Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Pop + Philosophie

Ein alter Blog-Wegbegleiter berichtet aus Umea!

Berichtet von Wäldern, Seen, Wäldern, Seen, Wäldern, Seen, Fitneßcentern (kritisch) und der schweigenden Macht des Küchenutensils – diese:

“(…) konzentriert das kulinarisch Mögliche auf den Pol der materiellen Verfügbarkeit und gekonnten Handhabung”. 

Welcome back in der Blogosphäre!

Wo einstige “liberale” Kontrahenten mittlerweile schlapp gemacht haben und sich einbilden, sie hätten alles gesagt (dabei wissen sie nach Bankenkrise, Griechenland usw. vermutlich einfach nur insgeheim, dass das, was sie vertreten haben, schlicht falsch war), machen wir derweil weiter und verbinden Theorie und Leben – der eine mit Saxophon und passivem Fussballgenuss, der andere mit zwei Kochplatten, ohne Schneebesen, aber bestimmt bald mit Gitarre und Musik-Apps :) … und Forschung rund um männliche Selbstbilder, ganz auf den Spuren Michel Foucaults in Uppsala. Nur eben in Umeå. Die Mittsommernacht naht …

Zwischenruf zum “Hipster”-Geschwätz – back to Jazz!

Es gab Tage, da galt Popkultur noch als subversiv und der Hipster als Avantgarde dessen, was dominante, kulturelle und ökonomische Strukturen zu unterlaufen vermag – das war vor allem die Diskussion der frühen 80er, als Autoren wie Diedrich Diedrichsen diskutiert wurden.

Bei Bands wie Tocotronic (deren aktuelles Album zeigt, was entsteht, wenn Leute von Hamburg nach Berlin gehen: Großer Mist) und deren Anrennen gegen Vorstellungen von Authentizität wirkt dieses nach – Pop wurde als dekonstruktiv-konstruktive Praxis begriffen, Zuschreibungen zu entkommen, indem das Artifizielle und auch Sterotype reflektiert und transzendiert wurde ganz im Sinne Andy Warhols und oft mit Mitteln des Camp. Und es, wie bei gutem Pop immer, trotzdem in individuellem Ausdruck aufzuheben. Und wie genau das z.B. Boy George machte oder auch die “Rocky Horror Picture Show”, das beeindruckt mich bis heute.

Was dabei freilich zumindest im Kneipendiskurs des Subito, hamburgische Hipster-Kneipe in den 80ern, heute Fischladen, und analoger Orte weitestgehend ignoriert wurde, gerade in Deutschland und trotz Rezeption von House-Music, die dem Postpunk-Szenarion mit bewährten Hipness-Methoden den Garaus machte, ist die Begriffsgeschichte von “Hipster”.

Wie das funktioniert, belegt heute vortrefflich die taz:

“Für Norman Mailer war der Hipster ein amerikanischer Existenzialist, der ein Leben umgeben vom Tod lebt – nachzulesen in seinem Essay „The White Negro“. Was ist von dieser Assoziation geblieben?”

Was ist das “N..” im Titel von Norman Mailers Essay geblieben? Das steht da mitten im Text und wird ignoriert.

Das macht doch einigermaßen fassungslos, dass nun dieses hochumstrittene und von schwarzer Seite zu recht harsch attackierte Pamphlet Mailers Mehr von diesem Artikel lesen

Lesen! Dann hören!

Die Kohl-Generation: Der Deckel auf dem Topf

Jedes Denken entsteht unter spezifischen Zeitbedingungen. Es ist sozusagen Pflicht, auf jene zu reflektieren, unter denen das eigene sich formte, will man nicht politischen Journalismus oder politische Theorie im Sinne der handwerklichen Hanswurstigkeit betreiben.

Heute geraten zunehmend jene, die in den Kohl-Jahren politisch sozialisiert wurden, an all die kleinen Hebelchen der Macht. Sitzen in die Führungpositionen, besetzen Plätze in der veröffentlichten Meinung, reiben sich an denen, die in den 70ern groß wurden und und oft auch an deren Denkoffenheit.

Da machen ein paar Jahre schon viel aus: Während Jahrgänge wie der meine genervt angesichts des Dogmatismus vieler 68er im zarten Alter von 14 wahlweise mit den “Neuen Sozialen Bewegungen” identifizierten – Frauenbewegung, Schwulen-Bewegung, Anti-AKW- und Friedensbewegung, von den “Black Panthers” war in meiner Wahrnehmung in Deutschland wenig zu spüren -, die man wohl als “Alternativbewegung” zusammen fassen kann, kokettierten andere mit dem “Null Bock” des Punk, manche mutierten später zu “Gothics” oder wurden Popper. Mal idealtypisch zugespitzt.

Die Alternativbewegung fand auch in der Popkultur Nachhall und setzte anders als noch der “Arbeiterbewegungsmarxismus” auf das Dezentrale – im Nachhinein ist für mich der Kern, dass von unabhängigen Jugendzentren über Hausbesetzungen bis zur Öko- und Second-Hand-Laden-Gründung, dem Independant-Label und Stadtzeitungsverlag versucht wurde, unabhängige, ökonomische Strukturen auf die Beine zu stellen. Das Ganze freilich in einer so ganz und gar nicht mehr marxistischen Technikfeindlichkeit situiert: Die Studien des “Club of Rome” hatten die “Grenzen des Wachstums” und “Endlichkeit der Ressourcen” aufgezeigt, das Vertrauen in die Produktivkraftentwicklung, das noch die SPD zur Atomkraftpartei werden ließ, war geschwunden. Im Nachhinein halte ich das für problematisch, nicht wegen der Frage der Atomenergie, sondern weil es zum technischen Fortschritt halt keine Alternative gibt und nicht nur in diesem Fall ein merkwürdig konservativer Einschlag das begleitete, was in der Etablierung der GRÜNEN enden sollte. Wohl das Erbe der Naturverklärung der Romantik.

In den frühen 80ern formierten sich die Autonomen, und zeitgleich brachte die Friedensbewegung, der Protest gegen den NATO-Doppelbeschluss,  so viele Menschen auf die Straße wie nie zuvor: Ich erinnere mich an ein Wochenende, da weit über eine Million Menschen in verschiedenen Städten gleichzeitig demonstrierte. Man kann nur sehr viel über das Für und Wieder der damaligen politischen Ansätze streiten; zumindest war eine Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte allerorten spürbar. Man besann sich auf das Erbe von Brecht und Tucholsky, und Fasia Jansen und Esther Bejarano standen gemeinsam auf den Bühnen. Es gab noch nicht dieses künstliche Auseinanderdividieren von Antisemitismus und Antirassismus, Strömungen wie jene der “Antideutschen” hatten ihr demagogisches Verwirrspiel noch nicht entfaltet. Auf der anderen Seite gab es tatsächlich einen plumpen Antiamerikanismus, der sich in Songs wie “Amerika” von Fee zeigte und sich vom Dünkel der Kulturindustrie-Kritik der Kritischen Theorie auch bei jenen nährte, die die “Dialektik der Aufklärung” nie gelesen hatten. Später wurde dieses typisch deutsche “Kultur!”-Geschrei in “McWorld” und ähnlichen Slogans pointiert wurde. Auf der anderen Seite kritisierte man den US-Imperialismus, den es von Pinochet bis zur Inthronisierung Ayatollah Khomenis, ja, man glaubt es kaum, nicht nur zu Unrecht. Den Khomeni-Zusammehang kann man googeln, ebenso Die “Iran-Contra”-Affäre – das haben die meisten ja auch lieber verdrängt. Und, allen Unkenrufen zum Trotze, der der Sowjets in Afghanistan wurde auch kritisiert. Mit der Solidarnosz fühlten sich jene, die ich kannte, ebenfalls solidarisch wie auch mit der “Schwerter zu Pflugscharen”-Bewegung in der DDR. Die war mit der “Umweltbibliothek” zusammen eine der Keimzellen der späteren Bürgerrrechtsbewegung.

Dann kam Kohl, und allmählich ist es wohl an der Zeit, Bilanz zu ziehen, in welcher Hinsicht er fatal wirkte. Die Raketen wurden stationiert, doch anders als Thatcher oder Reagan vollzog der allseits als “Birne” Diffamierte kein brutales, neoliberales Programm, und einem Lambsdorff wurde ein Blüm entgegen gestellt. Trotz gelegentlichen Aufflackerns der massenhaften Politisierung wie in Wackersdorf oder rund um die Hafenstraße und die Alte Flora, trotz starker Aktivitäten der Autonomen in Groß- und Studentenstädten, war vieles in der Alltagsästhetik und Haltung in Abgrenzung gegen “Öko” geprägt und Politik wurde zunehmend uncool. Wer sich für hip hielt, las die Tempo, die durchaus politisch startete, ansonsten aber ästhetisierend wirkte, stellte sich Chromregale auf den abgeschliffenen Holzfußboden und diskutierte Popkultur. Kohl prägte den ungeheuer wirkungsmächtigen Slogan von der “Gnade der späten Geburt”, der damals zwar harsch kritisiert wurde, sich heute jedoch erst vollumfänglich als Desaster entpuppt, wie zum Beispiel die N-Wort-Debatte zeigt.

Dann wurde die Mauer zum Einsturz gebracht, und ich erinnere mich gut an die ambivalenten Gefühle: Einerseits Freude, dass die im kleinbürgerlichen Staatskapitalismus Eingesperrten nun raus konnten. Umgekehrt befiel schlagartig mich das Wissen, dass man nun 20 Jahre lang keine linke These mehr würde vertreten können und dass es nicht lange dauern würde, bis massenhaft Neonazis das Land bevölkern würden. Kohl erzwang die “Wieder”vereinigung und gestaltete sie so, dass allen halbwegs Informierten klar war, dass es ein ökonomisches Desaster geben würde. Ja, ist so, man mag von Lafontaine heute halten, was man will, im Nachhinein gibt sogar ein Wolfgang Schäuble ihm recht, dass z.B. der Umtausch 1 zu 1 von DDR-Geld zu D-Mark ein Riesenfehler war. Aber der nationalistische Pomp mit all seinem Pathos verdrängte jegliche Rationalität und mündete in Lichtenhagen, Hoyersverda und Mölln und der de facto-Abschaffung des Asylrechtsparagraphen.

Zeitgleich erschien zunächst rund um Loveparade, VIVA und BRAVO TV alles so schön bunt hier, eine wahre Pop-Explosion befeuerte die Kanäle, und das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem geriet unter den Druck der Privaten. Heute gedenkt USP dem “Familienduell”, der brachiale Ökonomismus von “Glücksrad” und “Der Preis ist heiß” wird auch Spuren hinterlassen haben.

Es setzte nach und nach und nach eine bedingungslose Affirmation kapitalistischer Produktionsweisen ein, die angeblich ohne Alternative seien, wie ja der Zusammenbruch des “Sozialismus” genannten Staatskapitalismus gezeigt habe. Letztlich war es dann Gerhard Schröder, der das Thatchersche und Reagansche Erbe Deutschland aufzwang. Staatliches Eigentum wurde verscherbelt, ohne dass die Bürger davon irgendetwas gehabt hätten, die Sozialversicherungssysteme, insbesondere jenes der Rente, wurde vom Staat teilentkoppelt – eine irrwitzige Freisetzung von Kapital, auch einer der Gründe späterer Krisen, fand statt.

Zugleich verschwand die Kritik politischer Ökonomie weitestgehend aus der Linken zugunsten reiner Moralisierung. Das ist das Argument, was fälschlich immer wieder gegen Antisexismus, Antirassismus und den Kampf gegen Homophobie ins Feld geführt wird, und tatsächlich haben ja manche Zweige postmodernen Denkens, auch in den Cultural Studies, ja nicht gerade die materiale, ökonomische Basis dieser gesellschaftlichen Phänomene im Visier.

In ein paar Rand- und Splittergruppen wurde ergänzend aus dem zustimmungsfähigen Slogan “Nie wieder Deutschland!” ein Adorno verdrehendes, letztlich voller liberaler Topoi steckendes “antideutsches” Denken, das alles dafür tat, auch ja nicht mehr sinnvoll über Antisemitismus reden zu können, noch nicht mal über den sekundären, an Israel orientierten, weil sie ihre nationalistischen Gelüste Israel instrumentalisierend auf diesen Staat projizierten und Juden zu Ersatzariern imaginierten. Wofür diese nun wirklich nix können, es gibt ja mittlerweile sogar Antisemitismen in Reaktion auf “antideutsche” Gehirnwäsche, schlimmerweise. Inbesondere im Osten Deutschlands hat diese Ideologie ja wahre Verwüstungen in Hirnen angerichtet: An sich tolle Menschen, mit denen man sich jahrelang schöne Mails geschrieben hat, mutieren auf einmal zu irrationalen Fanatikern, weil sie zu viel von dem Zeug geraucht haben.

So weit grob skzziert Prägungen derer, die zwischen 1983 und 2005 politisch sozialisiert wurden und dabei noch irgendwielinks dachten: Trotz dessen haben sie den Slogan  ”Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen” mit der Muttermilch eingeatmet und sind fast dran erstickt. Für “Ökonomie” halten sie die Slogans der Privatisierer und der Initiative für Neue soziale Marktwirtschaft. Mit Habermas’ “Faktiziät und Geltung” sind sie der Meinung, der liberale Rechtsstaat wäre der Historie letzter Weisheitsschluß. Der ist ja auch gar nicht nur übel. wenn es ihn denn gäbe. Denn empirisch sind es einfach verschiedene Typen der gesellschaftlichen Großorganisation – Banken, Behörden, Fernsehsender, Konzerne, Parteien, Lebensmittelketten, DFB usw. – die alles andere als zu beherrschende Umwelt betrachten, die es gleichzeitig auszubeuten und ruhig zu stellen gilt. Sozial wirksam ist die Unterscheidung zwischen denen, die drin sind, und denen, die draußen, aber angewiesen bleiben. Parallel wird eine Präventivjustiz etabliert, die dem, was “Rechtsstaat” meint, mitten ins Gesicht rotzt und eine Entrechtung und Gängeleung all jener betrieben, die sich dem Lohnarbeitszwang entziehen, während zugleich Rassifizierung die soziale Ordnung stabilisiert.

Eine Gemengelage, die gerade bei den unter Kohl und dann Schröder Sozialisierten zu einem ganzen Bündel merkwürdiger Phänomene führt. Als Kinder der “Gnade der späten Geburt” halten sie sich zumeist für postrassistisch, Sexismus lebten ja nur “Migranten”, und homophob sind eh immer die Anderen. Sie haben die Moral für sich gepachtet, ohne auch mal einen Gedanken daran verschwendet zu haben, was “Moral” so alles heißen kann – und kriegen drum von den Altlinken immer wieder die “Moralisierung der Politik” oder auch Theorie aufs Butterbrot geschmiert. Während sie selber im Falle von Kunst und Kultur oft Allergien gegen alles Politische entwickelt haben und so auch vehement das “N-Wort” verteidigen. Ihre Bezüge sind so oft auch eher der etablierte Kunst-Kanon, falls sie sich für was anderes als Julie, Thees Ullmann, Tocotronic, Element of Crime oder Post-Punk-Gitarrenmusik interessieren.

Ihre Popmusikhistorie beginnt in der Regel nicht bei Charly Parker, Illionois Jcquet, Bessie Smith oder Ike Turner, sondern ganz wie beim ZDF bei “Rock around the Clock” Bill Haleys. Ihre ästhetische Welt ist zumeist weiß gewaschen und von Adepten schwarzer Musik, aber nicht dieser selbst geprägt, und ansonsten haben sie vor allem Angst. Durch jahrzehntelange Massenarbeitslosigkeit geprägt neigen sie zu Überanpassung an die Institutionen, eben jene Großorganisationen, um die herum sie noch als “Prekäre” gruppiert bleiben – und die, die drin sind, sind vor allem mit Politics beschäftigt und auch damit, in Meetings und Redaktionssitzungen bloß nicht als linker Spinner, Visionär oder irgendetwas, was einem totalitär gewordenen Realitäts- und Formprinzip widersprechen könnte, aufzufallen. Sie sind in einer medialen Entwicklung groß geworden, die alles formatiert, was formatierbar ist, und ganz auf Konsumierbarkeit ausgerichtet ist – alles andere macht ihnen wahlweise Angst oder sie aggressiv. Sie erheben sich ganz wie einst Kohl mit einer gewissen Schlichtheit und gleichzeitigen Arroganz über das Sperrige, Konsequente, Nachgedachte, Unsichere, Verspielte, die offene Form – und sind immer ganz weit vorn dabei, den aktuellsten Claim auch aufzugreifen. So mühen sie sich, die Welt auf ihr Niveau zu reduzieren.

Das ist wohl das am tiefsten sitzende Erbe Helmut Kohls. Man muss nur mal dessen Reden mit denen eines Willy Brandt vergleichen. Das ist schon sprachlich ein Spaziergang in zwei völlig verschiedenen Landschaften, und die von Kohl ist die blühende nicht.

Das Interessante ist, dass bei den nunmehr 20-30 jährigen der eine oder andere sich diese ganze Überanpassung an das falsche Ganze nicht mehr verkaufen lassen will. Vielleicht sind es nur Einzelne und meine Wahrnehmung ist selektiv; mir fällt jedoch auf, dass zumindest in meinem Umfeld immer mehr von denen auftauchen, die sich nicht mehr bluffen, sich von Rhetorik gegen Elfenbeintürme nicht verschrecken lassen und sich mal wieder eigenständig Wissen aneignen. Sie stoßen nun überall auf die Kohl-Kinder auf Dozentensesseln, als Abteilungsleiter oder in der Publizistik und nicht zuletzt als Geschäftsführer des FC St. Pauli.

Die wie ein Deckel auf dem Topf zunehmender Unzufriedenheit sitzen. Vieles sucht sich einfach so die Bahn, als Gewalt, als teils auch kindische Auseinandersetzung mit der Polizei, gerade bei den Abgehängten und von den Sicherheitskräften aktiv Kriminalisierten.

Andere knüpfen nicht zufällig da an, wo die Zäsur Kohl alles platt saß: Bei dem Erbe der Alternativbewegung. Das gibt Hoffnung.

(Mit Dank an das Lichterkarussell)

“… ein feiger Kampfbegriff aus den amerikanischen “culture wars” …”

“Da wird schnell mit dem Zerrbild von der “politischen Korrektheit” gekontert, die doch nichts anderes sei als spaßfeindlicher Puritanismus. Damit kann man lässig und ironisch argumentieren. Hierzulande weiß kaum jemand, dass “politically correct” nur ein feiger Kampfbegriff aus den amerikanischen “culture wars” ist, mit dem man ein Gerechtigkeitsverständnis diskreditiert, das Macht und Pfründe infrage stellt.”

Na, endlich wird die Genese der demagogischen Verunglimpunfgsmaschinerie auch mal in der Süddeutschen klar gestellt.

Der Artikel enthält zwar Schwächen – so ist “Blackface” eben nicht nur ein US-Phänomen, vielmehr gab es in den Zwanziger Jahren hierzulande z.B. eine analog designte Party-Mode, die aus dem N-Wort ein Verb machte. Von dieser Praxis gibt es schlimme Bilder, aus denen einen ein brutaler Rassismus geradezu anspringt. Beim Karneval ist es auch keineswegs ausgestorben.

So was wie “nationale Identität” gibt es meines Erachtens nicht, wohl aber ein Selbstverständnis von Demokratien, das entweder wie in Deutschland letztlich die völkische “Kulturnation” fort schreibt oder aber eines, dass die bedingungslose Partizipation in den Mittelpunkt rückt. Also nicht erstmal irgendein Anforderungsprofil erstellt, in dem “weiß” an erster Stelle steht, und ständig dessen Einhalten oder Abweichungen davon sanktioniert. Sondern eben einfach Partizipation.

Der Kontext, den der Text aufmacht, ist definitiv richtig. In solchen Fragen und Diskussionen ist Deutschland einfach ein Entwicklungsland. Da lohnt es sich immer wieder, in die Diskussion in den USA zu lauschen, anstatt sogar die “Analyse & Kritik” und den “Freitag” als Mittel des Protektionismus zu missbrauchen. Es sind halt Geschichtsklitterer wie Denis Scheck noch viel zu laut – Geschichtsklitterer deshalb, weil sie als Privilegierte inmitten des höchst wirksamen informellen Wahrheitsministeriums derer, die Zugang zu reichweitenstarken Distributoren haben, die Erfahrung der Marginalisierten mit aller Macht aus der Historienschreibung heraus halten und deren Rezeption der offiziellen Geschichtsschreibung in guter, alter, deutscher Tradition der Lächerlichkeit zu überantworten versuchen. Diese hiesige Medienkultur lebt ja vom Minderheitenwitz. Dazu später mehr. Seinem Kollegen C. Bernd Sucher würde da so nicht passieren.

Wie dieses informelle Wahrheitsministerium besetzt ist, da braucht man nur die Interviewpartner der letzten “Druckfrisch”-Sendungen durchzuklicken. Es tauchen durchaus Spuren der “weißen Gegenkulturen” auf, auch Frauen, zum Glück – wobei ich bei diesem “weißen “Gegen”kultur”-Konzept von der “Beat Generation” bis hin zu Tocotronic ja mittlerweile doch arg die Befürchtung habe als jemand, der von ihm durch und durch geprägt ist, ob das nicht eine große, unfreiwillige Lüge war und ist. Wenigstens waren am Anfang noch Schwule mit von der Partie, Burroughs und Ginsbergh. Ein Iraker darf bei Druckfrisch auch mal was sagen, wenn er gefoltert wurde, sonst mutmaßlich lieber nicht (habe ich wichtige Protagonisten übersehen?). Alles andere wäre ja auch bedenklich laut offizieller ARD-Seite.

Was ein wenig übersehen wird, ist, dass der Herr Scheck seine Sendung ja nicht alleine macht. Ein ziemlich sympathischer Fernsehmacher, der, was irgendwie passt zum Thema “Selbstverständnis der weißen “Gegen”kulturen, z.B. mit FM Einheit zusammen gearbeitet hat, aber auch Töne in Istanbul sammelt für den Hörfunk, führt Regie. In einem ansonsten sehr spannenden Blick hinter die Kulissen seiner TV- und Radio-Vita, eine Vita, die so und in dieser Form nur sehr wenigen PoC in Deutschland offen stünde, kann ja jeder mal durch die Flure von ARD-Anstalten laufen und gucken, wer da rum läuft, fallen folgende Sätze:

“Der ideale Gast für “Druckfrisch” ist – zynisch gesprochen – eine junge, blonde, gut aussehende Holocaust-Überlebende. Reden muss sie auch noch können. So schnitzt man sich den idealen Gast. Der stotternde Schriftsteller mit Hasenscharte, der ein Buch über philippinische Eingeborene geschrieben hat, hat es ein bisschen schwerer, in “Druckfrisch” zu kommen.”

Erinnert sich wer an den Skandal, als Frau Kiyak ableistische Sprüche gegen Thilo Sarrazin klopfte? Man kann das Herrn Ammer ja noch nicht einmal wirklich vorwerfen, oder doch?,  das gehört zu den Branchenübblichkeiten, solche Sätze abzusondern. Die ja sonnenklar machen, was in den tatsächlichen Wahrheitsministerien wie auch immer sexistisch verpackt Gegenstand sein darf und was wie und von wem marginalisiert wird. Zudem Herr Ammer vermutlich im Falle seiner bayrischen Nachbarn nicht von “Eingeborenen” sprechen würde. Ein bemerkenswertes Bild.

Das Kuriose ist nur, dass bei der “Political Correctness” so viele gleich “1984″ herauf beschwören, solche Regeln aber völlig unhinterfragt allseits befolgt werden. Und das noch in großkotzigen Sprüchen heraus gerotzt, als könne man sich damit brüsten.

Es ist um so bemerkenswerter, dass der wohl bekannteste deutsche Philosoph Jürgen Habermas einen sehr anrührenden Text darüber geschrieben hat, wie schwer es für ihn war, sich in seiner Jugend überhaupt verständlich zu machen. Und dass das einer der Impulse war, das “Kommunikative Handeln” in den Mittelpunkt seines Denkens zu stellen. Und eben dieser Philosoph betrachtet Moral nicht etwa als Herrschaftsmittel, sondern als Schutzvorrichtung prinzipiell verletzbarer und auf Solidarität angewiesener, menschlicher Individuen. Er wird wissen, warum, und ich weiß nicht, was in ihm vorgänge, läse er solche Zeilen wie die von Herrn Ammer. Wahrscheinlich steht er mittlerweile drüber. Mit Sicherheit nicht immer schon, als im Zuge seiner Professorenkarriere Kollegen über seine Hasenscharte witzelten.

In einem anderen Interview referiert Ammer ebenfalls lakonisch, welche Wahrheitministerien bis in die Formensprache hinein in seinem Medium tatsächlich regieren:

 

“Wo sind die Unterschiede zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Redaktionen?
In den privaten Redaktionen gibt es mehr Vorgaben. Auch was die Bildsprache angeht. Ich habe auch einmal eine Zeit für Spiegel-TV gearbeitet. Dort waren die Vorgaben, wie ein Bild auszusehen hatte, ziemlich eindeutig. Da hatte man nachgedacht. Gemein ist beiden Systemen die Angst und die programmgestaltende
Übermacht der Redakteursgroßmütter, die die Sendungen angeblich nicht verstehen.”

 

Es ist schon eine Groteske, da den “Würgegriff der Politisch Korrekten” als real-existierenden Stalinismus zu behaupten. Gibt halt nicht so viele schwarze Redakteursgroßmütter wie weiße; es gibt sie aber, und die wissen gut, was das N-Wort mit ihnen machte.

Da, wo das Geld sitzt, werden die Vorgaben gemacht wie schon zu Michelangelos Zeiten – und den 3 Regeln gelingender Dramaturgie “Konflikt! Konflikt! Konflikt!” folgend werden in letzter Zeit die Talkshows mit Lesben- und Schwulenhassern, Rassisten und Frauenfeinden geradezu geflutet, die ja angeblich alle so fürchterlich unterdrückt der Zensur unterliegen.

Nee, da schließt sich schlicht der Kreis zu dem Text von Andrian Kreye (kann es sein, dass der früher auch immer im “Or” tanzte?). Und ehrlich wäre es von Denis Scheck und auch Herrn Ammer, würde sie darüber mal in ihren Sendungen reden. Sie bekommen dafür ja offenkundig den Freiraum. Und wenn sie die nächste “Druckfrisch”-Sendung ausschließlich mit PoC-Autoren bestückten. Als Entschuldigung. Und dann einfach mal zuhören. Und vielleicht einen derer die SPIEGEL-Bestseller-Liste kommentieren lassen, bei deren Präsentation Bücher in Kisten fliegen wie in den Müll. Oder noch besser, sie oder ihn einfach mal eine “Druckfrisch”-Kritik audiovisuell gestalten lassen. Das ja angeblich so experimentierfreudig ist.

Borniert, ignorant und faul: Denis Scheck und wie er und andere Kunst ermeucheln wollen

Nein, das ist KEINE reine Schmähkritik. Ich werde begründen.

Das geradezu Verblüffende an der “Performance” des institutionell bestens abgesicherten Denis Scheck ist ja dessen offenkundige, vielleicht unbewusste Verachtung dessen, was Kunst sein könnte. Auch deshalb ist dieses Stoßen ins Horn der Neuen Rechten nunmehr auf der Seite der gebührenfinanzierten ARD so entlarvend:

“Die Sprache der Literatur lebt ja gerade davon, dass sie sich nicht in das Korsett des “politisch-korrekten” Sprachgebrauchs begibt, was der Diskurs im öffentlichen Raum auf oft bedenkliche Weise unnötig tut.”

Das ist Beleg 1 für borniertes, faules Kunstbanausentum: Wenn man schon die PC-Keule zum Mundtotmachen schwingt, sollte einem klar sein, dass “Political Correctness” von Anbeginn an ein Kampfbegriff der Politischen Rechten in den USA war. Gegen Stonewall, gegen die Bürgerrechtsbewegung und Black Panther und gegen den Feminismus für die Restauration zu kämpfen – und somit gegen PoC, gegen Frauen, gegen Lesben, gegen Schwule -, das war sein Zweck. Dass man nun ständig in die Rolle des PC-Verfechters gedrängt wird, um homophobe, sexistische und rassistische Quälereien abzuwehren, ist leider Teil der Strategie der Kunstverhinderung. Kunst geht mit Sprache ja kreativ um, also konträr zu den Forderungen Denis Schecks in diesem Fall. Kaum jemand inszeniert Shakespeare so wie zu Shakespeares Zeiten. Zensur?

Und man muss viel häufiger versuchen, die Begriffe der ganzen PC kritisierenden Dominanzverteidiger einfach hinter sich zu lassen, will man den Anforderungen dessen, was Kunst kann, gerecht werden.

Wäre Herr Scheck ein auch weiterhin ernst zu nehmender Literaturkritiker, würde er diesen Zusammenhang reflektieren und ganz im Sinne der Kunst nach Wegen suchen, den Kanon und die Tradition zeitgemäß und produktiv sich anzueignen, anstatt aktiv zu mummifizieren. “Politcal Correctness” als zu Kritisierendes und das sich vermeindlich dagegen Behaupten  ist eine Strategie, Rassismus, Homophobie und Sexismus zu bewahren. In welche künstlerischen Formen nunmehr eine Thematisierung eben genau dessen zu überführen wäre, auf der Bühne, in der Literatur, der Musik, der bildenden Kunst, und auch, von wem und in welchen institutionellen Ordnungen, DAS ist doch die Frage, wenn einem denn wirklich an der Kunst gelegen ist.

Nein, stattdessen will Dennis Scheck konservieren – das ist der Tod der Kunst und nichts weiter als die Verteidigung einer rassistischen Ordnung.

Nun ausgerechnet Herrn Wildgruber und nicht zum Beispiel den Film von Spike Lee zu diesem Thema anzuführen zeigt: Das ist ein Köcheln in der immer gleichen, weißen Sauce. Man kann sich auch den Katolog zu einer ganz und gar verunglückten Ausstellung zu “Zwischen Charleston und Stechschritt: Schwarze im Nationalsozialismus”, Peter Martin und Christine Alonzo (Hg.), Hamburg/München 2004 heran ziehen – Journalisten recherchieren ja eigentlich, nicht so Denis Scheck und seine Redaktion in diesem Fall – und zweierlei daraus lernen: Zum einen, wie ungeheuer problematisch es ist, einfach nur plump abzubilden, welche  Rassismen bereits in den 20er Jahren (und davor natürlich nicht minder) ungeheuer krass erblühten. Zum allgemeinen, weißen Gelächter, ich zitiere die Worte nicht, die da zu finden sind.

Das Dokumentieren kann man noch als Kunstform betrachten, das simple Abbilden ist es nicht, das reproduziert nur – insofern hat es gegen ein ungebrochenes Aufhängen extremst rassistischer Darstellungen einen durch und durch berechtigten Aufschrei gegeben im Falle der Ausstellung. Ursprünglich hieß sie “Besonderes Kennzeichen N …”, wie das gerne geschieht, wenn lustvoll aus weißen, deutschen Münden das N-Wort kriecht wie Würmer aus einer Wasserleiche da, wo vermeintlich “gut gemeint” die eigene Geschichte, aber nicht die Schwarzer in Deutschland, thematisiert wird. Der Buchtitel des Kataloges erfuhr so drum bereits eine Überarbeitung, angesichts derer wieder viele sachwidrig von “Zensur” krakelen würden.

Klappt man den Kataolog auf, folgen Wochen der Fassungslosigkeit angesichts der ungeheuren Brutalität Weißer, wenn es um die Darstellung von Schwarzen ging. Nichtsdestotrotz räumt diese Materialsammlung mit der Vorstellung auf, “Blackface” sei lediglich eine im US-Kontext relevante Praxis. Nein, eben nicht, da braucht man sich nur die Tradition reaktionärer Karnevalsvereine anschauen, in die Dennis Scheck sich ungebrochen einreiht. Literaturkritik als Büttenrede. Und eine schlechte noch dazu.

Das müsste jedem Kulturjournalisten, der nicht wie die “Druckfrisch”-Redaktion und Herr Scheck mit Scheuklappen ignorant durch die Kulturwelt läuft, auch alles bekannt sein. Es wurde rund um die Inszenierung am Schlossparktheater nun wirklich genug Wissen bereit gestellt und großflächig informiert, welche deutschen Traditionen es gibt. Diesen Diskussionsstand nicht zur Kenntnis zu nehmen, das ist nicht zuletzt schlechter Journalismus. Da braucht man nur mal kurz zu googeln, und schon würde klar, dass diese beleidigende Verquatschheit, mit der Scheck sich des Themas annimmt, nichts anderes als eine Zementierung von Machtverhältnissen ist.

Das Vermitteln von Informationen über Ulrich Wildgruber hinaus, somit das Vetraute hinter sich zu lassen ist  ja gerade Sujet in der Kunst, die, wenn sie gut ist, der Macht das Werk entgegen setzt. Und die Anschlussfrage ist jene, welche Form denn angemessen sind, um das zu erreichen.

Denis Scheck, ganz machtbewusst, will solche Fragen offenkundig verbieten und zensieren, spricht er von “Sprachexorzismus” – große Literaten und Literaturkritiker weichen der Aufgabe nicht wie Scheck durch Sprücheklopfen aus, sondern suchen Wege, sich ihr zu stellen.

Es ist dieses die Weigerung, die Herausforderung anzunehmen, Kunst jenseits existenter gesellschaftlicher und somit auch institutioneller Ordnungen wirklich mutig und Neuland betretend zu denken und zu betreiben und somit eine Attacke Schecks auf das, was sie immer schon am Leben hielt.

Diese unglaubliche Feigheit derer, die sie gerade als mutig inszenieren, während sie Schwarze herab würdigen, zeigt sich auch in der mangelnden Reflektion auf die eigene Praxis und somit die institutionellen Ordnungen, in denen Kunst historisch wie gegenwärtig situiert ist.

Ein prägnantes Beispiel: In den 50er Jahren fuhren schwarze und weiße Musiker gemeinsam auf Jazz-Tournee. Dave Brubeck und Gary Mulligan saßen in Eisenbahnen in der ersten Klasse für die Weißen, Miles Davis und John Coltrane in der dritten für die Schwarzen. Die treibenden Kräfte für die Jazz-Entwicklung waren freilich die schwarzen Künstler. Da sie sich als Virtuosen ihres Fachs mit der Situation konfrontiert sahen, dass sie als schlecht bezahlte Kräfte, steter Herabwürdigung ausgesetzt, durchschlagen mussten, während Orchestermusiker in der Metropolitan-Oper meines Wissens ganz gut leben konnten. So setzten sie sich aus der Perspektive der Marginaliserten mit dem, was als “weiße Hochkultur” galt, auseinander. Miles Davis war einerseits genervt, im Konservatorium den ganzen “weißen Scheiß” gelehrt zu bekommen und warf zugleich älteren Kollegen wie Coleman Hawkins vor, sich nicht mit den Symphonien und Partituren der Großen auseinander zu setzen. Um diese übersteigend und kombiniert mit eigenem Material zu toppen. Aus diesem Zwiespalt entstand eine produktive Auseinandersetzung mit Debussy, Rachmnaninow einerseits und dem Blues, mit Count Basie, Charlie Parker und Duke Ellington, auch Folk andererseits. Dizzy Gilespie gab in seinen Augen zu sehr den Clown für Weiße, er selbst spielte lieber mit dem Rücken zum weißen Publikum, bot keine Show, auf dass die wirklich der Musik lauschten.

Das sind die sozialen Konstellation, in denen wirklich große Kunst entsteht. Im Übergang vom eher an Akkorden orientierten Improvisieren eines Charlie Parker zum “modalen System”, das sich eher an Skalen und Tonleitern nicht nur “westlicher” Zusammenhängen orientierte, wurde ein epochales Werk wie “Kind of Blue” geboren. Das kann man alles nachlesen bei Ashley Kahn, “Kind of Blue – Die Entstehung eines Meisterwerkes”, Berlin 2000 – und es ist anzunehmen, dass ein Denis Scheck davon auch irgendetwas mit bekommen haben wird, immerhin hat er meines Wissens in den USA studiert und auch als Übersetzer aus dem Amerikanischen gearbeitet.

Vielleicht ist ihm auch einfach der Schreck in die Glieder gefahren, dort erlebt zu haben, wie weiße Dominanz und weiße Deutungshoheit aufgrund der deutlich überlegenen Kreativität und Produktivität aus den Black Communities ins Wanken geriet. Und das mag ja der weiße Bildungsbürger gar nicht, wenn ihm nun ausgerechnet ein Schwarzer was über Kunst erzählt – und als Antwort bleibt doch nur die feige Häme, weil das Potenzial, sich damit wirklich auseinander zu setzen, offenkundig nicht gegeben ist. Seine jämmerliche Performance ist einfach Zeichen der Angst, sich eines Tages nicht mehr so problemlos als Oberschlaumeier im Fernsehen inszenieren zu können. Weil das eigene kulturelle Kapital zu karg ist angesichts eines erweiterten Horizonts der Möglichkeiten.

Und das Ganze in einem gesellschaftlichen Feld, dem Fernsehen, wo redigiert und unterdrückt wird wie sonst nirgends. Ach, doch, in Großverlagen. Möchte den freien Autor sehen, der Herr diLorenzo “Zensur” vorwirft, wenn der Themen vor gibt und Texte redigiert.

Das ist geradezu lächerlich ist, dass nun in solchen Institutionen aktive Protagonisten sich als Vorkämpfer der Kunstfreiheit gebährden. Wo alles Avancierte wenn überhaupt in den Randbereichen von ARTE und 3Sat noch Raum findet und ansonsten eine sozialpädagogische Biederseeligkeit à la Tatort oder aber fortwährende Skandaliserungs- und Demütigungsorgie à la Dschungelcamp statt findet. Wo formatiert wird, bis alle kotzen und der Quotendruck die wirkungsvollste Art der Zensur darstellt wie auch der Fernsehrat, in dem unter anderem die Kirchen mit regieren. DA findet Einwirkung auf Produkte der Kulturindustrie statt, großkotzig, zynisch und zensierend. Es kann ja mal wer versuchen, dem HR Kunst zu verkaufen. Das Gelächter und Gelästere, das als Antwort aufbricht, wird sich kaum wer antun wollen.

Die institutionelle Ordnung halt, die Parade-Bildungsbürger wie Denis Scheck (oder mich, aber bitte nicht zu schwul) hochspült, den Marginalierten aber den Zugang versperrt – siehe Miles Davis – und zudem historisch auch noch im Kolonialismus gründet.

Ein gutes Beispiel ist die Familie Laeisz, die die Hamburger Musikhalle stiftete. Einer dieser Orte, wo sich Weiße die vermeindliche Überlegenheit ihrer “Kultur” wechselseitig vorführen. Diese Sippe  ist reich geworden mit dem Salpeterhandel, vornehmlich mit Chile. Was rund um die heute im Netz verklärten “Salpterfahrten”, die letzten Segler, vor Ort im postkolonialen Chile abspielte, das kann man hier nach lesen (unbedingt ganz):

“Die Salpeterarbeiter waren nach Iquique gekommen, um ihren Forderungen nach 
Gehaltserhoehung, menschenwuerdiger Behandlung und Gewaehrung einer 
Mittagspause Gewicht zu verleihen. Mit dem ,,Hungermarsch der 
Salpeterarbeiter” aus den Salpeterminen nach Iquique waren die Streikenden 
dem Ruf der Behoerden, die sie nach der Hafenstadt zitiert hatten, gefolgt. 
In Iquique erwarteten sie Heerestruppen und Marineeinheiten. Das Erdreich 
des geraeumigen Innenhofes der Schule Santa Maria war vom Blut der 
Massakrierten so sehr getraenkt, dass nichts darauf wachsen wollte. Erst 
nachdem das Erdreich einen halben Meter tief abgetragen und durch frische 
Erde ersetzt worden war, konnten Gras, Blumen und Unkraut wieder gedeihen. 
Die Salpetermagnaten britischer und chilenischer Provenienz luden den 
Praesidenten der Republik, Pedro Montt, nach der,,Niederschlagung” des 
Streiks zur Besichtigung der Salpeterminen und zu rauschenden Banketten ein.”

Damit wurde in Hamburg Kunst finanziert.

Herr Scheck könnte all das wissen, und die Druckfrisch-Redaktion auch. Aber sie sind zu borniert, zu ignorant und zu faul, sich mit Kunst mal ernsthaft auseinander zu setzen, und verteidigen stattdessen lieber mit Inszenierungen ganz in der Tradition des Präfaschismus – Belege finden sich dem oben erwähnten Ausstellungskatolog zuhauf, aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts – N-Worte in Kinderbüchern. So bewirken sie den Tod der Kunst.

PS: Eigentlich geht es im Hintergrund um eine unter Weißen intensiv seit dem späten 19. Jahrhundert, zugleich der Hochzeit des Kolonialismus wie auch der An- und Enteignung von Kunstformen der Kolonisierten in der bildenden Kunst (“Les Fauves”, die Masken in Picassos “Demoiselles d’Avignon”), geführte Diskussion, nämlich jene um die Autonomie des Kunstwerks insbesondere von dem, was unter Moral verstanden wurde.

Das ist eine natürlich hoch spannende Diskussion, die durch solche platten Interventionen wie jener Dennis Schecks aber gerade unterbunden wird. Weil der Focus rassistisch, im Sinne der White Supremacy, verschoben wird und somit in den Raum sozialer Kämpfe um Dominanz. Das eingehender zu diskutieren erfordert freilich noch viele, andere Texte.

Mal kurz was zu “Zensur”

Es sei einfach mal ein nicht unbedeutendes Beispiel genannt:

“Mit der Rheinischen Zeitung hatten es die Zensoren besonders schwer, denn deren Journalisten waren sprachlich und juristisch sehr geschickt, ihre Botschaft in scheinbar harmlosen Texten zu verstecken. Die Leser waren wegen der strengen Zensur gewohnt, zwischen den Zeilen zu lesen. Manchmal fiel der gesamte Inlandteil der Zensur zum Opfer. So stand der “Französische Artikel” (der Anfang des Auslandteils) an erster Stelle und es musste zu einem Druck mit größerem Zeilenabstand gegriffen werden. Das behagte der Regierung nicht immer, weil die Gewalt der Zensur auch nicht zu offensichtlich sein durfte. Der Zensor Saint-Paul, der während der letzten zwei Monate für die Rheinische Zeitung zuständig war, praktizierte nach eigenen Angaben eine besondere Art der Zensur: Damit sich die Zeitung selber unbeliebt machen würde, verschonte er wissenschaftlich komplizierte Abhandlungen und Kritik an den Katholiken und an anderen Zeitungen von seiner Zensur.”

Es ließen sich andere “Vorgänge” aus dem Stalinismus, der DDR, südamerikanischen Diktaturen oder der McCarthy-Ära nennen. Pointe ist: Es gab da Staaten oder staatenähnliche Gebilde, die Menschen in den Gulag verfrachteten oder in Bautzen einsperrten, die sie folterten, unter Hausarrest stellten oder ausbürgerten. Die mit eindeutigen und nachhaltig wirksamen Zwangsbefugnissen ausgestattet Menschen zerstörten. Oder sie erst gar nicht leben ließen, was sie wollten: Die CDU weigert sich bis heute, die Opfer des §175 zu rehabilitieren. Der allseits gefeierte Papst war Chef der Inquisition. Mal davon gehört, was deren Historie war? Spanische Stiefel und so? Der hat auch die lateinamerikanische Befreiungstheologie platt gemacht.

In der DDR gab es beispielsweise die “Grünen Elefanten” – man baute z.B. in einen Songtext eine auffällig kritische Passage ein, um eine andere, nicht ganz so auffällige vielleicht durchzubekommen.

Jeder, der in den Medien arbeitet oder im universitären Kontext lehrt und veröffentlicht, weiß um die weichen Formen dessen, um sich ernähren zu können, weil man ja arbeiten gehen muss.Und weiß, dass man keine Aufträge bekommt oder nicht den Lehrauftrag, fügt man sich nicht in weiße, heterosexuelle und männliche Üblichkeiten und zudem noch denen einer Rationalität, die verdinglicht. Das ganze Fernsehprogramm folgt der Maxime “Möglichst keine Schwulen am Nachmittag, und PoC kommen wenn überhaupt nur zu Worte, wenn ein weißer Experte sie flankiert – es sei denn, sie reden über Musik oder kritisieren den Islam”.

Es ist in der bundesrepublikanischen Geschichtsschreibung auch unüblich, das KPD-Verbot in den 50ern unter “Zensur” zu verbuchen, die Berufsverbotspraktik der 70er Jahre oder den Fall Brückner.

Nun wären mir keine persönlichen Konsequenzen für Astrid Lindgren oder Ottfried Preussler bekannt, die von der “Gedankenpolizei” gegen sie ausgingen (Achtung, der verlinkte Text enthält ausgeschriebene N- und Z-Wörter, ist aber ansonsten derart köstlich und treffend, dass man ihn zitieren MUSS:)

“Gedankenpolizei: Sagenumwobener geheimer Arm der →Sprachpolizei. Obwohl noch nie gesehen und obwohl es unklar ist, wie sie operiert, gibt es keine Zweifel an deren Existenz. Einige vermuten, dass sich dieser Spezialtrupp erst in Ausbildung befindet und in der →Zukunft zum Einsatz kommen soll.”

“Sprachhygiene”, “Ende der Literatur”: Die Slogans sind ja gewaltig, die als Angstlustschrei aus weißen wie auch Kanack-Attack-Kehlen dringen.

Dabei ist der Unterschied zu denen, die mit “Grünen Elefanten” arbeiteten, doch offenkundig: Letztere wandten sich gegen tatsächlich Mächtige. Während das so unendlich Unangenehme bei den ganzen Leuten, die Rassismus für Kunst halten und ihn gar ganz unverblümt einfordern ist, dass sie sich einfach nur an die eh schon Herrschenden ran wanzen, so unter sich.

Eben an das weiße, heterosexuelle, männliche Dominanzschema, das im Literaturbetrieb, an Universitäten, in Massenmedien sowieso regiert.

Es ist ein so maßlos billiger Trick, nun ständig die Übermacht und Reglementierungsbefugnis von Leuten herbei zu imaginieren, die abgeschoben werden und Racial Profiling ausgesetzt sind, die keine Chance auf bestimmte Jobs haben, die außer Alice Schwarzer so gut wie gar nicht auftauchen, aber als “Feminazis” angeblich ein Horror-Regime wie jenes der chinesischen Kulturrevolution etabliert haben. Oder die von der größten Regierungspartei fortwährend verfassungswidrig Rechte aberkannt bekommen. Das eint Schwule, Lesben und Hartz IV-Empfänger. Jene im Abschiebeknast oder die, die im Mittelmeer ertrinken, trifft es am härtesten.

Das ist alles so Mario Barth: In Deutschland lacht man ja nicht über Satire. Die reibt sich nämlich an denen, die was zu bestimmen und verfügen haben. Nee, denen kriecht man in den Arsch und feiert sie auf dem Boulevard – bis sie ihre Macht schon verloren haben. Dann tritt man rein mit sadistischer Wucht und unverhohlener Frauenfeindlichkeit wie im Falle Bettina Wulffs..

Aber so genannte “Randgruppen” zu erniedrigen, fortwährend,  das gilt als wahnsinnig komisch, es lebe der Polenwitz, was war der Schmidt doch sophisticated, HARHARHAR – und das Ganze noch als Menschenrecht zu behaupten ist die bittere Pointe. Um es noch mit diesen typisch deutschen Sprüchen “Jede Minderheit hat ein Recht darauf, dass man sich über sie lustig macht”, zu garnieren. Sehr witzig. Mach Dich mal über die Mehrheit lustig und warte ab, was dann passiert …

Und dann liest man prototypisch bei Facebook, dass mit dieser “Sprachpolizei” zu kommunizieren ja sei, wie mit Nazis zu reden.

Ein wenig historische Aufklärung: Die realen Nazis zwangssterilsierten die so genannten “Rheinlandbastarde” unter lustvoller Verwendung des N-Wortes, ergänzt durch “Rassenschande”. Das ist der Sprachgebrauch der KZ-Wärter, der hier zur Disposition steht. “Die schwarze Schmach” war allerdings auch ein Slogan in den 20er Jahren.

Zensur? Breiten Bevölkerungsschichten war es verwehrt, ihre eigene Sprache zu sprechen – die Kolonisatoren verboten es ihnen. Die Nachfahren der Maya sind drum begeistert dabei, sie nun wiederzuentdecken. Cassius Clay nannte sich Muhammed Ali, weil er keinen Sklavennamen tragen wollte. Sklaven, denen es lange Zeit tatsächlich verboten war – die Strafen waren keine minimalen Änderungen in einem Buch, sondern weit drastischere, auf den Plantagen Schimmelmanns, nur einer von vielen dergleichen, denen Hamburg seinen Wohlstand verdankt, wurde Flüchtigen kurzerhand das Bein abgehackt – ZU SCHREIBEN. Selbst, ob man die mittels N… Verunglimpften überhaupt lesen lassen sollte, war hochumstritten.

Und da krakelen irgendwelche Kartoffeln von ZENSUR? Ihr habt sie doch nicht alle beisammen.

Es gab ja durchaus durchgängig scheiternde Versuche, ähnlich wie im Falle von “schwul” eine Positivumwertung des N-Wortes vorzunehmen. Mal ab davon, dass man nur auf Schulhöfe zu lauschen braucht, wie nachhaltig dieser Versuch im Falle von “schwul” wirkte – was für Protagonisten das waren, das kann man hier nach lesen. Der Unterschied ums Ganze ist halt, dass von den Rassismus Betroffenen SELBST diese Versuche unternommen wurden und das Wort einen fundamentalen Bedeutungswandel erfährt, je nachdem, von wem es verwendet wird, von einem Markierten oder einem Unmarkierten. Begriffe, für es kein Äquivalent mit ähnlicher Konnotation für das jeweilige Gegenstück – “weiß” -gibt, sind immer, mal harmlos geschrieben, “Othering”. Die Abweichung von der machtvollen Norm wird bennant. Es gibt keine Äquivalente für “Schwuchtel”, auf Heterosexuelle bezogen, im allgemeinen Sprachgebrauch. Habe noch keine 15jährigen auf der Straße “Scheißhete” schimpfen hören. Die sagen “F …”. Oder “Schwuchtel”.

Und der Unterschied ist zudem der, dass z.B. die Auseinandersetzung Frantz Fanons mit dem Thema hier eben NICHT jedem 14-jährigen in die Hände gedrückt wird, der zuvor “Die kleine Hexe” vorgelesen bekam. Dessen “Schwarze Haut, weiße Masken” wird noch nicht mal mehr auf deutsch verlegt, dabei erzählt schon der Titel eine wichtigere Geschichte als all die Traktate im Feuilleton derzeit. Es wird wieder annähernd durchgängig unter Weißen gequatscht oder aber deren Perspektive eingenommen. KEIN Rekurs auf eine nun auch seit der Harlem-Renaissance und “Dekolonisierung” höchst vitalen Tradition. Kennt hier jemand James Baldwin? Wegen Westbindung und so?

Um all die PoC, die was zu dem Thema zu sagen haben, wegzuzensieren. Die lässt man nämlich keine Leitartikel schreiben. Die müssen ihr Geld anders verdienen, und wenn sie Glück haben, dürfen sie eine Pop-Show moderieren.

Manche – “wo kämen wir denn da hin?” – kommen immer mit dem “dann kann man ja gar nichts mehr sagen” um die Ecke, wenn sie z.B. von “Hirnamputierten” schreiben und man darauf verweist. Der ganze Ableismus in der Sprache ist ja auch wenig diskutiert, und Hirnamputationen nahm man an Schwulen vor, die wurden nämlich lobotomiert.

Kann ja vielleicht gar nicht schaden, das mal fest zu stellen, in was für einer Welt man sich bewegt und vorübergehend zu verstummen. Sprache ist eben nicht neutral, in ihr bilden sich gesellschaftliche Verhältnisse ab – Hierarchien, Machtkonfigurationen, Abwertungen. Auch wenn viele das nicht wahr haben wollen.

Gute Literatur bricht und reflektiert das, macht es zum Thema. Da fängt sie an. Da hört sie nicht etwa auf.

Die Saxophon-Dialoge, Teil 3 (mit Bezügen zur “Kleine Hexe”-Diskussion)

Foto 19.01.13 22 34 53

 

 

Ist es eine Entsolidarisierung, wenn ich vorschlage, doch lieber Jazz zu hören, als Fleischauer die Aufmerksamkeit zu schenken, mit der er sein Geld verdient? Weil er ja so lustig “provoziert”, wie neulich ein Freund beim Mittagessen behauptete? Linke ärgern, darauf ist er ja fixiert, der Herr, der “Unter Linken” schrieb, wie auch Broder, diLorenzo und all die anderen Journalistendarsteller, die Meinung mit Recherche verwechseln.

Natürlich gehört das zum Schema, dass eine Diskussion über rassistisches, gewalthaltiges Vokabular wieder unter und im Bezug auf Weiße geführt wird und damit das, worum es auch geht, gekonnt ignoriert wird: Dass eben dieses Vokabular auch bei POC-Kindern sehr viel bewirkt diesen beibringt, wie sie fortan behandelt werden – ganz wie jedes “Schwuchtel” auf dem Schulhof mich lehrte, was ich zu erwarten habe, auf dass ich mich lieber versteckte. Ich konnte das. Ein Privileg.

Neulich guckte ich mit meinem schwarzen Kompagnon mal wieder nebenbei Fussball – ein kleiner PoC-Spieler erwies sich als irrwitzig schneller Flügelsprinter. Mein Kompagnon lachte bitter,

Mehr von diesem Artikel lesen

Das Banjo! Kleine, musikhistorische Nebenbemerkung …

… die so nebensächlich aber vielleicht gar nicht: Was auch mir neu war, ist, dass das Banjo, ja zumeist aus US-Folk- und Country bekannt, kein Abkömmling der Laute, sondern eines westafrikanischen Instruments ist, des Akonting. Wie so oft in Pop- und Musikkultur ist mal wieder eine Vorgeschichte verschwunden worden - und zudem ein deutlicher Hinweis darauf gefunden, dass auch ich es mal unterlassen sollte, ständig “afrikanische” Polyrhythmik und westliche Melodieführung und Harmonien gegeneinander auszuspielen. Kann da auch zu meiner Verteidigung immer nur DeeDee Bridgewater anführen, von der ich das zumindest teilweise habe. Und rhythmisch ist die europäische Tradition weniger spannend, weil oft Tänze, auch volkstümliche, verkünstelt wurden. Die “afrikanischen” Harmonie- und Melodieinstrumente sind mir aber tatsächlich neu, während ich die Sitar kannte. Was eben auch mit “westlichen” Perspektiven, was als “Hochkultur” anerkannt wurde – Indien ja –  und was nicht, zu tun hat.

Um so mehr freut es mich, dass Instrumente wie Kora mitten in Hamburg gelehrt werden, ebenso Saz und Oud - und das auch nicht von weißen Adepten. Was nun auch allerlei Okkupierungs-, Exotisierungs- und Enteignungsgefahren in sich birgt, aber immer auch die Möglichkeit, durch Perspektiven auf Musik jenseits der “westlichen” Tradition seinen Horizont zu erweitern und vom Hochkultur-Ross abzusteigen – stattdessen zu lernen.

Wo habe ich neulich noch gelesen, dass sich jemand darüber ärgerte, dass irgendwo Tablas gespielt wurden, aber mal wieder keiner sich damit beschäftigt hat, woher die Dinger kommen und was für eine Bedeutung sie hatten? Zumindest die App DrumJam gibt sich Mühe, in kurzen Erklärungen die dort simulierten Percussion-Instrumente mal kurz zu erläutern in einer Art Tutorial – wobei der animierte Conga-Spieler im Feld unten ziemlich albern ist. Und auch da eine Schweizer Fortentwicklung der Steeldrums als “Hang” auftaucht, wenn ich es richtig lese – dabei ist auch in deren Fall die Vorgeschichte eine, die zur Kenntnis zu nehmen so gar nicht schaden kann:

“Das Instrument wurde in den 1930er Jahren auf Trinidad erfunden und ist dort das Nationalinstrument.[1] Die britischen Kolonialherren verboten den Einheimischen das Trommeln auf afrikanischen Schlaginstrumenten. Deshalb suchte die Unterschicht Trinidads nach neuen Möglichkeiten des musikalischen Ausdrucks. In diesem Inselstaat spielt die Erdölproduktion eine wichtige Rolle und hat erheblich zur Industrialisierung von Trinidad beigetragen. Somit entstanden die ersten Steel Pans aus ausrangierten Ölfässern, die es in Trinidad aufgrund der Ölindustrie im Überfluss gab.”

Ganz egal, ob man nun den großen Saxophonisten, Coleman Hawkins, Ben Webster zum Beispiel – immerhin ist das Saxophon die Erfindung eines Belgiers, basierend freilich auf der Klarinette, deren Vorläufer aus dem iranisch-türkischen Raum stammten – hinterher googelt oder dem Banjo, man findet immer dermaßen vieles, was so völlig neben “westlichen” Hochkulturselbstbildern angesiedelt ist, dass es sich lohnt! Wenn man denn neugierig statt selbstgefällig bleiben will.

Mal was ganz anderes (oder auch nicht): Harmonielehre, Klaus Kauker und das “Best of Musikladen”

Im Zuge meiner teilweisen Wiedererinnerung, teilweise auch Neuerwerbs der Aneignung von Harmonielehre und Musiktheorie bin ich auf jemand enorm Spannendes gestoßen: Klaus Kauker. Den vermutlich eh viele schon kennen, er hat bei Youtube ein Portal mit enormer Reichweite aufgebaut und sogar schon den Grimme-Online-Award gewonnen. Zu recht; wenn man sich durch die Videos durchklickt, lernt man ungeheuer viel über Intervalle, Jazz-Akkorde bis hin zur Rhythmik – auch, wieso der Groove eben so wichtig ist. Habe da wirklich gerade noch mal ganz viel gelernt, und da der eine oder andere Musikmachinteressierte hier ja mitliest, kann ich das nur empfehlen, da Wissen wahlweise zu gewinnen oder zu erweitern oder zu erinnern.

Irgendwann begann Klaus Kauker sich der Analyse von Casting-Show-Songs zu widmen. Wie ich finde, auch das ungeheuer lehrreich. Richtig Spaß macht seine symbolische Vernichtung Dieter Bohlens, wozu nicht nur Plagiatsanalysen zählen. Sondern eben auch ein Song, den er nach Bohlen-Mustern gebaut hat: “I can not wait for you”. Am witzigsten und ja auch wieder lehrreichsten finde ich die Remixe, die daraufhin andere Youtube-User davon erstellten. Weil durch die aktive Auseinandersetzung mit der ziemlich lustigen Vorgabe sozusagen schrittweise Einblicke in die aktuellen, nachhaltig demokratisierten Musikproduktionsweisen vom erschwinglichen “Logic Pro 9″ bis hin zur unglaublichen Vielfalt von iPad-Apps hörbar wird.

Keine Ahnung, womit die nun jeweils geremixt haben; was dabei in Ansätzen nachvollzogen werden kann, Mehr von diesem Artikel lesen

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 808 Followern an