Das Unerfreuliche
Anlässlich des tausendsten Eintrags in diesem Blog, nach der wohl begründeten Flucht vor Shifting Reality ins Leben gerufen, kann ich ja mal vor mich hin schwurbeln und vielleicht so etwas wie ein kleines Fazit ziehen.
Ausgestiegen aus dem Gemeinschaftsblog war ich, weil mir zunehmend auf die Nerven fiel, dass sich inmitten der linken Theoriebildung immer mehr als “Neoliberalismuskritik” getarnte, homophobe Einsprengsel fanden. Und auch, weil mir in Fragen des Rassismus die je eigene Rolle, also das, was “Critical Whiteness” meint, dort im Grunde genommen nicht als mehr thematisierbar erschien.
So traurig das ist, für mich, für andere, hat sich das im Zuge des Bloggens hier fortwährend bestätigt, dass das so ist. Es gab Phasen, da brauchte ich nur Jean Genets “Querelle” thematisieren, und irgendwer rastete in der Kommentarsektion mit Sicherheit homophob aus. Auch Judith Butler nur erwähnen führte zu wirklich absurden Kommentarschlachten – wohlgemerkt NICHT wegen der Israel-Frage (einmal aber doch).
Ob nun linksliberal, linksradikal oder linksistdochegalaberirgendwiedochlinks, viele in diesen Szenen Geprägte haben viel zu häufig ein akutes Problem damit, auch nur zuzuhören, wenn es um marginalisierte Perspektiven geht, um Erfahrungsräume, nicht die ihren sind. Sie reagieren hochaggressiv auf Hinweise diesbezüglich, tun alles dafür, ihre eigenen Biographien und Lebenswelten als einzig relevantes Thema und Kriterium durchzusetzen und greifen im Konfliktfall auf bewährte, rechtsliberale Schemata zurück, um Abweichendes möglichst in Gruppen zusammen gerottet auch weiterhin marginalisieren zu können.
Diese Leute ertragen “Deviante” nur, wenn diese den ganzen Tag die “Danke, Massa, dass Du mich tolerierst”-Haltung einnehmen.
Was ich noch nicht verstanden habe, ist, ob das nun Ängste sind, ob echter Widerwille und echte Abneigung sich zeigen oder einfach nur Ego-Reflexe einsetzen, die dann entstehen, wenn antrainierte Schuldgefühle – unter anderem – mobilisiert werden. Die in einer merkwürdigen Opferhaltung anschließend denen vorgeworfen werden, die nichts anderes tun, als sich auch mal zwischendurch mal Gehör sich zu verschaffen. Oder ob sie es einfach nicht ertragen, wenn sie mal nicht der Plenums-Platzhirsch sind. Geht mir dabei ja nicht um eine konkrete Person, sondern um einen weit verbreiteten Habitus, der alle nervt, die auf ähnlichen inhaltlichen Feldern ackern wie ich. Und ich als weißer Mann haben die ganz krassen Formen des Mobbings, wie sie am heftigsten PoC-Frauen erleben, tatsächlich auch noch nicht erleiden müssen.
Trotzdem ein Dankeschön an all die Rausgeworfenen! Ich habe da zwar vieles gelernt, was ich nie lernen wollte, aber was ja gut zu wissen ist.
Das Erfreuliche
Was mich täglich freut, ist, dass der Kontakt zu der feministischen Welt sich so intensiviert hat. Ich erlebe sie als hochinspirierend, freue mich, wenn mir zum Geburtstag als erstes Nadine Lantzsch bei Twitter und Antje Schrupp bei Facebook gratulieren, die über verschiedene Facetten feministischen Denkens schreiben. Ich finde beides sehr lehrreich, sehr spannend, sehr bereichernd wie auch die Mädchenmannschaft und ihr Umfeld im Allgemeinen. Und lese da gerne zu.
Viele der Twitter- und Facebook-Kommunikationen sind hier ja gar nicht mehr sichtbar, da hat sich auch was verschoben. Ich habe tatsächlich eher biographisch, nicht sachlich begründet lange Zeit einen Bogen um den Feminismus gemacht; aktuell erscheint er mir produktiver als vieles, was im klassischen Antifa-Spektrum diskutiert wird. Gerade auch da, wo das, was man wohl, bin ja nicht mehr der Jüngste und nicht immer firm in aktueller Theoriesprache, aktuell Intersektionalität nennt, gedacht wird. Da, wo die Identitäten und Unterschiede zwischen rassistischen, sexistischen und homophoben Strukturen offen gelegt werden. Was, glaube ich, für alle die große Aufgabe ist, ist, das Ganze rückzukoppeln an die Themen der Kritik der politischen Ökonomie. Das kann aber auch mein Problem sein und alle anderen sind längst dran.
Ebenso erfreulich finde ich die Intensivierung all der Kontakte rund um den FC St. Pauli. Auch da gab es ja durchaus Kontroversen, die in fast, leider nur fast, allen Fällen sich aber auflösen ließen.
Umgekehrt sind, nachdem ich ja jahrelang eher unbemerkt hier rund um diesen, meinen heiß geliebten Fussballverein bloggte, zuerst Dank Twitter und die Verlinkungen durch stpauli.nu und dessen riesige Facebook-Gruppe, immer mehr sehr schöne persönliche Kontakte, Freundschaften, Solidaritäten und Zwischenmenscheleien entstanden, die ich echt nicht missen möchte. Das ist eine tolle, vielseitige, lebendige Community mit so vielen großartigen und einzigartigen Individuen, da fühle ich mich doch sehr zu Hause. Will jetzt gar nicht alle aufzählen, dann vergisst man eh nur wen oder welche, die einem besonders an Herz gewachsen ist. Dass unter anderem über das Lichterkarussell auch eine Anbindung an die Perspektive der Jüngeren erfolgte, dass lässt doch Vertrauen in all die Möglichkeiten gesellschaftlichen Wandels wachsen. Und ich bin weiterhin überzeugt, dass er möglich ist, der Wandel!
Der Ausblick
Von Anfang an habe ich hier zumindest versucht, ein wenig neben Spur und antisystematisch auch in der sprachlichen Form mich zu bewegen, teils auch in den hoch geladenen Bildern übliche Darstellungsweisen zu verschieben. Auch Fussballerkörper haben ein Recht darauf, mal jenseits der Klischees der Sportfotografie abgebildet zu werden, und da haben wir ja auch Fotografen im Stadion, die das können.
Keine Ahnung, wie weit dieses Anliegen, sprachlich wie bildnerisch, mir wirklich gelang, ist aber der Sinn des Blogs für mich eben auch.
Ich bekam heute bei twitter von der mir bis dato unbekannten @h4rri3t den wundervollen Tweet, sie läse hier gerne und wünsche mir noch viele schwurbelige Ideen. Das hat mich gefreut!
Zu den wirklich ärgerlichsten und frustrierensten Erfahrungen gehörte für mich, dass dann, wenn ich mal wieder einfach nur herum spielte und probierte mit Sprache, um Wege zu erkunden, vielleicht Unbegriffenes in den Begriff zu bekommen, oberlehrerhafte Reaktionen, sinngemäß wie “Das ist doch nur noch zusammen assoziierte Scheiße, schreib gefälligst wie angelernt!” auf mich prallten. Da ich nun aber genug anderslautende Reaktionen eben auch immer wieder empfange, schwurbele ich mal weiter. Und auch, weil es mir Spaß macht
…
Dahinter steht ja schon auch eine ernst zu nehmende Problematik, nämlich die, welche ästhetischen Formen vielleicht dazu in der Lage sind, das aufzubrechen, was im kritischen Teil dieses Blogs als Kackscheiße (seit Welding schreibe ich das Wort supergerne) identifiziert wird.
Das ist so eine Art Lebensthema für mich, und da baue ich immer mal wieder viel Mist, aber manchmal gelingt ja auch was. Am meisten Raum bieten da lustigerweise die Spielberichte, weil man vom objektivierenden Referat auf die Ebene der Erfahrung gehen kann und so ein Joch abwirft, das den Sprach-Ochsen vor den immer gleichen Karren spannt.
Dieses Blog ist in der Hinsicht auch “Probierzone”, weil ich zunehmend, anders als noch zu Zeiten meines Examens, dazu tendiere, die literarischen und künstlerischen Techniken als die gewichtigeren gegenüber den argumentativen zu begreifen. Und immer da, wo jemand “objektiv!” ruft, die Repression des Biedermanns am Wirken ist.
Für mich war die poststrukturalistische Kritik des Subjekts immer dahingehend zu lesen, dass sie eine unreglementierte Subjektivität ermöglichen könnte – und somit auch gelingende Intersubjektivität. Und das ist eben was anderes als plumpe Psychologisierungen – letztere waren das Ziel der Kritik von Barthes und Foucault.
Was nun aber “unreglementierte Subjektivität” heißen kann, die nicht einfach eigene Befindlichkeiten an marginalsierten Gruppen abarbeitet, so wie Frau Reiche von der CDU das aktuell tut, das ist eine utopische Frage. Aber man kann ja schon mal rumprobieren.
Und das mache ich ja die ganze Zeit parallel im Falle der eBook-Soap “2020 – Tales of St. Pauli“. Gar nicht so einfach. Schon deshalb, weil ich mich letztlich immer schon mehr an Popkultur als an künstlerischer Avantgarde orientiert habe und eher die Narrative des Thrillers anwende, in ihrem Rahmen schreibend spiele. Und fest stelle, dass, wenn ich im dystopischen Raum das Utopische suche, auf einmal ganz ähnliches schreibe wie John Shirley in in “Stadt geht los”, und das, ohne das Buch je gelesen zu haben. Habe es mir jetzt besorgt.
Auch das meinten ja Denker wie Roland Barthes in Schriften wie jener zum “Tod des Autors” – dass sowieso die Sprache spricht, nicht der Autor, aber das eben auf seine Art
… und dass ich in einem symbolischen Feld unterwegs bin, in dem ich Dinge weiß, die ich gar nicht kenne. Ein Mysterium.
Übrigens folgt all das Probieren und Entwerfen dem zu Shirley ziemlich entscheidenden Unterschied, dass er im Punk-Szenario, Barthes würde wohl vom Phantasma schreiben, des CBGB agierte, an Patti Smith orientiert, während ich instinktiv eher in die Disco- und House-Tradition hinein gehe.
Das dann mit dem FC St. Pauli und anderen Fragestellungen dieses Blogs zu verbinden und doch ganz konservativ eine lineare Geschichte mit einem Figurenensemble in die Welt zu setzen, das macht einen Riesenspaß. Man erwarte keine große Kunst, ich bin letztlich doch ein Pop-Heini. Aber ich hoffe, es wird unterhaltsam und trotzdem nicht nur Klischee.
In diesem Sinne: Einen ganz herzlichen Dank an alle, die hier mitlesen und mitkommentieren!
Und ein ganz besonderer Dank geht auch an Loellie und T. Albert für all die Jahre. Jawohl!
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