Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Pop + Philosophie

Raumdenkzeiten außerhalb und ihre Klänge: Das “Subito”, das “Opera House”, “Queer as Folk”, Stonewall und Michael Neumann

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Was für ein Geschenk!

Die eigenen Jahre, lange her, hier in Hamburg, als es noch lebte und in Bewegung war.

Jetzt beklagen noch Jüngere als ich in DIE ZEIT das Clubsterben und kramen dabei das Dahinscheiden mancher der Lokalitäten wieder aus, die den Atem der späten 80er konservierten, heterosexualisierten und schwarz sowieso nie waren. Habe hier selbst einst beipflichtend einen Text von Reinald Goetz über das “Subito” zitiert und bitte aufrichtig um Entschuldigung. Alleine schon, weil aus Diedrich Diedrichsen dort eine zweifache Ver-N-Wortung wurde.

Natürlich war das toll. Im “Subito”, wo jene herum hingen, die heute noch von taz-Autoren befragt werden, wenn es um Gentrifizierung geht und die Pudeleien mumifiziert haben. Immerhin solchen taz-Autoren, die großartigerweise in den frühen 80ern nach Berlin pilgerten, um Marc & The Mambas zu hören. Marc Almonds Selbszerstörungsprojekt, jenes Marc Almond, der der Welt mit “Say hello, wave goodbye” einen der schönsten Pop-Songs ever einsang. “Standing in the door of the Pink Flamingo. Crying in the rain.” Gestern war bei Facebook zu lesen, Gott sei schwul, weil ein Heterogott niemals Flamingos erschaffen hätte …

Marc & The Mambas: Düster, dissonant, dramatisch. Torment and Toreros. In my room – immer allein. “Caroline says”, ein Lou Reed Cover – it was such a funny feeling, als die Hand durch die Glasscheibe drang. Ich googel den Text jetzt nicht, was zählt, ist das Klangbild in der Erinnerung. Während vorm Stairway am Neuen Pferdemarkt Goths sich tummelten, trieben die anderen schwarz Gekleideten sich im Dschungel herum. Noch auf der anderen Straßenseite war er, wenn ich mich recht entsinne das ehemalige Vereinslokal der “Hell’s Angels”. Die fuhren ins “Picken Pack”

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Momo on the radio

“On the radio”” ist ja einer meiner Lieblingssongs von Donna Summer. Traumhafter Track.

Um sie ging es allerdings nicht, das kommt bestimmt noch, bei meinem ersten Radioversuch seit einer studentischen Streiksendung einst im offenen Kanal zu Zeiten der “alten BRD”.

Das Freie Senderkombinat trat aufgrund eines Textes über Lou Reed an mich heran, 3 Stunden Programm zu gestalten. Das schmeichelte meinem Ego, ist ja klar :D … . Da ich die Idee des Freien Radios aber auch vollends prima finde und es prompt zu sehr angenehmen Kommunikationen kam, habe ich mich dort mal ausprobiert. Die Sendung lief bereits am 2.1.; nun wird sie morgen, Sonntag, um 17 h wiederholt, sagte man mir. Da es einige Nachfragen gab, sei es angekündigt. Wer also mal eine durch den “Gated Voice”-Filter von “Logic 9″ gejagt eine Stimme zu diesem Blog hören will …

Die Arbeit an dem Programm war für mich ganz schön aufregend und schweißtreibend. Ein wenig so, wie als ich zu bloggen begann. Der Grund damals war, ganz pathetisch geschrieben, der Wunsch nach Freiheit: Bereits seit 15 Jahren in teils hochkommerziellen, teils auch sehr massenwirksamen und dann wieder inhaltlich durchaus hochkarätigen Sphären des Kulturjournalismus aktiv, nervten mich zusehends all die formalen Vorgaben, all die Kompromisse, all die vermachteten Räume, in denen ich agierte. All die Menschen, die herein reden und die eigene Existenz gefährden dürfen. Obgleich ich aufgrund toller Partner noch viel mehr Freiräume hatte als andere und bei vielen Produktionen so ganz und gar nicht meckern konnte.

Bis irgendwann Vergessen einsetzte, was ich wirklich dachte, fühlte, war und sein wollte. Von “Politics” getränkt nur noch das Denken der “Entscheider” zu antizipieren suchte. Was sich zu schreiben lohnt, weil diese Seite der Medienarbeit (und nicht nur der) aus Angst oft nicht erzählt wird. Dabei ist das nicht unüblich und zieht oft Burnouts nach sich.

Das Bloggen war eine Art Wiederentdeckungsreise. Bandwurmsätze! Verschroben schwurbeln! Politisch eindeutig und emotional sein dürfen! Empowerment! Regeln auf den Kopf stellen! Beziehungen zwischen als getrennt gedachten Sphären herstellen! Für Florian Bruns schwärmen! Abstraktion nicht unterbunden bekommen. Über Philosophen grübeln. Musik lieben. Themen selbst bestimmen. Die steile These wagen! Mit Sprache und Stilen spielen! Neue Formen suchen. Hach! Mich macht das glücklich!

Beim Radio muss ich das nun erstmal alles suchen und werde es irgendwann hoffentlich auch irgendwann finden. Ein Anfang ist gemacht. Ich habe viel mit professionellen Sprechern gearbeitet, solche vom Radio wie auch Schauspieler – ich wollte sie nicht imitieren. Könnte ich auch gar nicht. Und wurde ganz schön langsam :D – weil ich auch nicht aufschreiben und ablesen wollte, nur bei zitierten Originalquellen wie Andy Warhol und Lester Bangs und Laurie Anderson. Geht ja ums gesprochene Wort. So suchte ich sprechend Sinn und kultivierte unfreiwillig die Kunstpause. Ließ das aufkeimende Schluchzen drin und schnitt es nicht heraus, als es zum Tode von Lou Reed kam. Sentimental, wie ich bin, passieren mir solche Schluchzer immer mal. Habe erst versucht, Tonalität und Timbre konstant zu halten. Wie man das so macht bei Sprachaufnahmen, da am Ende vorsichtshalber noch mal in den ersten Take gehört wird, ob der noch passt. Und fand es irgendwann unsinnig, modulierte extra und setzte Soundeffekte dazwischen. Lies eindeutig Schnitte hörbar werden. Am Anfang legte ich auch Sounds unter die Sprache, dann drückte die Zeit und ich kam nicht mehr dazu, es durchzuziehen. Aber es gibt ja mit Adorno und Benjamin auch gute Gründe für das Fragmentarische, Unfertige. Sind Redundanzen, definitiv enthalten, bei einem flüchtigen Medium wie dem Radio halb so schlimm wie bei geschlossenen Werken? Kann man die große These einfach so raus hauen, wenn zu langes Quatschen auch nicht Ziel ist, Musik soll zu hören sein, und drum einiges in Andeutung bleibt oder Vorwissen erfordert? Ist es okay, die Songs einfach nur teilweise anzumoderieren, weil ich nicht Ansager sein mag? Erklärt sich das Assoziative selbst? Kann ich es mir als Medienprofi leisten, so “amateurhaft” zu agieren, ohne die schützende Fassade der etablierten Form?

Vielleicht finde ich bei der voraussichtlich nächsten Sendung im Februar ja Antworten :D … . Ohne bisher ein Wort gesprochen zu haben, danke ich im voraus bereits Alex Weheliye, in Chicago lehrender Professor für Kukturwissenschaft, für die Genehmigung, diese auf seinen Vortrag “White Brothers with no Soul? Wie Berlin Techno weiß wurde” aufbauen zu dürfen, gehalten im Frühsommer vor der Queer AG der Universität Hamburg. Um diese brilliante Abhandlung durch queere und Hamburger Perspektiven zu ergänzen. Bei der Eröffnung des “Opera House” im Grünspan einst war ich ja zugegen. Und im “Front” auch manches Mal.

Sonntag nun erst mal Lou Reed. Ich habe dessen Musik neu lieben gelernt und hoffe, an einigen Stellen trotzdem zumindest die richtigen Fragen aufgeworfen zu haben. Und danke dem FSK, mich ausprobieren zu dürfen!

EDITH: Läuft heute um 17 h noch mal. Und die auf Alex Weheliyes Vortrag aufbauende Sendung “White Brothers with no Soul” wird (mit dessen Genehmigung, dass ich darauf aufbaue) am 10.2. von 14-16 Uhr zu hören sein.

Wollen wir die emanzipierte Gesellschaft wirklich?

Dieser Text ist zu wichtig, als dass man ihn unverlinkt lassen könnte:

Es ist ein Skandal, wenn auch keine Überraschung, dass das MCTC eine solch rückständige Philosophie befürwortet, die das Wohlbehagen von zwei weißen, männlichen Studenten als gesunden Schwerpunkt einer Diskussion um strukturellen Rassismus ins Zentrum rückt. Es mangelt nicht an Ironie, dass eine brilliante Woman of Color und Professorin für das Führen einer Diskussion um strukturellen Rassismus diszipliniert wird, wenn diese bei weißen, männlichen Studenten Unwohlsein auslöst, und weiterhin zu einem Training geschickt wird, das die Universität unverschämterweise als Nachhilfe in interkultureller Kompetenz für Prof. Gibney darstellt.”

Er ist deshalb so wichtig, weil – wie mehrfach in ihm hervor gehoben – ein weiß dominiertes System sich anmaßt, Women of Colour zu maßregeln, dass sie doch bitte weiße Männer zu “pleasen” und Geschichte und Gegenwart zu klittern hätten.

Er wirft aber implizit eine Frage auf, die auch dieses Blog begleitet, zu allerlei Zerwürfnissen führte und Freunde von mir immer weiter in eigenen vier Wände treibt: Geht das überhaupt, freundlich-einvernehmliche Formen der Kritik zu üben, ohne den Paternalismus der “Toleranten” zu bedienen? Wie denn? Erzählt mal!

Die ja von selbst wenig Mühe aufbringen, sich als Teil eines Systems zu begreifen, dass auf Ausgrenzung, Totschweigen und Dominanz immer der gleichen ruht. Es geht ja immer so lange gut, da es wahlweise “die Anderen” sind oder die Assymmetrie halbwegs unangetastet bleibt. Bis hin zu Frau Merkel und Herrn Gabriel. Wenn irgendeine Form von Supremacy bedjent wird.

Wie bei Herrn Neumann, der dünkelhaft und wilhelminisch Betroffene auffordert und belehrt, doch das hehre Erbe des postnazistischen Rechtsstaates als tolle historische Leistung anzuerkennen – dass diese dann abschieben wird.

Und sich ganz fürchterlich verletzt zeigt, dass seinen Mitarbeitern gar Rassismus diagnostiziert wird.

Woher kommt eigentlich dieses abstruse Vorbeigucken, Wegsehen, Fantasieren?

Das muss ja mehr sein als nur die Abwehr aufgrund narzißtischer Kränkung – das ist immer auch die Erwartungshaltung an Andere, doch bitte zugewiesene Rollen zu spielen, weil man sich doch ach so rührend “kümmere”. Ein multiples Beleidigtsein, sozusagen. Wir tun doch so viel! Und hindern die Anderen an der Mitwirkung.

Was natürlich darin gründet, dass auch jene, die gegen Homophobie wettern, zumeist nicht in der Lage sind, Heteronormativität in Frage zu stellen.

Dass auch viele, die ach so wacker gegen Rassismus kämpfen, psychologisch so nachhaltig darauf angewiesen sind, Geschichte als unbestrittenen “Weg zu Besseren” zu begreifen (notfalls in der je eigegen Subkultur) und um ihr mythisches Weltbild des Postrassismus kämpfen. Während sie eben diese Geschichte als Legitimation für jeden noch so blöden rassistischen Kalauer nutzen, für jegliche Ignoranz, das eigene Ungebildetsein in relevanten Fragen abzuschotten.

Die Kommentare weiter unten im Blog gehen mir nicht aus dem Kopf:

Es gibt einfach nichts, was GesamtSchland mehr auf die Palme bringt, als Schwarze Leute, die sagen, dass sie keine Ausländer oder Touristen oder unterwürfig sind, sondern dieses Schland ihres ist, und sie ihre eigenen Institutionen gern ohne rassistische Scheiße betrieben hätten. Da greift dann plötzlich auch nicht mehr der im Kindergarten erlernte Herablassungsreflex »Hilfe für die Menschen aus Afrika« (…)

Jedenfalls kenne ich genügend Leute mit genügend Grips und auch Eigeninteresse daran, rassistische sexistische Dominanzpräsentationen nicht gut zu finden, die in solchen Situationen über sehr leises und diffuses Bauchweh nicht hinaus kommen. Ich kenne das auch von mir selbst, immer seltener, aber es passiert noch. Weil wir und unsere Erfahrungen schon so entwertet wurden, dass das Hören auf das eigene Bauchweh automatisch lächerlich gemacht wird, dass es bestraft wird, sich selbst zu spüren, die Antwort auf “aua” allzuoft Drauftreten ist, kann nicht reagiert (genauer: interagiert) werden. Und weil unser Handeln, selbst wenn es unendlich konstruktiv ist, als Aggression fehlgedeutet wird. Nur im Verdrängen und Wegstecken/Wegsehen-statt-stop-sagen haben alle in Schland viel Übung. Wir müssen das alle ent-lernen und dafür das Menschliche er-lernen

.”

Die “Empfindlichkeiten” in den USA sind bei manchen Fragen vermutlich deshalb noch etwas verschoben, weil die Geschichte der Sklaverei dort präsenter ist, während hier der Rekurs auf das “3. Reich” sich vor die Historie von PoC in Deutschland, vom Profitieren in Dreieckshandel und Kolonialismus schiebt und alles noch viel schlimmer macht.

Ansonsten macht der Fall in den USA sehr deutlich, wessen Empfindlichkeit was zählt und wem sie wegtrainiert werden soll.

Das Schlimme ist: Der Preis für alle ist so verdammt hoch. Mrs. Next Match bringt es ja auf den Punkt: Das Menschliche im emphatischen Sinne wurde längst verlernt.

Die politische Herausforderung, die darin steckt, wird zumeist gar nicht begriffen.

Weil allesamt, die vorgeben, für eine emanzipierte Gesellschaft zu kämpfen, so darauf eingerichtet sind, sich ganztägig damit zu beschäftigen, wogegen sie sind – Nazis, Gentrifizierung, Kommerz, der Rassismus immer bei den anderen – dass ihnen irgendwie abhanden kommt, welche Ziele sie tatsächlich gerade schwerpunktmäßig verfolgen. Studium, Freundin/Freund, Job in der Werbeagentur oder dem Reisekonzern, Kinder, Kleinfamilie. Und sie gar nicht merken, wem sie dabei in der Regel NICHT oder kaum und schon gar nicht auf dem eigenen Terrain zu begegnen: Den tolerant Geduldeten halt. Und wenn es denn mal eine Chefin und kein Chef ist, dann möchte ich die Sätze in der Kaffeeküche lieber nicht hören.

Irgendwer fragte neulich bei Twitter, was wir mit einer emanzipierten Gesellschaft denn anfangen würden. Die gesamte linke Szene würde eine Nervenzusammenbruch bekommen, weil die ganzen Aktionsfelder weg wären.

Ich fände es so traumhaft, tatsächlich in einer Gesellschaft zu leben, in der Heteronormativität überwunden wäre, Mrs. Next Match sich nicht in ALLEN gesellschaftlichen und kulturellen Feldern den Raum erst erkämpfen müsste, um immer wieder neu mit Bevormundung, Herabwürdigung und im schlimmsten Fall den Drohungen von Mord und Totschlag belegt zu werden.

In der keine auf die Idee käme, #aufschrei zu starten, weil es schlichtweg nicht nötig wäre.

In der es als menschliche Selbstverständlichkeit verstanden würde, Menschen in Not zu helfen, statt sie mit graduell je brutaleren Waffen von Hartz IV bis zu Abschiebung zu bedrohen.

Es ist nicht so, dass Konkurrenz das Geschäft belebt. Machen wir uns doch nichts vor: So überragend großartig und akut immens wichtig die Solidarität mit unseren Lampedusa-Flüchtlingen ist, die gleiche Solidarität erfahren der Braune Mob oder der ISD nicht. Das führt zu symbolischen und tatsächlichen Toden, nicht zur Belebung.

Sobald die Symmetrie formal da ist, werden im stets geschürten Verteilungskampf einfach andere Mittel ausgepackt, von den Geldtöpfen und anderen Formen des Kapitals abzuhalten.

Eine Welt der Fülle und Solidarität ist möglich.

Aber wer will sie denn nun wirklich?

Bestandsaufnahme

Ja, ich bin viel zu lange im Zentrum mit geschwommen und habe mir den Kopf anderer Leute zerbrochen, die dann innerhalb der Institutionen befördert wurden, während ich immer härter am Limit segelte und mich selbst lieber an den Rand drängte. Weil die Zentren so unendlich grausam sind.

Trotzdem: In dieser Stadt, diesem Land stimmt ja nix.

Die Universitäten völlig verschult, Anstalten, das Denken auszutreiben seit der Einführung von “Bachelor”, Master”, “Bologna” und jenseits der Reflektion verortet – im besten Fall üben noch Befristete für Hungerlöhne Kritik am Neoliberalismus in anderen gesellschaftlichen Bereichen, dem sie doch selbst unterworfen sind. Aber trauen sich natürlich nicht, Strukturen beim eigenen Brötchengeber öffentlich zu benennen.

Die Kämpfe der linken Szenen haben nachhaltig vor allem “Wohnraum für uns” bewirkt – Hafenstraße, Gängeviertel, Bauwagenplätze, Flora ist noch insofern die Ausnahme, weil da ja jede Menge veranstaltet wird -, Flüchtlinge werden aber immer noch abgeschoben.

Trotzdem wird der eigene Widerstand derart glorifiziert, dass zwar keiner mehr weiß, wer nun eigentlich in den Lichtenhagener Häusern lebte und wie die das alles wahrgenommen haben, aber die Antifa hat sie gerettet.War ja akut auch gut und richtig so. Aber darüber hinaus?

Nazis gibt es immer noch verdammt viele. Ja, sie sind sogar auf dem Vormarsch, zum Beispiel in Stadien. Vielleicht ja auch, weil man sich in Deutschland bis heute so völlig fasziniert von den Nazis zeigt, dass man völlig vergessen hat, was jenseits von ständig formal proklamierten “Rechtsstaat und Demokratie” so alles derart cool sein könnte, dass die Nazis schlicht unattraktiv und lächerlich wirken. Vergessen wird, wovon man sonst noch lernen könnte als aus der eigenen Naziaustreibungsgeschichte. Wie wäre es mal auch nur ein ganz klein wenig der Beschäftigung mit dem reichen Erbe jüdischer Kultur in Deutschland? Ist interessanter als die Geschichte der “Antifa”.

Der Großteil derer, die in der “linken Szene” aktiv waren, haben sich in ihren Nischenökonomien eingerichtet oder sind in Mainstreammedien und Werbeagenturen gewandert (ich ja auch, obgleich ich nie wirklich Teil der “linken Szene” war, eher Teilzeit-Peripherie) und verkleben ergänzend mit ehrenamtlicher Arbeit noch jene Bereiche, in die mal allmählich Geld fließen sollte. Sorgen mit letzterem dafür dafür, dass ökonomisch relevante Strukturen gar nicht erst entstehen können, sondern das punktuelle Spenden allenfalls über die Runden helfen. Dass zudem gesellschaftlich relevante Bereich weiterhin als jene gelten, die man sich irgendwie in Güte umsonst holen kann. Du, ich hab da sogar ‘nem Schwulen zugehört. Ja, es gibt jetzt “Crowdfunding” und so, aber selten für den Aufbau tatsächlich alternativer Strukturen, sondern vor allem projektbezogen. Und es gibt Off-Thater-, Galerien und so. Ja. Aber nimmt die wer wahr außerhalb des eigenen Dunstkreises?

Es gibt allerlei “Gründerhilfe” – habe ich selbst in Anspruch genommen, bekam ich, weil ich “Eigenkapital” aufbringen konnte, weißer Cis-Mann bin, bildungsbürgerlich geschult – und sie nahmen höhere Zinsen als die Commerzbank. Und ohne “Eigenkapital” geht nix.

Universitätsprofessoren machen derweil dergestalt dem Nachwuchs Mut. Heroisierung des Scheiterns statt Klassenkampf, sozusagen.

Oder man hängt sich an die ganz Großen und verreckt in Abhängigkeit von Telekomm, NDR und Co.

In den ganzen Gründerberatungen sitzen dann vermutlich alte, resignierte Säcke wie ich, die irgendwann fest stellten, dass sie sich auch überangepasst und bis ins Burnout oder nahe dran aufgerieben haben und der Preis, mal was Anderes oder Neues zu versuchen, verdammt hoch ist. Weil immer die Attacken fahren, die es sich gemütlich im Halbgaren eingerichtet haben und ihre Mittelmäßigkeit verteidigen. Oder sie haben ihre gemütliche Nische gefunden und bewerten Andere. Oder sitzen da selbst auf  einer ABM-Stelle.

Und alles wurschtelt parallel, nicht aufeinander bezogen. Die Gay Community und “migrantische” Strukturen haben sich abgekoppelt und pflegen eher Parallelökonomien, was auch daran liegt, dass grundsätzlich in den Zentren weiße, männliche (im Kulturbereich auch weibliche, da lässt man sie ja ran), heterosexuelle Platzhirsche den Weg versperren und alles, was ihre Hegemonien infrage stellen könnte dann, wenn es sich nicht paternalisieren lässt, bekämpfen und ausgrenzen. Machen ach so wohlwollend die Anderen zum Thema, verweigern aber, dass man auf sie selbst mal blickt. Kritik wird dann als ungebührlicher, persönlicher Angriff ausgelegt, blödes Generve von Vollzeitzicken und “Trouble Makern”, die sich ja angeblich nur davon nähren, sich ständig über irgendwas aufzuregen, was da gar nicht sei.

Alle Sparten nebeneinander her. Zwar werden Saxophonisten und DJs für Vernissagen gebucht, aber die Hochschule für Musik und Theater ist nicht vernetzt mit der Hochschule für bildende Künste, und lediglich das Stichwort “Medien” kann gelegentlich eine Brücke schlagen, wo aber leicht die von Supremacy sich nährende “Wissenschaft” Blickumkehren verweigert und parallel die “Macher” sowieso diesen ganzen reflexiven Unsinn umgekehrt für obsolet erklären. Weil er im besten Falle ihre Praxis gefährden könnte. Was er aber gar nicht mehr tut.

Vereinzelt kümmern sich dann Großbürger paternalisierend um die Abgehängten und fördern punktuell “Hip Hop Theater” und so was für Wilhemsburger Kids, aber bestimmt nicht unter der Regie von PoC, die mal die Blickumkehr auf Weiße vollziehen.

Dabei ist das, was ständig weg geschrieben wird, nämlich Critical Whiteness, in letzter Pointe die Befreiung vom Dünkel, von Supremacy (die Rechtschreibprüfung wollte da gerade “Supermacht” draus machen). Haltungen, die in deutschen Kulturen und Institutionen, ganz gleich, ob Kunst, Theater, Universitäten, Medien, Banken eingeschrieben sind wie etwas, das Luft, Denken und Adern abschnürt.

Nimmt man CW hingegen ernst, ergibt sich ein Denk- und Handlungsspielraum für alle, und eben vor allem auch endlich mal für PoC und andere Ausgegrenzte, der gerade die permanent aufrecht erhaltenen Trennungen der verschiedenen Bereiche und gesellschaftlichen Subsysteme aufzulockern vermöchte jenseits dieses ewigen Sich-über-Andere-Erhebens.

Ja, ich habe oben auch die Kritik der Mittelmäßigkeit in Supremacy-Haltung formuliert, meine damit aber dieses DDR-Prinzip, dass jeder, der den Kopf raus streckt und mal was anderes versucht, mit Sicherheit einen Kopf kürzer gemacht wird von Vertretern in Großorganisationen oder solchen, die irgendwas schon immer so gemacht haben.

Was stattdessen Not täte, sind Intermedialität und Intersektionalität.

Das machen aber nur wenige. Es gibt kaum künstlerischen Journalismus, obgleich man sich doch mit “Medienkunst” tot schmeißen kann – dass Verkaufsausstellungen der Galerie “Affenfaust” wirken wie Formatfernsehen, wo jeder versucht, sich eine marktfähige Nische durch Ausarbeitung einer wiedererkennbaren Technik anzueignen und auszuarbeiten, das merkt aber keiner oder weiß es und glaubt nicht mehr an Alternativen.

Und verschiedene Diskriminierungs- und Ausgrenzungsformen mal systematisch aufeinander zu beziehen, dass das möglich ist, wurde zwar hier und da erkannt, aber außer Ausnahmen wie der Hamburger Queer AG zieht das doch kaum wer durch und alle bleiben unter sich. Oder habe ich was Wichtiges übersehen?

Es gibt Filme ÜBER Musik und Theater; da, wo zusammen gedacht würde, bricht zumeist Häme aus. Z.B. das Musical ist ja eigentlich eine Form, die wenigstens ein paar Grenzen einzustoßen vermochte, “Cabaret”, “Rocky Horror Picture Show”, hier überlässt man die übergreifenden Formen den Busreisenden und guckt stattdessen Kraftclub. Während die Oper sich musealisiert (ja, auch da gibt es Versuche, das zu ändern, in Off-Szenen).

Alles, wo mal irgendwo eine Grenze eingerissen wird, wird sofort wieder weiß und heterosexuell dominiert, und dann steht wieder Jan Delay vorne und die schwarzen Backgroundsängerinnen singen dahinter viel besser.

Wie bekommt man denn da mal Bewegung rein? Ja, ich habe es in meinem Feld versucht, aber gegen das Wirtschaften von Familienvätern, die alles zur paternalistischen Sauce mit sich im Mittelpunkt verrühren, will man auch nicht immer ankämpfen müssen.

Ich nehme die Millionenspenden gerne entgegen, um ein “House of Diversity” zu gründen. Zusammen mit Frauen und PoC. Intermedial, intersektionell.

Einer der Kardinalfehler ist doch diese linke Verachtung des Geldes. Anstatt mal zu überlegen, wie man dafür sorgt, dass auch was damit angefangen wird, was nicht “Abschiebung”, “Ausgrenzung”, Paternalisieren und Depotenzieren bedeutet. Es ist doch Quatsch, sich auf die eigene Bescheidenheit etwas einzubilden. Luxus für alle kann doch nur Ziel sein.

Her damit! Für alle!

Und als allererstes für Refugees! Die uns ja die ganze Zeit vormachen, wie es geht, trommelnd, malend, mit Jelinek-Stück und dem Beharren darauf, nicht Objekt und Bittsteller zu sein. Mit Blickumkehr, einem Politikverständnis, dem man folgen möchte und viel Kreativität.

So was wird aus Hamburg zugunsten der Elbphilharmonie abgeschoben, um als Hauptstadt der Stagnation und zementierten Grenzen kulturell abzusterben.

Ein Dank, von ganzem Herzen, an die Refugees der Lampedusa-Grupppe in HH

“Wir wundern uns, dass uns immer wieder bei Treffen mit Politikern und Parteienvertretern wie zuletzt auch von Mitgliedern der Hamburger SPD Fraktion gesagt wird, dass es dringend Veränderungen in der europäischen Asyl- und Flüchtlingspolitik braucht und wie wichtig die Arbeit unserer Gruppe ist, und dennoch werden wir weiterhin abgelehnt.”

Das ruft auch in mir Erstaunen hervor.

Sogar SPD-Bürgerschaftsfraktionsmitglieder haben es begriffen: Die Lampedusa-Gruppe hat schon jetzt mehr für Hamburg getan, für mehr Bewegung in der Politik (wie ich sie verstehen würde) gesorgt, mehr Wissen und Verständnis für internationale, politische Desaster erzeugt als manche, die sich hier vermutlich fürchterlich wichtig finden in Senats-, Handelskammer- und Bürgerschaftskreisen. Die außer formelhaftem “Rechtsstaat, Rechtsstaat, Rechtsstaat” politisch nichts zu sagen haben.

Während Senatoren sich vor allem darum kümmern, sich der Loyalität der Mitarbeiter in ihren Behörden zu versichern, schafft es ein Haufen traumarisierter Flüchtlinge, Zehntausende für ein friedliches Miteinander auf die Straße zu bringen.

Während Senatoren von “Einzelfallprüfungen” schwadronieren, gelingt es der Lampedusa-Gruppe, das herzustellen, was einst auch Kernbotschaft der Sozialdemokratie war: Solidarität.

Während Senatoren immer verzweifelter versuchen, Menschen zu OBJEKTEN staatlichen Handelns zu machen, als sei Zwischenmenschlichkeit ein Verwaltungsakt, da die einen über die anderen verfügen, agierte die Gruppe weiterhin konsequent als eine Vereinigung von SUBJEKTEN mit eigenen Ansichten, Vorschlägen und Visionen.

Während die an der Regierungsbildung in Berlin beteiligte SPD alles dafür tut, auch ja den Erschein zu erwecken, und das im Widerspruch zu Verwaltungsgerichtsurteilen und Urteilen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, es handele sich hier primär um ein rechtliches Problem, kämpfen entrechtete Refugees visionär für einen Rechtsstaat, der diesen Namen auch verdient. Für einen Begriff von Politik, wie er längst aus den Köpfen vieler Akteure in den Parlamenten verschwunden zu sein scheint.

Kurz: Sie zeigen, was Kant einst meinte, als er vom Ausgang des Menschen aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit schrieb.

Sie führen Verschlafenen und wie fern gesteuert daher quatschenden “Verantwortungs-”trägern vor, was Aufklärung meint, auf die sich die europäische Tradition so wahnsinnig viel einbildet.

Ja, deren historisch-empirischer Schatten war Kolonialismus, Rassismus, Antisemitismus, Weltkriege und Ausbeutung – freilich immer dann, wenn der Gehalt von manchem, was die selbst oft rassistischen Denker schruben und verfochten, in Dünkel und Prinzipienreiterei umschlug und sich von der Empirie abwandte, lediglich, um herrschen zu können.

Genau dagegen wenden sich ganz im Sinne der oft gescholtenen Deklaration der Menschenrechte die Refugees:

“Ein konstruktives Herangehen, würde bedeuten zu akzeptieren, dass uns in Italien kein angemessener Flüchtlingsschutz garantiert wird, was eine Folge des Versagens des Dublin II-Systems ist, und dieses Versagen nicht auf dem Rücken der hier in Hamburg unmittelbar Betroffenen auszutragen, sondern Verantwortung dafür zu übernehmen und ernsthaft die Möglichkeiten der Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis zu prüfen.

Angesichts der intensiven Auseinandersetzung in der Gesellschaft und den politischen Gremien über einen notwendigen Wandel in der europäischen Flüchtlingspolitik könnte Hamburg ein positives Signal aussenden, was nicht nur aus allgemeinen Absichtserklärungen besteht. Auch in den laufenden Koalitionsverhandlungen zur neuen Regierungsbildung in Berlin könnten sich die teilnehmenden Hamburger Politiker hinsichtlich dieses Themas einbringen.”

Ja, eben!

Sie sprechen aus und schreiben und distribuieren, was JEDER weiß, der sich mit dem Thema mal beschäftigt hat: Nix funktioniert bei “Asylkompromiss” und Dublin II. Doch die Flüchtlinge wagen es, sich als Betroffene zu organisieren, eine eigene Sicht der Welt zu wahren, IHRE Erfahrungen als relevant zu begreifen und nicht die der Teilnehmer von Herrenabenden in  irgendwelchen Jagdvereinen in Harburg, wo dann angeblich “Politik” gemacht wird.

Und fordern völlig zu Recht, dass ein Behördenhandeln zuungunsten von Menschen und eine Verteidigung des Rechtsstaates, die vor allem auf die Entrechtung von Personen abzielt, strikt zurückzuweisen ist:

 “Wir möchten daran erinnern, dass wir der festen Überzeugung sind, dass Gesetze für Menschen gemacht werden und nicht umgekehrt. Das bestehende europäische System zur Aufnahme von Flüchtlingen verletzt die Menschenrechte, wir als Leidtragende können das bezeugen. An dieser Stelle reicht es nicht aus, wenn nur von Rechtsstaatlichkeit gesprochen wird, die Gesetze jedoch stets zu unseren Ungunsten interpretiert werden.”

Und fordern ergänzend eine POLITISCHE Lösung.

Doch genau davor schreckt feige der Senat zurück und die Bundes-SPD ebenso. Sie haben sich so daran gewöhnt, vor dem gewalttätigen Mob zu im Staube zu kriechen, der einst Mölln und Lichtenhagen möglich machte, dass sie vermutlich auch noch glauben, sie würden gegen ein Erstarken der Rechten agieren. Indem sie deren Forderungen nachkommen.

Dabei steckt im Manifest der Refugees mehr politischer Gestaltungswille im Sinne einer Politik für die Menschen als in allen SPD-Verlautbarungen der letzten 10 Jahre, an die ich mich erinnern kann. Würde man den aktuellen Senat durch die Refugees ersetzen, würde die Stadt vermutlich prompt aufblühen.

Denn eine der zentralen Erkenntnisse in der gesellschaftlichen Entwicklung im “wieder”vereinigten Deutschland zeigt ja, dass Rechtsextremismus besonders da erfolgreich ist, wo die wenigsten als “Migranten” Markierten leben (dazu zählt auch das Einzugsgebiet von Herrn Scheuerle)  - oder dass er eben da, wo sich wirtschaftlich sehr erfolgreiche Communities etablieren konnten wie in Köln, keinen Fuss an den Boden bekommt. Da kann er einfach nicht mehr so viel an- und ausrichten.

Das beste Mittel gegen Rechtsextremismus ist, denen, gegen die sie bis hin zu Mordserien kämpfen, politische Geltung, Macht und Einfluss zu verleihen und nicht etwa, sie zum OBJEKT von Politik zu degradieren. Wenn dann diese Reflexe von Übermächtigung bis hin zum Titelbild von DIE ZEIT einsetzen, wo verteidigt wurde, Kindern beizubringen, die Refugees mit dem N-Wort zu belegen – bei entsprechender, institutionalisierter Gegenmacht wird die Antwort entsprechend ausfallen.

Was das Umfeld der “Embassy of Hope” betrifft, so ist wirklich ein Beispiel von enormer Strahlkraft etabliert worden: Friedliches Miteinander ohne zumindest für mich sichtbaren Paternalismus. DAS war die Message der Aufklärer, gerade auch der jüdischen unter ihnen.

Hamburg könnte das nutzen, als Stadt mit dem höchsten “Ausländeranteil” Deutschlands, wirklich mit Diversity erst zu machen. Sich dabei von den Refugees, den Mapuche und so vielen anderen, die hier leben, helfen lassen.

Es könnte Institutionen schaffen, die einer Hafenstadt angemessen wären und es auch aus dem Schatten von Berlin hervor treten ließe.

Statt verwaltungsrechtlicher Piefigkeit die ausgestreckte Hand der Refugees annehmen und schauen, was man gemeinsam auf die Beine stellen könnte.

In der Berliner SPD Avantgarde sein FÜR eine den Menschenrechten gemäße Flüchtlingspolitik.

Herr Scholz hat sich da doch gerade mit einer Rede für ein neues Zuwanderungsrecht profilieren wollen, las man bei Twitter.

Dann kann er ja hier vor Ort auch mal etwas tun und Fakten schaffen, Initiativen ergreifen, dass Situationen wie jene der Lampedusa-Gruppe produktiv und konstruktiv genutzt werden. Indem zum Beispiel prompt Arbeitserlaubnisse möglich werden.

Die Refugees haben großartigerweise ein Klima in dieser Stadt geschaffen, Resonanzräume eröffnet, das eine solche Diskussion MÖGLICH ist.

Sagt ihnen mal schön Dankeschön, Herr Scholz und Herr Neumann, und macht was draus, anstatt zu mauern.

Lernt von ihnen, und es wird vielleicht mal wirklich allen besser und niemandem schlechter gehen.

Weil es etwas gab, das Elektroschocks nicht zerstören konnten: Danke Lou Reed!

“Sein Vater arbeitete als Steuerberater auf Long Island; als der Sohn 17 Jahre alt war, ließ er ihn einer Elektroschock-Therapie unterziehen, um ihn von seiner Homosexualität zu erlösen. Ohne Erfolg! Statt dessen verhalfen Lou Reed die Elektroschocks zu einer jahrzehntelangen Drogenabhängigkeit, die ihm immerhin die Einberufung nach Vietnam ersparte.”

Nun scheint es doch kein Hoax zu sein: Lou Reed ist tot. Rest in Peace – oder wo auch immer es Dir besser gefällt.

Lou Reed: Jener Schatten – im Jungianischen Sinne – des “Summer of Love”, der als Gegenhippie zusammen mit Nico und John Cale und Mo Tucker eine Wirkungsgeschichte entfaltete wie nur wenige vor oder nach ihm.

Als Velvet Underground an der Scott Mac Kenzie “San Francisco” und Mamas & Papas “Califonia Dreamin’”-Westküste tourten, kamen sie weder an noch klar inmitten dieser so aufgesetzt erscheinenden Lächelei des Love & Peace. Kurios zunächst erscheint, dass sie mit dem Meister der reinen Pop Art-Oberfläche Andy Warhol kungelten und von diesem gefördert wurden, dringt ihre Musik doch aus psychischen Untiefen hervor. Doch nur auf den ersten Blick: Denkt man an dessen Bilder von elektrischen Stühlen und Unfällen, kann man im Geiste die Musik Velvet Undergrounds dazu hören. Nix mit Love, Peace & Happiness, im Destruktiven annähernd resigniert sich zu manch fast kitschiger Höhe empor schwingen, so kam mir deren Motto eher vor.

Im verlinkten Artikel ist zu lesen, wie sie auf Psychiater-Kongressen auftraten und die Teilnehmer nach deren sexuellen Vorlieben befragten: Die Blickumkehr der Marginalisierten. In Zeiten von “Love Inns” inszenierten sie SM-Performances und gaben sich düster.

Elektroschocktherapien, ja, gar Lobotomien waren kein ungewöhnlicher Umgang mit Homosexuellen in dem USA der 50er und 60er Jahre. Man zeigte meines Wissens Bilder leckerer Männer, und dann ran an den Regler. Um eben Schock und Schmerz angesichts des Erregenden zu konditionieren. Damit Mann die Finger von Mann ließ. Extrembild dessen, was antrainiert wurde im ach so freien Westen in einem Land, da noch die Segregation herrschte.

Lou Reed war auch aus der mich nachhaltig prägenden Indie-Post-Punk-Kuktur der 80er Jahre nicht fort zu denken. Er, Iggy Pop, T-Rex, Roxy Music und David Bowie wirkten fort, John Cale auch als Produzent. Das “Transformer”-Album und die Velvet Underground-Platte mit der berühmten Banane darauf hatte einfach jeder. Sie wurden als Vorreiter gesehen dessen, was später Acts wie The Smiths, Sonic Youth oder die Talking Heads oder auch weit Düsterere, endgültig die schwarzen Wurzeln des Rock’n’Roll Verleugnendere fort schrieben. Den Talking Heads konnte man das zumindest nicht vorwerfen – für deutsche Fanzines Anlass, die “Vern…”, man setze das N-Wort ein, derer Musik zu beklagen. So ist die Velvet Underground/Lou Reed Story leider auch Baustein in der Geschichte des “White Washings” der “weißen Indie-Gitarrenmusik”. Denn bei den so üblichen Geschichtsschreibungen, die ich oben auch anwende, Velvet Underground versus Hippies, bleibt die ganze Motown-Staxx-Philly-Sound-Disco-Hip-Hop-House ja immer eine seltsame unverbundene Parallelgeschichte, und Donnie Hathaway kennt kaum noch wer.

Ist Lou Reed das mit anzulasten? Heute morgen gingen bei Twitter die “doop di doop”-Tweets herum, man höre in “Walk on the wild side” und wisse, warum.

Ich denke, er hatte einfach seine eigene Elektroschock-Geschichte, aus der er dann riesengroße Popmusik gemacht hat – solche, die das Sperrige nicht scheute. Die dann am größten wurde, wenn plötzlich doch die Hippie-Träume musikalisch einsickerten, seltsam resigniert und traurig, bei Songs wie “Satellite of Love” und “Perfect Day”.

Ich verbinde mit denen immer den Film “Velvet Goldmine“. Eine Paraphrase der Iggy Pop/David Bowie-Story mit fantastischem Soundtrack, in der die Entwicklung vom Hippie-Szenario zu Glam ins Bild gesetzt wird. Als “bi” in aller Munde, durchaus buchstäblich, war – und doch ist es ein die reale Rockgeschichte in ein filmisches Phantasma transzendierendes Werk. Jonathan Rhys Meyers spielt ungemein sexy den androgynen, ganz in Künstlichkeit aufgehenden Superstar Maxwell Demon – orientiert ist die Figur am Bowie der “Ziggy Stardust”-Phase. Er beginnt eine Affäre mit dem weit derber auftretenden Ewan McGregor – einer der Filme, wo Erotik und (angedeuteter) Sex zwischen Männern trotz Pfauenfedern, hautengem Glitter und Lippgloss eine Strahlkraft der “Rocky Horror Picture Show” gleich entfaltet als etwas, das immer neu erfunden werden muss im Durchgang durch Klischees, um diese aufzulösen. “Velvet Goldmine” ist ein Film von Todd Haynes, der auch mit Meisterwerken wie “Dem Himmel so fern” intensive Zeichen setzte.

Und, wie das so ist im Pop, ich meine mich zu erinnern, vieleicht gibt es die aber gar nicht?, dass unter eine Sequenz, da McGregor und Rhys Meyers in einem Karussell lachen und flirten, Lou Reeds “Satellite of Love” gelegt ist.

Eine zauberhafte Bildfolge, bevor die Beziehung der beiden am Drogenkonsum zerbricht – Todd Haynes hat Bilder zu dieser Musik geschaffen, die das auf den Punkt bringen, was Lou Reeds Musik so magisch machte: Dass er, das Role Model der Gemeinen, Boshaften und schlecht Gelaunten, inmitten von der Zerrissenheit der “Wild Side”, dem Straßen- und Drogenleben, oft von tiefer Trauigkeit und dem Wissen um das Schlechte durchdrungen diese fast traumhaften, musikalischen Bilder der Schönheit des Trotzdem zeichnete und dabei auch den Schmelz nicht scheute.

Weil es da etwas gab, dass die Elektroschocks nicht zerstören konnten. Im Schauspielerlächeln von Jonathan Rhys-Meyer und Ewan McGregor kann man es leuchten sehen.

Das Runde müsste ins Eckige: Alles irgendwie unfertig

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Habe die Bilder dann ja gar nicht mitgenommen, zum “Fussball & Liebe”-Festival im Millermtor-Stadion.

Doch die Auseinandersetzung mit dem Runden im Eckigen treibt immer mehr Glitter und Glitzer wie Bäume im Mai. Das macht Spaß. Siehe oben.

Ist noch einiges zu tun, die Augen, der Mund – und die Tücken medialer Vermittlung sind dem Foto auch anzusehen: Das zauberhafte Kadmiumorange unten rechts suppt auf dem Foto ins Gelbe, das türkisstichige Coelinblau zieht die iPad-Kamera ins Ultramarin.

Dass das gar nicht nur inwändig gekehrtes Geblubber der Subjektivität des Bloggers hier regelmäßig ist, sondern dass es sich um zentrale Fragen philosophischer Erkenntnistheorie dreht, malt man und bearbeitet es dann digital, dreht Kontraste nach und sättigt die dank Lichteinfall auf der Fotografie verwaschenen Farben und reflektiert das dann – muss das erst betont werden? Manche müssen aber auch alles auserzählt, wie von Nora Roberts aufbereitet, bekommen.

Und Erkenntnistheorie ist immer auch hochpolitisch. Da diese eben NICHT nur Diskursiv-Argumentatives thematisieren sollte – der Zugang zu den Ressourcen, sich das auf der Ebene des Aktes des Sprechens selbst ego- und statuszentrierte Gelaber zumeist weißer Männer draufzuschaffen also solcher wie ich, ist einem Großteil der Menschheit schlicht verwehrt. Singen, malen, tanzen kann hingegen jeder. Erzählen auch.

- Flashback “Fussball & Liebe”

Dem Kora-Spieler beim Fussball und Liebe-Festival zu lauschen war insofern erkenntnisreicher als der Selbstinszenierung weißer Indie-Acts, aufgeladen mit kulturellen Hipster-Kapital, beizuwohnen. Weil die Musik des westafrikanischen Instrumentes mir nichts bestätigte, das ich eh schon gewusst hätte. Sondern eine Ahnung säte, dass so viele unerzählte Geschichten hinter all der medialen Vermittlung verschwinden, die so wichtig wären.

Love Newkirk sang später A change is gonna come”, und ich weinte fast. Wegen der Größe und Tiefe ihrer Stimme. Aber auch wegen der Story hinter dem Lied. Es erschien erst nach dem so dubiosen Tod Sam Cookes, der für viele Weiße in den damaligen USA einfach zu schön in alle Stereotype passte, als dass es so geschehen sein könnte. Und das zu einem Zeitpunkt, da er die wirtschaftliche Seite seines musikalischen Schaffens in die eigene Hand nehmen wollte. Dass nicht immer nur die Taschen weißer Männer sich füllten. Er hat es nicht überlebt.

“A change is gonna come” ist für die schwarze US-Bürgerrechtsbewegung so zentral, und hier kennt es kaum jemand noch. Da steckt all die Erfahrung des Gospel und seiner Erlösungshoffnung so tief, so ungeheuer tief drin, dass es mehr erzählt als manch noch so schlaue geschichtliche Abhandlung mitsamt Sozialstrukturanalyse. Weil es die Erfahrungen Marginalisierter zum Ausdruck bringt und damit eine Kunst jenseits der subventionierten Philharmonien etablierte.

Love singt es inmitten einer Diskussion rund um Homophobie und Sexismus. Der Moderator hat schwer verpeilt völlig vergessen oder sich auch einfach nicht getraut, darauf zu verweisen, dass gerade die schwarzen Sängerinnen und deren Musik immer schon Idenifikationsangebot auch für die Gay Commuity waren. Selbst Georgette Dee hat die Hymen der Blues-Größen aufgegriffen; Patti Labelle äußerte, sie fände es gar nicht “cute”, blieben die schwulen Fans fern, Donna Summer und Gloria Gaynor haderten zeitweise schwer mit der Ikonisierung durch die Gay-Culture aufgrund kirchlichen Prägung – und Adeva will House-Music auch vorsichtshalber nicht als schwule Musik verstanden wissen. Wegen Nischengefahr. Geliebt wurden soe alle trotzdem mit ihrem Soundtrack zur Überlebenshilfe. Diana Ross war Stilvorbild vieler Trans-Menschen, und ich erinnere mich an Firmenparties, da ein Haufen Kollegen verzückt “Whitney!’ rufend auf die Tanzfläche stürmte, wenn “I’m every woman” erklang. Allesamt mit “male und white Privilege” gesegnet und dieses wohl nie reflektierend – und doch ist da wenigstens ein Anklang des Verständnisses für die Tiefenschichten der Musik, das in Heterokreisen allzuoft und gerade schwarzen Frauen gegenüber völlig fehlt: Nur emotional, nur Interpret, und mit Bill Haley, Elvis, den Beatles und Bob Dylan fing doch erst alles an … harhar. Sollten mal Billie Holiday und Bessie Smith hören und die “Hound Dog”-Version von Big Mama Thornton.

Ob Stefan Orth und Jens Duve, die dem Podium fern blieben, davon auch nur irgendetwas wissen? Aber Roger Hasenbein war da, der klar stellte, dass eine Regenbogenflagge auf dem Stadion erst der Anfang sein könne. Sehr gut. Und Florian Lechner und Ralph Gunesch aus der Ferne unterstützten auch durch großartig durch Präsenz und glasklare Haltung u.a. Dirk Brüllau vom Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus und den Queer Football Fanclubs wie auch Marcus Urban, Ex-DDR-Oberliga-Spieler, der wegen Coming Outs die Karriere beendete. Nord-Support hatte eine RIESENregenbogenflagge genäht. Toll.

Dank Nicole Selmer und Sookee wurde auch klar gestellt, dass “Sexismus” nicht etwa dann zu diagnostizieren ist, wenn mal mehr Haut zu sehen ist – sondern wenn Dünkel und Überlegenheitsgemackere, somit implizite Abwertung auf einen phallsch-sexualisierenden Blick trifft. Ich hoffe, ich gebe das richtig wieder und bitte ansonsten um Korrektur. Und Tine Kreich stiftete einen ganz eigenen Zauber mit ihrer Musik und machte hörbar, wieso dieses Mecium oft so viel mehr erzählt als das Diskursiv-Argumentative.

Wie eben auch Love. Sie beschwor “A change ist gonna come”. Auf der Gegengerade des Stadions des FC St. Pauli. Wow, und wie sie es sang. Für mich ein großer, tiefer, erhreifender, auch visionärer Moment. Ein Hauch des Metalustversums. Und ihr gefiel es zum Glück auch richtig gut. Sonst wäre ja auch alles falsch gewesen. Sie wollte gerne “You’ll never walk alone” im Stadion singen. Hat sie dann ja auch ganz und gar umwerfend. Vielleicht klappt es ja noch mal im größeren Rahmen.

- FC St. Pauli – Paderborn 1:2 -

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Auch so ein Bild, das entstand, weil ich mit dem Runden im Eckigen spielte. Und auch hier versagt die mediale Vermittlung: Das Weiß oben links ist zu Siena lasiert geworden, und das Kobalttürkis irgendein blau. Und unfertig ist es auch. Wie das Spiel der Mannschaft. Die durchaus lodernd gegen eine hervorragend stehende und spielende Paderborner Mannschaft ganz schön abkackte. Da funktionierte wenig. Wie auf dem Bild oben: Wollte eigentlich mit “Malerband” spielen: Teile des Bildes abkleben, dass darunter liegende Schichten nicht übermalt werden, andere aber doch. Doch dann ließ sich das Band nicht abziehen. sondern riss weiße Streifen in den Karton. So ungefähr muss es Michael Frontzeck auch ergangen sein, als er Kalla auf die Sechs stellte, und Halstenberg, wenn er Gegner ausspielen wollte – und den meisten anderen, wenn sie Pässe probierten. Was dann als Bild sogar noch was hat, das Scheitern zelebrieren, daran weiter arbeiten, vielleicht schafft das die Mannschaft ja auch noch.

- Flashback “Fussball & Liebe” 2 -

In der Donnerstagsrunde, wo richtige Männer über richtige Politik diskutierten, Herr Rettig, Herr Delling, Herr Spiess und so, und eine Frau durfte auch mit dabei sein und war großartig, Dani Wurbs, war auch die mediale Vermittlung Sujet. Die von der Gewalt rund um den Fussball, und wieso nun gerade die so in den Focus gerät und nicht etwa die tiefe Liebe, die viele für ihre Vereine und den Sport empfinden. Da war mit Herrn Rettig sogar ein richtiger Antagonist geladen, der geschickt der Bösewicht-Rolle auswich. Interessant nur, wie er bei verschiedenen Gegenständen medialer Vermittlung sehr unterschiedliche Haltungen einnahm: Große Empörung bei der Behandlung Hoffenheims, da würde doch nur auf Medienberichte rekuriert! Keiner wisse, was da wirklich läuft! – und sich treiben lassen bei der Gewaltfrage. Wie mediale Vermittlung verzerrt, das erläuterte dann Gerhard Delling am Beispiel seiner Wahrnehmung des Relegationsspieles in Düsseldorf. Und trauerte um die tollen Sendungen, an denen er früher mitwirken durfte. Hat er im Sender nichts zu sagen? Er könnte doch dafür sorgen, dass es solche wieder gibt!

Dass Malen statt am Computer sitzen, also ein Weltbezug, der noch vor Augen hat, was er thematisiert (ja, oft auch Fotos, ich gebe es ja zu), auch sonst im Leben hilfreich ist, bewies mir das Leben dann auch noch: Nach wüsten Auseinandersetzungen in Kommentarsektionen diverser “sozialer Medien” stand ich auf einmal einvernehmlich Bier trinkend und angenehm plaudernd mit den Publikative-Autoren Patrick Gensing und André Rejsin vor den Fanräumen und fühlte mich sehr wohl dabei. Einer der unzähligen tollen Momente bei “Fussball & Liebe”. Geht ja doch. Gut so.

Vielleicht stimmt es ja, dass Versöhnung möglich ist. Wenn auch der Weg dahin noch verdammt unfertig ist: A Change is gonna come.

“Du weißt, ich liebe das Leben …”

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Und jetzt wettern welche. Im Forum. Wegen Vicky. Vicky Leandros. Vergleichen “Ich liebe das Leben” mit “Die Hände zum Himmel” und ähnlichen Ausgeburten akustischer Hölle, Hölle, Hölle.

Liebe Leute, die das schruben, verreckt doch in eurer verheteten Gitarrendreckswelt, wo irgendwelche vermackerten Blues-Diebe wie vor dem Spiel “Living on the Edge” gröhlen oder Punker und Hardcore-Spinner alles tradiert Schwarze und Schwule der Musik austreiben.

Mag auch ein Fussballstadion nicht unbedingt der richtige Ort sein, sich über dergleichen zu ereifern, auf unserem weht jetzt immerhin die Regenbogenflagge. Das heißt, sich der wehmütigen Lust hinzugeben, Camp zu verstehen und Camp vom Schlagermove zu unterscheiden. Das ist für viele so genannte Heterosexuelle gemeinhin echt eine Herausforderung. Aber sie lohnt sich!

Camp – diese Les- und Hörart als merkwürdige Aufhebung – im hegelschen Sinne, versteht sich, also das, was aufgehoben wird, bleibt im Aufgehobenen erhalten, verwandelt sich aber in etwas anderes – der Ironie in sich selbst, so dass gerade kein “Bad Taste” dabei entsteht.

“Bad Taste”, das waren die Toten Hosen früher, der “wahre Heino” und das, wofür sich die Goldenen Zitronen später schämten.

Camp hingegen ist, die Künstlichkeit und Lüge, die in Schmelz und inszeniertem Pathos liegt, so zu hören, dass das, was angeblich gemeint ist, tatsächlich wird – aber aus einer Distanz zum Gefühl, das besungen wird, heraus, durchlebbar wird. Das ist das Gegenteil des gar nicht möglichen Unmittelbaren, vermeintlich “Authentischen”. Manche meinen, das könne man gar nicht kalkulieren, weil es nicht funktioniert, wenn es geplant ist. Georgette Dee ist kein Camp, sie spielt nur damit – aber die Klamotten von ABBA in den 70ern sind es. “It’s now or never” von Elvis auch.

Eben, wenn Udo Jürgens “Ich weiß, was ich will, von meinem Fenster aus, da kann ich Dich sehen” zu Irgendwiedisco singt, dem betrunken nachts um 4 tatsächlich SEHNSUCHT und Entschlossenheit abzugewinnen und so zu tun, als würde er ernsthaft das in dem Song zum Ausdruck bringen, was er da singt in seinem kalkulierten Pophandwerk. Obwohl jeder weiß, dass das gemacht ist. Aber es kommt ernsthafter rüber als Tony Marshall. Schüttel.

Und je triefender, desto schöner – das hat mindestens ebenso Zarah Leander trotz ihrer Verstrickungen in den Nationalsozialismus einst zur Schwulen-Ikone werden lassen wie die tiefe Stimme. Dieser Blick …

Und der Trick ist, dass gerade WEIL das so sentimental und schmachzend und schön ist und man sich, wenn man nicht allzu viel Hornhaut auf der Seele hat, auch hinein begeben kann, trotzdem eine Distanz zum Gefühl eintritt. Weil es ja doch nur Schlager ist.

Deshalb sind auch die schönsten Disco-Hymnen, hier läuft gerade “Rock you Baby”, immer mit einer traurigen Unterströmung versehen. Das verleiht ihnen – wie auch den Schlagern, die campfähig sind, das sind ja die meisten ja gar nicht – eine Dimension der Erfahrung, ein Wissen, eine Wehmut, die Bollerhetentum einfach nicht versteht. Das kann eher auf Chris Roberts oder diese mit Mallorcabumsbeat unterlegten Horror-Schlager, die im Kliffkieker auf Sylt Sylvester zum Glück erst nach 12 laufen.

Nun ist Vicky Leandros immer auch zu schaurigen Gassenhauern fähig gewesen – aber dieser Brachialschmelz wie in “Aprés toi”, das ist schon feinst campy.

Und “Ich liebe das Leben”, hey, damals, als Mathias sich dann doch für meinen Rivalen entschied, da war das Überlebenshilfe. Wie auch “Nur wenn ich lache tut’s noch weh” und “Wär ich ein Buch” von Daliah Lavi oder “Komm wieder, wenn Du frei bist …” von Tanja Berg :D … ja, das war ja das Schöne, ich konnte lachen, während ich litt.

Das war für mich immer Zentrum aller schwulen Subkuktur damals, diese Haltung, da, wo sie gut war.

Nicht zu vergessen “Mach noch mal, mach noch mal, was Du immer machst mit mir …” :D :D :D . Von Dunja Rajter. Toll. War die B-Seite der Single “Ich glaub Dir”. Und “Am Samstag Abend war es wieder mal so weit …” von Hanne Haller.

Ich liege hier gerade auf dem Rücken auf dem Sofa, tippe ins iPad und bekomme ständig Lachanfälle :D – da kursierte nämlich früher ein wundervoller Videomitschnitt der Familie Schmidt, wo herrlich schlecht geschminkte, wundervolle Trümmertunten (oder nur eine? Lange her!) verzerrte Gesichter zum Chor zogen, während sie so taten, als sängen sie ihn. Ja muss man gesehen haben, kann man sich aber auch vorstellen. “Ja, ich weiß, ich bin stark, doch ich wär so gern schwach …” – herrliche Zeile. Lief im Radio, als ich einst mit H. in Kassel einfuhr, aber das ist eine andere Geschichte. Wie auch “Wir grüßen unsere Mitpatienten auf der Intensivstation” und “Sue Allen, sauf weiter!” Oder Pelle Pershing, der Heinz Schenk parodiert, der Zarah Leander parodiert … oder Sheldon Cooper. Danke noch mal!

MACHT MIR DIE VICKY NICHT MADIG! Ich finde es wundervoll, wenn das das Lied der Saison wird!

Aber eigentlich sollte das ja ein Spielbericht werden. War ein großartiger Abend am Millerntor! Danke, Jungs, dass ihr euch von diesen rummackernden Prügellöwen nicht habt beeindrucken lassen, weiter gegen gehalten und so verdient gewonnen habt!

PS: Ein paar Worte noch zu Herrn Kienhofer (schreibt der sich so?) – weil ich über den hier schon mal Bitterböses geschrieben habe. Es gab eine kurze Phase, da drohte das Spiel nur noch von seinen Pfiffen geprägt zu werden. Aber ganz am Anfang wie auch die komplette zweite Halbzeit hindurch fand ich es großartig, wie er bei einem Spiel, das eher was von Fingerhakeln oder Armdrücken hatte, volle Souveränität wahrte. Respekt!

Wie Joshua Redman den Blick umkehrte … “at least, it depends on your attitude”

“Das ist für mich eine der großartigen Sachen am Jazz: Die Relevanz liegt im Spielen. Das ist es, was Jazzmusiker so am Jazz lieben: Er lässt dich in diesem einen Moment sein wie keine andere Musikform. Alle Fragen der Bedeutung, Historie, Vermächtnis, alles, was mit dieser großen Vision der Vergangenheit und Zukunft zu tun hat, lösen sich im Akt des Improvisierens auf und werden Gegenwart. Auch der, der nur zuhört, wird Teil dieses Augenblicks.”

Elbjazz. Erstmals Elbjazz.

Gerade noch Blues-Tonleitern auf dem Saxophon geübt. Mit Verblüffung dieses überwältigende Erbe erspürt, lediglich von Ferne angespielt, das in diesen “flatted Fifth”  Klangfolgen jenseits der Formatierung europäischer Harmonik liegt.

Das Saxophon böte die Möglichkeit, die “Blue Note”, eben ein Ton, der zwischen den antrainierten und ansozialisierten Halbtönen liegt, tatsächlich zu spielen  - dafür muss ich aber noch lange üben. Und bin doch baff, wie eine Welt entsteht bei der Moll-Blues-Tonleiter anstatt nur einer Tonfolge, übt man sie, wie eine Geschichte statt einer Struktur erklingt.

Das “Lobe den Herren”, mittels Kirchenorgel in mich hinein geblasen bei Familienfesten, lasse ich hinter mir. Erkunde ein Terrain, das mir ein Vermächtnis, eine Historie offenbart, die nicht die meine ist und die doch so unendlich viel mir schenkte in den Jahrzehnten des Musikhörens von den “Trammps” auf dem “Saturday Night Fever”-Soundtrack bis his zu all den großen Saxophonisten, die ich aktuell erkunde.

Ja, einst sogar in genau der gleichen Kirche, da auch die 7-Ton-Systeme meine Körpererfahrung formten, da sangen wir “Go down Moses”. Seltsam geschichtslos tönte es, ohne dass ich es merkte, und Muttern hatte auch eine Mahalia Jackson-Platte – erst viel, viel später begriff ich die Pointe von “Let my people go”, unter Bedingungen der Sklaverei ja eigentlich eindeutig und doch so ein Passus, den wir weg sangen in unserer Ignoranz.

Dass “Die Sterne” sich nicht entblödeten, aus “He’s got the world in his hand” ein “Gib sie wieder her” abzuleiten ist nun gerade angesichts der zumeist weiß gewaschenen Rockmusikfolgen der “Hamburger Schule” symptomatisch und selbst als “Gag” noch entlarvend. Wieso, das kann man hier hören. Und, auch wenn manche es mir nicht glauben wird: Dieses jazzige Sopransaxophon, dass Tobias Levin  in eines der Alben von Kante mischte, ich meine, es war das “Zombie”-Album, ist mehr als eine entwendete Garnierung, sondern eine Spur des Verdrängten, die gezielt gelegt als Wegweiser dienen mag in jenes Reich, das ich betreten durfte am Freitag Abend: Des Jazz.

Arche

Die Barkasse zum “Elbjazz”-Gelände fuhr noch an christlicher Propaganda vorbei; Mehr von diesem Beitrag lesen

Kommt in die Millerntor-Gallery!

Eine tiefe Verbeugung vor der Action, dem Engagement, dem Einsatz, dem Ideenreichtum der Macher der Millerntor-Gallery!!!

Ich durfte gestern an dem “Pre-Opening” teilnehmen (incl. Kunstauktion durch Sotheby-Hochadel) und bereits im Vorfeld fest stellen, mit was für einer denkoffenen Crew da bis hin zum Kurator Jörg Heikhaus und Marcel Eger gearbeitet wird. Ich finde es immer wieder beeindruckend, was Benny Adrion und seine Teams da auf die Beine gestellt haben – die Millerntor Gallery ist ein Projekt von Viva con Agua.

Ich finde es wahnsinnig spannend, wie die kargen Gänge des Millerntor-Stadions mit verschiedenen künstlerischen Ansätzen belebt werden und kann nur jedem empfehlen, sich das heute Abend bei der Vernissage oder die nächsten Tage mal anzuschauen. Fotos gibt es u.a. bei Stefan Groenveld zu sehen und beim Facebook-Auftritt der Millerntor-Gallery selbst.

Es ist cool, wie die altehrwürdige Institution und der ja in der engen Spitze von 1 oder 2% der KünstlerInnen auch millionenschwere Markt der Kunst dadurch, dass sie in ein Stadion wandert, umdefiniert wird. Wie umgekehrt ein trotz gelegentlich auch bei unserer Mannschaft aufblitzender “Spielkunst” sich ein eher, na, “bodenständig” gerierender Raum sich dem Spiel mit Form, Farbe, Figur usw. öffnet. Ein Raum, der ja idealerweise alles “Authentische” und Reproduzierende aufbricht und, um mit Cézanne zu sprechen, eine “Harmonie parallel zur Natur” kreiert – Disharmonie wäre zu ergänzen.

Ich finde es auch toll, wie Präsidium und Geschäftsführung des FC St. Pauli sich auf Viva con Agua und die Millerntor-Gallery einlassen, weil ich Sätze wie

“Der FC St. Pauli ist ein Lebensgefühl und zwar ein unkonventionelles, das für Kreativität, Anderssein, Toleranz, Weltoffenheit, Selbstironie, vor allem aber auch für soziale Verantwortung steht”

mal ab von dem blöden Toleranz-Begriff voll und ganz zustimmen kann dann, wenn das auch mit Leben gefüllt wird. Auch die Conclusio

“Darüber hinaus schafft die MILLERNTOR GALLERY es zu integrieren, denn sie bietet für nahezu jeden etwas. Und genau diese Aufgabe MUSS (Hervorhebung von mir) auch der FC ST. Pauli leisten: Ein spannendes Angebot für alle zu schaffen, zumindest für all jene, die sich die Freiheit nehmen, (mal) abseits der Konventionen zu denken und mit diesem Angebot auch noch der gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden.”

(Quelle: Katalog Millerntor Gallery, Katalog 2013, S. 7)

ist mit einem vehementen “Yes!” zu beantworten. Call and Response.

Womit ich freilich bei der solidarischen und sympathisierenden Kritik angekommen wäre. Es ist großartig, dass auch Künstler wie Zezao dort statt finden – und das Genörgel bei Facebook und Twitter über die “unstpaulianische” Farbe blau am Millerntor finde ich deshalb nicht zutreffend. Auch der Street-Art-Anteil ist sehr, sehr cool, weil dieser “Aufstand der Zeichen” (Baudrilliard) und die Wiedergewinnung des urbanen Raumes gegen Kommerzialisierung, Platzverweise usw. alltäglichen Widerstand darstellt.

Ansonsten ist es leider wie überall: Der Großteil der Künstler ist weiß, männlich und mutmaßlich heterosexuell. Eine queere Perspektive wäre mir zumindest nicht aufgefallen, ein heterosexueller Blick auf Frauen wie auch Männer schien mir hingegen sehr präsent zu sein (z.B. bei den “Mehl-Fotos”, deren Making off bei Gröni zu sehen ist, wo als männlich konnotierte Eigenschaften wie “Dynamik” z.B sich vor eine mögliche Erotisierung schieben – erotisierte Frauen, was ja an sich nichts Schlimmes ist, beraubt man sie nicht Eigenständigkeit und Subjektivität und unterlässt Übergriffigkeit, oder? Kritische Anmerkungen erwünscht!, sieht man schon auf dem Cover des Kataloges). Vielleicht habe ich auch Wichtiges übersehen.

Nun lassen sich durch diese sozialen Konstruktionen – “weiß, männlich, heterosexuell” – per se keine Rückschlüsse auf die Qualität der Kunst ziehen. Sehr wohl aber, inwiefern das soziale und auch ökonomische Setting, in dem sie sich als Kunst bewegt, auch reflektiert wird auf der Ebene des Werkes.

Und da ist, glaube ich, mehr drin als das, was ich gestern gesehen habe – gerade in einem Fussballstadion, wo Männermannschaften einen “Männersport” spielen, gerade dann, wenn eine unterstützenswerte und jetzt schon ruhmreiche Hilfsorgansisation wie “Viva con Agua” als Veranstalter auftritt.

Deutlich wurde das, als Michael Meeske von den “Tränen in den Augen derer”, denen Brunnen in Uganda gebaut wurden, berichtete – dass er da tatsächlich mitgefahren ist, finde ich toll, nur muss schon jeder Hilfsorgansiation klar sein, dass auch sie sich in einem kolonialen Setting bewegt und das Selbstbild des “hilfreichen Weißen”, der “Entwicklungshilfe” leistet, eben auch Teil dessen ist.

Das sollte niemand vom helfen abhalten noch das diskreditieren, was da mit enormen Aufwand betrieben wird, noch ist es möglich, individuell aus strukturell-postkolonialen Konstellationen wirklich auszubrechen – da fehlt aber eine Reflektionschleife, und was böte sich da eher an als Kunst, Wege zu sehen, diesen weißen Blick und dieses weiße Selbstbild auch kritisch zu thematisieren?

Und zugleich die nun tatsächlich genuin europäische Institution “Kunst” auch daraufhin zu befragen, wie sich das, was “wir” als weiße, meist männliche Mitteleuropäer mal als “Kunst” durchgehen lassen, mal nicht (das kommt dann ins “Völkerkundemuseum”), vielleicht von Praktiken in anderen Regionen dieser Erde unterscheidet – oder auch nicht? Wie es als Vehikel von “White Supremacy” und “Male Supremacy” genutzt werden kann und wie man zumindest versuchen kann, das auch aufzubrechen, auch wenn dabei ein Scheitern wahrscheinlich ist – und wie dieses Scheitern denn nun aussehen könnte?

Und wieso entstehen dann, wenn Weiße, zumeist Männer, mal nicht weitestgehend unter sich bleiben, solche Paradoxien?:

“Denn, Frage: Wie viele rassifizierte Menschen müssen bei einem Kollektivprojekt mitmachen, damit es nicht mehr als rein “weiß” wahrgenommen wird? Antwort: Ist egal, denn das Kollektiv wird immer ein böses, komplett weißes, rassistisches Arschprojekt bleiben. (Und das heißt, am Ende bist auch Du als Kanak_in immer nur das böse, rassistische Arsch mit an Bord. Oder: Es gibt dich halt einfach gar nicht. Oder: Du bist halt ein armes Opfer “in den [weißen] Fängen von xyz”. Kann aber ja auch gar nicht anders sein, schließlich bist Du ja Kanake, arharharhar!)”

Und lassen die sich vermeiden, oder geht das gar nicht? Für mich auch gerade eine sehr zentrale Frage als in Sachen “weiß” und “männlich” zumeist Ummarkierter, somit aus anderer Perspektive Schreibender. Weil ich da auch gerade an eine Grenze gestoßen bin im Rahmen meiner Möglichkeiten.

Da wird auch mittels einer Kunstausstellung in einem Fussballstadion nicht die Welt zu verändern sein. Aber würde das stärker in der Kunst selbst Thema sein, wäre das nicht St. Pauli-like? Erste Kommunikationen zwischen MILLERNTOR GALLERY und 1910 – MUSEUM FÜR DEN FC ST. PAULI e.V. haben ja diesbezüglich auch schon statt gefunden ;)

Der ökonomische Rahmen, in dem sich das ganze, globale Drama rund um sauberes Wasser abspielt, wurde zumindest angedeutet, indem deutlich Front gegen die Privatisierung dessen votiert und Wasser als Menschenrecht verteidigt wurde.

Da können Frau von und zu Wittgenstein und Frank Otto und andere, die auf ganz anderen politischen und Wirtschaftshochzeiten tanzen können als der normale Spender und die gestern da waren, weiter  dran arbeiten. Dass Frank Otto Viva con Agua von Anfang an unterstützt, das ist ihm eh schon schon hoch anzurechnen.

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