Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Subjektivierungsweisen

Unsortiertes zu Yücels Plädoyer für kolonialrassistische Regime, das Erbe der “Aufklärung” und was das mit Kunst zu tun hat

Im Grunde genommen ja langweilig, die ewig gleichen Textbausteine von Greiner bis Roenicke, von Fleischhauer bis Tsianos, von Hacke über Scheck bis Yücel zu kommentieren. Sie verharren in ihrer selbst verschuldeter Unmündigkeit, wanzen sich ran an die Macht und hassen mutmaßlich Kommunikation, Kunst und Kreativität.

Und die Freiheit des Anderen geht ihnen eh am Arsch vorbei. Sonst würden sie ja nicht alle den immer gleichen Marsch blasen und dazu im Gleichschritt argumentieren, triefend vor Rassismus, Sexismus, aber ausnahmsweise mal keiner Homophobie. Die aber vermutlich bei nächster sich bietender Gelegenheit im Zuge allgemeiner Besitzstandswahrung, Kritikunfähigkeit und Ego-Absicherung auch aufbricht, um sich als was Besseres fühlen zu können, so wie in Frankreich derzeit.
Es ist mir jetzt zu ermüdend, über Differenzen in der Konnotation von US-Vokabular und jenem in Deutschland zu dozieren (und ich bewundere die Akribie und Geduld Accalmies, das so großartig zu tun ebenso wie die von Halfjill!!!).

Ebenso nervt es mich, über die Ambivalenz der Aneignung diskreditierenden Vokabulars durch Diskreditierte zu sinnieren, das von Nicht-Betroffenen so gerne diskutiert und anempfohlen wird.

“Schwul” ist da ja ein gutes Beispiel; es ist erstaunlich, wie häufig das Wort in abgrenzender Absicht an ganz normalen Arbeitstagen allerorten fällt, von Heten verwendet; wie angewiesen sie darauf sind, es ständig zu thematisieren, um sich als das Andere dessen zu positionieren. Ich war gestern nur einmal wieder verblüfft während meines Broterwerbs: Ständig. Dass “schwul” zu den beliebtesten Schimpfwörtern auf Schulhöfen zählt ist bekannt; ob es nun sinnvoll war, es zur Selbstbezeichnung zu nutzen? Zunehmend sehne ich mich nach von Begriffen freien Sphären des namenlosen Begehrens, das nicht den Kategorien, die zugleich Hierarchien stabilisieren, sich unterwirft. Weil das Abgrenzungsbedürfnis “tolerierender” Heten nur nervt.

Nun ist freilich schon der Einstieg in diesen Text dann hochproblematisch, wenn ich als weißer “Biodeutscher” in Anspielung auf Kant, “selbst verschuldete Unmündigkeit”, Yücel gegenüber die Haltung einnehme, dass ich nun natürlich in Fragen der Kunst die Weisheit mit Silberlöffeln gefressen und der Muttermilch eingesogen habe. Er ist in Deutschland geboren wie ich, wird jedoch ständig erleben, dass er im Sinne des “Migrationshintergrundes” markierbar ist – passiert mir nicht: Privileg. Nadia von Shehadistan konterte neulich köstlich mit “Faschismushintergrund”, den ich als Sohn eines Pimpfes definitiv habe.

Würde ich nun eine Haltung einnehmen wie Yücel in seinem rassistischen Pamphlet (Achtung, Triggerwarnung, schlimmer Text), wäre dies die der Neuen Rechten.

Er adaptiert dort  ein zutiefst kolonialrassistisches Bild: Da die Wilden und “Hysterischen” (das kann man u.a. anderem bei Michel Foucault nachlesen, was die “Hysterisierung der Frau” für eine gesellschaftliche Funktion hat; feministische KommentatorInnen werden bessere Quellen kennen), hier er, der aufgeklärte, um Kunst und Historie wissende Mann, der alles Eigene Kolonisierter in eine barbarische Vorgeschichte überführt; er, der selbstverständlich nur ausnahmsweise mal “die Contenance verliert”.

Das ist eine Reproduktion dessen, was sich z.B. bei Immanuel Kant findet: Der unterscheidet zwischen “Neigung”, die “natürlichen” Impulsen folgt, und sieht so u.a. wörtlich in der “Grundlegung zur Metaphysik der Sitten” die “Südseebewohner” von “Sinnlichkeit affiziert” – und der vorsinnlichen, voremotionalen usw. Vernunft, bei Kant heißt das im Falle der praktischen Vernunft Pflicht.

Das ist das Grundschema des Kolonialismus zudem, Kant war da nicht Ursache, sondern Symptom: Auf der einen Seite die Vernunft, die Zivilisation, die Kultur, die Fähigkeit, das “Natürliche” zu beherrschen, die Geschichte, die von weißen Männern gemacht wird – auf der anderen Seite das “Naturverfallene”, die “Horde”, nicht individualisiert, die nur kreischt und brüllt und trommelt.

Das ist die Perspektive, die sein Text einnimmt, der macht auch vor Pathologisierung nicht halt, und wie bei der Neuen Rechten üblich, tritt das Ganze auch noch als Totalitarismuskritik auf. Während der über den Dingen schwebende Mann nur kurz die Fassung verlor. So pflegt er sich perfekt in den bundesdeutschen Konsens ein, bemüht wie üblich die ja ungeheuer wirkungsmächtigen “K-Gruppen” und vorsichtshalber auch die Prüderie der Katholischen Kirche zur Denunziation der Geotherten.

Das ist freilich das Muster, das nun auch permanent spätestens seit dem 11. September im hehren Kampf gegen “Islamofaschismus” Mehr von diesem Artikel lesen

“Ich sehe aus dem Augenwinkel nur ein hellblaues Trikot reinfliegen und plötzlich war es unfassbar laut.” – Florian Bruns

Von hinten erzählen? Vorne anfangen? Mitten rein springen?

Vorgeschichten ausmalen – wie schön es z.B. ist, in dieser traumhaften Stadt zu leben, trotz allem, trotz Neumann, Scholz, Gentrifzierung? Wie gut es sich anfühlt, an arschkalten Frühlingsabenden durch den Park der Abendsonne entgegen zu gehen, in Erwartung dessen, die Boys in Brown gleich auf dem Platz zu sehen, vertraute Menschen in und um das Stadion zu treffen, wenn das Bier schmeckt und die Seele braun-weiß lacht?

Klar, bin auch kein potenzielles Opfer von Racial Profiling, nicht von Abschiebung bedroht – erinnere mich aber gut daran, wie einst, als ich noch in dem Alter und der Form war, da man Erfolge auf dem Fleischmarkt feierte, mich drei bis vier mal umsah, bevor ich mit dem jeweiligen Typen los knutschte auf offener Straße.

Weil man ja zumindest ahnen konnte, wer darauf gewalttätig reagieren könnte …

Nun sehe ich manchmal deutschtürkische Jungs Händchen halten durch die Wallanlagen streifen. Und freue mich dann. Ja, ist “nur” Freundschaft zwischen denen, aber nicht umsonst formulierte Michel Foucault einst in vielen Interviews, dass sich als schwul erfinden als Freundschaft zu anderen Männern verstanden werden  könnte – durchaus in Abgrenzung zu oft von sexistischen Hierarchien und Role-Models durchdrungenen, heterosexuellen Beziehungen. Und auch deshalb: Unbedingt lesen, den Text!

Weil ich auch manchmal das Gefühl habe, dass Homo-Ehe für manche Heterosexuelle auch deshalb so befürwortenswert ist, weil man sich deren Lebensformen damit anähnelt. Was ich nie gewollt hätte. Bin ja trotzdem für die rechtliche Gleichstellung, fand aber das Abenteuer, in jeder Konstellation erst mal entdecken zu müssen, Mehr von diesem Artikel lesen

Zwischenruf zum “Hipster”-Geschwätz – back to Jazz!

Es gab Tage, da galt Popkultur noch als subversiv und der Hipster als Avantgarde dessen, was dominante, kulturelle und ökonomische Strukturen zu unterlaufen vermag – das war vor allem die Diskussion der frühen 80er, als Autoren wie Diedrich Diedrichsen diskutiert wurden.

Bei Bands wie Tocotronic (deren aktuelles Album zeigt, was entsteht, wenn Leute von Hamburg nach Berlin gehen: Großer Mist) und deren Anrennen gegen Vorstellungen von Authentizität wirkt dieses nach – Pop wurde als dekonstruktiv-konstruktive Praxis begriffen, Zuschreibungen zu entkommen, indem das Artifizielle und auch Sterotype reflektiert und transzendiert wurde ganz im Sinne Andy Warhols und oft mit Mitteln des Camp. Und es, wie bei gutem Pop immer, trotzdem in individuellem Ausdruck aufzuheben. Und wie genau das z.B. Boy George machte oder auch die “Rocky Horror Picture Show”, das beeindruckt mich bis heute.

Was dabei freilich zumindest im Kneipendiskurs des Subito, hamburgische Hipster-Kneipe in den 80ern, heute Fischladen, und analoger Orte weitestgehend ignoriert wurde, gerade in Deutschland und trotz Rezeption von House-Music, die dem Postpunk-Szenarion mit bewährten Hipness-Methoden den Garaus machte, ist die Begriffsgeschichte von “Hipster”.

Wie das funktioniert, belegt heute vortrefflich die taz:

“Für Norman Mailer war der Hipster ein amerikanischer Existenzialist, der ein Leben umgeben vom Tod lebt – nachzulesen in seinem Essay „The White Negro“. Was ist von dieser Assoziation geblieben?”

Was ist das “N..” im Titel von Norman Mailers Essay geblieben? Das steht da mitten im Text und wird ignoriert.

Das macht doch einigermaßen fassungslos, dass nun dieses hochumstrittene und von schwarzer Seite zu recht harsch attackierte Pamphlet Mailers Mehr von diesem Artikel lesen

Die Kohl-Generation: Der Deckel auf dem Topf

Jedes Denken entsteht unter spezifischen Zeitbedingungen. Es ist sozusagen Pflicht, auf jene zu reflektieren, unter denen das eigene sich formte, will man nicht politischen Journalismus oder politische Theorie im Sinne der handwerklichen Hanswurstigkeit betreiben.

Heute geraten zunehmend jene, die in den Kohl-Jahren politisch sozialisiert wurden, an all die kleinen Hebelchen der Macht. Sitzen in die Führungpositionen, besetzen Plätze in der veröffentlichten Meinung, reiben sich an denen, die in den 70ern groß wurden und und oft auch an deren Denkoffenheit.

Da machen ein paar Jahre schon viel aus: Während Jahrgänge wie der meine genervt angesichts des Dogmatismus vieler 68er im zarten Alter von 14 wahlweise mit den “Neuen Sozialen Bewegungen” identifizierten – Frauenbewegung, Schwulen-Bewegung, Anti-AKW- und Friedensbewegung, von den “Black Panthers” war in meiner Wahrnehmung in Deutschland wenig zu spüren -, die man wohl als “Alternativbewegung” zusammen fassen kann, kokettierten andere mit dem “Null Bock” des Punk, manche mutierten später zu “Gothics” oder wurden Popper. Mal idealtypisch zugespitzt.

Die Alternativbewegung fand auch in der Popkultur Nachhall und setzte anders als noch der “Arbeiterbewegungsmarxismus” auf das Dezentrale – im Nachhinein ist für mich der Kern, dass von unabhängigen Jugendzentren über Hausbesetzungen bis zur Öko- und Second-Hand-Laden-Gründung, dem Independant-Label und Stadtzeitungsverlag versucht wurde, unabhängige, ökonomische Strukturen auf die Beine zu stellen. Das Ganze freilich in einer so ganz und gar nicht mehr marxistischen Technikfeindlichkeit situiert: Die Studien des “Club of Rome” hatten die “Grenzen des Wachstums” und “Endlichkeit der Ressourcen” aufgezeigt, das Vertrauen in die Produktivkraftentwicklung, das noch die SPD zur Atomkraftpartei werden ließ, war geschwunden. Im Nachhinein halte ich das für problematisch, nicht wegen der Frage der Atomenergie, sondern weil es zum technischen Fortschritt halt keine Alternative gibt und nicht nur in diesem Fall ein merkwürdig konservativer Einschlag das begleitete, was in der Etablierung der GRÜNEN enden sollte. Wohl das Erbe der Naturverklärung der Romantik.

In den frühen 80ern formierten sich die Autonomen, und zeitgleich brachte die Friedensbewegung, der Protest gegen den NATO-Doppelbeschluss,  so viele Menschen auf die Straße wie nie zuvor: Ich erinnere mich an ein Wochenende, da weit über eine Million Menschen in verschiedenen Städten gleichzeitig demonstrierte. Man kann nur sehr viel über das Für und Wieder der damaligen politischen Ansätze streiten; zumindest war eine Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte allerorten spürbar. Man besann sich auf das Erbe von Brecht und Tucholsky, und Fasia Jansen und Esther Bejarano standen gemeinsam auf den Bühnen. Es gab noch nicht dieses künstliche Auseinanderdividieren von Antisemitismus und Antirassismus, Strömungen wie jene der “Antideutschen” hatten ihr demagogisches Verwirrspiel noch nicht entfaltet. Auf der anderen Seite gab es tatsächlich einen plumpen Antiamerikanismus, der sich in Songs wie “Amerika” von Fee zeigte und sich vom Dünkel der Kulturindustrie-Kritik der Kritischen Theorie auch bei jenen nährte, die die “Dialektik der Aufklärung” nie gelesen hatten. Später wurde dieses typisch deutsche “Kultur!”-Geschrei in “McWorld” und ähnlichen Slogans pointiert wurde. Auf der anderen Seite kritisierte man den US-Imperialismus, den es von Pinochet bis zur Inthronisierung Ayatollah Khomenis, ja, man glaubt es kaum, nicht nur zu Unrecht. Den Khomeni-Zusammehang kann man googeln, ebenso Die “Iran-Contra”-Affäre – das haben die meisten ja auch lieber verdrängt. Und, allen Unkenrufen zum Trotze, der der Sowjets in Afghanistan wurde auch kritisiert. Mit der Solidarnosz fühlten sich jene, die ich kannte, ebenfalls solidarisch wie auch mit der “Schwerter zu Pflugscharen”-Bewegung in der DDR. Die war mit der “Umweltbibliothek” zusammen eine der Keimzellen der späteren Bürgerrrechtsbewegung.

Dann kam Kohl, und allmählich ist es wohl an der Zeit, Bilanz zu ziehen, in welcher Hinsicht er fatal wirkte. Die Raketen wurden stationiert, doch anders als Thatcher oder Reagan vollzog der allseits als “Birne” Diffamierte kein brutales, neoliberales Programm, und einem Lambsdorff wurde ein Blüm entgegen gestellt. Trotz gelegentlichen Aufflackerns der massenhaften Politisierung wie in Wackersdorf oder rund um die Hafenstraße und die Alte Flora, trotz starker Aktivitäten der Autonomen in Groß- und Studentenstädten, war vieles in der Alltagsästhetik und Haltung in Abgrenzung gegen “Öko” geprägt und Politik wurde zunehmend uncool. Wer sich für hip hielt, las die Tempo, die durchaus politisch startete, ansonsten aber ästhetisierend wirkte, stellte sich Chromregale auf den abgeschliffenen Holzfußboden und diskutierte Popkultur. Kohl prägte den ungeheuer wirkungsmächtigen Slogan von der “Gnade der späten Geburt”, der damals zwar harsch kritisiert wurde, sich heute jedoch erst vollumfänglich als Desaster entpuppt, wie zum Beispiel die N-Wort-Debatte zeigt.

Dann wurde die Mauer zum Einsturz gebracht, und ich erinnere mich gut an die ambivalenten Gefühle: Einerseits Freude, dass die im kleinbürgerlichen Staatskapitalismus Eingesperrten nun raus konnten. Umgekehrt befiel schlagartig mich das Wissen, dass man nun 20 Jahre lang keine linke These mehr würde vertreten können und dass es nicht lange dauern würde, bis massenhaft Neonazis das Land bevölkern würden. Kohl erzwang die “Wieder”vereinigung und gestaltete sie so, dass allen halbwegs Informierten klar war, dass es ein ökonomisches Desaster geben würde. Ja, ist so, man mag von Lafontaine heute halten, was man will, im Nachhinein gibt sogar ein Wolfgang Schäuble ihm recht, dass z.B. der Umtausch 1 zu 1 von DDR-Geld zu D-Mark ein Riesenfehler war. Aber der nationalistische Pomp mit all seinem Pathos verdrängte jegliche Rationalität und mündete in Lichtenhagen, Hoyersverda und Mölln und der de facto-Abschaffung des Asylrechtsparagraphen.

Zeitgleich erschien zunächst rund um Loveparade, VIVA und BRAVO TV alles so schön bunt hier, eine wahre Pop-Explosion befeuerte die Kanäle, und das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem geriet unter den Druck der Privaten. Heute gedenkt USP dem “Familienduell”, der brachiale Ökonomismus von “Glücksrad” und “Der Preis ist heiß” wird auch Spuren hinterlassen haben.

Es setzte nach und nach und nach eine bedingungslose Affirmation kapitalistischer Produktionsweisen ein, die angeblich ohne Alternative seien, wie ja der Zusammenbruch des “Sozialismus” genannten Staatskapitalismus gezeigt habe. Letztlich war es dann Gerhard Schröder, der das Thatchersche und Reagansche Erbe Deutschland aufzwang. Staatliches Eigentum wurde verscherbelt, ohne dass die Bürger davon irgendetwas gehabt hätten, die Sozialversicherungssysteme, insbesondere jenes der Rente, wurde vom Staat teilentkoppelt – eine irrwitzige Freisetzung von Kapital, auch einer der Gründe späterer Krisen, fand statt.

Zugleich verschwand die Kritik politischer Ökonomie weitestgehend aus der Linken zugunsten reiner Moralisierung. Das ist das Argument, was fälschlich immer wieder gegen Antisexismus, Antirassismus und den Kampf gegen Homophobie ins Feld geführt wird, und tatsächlich haben ja manche Zweige postmodernen Denkens, auch in den Cultural Studies, ja nicht gerade die materiale, ökonomische Basis dieser gesellschaftlichen Phänomene im Visier.

In ein paar Rand- und Splittergruppen wurde ergänzend aus dem zustimmungsfähigen Slogan “Nie wieder Deutschland!” ein Adorno verdrehendes, letztlich voller liberaler Topoi steckendes “antideutsches” Denken, das alles dafür tat, auch ja nicht mehr sinnvoll über Antisemitismus reden zu können, noch nicht mal über den sekundären, an Israel orientierten, weil sie ihre nationalistischen Gelüste Israel instrumentalisierend auf diesen Staat projizierten und Juden zu Ersatzariern imaginierten. Wofür diese nun wirklich nix können, es gibt ja mittlerweile sogar Antisemitismen in Reaktion auf “antideutsche” Gehirnwäsche, schlimmerweise. Inbesondere im Osten Deutschlands hat diese Ideologie ja wahre Verwüstungen in Hirnen angerichtet: An sich tolle Menschen, mit denen man sich jahrelang schöne Mails geschrieben hat, mutieren auf einmal zu irrationalen Fanatikern, weil sie zu viel von dem Zeug geraucht haben.

So weit grob skzziert Prägungen derer, die zwischen 1983 und 2005 politisch sozialisiert wurden und dabei noch irgendwielinks dachten: Trotz dessen haben sie den Slogan  ”Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen” mit der Muttermilch eingeatmet und sind fast dran erstickt. Für “Ökonomie” halten sie die Slogans der Privatisierer und der Initiative für Neue soziale Marktwirtschaft. Mit Habermas’ “Faktiziät und Geltung” sind sie der Meinung, der liberale Rechtsstaat wäre der Historie letzter Weisheitsschluß. Der ist ja auch gar nicht nur übel. wenn es ihn denn gäbe. Denn empirisch sind es einfach verschiedene Typen der gesellschaftlichen Großorganisation – Banken, Behörden, Fernsehsender, Konzerne, Parteien, Lebensmittelketten, DFB usw. – die alles andere als zu beherrschende Umwelt betrachten, die es gleichzeitig auszubeuten und ruhig zu stellen gilt. Sozial wirksam ist die Unterscheidung zwischen denen, die drin sind, und denen, die draußen, aber angewiesen bleiben. Parallel wird eine Präventivjustiz etabliert, die dem, was “Rechtsstaat” meint, mitten ins Gesicht rotzt und eine Entrechtung und Gängeleung all jener betrieben, die sich dem Lohnarbeitszwang entziehen, während zugleich Rassifizierung die soziale Ordnung stabilisiert.

Eine Gemengelage, die gerade bei den unter Kohl und dann Schröder Sozialisierten zu einem ganzen Bündel merkwürdiger Phänomene führt. Als Kinder der “Gnade der späten Geburt” halten sie sich zumeist für postrassistisch, Sexismus lebten ja nur “Migranten”, und homophob sind eh immer die Anderen. Sie haben die Moral für sich gepachtet, ohne auch mal einen Gedanken daran verschwendet zu haben, was “Moral” so alles heißen kann – und kriegen drum von den Altlinken immer wieder die “Moralisierung der Politik” oder auch Theorie aufs Butterbrot geschmiert. Während sie selber im Falle von Kunst und Kultur oft Allergien gegen alles Politische entwickelt haben und so auch vehement das “N-Wort” verteidigen. Ihre Bezüge sind so oft auch eher der etablierte Kunst-Kanon, falls sie sich für was anderes als Julie, Thees Ullmann, Tocotronic, Element of Crime oder Post-Punk-Gitarrenmusik interessieren.

Ihre Popmusikhistorie beginnt in der Regel nicht bei Charly Parker, Illionois Jcquet, Bessie Smith oder Ike Turner, sondern ganz wie beim ZDF bei “Rock around the Clock” Bill Haleys. Ihre ästhetische Welt ist zumeist weiß gewaschen und von Adepten schwarzer Musik, aber nicht dieser selbst geprägt, und ansonsten haben sie vor allem Angst. Durch jahrzehntelange Massenarbeitslosigkeit geprägt neigen sie zu Überanpassung an die Institutionen, eben jene Großorganisationen, um die herum sie noch als “Prekäre” gruppiert bleiben – und die, die drin sind, sind vor allem mit Politics beschäftigt und auch damit, in Meetings und Redaktionssitzungen bloß nicht als linker Spinner, Visionär oder irgendetwas, was einem totalitär gewordenen Realitäts- und Formprinzip widersprechen könnte, aufzufallen. Sie sind in einer medialen Entwicklung groß geworden, die alles formatiert, was formatierbar ist, und ganz auf Konsumierbarkeit ausgerichtet ist – alles andere macht ihnen wahlweise Angst oder sie aggressiv. Sie erheben sich ganz wie einst Kohl mit einer gewissen Schlichtheit und gleichzeitigen Arroganz über das Sperrige, Konsequente, Nachgedachte, Unsichere, Verspielte, die offene Form – und sind immer ganz weit vorn dabei, den aktuellsten Claim auch aufzugreifen. So mühen sie sich, die Welt auf ihr Niveau zu reduzieren.

Das ist wohl das am tiefsten sitzende Erbe Helmut Kohls. Man muss nur mal dessen Reden mit denen eines Willy Brandt vergleichen. Das ist schon sprachlich ein Spaziergang in zwei völlig verschiedenen Landschaften, und die von Kohl ist die blühende nicht.

Das Interessante ist, dass bei den nunmehr 20-30 jährigen der eine oder andere sich diese ganze Überanpassung an das falsche Ganze nicht mehr verkaufen lassen will. Vielleicht sind es nur Einzelne und meine Wahrnehmung ist selektiv; mir fällt jedoch auf, dass zumindest in meinem Umfeld immer mehr von denen auftauchen, die sich nicht mehr bluffen, sich von Rhetorik gegen Elfenbeintürme nicht verschrecken lassen und sich mal wieder eigenständig Wissen aneignen. Sie stoßen nun überall auf die Kohl-Kinder auf Dozentensesseln, als Abteilungsleiter oder in der Publizistik und nicht zuletzt als Geschäftsführer des FC St. Pauli.

Die wie ein Deckel auf dem Topf zunehmender Unzufriedenheit sitzen. Vieles sucht sich einfach so die Bahn, als Gewalt, als teils auch kindische Auseinandersetzung mit der Polizei, gerade bei den Abgehängten und von den Sicherheitskräften aktiv Kriminalisierten.

Andere knüpfen nicht zufällig da an, wo die Zäsur Kohl alles platt saß: Bei dem Erbe der Alternativbewegung. Das gibt Hoffnung.

(Mit Dank an das Lichterkarussell)

“… ein feiger Kampfbegriff aus den amerikanischen “culture wars” …”

“Da wird schnell mit dem Zerrbild von der “politischen Korrektheit” gekontert, die doch nichts anderes sei als spaßfeindlicher Puritanismus. Damit kann man lässig und ironisch argumentieren. Hierzulande weiß kaum jemand, dass “politically correct” nur ein feiger Kampfbegriff aus den amerikanischen “culture wars” ist, mit dem man ein Gerechtigkeitsverständnis diskreditiert, das Macht und Pfründe infrage stellt.”

Na, endlich wird die Genese der demagogischen Verunglimpunfgsmaschinerie auch mal in der Süddeutschen klar gestellt.

Der Artikel enthält zwar Schwächen – so ist “Blackface” eben nicht nur ein US-Phänomen, vielmehr gab es in den Zwanziger Jahren hierzulande z.B. eine analog designte Party-Mode, die aus dem N-Wort ein Verb machte. Von dieser Praxis gibt es schlimme Bilder, aus denen einen ein brutaler Rassismus geradezu anspringt. Beim Karneval ist es auch keineswegs ausgestorben.

So was wie “nationale Identität” gibt es meines Erachtens nicht, wohl aber ein Selbstverständnis von Demokratien, das entweder wie in Deutschland letztlich die völkische “Kulturnation” fort schreibt oder aber eines, dass die bedingungslose Partizipation in den Mittelpunkt rückt. Also nicht erstmal irgendein Anforderungsprofil erstellt, in dem “weiß” an erster Stelle steht, und ständig dessen Einhalten oder Abweichungen davon sanktioniert. Sondern eben einfach Partizipation.

Der Kontext, den der Text aufmacht, ist definitiv richtig. In solchen Fragen und Diskussionen ist Deutschland einfach ein Entwicklungsland. Da lohnt es sich immer wieder, in die Diskussion in den USA zu lauschen, anstatt sogar die “Analyse & Kritik” und den “Freitag” als Mittel des Protektionismus zu missbrauchen. Es sind halt Geschichtsklitterer wie Denis Scheck noch viel zu laut – Geschichtsklitterer deshalb, weil sie als Privilegierte inmitten des höchst wirksamen informellen Wahrheitsministeriums derer, die Zugang zu reichweitenstarken Distributoren haben, die Erfahrung der Marginalisierten mit aller Macht aus der Historienschreibung heraus halten und deren Rezeption der offiziellen Geschichtsschreibung in guter, alter, deutscher Tradition der Lächerlichkeit zu überantworten versuchen. Diese hiesige Medienkultur lebt ja vom Minderheitenwitz. Dazu später mehr. Seinem Kollegen C. Bernd Sucher würde da so nicht passieren.

Wie dieses informelle Wahrheitsministerium besetzt ist, da braucht man nur die Interviewpartner der letzten “Druckfrisch”-Sendungen durchzuklicken. Es tauchen durchaus Spuren der “weißen Gegenkulturen” auf, auch Frauen, zum Glück – wobei ich bei diesem “weißen “Gegen”kultur”-Konzept von der “Beat Generation” bis hin zu Tocotronic ja mittlerweile doch arg die Befürchtung habe als jemand, der von ihm durch und durch geprägt ist, ob das nicht eine große, unfreiwillige Lüge war und ist. Wenigstens waren am Anfang noch Schwule mit von der Partie, Burroughs und Ginsbergh. Ein Iraker darf bei Druckfrisch auch mal was sagen, wenn er gefoltert wurde, sonst mutmaßlich lieber nicht (habe ich wichtige Protagonisten übersehen?). Alles andere wäre ja auch bedenklich laut offizieller ARD-Seite.

Was ein wenig übersehen wird, ist, dass der Herr Scheck seine Sendung ja nicht alleine macht. Ein ziemlich sympathischer Fernsehmacher, der, was irgendwie passt zum Thema “Selbstverständnis der weißen “Gegen”kulturen, z.B. mit FM Einheit zusammen gearbeitet hat, aber auch Töne in Istanbul sammelt für den Hörfunk, führt Regie. In einem ansonsten sehr spannenden Blick hinter die Kulissen seiner TV- und Radio-Vita, eine Vita, die so und in dieser Form nur sehr wenigen PoC in Deutschland offen stünde, kann ja jeder mal durch die Flure von ARD-Anstalten laufen und gucken, wer da rum läuft, fallen folgende Sätze:

“Der ideale Gast für “Druckfrisch” ist – zynisch gesprochen – eine junge, blonde, gut aussehende Holocaust-Überlebende. Reden muss sie auch noch können. So schnitzt man sich den idealen Gast. Der stotternde Schriftsteller mit Hasenscharte, der ein Buch über philippinische Eingeborene geschrieben hat, hat es ein bisschen schwerer, in “Druckfrisch” zu kommen.”

Erinnert sich wer an den Skandal, als Frau Kiyak ableistische Sprüche gegen Thilo Sarrazin klopfte? Man kann das Herrn Ammer ja noch nicht einmal wirklich vorwerfen, oder doch?,  das gehört zu den Branchenübblichkeiten, solche Sätze abzusondern. Die ja sonnenklar machen, was in den tatsächlichen Wahrheitsministerien wie auch immer sexistisch verpackt Gegenstand sein darf und was wie und von wem marginalisiert wird. Zudem Herr Ammer vermutlich im Falle seiner bayrischen Nachbarn nicht von “Eingeborenen” sprechen würde. Ein bemerkenswertes Bild.

Das Kuriose ist nur, dass bei der “Political Correctness” so viele gleich “1984″ herauf beschwören, solche Regeln aber völlig unhinterfragt allseits befolgt werden. Und das noch in großkotzigen Sprüchen heraus gerotzt, als könne man sich damit brüsten.

Es ist um so bemerkenswerter, dass der wohl bekannteste deutsche Philosoph Jürgen Habermas einen sehr anrührenden Text darüber geschrieben hat, wie schwer es für ihn war, sich in seiner Jugend überhaupt verständlich zu machen. Und dass das einer der Impulse war, das “Kommunikative Handeln” in den Mittelpunkt seines Denkens zu stellen. Und eben dieser Philosoph betrachtet Moral nicht etwa als Herrschaftsmittel, sondern als Schutzvorrichtung prinzipiell verletzbarer und auf Solidarität angewiesener, menschlicher Individuen. Er wird wissen, warum, und ich weiß nicht, was in ihm vorgänge, läse er solche Zeilen wie die von Herrn Ammer. Wahrscheinlich steht er mittlerweile drüber. Mit Sicherheit nicht immer schon, als im Zuge seiner Professorenkarriere Kollegen über seine Hasenscharte witzelten.

In einem anderen Interview referiert Ammer ebenfalls lakonisch, welche Wahrheitministerien bis in die Formensprache hinein in seinem Medium tatsächlich regieren:

 

“Wo sind die Unterschiede zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Redaktionen?
In den privaten Redaktionen gibt es mehr Vorgaben. Auch was die Bildsprache angeht. Ich habe auch einmal eine Zeit für Spiegel-TV gearbeitet. Dort waren die Vorgaben, wie ein Bild auszusehen hatte, ziemlich eindeutig. Da hatte man nachgedacht. Gemein ist beiden Systemen die Angst und die programmgestaltende
Übermacht der Redakteursgroßmütter, die die Sendungen angeblich nicht verstehen.”

 

Es ist schon eine Groteske, da den “Würgegriff der Politisch Korrekten” als real-existierenden Stalinismus zu behaupten. Gibt halt nicht so viele schwarze Redakteursgroßmütter wie weiße; es gibt sie aber, und die wissen gut, was das N-Wort mit ihnen machte.

Da, wo das Geld sitzt, werden die Vorgaben gemacht wie schon zu Michelangelos Zeiten – und den 3 Regeln gelingender Dramaturgie “Konflikt! Konflikt! Konflikt!” folgend werden in letzter Zeit die Talkshows mit Lesben- und Schwulenhassern, Rassisten und Frauenfeinden geradezu geflutet, die ja angeblich alle so fürchterlich unterdrückt der Zensur unterliegen.

Nee, da schließt sich schlicht der Kreis zu dem Text von Andrian Kreye (kann es sein, dass der früher auch immer im “Or” tanzte?). Und ehrlich wäre es von Denis Scheck und auch Herrn Ammer, würde sie darüber mal in ihren Sendungen reden. Sie bekommen dafür ja offenkundig den Freiraum. Und wenn sie die nächste “Druckfrisch”-Sendung ausschließlich mit PoC-Autoren bestückten. Als Entschuldigung. Und dann einfach mal zuhören. Und vielleicht einen derer die SPIEGEL-Bestseller-Liste kommentieren lassen, bei deren Präsentation Bücher in Kisten fliegen wie in den Müll. Oder noch besser, sie oder ihn einfach mal eine “Druckfrisch”-Kritik audiovisuell gestalten lassen. Das ja angeblich so experimentierfreudig ist.

Zurück auf die Schulbank, Herr Kasten!

Eigentlich ist ja ermüdend, aber das gehört ja zum Spiel, dass DIE die Themen vorgeben, auf die man dann in ständiger Abwehrbereitschaft reagiert – außerdem ist es erstaunlich, wer in Deutschland so alles eine Professur erhält. Ebenso dass, trotzdem allseits der beeindruckende und großartige Brief einer 9-jährigen allerorten kursiert, DIE ZEIT nicht müde wird, alternde weiße Männer zu befragen, was es denn nun mit dem N-Wort auf sich habe.

Herr Professor Kasten konfektioniert und manipuliert aktuell auf der Internetpräsenz dieser nicht mehr kaufbaren weißnationalen Propaganda-Postille außerordentlich fantasielos vor sich hin. Auf die Idee, dass es auch PoC-Kinder geben könnte, kommt er gar nicht, nein, stattdessen predigt er Exotismus für weiße Kinder (Achtung. Trigger-Warnung, N-Wort wie gerade überall in Deutschland in dem Interview):

“Kinder lechzen nach Andersartigkeit, das ist Futter für ihre Fantasie. Je weniger die Personen und Szenarien mit ihrem Alltag zu tun haben, umso intensiver setzen sie sich damit auseinander. Das liegt am Orientierungsreflex: Kinder richten ihre Aufmerksamkeit auf alles, was sie nicht kennen.”

Soll man da jetzt schlucken oder lachen? Bei meinem heutigen Weg in den Park mit Hund am Schulhof vorbei fragte mich eine Gruppe von Mädchen, PoC und weiß, ob sie mir etwas vorsingen dürften. Hörte sich gut an, und, wie das so ist beim Einüben in diese Welt, wollten sie danach eine Spende haben.

Und die kriegen per Kinderbuch das Evergreen geliefert “Einer von diesen Menschen ist nicht wie die anderen”, was als Gewaltakt einbricht in ein trautes und offenkundig einvernehmliches Miteinander.

Die standen da nämlich ganz einträchtig nebeneinander, anders als vermutlich im Walddörfer-Gymnasium oder in Othmarschener Schulen, und man kann sich sicher sein, dass da auch “Chinesen” auf dem selben Schulhof herum liefen. Was sollen denn solche Aussagen bitte bei einer Diskussion über das N-Wort? Natürlich sind Fantasiereiche toll. Aber wenn sie nur der Stabilisierung eh schon quälender Stereotype dienen bestimmt nicht pädagogisch wertvoll.

Würde Herr Kasten sein Fach adäquat vertreten, hätte er sich vielleicht mal mit der Psychologe der exotisierten “Chinesen” beschäftigt. Und mit jener der großartigen, 9-jährigen Briefschreiberin. Aber in Deutschland lehrt man wohl Psychologie exklusiv für Weiße und kennt auch nur deren Erleben.

Vielleicht beschäftigt er sich ja auch mal damit, dass es von außerordentlicher Fantasielosigkeit zeugt, dass in Märchen nie zwei Prinzessinnen happy ever after leben? Die Überschrift ist einfach grotesk angesichts dessen, was der redet. Das ist eine brutale Normierung, die in Kinderbüchern oft vorgenommen wird. So ein schwuler Harry Potter hätte mir das Leben tatsächlich erleichtert.

Er kommt auch gar nicht auf die Idee, dass es sich um Freiheitsberaubung handelt, wenn man mit N-Worten oder ähnlichem Vokabular hantiert, und dass die Erfahrungen einer großen Gruppe möglicher Leser weg zensiert werden. Während er ja von DIE ZEIT befragt wird. Wie wortreich die vermeintlich Zensierten gerade auf allen Kanälen quatschen – hätten sie recht, säßen sie im Knast. Oder würden zumindest nicht von unappetitlichen Gazetten wie DIE ZEIT befragt, wo es immer häufiger braun müffelt.

Freiheitsberaubung, weil der ganz alltägliche Flow des Lebens, Erfahrens, Fühlens von Menschen brutal unterbrochen wird, wenn die diskretierende, entmenschlichende Bemerkung fällt. Weil die Stigmatistierung einschränkt, lähmt, wütend und verzweifelt macht, verletzt und beleidigt und dadurch Handlungsfreiheit einschränkt.

Eine Freundin sprach treffend vom “Überschreiben von Erfahrung” – das ist so, als würde man (fiel mir eben ein, als ich den Text eines befreundeten Bloggers kommentierte) – ständig in die Küche der Nachbarn platzen und denen einen anderen Radiosender einstellen, aus dem sie beschimpft werden. Es gibt Tage, da schalte ich den Fernseher deshalb nicht ein, weil ich das ewige “Schwanzlutscher” und “Schwuchtel” insbesondere in US-Produktionen ausnahmsweise mal NICHT hören will. Achtet mal drauf. Ständig.

Nun also der groß angelegte Kultur-Kampf, dass man möglichst auch da wieder fortwährend dasN-Wort höre, wo die meisten Journalisten noch nicht mal geschnallt haben, dass “farbig” auch völlig daneben ist.

Mit Psychologen-Expertise.

Vielleicht sollte Herr Kasten seine Professur lieber an eine PoC-Vertreterin abgeben?

 

Edith: Viel besser als mein Text ist dieser hier: Mit den Kindern reden. Das meinte ich.

Die Saxophon-Dialoge, Teil 4

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Bilder aus B-Movies steigen in mir auf. In schwarz-weiß. Mit Victoria Lane und Alan Llad. Ein keuchender, relaxt und doch bedrohlich tönender Tenorsaxophon-Soundtrack zu tropfendem Piano und verhalten treibendem, reduzierten Jazz-Schlagwerk kriecht unter Bilder vom Eingang eines Detektivbüros mit Schrift auf einer Scheibe … ein Malteserfalke krächzt.

Ein paar Töne hatte ich rauchig gespielt heute morgen, fast wie Subtones. Hörte sich vermutlich an, als würde man durch ein umgedrehtes Fernrohr dem Sound von Ben Webster lauschen. Eben sehr weit weg davon. Ich mag es trotzdem, mein Instrument kennen zu lernen. Heißt ja hier Dialoge, weil diese Texte auf jene mit meinem silbernen Wunderhorn anspielen. Nonverbale. Es antwortet ja – mit Quietschen und Kreischen beim tiefen C zum Beispiel. Dabei hat mein Lehrer mir doch heute gesagt, ich bräuchte eigentlich nichts machen als hinein zu blasen. Jeder Zwang, jeder Druck erzeuge nur Misstöne; das Saxophon mache eigentlich alles ganz von selbst. Ich müsse es nur lassen.

Wieder einen Lehrer haben. Ich, der ich mir eh nie was sagen lassen konnte und schon im Hort Plakate gegen die Hortnerin aufgehängt hatte. Frau Schreiber hieß sie. Sie wollte unsere Stadt aus Bauklötzen für den Elternabend stehen lassen als Zeugnis ihrer pädagogischen Fähigkeiten. Wir wollten lieber eine neue bauen, die noch viel schöner wäre. Sie verbot es, und wir malten dagegen an und hängten die Zettel in beiden Räumen auf. Und mussten zur Strafe ins Kabuff. “Ich kriege euch schon noch klein!” Wir wollten, sie zu beglückwünschen, ihr eine Clopapierrolle überreichen. Davon lagen welche rum im Kabuff. Haben es dann bleiben lassen.

Und nun ein Lehrer. Spiele schon so lange Chef, und nun ein Lehrer. 20 Jahre jünger als ich. Virtuos, wenn er auf seinem Instrument mehrstimmig spielt. Ich schwitze und habe Probleme, meine Handlungen zu koordinieren. Werde tollpatschig. Kriege das Saxophon kaum ausgepackt und wühle in der falschen Seitentasche nach dem Gurt, mit dem man sich das Horn um den Hals hängt..

Er erzählt mir von Techniken der “Neuen Musik” und macht sie vor. Nur mit den Klappen spielen, ohne in das Rohr zu blasen. Jede Art von Geräusch als Material nutzen. Etwa jene “Neue Musik”, deren Altern Adorno diagnostizierte? Werde kurz cooler. Will schon zum Vortrag ansetzen, so unter Männern. “Hey, ich weiß was! Ich bin der Schlauste!” Irgendwie muss ich die Situation doch in den Griff kriegen. Er ignoriert es. Zum Glück! Ich will ja was lernen. Verdammt, fällt mir das schwer. Loslassen! Einlassen! Nein, Du musst hier jetzt keine Deutungshoheit anstreben! Boah, ist das SCHWIERIG! Zudem ich die “Neue Musik” – er meint tatsächlich jene, deren Altern Adorno diagnostizierte – ja nie gehört habe, nur darüber gelesen …

Etwas machen, das ich nicht kann. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal etwas gemacht habe, das ich nicht konnte. Schreiben fiel mir schon in der Grundschule leicht, Philosophie schon in der Oberstufe, und meinen jetzigen Job, da fand ich immer nur schwierig, dass man mit so vielen fremden Leuten kommunizieren muss und überall Politics lauern. Aber schon als Klassensprecher hatte ich den Vorteil, dass der Schulleiter Parteifreund meines Vaters war … “Können wir das noch mal langsamer probieren?” frage ich den Virtuosen.

Er setzt sich ans Klavier. “Spiel mal was!” Wie? Einfach so? Erinnere mich an den Unterricht von einst, in dem Realschulraum. Endlose Reihen von Achtel-Noten, deren Abfolge ich nicht verstand. “Diese Bleiwüste bitte bis nächste Woche üben”. Oje. Das alles? Wage nicht zu opponieren. Ich konnte ja auch damals kein Saxophon spielen. Er schon, der Lehrer, der immer rechts von mir in frisch gebügelten, hellblauen Hemden den Takt mitzählte. Scheiße, jede dritte Note meint was anderes, als ich es gerade spiele. Dieses Zusammenzucken bei den falschen Tönen, meines, seines, “‘tschuldigung”, neu ansetzen, wieder stolpern, hat sich tief in meinen Körperpanzer eingeschrieben.

Wieso entschuldigt man sich eigentlich bei einem Lehrer, wenn man falsche Töne spielt? Habe damals im Grunde genommen nicht verstanden, dass ich das Instrument als Ausdrucksmittel FÜR MICH lernte, ganz ausgeliefert an das Urteil der Anderen … und da waren diese Noten, deren Namen ich zwar wusste, die aber fast drohend in endlosen Reihen ihre Köpfe über die Linien streckten und unterschwellig höhnisch in Regelmäßigkeit die Blätter füllten …

Mein jetziger Lehrer sitzt am Klavier und spielt traumhafte Akkorde an. Hey, Musik als Kommunikation mit Anderen, nicht mit der Angst vor dem Urteil dessen, der neben mir steht und mir das Zeichen der Unzulänglichkeit des Faulen in die Schulter brennt mit seinem Blick!

Ich spiele ein paar Tonfolgen. Vergesse völlig, auf das Klavier zu hören, bin kurz in diesem Flow, den ich vom Schreiben und Malen kenne. Hört sich gar nicht so schlecht an, wenn man nicht auf Noten guckt und Angst hat, sie zu verfehlen … einfach sein. Und tröten.

Er gibt Hinweise, was man Spannenderes spielen könnte. Höre neugierig zu. Cool. Hört sich gut an! Ach, all der Alkohol in all den Jahren, verdammt, fällt mir immer schwerer, mir was zu merken. Trotzdem, er erklärt mir dje Arpeggios, broken chords. Erinnere mich dunkel, dass das über diesen gemein mal noch oben, mal nach unten sich wellenden Achtel- und Sechzehntelnotenschlangen meiner alten Saxophonschule auch stand.

Macht Spaß. Höre zu. Will gar nichts deuten. Will nur spielen.

Stunde vorbei. Die Zigarette danach, mein Saxophon geschultert, blicke die Straße entlang … statt B-Movies gar keine Bilder mehr. Nur Töne. Solche, die ich spielen werde … die Stadt leuchtet. Ich fühl mich gut.

Mal kurz was zu “Zensur”

Es sei einfach mal ein nicht unbedeutendes Beispiel genannt:

“Mit der Rheinischen Zeitung hatten es die Zensoren besonders schwer, denn deren Journalisten waren sprachlich und juristisch sehr geschickt, ihre Botschaft in scheinbar harmlosen Texten zu verstecken. Die Leser waren wegen der strengen Zensur gewohnt, zwischen den Zeilen zu lesen. Manchmal fiel der gesamte Inlandteil der Zensur zum Opfer. So stand der “Französische Artikel” (der Anfang des Auslandteils) an erster Stelle und es musste zu einem Druck mit größerem Zeilenabstand gegriffen werden. Das behagte der Regierung nicht immer, weil die Gewalt der Zensur auch nicht zu offensichtlich sein durfte. Der Zensor Saint-Paul, der während der letzten zwei Monate für die Rheinische Zeitung zuständig war, praktizierte nach eigenen Angaben eine besondere Art der Zensur: Damit sich die Zeitung selber unbeliebt machen würde, verschonte er wissenschaftlich komplizierte Abhandlungen und Kritik an den Katholiken und an anderen Zeitungen von seiner Zensur.”

Es ließen sich andere “Vorgänge” aus dem Stalinismus, der DDR, südamerikanischen Diktaturen oder der McCarthy-Ära nennen. Pointe ist: Es gab da Staaten oder staatenähnliche Gebilde, die Menschen in den Gulag verfrachteten oder in Bautzen einsperrten, die sie folterten, unter Hausarrest stellten oder ausbürgerten. Die mit eindeutigen und nachhaltig wirksamen Zwangsbefugnissen ausgestattet Menschen zerstörten. Oder sie erst gar nicht leben ließen, was sie wollten: Die CDU weigert sich bis heute, die Opfer des §175 zu rehabilitieren. Der allseits gefeierte Papst war Chef der Inquisition. Mal davon gehört, was deren Historie war? Spanische Stiefel und so? Der hat auch die lateinamerikanische Befreiungstheologie platt gemacht.

In der DDR gab es beispielsweise die “Grünen Elefanten” – man baute z.B. in einen Songtext eine auffällig kritische Passage ein, um eine andere, nicht ganz so auffällige vielleicht durchzubekommen.

Jeder, der in den Medien arbeitet oder im universitären Kontext lehrt und veröffentlicht, weiß um die weichen Formen dessen, um sich ernähren zu können, weil man ja arbeiten gehen muss.Und weiß, dass man keine Aufträge bekommt oder nicht den Lehrauftrag, fügt man sich nicht in weiße, heterosexuelle und männliche Üblichkeiten und zudem noch denen einer Rationalität, die verdinglicht. Das ganze Fernsehprogramm folgt der Maxime “Möglichst keine Schwulen am Nachmittag, und PoC kommen wenn überhaupt nur zu Worte, wenn ein weißer Experte sie flankiert – es sei denn, sie reden über Musik oder kritisieren den Islam”.

Es ist in der bundesrepublikanischen Geschichtsschreibung auch unüblich, das KPD-Verbot in den 50ern unter “Zensur” zu verbuchen, die Berufsverbotspraktik der 70er Jahre oder den Fall Brückner.

Nun wären mir keine persönlichen Konsequenzen für Astrid Lindgren oder Ottfried Preussler bekannt, die von der “Gedankenpolizei” gegen sie ausgingen (Achtung, der verlinkte Text enthält ausgeschriebene N- und Z-Wörter, ist aber ansonsten derart köstlich und treffend, dass man ihn zitieren MUSS:)

“Gedankenpolizei: Sagenumwobener geheimer Arm der →Sprachpolizei. Obwohl noch nie gesehen und obwohl es unklar ist, wie sie operiert, gibt es keine Zweifel an deren Existenz. Einige vermuten, dass sich dieser Spezialtrupp erst in Ausbildung befindet und in der →Zukunft zum Einsatz kommen soll.”

“Sprachhygiene”, “Ende der Literatur”: Die Slogans sind ja gewaltig, die als Angstlustschrei aus weißen wie auch Kanack-Attack-Kehlen dringen.

Dabei ist der Unterschied zu denen, die mit “Grünen Elefanten” arbeiteten, doch offenkundig: Letztere wandten sich gegen tatsächlich Mächtige. Während das so unendlich Unangenehme bei den ganzen Leuten, die Rassismus für Kunst halten und ihn gar ganz unverblümt einfordern ist, dass sie sich einfach nur an die eh schon Herrschenden ran wanzen, so unter sich.

Eben an das weiße, heterosexuelle, männliche Dominanzschema, das im Literaturbetrieb, an Universitäten, in Massenmedien sowieso regiert.

Es ist ein so maßlos billiger Trick, nun ständig die Übermacht und Reglementierungsbefugnis von Leuten herbei zu imaginieren, die abgeschoben werden und Racial Profiling ausgesetzt sind, die keine Chance auf bestimmte Jobs haben, die außer Alice Schwarzer so gut wie gar nicht auftauchen, aber als “Feminazis” angeblich ein Horror-Regime wie jenes der chinesischen Kulturrevolution etabliert haben. Oder die von der größten Regierungspartei fortwährend verfassungswidrig Rechte aberkannt bekommen. Das eint Schwule, Lesben und Hartz IV-Empfänger. Jene im Abschiebeknast oder die, die im Mittelmeer ertrinken, trifft es am härtesten.

Das ist alles so Mario Barth: In Deutschland lacht man ja nicht über Satire. Die reibt sich nämlich an denen, die was zu bestimmen und verfügen haben. Nee, denen kriecht man in den Arsch und feiert sie auf dem Boulevard – bis sie ihre Macht schon verloren haben. Dann tritt man rein mit sadistischer Wucht und unverhohlener Frauenfeindlichkeit wie im Falle Bettina Wulffs..

Aber so genannte “Randgruppen” zu erniedrigen, fortwährend,  das gilt als wahnsinnig komisch, es lebe der Polenwitz, was war der Schmidt doch sophisticated, HARHARHAR – und das Ganze noch als Menschenrecht zu behaupten ist die bittere Pointe. Um es noch mit diesen typisch deutschen Sprüchen “Jede Minderheit hat ein Recht darauf, dass man sich über sie lustig macht”, zu garnieren. Sehr witzig. Mach Dich mal über die Mehrheit lustig und warte ab, was dann passiert …

Und dann liest man prototypisch bei Facebook, dass mit dieser “Sprachpolizei” zu kommunizieren ja sei, wie mit Nazis zu reden.

Ein wenig historische Aufklärung: Die realen Nazis zwangssterilsierten die so genannten “Rheinlandbastarde” unter lustvoller Verwendung des N-Wortes, ergänzt durch “Rassenschande”. Das ist der Sprachgebrauch der KZ-Wärter, der hier zur Disposition steht. “Die schwarze Schmach” war allerdings auch ein Slogan in den 20er Jahren.

Zensur? Breiten Bevölkerungsschichten war es verwehrt, ihre eigene Sprache zu sprechen – die Kolonisatoren verboten es ihnen. Die Nachfahren der Maya sind drum begeistert dabei, sie nun wiederzuentdecken. Cassius Clay nannte sich Muhammed Ali, weil er keinen Sklavennamen tragen wollte. Sklaven, denen es lange Zeit tatsächlich verboten war – die Strafen waren keine minimalen Änderungen in einem Buch, sondern weit drastischere, auf den Plantagen Schimmelmanns, nur einer von vielen dergleichen, denen Hamburg seinen Wohlstand verdankt, wurde Flüchtigen kurzerhand das Bein abgehackt – ZU SCHREIBEN. Selbst, ob man die mittels N… Verunglimpften überhaupt lesen lassen sollte, war hochumstritten.

Und da krakelen irgendwelche Kartoffeln von ZENSUR? Ihr habt sie doch nicht alle beisammen.

Es gab ja durchaus durchgängig scheiternde Versuche, ähnlich wie im Falle von “schwul” eine Positivumwertung des N-Wortes vorzunehmen. Mal ab davon, dass man nur auf Schulhöfe zu lauschen braucht, wie nachhaltig dieser Versuch im Falle von “schwul” wirkte – was für Protagonisten das waren, das kann man hier nach lesen. Der Unterschied ums Ganze ist halt, dass von den Rassismus Betroffenen SELBST diese Versuche unternommen wurden und das Wort einen fundamentalen Bedeutungswandel erfährt, je nachdem, von wem es verwendet wird, von einem Markierten oder einem Unmarkierten. Begriffe, für es kein Äquivalent mit ähnlicher Konnotation für das jeweilige Gegenstück – “weiß” -gibt, sind immer, mal harmlos geschrieben, “Othering”. Die Abweichung von der machtvollen Norm wird bennant. Es gibt keine Äquivalente für “Schwuchtel”, auf Heterosexuelle bezogen, im allgemeinen Sprachgebrauch. Habe noch keine 15jährigen auf der Straße “Scheißhete” schimpfen hören. Die sagen “F …”. Oder “Schwuchtel”.

Und der Unterschied ist zudem der, dass z.B. die Auseinandersetzung Frantz Fanons mit dem Thema hier eben NICHT jedem 14-jährigen in die Hände gedrückt wird, der zuvor “Die kleine Hexe” vorgelesen bekam. Dessen “Schwarze Haut, weiße Masken” wird noch nicht mal mehr auf deutsch verlegt, dabei erzählt schon der Titel eine wichtigere Geschichte als all die Traktate im Feuilleton derzeit. Es wird wieder annähernd durchgängig unter Weißen gequatscht oder aber deren Perspektive eingenommen. KEIN Rekurs auf eine nun auch seit der Harlem-Renaissance und “Dekolonisierung” höchst vitalen Tradition. Kennt hier jemand James Baldwin? Wegen Westbindung und so?

Um all die PoC, die was zu dem Thema zu sagen haben, wegzuzensieren. Die lässt man nämlich keine Leitartikel schreiben. Die müssen ihr Geld anders verdienen, und wenn sie Glück haben, dürfen sie eine Pop-Show moderieren.

Manche – “wo kämen wir denn da hin?” – kommen immer mit dem “dann kann man ja gar nichts mehr sagen” um die Ecke, wenn sie z.B. von “Hirnamputierten” schreiben und man darauf verweist. Der ganze Ableismus in der Sprache ist ja auch wenig diskutiert, und Hirnamputationen nahm man an Schwulen vor, die wurden nämlich lobotomiert.

Kann ja vielleicht gar nicht schaden, das mal fest zu stellen, in was für einer Welt man sich bewegt und vorübergehend zu verstummen. Sprache ist eben nicht neutral, in ihr bilden sich gesellschaftliche Verhältnisse ab – Hierarchien, Machtkonfigurationen, Abwertungen. Auch wenn viele das nicht wahr haben wollen.

Gute Literatur bricht und reflektiert das, macht es zum Thema. Da fängt sie an. Da hört sie nicht etwa auf.

Die Saxophon-Dialoge, Teil 3 (mit Bezügen zur “Kleine Hexe”-Diskussion)

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Ist es eine Entsolidarisierung, wenn ich vorschlage, doch lieber Jazz zu hören, als Fleischauer die Aufmerksamkeit zu schenken, mit der er sein Geld verdient? Weil er ja so lustig “provoziert”, wie neulich ein Freund beim Mittagessen behauptete? Linke ärgern, darauf ist er ja fixiert, der Herr, der “Unter Linken” schrieb, wie auch Broder, diLorenzo und all die anderen Journalistendarsteller, die Meinung mit Recherche verwechseln.

Natürlich gehört das zum Schema, dass eine Diskussion über rassistisches, gewalthaltiges Vokabular wieder unter und im Bezug auf Weiße geführt wird und damit das, worum es auch geht, gekonnt ignoriert wird: Dass eben dieses Vokabular auch bei POC-Kindern sehr viel bewirkt diesen beibringt, wie sie fortan behandelt werden – ganz wie jedes “Schwuchtel” auf dem Schulhof mich lehrte, was ich zu erwarten habe, auf dass ich mich lieber versteckte. Ich konnte das. Ein Privileg.

Neulich guckte ich mit meinem schwarzen Kompagnon mal wieder nebenbei Fussball – ein kleiner PoC-Spieler erwies sich als irrwitzig schneller Flügelsprinter. Mein Kompagnon lachte bitter,

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Das Banjo! Kleine, musikhistorische Nebenbemerkung …

… die so nebensächlich aber vielleicht gar nicht: Was auch mir neu war, ist, dass das Banjo, ja zumeist aus US-Folk- und Country bekannt, kein Abkömmling der Laute, sondern eines westafrikanischen Instruments ist, des Akonting. Wie so oft in Pop- und Musikkultur ist mal wieder eine Vorgeschichte verschwunden worden - und zudem ein deutlicher Hinweis darauf gefunden, dass auch ich es mal unterlassen sollte, ständig “afrikanische” Polyrhythmik und westliche Melodieführung und Harmonien gegeneinander auszuspielen. Kann da auch zu meiner Verteidigung immer nur DeeDee Bridgewater anführen, von der ich das zumindest teilweise habe. Und rhythmisch ist die europäische Tradition weniger spannend, weil oft Tänze, auch volkstümliche, verkünstelt wurden. Die “afrikanischen” Harmonie- und Melodieinstrumente sind mir aber tatsächlich neu, während ich die Sitar kannte. Was eben auch mit “westlichen” Perspektiven, was als “Hochkultur” anerkannt wurde – Indien ja –  und was nicht, zu tun hat.

Um so mehr freut es mich, dass Instrumente wie Kora mitten in Hamburg gelehrt werden, ebenso Saz und Oud - und das auch nicht von weißen Adepten. Was nun auch allerlei Okkupierungs-, Exotisierungs- und Enteignungsgefahren in sich birgt, aber immer auch die Möglichkeit, durch Perspektiven auf Musik jenseits der “westlichen” Tradition seinen Horizont zu erweitern und vom Hochkultur-Ross abzusteigen – stattdessen zu lernen.

Wo habe ich neulich noch gelesen, dass sich jemand darüber ärgerte, dass irgendwo Tablas gespielt wurden, aber mal wieder keiner sich damit beschäftigt hat, woher die Dinger kommen und was für eine Bedeutung sie hatten? Zumindest die App DrumJam gibt sich Mühe, in kurzen Erklärungen die dort simulierten Percussion-Instrumente mal kurz zu erläutern in einer Art Tutorial – wobei der animierte Conga-Spieler im Feld unten ziemlich albern ist. Und auch da eine Schweizer Fortentwicklung der Steeldrums als “Hang” auftaucht, wenn ich es richtig lese – dabei ist auch in deren Fall die Vorgeschichte eine, die zur Kenntnis zu nehmen so gar nicht schaden kann:

“Das Instrument wurde in den 1930er Jahren auf Trinidad erfunden und ist dort das Nationalinstrument.[1] Die britischen Kolonialherren verboten den Einheimischen das Trommeln auf afrikanischen Schlaginstrumenten. Deshalb suchte die Unterschicht Trinidads nach neuen Möglichkeiten des musikalischen Ausdrucks. In diesem Inselstaat spielt die Erdölproduktion eine wichtige Rolle und hat erheblich zur Industrialisierung von Trinidad beigetragen. Somit entstanden die ersten Steel Pans aus ausrangierten Ölfässern, die es in Trinidad aufgrund der Ölindustrie im Überfluss gab.”

Ganz egal, ob man nun den großen Saxophonisten, Coleman Hawkins, Ben Webster zum Beispiel – immerhin ist das Saxophon die Erfindung eines Belgiers, basierend freilich auf der Klarinette, deren Vorläufer aus dem iranisch-türkischen Raum stammten – hinterher googelt oder dem Banjo, man findet immer dermaßen vieles, was so völlig neben “westlichen” Hochkulturselbstbildern angesiedelt ist, dass es sich lohnt! Wenn man denn neugierig statt selbstgefällig bleiben will.

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