouverän-pubertären Papstkritikerkritik sich reflexhaft opfern als Gotteslamm auf dem Altar der Reaktion, die macht mich einfach nur fassungslos.

Es gab einst eine Kritik des “autoritären Charakters” als Faschismusanalyse, die das Ideal der “Mündigkeit” formulierte, das dann nicht entstehen können, wenn das Über-Ich, freudianisch gesprochen, durch Institutionen des Staates oder der Kirche indoktriniert würde.

Es gab ca. 160 Jahre davor einen deutschen Philosophen, ansässig in Königsberg, der formulierte, Aufklärung sei der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit und proklamierte, man solle sich seiner EIGENEN Vernunft bedienen. Selber Denken.

Zurück zu Adorno et. al hieße das u.a., dem Diktat der internalisierten Instanz des Autoritären Vaters in der bürgerlichen Kleinfamilie nicht mehr duckmäuserhaft zu folgen, sondern Urteilskraft walten zu lassen.

Der aus Zeiten der Aufklärung mit der berühmten Schrift darüber, was das sei, ein Lieblingstext Michel Foucaults, Immanuel Kant, hat eine höchst umstrittene und doch immer wieder bedenkenswerte Formel frei gelegt, die in jedem Vernünftigen – so Kant – immer schon schlummere: “Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die Du zugleich kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.” Das ist der Kategorische Imperativ in einer Formulierung aus der “Grundlegung zu Metaphysik der Sitten”.

Maxime ist der Grund, aus dem man handelt; Gesetz meint nicht das des Staates, sondern die Form der Gesetzmäßigkeit selbst. Also: Verallgemeinerungsfähige Handlungsgründe finden als Kriterium der Moralität.

Es gibt religiöse Regeln wie z.B. das Tötungsverbot, das in den ach so christlichen USA ja nicht wirklich gilt, die einigermaßen problemlos verallgemeinerbar sind. Die Regel “Man darf nur bestimmten Menschen ein Recht auf sexuelle Selbstverwirklichung zubilligen” ist nun selbst noch einmal dahingehend begründungsbedürftig, dass sie bei Onanie problemlos anwendbar ist, bei Vergewaltigung aber nicht – es sei denn, man behauptet irgendwelche “höheren Wahrheiten”, die man sich willkürlich aus alten Texten pickt.

Vergewaltigung geht deshalb nicht, weil es da noch einen Anderen gibt, der im Zuge dessen in seiner sexuellen Selbstverwirklichung drastisch eingeschränkt wird; die Regel findet also keine Anwendung in diesem Fall, es wird gegen sie verstoßen. Ein Widerspruch tritt auf.

Da Kant zudem den Kategorischen Imperativ eben kategorisch, also nicht in Relation zu einem zu erreichenden Ziel, aus den Gesetzen der Vernunft selbst gewinnen wollte, hat er noch die Formel nachgeliefert, jeder Mensch sei als Zweck an sich selbst, nicht als Mittel zu irgendetwas – Gebärmaschine z.B. – zu behandeln.

Das ist seit seiner Formulierung umstritten, wird weltweit diskutiert (und ist was anderes als die biblische “Goldene Regel”: “Was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füg auch keinem Anderen” zu, weil der Rekurs auf allgemeine Gesetzmäßigkeiten der Vernunft da fehlt, die auch einer anderen Ebene als das, was man individuell will, eben die Verallgemeinerungsfähigkeit, wirkt), seitdem es formuliert wurde, hat aber bis hinein in den Grundrechtekatalog des Grundgesetzes oder die Erklärung der Menschenrechte nachhaltig gewirkt.

Es ausdrücklich ist eine Analyse, die den Bereich der Vernunft eingrenzen will, um dem Glauben Raum zu verschaffen, verzichtet wird in der Gesamtkonstruktion des Kantischen Werkes z.B. auf rationale Gottesbeweise oder die Fundierung der Unsterblichkeit der Seele aus den Gesetzmäßigkeiten der Vernunft.

Um eben doch strikt Moral INNERHALB dieser vernünftigen Grenzen zu situieren – immer dem Gedanken der Mündigkeit folgend: Denke selbst und folge keinem Dogma. Hume, der britische Philosoph, habe ihn aus dem dogmatischen Schlummer geweckt.

Dass das Selberdenken unter Journalisten unüblich geworden ist und differenten Formen des Fahneneides gewichen ist, schlimm genug. Diese permanente Behauptung, die sich heute allseits findet, ohne Religion gäbe es keine Moral, ist aber einfach falsch. Kant ist nur EIN prominentes Beispiel. Von feministischer Seite, Carol Gilligan, wurde eingewandt, nur rational ginge nicht, es gäbe auch noch Fürsorge und andere Emotionen; Schopenhauer formulierte eine Mitleidsethik. Alles ganz ohne Religion, wobei Schopenhauer durch die Upanishaden wie auch den Buddhismus geprägt war; dennoch kommt die Konstruktion auch ohne aus. Es ist eine ungeheure Anmaßung, menschliche Fähigkeiten wie jene zur Emphatie oder zur Solidarität, Herr Thierse, exklusiv aus der Bibel ableiten zu wollen. Eine koloniale Dreistigkeit und Geschichtsvergessenheit ohnegleichen.

Es gibt sie bereits beim Heiden Platon, Formen der Morla z.B. im Gorgias, wo formuliert wird “Immer noch besser, Böses zu erleiden, als Böses zu tun”. Das sollte sich nicht nur der Papst hinter die Löffel schreiben, auch wenn seine Positionen ganz außerordentlich dezidiert antikantianisch formuliert werden, sein Augustinus war Neu-Platoniker, Thomas von Aquin Aristoteliker, als beide im Denken nachhaltig heidnisch geprägt.

Das all das der Journaille keiner Silbe wert ist, geschenkt, so ist das bei der Wirkung eines führenden Vertreters der Gegenmoderne.

Das ist ja das Üble, das deren Ambivalenz, jene der Moderne – einerseits verschärfter Kolonialismus, Sklavenhaltung, Weltkriege, Völkermord, an vorderster Front Christen aktiv, andererseits Individualisierung, für einige mehr Freiheitsspielräume, immense Fortschritte des Denkens und der materiellen Versorgung einiger – durch die Fokussierung auf Diskursvorgaben der Prä-Moderne verschwindet, und die veröffentlichte Meinung lässt sich auch noch jubilierend darauf ein. Das ist nicht anderes als Geschichtsklitterung.

Zu Zeiten Kants gab es durchaus auch so was wie einen “aufgeklärten Absoutismus”, sehr vereinzelt, letztlich besaß dessen Denken jedoch trotz seiner rassistischen Ausfälle eben jene Sprengkraft, die geteilte, eben unbegründete Herrschaft von Klerus und Adel einzuschränken.

Ganz besonders finster, wie ein Herr Augstein, das alles bewusst ignorierend, er weiß das ja im Gegensatz zu Anderen, im Zuge dieses irrationalen Rausches weißer, heterosexueller Männer im Blätterwald angesichts des Stellvertreters aus dem Gottesstaat in Berlin in ungezügeltem Sadismus nun auch noch gemarterte Schwule instrumentalisiert, um ihre bornierten Tiraden vermeintlich zu untermauern:

“Die katholische Kirche ist nur für Sünder und Heilige. Für normale Leute genügt die anglikanische.” Und weil Linke manchmal Mühe mit Ironie haben, hier gleich die Übersetzung: So furchtbar viele normale Leute gibt es nicht. Wilde hat sich sein Leben lang mit Schuld und Vergebung beschäftigt und um seinen Glauben gerungen. Es sind nicht die Schlechtesten, die das tun..”

Es ist einfach nur ekelhaft, dergleichen in einem solchen Kontext zu veröffentlichen, wo der Normalisierungspapst durch die Republik rauscht. Es sei in diesem Zusammenhang auf den Prozess gegen Oscar Wilde verwiesen:

“In seinem Plädoyer an diesem Tage lässt Marquis Queensberrys Anwalt ein weiteres, die Geschworenen beeindruckendes Detail einfließen, er führt nämlich aus, dass Oscar Wilde wegen eines seiner Briefe an Lord Douglas erpresst worden sei, was nicht ohne Eindruck auf die Geschworenen bleibt. Sehr geschickt vermeidet es dieser Anwalt, Oscar Wilde direkt homosexueller Handlungen mit Douglas zu bezichtigen, aber immer wieder wirbt er um Verständnis für die Rolle eines Vaters, der mit ansehen muss, in welcher Gesellschaft sich sein Sohn befinde und der unter einem derart offenkundig ungünstigen Einfluss wie dem Oscar Wildes sich doch in größter Gefahr für seine Sittlichkeit befinden müsse. Am Ende dieses Prozesstages findet eine intensive Unterredung zwischen Oscar Wildes Anwalt und seinem Mandanten statt. Er wird ihn über den Prozess-Stand und über die Gefahr sehr intensiv unterrichtet haben und rät ihm dringend, den Strafantrag gegen Marquis Queensberry zurückzuziehen. Unter dem Eindruck der Beweisaufnahme sei es so gut wie sicher, dass die Geschworenen die Formulierung “An Oscar Wilde, der sich wie ein Päderast benimmt” als nachvollziehbar und gerechtfertigt ansehen würden. Mit Oscar Wildes Zustimmung wird am nächsten Tag der Strafantrag tatsächlich zurückgezogen, das Gericht spricht Marquis Queensberry frei.

Die Gegenseite zögert nun nicht lange. Unmittelbar nach dem Prozess hat Queensberrys Anwalt eine Kopie aller Erklärungen der im Prozess nicht vernommenen Zeugen neben einem Prozessprotokoll an die Staatsanwaltschaft gerichtet, kurze Zeit später ergeht gegen Oscar Wilde Haftbefehl. Wieder ist Oscar Wilde dem dringenden Anraten seiner Freunde nicht gefolgt, England zu verlassen.

Ihm wird keine Haftverschonung gewährt, in Untersuchungshaft wartet er das Ende des Prozesses gegen ihn ab. Er wird zusammen mit dem Veranstalter der Teestunden Alfred Taylor angeklagt wegen insgesamt 25 Verstößen gegen den “Criminal Law Amendment Act” von 1885, demgemäß männliche Personen sich strafbar machen, die öffentlich oder privat unsittliche Handlungen mit anderen männlichen Personen begehen, an ihnen teilnehmen, Gelegenheit hierzu verschaffen oder zu verschaffen versuchen. Das Strafmaß beträgt bis zu zwei Jahren Gefängnis, Gefängnis mit Zwangsarbeit kann angeordnet werden.”

Schuld und Vergebung. Witzig, Herr Augstein. Da hilft auch der Nachsatz nix. Dieses Beispiel ist doch kein Zufall nach Ihrem dümmlichen Abwatschen Kritischen Denkens.

Die zwei Jahre Zwangsarbeit haben Wilde fast umgebracht, er überlebte sie nur noch 3 weitere. Da hatte der Herr Wilde wohl gute Gründe, über “Schuld” zu grübeln Ihrer Ansicht nach.

Das freilich auch das viktorianianische England Ausgeburt der Moderne war und “rational” ansetzende “Humanwissenschaften” noch Lobotomie, Kastration und Elektroschocks erfanden, um Schwule zum Nachdenken über “Schuld” und “Vergebung” anzuregen, das widerspricht der päpstlichen Doktrin meines Wissens nicht. Irgendwie muss man die Leute halt zur “Erlösung” zwingen.

Das war aber noch Thema, die Ambivalenz der Moderne, damals, zu Zeiten meines Studiums. Heute ist dieses Diskussionsniveau zugunsten von “Schuld” und “Vergebung” Oscars Wildes gewichen. In einer Kolumne, die sich “Im Zweifel links” nennt. Die Restauration hat atemberaubend gegriffen. Und selbst Goa war mal katholisch …

Die Konzentration auf den Text als Schweigegelübde

Es ist ja einigermaßen finster, liest man sich durch, was die veröffentlichte Meinung zum Papstbesuch derzeit treibt. Wie so vieles – sei es nun “antideutsche” Antisemitismuskritik oder Polemiken das “sich neu erfinden” anhand einer Materialbasis, die im wesentlichen aus Broschüren von großen Unternehmensberatungen besteht – ist Welterfahrung eine seltsame Auslegepraxis von Texten geworden, nicht mehr realhistorischen oder gesellschaftlichen Geschehens. Eine Debatte, die rund um den Begriff “Meinung” sich rankt und viel von Toleranz für die Intoleranten schwadroniert. Besonders krass dieser Text in der taz:

 

“Anders ist kaum zu erklären, dass Zehntausende gegen den Mann aus Rom protestieren wollen und dieser Protest offenbar für manche eine fast identitätsstiftende Kraft hat. Und das, obwohl viele von ihnen längst aus der Kirche ausgetreten sind, der Papst ihnen also eigentlich egal sein könnte.”

 

Auch da wird darüber referiert, was der Papst so alles sagt, und in manchen Texten hat man den Eindruck, als hätten Inquisition, Hexenverbrennung, Sodomiegesetze, Religionskriege, das hervorragende Kooperieren mit mehr oder weniger absolutistischen Herrschern, Leibeigenschaft nie existiert, dann “das Christentum” aus sich heraus die Aufklärung geboren und so die pure Glückseligkeit seines historischen Wirkens noch durch Menschenrechte und Gerechtigkeit ergänzt.Bis böse Atheisten wie Hitler, Mao und Stalin dann das so heimelig-nächstenliebende geschehen in “christlichen Ländern” unterbrachen. Nunmehr müsse die Ordnung jedoch wieder hergestellt werden.

So dass nunmehr der in Rom wohnhafte Herr als Vorreiter der Kapitalismuskritik auftreten kann – erinnert sich noch wer an Don Camillo und Peppone? Oder daran, wie christliche Gewerkschaften die Arbeiterbewegung schwächten, während Herr Bismarck ungefähr zugleich die Sozialistengesetze erließ? Und wie sah es da mit dem Frauenwahlrecht aus, und warum wohl?

Mal ab davon, dass man die Gleichheit vor Gott und andere, egalitäre Vorstellungen als in Religionen gründend sehr wohl diskutieren kann: Nun ausgerechnet einen derart hierarchischen Laden wie die katholische Kirche daran maßgeblich mitwirken zu sehen, ist in sich schon völlig absurd, wenn Stellvertreter-Popstar Benedikt zum Event im Bundestag angereist kommt.

Was aber ja gar nicht Sujet sein soll: Es ist geradezu grotesk, wie Kirchensteuer und sonstige staatliche Unterstützungen der Kirchen, die Rolle derer in den Parteien, Rundfunkräten,der Einfluss der Kirchen auf das Staatsfernsehen, die Schulbidlung etc, ist immens,; im gesammelten Hilfssektor – Arbeiter Samariter Bund, Johanniter, Malteser, auch ein Markt -, als Träger von Kindergärten und Altenheimen ignoriert wird in Zitaten wie dem obigen. Ich war selber in einem christlichen Kindergarten und habe da Geschichten gelauscht, wie aus dem Paradies geworfen wurde, habe christliche Lieder gesungen und will das auch gar nicht verächtlich machen, all das aufopfernde Engagement der Menschen in diesen Institutionen.

Es ist nur zum einen ja schon ein gesellschaftliches Phänomen, dass dieser Bereich den Kirchen überlassen wird, was in den USA noch viel stärker der Fall ist und auch deren Macht dort erklärt – denn neben all dem Herausragenden, was an solchen Orten, statt findet, findet im schlimmsten Fall zugleich eine patriachale, offiziell homophobe usw. Indoktrination statt, von den Missbrauchsfällen mal ganz abgesehen.

Wie stark das nun empirisch wirkt, das wäre ja eine wirklich interessante Frage, die stellt aber gar keiner, und vor allem wenn, dann fast affirmativ: “Christlich-jüdische Tradition”, was auch noch halb verlogen ist, meines Wissens wurde die “Gottesmord”-These erst um das Zweite, Vatikanische Konzil herum ein wenig relativiert, also Mitte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts.

Jegliche Kritik an christlicher Prägung scheint mir verschwunden, ganz, als würde diese nur Gutes tun. Hetzer wie Herr Meissner haben durchaus mediale Präsenz, die über die Wirkung von Lilo Wanders deutlich hinaus geht; ja, annähernd unzählige Plots von TV-Schmonzetten zementieren Vorstellungen heterosexuellen Ehe- und Beziehungslebens im christlich-fiundamentalistischen Sinne, dass man manchmal schreiend weg laufen möchte.

Was auf den zweiten Punkt verweist: Es starren allesamt wie blöde auf “Meinungen” oder das, was der Papst sagt. In welchen Kontexten das aber wie WIRKT und was da eher philosophisch-metaphsysisches Welterklären ist, was jedoch ganz klar als Gebot Anspruch auf eine gesellschaftliche Norm, die für ALLE gilt, erhebt, wird schon gar nicht mehr diskutiert. Obwohl die Hetzer jüngst Hunderttausende in Spanien gegen die Homo-Ehe auf die Straße brachten. Ich erwarte von niemandem “Verschwulung”, die katholische Kirche jedoch greift massiv in die Gestaltung geltenden Rechts ein. Mit Opus Dei-Mitgliedern, die als Rechtsprofessoren an Universitäten sitzen, als Landesverfassungrichter agieren und die Bundesregierung als Gutachter bei Fragen der Verankerung des Diskriminierungsschutzes für Schwule, Lesben, Transsexuelle im Grundgesetz beraten. Als wäre das irgendein dahin gepredigtes Gerede, das päpstliche, was man auch mal eben locker ignorieren kann, wenn man von CDU-Mitgliedern als minderwertig beschimpft wird und bestimmte Inhalte in Mainstream-Medien einfach nicht geparkt bekommt, weil alle Angst vor dem Bischof und dem Fernsehrat haben.

Die feministische Perspektive kann ich nicht, würde ich aber gerne beisteuern, da müsste ich mich erst mal tiefer eindenken. Die Identifzierung von Frau mit Fleisch und Sünde, die lange galt, inwiefern das heute noch wirkt, weiß ich nicht wirklich. Das Festlegen auf die Mutterrolle, um so etwas wie Eigenwert zu erfahren, weil ansonsten das Bild der “Hure” statt der “Heiligen” greift, das ist immer noch äußerst prominent in Hirnen vertreten, so weit ich das beurteilen und auf Bürgersteigen beobachten kann. Auch die Ächtung der Abtreibung ist von Frauen einfach besser zurück zu weisen, als wenn ich das hier stellvertretend tue.

Und all das, obgleich die Affinität der Jesus-Überlieferung nun eher den Marginalsierten, den Ausgegrenzten, der Ehebrecherin, der Prostituierten galt, insofern ist vieles des katholischen und evangelikalen Terrors auch noch im engeren Sinne antichristlich.

Was wiederum zum nächsten Ignorierten überleitet:Die ökonomische Rolle der Katholischen Kirche mittels Vatikanbank, unter anderem. Dass diese u.a. bevorzugt Mafiagelder gewaschen hat, dazu gibt es mittlerweile viele Veröffentlichungen, die ich zwar nicht überprüfen kann, die aber gut belegen; und dass diese ihre Finger auch weiterhin in allerlei Unbill tunkt, steht zu vermuten.

In all diesen diskursanlytischen Traktakten über die Begründung von Normen und Werten taucht NICHTS von alledem auf; da sind die großspurigen Leitartikler und Sonntagsredner wie Herr Thierse auch wie üblich recherche-.und denkfaul. Letzterem ist das noch insofern nachzusehen, dass in der DDR die Kirche der einzige teilweise noch staatsferne, öffentliche Raum war. Das ist nur auf aktuelle, bundesrepublikanische Ordnungen nicht übertragbar, da ist eher umgekehrt. Dass es eine Trennung zwischen Kirche und Staat gar nicht gibt, sieht man schon daran, dass man sich in vielen Regionen beim Standesamt um den Austritt müht und die Christlich-Demokratische Union an der Regierung ist. Die Kirchensteuer führt das Finanzamt ab.

Stattdessen starren sie auf das, was der Mann sagt und schreibt – nicht jedoch darauf, wie das wo wirkt, in welchen institutionellen Verflechtungen dies geschieht, und welche ökonomische Rolle der Vatikan in der Welt spielt. Fast, als hätten sie ein Schweigegelübde abgelegt. Was doppelt schlimm ist, weil eben diese drei miteinander korrespondierenden Ebenen, Ökonomie, Institutionen, Struktur von Öffentlichkeiten sowieso und ganz grundsätzlich unter den Tisch fallen, wenn allesamt mal irgendwas auf “Meinung” reduzieren, als würden wegen eben dieser nicht nachts in Parks Schwule verprügelt werden oder sich US-Teenies umbringen.

Niedlich auch diese Bundestagsabgeordneten, die per SpOn verkünden, wenn der Papst schon mal da ist, würden sie ihn doch auch sehen wollen. Wollte ich Take That auch, andere wollen Madonna bewundern. Mir wäre nicht bekannt, dass für deren Besuche 50-100 Millionen aus der Staatskasse geflossen wären oder diese im Bundestag getanzt hätten. Klar, sie sind keine Staatsoberhäupter, obwohl von Pop-Nations zu sprechen nicht mal nur dummes Zeug wäre – aber können sie die Damen und Herren Parlamentarier dann nicht einfach eine Karte für irgendeine Arena kaufen, so wie dieser Mensch sich mit Pomp und Glorie inszeniert, als würde er in einem historischen Hollywood-Streifen den Hauptdarsteller geben?

Wie die Eventisierung des Fussballs könnte man durchaus auch jene der Religion beklagen, wenn man das möchte, weil man religiös ist. Diese ganzen charismatischen Popstars unter den Predigern, letztlich entwürdigen sie doch den Gehalt dessen, wofür sie zu stehen vorgeben. Es ist dies eine Orientierung an medialen Mechanismen, die das Heilige noch für die, die ernsthaft glauben, dieses habe etwas mit dem Papst zu tun, dem Profanen in einer ziemlich erbärmlichen Form anheim gibt.

Was auch nicht dadurch zu ändern ist, dass der Bundestag etwas würdiger wirkt als die Schalke-Arena, wenn dort Aida gezeigt wird. Eine Oper übrigens über die fatale und mörderische Macht der Priesterherrschaft – ja, Verdi ließ da sehr wohl seine Sicht auf die Katholische Kirche einfließen. Auch das hat Kulturräume geprägt. Zum Glück.

Der Momo-Umerziehungsthread

Da ich drüben gerade nicht mehr frei geschaltet, weil der Herr Blogbetreiber wohl wegen Abwesenheit nicht zum Freischalten kommt, ich in deratigen Blogs aber auch gar nicht mehr kommentieren will, hier nun also der Thread für die, die immer schon mal loswerden wollten, was sie so alles über mich denken:

Ich sag jetzt auch mal was :-)

„in einem Blog, in dem intellektuell redlich jemand als armes Opfer einer Hetzmeute (!!!) inszeniert wird, der in verletzendster Weise die Erfahrungswelten anderer Leute für reine Projektion und Fantasie erklärt, die 30 Jahre Leben prägten“

Wo habe ich das denn deiner Meinung nach getan, Momo? Ich kann mich nicht erinnern. Bitte klär mich auf. Es ist doch eher umgekehrt. Wenn ich von meiner Erfahrung rede, dass Schwule in manchen Kreisen als chic gelten, wird mir diese Erfahrung abgesprochen, und zwar aus ideologischen Gründen, sonst nix.

Hetzmeute ist ein zu harter Ausdruck, das würde ich nicht sagen. Aber inszeniert wurde hier im Blog nichts, es war einfach nur Hartmuts Meinung. Und Tendenzen des Mobbing hatte das Verhalten gegen mich seinerzeit auf alle Fälle, hat es ja immer noch, wenn ich an den immer wieder auftauchenden Kronstadt-Bezug denke (und hier sinnigerweise von Bildungsrassismus die Rede ist).

Und nochmal zum Vernichtungswillen. Den konstatiere ich bei dir, ohne jedes Wenn und Aber. Zum mitschreiben: Du hast mir, absichtlich und ohne jede Grundlage, Stalinismus, Stasi-Fan, Neuer Rechter, Evangelikaler und anders vorgeworfen, garniert mit einer Unmenge an Schimpfwörtern. Es ging immer schlicht um den Vorwurf, der eine maximale Diskreditierung verheißt. Schon legendär dein Vorwurf, ich sei Stasi-Fan, weil ich auf die nur vermeintliche Anonymität des Internets hingewiesen habe. Der Überbringer der schlechten Nachricht… man kennt das ja. Man kann zu solch einem Blödsinn eigentlich nichts mehr sagen, außer die psychologische Ebene zu bemühen. Es geht um das Mundtotmachen und mehr ist in einer Online-Diskussion nicht möglich. Dass du nicht mit einem Messer in meinem Hausflur stehst, vielen Dank. Mir geht es bei diesem konstatierten Vernichtungswillen natürlich nur um einen online ausgeführten. Ansonsten hätte ich mich hier schon längst verabschiedet. Immerhin bist du in deinen Angriffseigenschaften zivilisatorisch nicht so weit abgerutscht wie Nörgler, dem man nur noch zugute halten kann, dass sich seine Ausfälle vielleicht unter massiver Zuhilfenahme von Drogen ereignen.

Ich denke, jedem Verständigungswilligen ist klar, was ich meine. Und bitte die Ausflüchte sein lassen. Was das Online-Verhalten hier mit Berliner Buchläden und Polizisten zu tun hat, weiß ich nicht.

Zentral ist meiner Meinung nach die Bemerkung von Hartmut, dass ein wohlwollendes Interpretieren von Aussagen nicht erwünscht ist, man sich vielmehr (mit Genuss?) die negativste Interpretation, die gerade noch möglich ist, rauszieht und dann vereint draufkloppt. Das hat schon was extrem Dogmatisches. Und das von Leuten, die doch so gerne undogmatisch wären.”

Genova, Exportabel-Blog

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 1.030 Followern an