Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Pop + Philosophie

Innenstädte verschlanden: 45.000 machen auf dem Heiligengeistfeld mobil (und Publikative betreibt Klassenkampf mit den Onkelz und Frei.Wild … )

Der Hund zittert.

Könnte er sich festklammern, so würde er es tun: Er kriecht auf meinen Schoß und drückt sich an mich, Panik in den Augen.

Vom Heiligengeistfeld weht das Johlen der zum “Sieg!”-Gebrülle bereiten Masse Mensch. Das Dauerrauschen, phonstark, ängstigt das Tier.

Wage mich vor dem Anpfiff gar nicht mehr auf die Straße. Nach Spielbeginn, auf dem Weg zum Supermarkt: Der von mir als “deutschtürkisch” gelesene Kioskverkäufer sitzt mit schwarz-rot-goldenem Cowboyhut vor dem Laden mit Freunden, die fortwährend, vermutlich, damit konfontiert werden, über einen “Migrationshintergrund” zu verfügen, und guckt das Spiel. Später spielen sie auf der Straße Fussball. Finde ich gut.

Das 1:0 fällt, Schreie aus diversen Wohnungen. “Scheiße, Scheiße, Scheiße!” zische ich.

Wie üblich ist Deutschland damit beschäftigt zu diskutieren, was und wer so alles nicht rechts sei. Politisch gesehen.

Rechte Bewegungen wie der Nationalismus werden zu “Patriotismus”, Die Böhsen Onkelz und Frei.Wild zu Klassenkämpfern

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Facebook meiden zu Zeiten der WM

Finger verkrampfen. Schweiß bricht aus.

Die “Black Satin”-Westerngitarre, ich nenne sie “Angel”: Zu eng liegen die Saiten beieinander auf dem Hals. Ist nichts für Tenorsaxophonistenanwärterfinger. Auch nicht für Baritonsaxophonanfänger. Obgleich dessen heiseres Röcheln, das zu dreckigem Röhren fernab jenes des Hirschen über dem Sofa sich steigern kann, auch seinen gebrochenen Charme verstöhnt. Selbst, wenn ich es spiele.

Meine Bari hat so einen hellgoldenen Look wie James Last-Orchester-Instrumente einst. Ich nenne es deshalb James, und er klingt manchmal ein wenig wie Raucherhusten. So ein “Es nicht lassen können”, weil es doch so schön ist. Lasterhaft. Schön.

Hilft mir auf Angel, der Westerngitarre, wenig.

Als ich einst bei einem Stadtmagazin Praktikum machte, fehlten noch Kontaktanzeigen, um die Seite füllen zu können. Die Terminredakteurin, mir gegenüber sitzend, ehemals Bassistin bei einer gar nicht so unbekannten Deutschpunkband, gab aus Spaß ein Inserat auf, dass ihr zum Bild des röhrenden Hirsches über dem Sofa noch das männlich-reale Äquivalent im Bett fehle. Das suche sie nun. Hunderte Zuschriften. Fast Wäschekörbe voll.

Ihr schlechtes Gewissen wuchs, als sie die teils erschütternd ehrlichen Zuschriften las. Ich lernte mehr über deutsche Hetero-Männer, als ich wollte.

Musste nun noch in einer Geschäftsauflösung

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Musik, die Bilder bricht … und “My own private Idaho”

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Es ist heiß draußen. Ich habe mir eine Gitarre gekauft.

Zu den verspäteten Hippie-Träumen meiner frühen Jugend gehörte das dazu, mir vorzustellen, wie den Sommer hindurch sich Menschen auf Wiesen fläzen, zu Bongos und Akustik-Gitarren greifen und beseelt gemeinsam vor sich hin singen. Zeit und Raum vergessend. Im Klang seiend. Sehe ich in den Wallanlagen nie.

Diese Flower-Power-Visionen traten mit dem aufkommenden Einfluss des Punk in den Hintergrund; Leben und Erleben verschob sich in die Nacht, und Madness brachten mich mit “One Step Beyond” zum Saxophon. Welches auch in Soul, Funk und Jazzrock zu hören war, Stile, zu denen ich schulterlanges Haar in Kiffer-Discos auf dem Lande schüttelte und für einen mit dem Spitznamen “Pogo” schwärmte, so mit 15, 16. Gesprochen habe ich mit ihm nie.

Die nächste Zäsur, eine Dekade später: House, Techno, Grunge. Ein wenig wiederholte sich bei vielen das, was bereits in der in den USA und in Deutschland so verbreiteten Entgegensetzung von Punk und Disco fatale Spuren hinterließ. In Großbritannien war das anders. New Pop, New Wave, New Romantic stießen nicht alles ästhetisch Schwarze und Schwule ab, sondern ließen sich darauf ein. Die Talking Heads ja auch, aber anders.

Trotzdem habe ich mir eine Gitarre gekauft.

Zunächst, um ein Akkord-Instrument ein wenig nur spielen zu lernen. Zum Improvisieren mit dem Saxophon muss man die Akkorde fühlen (und eigentlich auch die Skalen auswendig wissen, die dazu passen), haptisch, körperlich fühlen können. Dann braucht man nicht zu zählen oder abgelenkt zu lauschen, sondern ist “drin”. Das gelingt mir nicht mit den Keyboards, die an Computer anzuschließen sind, dieses Einfuhlen. Die haben nicht diese Körperlichkeit. Und ein Klavier passt nicht in meine Wohnung.

Aber auch, weil mir so eine seltsame Insel in der Popkulturgeschichte begegnet ist und mich gar nicht mehr los lässt.

Zu Beginn der 90er, als die Welt erst zu Snaps “I’ve got the power”, unerreicht, tanzte, um dann zu Nirvanas “Smells like teen spirit” zu headbangen, drehte Gus van Sant den Film Mehr von diesem Beitrag lesen

Millerntor-Gallery #4: Nachbetrachtung

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Ich habe vermutlich einfach nur das Beste verpasst. Beim Pre-Opening mit Grönemeyer, V.I.P.-Raum und von und zu Wittgenstein-Auktion war ich nicht. Das “Schwule Mädchen”-Sound-Syndikat habe ich auch nicht gehört.

Am Donnerstagabend bin ich vor heterosexueller Dominanz nach einem einzigen Bier und Entsetzen über das Animationsprogramm eines Schweizer Rap-Duos geflüchtet; eines, das ein wenig an gescheiterte Entertainer in mediteranen Clubanlagen erinnerte und offenkundig mit “Viva con Aqua Schweiz” Menschen in Uganda belästigt hatte (falls sie da auch rappten).

Ich liebe Cypress Hills’ “Insane in the Brain”, vom DJ gespielt; wenn nur aneinander geklammerte Heten dazu rum hängen, bekommt die Veranstaltung dennoch eine andere Färbung als in den letzten Jahren, da coole House DJs wenigstens den Sounds queere Färbungen verliehen.

Durch die Ausstellung bin ich eher gehuscht. Habe bestimmt das Wichtigste verpasst. Bei 90% der gesichteten Exponate fehlte mir weniger der Viertelbezug als der Versuch, darüber, nun irgendwie Fussball und Wasser thematisch auf dem gleichen Bild unterzubekommen, auch mal hinaus zu gehen und weiße Institutionen wie “Kunst” oder “Entwicklungshilfe” kritisch zu befragen.

Ich meine tatsächlich die bürgerliche Institution Kunst im Besonderen, nicht Kunst im Allgemeinen, die ausgrenzende, wie sie sich im 19. Jahrhundert rund um Sammlungen, Museen, Salons, Galerien und Ausbildungsorte etablierte. Mag auch die Avantgarde der Moderne, Cézanne, Van Gogh, außerhalb dieser Institution agiert haben: Da, wo Kunst auch in Aktionen verkauft, also Ware mit bestimmten Charakterista ge- und behandelt wird, geht es zumindest auch um den institutionellen Zusammenhang.

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“Ob es so oder so oder anders kommt …!” – FC St. Pauli – FCK 2:3 (und Momo on the radio)

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“Zusammenfassend bleibt in meiner Erinnerung ein Niederlagenrausch zurück. Geile Atmosphäre, geile Leute, Scheißergebnis. Scheiß aufs Ergebnis! Geiler Abend! Das ist Fußball? Quatsch, das ist Sankt Pauli! So richtig schade war eigentlich nur, dass Boller sein Comeback nicht in dieser geilen Atmosphäre erleben durfte. Ich hätte es ihm gegönnt.”

Womit JaWasDenn das Entscheidende bereits auf den Punkt gebracht hätte. Das folgende ist die Fussnote dazu.

Als ich da stand nach dem Spiel auf der Haupttribüne, jenem Ort, da man Autohöfe gerne ignoriert, die glauben, verordnen zu können, wann man sabbeln, wann man singen sollte und um mich herum Menschen aufgelöst in Standing Ovations ihren Trance auskosteten trotz der Niederlage – ich wusste die Wunder des hypnotischen Sogs, zu dem Mannschaften des FC St. Pauli fähig sind, durch und durch zu schätzen. Zu genießen. Zu inhalieren als pralle Lebenslust.

Es war natürlich schon traurig, hinterher zu lesen, dass die Mannschaft den Last Minute-Treffer, klar auch, als Genickschlag empfand, nachdem sie mit dem 2:2 noch mal so eindrucksvoll zurück gekommen war. Und doof, dass Tschauner sich eine Verletzung zuzog – gute Besserung! Doch wie ihr trotz nun echt bravourös druckvoller Regionisten immer wieder euch aufbäumtet, domiertet, sie fast auf ihre Torlinie drücktet, da war mir auch schnurz, dass denen das umgekehrt auch gelang. Das war Big Entertainment, packend, spannend, großes Gefühlskino, Dramatik, toll!

“Aber schön war es doch, schön war es doch, und ich möcht es noch einmal erleben”, um einmal mehr mit Hildegard Knef zu sprechen, nur das nächste Mal halt mit anderem Ergebnis. Ich fand es umwerfend sexy, wie sich die Boys in Brown von der 90. bis zu 97. Minute aber noch mal so was von hinein warfen, und no risk, no fun ist immer (!!!) das bessere Motto als “Cleverness”. Smartness war ja genug vorhanden. P.A. neben mir war zwar auch irgendwie bedöppelt, aber hey, es mag zwar nichts erfolgreicher sein sein als der Erfolg, doch: Es geht um’s Tun und nicht um’s Siegen.

Fällt mir jetzt noch eine Floskel oder irgendein Zitat ein? Noch’n Songtext? “Ob es so oder so oder anders kommt, so wie es kommt, so ist es recht, es kommt sowieso nie so, wie man es gerne möcht’!” (Lena Valaitis) “So ist nun mal das Leben, es kommt so, wie es kommt, den einen trifft es eben, der andere bleibt verschont.” (Marianne Rosenberg) “Nur wenn ich lache, tut’s noch weh” (Daliah Lavi) – nee, der passt ja nun gerade nicht. Dann schon eher Weckers “Wer nicht genießt, ist ungenießbar!” “Wenn der Sommer nicht mehr weit ist und der Himmel violett, weiß ich, dass das meine Zeit ist weil die Welt dann wieder breit ist, satt und ungeheuer fett!” Auch Konstantin Wecker.

Und das nehmen sich die Spieler auch zu Herzen, spielen weiter mit praller Lust und breiter Brust, und weil uns das allen zusammen so einen Spaß macht, gewinnen wir sozusagen als Nebeneffekt die restlichen Spiele.

Wo ich schon beim Sampeln bin: “Move your Body” von Frankie Knuckles, R.i.P.!, wurde in der Halbzeitpause auch angespielt, was mich sehr, sehr freute! Danke! Gerne mehr davon!

Und der FC St. Pauli ist immerhin auch der Verein, da man hinterher schwer angeknallt, aber hallo!, vor Kneipen steht und tatsächlich über Platons “Politeia”, die Fortentwicklung seiner “eingeborenen Ideen” in Kants transzendentalem Programm und ob der “Seelenwagen” denn nun was mit Freud zu tun habe diskutiert. Echt jetzt. Schön!

Morgen geht es ohne Kant und Platon, aber mit Foucault und jenem Topos der Kritischen Theorie, der die “verwaltete Welt” beklagt, mit Momos “Tales of St. Pauli” beim FSK weiter. Dieses Blog hat jetzt ja einen akustischen Ableger. Um 14 h ist es so weit, es wird Musik zu hören sein u.a. von Frankie Knuckles, Fela Kuti, Noiseaux, Donna Summer, Georgette Dee, Divine, Carmen McRae, Heather Small, S O H N, Nate57 und Joshua Redman – es lebe der Eklektizismus! Zwischendurch ereifere ich mich über Bürgermeisterreden, begeistere mich für John Waters und ersehne die Utopie. Und erinnere mich an das After Shave verflossener Liebhaber. Wer Lust hat, kann ja mal rein schnuppern.

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Fehler führen zum Erfolg: Sandhausen – FC St. Pauli 2:3

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Man kann verschlafen und leidenschaftslos, aber feige immer alles richtig machen wollen.

Gähn.

Dabei raus kommt oft fiktionales, öffentlich-rechtliches Fernsehen. Wenn es dennoch auf ein konsensfähiges Thema setzt, kriegt es ganz unabhängig vom Ausbleiben mutigen Gestaltungswillens, Risikofreude oder audiovisueller Visionen auch einen Grimme-Preis.

Oder man kann kultivieren, was als fehlerhaft gilt: Das “Outside”-Improvisieren im Jazz zum Beispiel. Also nicht in der Tonart verbleiben, die mit dem Akkord harmoniert, sondern gezielt auf Dissonanz setzen. Kann sich sehr, sehr aufregend anhören.

Seltsam unbefriedigt bleibt Mensch freilich, wenn die Spannung sich nicht löst – das brachte Theodor W. Adorno dazu, zwar nicht im Jazz, doch in der als “E” verschrienen Musik die Dissonanz in Relation zur gesellschaftlichen Wirklichkeit zu setzen.

Fussball als im besten Falle therapeutisches Geschehen – irgendjemand hat eine Psycho-Therapiesitzung mal mit chemischen Reaktionen im Erlenmeierkolben verglichen, ein verhältnismäßig geschütztes Setting, in dem es rund gehen kann, so ist es beim Fussball ja auch, 90 Minuten mal einfach so emotional sein dürfen – ist in der Hinsicht ja gerade NICHT Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse. Es hört nämlich auf, und man muss sich mit dem Ergebnis abfinden. Oder kann sich sogar darüber freuen!

JAAAAAA!

So wie wir am Samstag. Andere Leute fahren ja heroisch durch die Republik zum Vor-Ort-Support; ich bekenne, die erste Halbzeit buchstäblich verschlafen zu haben. Als ich endlich hinein schalte, steht es kurz noch 1:1. Ein misslungener Rückpass auf Tschauner von Kalla – Peng. So what.

Aber da in jedem Misslingen eine Chance sich verbirgt: Wow! Ich hatte ja nach dem Trainingslager die Befürchtung, dass im Team was nicht stimmte. Nun hatten andere Twitterer und ich den Eindruck: Die Mannschaft spielt für Kalla. Vielleicht wäre es sonst sogar ein müdes 1:1 geblieben, ohne seinen Patzer.

Nun freilich zeigte sich eine Tugend, für die ich den Boys in Brown nur noch lieber zujubele: Sie legten los und bügelten alle zusammen incl. Kalla den Fehler wieder aus. Was ein Schachten, was ein Ratsche: Wow. Solidarisches Toreschießen. Cool.

Das hat echt Spaß gemacht, das anzugucken. Nicht, weil es Zauberfussball gewesen wäre. Sondern, weil das St. Pauli war.

EDITH: http://www.stefangroenveld.de/2013/jan-philipp-kalla
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Tears: Rest in Peace, Frankie Knuckles

Gerade Freitag, als ich das Stadion betrat und dort das ja auch bahnbrechende “Now I wanna be your Dog” lief, als dann die Fürther Hymne in seltsam fränkisch-männlichem Mundartpop erklang, da sehnte ich mich danach, nur einmal vor dem Spiel eine der großen House-Hymnen zu hören.

Die Musikästhetik rund um den FC St. Pauli ist ja protoptypisch für die ungebrochene Dominanz des Rockism in weißen Gegenkulturen: Weiße, heterosexuelle Männer definieren zu Gitarren die Welt, und hätte der Hip Hop seine Bezüge zur House-Music noch ernster genommen, hätte ihm das gut getan. Warren G. und andere haben das ja auch.

So jubeln alle gerade diesem Markus Wiebusch oder wie der Kettcar-Sänger heißt zu, dass er Schwule erst “othert”, um sodann zu hoffen, dass das, was schwule Erfahrung tatsächlich anders macht, doch bitte egal sein möge – und haben vermutlich kaum mal eine queere KünstlerIn im iPod oder wo auch immer sie ihre Musik stapeln oder spreichern. Hört doch mal LGBTQ-People zu und all ihren Künsten und nicht nur denen, die sich löblich für sie einsetzen. Ja, ist ja auch schon geschehen, bei “Fussball & Liebe” zum Beispiel.

Zum Glück gibt es ja auch viele Andere im Stadion, den Oke, den Willy zum Beispiel, über die ich heute bei Facebook erfuhr, dass ein wahrer Revolutionär verstorben ist: Frankie Knuckles.

Ich musste schon ganz schön schluchzen. Selbst als ich auch Mehr von diesem Beitrag lesen

Die vorkritischen Gegner der Gender-Theorien: Alexander Kissler glaubt das alles nicht …

Eine so ganz und gar nicht neue Form vermeintlicher Kritik an etwas ist, es als Religion behaupten.

Oft machen das sogar jene, die in den Fällen, da Religionen offen diffamieren, dieses unter dem Banner der “Religionsfreiheit” für schützenwert erachten. Walter Benjamin hat den Kapitalismus als Religion eher kryptisch beschrieben; zum mit Neocon-Think-Thank- Munition bewaffneten Arsenal ehemaliger Pro-Bush-Blogger gehörte es, wahlweise den Sozialstaat, den Klimawandel, die Kritik an Konzernpolitiken und realwirtschaftlichen Prozessen, somit alles, wo Gegenargumente fehlten, zur “Religion” zu verklären.

In Deutschland vernichtet man ja gerne bürokratisch, so ist es hier anders als ich Frankreich bisher noch nicht angesagt, wie die Bilderstürmer einst Bibliotheken zu attackieren, in denen Werke der Gender-Theorie ausliegen. Aus diesem Geiste des Nichtwissenwollens freilich nährt manch Publizist sich ebenso. Ermordet hat man hier auch noch niemanden, der für die Homo-Ehe eintrat; homophobe Gewalt und massenmediales Mobbing Heranwachsender wird dennoch eifrig betrieben.

Ganz und gar faszinierend plump und weltabgewandt geschieht die Fortsetzung dessen – nun wieder mit Bezug auf die Gender-Theorien –  im Cicero. Unter Berufung auf “unser aller Steuergelder” begibt Alexander Kissler sich tief ins Reich des vorkritischen Katholizismus, um gewitzt ausgerechnet die Erben Kants der Religiosität zu bezichtigen. Nun hat auch dieser die Vernunft beschränken wollen, um dem Glauben Raum zu schaffen, aber Herr Kissler hat sich offenkundig gar nicht mit ihm beschäftigt, um ihn als Chiffre dennoch zu beschwören und Lügen, äh, Vorurteile schlecht recherchiert zu verbreiten:

“Die Gender-Religion befindet sich im vorkritischen Zustand. Sie hat keinen Spinoza, keinen Kant, keinen Schleiermacher erlebt. Sie ist wieder das, was einmal der Fall war: ein hermetisches Lehrgebäude aus kanonisierten Dogmen.”

Schein-Journalist, der er mutmaßlich dem Text zufolge ist, zeigt Kissler sich zumindest als unwillig, diese “Dogmen” mal ausführen im Sinne ernstzunehmender Belege. Er thematisiert stattdessen gesellschaftliche Wirkungen wie den “Queer History Month” und ein Interview. Ich vermute, er verwechselt die Systematik der Gender-Theorien und die der Neoklassik entstammenden Volkswirtschaftslehren, die tatsächlich mit einer solchen Axiomatik arbeiten und oft wie eine mathematisierte Kosmologie wirken.

Inwiefern eine Verflüssigung der Grenzen zwischen Homo und Hetero als normativ, also menschlich-gesellschaftlich wirksame Konzepte nun ein “Dogma” darstellen, das erläutert er nicht. Ist es nicht eher das Gegenteil?

Stattdessen attackiert er die Erben Kants mit dem Argument vermeintlicher “Ineffizienz”. Als wäre nicht nach Kant gerade nicht-instrumentelles Denken jenes, das intersubjektive Freiheit ermögliche – ja, eben jene Formulierung des Kategorischen Imperativs, die den Mensch nicht als Mittel, sondern als Zweck an sich selbst behandelt. Aber Freiheit ist Herrn Kissler vermutlich nur dann wichtig, wenn es darum geht, Diffamierungen als “Meinung” zu verteidigen.

Nun geht es es, so ganz deutlich wird das nicht im Text, aber vermutlich auch um so etwas wie “Wahrheit”, nicht Moral oder Freiheit. Was ihm dabei entgeht, dass im Gegensatz zu ihm die Gender-Theorien in ihrer Vielfalt sich ganz und gar im kantisch-kritischen, erkenntnistheoretischen Paradigma bewegen, obgleich sie nicht mentalistisch vorgehen.  Sie soziologisieren und historisieren u.a. auf Michel Foucault aufbauend eben das, was “Erkenntnis” GESELLSCHAFTLICH erst ermöglicht, was dabei angerichtet wird – und nehmen die Unterscheidung zwischen Ding an sich und Erscheinung ernster als all die denkfeindlichen Katholizisten, Naturalisten und Biologisten, die die Publizistik gerade zukleistern.

Die Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis ist institutionell manifestiert im Falle der Wissenschaftsgeschichte und gesellschaftlich wirksam z.B. in den Geschlechterverhältnissen – wie, das untersuchen dann die Gender-Theorien. Und die Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung ist zugleich die Bedingung der Möglichkeit der Gegenstände von Erfahrung. Diese Bedingungen sind gesellschaftlich-historisch Gewordene. Die Gender-Theorien fragen nach eben diesen Bedingungen in jenen Bereichen, da sie aufzuspüren sind – z.B. in Texten –  und hinterfragen so Methodiken und unhinterfragte Vorraussetzungen traditioneller Forschung, ganz im Sinne Kants. Um diese aus ihrem dogmatischen Schlummer zu erwecken.

Anders als Kant mühen sie sich freilich nicht um ein transzendentales Programm, sondern arbeiten  z.B. im linguistischen Paradigma. Oder analysieren das Performative. So what? Eine Dogmatik kann ich da nicht erkennen.

Dogmatisch sind Konzepte wie Zweigeschlechtlichkeit, Heteronormativität als Naturzweck usw.. Und das ja nun nicht im wissenschaftlichen Sinne – weil es Organe gibt, die der Fortpflanzung dienen können, heißt das ja noch lange nicht, dass all die anderen “Naturzwecke” wie Spaß, Liebe, Schönheit irgendwie sekundär wären. Die sind auf Ebene der Motivation, der Handlungsgründe, auch maßgeblich.

Das ist ja die andere Pointe im Werke Kants, der Unterschied zwischen theoretischer und praktischer Vernunft: Sich selbst die Gründe für Handlungen geben zu können, ohne von den Sinnen affiziert zu sein, ist Freiheit. Da das Reich des Intelligiblen dennoch auf die Sinnenwelt gerichtet ist, ohne die es auch nichts zu erkennen vermöge, kann es auch immer wieder gute Gründe für Lust geben, die niemandem schadet. Und die biologische Ausstattung zu so genannten “homosexuellen Praktiken” haben übrigens auch alle Menschen. Probiert mal! Nur dass man nur einmal in die Quantenphysik gucken könnte, um einen naiven Biologismus schon wieder aufzulösen.

Herr Kissler findet das alles im Gegensatz zu seinen eingestreuten Namens-Chiffren nicht relevant, obgleich er das spaßorientierte Ausgeben von Steuergeldern für Feuerwerke an der Alster, die ja nun auch keine Effizienz für sich beanspruchen können, nicht kritisiert. Womit ich nun meinerseits keineswegs die Gender-Theorien mit Feuerwerken vergleichen will, sie sind aber umfassender wissenschaftlich, als eine Verengung auf Nützlichkeit dieses je sein könnte.

Alleine schon die Prämisse der vermeintlichen “Evaluation”, die er verlinkt, ist ja falsch – “Forschung von Frauen über Frauen”. Dieses ist ein Hinweis auf den monströsen Mist, den die Realgeschichte der Wissenschaft als männliche, verfügenwollende verbrochen hat: Nämlich das Männliche, Weiße, Heterosexuelle als das Allgemeine auszugeben und den Anderen den Raum des Spezifischen zuzuweisen. Das ist aber wissenschaftlich falsch, weil es auf Ausgrenzung von Sphären des Sozialen als Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis beruht und somit nur Teile dessen, was relevant ist, in den Blick geraten. Den Gender-Theorien geht es zudem schon auch darum, wie Vorstellungen von Männlichkeit sozial wirksam werden. Da können “Evaluationen” noch so lustig polemisieren.

Aber diese Attacken auf das Fortsetzen des Kritischen Geschäfts eines Immanuel Kant sind letztlich ja selbst im Vorkritischen verortet und im Religiösen erst recht: Das sind die impliziten Rekurse auf Naturrechtslehre, einem höchst dogmatischen, vatikanisch verordneten Weltbild, dass der Ex-Papst dreist allen Religionen verordnen wollte.

Dieses ist nun gerade das, wogegen ein Kant sich wandte, weil er eine naive Vorstellung von Natur als unmittelbar zugänglicher nun gerade attackierte und die Naturgesetzlichkeit als Regel der Vernunft selbst begriff – im Rahmen einer sich selbst kritisierenden Vernunft, nicht des vermeintlich Offenkundigen. Da kommt dann auch nix Effizientes bei raus außer, eher, so Popper, dass man allenfalls falsifizieren könne. Wiederum eine Figur, die die Gender-Theorien methodisch vielfältig aufgreifen, ihm auch dahingehend folgend, dass Weiteres zur Natur Kant sich für die “Kritik der Urteilskraft” aufsparte, eben seiner Begründung der Ästhetik, nicht der Wissenschaft im naturwissenschaftlichen Sinne. “Interesseloses Wohlgefallen”. Rums! Ist ja gar nicht effizient oder nützlich. Was dann häufig Thema ist in den Gender-Theorien; Judith Butler kommt nicht zufällig aus der Literaturwissenschaft.

Insofern mag man Kisslers in den 50ern bereits verreckten, ästhetischen Naivität vielleicht noch so etwas wie Meinungskraft zugestehen – mit kritischer Wissenschaft hat sein Text nix zu tun.  Und was anderes als “Ich glaub nicht an die Gender-Theorie” schreibt er ja auch gar nicht, er, der Religiöse.

Zukunft statt Häme: Der Möglichkeitsraum hinter dem x

Aktuell weht in Orkanstärke ein Shitstorm durch’s Netz; eine dieser Abwehrschlachten gegen das Infragestellen repressiver symbolischer und institutioneller Ordnungen und korrespondierender Geistesgeschichtsschreibungen. Räume der Kritik werden autoritär und gehässig mit Häme zugestellt.

Vermeintlich Liberale vergleichen bei Twitter studentische Interventionen an Universitäten gegen verschnarchte und denkfaule Klassiker-Lektüren mit dem Agieren der SED; ehemalige Bürgerrechtler gar, die wohl vergessen haben, wie eine unkritische Lesart des historisch-dialektischen Materialismus jedes Denken in öffentlichen Räumen einst in der DDR erstickte. Man kann freilich auch Rousseau so lesen, wie die FDJ Marx las: Im Sinne der Herrschenden.

Viel gelesene Blogger, die sich über Verschwörungstheorien, zugesandt, freuen

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Momo on the radio, die dritte

Uff. Ächz. Diesmal bin ich echt ins Schwitzen gekommen. Vermutlich, weil das Thema viel aktueller, relevanter ist und tiefer sitzt, als mir selbst es klar war zuvor.

Weil ich immer wieder vor mich hin quatschend merkte, wie ich mich verrannte (oder auch nicht?), dann mich selbst korrigierend kommentierte, anfing, Passagen gar nicht so einfacher, englischer Originaltexte lieber noch mal genauer zu übersetzen – um dann fest zu stellen, dass ich sie eigentlich ganz richtig verstanden und auch ganz gut zusammen gefasst hatte. Trotzdem musste ich die ganze Zeit auch vieles voraussetzen – Beat-Generation, Hippie-Bewegung -, und anderes kann man nicht mal eben so zwischen zwei Jazz-Stücken erläutern, den Existentialismus zum Beispiel.

Kurioserweise merkte ich dennoch, oder aber glaubte es zu merken, dass gerade diese Inswankenkommen dessen, der sich so oft in der oft in der Rolle des souveränen Weltendeuters gefällt, exakt Thema der Sendung ist. Und im Grunde genommen ein guter Effekt ist. Mehr wanken!

Konkret geht es um die “Vergessene Vorgeschichte des Hipsters”, ausgehend von einem hochumstrittenen Essays von Norman Mailer von 1959, “The White N…”. In dieser Zeit tauchte der Begriff des Hipsters zunehmend in Feuilletons und Traktaten auf. Gemeint waren damals jene weißen Jazz-Fans, die den Habitus urbaner Schwarzer kopierten. Oder aber die Jazzer idolisierten, wie Jack Kerouac – dieses freilich auf eine Art, die ziemlich ungebrochen Rassismen reproduzierte, während es sie zu reflektieren vorgab.

Dann vertiefte ich mich und fragte mich natürlich zunehmend, warum ich nun ausgerechnet den dieses Phämonen aus einer sehr eigentümlichen Perspektive auch kritisch betrachtenden, hochproblematischen Mailer ausbuddele, anstatt lieber gleich du Bois oder James Baldwin oder Autorinnen der Harlem Renaissance zu referieren.

Ich bin dann doch dran geblieben, weil ich mittlerweile kaum etwas für dringender geboten halte als eine kritische Selbstreflektion weißer “Gegenkulturen”. Dann entsteht freilich schnell das Übliche, dass Weiße wieder nur über sich selbst reden. Daraufhin bemühte ich mich, die Musik, zumeist aus dem Kontext des Jazz, dagegen zu montieren und zunehmend die (angelesenen) Erfahrungen von PoC gegen die teils hanebüchenen Deutungs- und Aneignungsformen der Black Cultures durch weiße “Gegenkulturen” ins Feld zu führen.

Ich habe keine Ahnung, ob das gelungen ist. Ich habe so was wie “Critical Whiteness” auf diesem Feld einfach mal versucht. Und die frühen Hipster, die Beat-Generation und ” Nonkonformisten” der 50er und ihre Hippie-Erben haben da einfach eine Folie geschaffen, eine Blaupause, die auch scharf kritisiert gehört, weil sie immer noch wirkt.

Falls ich gescheitert bin, war es den Versuch vermutlich nicht wert und ich freue mich trotzdem über Kritik, damit ich daraus lernen kann. Falls wem daran gelegen sein sollte ;)

EDITH: Läuft von 14 -16 h – siehe hier.

PS: Was ich aufgrund der Größe des Sujets völlig außen vorgelassen habe ist die schwule Erfahrung Burroughs und Ginsbergs, auch Vertreter der Beat-Generation, und in letzterem Fall auch dessen Bezüge zur jüdischen Tradition. Das wäre zu kompliziert gewesen.

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