Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Sichtweisen

Kommt in die Millerntor-Gallery!

Eine tiefe Verbeugung vor der Action, dem Engagement, dem Einsatz, dem Ideenreichtum der Macher der Millerntor-Gallery!!!

Ich durfte gestern an dem “Pre-Opening” teilnehmen (incl. Kunstauktion durch Sotheby-Hochadel) und bereits im Vorfeld fest stellen, mit was für einer denkoffenen Crew da bis hin zum Kurator Jörg Heikhaus und Marcel Eger gearbeitet wird. Ich finde es immer wieder beeindruckend, was Benny Adrion und seine Teams da auf die Beine gestellt haben – die Millerntor Gallery ist ein Projekt von Viva con Agua.

Ich finde es wahnsinnig spannend, wie die kargen Gänge des Millerntor-Stadions mit verschiedenen künstlerischen Ansätzen belebt werden und kann nur jedem empfehlen, sich das heute Abend bei der Vernissage oder die nächsten Tage mal anzuschauen. Fotos gibt es u.a. bei Stefan Groenveld zu sehen und beim Facebook-Auftritt der Millerntor-Gallery selbst.

Es ist cool, wie die altehrwürdige Institution und der ja in der engen Spitze von 1 oder 2% der KünstlerInnen auch millionenschwere Markt der Kunst dadurch, dass sie in ein Stadion wandert, umdefiniert wird. Wie umgekehrt ein trotz gelegentlich auch bei unserer Mannschaft aufblitzender “Spielkunst” sich ein eher, na, “bodenständig” gerierender Raum sich dem Spiel mit Form, Farbe, Figur usw. öffnet. Ein Raum, der ja idealerweise alles “Authentische” und Reproduzierende aufbricht und, um mit Cézanne zu sprechen, eine “Harmonie parallel zur Natur” kreiert – Disharmonie wäre zu ergänzen.

Ich finde es auch toll, wie Präsidium und Geschäftsführung des FC St. Pauli sich auf Viva con Agua und die Millerntor-Gallery einlassen, weil ich Sätze wie

“Der FC St. Pauli ist ein Lebensgefühl und zwar ein unkonventionelles, das für Kreativität, Anderssein, Toleranz, Weltoffenheit, Selbstironie, vor allem aber auch für soziale Verantwortung steht”

mal ab von dem blöden Toleranz-Begriff voll und ganz zustimmen kann dann, wenn das auch mit Leben gefüllt wird. Auch die Conclusio

“Darüber hinaus schafft die MILLERNTOR GALLERY es zu integrieren, denn sie bietet für nahezu jeden etwas. Und genau diese Aufgabe MUSS (Hervorhebung von mir) auch der FC ST. Pauli leisten: Ein spannendes Angebot für alle zu schaffen, zumindest für all jene, die sich die Freiheit nehmen, (mal) abseits der Konventionen zu denken und mit diesem Angebot auch noch der gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden.”

(Quelle: Katalog Millerntor Gallery, Katalog 2013, S. 7)

ist mit einem vehementen “Yes!” zu beantworten. Call and Response.

Womit ich freilich bei der solidarischen und sympathisierenden Kritik angekommen wäre. Es ist großartig, dass auch Künstler wie Zezao dort statt finden – und das Genörgel bei Facebook und Twitter über die “unstpaulianische” Farbe blau am Millerntor finde ich deshalb nicht zutreffend. Auch der Street-Art-Anteil ist sehr, sehr cool, weil dieser “Aufstand der Zeichen” (Baudrilliard) und die Wiedergewinnung des urbanen Raumes gegen Kommerzialisierung, Platzverweise usw. alltäglichen Widerstand darstellt.

Ansonsten ist es leider wie überall: Der Großteil der Künstler ist weiß, männlich und mutmaßlich heterosexuell. Eine queere Perspektive wäre mir zumindest nicht aufgefallen, ein heterosexueller Blick auf Frauen wie auch Männer schien mir hingegen sehr präsent zu sein (z.B. bei den “Mehl-Fotos”, deren Making off bei Gröni zu sehen ist, wo als männlich konnotierte Eigenschaften wie “Dynamik” z.B sich vor eine mögliche Erotisierung schieben – erotisierte Frauen, was ja an sich nichts Schlimmes ist, beraubt man sie nicht Eigenständigkeit und Subjektivität und unterlässt Übergriffigkeit, oder? Kritische Anmerkungen erwünscht!, sieht man schon auf dem Cover des Kataloges). Vielleicht habe ich auch Wichtiges übersehen.

Nun lassen sich durch diese sozialen Konstruktionen – “weiß, männlich, heterosexuell” – per se keine Rückschlüsse auf die Qualität der Kunst ziehen. Sehr wohl aber, inwiefern das soziale und auch ökonomische Setting, in dem sie sich als Kunst bewegt, auch reflektiert wird auf der Ebene des Werkes.

Und da ist, glaube ich, mehr drin als das, was ich gestern gesehen habe – gerade in einem Fussballstadion, wo Männermannschaften einen “Männersport” spielen, gerade dann, wenn eine unterstützenswerte und jetzt schon ruhmreiche Hilfsorgansisation wie “Viva con Agua” als Veranstalter auftritt.

Deutlich wurde das, als Michael Meeske von den “Tränen in den Augen derer”, denen Brunnen in Uganda gebaut wurden, berichtete – dass er da tatsächlich mitgefahren ist, finde ich toll, nur muss schon jeder Hilfsorgansiation klar sein, dass auch sie sich in einem kolonialen Setting bewegt und das Selbstbild des “hilfreichen Weißen”, der “Entwicklungshilfe” leistet, eben auch Teil dessen ist.

Das sollte niemand vom helfen abhalten noch das diskreditieren, was da mit enormen Aufwand betrieben wird, noch ist es möglich, individuell aus strukturell-postkolonialen Konstellationen wirklich auszubrechen – da fehlt aber eine Reflektionschleife, und was böte sich da eher an als Kunst, Wege zu sehen, diesen weißen Blick und dieses weiße Selbstbild auch kritisch zu thematisieren?

Und zugleich die nun tatsächlich genuin europäische Institution “Kunst” auch daraufhin zu befragen, wie sich das, was “wir” als weiße, meist männliche Mitteleuropäer mal als “Kunst” durchgehen lassen, mal nicht (das kommt dann ins “Völkerkundemuseum”), vielleicht von Praktiken in anderen Regionen dieser Erde unterscheidet – oder auch nicht? Wie es als Vehikel von “White Supremacy” und “Male Supremacy” genutzt werden kann und wie man zumindest versuchen kann, das auch aufzubrechen, auch wenn dabei ein Scheitern wahrscheinlich ist – und wie dieses Scheitern denn nun aussehen könnte?

Und wieso entstehen dann, wenn Weiße, zumeist Männer, mal nicht weitestgehend unter sich bleiben, solche Paradoxien?:

“Denn, Frage: Wie viele rassifizierte Menschen müssen bei einem Kollektivprojekt mitmachen, damit es nicht mehr als rein “weiß” wahrgenommen wird? Antwort: Ist egal, denn das Kollektiv wird immer ein böses, komplett weißes, rassistisches Arschprojekt bleiben. (Und das heißt, am Ende bist auch Du als Kanak_in immer nur das böse, rassistische Arsch mit an Bord. Oder: Es gibt dich halt einfach gar nicht. Oder: Du bist halt ein armes Opfer “in den [weißen] Fängen von xyz”. Kann aber ja auch gar nicht anders sein, schließlich bist Du ja Kanake, arharharhar!)”

Und lassen die sich vermeiden, oder geht das gar nicht? Für mich auch gerade eine sehr zentrale Frage als in Sachen “weiß” und “männlich” zumeist Ummarkierter, somit aus anderer Perspektive Schreibender. Weil ich da auch gerade an eine Grenze gestoßen bin im Rahmen meiner Möglichkeiten.

Da wird auch mittels einer Kunstausstellung in einem Fussballstadion nicht die Welt zu verändern sein. Aber würde das stärker in der Kunst selbst Thema sein, wäre das nicht St. Pauli-like? Erste Kommunikationen zwischen MILLERNTOR GALLERY und 1910 – MUSEUM FÜR DEN FC ST. PAULI e.V. haben ja diesbezüglich auch schon statt gefunden ;)

Der ökonomische Rahmen, in dem sich das ganze, globale Drama rund um sauberes Wasser abspielt, wurde zumindest angedeutet, indem deutlich Front gegen die Privatisierung dessen votiert und Wasser als Menschenrecht verteidigt wurde.

Da können Frau von und zu Wittgenstein und Frank Otto und andere, die auf ganz anderen politischen und Wirtschaftshochzeiten tanzen können als der normale Spender und die gestern da waren, weiter  dran arbeiten. Dass Frank Otto Viva con Agua von Anfang an unterstützt, das ist ihm eh schon schon hoch anzurechnen.

Unsortiertes zu Yücels Plädoyer für kolonialrassistische Regime, das Erbe der “Aufklärung” und was das mit Kunst zu tun hat

Im Grunde genommen ja langweilig, die ewig gleichen Textbausteine von Greiner bis Roenicke, von Fleischhauer bis Tsianos, von Hacke über Scheck bis Yücel zu kommentieren. Sie verharren in ihrer selbst verschuldeter Unmündigkeit, wanzen sich ran an die Macht und hassen mutmaßlich Kommunikation, Kunst und Kreativität.

Und die Freiheit des Anderen geht ihnen eh am Arsch vorbei. Sonst würden sie ja nicht alle den immer gleichen Marsch blasen und dazu im Gleichschritt argumentieren, triefend vor Rassismus, Sexismus, aber ausnahmsweise mal keiner Homophobie. Die aber vermutlich bei nächster sich bietender Gelegenheit im Zuge allgemeiner Besitzstandswahrung, Kritikunfähigkeit und Ego-Absicherung auch aufbricht, um sich als was Besseres fühlen zu können, so wie in Frankreich derzeit.
Es ist mir jetzt zu ermüdend, über Differenzen in der Konnotation von US-Vokabular und jenem in Deutschland zu dozieren (und ich bewundere die Akribie und Geduld Accalmies, das so großartig zu tun ebenso wie die von Halfjill!!!).

Ebenso nervt es mich, über die Ambivalenz der Aneignung diskreditierenden Vokabulars durch Diskreditierte zu sinnieren, das von Nicht-Betroffenen so gerne diskutiert und anempfohlen wird.

“Schwul” ist da ja ein gutes Beispiel; es ist erstaunlich, wie häufig das Wort in abgrenzender Absicht an ganz normalen Arbeitstagen allerorten fällt, von Heten verwendet; wie angewiesen sie darauf sind, es ständig zu thematisieren, um sich als das Andere dessen zu positionieren. Ich war gestern nur einmal wieder verblüfft während meines Broterwerbs: Ständig. Dass “schwul” zu den beliebtesten Schimpfwörtern auf Schulhöfen zählt ist bekannt; ob es nun sinnvoll war, es zur Selbstbezeichnung zu nutzen? Zunehmend sehne ich mich nach von Begriffen freien Sphären des namenlosen Begehrens, das nicht den Kategorien, die zugleich Hierarchien stabilisieren, sich unterwirft. Weil das Abgrenzungsbedürfnis “tolerierender” Heten nur nervt.

Nun ist freilich schon der Einstieg in diesen Text dann hochproblematisch, wenn ich als weißer “Biodeutscher” in Anspielung auf Kant, “selbst verschuldete Unmündigkeit”, Yücel gegenüber die Haltung einnehme, dass ich nun natürlich in Fragen der Kunst die Weisheit mit Silberlöffeln gefressen und der Muttermilch eingesogen habe. Er ist in Deutschland geboren wie ich, wird jedoch ständig erleben, dass er im Sinne des “Migrationshintergrundes” markierbar ist – passiert mir nicht: Privileg. Nadia von Shehadistan konterte neulich köstlich mit “Faschismushintergrund”, den ich als Sohn eines Pimpfes definitiv habe.

Würde ich nun eine Haltung einnehmen wie Yücel in seinem rassistischen Pamphlet (Achtung, Triggerwarnung, schlimmer Text), wäre dies die der Neuen Rechten.

Er adaptiert dort  ein zutiefst kolonialrassistisches Bild: Da die Wilden und “Hysterischen” (das kann man u.a. anderem bei Michel Foucault nachlesen, was die “Hysterisierung der Frau” für eine gesellschaftliche Funktion hat; feministische KommentatorInnen werden bessere Quellen kennen), hier er, der aufgeklärte, um Kunst und Historie wissende Mann, der alles Eigene Kolonisierter in eine barbarische Vorgeschichte überführt; er, der selbstverständlich nur ausnahmsweise mal “die Contenance verliert”.

Das ist eine Reproduktion dessen, was sich z.B. bei Immanuel Kant findet: Der unterscheidet zwischen “Neigung”, die “natürlichen” Impulsen folgt, und sieht so u.a. wörtlich in der “Grundlegung zur Metaphysik der Sitten” die “Südseebewohner” von “Sinnlichkeit affiziert” – und der vorsinnlichen, voremotionalen usw. Vernunft, bei Kant heißt das im Falle der praktischen Vernunft Pflicht.

Das ist das Grundschema des Kolonialismus zudem, Kant war da nicht Ursache, sondern Symptom: Auf der einen Seite die Vernunft, die Zivilisation, die Kultur, die Fähigkeit, das “Natürliche” zu beherrschen, die Geschichte, die von weißen Männern gemacht wird – auf der anderen Seite das “Naturverfallene”, die “Horde”, nicht individualisiert, die nur kreischt und brüllt und trommelt.

Das ist die Perspektive, die sein Text einnimmt, der macht auch vor Pathologisierung nicht halt, und wie bei der Neuen Rechten üblich, tritt das Ganze auch noch als Totalitarismuskritik auf. Während der über den Dingen schwebende Mann nur kurz die Fassung verlor. So pflegt er sich perfekt in den bundesdeutschen Konsens ein, bemüht wie üblich die ja ungeheuer wirkungsmächtigen “K-Gruppen” und vorsichtshalber auch die Prüderie der Katholischen Kirche zur Denunziation der Geotherten.

Das ist freilich das Muster, das nun auch permanent spätestens seit dem 11. September im hehren Kampf gegen “Islamofaschismus” Mehr von diesem Artikel lesen

Mal kurz was zu “Zensur”

Es sei einfach mal ein nicht unbedeutendes Beispiel genannt:

“Mit der Rheinischen Zeitung hatten es die Zensoren besonders schwer, denn deren Journalisten waren sprachlich und juristisch sehr geschickt, ihre Botschaft in scheinbar harmlosen Texten zu verstecken. Die Leser waren wegen der strengen Zensur gewohnt, zwischen den Zeilen zu lesen. Manchmal fiel der gesamte Inlandteil der Zensur zum Opfer. So stand der “Französische Artikel” (der Anfang des Auslandteils) an erster Stelle und es musste zu einem Druck mit größerem Zeilenabstand gegriffen werden. Das behagte der Regierung nicht immer, weil die Gewalt der Zensur auch nicht zu offensichtlich sein durfte. Der Zensor Saint-Paul, der während der letzten zwei Monate für die Rheinische Zeitung zuständig war, praktizierte nach eigenen Angaben eine besondere Art der Zensur: Damit sich die Zeitung selber unbeliebt machen würde, verschonte er wissenschaftlich komplizierte Abhandlungen und Kritik an den Katholiken und an anderen Zeitungen von seiner Zensur.”

Es ließen sich andere “Vorgänge” aus dem Stalinismus, der DDR, südamerikanischen Diktaturen oder der McCarthy-Ära nennen. Pointe ist: Es gab da Staaten oder staatenähnliche Gebilde, die Menschen in den Gulag verfrachteten oder in Bautzen einsperrten, die sie folterten, unter Hausarrest stellten oder ausbürgerten. Die mit eindeutigen und nachhaltig wirksamen Zwangsbefugnissen ausgestattet Menschen zerstörten. Oder sie erst gar nicht leben ließen, was sie wollten: Die CDU weigert sich bis heute, die Opfer des §175 zu rehabilitieren. Der allseits gefeierte Papst war Chef der Inquisition. Mal davon gehört, was deren Historie war? Spanische Stiefel und so? Der hat auch die lateinamerikanische Befreiungstheologie platt gemacht.

In der DDR gab es beispielsweise die “Grünen Elefanten” – man baute z.B. in einen Songtext eine auffällig kritische Passage ein, um eine andere, nicht ganz so auffällige vielleicht durchzubekommen.

Jeder, der in den Medien arbeitet oder im universitären Kontext lehrt und veröffentlicht, weiß um die weichen Formen dessen, um sich ernähren zu können, weil man ja arbeiten gehen muss.Und weiß, dass man keine Aufträge bekommt oder nicht den Lehrauftrag, fügt man sich nicht in weiße, heterosexuelle und männliche Üblichkeiten und zudem noch denen einer Rationalität, die verdinglicht. Das ganze Fernsehprogramm folgt der Maxime “Möglichst keine Schwulen am Nachmittag, und PoC kommen wenn überhaupt nur zu Worte, wenn ein weißer Experte sie flankiert – es sei denn, sie reden über Musik oder kritisieren den Islam”.

Es ist in der bundesrepublikanischen Geschichtsschreibung auch unüblich, das KPD-Verbot in den 50ern unter “Zensur” zu verbuchen, die Berufsverbotspraktik der 70er Jahre oder den Fall Brückner.

Nun wären mir keine persönlichen Konsequenzen für Astrid Lindgren oder Ottfried Preussler bekannt, die von der “Gedankenpolizei” gegen sie ausgingen (Achtung, der verlinkte Text enthält ausgeschriebene N- und Z-Wörter, ist aber ansonsten derart köstlich und treffend, dass man ihn zitieren MUSS:)

“Gedankenpolizei: Sagenumwobener geheimer Arm der →Sprachpolizei. Obwohl noch nie gesehen und obwohl es unklar ist, wie sie operiert, gibt es keine Zweifel an deren Existenz. Einige vermuten, dass sich dieser Spezialtrupp erst in Ausbildung befindet und in der →Zukunft zum Einsatz kommen soll.”

“Sprachhygiene”, “Ende der Literatur”: Die Slogans sind ja gewaltig, die als Angstlustschrei aus weißen wie auch Kanack-Attack-Kehlen dringen.

Dabei ist der Unterschied zu denen, die mit “Grünen Elefanten” arbeiteten, doch offenkundig: Letztere wandten sich gegen tatsächlich Mächtige. Während das so unendlich Unangenehme bei den ganzen Leuten, die Rassismus für Kunst halten und ihn gar ganz unverblümt einfordern ist, dass sie sich einfach nur an die eh schon Herrschenden ran wanzen, so unter sich.

Eben an das weiße, heterosexuelle, männliche Dominanzschema, das im Literaturbetrieb, an Universitäten, in Massenmedien sowieso regiert.

Es ist ein so maßlos billiger Trick, nun ständig die Übermacht und Reglementierungsbefugnis von Leuten herbei zu imaginieren, die abgeschoben werden und Racial Profiling ausgesetzt sind, die keine Chance auf bestimmte Jobs haben, die außer Alice Schwarzer so gut wie gar nicht auftauchen, aber als “Feminazis” angeblich ein Horror-Regime wie jenes der chinesischen Kulturrevolution etabliert haben. Oder die von der größten Regierungspartei fortwährend verfassungswidrig Rechte aberkannt bekommen. Das eint Schwule, Lesben und Hartz IV-Empfänger. Jene im Abschiebeknast oder die, die im Mittelmeer ertrinken, trifft es am härtesten.

Das ist alles so Mario Barth: In Deutschland lacht man ja nicht über Satire. Die reibt sich nämlich an denen, die was zu bestimmen und verfügen haben. Nee, denen kriecht man in den Arsch und feiert sie auf dem Boulevard – bis sie ihre Macht schon verloren haben. Dann tritt man rein mit sadistischer Wucht und unverhohlener Frauenfeindlichkeit wie im Falle Bettina Wulffs..

Aber so genannte “Randgruppen” zu erniedrigen, fortwährend,  das gilt als wahnsinnig komisch, es lebe der Polenwitz, was war der Schmidt doch sophisticated, HARHARHAR – und das Ganze noch als Menschenrecht zu behaupten ist die bittere Pointe. Um es noch mit diesen typisch deutschen Sprüchen “Jede Minderheit hat ein Recht darauf, dass man sich über sie lustig macht”, zu garnieren. Sehr witzig. Mach Dich mal über die Mehrheit lustig und warte ab, was dann passiert …

Und dann liest man prototypisch bei Facebook, dass mit dieser “Sprachpolizei” zu kommunizieren ja sei, wie mit Nazis zu reden.

Ein wenig historische Aufklärung: Die realen Nazis zwangssterilsierten die so genannten “Rheinlandbastarde” unter lustvoller Verwendung des N-Wortes, ergänzt durch “Rassenschande”. Das ist der Sprachgebrauch der KZ-Wärter, der hier zur Disposition steht. “Die schwarze Schmach” war allerdings auch ein Slogan in den 20er Jahren.

Zensur? Breiten Bevölkerungsschichten war es verwehrt, ihre eigene Sprache zu sprechen – die Kolonisatoren verboten es ihnen. Die Nachfahren der Maya sind drum begeistert dabei, sie nun wiederzuentdecken. Cassius Clay nannte sich Muhammed Ali, weil er keinen Sklavennamen tragen wollte. Sklaven, denen es lange Zeit tatsächlich verboten war – die Strafen waren keine minimalen Änderungen in einem Buch, sondern weit drastischere, auf den Plantagen Schimmelmanns, nur einer von vielen dergleichen, denen Hamburg seinen Wohlstand verdankt, wurde Flüchtigen kurzerhand das Bein abgehackt – ZU SCHREIBEN. Selbst, ob man die mittels N… Verunglimpften überhaupt lesen lassen sollte, war hochumstritten.

Und da krakelen irgendwelche Kartoffeln von ZENSUR? Ihr habt sie doch nicht alle beisammen.

Es gab ja durchaus durchgängig scheiternde Versuche, ähnlich wie im Falle von “schwul” eine Positivumwertung des N-Wortes vorzunehmen. Mal ab davon, dass man nur auf Schulhöfe zu lauschen braucht, wie nachhaltig dieser Versuch im Falle von “schwul” wirkte – was für Protagonisten das waren, das kann man hier nach lesen. Der Unterschied ums Ganze ist halt, dass von den Rassismus Betroffenen SELBST diese Versuche unternommen wurden und das Wort einen fundamentalen Bedeutungswandel erfährt, je nachdem, von wem es verwendet wird, von einem Markierten oder einem Unmarkierten. Begriffe, für es kein Äquivalent mit ähnlicher Konnotation für das jeweilige Gegenstück – “weiß” -gibt, sind immer, mal harmlos geschrieben, “Othering”. Die Abweichung von der machtvollen Norm wird bennant. Es gibt keine Äquivalente für “Schwuchtel”, auf Heterosexuelle bezogen, im allgemeinen Sprachgebrauch. Habe noch keine 15jährigen auf der Straße “Scheißhete” schimpfen hören. Die sagen “F …”. Oder “Schwuchtel”.

Und der Unterschied ist zudem der, dass z.B. die Auseinandersetzung Frantz Fanons mit dem Thema hier eben NICHT jedem 14-jährigen in die Hände gedrückt wird, der zuvor “Die kleine Hexe” vorgelesen bekam. Dessen “Schwarze Haut, weiße Masken” wird noch nicht mal mehr auf deutsch verlegt, dabei erzählt schon der Titel eine wichtigere Geschichte als all die Traktate im Feuilleton derzeit. Es wird wieder annähernd durchgängig unter Weißen gequatscht oder aber deren Perspektive eingenommen. KEIN Rekurs auf eine nun auch seit der Harlem-Renaissance und “Dekolonisierung” höchst vitalen Tradition. Kennt hier jemand James Baldwin? Wegen Westbindung und so?

Um all die PoC, die was zu dem Thema zu sagen haben, wegzuzensieren. Die lässt man nämlich keine Leitartikel schreiben. Die müssen ihr Geld anders verdienen, und wenn sie Glück haben, dürfen sie eine Pop-Show moderieren.

Manche – “wo kämen wir denn da hin?” – kommen immer mit dem “dann kann man ja gar nichts mehr sagen” um die Ecke, wenn sie z.B. von “Hirnamputierten” schreiben und man darauf verweist. Der ganze Ableismus in der Sprache ist ja auch wenig diskutiert, und Hirnamputationen nahm man an Schwulen vor, die wurden nämlich lobotomiert.

Kann ja vielleicht gar nicht schaden, das mal fest zu stellen, in was für einer Welt man sich bewegt und vorübergehend zu verstummen. Sprache ist eben nicht neutral, in ihr bilden sich gesellschaftliche Verhältnisse ab – Hierarchien, Machtkonfigurationen, Abwertungen. Auch wenn viele das nicht wahr haben wollen.

Gute Literatur bricht und reflektiert das, macht es zum Thema. Da fängt sie an. Da hört sie nicht etwa auf.

Das Banjo! Kleine, musikhistorische Nebenbemerkung …

… die so nebensächlich aber vielleicht gar nicht: Was auch mir neu war, ist, dass das Banjo, ja zumeist aus US-Folk- und Country bekannt, kein Abkömmling der Laute, sondern eines westafrikanischen Instruments ist, des Akonting. Wie so oft in Pop- und Musikkultur ist mal wieder eine Vorgeschichte verschwunden worden - und zudem ein deutlicher Hinweis darauf gefunden, dass auch ich es mal unterlassen sollte, ständig “afrikanische” Polyrhythmik und westliche Melodieführung und Harmonien gegeneinander auszuspielen. Kann da auch zu meiner Verteidigung immer nur DeeDee Bridgewater anführen, von der ich das zumindest teilweise habe. Und rhythmisch ist die europäische Tradition weniger spannend, weil oft Tänze, auch volkstümliche, verkünstelt wurden. Die “afrikanischen” Harmonie- und Melodieinstrumente sind mir aber tatsächlich neu, während ich die Sitar kannte. Was eben auch mit “westlichen” Perspektiven, was als “Hochkultur” anerkannt wurde – Indien ja –  und was nicht, zu tun hat.

Um so mehr freut es mich, dass Instrumente wie Kora mitten in Hamburg gelehrt werden, ebenso Saz und Oud - und das auch nicht von weißen Adepten. Was nun auch allerlei Okkupierungs-, Exotisierungs- und Enteignungsgefahren in sich birgt, aber immer auch die Möglichkeit, durch Perspektiven auf Musik jenseits der “westlichen” Tradition seinen Horizont zu erweitern und vom Hochkultur-Ross abzusteigen – stattdessen zu lernen.

Wo habe ich neulich noch gelesen, dass sich jemand darüber ärgerte, dass irgendwo Tablas gespielt wurden, aber mal wieder keiner sich damit beschäftigt hat, woher die Dinger kommen und was für eine Bedeutung sie hatten? Zumindest die App DrumJam gibt sich Mühe, in kurzen Erklärungen die dort simulierten Percussion-Instrumente mal kurz zu erläutern in einer Art Tutorial – wobei der animierte Conga-Spieler im Feld unten ziemlich albern ist. Und auch da eine Schweizer Fortentwicklung der Steeldrums als “Hang” auftaucht, wenn ich es richtig lese – dabei ist auch in deren Fall die Vorgeschichte eine, die zur Kenntnis zu nehmen so gar nicht schaden kann:

“Das Instrument wurde in den 1930er Jahren auf Trinidad erfunden und ist dort das Nationalinstrument.[1] Die britischen Kolonialherren verboten den Einheimischen das Trommeln auf afrikanischen Schlaginstrumenten. Deshalb suchte die Unterschicht Trinidads nach neuen Möglichkeiten des musikalischen Ausdrucks. In diesem Inselstaat spielt die Erdölproduktion eine wichtige Rolle und hat erheblich zur Industrialisierung von Trinidad beigetragen. Somit entstanden die ersten Steel Pans aus ausrangierten Ölfässern, die es in Trinidad aufgrund der Ölindustrie im Überfluss gab.”

Ganz egal, ob man nun den großen Saxophonisten, Coleman Hawkins, Ben Webster zum Beispiel – immerhin ist das Saxophon die Erfindung eines Belgiers, basierend freilich auf der Klarinette, deren Vorläufer aus dem iranisch-türkischen Raum stammten – hinterher googelt oder dem Banjo, man findet immer dermaßen vieles, was so völlig neben “westlichen” Hochkulturselbstbildern angesiedelt ist, dass es sich lohnt! Wenn man denn neugierig statt selbstgefällig bleiben will.

Die Saxophon-Dialoge – Folge 1

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Da liegt er nun. Silbern. Massiv. Schwer. Voller Klang. Einer, der ordentlich röhren kann, doch auch in den Tiefen dieses rauchige Hauchen hervor bringt, das ein Tenor-Saxophon zu schenken vermag. Eines, das an schummerige Bars mit knackigen Keepern in steifen Hemden mit Weste erinnert, das den Geschmack von Gin oder Scotch oder Martini auf Lippen und Zungen zaubert. In dem die Melancholie der Wissenden wohnt, die Sehnsucht derer, die alles schon erlebt zu haben glauben und deren Wollen nur mehr einem Glimmen gleicht, das doch so stetig leuchtet wie kein Strohfeuer juveniler Intensitätshoffnungen dieses jemals zustande brächte. Dieses lauernde Trotzdem in der Resignation, das sich Tönen, so geschmeidig und variantenreich wie jenen der menschlichen Stimme, hingibt, die locken, auch in die Distanz schubsen, röcheln und schmeicheln.

Er hat rote Knöpfe, mein neuer Freund. Selbstverständlich ist ein Saxophon für mich männlich, gerade der Tenor. Er lag in einem Keller in Klein-Borstel zusammen mit schicken, teureren, neuen Instrumenten und hat auf mich gewartet. Gerade neulich so ein Billig-China-Instrument getestet im Weltkriegsbunker unweit des Millerntores; das flatterte, klang blechern, stieß weg. Ein Alt der selben Marke hatte einen schönen Klang, aber ich liebe doch Tenöre …

Da lockte mich, im Internet und auch im Preis halbiert, mein neuer Weggefährte. Ganz unsexy als VEB belabelt. Hatte einst auch ein DDR-Instrument, ein Tenor, das ich liebte. Einem Freund geliehen, nie wieder bekommen. So hat er mich verlassen: Durchgebrannt mit einem Anderen.

Die Saxophonbauerin schloss die Stahltür hinter mir. Einem, der seit 20 Jahren kaum einen Ton auf so einem Rohr spielte, will man nicht lauschen. Er strahlte mich mit starker Aura an; Gebrauchsspuren zeigten: Er wurde geliebt. Die Lackierung auf Dis- und C-Klappe weg gespielt, er strahlt die Erfahrung derer aus, die mit Anderen viel erlebt, sich eingelassen haben. Ich setze an, leicht zitternd, fürchte mich vor dem Quietschen, das nun folgen würde.

Es bleibt aus. Sanft, samtig, liebevoll dringen die stockend angespielten Laute aus dem Horn. Später, vor Publikum, da bleibt es aus, klingt schief. Wir müssen uns noch ein wenig kennen lernen, ohne, dass störende Blicke und Ohren uns ihre Label aufkleben. Dialoge müssen her.

VEB. Ich googel herum, das frisch erworbene Instrument, das mir gleich vertrauensvoll Einblicke in die Welt seiner Sounds und somit Gefühle gewährte, ist älter, als sie in der Werkstatt dachten. Irgendwann zwischen 1950 und 1952 muss es in einem verstaatlichten Instrumentenbauerbetrieb gebaut worden sein. In Klingenthal im Vogtland, gar nicht weit entfernt vom Angstgegner Aue. Dort haben Einheimische 1994 laut Wikipedia eine Gedenkstätte für Nazi-Opfer abreißen lassen. Und nennen sich “Musikstadt”. Sehr musikalisch, Erinnerungen tilgen, ist das nicht. Drum trendy.

Im 19. Jahrhundert war Klingenthal wohl eine der wichtigsten Produktionsstätten für die Vorläufer des Akkordeons.

Mein neuer Freund: Also noch zu Zeiten des Terrors Stalins gebaut. Nach dem Vorbild von US-Instrumenten, den Conn-Saxophonen. Hoffe, dass auf ihm keine Militärmusik gespielt wurde, sondern sich tarnender Swing und Rock’nRoll. Wurde ja in Orchestern so gemacht, “See you later, Alligator” einspielen, es aber anders nennen, damit keiner es merkt in Einstufungskommissionen und anderen Vorläufern öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten und sonstigen Casting-Shows.

Überhaupt war der Jazz das Gegenbild zum sozialistischen Realismus (das ist das, was jene fordern, die mir sagen, ich solle mal knackiger und weniger verschwurbelt schreiben) und deshalb als widerständige Form auch in der CSSR und Polen sehr beliebt. Vielleicht wurde auf meinem Instrument der Marke “Akustik” ja auch so was gespielt?

Ich werde es vielleicht erfahren, wenn wir uns jetzt näher kennen lernen. Und berichten. Von dem FC St. Pauli-Bläsersatz, der sich heute bei Twitter schon fast formte und eines Tages bei Spielen supporten wird. Vom Wiederentdecken John Coltranes. Von all den Erfahrungen, die ich mit meinem neuen Gefährten sammeln werde, den Geschichten und Assoziationen, die unsere Entdeckungsreise weckt, herauf beschwört, im kreativen Raum des Nichts entstehen lässt.

Ich bin frisch verliebt in einen echten Tenor-Kerl, wahrscheinlich
Jahrgang 1952, aus dem sächsischen Vogtland. Wenn mir das wer vor einer Woche erzählt hätte …

And the Winner is: Die Kartoffel!

Spooky.

Butler-Debatte, Beschneidungsdiskussion, “Selbst schuld, der Scheißrabbiner!” (via Bov Bjerg, Twitter)

Liest man den den Text von Frau Knobloch, der mich zumindest sehr berührt hat, und den in der Jüdischen Allgemeinen parallel, der mich nicht minder schlucken ließ, ist doch erstaunlich, wie die Perspektiven differieren.

Frau Knobloch richtet sich aufgrund der Beschneidungsdebatte an die deutsche Mehrheitsgesellschaft und deren diskreditierende Besserwesserei, die in jüdisches Leben in Deutschland hinein regieren will. Die Erfahrungen des Jüdischseins in einer von ihr als dominant erlebten, säkulären Gesellschaft sollen so eingeebnet und vernichten werden.

Und sie fragt nicht zufällig, ob die Mehrheitsgesellschaft jüdisches Leben in Deutschland haben will.

Sie selbst stellt den Bezug zu Israel-Diskussionen her.

Ich frage mich aber zunehmend, ob sie damit nicht in eine Falle tappt, die Personal im Springer-Verlag und anderswo rund um den 6-Tage-Krieg aufstellten. Eben diesen Trick der Neuen Rechten, sich vermeintlich offensiv pro-isrealistisch zu geben, um rassistisch agitieren zu können – und damit meine ich die “pro-westliche”, Neue Rechte im Allgemeinen, nicht exklusiv die in Israel. Die Leute bei Springer waren gelernte Antisemiten, die das für sich entdeckten und in Israel ihre Ersatz-Arier suchten. Solche, deren Solidarität mit Juden sehr schnell endet, wenn es um die Beschäftigung mit deutscher Vergangenheit geht. Oder um den Papst.

Ich frage mich zudem, ob nicht stattdessen die Diskussion viel mehr anhand eines zunehmenden Antisemitismus in ganz Europa zu führen ist und dabei zwischen einem “traditionalen” in Osteuropa und einem postkolonialen zum Beispiel in Frankreich unterschieden werden muss. Und wenn das so ist, Mehr von diesem Artikel lesen

Respekt! Nur: Vor wem oder was?

Ich greife das auch hier noch mal auf; hier ist schon was spontan Kommentiertes. Stpauli.nu hat mir eine schöne Vorlage geliefert, und dass ich nun mit Moralphilosophie-Light-Abhandlungen zur Lösung des Problems noch weniger beitrage als jede Plakataktion, das ist mir schon klar.

Es geht um das folgende Plakat:

und stpauli.nu kommentiert:

“Probleme habe ich, wenn ich Begriffe wie “Normen und Werte” lese – dann wird es mir unwohl, denn ich vollziehe sofort den Gegengedanken: “Was wäre, wenn das der Innensenator oder ein CSU-Mitglied sagen würde?” – das hat mir schon viel Ärger eingebracht, auch unter St. Paulianern, dass ich darauf dränge da sehr eng zu differenzieren. Und in der Tat: wie schmal ist er  denn, der Grat auf dem wir uns bewegen? Wenn es um das Abwehren von Gewalt beim Schweinske Cupgeht, das “beschützen” unserer Lokale und der eine Schritt weiter nur für Eingeweihte sichtbar wird, das, wofür St. Pauli steht “nur” als Vorwand zu nehmen. Stil ohne Sinn, die andere Seite der Medaille. Derselben dummerweise.”

Das knüpft ja an sowohl an an die PC-Debatten als auch an “Integrationsdiskurse”.

Sowohl das Plakat – gegen jede Diskriminierung! Gegen Gewalt! – als auch das, was stpauli.nu dazu schreibt.

Mit “Werten” habe ich auch ein Problem. Das Sprachuniversum, in dem von “Werten” geredet wird, ist oft voll von willkürlichen Setzungen und dem Erfinden von Traditionen. Das sind meistens Mehr von diesem Artikel lesen

Die Linie, die Fläche, das Serielle – und wieso manche St. Paulianer mal in Puccini-Opern gehen sollten

Da habe ich mir mit der Überschrift jetzt aber wirklich was eingebrockt. Der ersten Hälfte. Die stand da schon, bevor ich zu schreiben begonnen habe, die zweite Hälfte kam später hinzu. Klar, wegen Florian Bruns, das ist hier schließlich u.a ein Fanblog für ihn.

So was wie die Überschrift kommt davon, wenn man Sonntags mit dem iPad spielt. Irgendwas entsteht und ich frage mich, was da jetzt eigentlich entstanden ist. Sinniere über Hell-Dunkel-Malerei und wie cool Cézanne eine ganz andere Art der Räumlichkeit mit Farbe erzeugte, etwas, das mir noch nie gelungen ist. Seine feinen, schwarzen Linien neben Ocker sind mir trotzdem Leitlinien, sozusagen.

Grübele auch über die Frage, wieso ein Foto, das vorgibt, abzubilden, wenig nur von den Emotionen dessen einfängt, der fotografiert. Ja, okay, es stellt indirekt einen Gegenstandsbezug her, und bestimmt sieht man, ob jemand, der fotografiert, in den verknallt ist, den er fotografiert, oder auch nicht. Vielleicht versucht er sogar, etwas gar nicht ganz so schönes einzufangen, weil er glaubt, die Gefühle blendeten ihn und würden dadurch gar verfälschen, und so fotografiert er Haare in Suppen. Oder er widmet sich zum Beispiel einer ihn maßlos faszinierenden Schulter und ist enttäuscht, dass sich das Faszinierende einfach nicht einfangen lässt.

Da empfinde ich Malerei als die spannendere Methode. Man kann mit dem Pinsel Schultern wundervoll erkunden, und diese iPad-Methode, auf Fotos mit dem Finger Linien nachzuziehen, die ist auch etwas sehr Eigentümliches, Schönes, fast Intimes.

Etabliert man freilich ein Prinzip, das einen Stil definieren soll, dann verliert man ggf. den Gegenstand aus dem Auge. Und das ist es übrigens, was zum Beispiel Fernsehen oder auch viele Krimis, die man liest, so schlecht macht – da wird “formatiert” und auch “geplottet”, und so verschwindet häufig das, was doch eigentlich in Bild oder Sprache überführt werden sollte. Gegen so was haben Philosophen wie Adorno angeschrieben, obgleich auch die für ihn paradigmatische Zwölftonmusik mit Reihen arbeitet. Aber im Sinne einer Gleichwertigkeit der Töne, wenn ich das richtig verstanden habe, und somit einer Priorität des Materials, das als Historisches verstanden wird.

Und so beginne ich auf einmal zu sinnieren über in paar Grundfragen der bildenden Kunst.

Da das aber niemanden interessiert -

also, eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, über Wanderdünen, Wüsten, Watt, Sand in den Schuhen aus Hawaii zu witzeln, als ich so in Richtung Stadion spazierte, ging ja gegen Sandhausen, Mehr von diesem Artikel lesen

Eine Zwischenbilanz zum tausendsten Blogeintrag

Das Unerfreuliche

Anlässlich des tausendsten Eintrags in diesem Blog, nach der wohl begründeten Flucht vor Shifting Reality ins Leben gerufen, kann ich ja mal vor mich hin schwurbeln und vielleicht so etwas wie ein kleines Fazit ziehen.

Ausgestiegen aus dem Gemeinschaftsblog war ich, weil mir zunehmend auf die Nerven fiel, dass sich inmitten der linken Theoriebildung immer mehr als “Neoliberalismuskritik” getarnte, homophobe Einsprengsel fanden. Und auch, weil mir in Fragen des Rassismus die je eigene Rolle, also das, was “Critical Whiteness” meint, dort im Grunde genommen nicht als mehr thematisierbar erschien.

So traurig das ist, für mich, für andere, hat sich das im Zuge des Bloggens hier fortwährend bestätigt, dass das so ist. Es gab Phasen, da brauchte ich nur Jean Genets “Querelle” thematisieren, und irgendwer rastete in der Kommentarsektion mit Sicherheit homophob aus. Auch Judith Butler nur erwähnen führte zu wirklich absurden Kommentarschlachten – wohlgemerkt NICHT wegen der Israel-Frage (einmal aber doch).

Ob nun linksliberal, linksradikal oder linksistdochegalaberirgendwiedochlinks, viele in diesen Szenen Geprägte haben viel zu häufig ein akutes Problem damit, auch nur zuzuhören, wenn es um marginalisierte Perspektiven geht, um Erfahrungsräume, nicht die ihren sind. Sie reagieren hochaggressiv auf Hinweise diesbezüglich, tun alles dafür, ihre eigenen Biographien und Lebenswelten als einzig relevantes Thema und Kriterium durchzusetzen und greifen im Konfliktfall auf bewährte, rechtsliberale Schemata zurück, um Abweichendes möglichst in Gruppen zusammen gerottet auch weiterhin marginalisieren zu können.

Diese Leute ertragen “Deviante” nur, wenn diese den ganzen Tag die “Danke, Massa, dass Du mich tolerierst”-Haltung einnehmen.

Was ich noch nicht verstanden habe, ist, ob das nun Ängste sind, ob echter Widerwille  und echte Abneigung sich zeigen oder einfach nur Ego-Reflexe einsetzen, die dann entstehen, wenn antrainierte Schuldgefühle – unter anderem – mobilisiert werden. Die in einer merkwürdigen Opferhaltung anschließend denen vorgeworfen werden, die nichts anderes tun, als sich auch mal zwischendurch mal Gehör sich zu verschaffen. Oder ob sie es einfach nicht ertragen, wenn sie mal nicht der Plenums-Platzhirsch sind. Geht mir dabei ja nicht um eine konkrete Person, sondern um einen weit verbreiteten Habitus, der alle nervt, die auf ähnlichen inhaltlichen Feldern ackern wie ich. Und ich als weißer Mann haben die ganz krassen Formen des Mobbings, wie sie am heftigsten PoC-Frauen erleben, tatsächlich auch noch nicht erleiden müssen.

Trotzdem ein Dankeschön an all die Rausgeworfenen! Ich habe da zwar vieles gelernt, was ich nie lernen wollte, aber was ja gut zu wissen ist.

Das Erfreuliche

Was mich täglich freut, ist, dass der Kontakt zu der feministischen Welt sich so intensiviert hat. Ich erlebe sie als hochinspirierend, freue mich, wenn mir zum Geburtstag als erstes Nadine Lantzsch bei Twitter und Antje Schrupp bei Facebook gratulieren, die über verschiedene Facetten feministischen Denkens schreiben. Ich finde beides sehr lehrreich, sehr spannend, sehr bereichernd wie auch die Mädchenmannschaft und ihr Umfeld im Allgemeinen. Und lese da gerne zu.

Viele der Twitter- und Facebook-Kommunikationen sind hier ja gar nicht mehr sichtbar, da hat sich auch was verschoben. Ich habe tatsächlich eher biographisch, nicht sachlich begründet lange Zeit einen Bogen um den Feminismus gemacht; aktuell erscheint er mir produktiver als vieles, was im klassischen Antifa-Spektrum diskutiert wird. Gerade auch da, wo das, was man wohl, bin ja nicht mehr der Jüngste und nicht immer firm in aktueller Theoriesprache, aktuell Intersektionalität nennt, gedacht wird. Da, wo die Identitäten und Unterschiede zwischen rassistischen, sexistischen und homophoben Strukturen offen gelegt werden. Was, glaube ich, für alle die große Aufgabe ist, ist, das Ganze rückzukoppeln an die Themen der Kritik der politischen Ökonomie. Das kann aber auch mein Problem sein und alle anderen sind längst dran.

Ebenso erfreulich finde ich die Intensivierung all der Kontakte rund um den FC St. Pauli. Auch da gab es ja durchaus Kontroversen, die in fast, leider nur fast, allen Fällen sich aber auflösen ließen.

Umgekehrt sind, nachdem ich ja jahrelang eher unbemerkt hier rund um diesen, meinen heiß geliebten Fussballverein bloggte, zuerst Dank Twitter und die Verlinkungen durch stpauli.nu und dessen riesige Facebook-Gruppe, immer mehr sehr schöne persönliche Kontakte, Freundschaften, Solidaritäten und Zwischenmenscheleien entstanden, die ich echt nicht missen möchte. Das ist eine tolle, vielseitige, lebendige Community mit so vielen großartigen und einzigartigen Individuen, da fühle ich mich doch sehr zu Hause. Will jetzt gar nicht alle aufzählen, dann vergisst man eh nur wen oder welche, die einem besonders an Herz gewachsen ist. Dass unter anderem über das Lichterkarussell auch eine Anbindung an die Perspektive der Jüngeren erfolgte, dass lässt doch Vertrauen in all die Möglichkeiten gesellschaftlichen Wandels wachsen. Und ich bin weiterhin überzeugt, dass er möglich ist, der Wandel!

Der Ausblick

Von Anfang an habe ich hier zumindest versucht, ein wenig neben Spur und antisystematisch auch in der sprachlichen Form mich zu bewegen, teils auch in den hoch geladenen Bildern übliche Darstellungsweisen zu verschieben. Auch Fussballerkörper haben ein Recht darauf, mal jenseits der Klischees der Sportfotografie abgebildet zu werden, und da haben wir ja auch Fotografen im Stadion, die das können.

Keine Ahnung, wie weit dieses Anliegen, sprachlich wie bildnerisch, mir wirklich gelang, ist aber der Sinn des Blogs für mich eben auch.

Ich bekam heute bei twitter von der mir bis dato unbekannten @h4rri3t den wundervollen Tweet, sie läse hier gerne und wünsche mir noch viele schwurbelige Ideen. Das hat mich gefreut!

Zu den wirklich ärgerlichsten und frustrierensten Erfahrungen gehörte für mich, dass dann, wenn ich mal wieder einfach nur herum spielte und probierte mit Sprache, um Wege zu erkunden, vielleicht Unbegriffenes in den Begriff zu bekommen, oberlehrerhafte Reaktionen, sinngemäß wie “Das ist doch nur noch zusammen assoziierte Scheiße, schreib gefälligst wie angelernt!” auf mich prallten. Da ich nun aber genug anderslautende Reaktionen eben auch immer wieder empfange, schwurbele ich mal weiter. Und auch, weil es mir Spaß macht :D

Dahinter steht ja schon auch eine ernst zu nehmende Problematik, nämlich die, welche ästhetischen Formen vielleicht dazu in der Lage sind, das aufzubrechen, was im kritischen Teil dieses Blogs als Kackscheiße (seit Welding schreibe ich das Wort supergerne) identifiziert wird.

Das ist so eine Art Lebensthema für mich, und da baue ich immer mal wieder viel Mist, aber manchmal gelingt ja auch was. Am meisten Raum bieten da lustigerweise die Spielberichte, weil man vom objektivierenden Referat auf die Ebene der Erfahrung gehen kann und so ein Joch abwirft, das den Sprach-Ochsen vor den immer gleichen Karren spannt.

Dieses Blog ist in der Hinsicht auch “Probierzone”, weil ich zunehmend, anders als noch zu Zeiten meines Examens, dazu tendiere, die literarischen und künstlerischen Techniken als die gewichtigeren gegenüber den argumentativen zu begreifen. Und immer da, wo jemand “objektiv!” ruft, die Repression des Biedermanns am Wirken ist.

Für mich war die poststrukturalistische Kritik des Subjekts immer dahingehend zu lesen, dass sie eine unreglementierte Subjektivität ermöglichen könnte – und somit auch gelingende Intersubjektivität. Und das ist eben was anderes als plumpe Psychologisierungen – letztere waren das Ziel der Kritik von Barthes und Foucault.

Was nun aber “unreglementierte Subjektivität” heißen kann, die nicht einfach eigene Befindlichkeiten an marginalsierten Gruppen abarbeitet, so wie Frau Reiche von der CDU das aktuell tut, das ist eine utopische Frage. Aber man kann ja schon mal rumprobieren.

Und das mache ich ja die ganze Zeit parallel im Falle der eBook-Soap “2020 – Tales of St. Pauli“. Gar nicht so einfach. Schon deshalb, weil ich mich letztlich immer schon mehr an Popkultur als an künstlerischer Avantgarde orientiert habe und eher die Narrative des Thrillers anwende, in ihrem Rahmen schreibend spiele. Und fest stelle, dass, wenn ich im dystopischen Raum das Utopische suche, auf einmal ganz ähnliches schreibe wie John Shirley in in “Stadt geht los”, und das, ohne das Buch je gelesen zu haben. Habe es mir jetzt besorgt.

Auch das meinten ja Denker wie Roland Barthes in Schriften wie jener zum “Tod des Autors” – dass sowieso die Sprache spricht, nicht der Autor, aber das eben auf seine Art :D … und dass ich in einem symbolischen Feld unterwegs bin, in dem ich Dinge weiß, die ich gar nicht kenne. Ein Mysterium.

Übrigens folgt all das Probieren und Entwerfen dem zu Shirley ziemlich entscheidenden Unterschied, dass er im Punk-Szenario, Barthes würde wohl vom Phantasma schreiben, des CBGB agierte, an Patti Smith orientiert, während ich instinktiv eher in die Disco- und House-Tradition hinein gehe.

Das dann mit dem FC St. Pauli und anderen Fragestellungen dieses Blogs zu verbinden und doch ganz konservativ eine lineare Geschichte mit einem Figurenensemble in die Welt zu setzen, das macht einen Riesenspaß. Man erwarte keine große Kunst, ich bin letztlich doch ein Pop-Heini. Aber ich hoffe, es wird unterhaltsam und trotzdem nicht nur Klischee.

In diesem Sinne: Einen ganz herzlichen Dank an alle, die hier mitlesen und mitkommentieren!

Und ein ganz besonderer Dank geht auch an Loellie und T. Albert für all die Jahre. Jawohl!

BILD distribuiert Unions- und Kolumnistenhetze gegen Lesben und Schwule – eine koordinierte Kampagne?

Es gibt Verlinkbares und Unverlinkbares. Die Kolumne in der BILD des sprachlich manchmal interessanten, inhaltlich eigentlich zu ignorierenden Franz Josef Wagner gehört zu letzterem – zwar hat hat er nicht geschrieben, dass Juden doch froh sein sollten, dass man sie heute nicht mehr deportiert und vergast werden. Auch fordert er nicht, ihnen den Status einer Religionsgemeinschaft abzuerkennen. Aber sie sollten sich bitte auch nicht darüber aufregen, dass Synagogen inmitten Berlins ständigen Polizeischutz benötigen, bitteschön, das zu schreiben wäre das Äquivalent.

Anderen Bevölkerungsgruppen, die Opfer der Nazis waren, will er nämlich das Adoptionsrecht nicht gewähren, wenn ich das richtig verstanden haben. Er schreibt auch noch direkt an Schwule adressiert, dass es ihnen doch gut ginge wie nie, sie müssten ja nicht mehr im Zuchthaus sitzen. Ach, Dankeschön. Nein, nicht im KZ sitzen hat er nicht geschrieben. Und ja, meiner Ansicht nach ist das Hetze, denn es beinhaltet in meiner Lesart die Drohung von Mehrheitsgesellschaftlern, man solle doch bitte die Schnauze halten, sie könnten schließlich auch anders.

Lesben hat er, typisch, glaube ich, nicht erwähnt, ich mag das nicht noch mal lesen – die wurden halt zur Zeit der Zuchthäuser für Schwule wahlweise in Zwangsehen, eingegangen aus sozialem Druck, um sich zu tarnen, vergewaltigt und zuvor von den Nazis als Asoziale verfolgt. Ergänzungen nehme ich gerne entgegen.

Dass zumindest mit der Intention des unter Ägide der CDU in die BRD übernommenen Nazi-Paragraphen §175 (SPD und Kommunisten waren allerdings kein Deut besser zu jener Zeit und Liberale oft Ex-Nazis) sich mutmaßlich manche in dieser Partei noch heute identifzieren, wird aus Aussagen wie der folgenden deutlich:

“”Die Zukunft Deutschlands liegt in Familie, Kindern und Ehe, nicht in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften”, polterte Stefan Müller, der Parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Bundestag.”

Dem hätte auch die NSDAP fraglos zugestimmt. Und bevor jemand über die “Nazi-Keule” wettert, die ich angemessenerweise auch in anderen Blogs schon gelesen habe: Wie weit sich die Union vom demokratischen Konsens des “Nie wieder!” entfernt hat, zeigt ja diese Agitation gegen Opfergruppen des “3. Reiches”. Und nein, es hat noch niemand wieder strafrechtliche Maßnahmen gegen homosexuelle Praktiken gefordert, aber was will Herr Müller denn bitte damit sagen als “Besser, solche wie DIE DA gäbe es gar nicht? Solche, die uns die Zukunft nehmen?” Die massenhaften Selbstmorde schwuler Teenager in den USA würde er somit mutmaßlich als vorbildlich ansehen.

Ich haue mich ja schon immer weg, wenn mutmaßliche und tatsächliche Väter wie Kauder und Bosbach über das “Kindeswohl” bei der Adoptionsrechtsfrage lamentieren. Ich Mehr von diesem Artikel lesen

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