Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Subjektivierungsweisen

Momo on the radio: Musical – verdammt viiiiiiiiel Gefühl zwischen Camp, Kommerz und Konvention, Fr., 20.00 h, FSK

Ich hätte den Ankündigungstext vielleicht noch mal lesen sollen :D – ja, ich löse vieles ein, was ich da geschrieben habe. “Konvention” und “Kommerz” kommen jetzt allerdings eher indirekt vor. Obwohl ich sogar noch eine halbe Stunde on top bekommen habe und die Sendung zweieinhalb Stunden lang ist, fehlt mir trotzdem noch ganz viel. Das war aber notwendig, auszudünnen, weil die Story bis ins 19. Jahrhundert zurück reicht. Und die differenten Wurzeln in Europa und den USA eben auch kritisch gewürdigt sein wollen. Zum Anhören einfach auf “Mp3-Stream” klicken.

Ich muss vielleicht bei Gelegenheit noch eine zweite Sendung hinterher schießen, da liegt noch viel Umthematisiertes herum, und es fehlen unter anderem  “Hair”, “Les Miserables”, “Cabaret”, “Sister Act”, “Mama Mia!”, nur ein Song von Stephen Sondheim … und auch “Finding Fela!”, ein 2008 in New York uraufgeführtes Musical über Fela Kuti, habe ich nicht unter bekommen. Obgleich da sogar die unvergleichliche und überragende Patti Labelle mitgesungen hat. Eine doppelte Streisand habe ich mir trotzdem gegönnt.

Das Ergebnis ist aber hoffentlich nichtsdestotrotz inspirierend geworden. Es ist schon immer erstaunlich auch für mich, was selbst dann, wenn ich mich halbwegs vorbereite, für eine Eigendynamik in der Erzählung sich entwickelt. Ergebnis gefiel mir dann trotzdem :)

Hier wie immer die Playlist:

 

Sophie Tucker – Some of these days. (Ist zwar aus keinem Musical, man hört aber Vaudeville heraus, und der Song spielt eine gewichtige Rolle im Finale von Sartres “Der Ekel”. Wer hinein liest, wird dort bedauerlicherweise rassistisches Vokabular finden, vorlesen tue ich das nicht. Es ist trotzdem ein faszinierendes Stück Literatur und das Vokabular meines Erachtens nicht prägend für das, was ansonsten drumherum geschrieben wird. Da lasse ich mich aber wie immer korrigieren, falls ich was nicht peile, und veröffentliche Interventionen prompt)
John Barrowman – Dreamers (aus: “Jean Seaberg”)
Marlene Dietrich – You do something to me (aus: “Fifty Million Frenchmen”)
Elaine Page – Anything goes (aus: “Anything goes”)
Chita Rivera & Mary McCarty – Class (aus “Chicago”, Original Cast Albums)
Donna Murphy – Surabaya Johnny (aus: “Happy End”)
Wayne Shorter – Mack the Knife (aus: “Dreigroschenoper”)
Gene Kelley – Singing in the rain (aus: “Singing’ in the rain”)
Original Cast of the Kiss of the Spiderwoman – Only in the Movies (aus: “Kiss of the Spiderwoman”)
Zarah Leander – Kann die Liebe Sünde sein (aus: “Der Blaufuchs”)
June Anderson, London Philharmonic Orchestra – Glitter and be gay (aus: “Candide”)
Duke Ellington – Hit me with the hot note (aus: “Sophisticated Ladies”)
Fred Astaire – Puttin’ on the Ritz (aus: “Puttin’ on the Ritz”)
Carol Woods – Wasted Life Blues (ursprünglich von Bessie Smith. ist aus keinem Musical, das an der Stelle aber mit Absicht. Außerdem entnommen dem Album “Diva Collection”)
Georgette Dee – Die Jahre sind ein Buch (aus: “Beiß mich, ich will das Leben spüren”)
Hildegard Knef – Medley aus “Silk Stockings”
The London Theatre Orchestra & Cast – Masculinity (aus: “La Cage aux Folles”
Tim Curry – Sweet Transvestite (aus: “Rocky Horror Picture Show”)
Gloria Gaynour – I am what I am (aus: “La Cage aux Folles”)
Original London Cast – The Movie in my mind (aux: “Miss Saigon”)
Barbra Streisand – Send in the clowns (aus: “A Little Night Music”)
Hartwig Rudolz – Mehr will ich nicht von Dir (aus: “Phantom der Oper”)
Barbra Streisand – “Somewhere” (aux: West Side Story)
Rio Reiser – Somewhere over the rainbow (aux: “Wizard of Oz”)

 

Hier auch wie immer die Literaturliste:

 

- Bourdieu, Pierre, Die feinen Unterschiede, Frankfurt/M. 1996 (8. Auflage)

- Deleuze, Gilles, Das Zeit-Bild, Frankfurt/M. 1997

- Greenberg, Clement, Avantgarde und Kitsch, in ders.: Die Essenz der Moderne, Hamburg 2009

- Illing, Frank, Kitsch, Kommerz und Kult – Soziologie des schlechten Geschmacks, Konstanz 2006

- Puig, Manuel, Der Kuß der Spinnenfrau, Frankfurt/M. 1979

- Sartre, Jean-Paul, Der Ekel, in ders.: Gesammelte Werke – Romane und Erzählungen, Reinbek bei Hamburg 1987

- Schmidt, Günther, Das grosse DerDieDas, Reinbek bei Hamburg 1991

- Sontag, Susan, Anmerkungen zu “Camp”, in dies.: Kunst und Antikunst, Frankfurt/M. 2006 (8. Auflage)

 

Folgende Quellen habe ich zusätzlich verwendet:

 

- “Vaudeville and the American Entertainment Industry”, Racism in the United States (Achtung, Triggerwarnung, Link führt auf rassistische Darstellungen)

- “Ohne Anführungszeichen”, Stöger, Katharina/Dirk, Valerie . Ich finde vieles hochproblematisch in dem Text, anderes war schlicht und ergreifend sehr informativ.

 

“Die Mauern müssen bersten vor Glück!”

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Gestern angekündigt, heute ausgeführt: Das Überschreiben und Oz.

Mit dem Musical habe er gar nichts zu tun und bedaure das, sagte er. Er sei ja kein Zauberer.

Unmittelbar nach Oz’ Tod, R.i.P.!, ist nun das Buch “Zwischen Repression, Revolte und Kommerz” erschienen, herausgegeben von Andreas Belchschmidt, Kp Flügel, Jorinde Reznikoff.

Es macht tatsächlich Spaß, darin herum zu blättern und sich anzuschauen, wie Oz die Stadt Mehr von diesem Beitrag lesen

“the idea is that two or three people can have a conversation with sounds, without trying to dominate it or lead it.”

Das ist wieder einer dieser Tage. Der heutige. Einer, da ich raus schreiben muss, weil sich sonst etwas im Kopf unaufhörlich weiter dreht. Das leitet aber direkt zum Thema über. Diese Gedankendreher kenne ich noch aus dem Job, diese endlosen Diskussionen mit sich selbst rund um die Sätze anderer Leute. Sie können Schlaflosigkeit initiieren, einen Burn Out signalisieren, auch Depressionen. Das Problem habe ich aktuell nun keineswegs.

Dennoch gibt es noch ein Phänomen, das eine sehr gute Freundin und Mentorin mal das “Überschreiben von Erfahrungen” genannt hat. Mensch lebt genüsslich vor sich hin, sehnt, lacht und genießt, und ruuuuuums, fliegt einem von irgendwo ein Satz entgegen: Dass irgendein mexikanischer Bischof meinte, wenn Schwule und Lesben heirateten, würden manche bald ihre Haustiere ehelichen. Oder hübsche Jünglinge beschimpfen sich wechselseitig als “Schwuchtel”, man hört es im Vorbeigehen auf dem Schulterblatt – und plötzlich fliegt Mensch aus der eben noch so ganz eigenen Erfahrung, der Selbstverständlichkeit des Weltgenießens. Auf einmal dominieren wieder mehrheitsgesellschaftliche Perspektiven das ganz alltägliche Erleben. Natürlich ist Ziel, den ganzen Quatsch einfach zu ignorieren und die Hater nicht noch fortwährend aufzuwerten. Das ist nur gar nicht so einfach; je näher die Einschläge kommen, desto schwerer fällt es. So als soziales Wesen ist Mensch ja nicht autark.

Ich vermute mal, dass es sogar für solche, die aus Gewohnheitsrecht mit N-Wörtern um sich werfen oder Frauen herabwürdigen, weil man das unter Männern so macht, offenkundig fällt vielen Heten sonst das Begehren schwer,  sogar eine ähnliche Erfahrung ist, wenn sie darauf hin gerüffelt werden. Das ist dieser Moment, den Jean-Paul Sartre so vortrefflich in “Das Sein und das Nichts” beschrieben hat”: Man ist so ganz im Seinsvollzug, und auf einmal trifft einen der Blick des Anderen. Er wählt den Blick durch das Schlüsselloch als Beispiel, bei dem ertappt wird – das ist ja übliches Motiv in Horror-Filmen: einer guckt durch, und auf einmal erscheint auf der anderen Seite auch ein Auge.

Der Unterschied in der Erfahrung, die man da macht, sollte dennoch offenkundig sein: Die Herabwürdigung strukturell diskriminierter Anderer, die ja nicht einfach so ein paar Worte sind, sondern die wie schweres Mobbing wirken, stellt aktiv einen Bezug zum Anderen her, der anschließend zurück gewiesen wird. Das erfahrende Subjekt, das einfach so durch die Straße tobt und plötzlich von verbalen Schlägen getroffen wird, ganz, wie es ihm bei gebracht wurde, dass diese immer und überall lauern können, hat keinerlei Bezug hergestellt und erfährt trotzdem eine Attacke. Söhne von Freunden stehen amüsierwillig an Straßenecken – plötzlich hält die Polizei, sie werden gefilzt, weil sie als schwarz gelesen werden. Mensch will mit weißen Freunden einen Club besuchen, nö, kein Einlass, der “Migrantenanteil” sei schon zu hoch. Mensch im Rollstuhl fährt mit Freund an die Kaufhauskasse, der Verkäufer spricht nicht ihn an, der etwas kaufen möchte, sondern redet nur in Richtung des Begleiters.

Die aktuell perfideste Masche, den so fortwährend Attackierten das Problem wieder rüber zu schieben, was gesellschaftliche Zurichtungen ihnen antrainiert haben, Mehr von diesem Beitrag lesen

Teile, herrsche, projiziere! Diskurskonfigurationen in der bundesrepublikanischen Aktualität

Ich möchte so gerne wissen, wie die das immer wieder hinbekommen.

Die, die satt und unbefragt in den Zentren der Thematsierungsmaschinerien sitzen und Gruppen Anderer exkludieren, um an sie Unbill zu delegieren und es auf sie zu projizieren – im nächsten Schritt hetzen sie sie gegeneinander auf. Was oft genug gelingt. Und immer wieder neu stabilisieren so die Unbefragten ihre Macht.

Muslimische Facebook-Bekanntschaften fragten jüngst,

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Noch mal Schland und wie es auch anders ginge …

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(Quelle: Schlandwatch, Facebook)

Wie kommen diese Typen eigentlich immer darauf, dass SIE nun ausgerechnet irgendeine besondere Aufenthaltsberechtigung innerhalb der Grenzen des deutsches Staates hätten?

Bei Facebook kommentierte in des Möllers Richtung schon jemand treffend, er solle doch nach drüben gehen. Zu Putin zum Beispiel – meines Erachtens lebt jeder der Lampedusa-Flüchtlinge eher den Geist der Vefassung als Herr Möller.

Wieso glauben diese verschlandeten Hirne eigentlich, sie hätten auch nur irgendwas mit den Errungenschaften der Nachkriegsgeschichte, die es ja durchaus gab, zu tun?

Nur dass diese Errungenschaften allesamt sich eben gerade aus internationalen Quellen speisten, solche, die in diesem Land zum Lebenswerten beitrugen. Parteiisch erwähne ich Stonewall. In Deutschland lebte man bis dahin noch in der nationalsozialistischen Kontinuität des Paragraph 175.

Frauenbewegung, Bürgerrechtsbewegung: Noch das “Mehr Demokratie wagen” Willy Brandts, dem Deutschvölkische ein “alias Frahm” anhängten, ist doch vom Geiste Martin Luther Kings eben auch inspiriert. Ohne die angloamerikanische Popkultur hätten auch ein paar bewegte Studenten kulturell nichts erreicht.

Dass es in innenstädtischen Bereichen z.B. Hamburgs zwar zu teuer ist, aber sich ansonsten prima lebt, das ist ja dem zu verdanken, dass solche wie der Möller sich allenfalls auf Musical-Wochenendtouren Mehr von diesem Beitrag lesen

Völkische “Kulturnation” versus demokratische Partizipationsgemeinschaft

Fast bin ja geneigt, “nun müssen schon wieder die Alliierten ran” zu schreiben angesichts des Spiels von heute Abend.

Doch nein, es geht nicht um die Befreiung von Nazi-Deutschland, ja, das wäre verharmlosend, sondern lediglich darum, diesem verschlandeten, vermeintlichen “Party-Patriotismus” ein Ende zu bereiten.

In einem Land, in dem die Große Koalition die WM nutzt,

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Michel Foucault: Quicklebendiges Denken, auch weiterhin!

Philosophenfeier und -gedenktage.

Gerade noch gratulierte ich Jürgen Habermas zum 85. Geburtstag, da jährt sich der dreißigste Todestag Michel Foucaults.

Es ist so viel schwieriger, ihn zu würdigen, vermutlich, weil die Fragen seines Werkes so viel tiefer gruben. Eine Gesamtschau ist nicht möglich in einem Blog-Eintrag, nur eine Skizze dessen, was ich ihm verdanke, was mein Leben, meine Sicht der Gesellschaft, mein Denken und Schreiben so ungeheuer nachhaltig wandelte wie sonst nur die Lektüren des frühen Sartre.

Nicht zufällig bezeichnete Michel Foucault sein fiebriges Wühlen, das in der europäischen Geistesgeschichte kaum einen Stein auf dem anderen ließ, in einer Werkphase als „Archäologie“: Das Freilegen der Tiefenschichten der Geschichte des europäischen Denkens war sein Vorhaben. Mal nannte er diese Möglichkeitsbedingungen der Wissensproduktion “historisches a priori”, mal “Dispositiv”: Strukturen, die das hervor bringen, was wir als Sinn im Sinne der Bedeutung verstehen (kleiner Frege-Witz), waren Zentrum seines Werkes. Historische Variablen entdeckte er, nicht Konstanten, deshalb: Post-Strukturalismus, suchte der Strukturalismus doch noch Überhistorisches wie “Das Rohe und das Gekochte”.

Sein Augenmerk galt dem fatalen Wirken der Humanwissenschaften -

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Jürgen Habermas zum 85. Geburtstag: Ein langes Dankeschön!

Das Jahr 2014 bewegt sich weiter in Richtung eines nächsten, und gestern feierte Jürgen Habermas seinen 85. Geburtstag.

 

Sitze in meiner winzigen Küche, sehe den Flur entlang ins Wohnzimmer: Direkter Blick auf die Balkontür. Die Wohnung ist lang und schmal. Viel Trödel, was eben so auf Fluren landet, verteilt sich elegant im Blick, und dahinter steht prachtvoll: James, mein Bariton-Saxophon. Eine fantastische Silhouette verspricht tollen Klang.

 

Habermas, ja, bei aller Würdigung vorab: Er ist halt doch der philosophisch Unmusische. Ein Mann der Aussage, nicht des Songs oder der Arie. Einer des wirklich etwas SAGENS und es MEINENS im Zwiegespräch, der weiß, dass man etwas tut, wenn man spricht. Paradebeispiel der Sprachpragmatiker, die “How to do things with words” (Austin) erfragen, ist der Befehl: Gibt ihn einer, dem (administrative) Macht verliehen wurde, dann bewirkt das Handlungen, und jedes Zuwider initiiert Sanktionen. Searle, Austin, Apel waren seine seine Vorreiter; auch Judith Butler diskutierte intensiv mit ihm in „Hass spricht“, kritisiert ihn auch, da sie beschreibt, wie „Hate Speech“ körperlich wirkt, quält und zermürbt.

 

Es waren große Momente in meinem Leben, hier in dieser Küche einst zu sitzen zu Studentenzeiten mich durch die Texte Habermas’ zu, ja, was, graben?, nee – das Wort zu finden ist schwierig. Michel Foucault lesen, Mehr von diesem Beitrag lesen

Facebook meiden zu Zeiten der WM

Finger verkrampfen. Schweiß bricht aus.

Die “Black Satin”-Westerngitarre, ich nenne sie “Angel”: Zu eng liegen die Saiten beieinander auf dem Hals. Ist nichts für Tenorsaxophonistenanwärterfinger. Auch nicht für Baritonsaxophonanfänger. Obgleich dessen heiseres Röcheln, das zu dreckigem Röhren fernab jenes des Hirschen über dem Sofa sich steigern kann, auch seinen gebrochenen Charme verstöhnt. Selbst, wenn ich es spiele.

Meine Bari hat so einen hellgoldenen Look wie James Last-Orchester-Instrumente einst. Ich nenne es deshalb James, und er klingt manchmal ein wenig wie Raucherhusten. So ein “Es nicht lassen können”, weil es doch so schön ist. Lasterhaft. Schön.

Hilft mir auf Angel, der Westerngitarre, wenig.

Als ich einst bei einem Stadtmagazin Praktikum machte, fehlten noch Kontaktanzeigen, um die Seite füllen zu können. Die Terminredakteurin, mir gegenüber sitzend, ehemals Bassistin bei einer gar nicht so unbekannten Deutschpunkband, gab aus Spaß ein Inserat auf, dass ihr zum Bild des röhrenden Hirsches über dem Sofa noch das männlich-reale Äquivalent im Bett fehle. Das suche sie nun. Hunderte Zuschriften. Fast Wäschekörbe voll.

Ihr schlechtes Gewissen wuchs, als sie die teils erschütternd ehrlichen Zuschriften las. Ich lernte mehr über deutsche Hetero-Männer, als ich wollte.

Musste nun noch in einer Geschäftsauflösung

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Musik, die Bilder bricht … und “My own private Idaho”

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Es ist heiß draußen. Ich habe mir eine Gitarre gekauft.

Zu den verspäteten Hippie-Träumen meiner frühen Jugend gehörte das dazu, mir vorzustellen, wie den Sommer hindurch sich Menschen auf Wiesen fläzen, zu Bongos und Akustik-Gitarren greifen und beseelt gemeinsam vor sich hin singen. Zeit und Raum vergessend. Im Klang seiend. Sehe ich in den Wallanlagen nie.

Diese Flower-Power-Visionen traten mit dem aufkommenden Einfluss des Punk in den Hintergrund; Leben und Erleben verschob sich in die Nacht, und Madness brachten mich mit “One Step Beyond” zum Saxophon. Welches auch in Soul, Funk und Jazzrock zu hören war, Stile, zu denen ich schulterlanges Haar in Kiffer-Discos auf dem Lande schüttelte und für einen mit dem Spitznamen “Pogo” schwärmte, so mit 15, 16. Gesprochen habe ich mit ihm nie.

Die nächste Zäsur, eine Dekade später: House, Techno, Grunge. Ein wenig wiederholte sich bei vielen das, was bereits in der in den USA und in Deutschland so verbreiteten Entgegensetzung von Punk und Disco fatale Spuren hinterließ. In Großbritannien war das anders. New Pop, New Wave, New Romantic stießen nicht alles ästhetisch Schwarze und Schwule ab, sondern ließen sich darauf ein. Die Talking Heads ja auch, aber anders.

Trotzdem habe ich mir eine Gitarre gekauft.

Zunächst, um ein Akkord-Instrument ein wenig nur spielen zu lernen. Zum Improvisieren mit dem Saxophon muss man die Akkorde fühlen (und eigentlich auch die Skalen auswendig wissen, die dazu passen), haptisch, körperlich fühlen können. Dann braucht man nicht zu zählen oder abgelenkt zu lauschen, sondern ist “drin”. Das gelingt mir nicht mit den Keyboards, die an Computer anzuschließen sind, dieses Einfuhlen. Die haben nicht diese Körperlichkeit. Und ein Klavier passt nicht in meine Wohnung.

Aber auch, weil mir so eine seltsame Insel in der Popkulturgeschichte begegnet ist und mich gar nicht mehr los lässt.

Zu Beginn der 90er, als die Welt erst zu Snaps “I’ve got the power”, unerreicht, tanzte, um dann zu Nirvanas “Smells like teen spirit” zu headbangen, drehte Gus van Sant den Film Mehr von diesem Beitrag lesen

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