Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Pop + Philosophie

Mal was ganz anderes (oder auch nicht): Harmonielehre, Klaus Kauker und das “Best of Musikladen”

Im Zuge meiner teilweisen Wiedererinnerung, teilweise auch Neuerwerbs der Aneignung von Harmonielehre und Musiktheorie bin ich auf jemand enorm Spannendes gestoßen: Klaus Kauker. Den vermutlich eh viele schon kennen, er hat bei Youtube ein Portal mit enormer Reichweite aufgebaut und sogar schon den Grimme-Online-Award gewonnen. Zu recht; wenn man sich durch die Videos durchklickt, lernt man ungeheuer viel über Intervalle, Jazz-Akkorde bis hin zur Rhythmik – auch, wieso der Groove eben so wichtig ist. Habe da wirklich gerade noch mal ganz viel gelernt, und da der eine oder andere Musikmachinteressierte hier ja mitliest, kann ich das nur empfehlen, da Wissen wahlweise zu gewinnen oder zu erweitern oder zu erinnern.

Irgendwann begann Klaus Kauker sich der Analyse von Casting-Show-Songs zu widmen. Wie ich finde, auch das ungeheuer lehrreich. Richtig Spaß macht seine symbolische Vernichtung Dieter Bohlens, wozu nicht nur Plagiatsanalysen zählen. Sondern eben auch ein Song, den er nach Bohlen-Mustern gebaut hat: “I can not wait for you”. Am witzigsten und ja auch wieder lehrreichsten finde ich die Remixe, die daraufhin andere Youtube-User davon erstellten. Weil durch die aktive Auseinandersetzung mit der ziemlich lustigen Vorgabe sozusagen schrittweise Einblicke in die aktuellen, nachhaltig demokratisierten Musikproduktionsweisen vom erschwinglichen “Logic Pro 9″ bis hin zur unglaublichen Vielfalt von iPad-Apps hörbar wird.

Keine Ahnung, womit die nun jeweils geremixt haben; was dabei in Ansätzen nachvollzogen werden kann, Mehr von diesem Artikel lesen

Wieso es mir so schwer fällt, aktuell Spielberichte zu schreiben …

Weil sie nicht mit Musik unterlegt oder gemalt sind, nicht gesamplet oder mit Videofiltern versehen und Sprache eben einfach nicht ausreicht. Deshalb fällt es mi so schwer.

Seit Wochen probiere ich rum mit Apps, Pads, spiele mit dem Kaossilator, Looptastic, Rebirth, der Maschine Mikro der  ”Native Instruments” (wobei ich nicht weiß, wie ich das “Native” da einordnen soll), Garageband und lauter tollen anderen Tools. Und ich stelle nur immer wieder fest, wie viel stärker diese Ausdrucksmittel – ja, selbst bei vorgefertigten Loops, die man neu arrangiert – sind als all die Versuche, argumentativ in noch so merkwürdig verschwurbelter Form Gehör zu finden.

Das versuche ich hier ja sonst, eben permanente Diskurstypenvermischung und Ebenenvermengung beim Rumprobieren auch mit sprachlichen Formen. Weil die ganzen formatierten Artikulationsmodi, in die man genötigt wird, während sie einen entfremden, verbiegen und jeder Bewertungsmuster aufprägen, eben doch eine Assimilation an die Ausdrucksmittel der Herrschenden sind. Und das, was man verlernt, während man lernt, wiederzugewinnen ist. Weil Lernen immer ein Verlernen ist, eben dessen, was als “falsch” gilt (und wer warum sozial weiter unten in der Hierarchie steht). Beginnt schon beim Spracherwerb, ich verfüge über kein richtiges R, von wegen Hannover als dialektfreie Zone. Wenn ich “Kirche” sage, hört sich das eher wie “Küache” an. Oder so.

Auch deshalb war für mich Noahs Album so ein A-Ha-Erlebnis. Ich verfolge die Diskussionen, Anfeindungen, Herabwürdigungen, denen sie angesichts ihrer Aufklärungsarbeit ausgesetzt ist, seit nunmehr 10 Jahren. Und habe bei all den Weldingates, Lampenstreits und Völkerschauen im Zoo vor allem immer wieder fest gestellt, wie scheißegal der Gegenseite das Argument ist, auf das sie sich im Sinne vermeintlicher “Objektivität” zu beziehen glaubt (hervorragender Text von Antje Schrupp zur Definitionsmacht habe ich da soeben verlinkt). Letztlich ist den ganzen Mansplainern, wie es so schön heißt, doch nur wichtig, dass sie auch weiterhin entscheiden, was richtig und was falsch ist, um die eigene Machtposition abzusichern und Andere eben zu Objekten zu degradieren, zugleich aber deren Perspektiven wahlweise mundtot zu machen oder zu pathologisieren.

Die zweite Person, als das “Du”, wird von den meisten gar nicht erst gelernt. Es gilt der Umweg über das “daß p” und das “man”, um generalisiert-normalisiertes Verhalten und prästabilisierte Hierachien fort zu schreiben und Abweichungen zu produzieren und zu sanktionieren. Jede dieser Diskussionen soll ein Exempel statuieren, dass eben doch die weißen, heterosexuellen Männer das Sagen haben. Das macht sie so gewalthaltig; WIE immens gewalthaltig, das kann man auf Noahs Blog in einem PDF einsehen.

Was um so gemeiner, unangemessener, respektloser und hinterhältiger ist unter einem Text, der solche Verletzlichkeit zeigt und zulässt. Wie unter aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen Verachtung statt Achtung sich äußert gerade angesichts von Verletzlichkeit, das wird immer krasser; dass ein Sich-dagegen-wehren mit allen Mitteln und auch von Irgendwielinks allerorten bekämpft wird von Rönicke bis zu Doppeldoktoren, das ist einfach Symptom eines Rechtsrucks in der Gesellschaft von erschreckenden Ausmaßen.

Und doch: Noiseaux haben/hat auf dem Album eben eine so großartige Antwort formuliert, dass ich immer noch unter dem Eindruck der Release-Party stehe. Noah stand dort mit lediglich 3 Geräten, einem Pad mit mit Sounds und Samples zu belegenden Feldern, einem Live Sampler und etwas, das ich nicht kannte. Hat den Raum ausgefüllt mit ihren Electro-Loop-Chansons, hat aus Quellen wie Dub, House und eben dem Lied, dem europäischen, gleichermaßen geschöpft, eine ganz und gar eigene, hybride Welt dabei erzeugt – und natürlich ist das Punk unter den Bedingungen der Jetzt-Zeit. Punk initiierte die “Genialen Dilettanten”, Trios Casio, die Rhyhtmen von D.A.F., die Instrumente der Einstürzenden Neubauten – parallel nutzte der frühe Hip Hop den Plattenspieler und den Ghetto-Blaster als Instrument.

Nun würde ich einer begnadeten Sängerin und Musikerin wie Noah nie Dilettantismus diagnostizieren, nicht falsch verstehen – die technischen Mittel, die sie nutzt, sind aber ein Feld ganz eigener Möglichkeiten. Und ja, natürlich können sich Hartz IV-Empfänger oder Flüchtlinge gar auch keinen iPad und “Native Instruments” leisten. Ich glaube aber an as Erzeugen popkultureller Atmosphären, die den Boden bereiten dafür, dass man diesen mehr Gehör schenkt und sie nicht nur als menschlichen Müll diffamiert.

Und: Was den Zauber dieser Soundproduktion ausmacht, Mehr von diesem Artikel lesen

Lesen! Hören!

Mit Apps herum probieren und an das denken, was ich will!

Ja, okay, ich muss noch üben.

Die Dialoge sind schwach, die Bilder nicht optimal komponiert.

Liegt aber auch daran, dass die App ständig abstürzt und man zwischenspeichern muss. Ist aber ein Weg, all denen entgegen zu kommen, die stetes Schwurbeln, ungenügende Eingängigkeit und zu seltenes Pointieren mir diagnostizieren.

Die Übersetzung ins Comic-Genre birgt zwar auch die Gefahr, bedeutungsgesättigte Verdichtungen in Sprechblasen zu tippen; doch nein, ich bin der Versuchung nicht erlegen, so gar nicht :D – und werde nunmehr immer mal ein “Pow!” in Bilder und Texte setzen.

Die Dramaturgie ist schlicht. Die Botschaft ist klar.

Und wühlt man sich durch all die Psycho-Coaching-Literatur selbst für an Burnout Erkrankte und Abnehmwillige, so ist immer wieder die Message klar: Konzentriere Dich auf das, was Du willst, nicht auf das, was Du nicht willst!

Finde positives Feedback im Unbewussten, im rein adaptiven, nicht-analystischen Raum Deines Erlebens! Suche jene Leitsätze und Zielbilder, die mit positiven Gefühlen assoziiert werden!

Drum, mein Comic-Tipp

Mehr von diesem Artikel lesen

Entmumifiziert und transformiert. Ein Fussball- und Kunstabend.

Ein Fussball. Ein Fussballabend. Warhol sein Siebdruck, mir mein iPad.

Wie ein Planet leuchtet der Ball.

Dabei leuchten Planeten gar nicht. Da gleichen sie Fussbällen – eigentlich nur runde Stücke, allerdings von Menschenhand gefertigt. Ohne Spieler ganz nutzlose Dinger.

Doch wie Planeten von der Sonne ihr Licht empfangen, damit sie strahlen können, ihre Ringe gar leuchtend der Sichtbarkeit schenken, so auch das Spiel mit den Dingen. Für Menschen nur. Ja, liebe Leute, das Universum ist FARBLOS.

Doch wir, wir haben diese Fähigkeit, Saturnringen wie Fussbällen sehend und spielend Pracht zu verleihen:  Der Ball lebt von der Energie jener, die aus ihm etwas machen, das größer ist als sie selbst!

Denn, wie schreibt die Mutter von Norman Bates, äh, der Gegengeraden-Gerd vom Dingens, äh, ja. Lehne mich zurück, nippe am Laphroaig Quarter Cask, danke, P.A., danke. S.! Der Whiskey umspült die verkaterte Zunge. Wärme breitet sich wohlig aus im Brustraum. Aromen finden freudige Begrüßung. Geschmacksnerven lehnen sich genüßlich zurück und spüren den Torf hinter der Schärfe. Das Auge trinkt mit, eine hübsche Farbe hat das Zeug. Weil ja der Gegengeraden-Gerd schrub:

“Kennt ihr vielleicht vom Camping.”

Eben. So heißt Mehr von diesem Artikel lesen

Respekt! Nur: Vor wem oder was?

Ich greife das auch hier noch mal auf; hier ist schon was spontan Kommentiertes. Stpauli.nu hat mir eine schöne Vorlage geliefert, und dass ich nun mit Moralphilosophie-Light-Abhandlungen zur Lösung des Problems noch weniger beitrage als jede Plakataktion, das ist mir schon klar.

Es geht um das folgende Plakat:

und stpauli.nu kommentiert:

“Probleme habe ich, wenn ich Begriffe wie “Normen und Werte” lese – dann wird es mir unwohl, denn ich vollziehe sofort den Gegengedanken: “Was wäre, wenn das der Innensenator oder ein CSU-Mitglied sagen würde?” – das hat mir schon viel Ärger eingebracht, auch unter St. Paulianern, dass ich darauf dränge da sehr eng zu differenzieren. Und in der Tat: wie schmal ist er  denn, der Grat auf dem wir uns bewegen? Wenn es um das Abwehren von Gewalt beim Schweinske Cupgeht, das “beschützen” unserer Lokale und der eine Schritt weiter nur für Eingeweihte sichtbar wird, das, wofür St. Pauli steht “nur” als Vorwand zu nehmen. Stil ohne Sinn, die andere Seite der Medaille. Derselben dummerweise.”

Das knüpft ja an sowohl an an die PC-Debatten als auch an “Integrationsdiskurse”.

Sowohl das Plakat – gegen jede Diskriminierung! Gegen Gewalt! – als auch das, was stpauli.nu dazu schreibt.

Mit “Werten” habe ich auch ein Problem. Das Sprachuniversum, in dem von “Werten” geredet wird, ist oft voll von willkürlichen Setzungen und dem Erfinden von Traditionen. Das sind meistens Mehr von diesem Artikel lesen

Eine Zwischenbilanz zum tausendsten Blogeintrag

Das Unerfreuliche

Anlässlich des tausendsten Eintrags in diesem Blog, nach der wohl begründeten Flucht vor Shifting Reality ins Leben gerufen, kann ich ja mal vor mich hin schwurbeln und vielleicht so etwas wie ein kleines Fazit ziehen.

Ausgestiegen aus dem Gemeinschaftsblog war ich, weil mir zunehmend auf die Nerven fiel, dass sich inmitten der linken Theoriebildung immer mehr als “Neoliberalismuskritik” getarnte, homophobe Einsprengsel fanden. Und auch, weil mir in Fragen des Rassismus die je eigene Rolle, also das, was “Critical Whiteness” meint, dort im Grunde genommen nicht als mehr thematisierbar erschien.

So traurig das ist, für mich, für andere, hat sich das im Zuge des Bloggens hier fortwährend bestätigt, dass das so ist. Es gab Phasen, da brauchte ich nur Jean Genets “Querelle” thematisieren, und irgendwer rastete in der Kommentarsektion mit Sicherheit homophob aus. Auch Judith Butler nur erwähnen führte zu wirklich absurden Kommentarschlachten – wohlgemerkt NICHT wegen der Israel-Frage (einmal aber doch).

Ob nun linksliberal, linksradikal oder linksistdochegalaberirgendwiedochlinks, viele in diesen Szenen Geprägte haben viel zu häufig ein akutes Problem damit, auch nur zuzuhören, wenn es um marginalisierte Perspektiven geht, um Erfahrungsräume, nicht die ihren sind. Sie reagieren hochaggressiv auf Hinweise diesbezüglich, tun alles dafür, ihre eigenen Biographien und Lebenswelten als einzig relevantes Thema und Kriterium durchzusetzen und greifen im Konfliktfall auf bewährte, rechtsliberale Schemata zurück, um Abweichendes möglichst in Gruppen zusammen gerottet auch weiterhin marginalisieren zu können.

Diese Leute ertragen “Deviante” nur, wenn diese den ganzen Tag die “Danke, Massa, dass Du mich tolerierst”-Haltung einnehmen.

Was ich noch nicht verstanden habe, ist, ob das nun Ängste sind, ob echter Widerwille  und echte Abneigung sich zeigen oder einfach nur Ego-Reflexe einsetzen, die dann entstehen, wenn antrainierte Schuldgefühle – unter anderem – mobilisiert werden. Die in einer merkwürdigen Opferhaltung anschließend denen vorgeworfen werden, die nichts anderes tun, als sich auch mal zwischendurch mal Gehör sich zu verschaffen. Oder ob sie es einfach nicht ertragen, wenn sie mal nicht der Plenums-Platzhirsch sind. Geht mir dabei ja nicht um eine konkrete Person, sondern um einen weit verbreiteten Habitus, der alle nervt, die auf ähnlichen inhaltlichen Feldern ackern wie ich. Und ich als weißer Mann haben die ganz krassen Formen des Mobbings, wie sie am heftigsten PoC-Frauen erleben, tatsächlich auch noch nicht erleiden müssen.

Trotzdem ein Dankeschön an all die Rausgeworfenen! Ich habe da zwar vieles gelernt, was ich nie lernen wollte, aber was ja gut zu wissen ist.

Das Erfreuliche

Was mich täglich freut, ist, dass der Kontakt zu der feministischen Welt sich so intensiviert hat. Ich erlebe sie als hochinspirierend, freue mich, wenn mir zum Geburtstag als erstes Nadine Lantzsch bei Twitter und Antje Schrupp bei Facebook gratulieren, die über verschiedene Facetten feministischen Denkens schreiben. Ich finde beides sehr lehrreich, sehr spannend, sehr bereichernd wie auch die Mädchenmannschaft und ihr Umfeld im Allgemeinen. Und lese da gerne zu.

Viele der Twitter- und Facebook-Kommunikationen sind hier ja gar nicht mehr sichtbar, da hat sich auch was verschoben. Ich habe tatsächlich eher biographisch, nicht sachlich begründet lange Zeit einen Bogen um den Feminismus gemacht; aktuell erscheint er mir produktiver als vieles, was im klassischen Antifa-Spektrum diskutiert wird. Gerade auch da, wo das, was man wohl, bin ja nicht mehr der Jüngste und nicht immer firm in aktueller Theoriesprache, aktuell Intersektionalität nennt, gedacht wird. Da, wo die Identitäten und Unterschiede zwischen rassistischen, sexistischen und homophoben Strukturen offen gelegt werden. Was, glaube ich, für alle die große Aufgabe ist, ist, das Ganze rückzukoppeln an die Themen der Kritik der politischen Ökonomie. Das kann aber auch mein Problem sein und alle anderen sind längst dran.

Ebenso erfreulich finde ich die Intensivierung all der Kontakte rund um den FC St. Pauli. Auch da gab es ja durchaus Kontroversen, die in fast, leider nur fast, allen Fällen sich aber auflösen ließen.

Umgekehrt sind, nachdem ich ja jahrelang eher unbemerkt hier rund um diesen, meinen heiß geliebten Fussballverein bloggte, zuerst Dank Twitter und die Verlinkungen durch stpauli.nu und dessen riesige Facebook-Gruppe, immer mehr sehr schöne persönliche Kontakte, Freundschaften, Solidaritäten und Zwischenmenscheleien entstanden, die ich echt nicht missen möchte. Das ist eine tolle, vielseitige, lebendige Community mit so vielen großartigen und einzigartigen Individuen, da fühle ich mich doch sehr zu Hause. Will jetzt gar nicht alle aufzählen, dann vergisst man eh nur wen oder welche, die einem besonders an Herz gewachsen ist. Dass unter anderem über das Lichterkarussell auch eine Anbindung an die Perspektive der Jüngeren erfolgte, dass lässt doch Vertrauen in all die Möglichkeiten gesellschaftlichen Wandels wachsen. Und ich bin weiterhin überzeugt, dass er möglich ist, der Wandel!

Der Ausblick

Von Anfang an habe ich hier zumindest versucht, ein wenig neben Spur und antisystematisch auch in der sprachlichen Form mich zu bewegen, teils auch in den hoch geladenen Bildern übliche Darstellungsweisen zu verschieben. Auch Fussballerkörper haben ein Recht darauf, mal jenseits der Klischees der Sportfotografie abgebildet zu werden, und da haben wir ja auch Fotografen im Stadion, die das können.

Keine Ahnung, wie weit dieses Anliegen, sprachlich wie bildnerisch, mir wirklich gelang, ist aber der Sinn des Blogs für mich eben auch.

Ich bekam heute bei twitter von der mir bis dato unbekannten @h4rri3t den wundervollen Tweet, sie läse hier gerne und wünsche mir noch viele schwurbelige Ideen. Das hat mich gefreut!

Zu den wirklich ärgerlichsten und frustrierensten Erfahrungen gehörte für mich, dass dann, wenn ich mal wieder einfach nur herum spielte und probierte mit Sprache, um Wege zu erkunden, vielleicht Unbegriffenes in den Begriff zu bekommen, oberlehrerhafte Reaktionen, sinngemäß wie “Das ist doch nur noch zusammen assoziierte Scheiße, schreib gefälligst wie angelernt!” auf mich prallten. Da ich nun aber genug anderslautende Reaktionen eben auch immer wieder empfange, schwurbele ich mal weiter. Und auch, weil es mir Spaß macht :D

Dahinter steht ja schon auch eine ernst zu nehmende Problematik, nämlich die, welche ästhetischen Formen vielleicht dazu in der Lage sind, das aufzubrechen, was im kritischen Teil dieses Blogs als Kackscheiße (seit Welding schreibe ich das Wort supergerne) identifiziert wird.

Das ist so eine Art Lebensthema für mich, und da baue ich immer mal wieder viel Mist, aber manchmal gelingt ja auch was. Am meisten Raum bieten da lustigerweise die Spielberichte, weil man vom objektivierenden Referat auf die Ebene der Erfahrung gehen kann und so ein Joch abwirft, das den Sprach-Ochsen vor den immer gleichen Karren spannt.

Dieses Blog ist in der Hinsicht auch “Probierzone”, weil ich zunehmend, anders als noch zu Zeiten meines Examens, dazu tendiere, die literarischen und künstlerischen Techniken als die gewichtigeren gegenüber den argumentativen zu begreifen. Und immer da, wo jemand “objektiv!” ruft, die Repression des Biedermanns am Wirken ist.

Für mich war die poststrukturalistische Kritik des Subjekts immer dahingehend zu lesen, dass sie eine unreglementierte Subjektivität ermöglichen könnte – und somit auch gelingende Intersubjektivität. Und das ist eben was anderes als plumpe Psychologisierungen – letztere waren das Ziel der Kritik von Barthes und Foucault.

Was nun aber “unreglementierte Subjektivität” heißen kann, die nicht einfach eigene Befindlichkeiten an marginalsierten Gruppen abarbeitet, so wie Frau Reiche von der CDU das aktuell tut, das ist eine utopische Frage. Aber man kann ja schon mal rumprobieren.

Und das mache ich ja die ganze Zeit parallel im Falle der eBook-Soap “2020 – Tales of St. Pauli“. Gar nicht so einfach. Schon deshalb, weil ich mich letztlich immer schon mehr an Popkultur als an künstlerischer Avantgarde orientiert habe und eher die Narrative des Thrillers anwende, in ihrem Rahmen schreibend spiele. Und fest stelle, dass, wenn ich im dystopischen Raum das Utopische suche, auf einmal ganz ähnliches schreibe wie John Shirley in in “Stadt geht los”, und das, ohne das Buch je gelesen zu haben. Habe es mir jetzt besorgt.

Auch das meinten ja Denker wie Roland Barthes in Schriften wie jener zum “Tod des Autors” – dass sowieso die Sprache spricht, nicht der Autor, aber das eben auf seine Art :D … und dass ich in einem symbolischen Feld unterwegs bin, in dem ich Dinge weiß, die ich gar nicht kenne. Ein Mysterium.

Übrigens folgt all das Probieren und Entwerfen dem zu Shirley ziemlich entscheidenden Unterschied, dass er im Punk-Szenario, Barthes würde wohl vom Phantasma schreiben, des CBGB agierte, an Patti Smith orientiert, während ich instinktiv eher in die Disco- und House-Tradition hinein gehe.

Das dann mit dem FC St. Pauli und anderen Fragestellungen dieses Blogs zu verbinden und doch ganz konservativ eine lineare Geschichte mit einem Figurenensemble in die Welt zu setzen, das macht einen Riesenspaß. Man erwarte keine große Kunst, ich bin letztlich doch ein Pop-Heini. Aber ich hoffe, es wird unterhaltsam und trotzdem nicht nur Klischee.

In diesem Sinne: Einen ganz herzlichen Dank an alle, die hier mitlesen und mitkommentieren!

Und ein ganz besonderer Dank geht auch an Loellie und T. Albert für all die Jahre. Jawohl!

“Wir wünschen uns, dass die genannten Denkrichtungen in Zukunft im Bereich der Philosophie an der Universität Hamburg in Forschung und Lehre in angemessener Form vermittelt werden”

Manchmal, von Nostalgie erfasst, surfe ich hin zu dem Philosophischen Seminar der Universität Hamburg und trauere.

Ich hatte das große Glück, in den späten 80ern dort zu studieren, in die frühen 90er hinein. Das war eine Zeit, wo man fast von einem Philosophie-Boom sprechen konnte, die “Postmoderne-Debatte” ebenso prägend war wie jene rund um die Systemtheorie und die Analytische Philosophie. Rückblickend muss freilich konstatiert werden, dass es auch eine Zeit der Renaissance liberaler Philosophie war – am deutlichsten wurde dies in “Faktizität und Geltung” von Jürgen Habermas. Feministische Perspektiven wurden zwar nichts systematisch gelehrt, aber auch nicht abgeblockt, so zumindest meine Wahrnehmung, und von Lehrenden wie Anke Thyen auch vertieft. Die Butler-Rezeption setzte gerade erst ein. Die Postcolonial Studies freilich waren noch nicht bemerkt worden, Namen wie Gayatri Chakravorty Spivak, Edward Said, Stuart Hall oder Frantz Fanon waren unbekannt. Fragen wie jene nach Kulturimperialismus, Eurozentrismus usw. waren dennoch prägend, zumeist über die französische Philosophie vermittelt.

Allerdings stagnierte die Debattierlust bereits zu meiner Studienzeit. Der Weggang von Herbert Schnädelbach markierte da schon eine irrevidierbare Zäsur. Lehrende wie Martin Seel zogen sich eher auf die “reine Philosophie” zurück, die Künne-Schüler pflegten ihren weltverschlossenen Elitarismus der Wittgenstein-Lektüre, und was auch Bernhard H.F. Taureck wurde, das weiß ich gar nicht.

Mittlerweile sind zum Zwecke der Depotenzierung der Philosophie meines Wissens diese den Geschichtswissenschaften angeschlossen; “zu meiner Zeit” waren sie Teil der Sozialwissenschaften. Und letztere sind, so meine ich verfolgt zu haben, den Wirtschaftswissenschaften unterworfen.

Jedes Mal, wenn ich nun nachschauen gehe, packt mich eine Mischung aus Wut und Traurigkeit angesichts des kärglichen und eher auf Philosophiegeschichte verengten Angebots. Für mich immer ein Symptom der Austreibung des Denkens, der Kritik und der Reflektion aus der Gesellschaft auch im Allgemeinen.

Dass nunmehr ein Brief wie der folgende den Weg in die Öffentlichkeit findet, erstaunt nicht und erhält hiermit die vollumfängliche Unterstützung eines Absolventen eben dieses Fachbereichs:

“Sehr geehrte Verantwortliche des Philosophischen Seminars der Universität Hamburg, [...]

der Lehrplan des Philosophischen Seminars der Universität Hamburg ist zur Zeit stark durch Perspektiven der analytischen Philosophie geprägt. Die Bereiche der Kritischen Theorie, des Poststrukturalismus sowie der feministisch geprägten Philosophie sind im Lehrplan nicht enthalten. Damit werden drei weitverzweigte und vielbeachtete philosophische Strömungen des 20. Jahrhunderts vollständig ausgeklammert, die in aktuellen ästhetischen, sozialphilosophischen und politischen Diskursen eine tragende Rolle spielen.”

Diese gedanklichen Säuberungsaktionen im universitären Bereich zerdeppern gesellschaftlich schon zu viel; gut, dass die Studierenden opponieren.

Lehraufträge nehme ich gerne entgegen ;)

Dringende Leseempfehlung: Das Lichterkarussell wendet Michel Foucaults Machtanalytik auf die Diskurse und Praktiken rund um Fussballfans an

Etwas länger als gewöhnliche Blogposts, der Text hat es aber in sich. Er kann zugleich als Einführung in zentrale Aspekte der Machtanalytik Michel Foucaults gelesen werden wie auch in die gesellschaftliche Funktion der Diskussion über Fussballfans – und zeigt die Antworten der Disziplinar- und Normierungsmacht auf, die noch hinter jedem “Freiheit!”-Gebrülle von Leuten wie Joachim Gauck lauern:

Die Produktion von Delinquenz am Beispiel von Fußballfans

Wie Texte mal aussahen, wenn sie geschrieben wurden: On the Sofa

20120719-221044.jpg

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 809 Followern an