Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Subjektivierungsweisen

Tears: Rest in Peace, Frankie Knuckles

Gerade Freitag, als ich das Stadion betrat und dort das ja auch bahnbrechende “Now I wanna be your Dog” lief, als dann die Fürther Hymne in seltsam fränkisch-männlichem Mundartpop erklang, da sehnte ich mich danach, nur einmal vor dem Spiel eine der großen House-Hymnen zu hören.

Die Musikästhetik rund um den FC St. Pauli ist ja protoptypisch für die ungebrochene Dominanz des Rockism in weißen Gegenkulturen: Weiße, heterosexuelle Männer definieren zu Gitarren die Welt, und hätte der Hip Hop seine Bezüge zur House-Music noch ernster genommen, hätte ihm das gut getan. Warren G. und andere haben das ja auch.

So jubeln alle gerade diesem Markus Wiebusch oder wie der Kettcar-Sänger heißt zu, dass er Schwule erst “othert”, um sodann zu hoffen, dass das, was schwule Erfahrung tatsächlich anders macht, doch bitte egal sein möge – und haben vermutlich kaum mal eine queere KünstlerIn im iPod oder wo auch immer sie ihre Musik stapeln oder spreichern. Hört doch mal LGBTQ-People zu und all ihren Künsten und nicht nur denen, die sich löblich für sie einsetzen. Ja, ist ja auch schon geschehen, bei “Fussball & Liebe” zum Beispiel.

Zum Glück gibt es ja auch viele Andere im Stadion, den Oke, den Willy zum Beispiel, über die ich heute bei Facebook erfuhr, dass ein wahrer Revolutionär verstorben ist: Frankie Knuckles.

Ich musste schon ganz schön schluchzen. Selbst als ich auch Mehr von diesem Beitrag lesen

Zukunft statt Häme: Der Möglichkeitsraum hinter dem x

Aktuell weht in Orkanstärke ein Shitstorm durch’s Netz; eine dieser Abwehrschlachten gegen das Infragestellen repressiver symbolischer und institutioneller Ordnungen und korrespondierender Geistesgeschichtsschreibungen. Räume der Kritik werden autoritär und gehässig mit Häme zugestellt.

Vermeintlich Liberale vergleichen bei Twitter studentische Interventionen an Universitäten gegen verschnarchte und denkfaule Klassiker-Lektüren mit dem Agieren der SED; ehemalige Bürgerrechtler gar, die wohl vergessen haben, wie eine unkritische Lesart des historisch-dialektischen Materialismus jedes Denken in öffentlichen Räumen einst in der DDR erstickte. Man kann freilich auch Rousseau so lesen, wie die FDJ Marx las: Im Sinne der Herrschenden.

Viel gelesene Blogger, die sich über Verschwörungstheorien, zugesandt, freuen

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“That makes it much harder — and almost always much better.”

“That gap in our culture, the one that exists outside the mainstream — that’s where you find artists, gay people, all the outsiders. ‘Queer culture’ is bigger than most people think.”

Danke, Herr Matussek! Spätestens, als Sie sich in die Debatte eingeklinkt haben mit Ihrem chronisch talentfreien, aufmerksamkeitsheischenden Gekeife, das sich schon Überschrift zeigte, da war ich froh. Und es perlte nur noch ab.

Ich meine, wer will schon sein, denken, schreiben oder leben wie so einer?

Mir sind ja wenige heterosexuelle Beziehungen bekannt, angesichts derer ich denke: “Hey, da habe ich aber was verpasst!” Mit einer davon fahre ich immer nach Sylt, eine andere, frisch verliebte mit bald 50, treffe ich nach Spielen vor der Domschänke. Die wissen um das, was im Rock’n’Roll über Appropriation hinaus geht.

Ich würde vielen Heten wie auch Regenbogenfamilien wünschen, dass gerade das Aufziehen ihrer Kinder gesellschaftlich so organisiert würde, dass sie es eingebettet in andere solidarische Zusammenhänge freier erleben könnten, als das, was der Fall ist. Wo man sie in das Hamsterrad ökonomischer Zwänge sperrt und sie erpresst, den Kapitalismus am Laufen zu halten. Dass Arbeiten, Wohnen, Kreativität Mehr von diesem Beitrag lesen

“White Brothers with no Soul” – Radiofeature orientiert an einem Vortrag von Alexander Weheliye, 10.2., FSK, 14 h

Momo on the radio die zweite: Morgen ab 14 h läuft beim FSK-Hamburg ein weiterer Versuch, mich in diesem für mich neuen Medium zu orientieren. Damit ich mich nicht völlig verlaufe, habe ich mich an einem Vortrag von dem in Chicago Kulturwissenschaft lehrenden Prof. Alexander Weheliye orientiert: “White Brothers with no soul – wie der Berliner Techno weiß wurde”. Er hat ihn vor der Queer AG der Universität Hamburg gehalten, mir freundlicherweise die Power Point-Vorlage zur Verfügung gestellt und auch genehmigt, dass ich da drumherum die Sendung baue. Ich danke ganz herzlich dafür!!!

Wo ich mich verplapper, Unsinn rede oder etwas falsch verstanden habe, da bin ich freilich selbst voll und ganz verantwortlich. Selbst ja ein white brother, ob mit ein klein wenig Soul oder nicht, das mögen andere beurteilen, habe ich lediglich hier und da queere und Hamburger Perspektiven ergänzt.

Alex’ Vortrag rekonstruiert virtuos und profund die oft verschwiegene Vorgeschichte dessen, was als Techno teutonisiert und als Sound von Berlin behauptet und vermarktet wurde: Zu weiten Teilen eine der PoC in den USA, Schwarze und Latinas und dortiger, queerer Clubkultur. Und nimmt darauf basierend das Selbstverständnis weißer, männlicher, heterosexueller “Macher”, “Schöpfer” und “Erzeuger” in der Musikproduktion hierzulande auseinander.

Ich bringe einiges an frühen House-Sounds auch zu Gehör, Frankie Knuckles, Phuture, Remixe von Larry Levan, Jamie Principle, schrecke auch vor zu Tode gespielten Disco-Krachern nicht zurück – einfach, weil sie es verdient haben, vor dem kulturellen Hintergrund gehört zu werden, vor dem sie entstanden.

Ich habe aus schlichter Unkenntnis nicht vertiefend einen ebenso wichtigen Aspekt ausführlich behandelt, die Rolle der G.I.-Discos in Berlin – hoffe aber, trotzdem deutlich genug gemacht zu haben, dass ich PoC keineswegs ausschließlich in den USA verorte. Ganz im Gegenteil. Alex hat mir u.a. ein sehr bedrückendes Gedicht zur “Wieder”vereinigung einer deutschen Autorin vorbereitet.

Ebenso habe ich mich bemüht, mich vor den großen schwarzen Sängerinnen des Sounds zu verbeugen und hoffe, dass dieses gelang. Adeva habe ich nicht mehr unterbekommen und werde es nachholen. Das Thema verträgt noch einige Sendungen. Auch die Bezüge zu Hip Hop und Synthie-Pop muss ich in die Zukunft verlagern. Wollte ja nicht nur quatschen, sondern auch Musik spielen.

Eventuell wird die Sendung um 23 h noch einmal wiederholt, was angesichts der gespielten Tracks auch Sinn machen würde.

Wer also zu diesem Blog eine Stimme hören möchte, der kann das morgen mal probieren. Habe wiederum nix vorformuliert, hatte ja Alex’ pointierte Texte – insofern sind alle “diediedie”, irgendwies, Wortdopplungen (3 mal “Wurzel” in 30 Sekunden), nicht zu Ende gesprochenen Sätze und Versprecher auch weitestgehend drin geblieben. Im Sinne von Emotion und Spontanität. Vielleicht gefällt’s ja.

Erinnerungskultur neu gedacht mit Mustafa Esmer

Warum darf ich trotz der Tatsache, dass ich seit Geburt in Deutschland lebe, hier aufgewachsen bin und die Politik aktiv verfolge, die Missstände, die meinen Alltag bestimmen, nicht kritisieren? Ganz einfach: Mir fehlt ein wesentliches Merkmal biodeutscher Identität, nämlich die deutsche Erbsünde – der Holocaust. Die Exklusivität der deutschen Erbschuld ist das Problem, das zu der fehlenden Anerkennung Neudeutscher vonseiten der Mehrheitsgesellschaft führt.”

Das ist schon ein echt spannender Text da drüben im Migazin.

Dass auf recht abstruse Weise die Nazivergangenheit Antdiskriminierungsarbeit extrem behindert, weil allesamt damit beschäftigt sind, keine sein zu wollen, das ist mir ja auch schon häufig aufgefallen. Auch diese Arroganz, die aus diesem Teil der als eigene Geschichte verstandenen sich ergeben kann. Wenn wegen Auschwitz in den Krieg gezogen wird, wenn die USA darüber belehrt werden, ja im eigenen Land nie eine modernen Krieg erlebt zu haben, wenn gerade die Lehren, die man aus “finsteren Zeiten” mit genommen habe, angeführt werden, sich Vernunft und Tiefe in Überlegenheit und ineins zuzusprechen – gruselig.

Wenn Verbrechen wie die kolonialen weg gewischt werden, weil die Nazis es ja viel schlimmer trieben, schwingt fast so etwas wie Stolz mit. Hitler ist ja auch ein medialer Exportschlager ersten Ranges. Und in “Unsere Mütter, unsere Väter” sind vorsichtshalber Polen die wahren Antisemiten, im Alltag und der Weltpolitik halt “die Muslime” – als Speerspitze der Homophobie werden sie ja trotz Hitlerjunge Ratzinger auch behauptet.

Mein Vater war übrigens auch Hitlerjunge. Väter von Freunden waren hohe NS-Beamte, die von ehemaligen Co-Bloggern in der SS. Bei den Jüngeren mag das Ganze nicht mehr soooo nah dran sein, deren Großväter nicht in Riga stationiert waren, eine der zentralen Drehscheiben der antisemitischen Vernichtungsmaschinerie – das unterschätzt der Autor vielleicht, dass es ja nicht nur darum geht, nicht ständig mit dem konfrontiert zu werden, was die Eltern und Großeltern taten. Sondern dass selbst dann, wenn “deutsch” nur zur Selbst-Identifikation genutzt wird, wenn man im Ausland ist, diese Vorgeschichten in prägenden Kleinfamilienmustern präsent waren und sich Selbstverständnisse in diesen Zusammhängen formten, ob man das nun wollte oder nicht.

Umgekehrt sträubt sich in mir alles bei der Forderung nach einem nationalen “Wir”. Das muss man sich aber auch erst mal leisten können. Habe lange den Kampf von Freunden erleben dürfen, dass überhaupt mal zur Kenntnis genommen wird, dass es schwarze Deutsche gibt, und das nicht erst seitdem Menschen gegen so called “Asylanten” fackelten und mordeten. Und Bundestagszweidrittelmehrheiten als Reaktion darauf Unrecht als Recht behaupteten. Die Zurückweisung dieses “Wir” haut sich halt sehr leicht raus, wenn Mann eh als biodeutsch gelesen, nicht ständig von der Polizei kontrolliert wird und keine “Migrantisierung” oder “Rassifizierung” erfährt. Wenn in vielen Kontexten es sehr leicht ist, Gehör zu finden, wo es um Geschichtsschreibung geht – freilich auch nur dann, wenn man die schwule Perspektive nicht explizit macht.

Was Mustafa Esmer fordert, ist ja, dass nicht etwa Biodeutsche so etwas wie “Leitkultur” vorgeben wie eine Forderung, deren Einhaltung ständiges Kommentieren und Kontrolle nach sich zieht – sondern dass diese gemeinsam (!!!) auch auf dem Feld der Erinnerungskultur entstehen können sollte. Worte wie “Leitkultur” fühlen sich für mich allerdings immer an wie Stromstöße, weil sie sowieso an irgendeinem Punkt von der heterosexistischen Mehrheitsgesellschaft als wahlweise Ausschlusskriterium oder Assimilationsforderung bzw. – wille – Homo-Ehe und Co – auch an LGBT-People heran getragen wird. Was ich als Zumutung empfinde. Trotzdem fordere ich fortwährend, dass weibliche, LGBT- und PoC-Perspektiven gefälligst im selben Sinne konstitutiv zu sein haben für Kanonisierung und Geschichtsschreibung wie die von Weiß-Hetero-Männlich. Und manche Auseinandersetzung im FC St. Pauli-Kontext verdankt sich der inständigen Weigerung von ach so toleranten WHM, das mal einzubauen in das, was sie veranstalten, ganz von selbst. Und nicht in die ausgesonderten Extra-Zonen zu verbannen. Mobbing ist oft die Antwort, insistiert man darauf. Offenes und verstecktes.

Es ist eben deshalb schon sehr spannend, wie Esmer auseinander nimmt, wie die Nazi-Vergangenheit geteilte Selbstverständnisse verhindert und durch sie ja gerade im Falle der Antirassismusarbeit sich auch krass krude Reaktionen vor eine Hinterfragung von “White Supremacy” schieben.

Was einer der Gründe ist, dass Deutschland in solchen Fragen so erbärmlich provinziell ist – weil in einer Art dialektischer Tollheit die Vergangenheit zur Stabilisierung von Dünkel genutzt wird. Und es sich im Fall von PoC, von Herrn Esmer und Herrn Rösler auch nicht ganz so einfach so was sagen lässt wie “Die Nazis waren doch eh alle schwul und geisteskrank”.

Für die nicht minder populäre Behauptung, die Schwarzen seien doch die wahren Rassisten – besonders beliebt ausgerechnet in Miles Davis-Biographien – , braucht es schon einen Umweg mehr.

Und ich möchte auch nicht wissen, wer Herrn Esmer nun die Armenier mit Verve in die Kommentarsektion schreibt, um so zu bestätigen, was er schreibt.

“Meines Erachtens sind die politischen Maßnahmen, die als Entnazifizierung bezeichnet wurden, erfolglos gewesen, denn diese Methode war einzig ein Verbot der Nazidenke. In den Bildungseinrichtungen wurde durch ständiges Wiederholen ein Schuldkomplex eingepflanzt, ohne den Nachkriegsgenerationen Werkzeuge zur Hand zu geben, wie man denn nun damit umgehen soll.”

Bei “Schuldkomplex” zucke ich auch schon wieder zusammen und meine den Nachhall von “Schuldkult” und Ähnlichem zu vernehmen. Aber bin ich dann nicht exakt in jenem Belehrungsduktus gelandet, den Esmer völlig zu recht angreift?

Weil ich ihm auch hinsichtlich der Diagnose erfolgloser Entnazifizierung vollkommen zustimme. Ich höre aber schon die Sätze “… dann kommt da so ein Türke und will UNS etwas von Entnazifizierung erzählen!” Und exakt das meint er ja.

Empfehle dringend die Lektüre.

(Übrigens auch und gerade hinsichtlich demnächst statt findender Veranstaltungen zum Thema “St. Pauli selber bauen”.)

Von Hollywood lernen

Kennt jemand “Adaption”, diesen zauberhaften Film mit Nicholas Cage als Brüderpaar, Zwillinge halt, der ein Film über das Drehbuchschreiben ist?

An Details kann ich mich gar nicht erinnern. Aber daran, dass er sich über die Schule und die Schüler von Robert McKee lustig macht.

Der hat ein einflussreiches Buch namens “Story – Die Prinzipien des Drehbuchschreibens” verfasst. Und erhält in “Adaption” sogar einen Auftritt.

Wenn ich mich recht entsinne, soll Nicholas Cage einen Bestseller, der irgendetwas mit einer Orchidee zu tun hat, in ein Drehbuch überführen. Die Autorin des Bestsellers wird von Meryl Streep gespielt. Geplagt von episch-kosmologischen Visionen eines künstlerischem Films und Rückenproblemen zudem scheitert er an der Adaption. Bis sein Bruder, an Robert McKee geschult, die Sache übernimmt und prompt die Filmhandlung zu atemberaubender Geschwindigkeit sich steigert, irrwitzige Wendepunkte Handlung statt Reflektion voran treiben, aufgedeckte, schäbige Geheimnisse den Zuschauer erfreuen, Situationen, in denen die Protagonisten in Gefahr geraten, sich häufen und eine völligen Entzauberung der zuvor so sanftmütig kultivierten Bestsellerautorin als egomanische Diebin geschützter Pflanzen eine gute Pointe liefert.

Ein Film über das Erzählen, der beide Seiten aufs Korn nimmt: Die als Kunst getarnte Langeweile epischer Onanie wie auch das ins Absurde kippende Dramatisieren, das keine Ruhepausen kennt, Suspense auf Teufel komm raus erzeugen will und eben nur Action, Handlung, kennt.

Was dann bei Filmen, die sich wohl als “Arthouse” verstehen, als Gegenreaktion wieder unerträglich stilisierte Bildverliebtheit nach sich ziehen kann, einen Fetisch des Bruchs und der Diskontinuität und selbstverliebte Ausweichmanöver, die vor lauter Weglassungen und Andeutungen gekünstelt rein gar nichts mehr erzählen.

Ebenso entstehen Stilblüten in Überlänge wie die Verfilmung des “Nachtzug nach Lissabon”, wo ein ständig getriebener Jeremy Irons wie besessen durch ein pittoreskes Postkarten-Portugal hetzt und absolut unverständlich bleibt, was ihn antreibt. Und das ganze Niveau suggeriert, weil scheibchenweise die Geschichte einer Widerstandsgruppe gegen die Diktatur einst enthüllt wird und existentialistische Plattitüden aus dem Off gesprochen werden. Und sich die Hauptfigur an der “Intensität” der Erfahrung von Folteropfern weidet und dass sie doch so auf Handeln setzten und nicht wie er nur auf Altphilologie.

Ein Film, der deswegen viel geguckt wird, weil humorlose, gelangweilte DIE ZEIT-Leser in ihren bildungsbürgerlichen, weißen Heterowelten wie auch bei manchem Tatort in seiner Volkshochschulhaftigkeit glauben, da würde etwas über “Politik” erzählt.

Als wisse nicht jeder vorher schon, dass es verwerflich ist zu foltern. Obgleich sich selbst diese Sicht der Dinge seit Waterboarding ja verwaschen hat.

Das sind dann die gleichen Leute, die heimlich Sarrazin zustimmen, die so was gucken. Die Leitartikel Giovanni diLorenzos und Co zur Rettung kolonialer Sichtweisen in Kinderbüchern und Performances von Denis Scheck in rassistischer Kostümierung vermutlich richtig und witzig finden. Dass ausgerechnet die dann mit Tucholsky, der ins Exil gehen musste und nicht lange überlebte, “Was darf Satire? Alles!” ausrufen, wenn es darum geht, Minderheiten zu diskreditieren: Krass, wie das, was hierzulande als “Humor” gefeiert wird, von eben dieser Haltung lebt und somit einfach nur als mehrheitsgesellschaftlicher Zement Verhältnisse geronnen hält. Selbst mein gerade mal 19jähriger Neffe plappert diesen Bullshit schon nach, dass jede Minderheit ein Recht darauf habe, sich über sie lustig zu machen. Da lacht der weiße Deutsche. Nur möglichst nicht über sich selbst.

Und immer wieder scheint es mir, dass hier auch die ästhetischen Verhältnisse seit Harald Schmidts Polenwitzen auch rein gar nichts anderes mehr erlauben. Und dass es sich drum lohnt, wenigstens in die Hollywood-Theorie hinein zu lesen, wenn das auch in der Praxis so oft nun auch nicht eingelöst wird:

“In Hollywood hat jeder Gastgeber diesen Fehler schon einmal gemacht: “Wir laden ein paar Komödienautoren zur Party ein. Dann wird es bestimnt lustig.” Sicher … bis sie den Rettungsdienst rufen müssen. Diese zornigen Idealisten wissen aber, daß kein Mensch ihnen zuhören würde, wenn sie über den zerrotteten Zustand der Welt dozierten. Doch indem sie Hochstehendes trivialisieren, Snobismus durch den Kakao ziehen, wenn sie zeigen wie die Gesellschaft von Tyrannei, Narrheit und Gier beherrscht wird und so die Leute zum Lachen bringen, ändert sich vielleicht etwas. Zumindest wird ein Ausgleich geschaffen.”

Robert McKee, Story, Berlin 2000, S. 385

Aus dieser Perspektive war die Klobürste wirklich gut. Ebenso das lustvoll intonierte, vor Ironie triefende “Ladies and Gentleman”, das der moderierende Lampedusa-Flüchtling bei der “Schattensenat”-Performance in der St. Pauli-Kirche treffend platzierte. Auch “Stromberg” und die “Heute-Show” wagen es.

Ansonsten freilich herrscht eher die kontrafaktische Suggestion der Tyrannei faktisch Machtloser in Deutschland gnadenlos und greift epidemisch um sich. Weise weiße Deutsche auf ihre alltäglichen Herabwürdigungspraxen hin – prompt werfen sie sich in die Pose des Unterdrückten und Zensierten. Mach Dich dann noch über sie lustig, und es wird richtig gefährlich …

Die oben skizzierte Methode der Neuen Rechten ist erstaunlich erfolgreich, liest man sich die Leitartikelei im Allgemeinen durch. Weil seit Wilhelm Zwo spätestens die meisten Kulturpraxen dazu dienen, den Dünkel, die Achsoüberlegenheit des als eigen Verstandenen zu stabilisieren (“WIR haben aus dem “3. Reich” gelernt!”) und mittels Mario Barth noch die zur “Unterschicht” Degradierten daran partizipieren zu lassen, wo man ihnen sonst schon nix mehr lässt. So trinken sie den Kakao, durch den man sie zieht. Fun ist ein Stahlbad, Und dazu gehört auch, über Machtlose zu lachen mit Dennis Scheck. Wieder im anderen Klassenzusammenhang.

Alles andere scheitert an der Filmstiftung.

Vielleicht sollte man sich lieber mal wieder von jenen Weisen des angloamerikanischen Erzählhandwerks inspirieren lassen, die ihre Formen aus Inhalten gewinnen. Liest man bei McKee genau hin, plädiert er dafür. Die Kunst der Dramatisierung kann über die Figur und deren Beziehungen auch hinein gehen in ein Thema und es brechen, statt Stellvertreter zu erfinden.

Anstatt in deutschem Dünkel sich ach so überlegen der Massenware der Kulturlosen zu wähnen. Um zugleich völlig dogmatisch die Fetzen all des Lehrbuchwissens, die allerorten gelehrt werden, Stoffen aufzuprägen, ohne sie aus ihnen entstehen zu lassen. Weil man so in stereotypisierten Rahmen diese aufbrechen könnte – zugunsten des Besonderen. Zumindest dann, wenn man das ernst nimmt, was Robert McKee schreibt. Um so das falsche Allgemeine, das als Macht in den Beziehungen wirkt, zu konservieren.

“Eat the Meat”

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Beziehungslos in einem Raum im Schatten Eimsbütteler Hochhäuser sitzen. 2 fremde Männer checken mich ab. Was kann der? Ist der eine Gefahr, weil er etwas besser kann? Nervt er, weil er gar nichts kann? Männer mittleren Alters. Sie kommunizieren wenig. Ich bin ihnen zu laut, sie haben sich die leisen, filigranen Nuancen in die Finger trainiert. Ganz kultiviert. Ich will sprechen über das, was wir tun. “Willst Du etwa Feedback?”

***

Pittsburgh. Queer as Folk, eine Fernsehserie aus den frühen Nuller-Jahren. (Achtung, Spoiler) Brian Kinney, Partner in einer Werbeagentur, kreiert die Kampagne für einen konservativen Polizeichef, der Bürgermeister werden will. Dieser plädiert für Moral, Sitte und Anstand. Will den “Sumpf” in der schwulen Szene “trocken legen”. Brians Freunde verstehen es nicht, dass er diesen Law & Order-Demagogen unterstützt. Brian jedoch träumt davon, die “großen Tiere” als Kunden zu gewinnen, die ihm eine Karriere in New York ermöglichen könnten. Sein Kumpel Ted, Betreiber einer Porno-Website, wird verhaftet – einer seiner Angestellten hat sich mit gefälschtem Ausweis eingeschlichen und ist minderjährig. Der Polizeichef möchte den Fall aufblähen, ein Exempel statuieren. Brian rät ab. Mehr von diesem Beitrag lesen

Raumdenkzeiten außerhalb und ihre Klänge: Das “Subito”, das “Opera House”, “Queer as Folk”, Stonewall und Michael Neumann

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Was für ein Geschenk!

Die eigenen Jahre, lange her, hier in Hamburg, als es noch lebte und in Bewegung war.

Jetzt beklagen noch Jüngere als ich in DIE ZEIT das Clubsterben und kramen dabei das Dahinscheiden mancher der Lokalitäten wieder aus, die den Atem der späten 80er konservierten, heterosexualisierten und schwarz sowieso nie waren. Habe hier selbst einst beipflichtend einen Text von Reinald Goetz über das “Subito” zitiert und bitte aufrichtig um Entschuldigung. Alleine schon, weil aus Diedrich Diedrichsen dort eine zweifache Ver-N-Wortung wurde.

Natürlich war das toll. Im “Subito”, wo jene herum hingen, die heute noch von taz-Autoren befragt werden, wenn es um Gentrifizierung geht und die Pudeleien mumifiziert haben. Immerhin solchen taz-Autoren, die großartigerweise in den frühen 80ern nach Berlin pilgerten, um Marc & The Mambas zu hören. Marc Almonds Selbszerstörungsprojekt, jenes Marc Almond, der der Welt mit “Say hello, wave goodbye” einen der schönsten Pop-Songs ever einsang. “Standing in the door of the Pink Flamingo. Crying in the rain.” Gestern war bei Facebook zu lesen, Gott sei schwul, weil ein Heterogott niemals Flamingos erschaffen hätte …

Marc & The Mambas: Düster, dissonant, dramatisch. Torment and Toreros. In my room – immer allein. “Caroline says”, ein Lou Reed Cover – it was such a funny feeling, als die Hand durch die Glasscheibe drang. Ich googel den Text jetzt nicht, was zählt, ist das Klangbild in der Erinnerung. Während vorm Stairway am Neuen Pferdemarkt Goths sich tummelten, trieben die anderen schwarz Gekleideten sich im Dschungel herum. Noch auf der anderen Straßenseite war er, wenn ich mich recht entsinne das ehemalige Vereinslokal der “Hell’s Angels”. Die fuhren ins “Picken Pack”

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Momo on the radio

“On the radio”” ist ja einer meiner Lieblingssongs von Donna Summer. Traumhafter Track.

Um sie ging es allerdings nicht, das kommt bestimmt noch, bei meinem ersten Radioversuch seit einer studentischen Streiksendung einst im offenen Kanal zu Zeiten der “alten BRD”.

Das Freie Senderkombinat trat aufgrund eines Textes über Lou Reed an mich heran, 3 Stunden Programm zu gestalten. Das schmeichelte meinem Ego, ist ja klar :D … . Da ich die Idee des Freien Radios aber auch vollends prima finde und es prompt zu sehr angenehmen Kommunikationen kam, habe ich mich dort mal ausprobiert. Die Sendung lief bereits am 2.1.; nun wird sie morgen, Sonntag, um 17 h wiederholt, sagte man mir. Da es einige Nachfragen gab, sei es angekündigt. Wer also mal eine durch den “Gated Voice”-Filter von “Logic 9″ gejagt eine Stimme zu diesem Blog hören will …

Die Arbeit an dem Programm war für mich ganz schön aufregend und schweißtreibend. Ein wenig so, wie als ich zu bloggen begann. Der Grund damals war, ganz pathetisch geschrieben, der Wunsch nach Freiheit: Bereits seit 15 Jahren in teils hochkommerziellen, teils auch sehr massenwirksamen und dann wieder inhaltlich durchaus hochkarätigen Sphären des Kulturjournalismus aktiv, nervten mich zusehends all die formalen Vorgaben, all die Kompromisse, all die vermachteten Räume, in denen ich agierte. All die Menschen, die herein reden und die eigene Existenz gefährden dürfen. Obgleich ich aufgrund toller Partner noch viel mehr Freiräume hatte als andere und bei vielen Produktionen so ganz und gar nicht meckern konnte.

Bis irgendwann Vergessen einsetzte, was ich wirklich dachte, fühlte, war und sein wollte. Von “Politics” getränkt nur noch das Denken der “Entscheider” zu antizipieren suchte. Was sich zu schreiben lohnt, weil diese Seite der Medienarbeit (und nicht nur der) aus Angst oft nicht erzählt wird. Dabei ist das nicht unüblich und zieht oft Burnouts nach sich.

Das Bloggen war eine Art Wiederentdeckungsreise. Bandwurmsätze! Verschroben schwurbeln! Politisch eindeutig und emotional sein dürfen! Empowerment! Regeln auf den Kopf stellen! Beziehungen zwischen als getrennt gedachten Sphären herstellen! Für Florian Bruns schwärmen! Abstraktion nicht unterbunden bekommen. Über Philosophen grübeln. Musik lieben. Themen selbst bestimmen. Die steile These wagen! Mit Sprache und Stilen spielen! Neue Formen suchen. Hach! Mich macht das glücklich!

Beim Radio muss ich das nun erstmal alles suchen und werde es irgendwann hoffentlich auch irgendwann finden. Ein Anfang ist gemacht. Ich habe viel mit professionellen Sprechern gearbeitet, solche vom Radio wie auch Schauspieler – ich wollte sie nicht imitieren. Könnte ich auch gar nicht. Und wurde ganz schön langsam :D – weil ich auch nicht aufschreiben und ablesen wollte, nur bei zitierten Originalquellen wie Andy Warhol und Lester Bangs und Laurie Anderson. Geht ja ums gesprochene Wort. So suchte ich sprechend Sinn und kultivierte unfreiwillig die Kunstpause. Ließ das aufkeimende Schluchzen drin und schnitt es nicht heraus, als es zum Tode von Lou Reed kam. Sentimental, wie ich bin, passieren mir solche Schluchzer immer mal. Habe erst versucht, Tonalität und Timbre konstant zu halten. Wie man das so macht bei Sprachaufnahmen, da am Ende vorsichtshalber noch mal in den ersten Take gehört wird, ob der noch passt. Und fand es irgendwann unsinnig, modulierte extra und setzte Soundeffekte dazwischen. Lies eindeutig Schnitte hörbar werden. Am Anfang legte ich auch Sounds unter die Sprache, dann drückte die Zeit und ich kam nicht mehr dazu, es durchzuziehen. Aber es gibt ja mit Adorno und Benjamin auch gute Gründe für das Fragmentarische, Unfertige. Sind Redundanzen, definitiv enthalten, bei einem flüchtigen Medium wie dem Radio halb so schlimm wie bei geschlossenen Werken? Kann man die große These einfach so raus hauen, wenn zu langes Quatschen auch nicht Ziel ist, Musik soll zu hören sein, und drum einiges in Andeutung bleibt oder Vorwissen erfordert? Ist es okay, die Songs einfach nur teilweise anzumoderieren, weil ich nicht Ansager sein mag? Erklärt sich das Assoziative selbst? Kann ich es mir als Medienprofi leisten, so “amateurhaft” zu agieren, ohne die schützende Fassade der etablierten Form?

Vielleicht finde ich bei der voraussichtlich nächsten Sendung im Februar ja Antworten :D … . Ohne bisher ein Wort gesprochen zu haben, danke ich im voraus bereits Alex Weheliye, in Chicago lehrender Professor für Kukturwissenschaft, für die Genehmigung, diese auf seinen Vortrag “White Brothers with no Soul? Wie Berlin Techno weiß wurde” aufbauen zu dürfen, gehalten im Frühsommer vor der Queer AG der Universität Hamburg. Um diese brilliante Abhandlung durch queere und Hamburger Perspektiven zu ergänzen. Bei der Eröffnung des “Opera House” im Grünspan einst war ich ja zugegen. Und im “Front” auch manches Mal.

Sonntag nun erst mal Lou Reed. Ich habe dessen Musik neu lieben gelernt und hoffe, an einigen Stellen trotzdem zumindest die richtigen Fragen aufgeworfen zu haben. Und danke dem FSK, mich ausprobieren zu dürfen!

EDITH: Läuft heute um 17 h noch mal. Und die auf Alex Weheliyes Vortrag aufbauende Sendung “White Brothers with no Soul” wird (mit dessen Genehmigung, dass ich darauf aufbaue) am 10.2. von 14-16 Uhr zu hören sein.

Für Weltbezug – nur eben den Gewollten!

Ein Jahr ist ein Jahr ist ein Jahr ist seltsam, wie rückwärts, vorwärts, Spiralbewegung wieder jene Stationen angefahren werden, da man schon war und doch auch nicht.

Sitze auf Sylt als “Garage Man”; im ausgebauten Giebel einer Garage blicke ich auf die Hundewiese im Dunkeln. Jener, da heute zwei übergroße irische Wolfshunde aus dem Schatten auftauchten wie Visionen in einem Traum.

Letztes Jahr saß ich im Giebel des Hauses, zu dem die Garage gehört, blickte hinüber nach Römö, Lichter lachten mir zu, und suchte im Netz nach Saxophonen. Mailte eine Holzbläserwerkstatt an wegen eines gebrauchten Hornes, ob es denn im Laden anzuspielen sei. Kurz zuvor noch bei

Saxe

Just Music im Bunker in Anwesenheit einer guten und mich immer neu inspirierenden und mir immer drei Schritte voraus seienden Freundin das erste Mal seit Jahrzehnten in ein Saxophon geblasen. Es ließ mich nicht los. Die Monate vorher Nächte hindurch mit Musik-Apps gespielt und statt immer nur ÜBER Klänge und Kompositionen zu berichten sie zu erfahren gesucht.

Sätze, in Büchern gelesen, man solle sich nicht immer auf das konzentrieren, was man NICHT wolle, sondern auf das, was man will, hatten das Arbeitsleben komplett umgekrempelt, und nicht nur das.

Und was ich akut situativ wollte, stellte ich fest, wenn ich in jeder App sofort auf die Saxophon-Sounds los ging und mit ihnen spielte und eine Sprache simulierte, die als uneingelöstes Versprechen in mir nach Unterricht in Jugendzeiten noch nach Ausdruck suchte, im Verborgenen als Hauch wie Subtones rauchig atmend.

Ein Jahr ist ein Jahr ist ein Jahr; drömelte nach dem Jahreswechsel mich wieder ein in Routinen und wagte es doch, dem Ruf zu folgen. Nun stehen glatt 4 Hörner bei mir zu Hause und werden gespielt, Goldie Horn hat mich hierher in die Garage begleitet.

Doch es ging nicht mehr, das mit den Routinen. Es ging nicht mehr, der alltägliche Kampf im Job, da ständig auf mich einströmte, was NICHT ich wollte.

Hatte doch die so tolle Erfahrung genossen: Sie hatte mich mit neuen Bildern und Lichtern beschenkt, als ich das Privileg genoss, bei der Album-Präsentation der letzten CD von Noiseaux dabei zu sein. Wo sich etwas musikalisch einen Weg bahnte, dass die ewige Fokussierung auf die Hater, noch während sie thematisiert wurden, hinter sich ließ und stattdessen Räume eröffnete, sich auf Welt mal wirklich ungehindert einlassen zu können, anstatt ständig davon abgelenkt, überschrieben und diskreditiert zu werden. Weil ständig irgendwer in Themen des Üblen stupst wie in die Scheiße.

Das ist gewaltig, was auf dem Album zu hören war und ist, denn das ist der Weg in die Utopie. Und immer sind es auch Ausdrucksmittel, die ihn ebnen, den Weg, die erst das zu artikulieren vermögen, was gewollt – die jenseits des Referierens und Objektivierens angesiedelt sind.

Ob Bachs h-Moll-Messe oder Coltranes “A Love Supreme”, ob Divines “Shoot your Shot” oder Fela Kutis “Zombie”, Weltbezüge sind eben nie unmittelbar, doch die Wahl der Mittel selbst ist bereits ein durch und durch politischer Akt. Je theoretischer und abstrahierter der Weltzugang, desto verdinglichter erstickt das falsche Allgemeine – und was dabei schwindet, ist die emphatische Offenheit, die Möglichkeit der Mimesis, die nie nur im Begriff sich bewegen kann, eben weil dieser nur subsummiert und so das tilgt, was lebt. Um Adorno zu paraphrasieren. Der dahin ganz und gar theoretisch sich bewegte.

Wer ewig “Rechtsstaat” schreit, wird nie verstehen, was es heißt zu ERLEBEN, all das Grausame wie auch das Magische, und weiter seine Panzer rollen lassen. Wird Meme wie “illegal” Menschen aufprägen wie Foltermethoden und eben solche Spuren hinterlassen.

Sich auf das konzentrieren, was man will, nicht immer auf das, was man nicht will – eine Maxime, an der stets selbst ich immer wieder scheitere und die in Erinnerung gerufen eben Emanzipation vom falschen Ganzen verheißt. Ein Jahr des Struggles, immer wieder diese Maxime mir zu vergegenwärtigen mit dem wundervollen Nebeneffekt, nun ein offenes Feld vor mir zu sehen, das nicht mehr mit 6-stelligen Bürgschaften zugestellt Erpressbarkeit durch Apparatschiks als Drohung manifestiert.

Was wollen wir denn eigentlich, wenn wir “Nazischweine” rufen? Einfach nur, dass es die nicht mehr gibt, oder tatsächlich eine Welt, in der das, was die Nazis und die, die von ihnen bis heute lernen, wollten, eben nicht mehr ist?

Worauf bezieht man sich denn, wenn man das ruft? Auf die Möglichkeit jüdischen Lebens und jüdischer Erfahrung, von denen zu lernen ist – wieso nur taucht das ansonsten nirgends auf? Auf Lust im Neu-Erfinden von Männlich- und Weiblichkeit jenseits der Geschlechternormen und dem, was nach ihnen kommen könnte? Lebensformen, die das Korsett der Kleinfamilie sprengen, wollen wir die? Das Lernen von den tatsächlich Kolonisierten, Unterjochten, von Abschiebung Bedrohten, Unterworfenen, Beherrschten, Diskriminierten – wieso erscheinen diese dann nur noch als Randnotiz und Nebensatz auf Flugblättern? Was hätten wir denn gerne statt des tatsächlichen Polizeistaates? Wie wollen wir denn wohnen? Einfach nur billiger?

Fragen, die zu beantworten es viele Leben und Jahre braucht, doch lässt man sich ständig auf die Diskursvorgaben der Hater, der Reaktionäre, der Fleischauer-Paraphrasen und “Wir haben ein Recht auf Diskriminierung!”.Apoplogeten, die fortwährend “Und wer sich dagegen wehrt, gründet infantil nur Sekten!” gröhlen wie rechte Aachener Ultras ein, kommt man nicht dazu, sie zu stellen – wenn die Ewiggestrigen Tribunale gründen und sich wie Personalsachbearbeiter gebärden, wird am Überdeutlichsten, dass das Problem der “Linken” in den letzten zwei Jahrzehnten eben nicht nur der Zusammenbruch des “Ostblocks” war, nicht nur die ungebremste Macht des Kapitals, sondern auch ihr Utopieverlust. Und ihre Anähnelung an jene, die sich zu kritisieren vorgeben, während sie ihre albernen “Gegenkulturen”, vom weißen Privileg gesättigt, auch noch abfeierten, als hätten diese im Gegensatz zu Jazz, Soul und Disco wirklich etwas bewegt.

Ein Jahr ist ein Jahr ist ein Jahr – als das ganze Stadion “Bruuuuuns” rief, wussten wir, was wir wollten. Als den Refugees gelauscht wurde, statt sie zu paternalisieren und eine “Embassy of Hope” die Lügengebäude Neumanns und Scholzens ins Wanken brachte, das waren Momente, wo zu spüren war, was man wollen könnte.

Wenn die tänzerische Spielweise der Mannschaft des FC St. Pauli sich vom “Gras fressen!”-Mackertum entfernte und in Ratsche, Nöthe und Bartels ein ganz anderer Spirit auf dem Platz in Pirouetten sich drehte, da war etwas spürbar. Als Time Kreich bei “Fussball und Liebe” im Millerntor-Stadion mit ihre ganzen Intensität das Publikum in den Bann zog, als ausnahmsweise mal das heterosexuelle, männlich dominierte Publikum Feministinnen, Lesben, Schwulen lauschte, von Sookee fasziniert wurde und Love Newkirk “A change is gonna come” so anstimmte, dass erahnbar wurde, was das tatsächlich heißen könnte, das war ein Moment, wo sich zeigte, was man wollen kann. Als FC St. Pauli Aufsichtsrat Roger Hasenbein formulierte, welche Schritte auf dem Weg zur Ent-Marginalsierung möglich wären und Lars Albert die Diskussion zu “Critical Hetism” eröffnete. Als ein Raum wie das Millertor-Stadion, nun alles andere als außerhalb von Gentrifzierungsprozessen angesiedelt, dergestalt eine Umdeutung erfuhr.

Also fröhlich weiter jene blocken, die nur nerven, aufmerksamkeitsheischend, die immer gleichen immer schon, die mit ihren falschen Prämissen der Vielfalt menschlicher Ausdrucksmöglichkeiten den Weg nur verstellen. Saxophone müssen halt auch dabei sein. Um sich stattdessen zu überlegen: “Wie zusammen leben?”

Hat Roland Barthes schon vor mir getan.

Inspiriert von Stpauli.Nu stelle ich sie hier nun auch erneut und bin mir mit ihm völlig einig ;)

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