Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Pop + Philosophie

Fast eine Lebensbeichte: Über die Unerträglichkeit der Hass-Ausbrüche in Essen

“1) Entscheide Dich für ein Lager: Da sowieso grad Fußball-WM ist, ist das eine ganz einfache Kiste, und die Auswahl der Mannschaft sollte für Dich kein Problem sein. Lass Dich auf keinen Fall davon verwirren, dass von Menschen und Medien gerne mal zwei monolithische Blöcke konstruiert werden. Das ist Part of the Game und sollte Dich auf keinen Fall verwundern!

2) Verwende in Deinen Postings möglichst schwammige Begriffe, die klar machen, dass Du zwar irgendwie ganz viel Herzblut für das Thema hast, aber auch irgendwie nur so mittelviel Ahnung. Verwende gezielt Schlagworte als Synonyme um falsche Sachverhalte zu konstruieren, wie zum Beispiel: Hamas = Palästinenser_innen, Jüdische Menschen = Israelis, Gaza = Westbank und Gaza zusammen bzw. Palästinenserstaat bzw. bekanntes und großzügiges Urlaubsressort am Mittelmeer. Usw. usf. Sollte Dir diese Taktik schwer fallen, lasse Dich einfach von deinen Facebook-Freund_innen inspirieren!”

 

***

Es war zu Beginn der 80er Jahre. Einen ernsthafteren Anschluss an linke, politische Gruppen hatte ich zumeist vermieden: Im Rahmen der Friedensbewegung, den größten Demonstrationen der Nachkriegsgeschichte, war ich engagiert demonstrierender Teilnehmer und verlas gar Gedichte mit Friedenslyrik im Keller des Jugend- und Freizeitheimes und schäme mich da bis heute nicht dafür.

Ich schreibe das nicht, weil meine Biographie nun so umwerfend wichtig wäre, dass ich sie bei tagesschau.de ausbreiten würde, schrübe ich dort; in mancherlei Hinsicht ist sie wohl symptomatisch; .

Sondern, weil so ein Blog ja vielleicht dazu da ist, das Persönliche auszubreiten, um da, wo man in Massenmedien Jobs erfüllt, sich auch klarer zu werden, welche Erfahrungen wie intervenieren in das, was man berichtet. Das dient dazu, sich denen anderer Menschen (hoffentlich) besser öffnen zu können. Versuchen zumindest kann man das ja.

Und schon in den frühen 80ern traf ich bei jedem Versuch, mich mal zu organisieren, auf irgendwelche geschulten Polit-Profis, zumeist weiß, hetero und männlich, die schnell manipulative Maschen entfalteten und alle Runden dominierten. Ich blieb draußen.

Als Ausweg erschien mir Literatur; Erweckungserlebnis war ein Buch über “Die verbrannten Dichter”, eben jene, die kaum noch wer kannte und kennt, weil sie von den Nationalsozialisten den Flammen übergeben wurden

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In Deutschland verhöhnt man halt die Deklassierten …

“Loser!”

“Opfer!”

So tönt es doch schon auf Schulhöfen.

Das trainiert man denen doch an.

In einem Land, da Hartz IV eigens erfunden wurde, um zu deklassieren, zu sanktionieren, zu demütigen, zu zermürben und so genannte “Unterschichten” im RTL-Nachmittagsmagazin vorzuführen.

Sich einfach mal so zu freuen, weil zusammen was erreicht wurde, wird ja nicht unbedingt trainiert, wenn von Kindesbeinen die Siebe regieren und später Exzellenz-Etiketten aufgeklebt werden, um andere Institutionen als Schrott für “Verlierer” zu brandmarken. Und sogar Volksentscheide von Elbvorortlern angestrengt werden, damit das so bleibt.

Wenn Status und Männlichkeit zur Einheit zusammen schießen und als das Nonplusultra gelten. Das ist nicht typisch deutsch, aber halt allgegenwärtig im Kapitalismus.

Da werden die Jungs einander ausstechend durch “Elite”-Internate geschleust, wo sie noch nicht mal flirten lernen, und alle sprechen noch von “Belebung” angesichts der krassen Konkurrenz.

Klar, es gibt in Fussball-Philosophien auch das “jeder rennt für den anderen”, Mehr von diesem Beitrag lesen

Momo on the radio: Tales of St. Pauli – Neues aus dem Metalustversum, Mo, 14. Juli, 14 – 16 h

Morgen, am Tag nach dem entfesselten nationalistischen Taumel, ich drücke Argentinien alle Daumen! Rettet mich!, geht mein monatliches Radio-Experiment einmal mehr über den Sender. Konkret: Ist beim FSK Hamburg zu hören. Wie jeden zweiten Montag im Monat von 14 – 16 h.

Auf dem Sendeplatz läuft ansonsten auch “Jenseits der Geschlechtergrenzen”, was angesichts der hochaggressiven, gewalthaltigen und -tätigen Propaganda mancher Hetero-Lobbies gegen eine verballhornte Version der “Gender-Theorie” viel wichtiger ist als meine plaudernde Suchbewegung quer durch Themen, die rund um die Fanszene des FC St. Pauli mir relevant erscheinen.

Diesmal gehe ich von Roland Barthes’ Konzeption des literarischen “Phantasma” aus, das er in den ganz und gar zauberhaften Vorlesungsvorbereitungsnotizen zu seinen Events im Collége de France (wie man das richtig französisch ausspricht, übe ich noch; mir geht es in der Sendung darum, dem Medium gerecht wirklich mit frei gesprochener Sprache – !!! – zu arbeiten, nicht irgendwas vorher aufzuschreiben und dann zu verlesen und so lange Takes aufzunehmen, bis alles sitzt) in den 70er Jahren entfaltete, die unter  dem Titel “Wie zusammen leben” veröffentlicht wurden. Um mich anschließend vermutlich viel zu platt und reduziert zu der sehr beeindruckenden Lesung Sharoon Dodua Otoos aus ihrem Roman “die Dinge, die ich denke, während ich höflich lächle” (unbedingt lesen!) im Café Timbuktu  zu äußern und die Reaktion der ISD auf das vom Senat initiierte, universitäre Programm zur Aufarbeitung der Hamburger Kolonialgeschichte zu verbreiten. Das Ausstellungs-Motto von 1910 e.V., “Fuck you, Freudenhaus!”, betrachte ich kritisch – um final mich zwei Werken schwuler Stadtgeschichte zuzuwenden. Einerseits Hubert Fichtes “St. Pauli-Geschichte”, eine Handschrift aus dessen Nachlass. Und Stephen Spenders “Der Tempel”, das im Hamburg der Weimarer Republik spielt und jüngst vom Männerschwarm-Verlag neu aufgelegt wurde. Das alles und noch viel mehr ist dann also morgen zu hören.

Da ich keinen Song ansage, hier wieder vorab die Playlist:

Greek Buck – Spunk (Thank You)
Donna Summer – On the radio (die Erkennungsmelodie)
Dennis Parker – Like an eagle
Kaine – Love saves the day (feat. Kathy Diamond)
Habib Koité – Baro
Mamami Keita & Marc Minelli – N’ka Willy
Michael Kiwanuka – Tell me a tale
George Adams – Send in the clowns
Randy Crawford – Everything must change
Boris Dlugosch – Look around you (featl Roisin Murphy)
Grace Jones – I’ve seen that face before (Libertango)
Hercules & Love Affaire – Think (feat. Rouge Mary)
Hildegard Knef – Anderthalb Millionen (Remixed by Hans Nieswandt)
Bedouin Soundclash – Brutal Hearts
Jabberwocky – Photomaton (feat. Elodie Wildstars)
Foals – Late night
Frankie Knuckles – Waiting on my angel
DeeDee Bridgewater – My loneley room

 

 

 

 

 

Michel Foucault: Quicklebendiges Denken, auch weiterhin!

Philosophenfeier und -gedenktage.

Gerade noch gratulierte ich Jürgen Habermas zum 85. Geburtstag, da jährt sich der dreißigste Todestag Michel Foucaults.

Es ist so viel schwieriger, ihn zu würdigen, vermutlich, weil die Fragen seines Werkes so viel tiefer gruben. Eine Gesamtschau ist nicht möglich in einem Blog-Eintrag, nur eine Skizze dessen, was ich ihm verdanke, was mein Leben, meine Sicht der Gesellschaft, mein Denken und Schreiben so ungeheuer nachhaltig wandelte wie sonst nur die Lektüren des frühen Sartre.

Nicht zufällig bezeichnete Michel Foucault sein fiebriges Wühlen, das in der europäischen Geistesgeschichte kaum einen Stein auf dem anderen ließ, in einer Werkphase als „Archäologie“: Das Freilegen der Tiefenschichten der Geschichte des europäischen Denkens war sein Vorhaben. Mal nannte er diese Möglichkeitsbedingungen der Wissensproduktion “historisches a priori”, mal “Dispositiv”: Strukturen, die das hervor bringen, was wir als Sinn im Sinne der Bedeutung verstehen (kleiner Frege-Witz), waren Zentrum seines Werkes. Historische Variablen entdeckte er, nicht Konstanten, deshalb: Post-Strukturalismus, suchte der Strukturalismus doch noch Überhistorisches wie “Das Rohe und das Gekochte”.

Sein Augenmerk galt dem fatalen Wirken der Humanwissenschaften -

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Jürgen Habermas zum 85. Geburtstag: Ein langes Dankeschön!

Das Jahr 2014 bewegt sich weiter in Richtung eines nächsten, und gestern feierte Jürgen Habermas seinen 85. Geburtstag.

 

Sitze in meiner winzigen Küche, sehe den Flur entlang ins Wohnzimmer: Direkter Blick auf die Balkontür. Die Wohnung ist lang und schmal. Viel Trödel, was eben so auf Fluren landet, verteilt sich elegant im Blick, und dahinter steht prachtvoll: James, mein Bariton-Saxophon. Eine fantastische Silhouette verspricht tollen Klang.

 

Habermas, ja, bei aller Würdigung vorab: Er ist halt doch der philosophisch Unmusische. Ein Mann der Aussage, nicht des Songs oder der Arie. Einer des wirklich etwas SAGENS und es MEINENS im Zwiegespräch, der weiß, dass man etwas tut, wenn man spricht. Paradebeispiel der Sprachpragmatiker, die “How to do things with words” (Austin) erfragen, ist der Befehl: Gibt ihn einer, dem (administrative) Macht verliehen wurde, dann bewirkt das Handlungen, und jedes Zuwider initiiert Sanktionen. Searle, Austin, Apel waren seine seine Vorreiter; auch Judith Butler diskutierte intensiv mit ihm in „Hass spricht“, kritisiert ihn auch, da sie beschreibt, wie „Hate Speech“ körperlich wirkt, quält und zermürbt.

 

Es waren große Momente in meinem Leben, hier in dieser Küche einst zu sitzen zu Studentenzeiten mich durch die Texte Habermas’ zu, ja, was, graben?, nee – das Wort zu finden ist schwierig. Michel Foucault lesen, Mehr von diesem Beitrag lesen

Innenstädte verschlanden: 45.000 machen auf dem Heiligengeistfeld mobil (und Publikative betreibt Klassenkampf mit den Onkelz und Frei.Wild … )

Der Hund zittert.

Könnte er sich festklammern, so würde er es tun: Er kriecht auf meinen Schoß und drückt sich an mich, Panik in den Augen.

Vom Heiligengeistfeld weht das Johlen der zum “Sieg!”-Gebrülle bereiten Masse Mensch. Das Dauerrauschen, phonstark, ängstigt das Tier.

Wage mich vor dem Anpfiff gar nicht mehr auf die Straße. Nach Spielbeginn, auf dem Weg zum Supermarkt: Der von mir als “deutschtürkisch” gelesene Kioskverkäufer sitzt mit schwarz-rot-goldenem Cowboyhut vor dem Laden mit Freunden, die fortwährend, vermutlich, damit konfontiert werden, über einen “Migrationshintergrund” zu verfügen, und guckt das Spiel. Später spielen sie auf der Straße Fussball. Finde ich gut.

Das 1:0 fällt, Schreie aus diversen Wohnungen. “Scheiße, Scheiße, Scheiße!” zische ich.

Wie üblich ist Deutschland damit beschäftigt zu diskutieren, was und wer so alles nicht rechts sei. Politisch gesehen.

Rechte Bewegungen wie der Nationalismus werden zu “Patriotismus”, Die Böhsen Onkelz und Frei.Wild zu Klassenkämpfern

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Facebook meiden zu Zeiten der WM

Finger verkrampfen. Schweiß bricht aus.

Die “Black Satin”-Westerngitarre, ich nenne sie “Angel”: Zu eng liegen die Saiten beieinander auf dem Hals. Ist nichts für Tenorsaxophonistenanwärterfinger. Auch nicht für Baritonsaxophonanfänger. Obgleich dessen heiseres Röcheln, das zu dreckigem Röhren fernab jenes des Hirschen über dem Sofa sich steigern kann, auch seinen gebrochenen Charme verstöhnt. Selbst, wenn ich es spiele.

Meine Bari hat so einen hellgoldenen Look wie James Last-Orchester-Instrumente einst. Ich nenne es deshalb James, und er klingt manchmal ein wenig wie Raucherhusten. So ein “Es nicht lassen können”, weil es doch so schön ist. Lasterhaft. Schön.

Hilft mir auf Angel, der Westerngitarre, wenig.

Als ich einst bei einem Stadtmagazin Praktikum machte, fehlten noch Kontaktanzeigen, um die Seite füllen zu können. Die Terminredakteurin, mir gegenüber sitzend, ehemals Bassistin bei einer gar nicht so unbekannten Deutschpunkband, gab aus Spaß ein Inserat auf, dass ihr zum Bild des röhrenden Hirsches über dem Sofa noch das männlich-reale Äquivalent im Bett fehle. Das suche sie nun. Hunderte Zuschriften. Fast Wäschekörbe voll.

Ihr schlechtes Gewissen wuchs, als sie die teils erschütternd ehrlichen Zuschriften las. Ich lernte mehr über deutsche Hetero-Männer, als ich wollte.

Musste nun noch in einer Geschäftsauflösung

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Musik, die Bilder bricht … und “My own private Idaho”

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Es ist heiß draußen. Ich habe mir eine Gitarre gekauft.

Zu den verspäteten Hippie-Träumen meiner frühen Jugend gehörte das dazu, mir vorzustellen, wie den Sommer hindurch sich Menschen auf Wiesen fläzen, zu Bongos und Akustik-Gitarren greifen und beseelt gemeinsam vor sich hin singen. Zeit und Raum vergessend. Im Klang seiend. Sehe ich in den Wallanlagen nie.

Diese Flower-Power-Visionen traten mit dem aufkommenden Einfluss des Punk in den Hintergrund; Leben und Erleben verschob sich in die Nacht, und Madness brachten mich mit “One Step Beyond” zum Saxophon. Welches auch in Soul, Funk und Jazzrock zu hören war, Stile, zu denen ich schulterlanges Haar in Kiffer-Discos auf dem Lande schüttelte und für einen mit dem Spitznamen “Pogo” schwärmte, so mit 15, 16. Gesprochen habe ich mit ihm nie.

Die nächste Zäsur, eine Dekade später: House, Techno, Grunge. Ein wenig wiederholte sich bei vielen das, was bereits in der in den USA und in Deutschland so verbreiteten Entgegensetzung von Punk und Disco fatale Spuren hinterließ. In Großbritannien war das anders. New Pop, New Wave, New Romantic stießen nicht alles ästhetisch Schwarze und Schwule ab, sondern ließen sich darauf ein. Die Talking Heads ja auch, aber anders.

Trotzdem habe ich mir eine Gitarre gekauft.

Zunächst, um ein Akkord-Instrument ein wenig nur spielen zu lernen. Zum Improvisieren mit dem Saxophon muss man die Akkorde fühlen (und eigentlich auch die Skalen auswendig wissen, die dazu passen), haptisch, körperlich fühlen können. Dann braucht man nicht zu zählen oder abgelenkt zu lauschen, sondern ist “drin”. Das gelingt mir nicht mit den Keyboards, die an Computer anzuschließen sind, dieses Einfuhlen. Die haben nicht diese Körperlichkeit. Und ein Klavier passt nicht in meine Wohnung.

Aber auch, weil mir so eine seltsame Insel in der Popkulturgeschichte begegnet ist und mich gar nicht mehr los lässt.

Zu Beginn der 90er, als die Welt erst zu Snaps “I’ve got the power”, unerreicht, tanzte, um dann zu Nirvanas “Smells like teen spirit” zu headbangen, drehte Gus van Sant den Film Mehr von diesem Beitrag lesen

Millerntor-Gallery #4: Nachbetrachtung

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Ich habe vermutlich einfach nur das Beste verpasst. Beim Pre-Opening mit Grönemeyer, V.I.P.-Raum und von und zu Wittgenstein-Auktion war ich nicht. Das “Schwule Mädchen”-Sound-Syndikat habe ich auch nicht gehört.

Am Donnerstagabend bin ich vor heterosexueller Dominanz nach einem einzigen Bier und Entsetzen über das Animationsprogramm eines Schweizer Rap-Duos geflüchtet; eines, das ein wenig an gescheiterte Entertainer in mediteranen Clubanlagen erinnerte und offenkundig mit “Viva con Aqua Schweiz” Menschen in Uganda belästigt hatte (falls sie da auch rappten).

Ich liebe Cypress Hills’ “Insane in the Brain”, vom DJ gespielt; wenn nur aneinander geklammerte Heten dazu rum hängen, bekommt die Veranstaltung dennoch eine andere Färbung als in den letzten Jahren, da coole House DJs wenigstens den Sounds queere Färbungen verliehen.

Durch die Ausstellung bin ich eher gehuscht. Habe bestimmt das Wichtigste verpasst. Bei 90% der gesichteten Exponate fehlte mir weniger der Viertelbezug als der Versuch, darüber, nun irgendwie Fussball und Wasser thematisch auf dem gleichen Bild unterzubekommen, auch mal hinaus zu gehen und weiße Institutionen wie “Kunst” oder “Entwicklungshilfe” kritisch zu befragen.

Ich meine tatsächlich die bürgerliche Institution Kunst im Besonderen, nicht Kunst im Allgemeinen, die ausgrenzende, wie sie sich im 19. Jahrhundert rund um Sammlungen, Museen, Salons, Galerien und Ausbildungsorte etablierte. Mag auch die Avantgarde der Moderne, Cézanne, Van Gogh, außerhalb dieser Institution agiert haben: Da, wo Kunst auch in Aktionen verkauft, also Ware mit bestimmten Charakterista ge- und behandelt wird, geht es zumindest auch um den institutionellen Zusammenhang.

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“Ob es so oder so oder anders kommt …!” – FC St. Pauli – FCK 2:3 (und Momo on the radio)

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“Zusammenfassend bleibt in meiner Erinnerung ein Niederlagenrausch zurück. Geile Atmosphäre, geile Leute, Scheißergebnis. Scheiß aufs Ergebnis! Geiler Abend! Das ist Fußball? Quatsch, das ist Sankt Pauli! So richtig schade war eigentlich nur, dass Boller sein Comeback nicht in dieser geilen Atmosphäre erleben durfte. Ich hätte es ihm gegönnt.”

Womit JaWasDenn das Entscheidende bereits auf den Punkt gebracht hätte. Das folgende ist die Fussnote dazu.

Als ich da stand nach dem Spiel auf der Haupttribüne, jenem Ort, da man Autohöfe gerne ignoriert, die glauben, verordnen zu können, wann man sabbeln, wann man singen sollte und um mich herum Menschen aufgelöst in Standing Ovations ihren Trance auskosteten trotz der Niederlage – ich wusste die Wunder des hypnotischen Sogs, zu dem Mannschaften des FC St. Pauli fähig sind, durch und durch zu schätzen. Zu genießen. Zu inhalieren als pralle Lebenslust.

Es war natürlich schon traurig, hinterher zu lesen, dass die Mannschaft den Last Minute-Treffer, klar auch, als Genickschlag empfand, nachdem sie mit dem 2:2 noch mal so eindrucksvoll zurück gekommen war. Und doof, dass Tschauner sich eine Verletzung zuzog – gute Besserung! Doch wie ihr trotz nun echt bravourös druckvoller Regionisten immer wieder euch aufbäumtet, domiertet, sie fast auf ihre Torlinie drücktet, da war mir auch schnurz, dass denen das umgekehrt auch gelang. Das war Big Entertainment, packend, spannend, großes Gefühlskino, Dramatik, toll!

“Aber schön war es doch, schön war es doch, und ich möcht es noch einmal erleben”, um einmal mehr mit Hildegard Knef zu sprechen, nur das nächste Mal halt mit anderem Ergebnis. Ich fand es umwerfend sexy, wie sich die Boys in Brown von der 90. bis zu 97. Minute aber noch mal so was von hinein warfen, und no risk, no fun ist immer (!!!) das bessere Motto als “Cleverness”. Smartness war ja genug vorhanden. P.A. neben mir war zwar auch irgendwie bedöppelt, aber hey, es mag zwar nichts erfolgreicher sein sein als der Erfolg, doch: Es geht um’s Tun und nicht um’s Siegen.

Fällt mir jetzt noch eine Floskel oder irgendein Zitat ein? Noch’n Songtext? “Ob es so oder so oder anders kommt, so wie es kommt, so ist es recht, es kommt sowieso nie so, wie man es gerne möcht’!” (Lena Valaitis) “So ist nun mal das Leben, es kommt so, wie es kommt, den einen trifft es eben, der andere bleibt verschont.” (Marianne Rosenberg) “Nur wenn ich lache, tut’s noch weh” (Daliah Lavi) – nee, der passt ja nun gerade nicht. Dann schon eher Weckers “Wer nicht genießt, ist ungenießbar!” “Wenn der Sommer nicht mehr weit ist und der Himmel violett, weiß ich, dass das meine Zeit ist weil die Welt dann wieder breit ist, satt und ungeheuer fett!” Auch Konstantin Wecker.

Und das nehmen sich die Spieler auch zu Herzen, spielen weiter mit praller Lust und breiter Brust, und weil uns das allen zusammen so einen Spaß macht, gewinnen wir sozusagen als Nebeneffekt die restlichen Spiele.

Wo ich schon beim Sampeln bin: “Move your Body” von Frankie Knuckles, R.i.P.!, wurde in der Halbzeitpause auch angespielt, was mich sehr, sehr freute! Danke! Gerne mehr davon!

Und der FC St. Pauli ist immerhin auch der Verein, da man hinterher schwer angeknallt, aber hallo!, vor Kneipen steht und tatsächlich über Platons “Politeia”, die Fortentwicklung seiner “eingeborenen Ideen” in Kants transzendentalem Programm und ob der “Seelenwagen” denn nun was mit Freud zu tun habe diskutiert. Echt jetzt. Schön!

Morgen geht es ohne Kant und Platon, aber mit Foucault und jenem Topos der Kritischen Theorie, der die “verwaltete Welt” beklagt, mit Momos “Tales of St. Pauli” beim FSK weiter. Dieses Blog hat jetzt ja einen akustischen Ableger. Um 14 h ist es so weit, es wird Musik zu hören sein u.a. von Frankie Knuckles, Fela Kuti, Noiseaux, Donna Summer, Georgette Dee, Divine, Carmen McRae, Heather Small, S O H N, Nate57 und Joshua Redman – es lebe der Eklektizismus! Zwischendurch ereifere ich mich über Bürgermeisterreden, begeistere mich für John Waters und ersehne die Utopie. Und erinnere mich an das After Shave verflossener Liebhaber. Wer Lust hat, kann ja mal rein schnuppern.

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