Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Ökonomie

“Jazz handelt vom Mutigsein”: Über Risiko, Vertrauen, Fussball und die Problematik eines Begriffs

saxflirt

 

Nach Hause!

Im SPEX-Kosmos der 80er weich gekocht und danach im Flirt mit der BRAVO bei gleichzeitigem Sträuben dagegen mit den Mitteln der Philosophie wurde mein Denken geformt, irgendwann habe ich mich durch die Rolling Stone-Phase gefolkt (ich ließ das Lesen dessen bleiben, als Stuckrad-Barre dort schrub), entdecke ich nun im fort geschrittenen Alter: Es gibt richtig coole Jazz-Zeitschriften!

So z.B. die JAZZthetik. Die berichtet von Menschen, die musikalisch besser machen, was ich hier manchmal bloggend versuche – und wohl, weil trotz Giganten wie Joe Lavano, Wayne Shorter und anderen sich kein der bildenden Kunst, der Klassik oder dem Pop adäquates Starsystem heraus bildete (Sonny Rollins, Herbie Hancock und Tomasz Stanko live übertragen von der Waldbühne um 22.30 h im ZDF zur Eröffnung irgendeines Sport-Events ist schwer nur vorstellbar), denken die Autoren und spielen die Musiker crossovernd vor sich hin.

So erschließen sie sich sinnlich und reflektierend Welt, dass es eine Freude ist.

Da verjazzen im Wagner-Jahr reihenweise Künstler (Eric Schaefer und Dieter Ilg zum Beispiel) das olle, politisch niederträchtige und künstlerisch doch so überragende Genie, Ruth Wilhelmine Meyer und Helge Lien umschmeicheln die Figuren Ibsens ohne Text, weil Sprache ja einen Schlusspunkt habe, an dem es nicht mehr weiter ginge – und der Altsaxophonist Christian Weidner musiziert jungianisch seine Träume:

“Die Wesen, die dort anzutreffen sind, haben eine bestimmte Energie und einen bestimmten Gestus und leben weiter, auch wenn ich nicht mehr schlafe. Ich gehe gerne bewusst zurück in die Träume und erinnere mich an sie. Ich tue so, als wären sie im wachen Zustand lebendig, indem ich mit Figuren spreche und ihrer Energie nachspüre. In diesen Energien und dem Nachspüren taucht dann die Musik auf.”

Christian Weidner in: Traummusik im Wachzustand, JAZZthetik März/April 2013, Ausgabe 251, S. 22

Wundervoll. Das sollte ich mal als Konzept an meine Kunden verkaufen, die Chancen stünden schlecht, dass sie zu begeistern wären – aber genau deshalb ist diese jazzige Welt ja so wunderbar. Kommerziell kann man da eh nicht viel reißen, drum gibt sich programmatisch die Formenvielfalt ganz der nun mal wirklich tabufreien Imagination hin.

Diese ganze angeblich “Tabus brechenden” Feuilleton-Schmierfinken in ihrer formalen Öde, die “Zensur”-Schreihälse mit ihren Textbausteinen machen ja gerade das NICHT, was auch nur in Nischen sich findet, doch solchen, wo das Abenteuer der Form noch gesucht wird .

Don Byron auf S. 46 weiß so zu berichten, wie schwarze Musiker in den USA dazu gedrängt werden, doch lieber Saxophon statt Klarinette zu spielen und begibt sich als Antwort in die Gospelkirche, die Historizität des Materials erkunden. Chris Potter zwei Seiten weiter hat sich als Urformel aller Heldenreisen Homers Odyssee gekrallt – nicht zufällig auch dramaturgischer Höhepunkt in Adornos und Horkheimers “Dialektik der Aufklärung”, die Nummer mit den Sirenen und dem Mast, an dem fest gebunden der alte Grieche dem Trieb entsagt, da er ihn zerstören könnte. Naturbeherrschung. Und das Drama nahm seinen Lauf …

Mehr Inspiration in einem Heft als in 20 Jahren Abo von DIE ZEIT. Nach Hause! In Ben Zabo muss ich mich noch mal separat einarbeiten.

Und, hach, auf S. 60 dann ein Essays zu, na, was wohl: Jazz und Fussball! Autor Mehr von diesem Artikel lesen

Manuel Gräfe, die BRD und die Gerechtigkeit

Der gestrige Text über die “Generation Kohl” war freilich ganz aus westdeutscher Perspektive geschrieben. Für viele ehemalige DDR-Bürger wird ergänzend eine andere Erfahrung maßgeblich gewesen sein. Eben jene, dass die chromglänzende Rhetorik von Rechtsstaat und der Marktwirtschaft, die für alle gut sei, eben eine Mär ist, nicht auf Reales sich bezieht (Ausnahme: Das Bundesverfassungsgericht) und sich wie ein ideologischer Grauschleier dennoch in Feiertagssprüche und Gerichtsturteile schieben kann. Während doch die nackte Macht regiert.

Die Aufarbeitung des DDR-Unrechts wurde noch akribisch nach rechsstaatlichen Maßstäben vollzogen, indem (meines Wissens) der Verstoß gegen DDR-Recht als Kriterium angelegt wurde, also das Wissen um Legalität unter tatsächlich-historischen Bedingungen. Könnte der DFB auch mal drüber grübeln, Recht hat auch die Funktion der Erwartungssicherheit, dass man also Konsequenzen antizipieren kann. Was bei den DFB-Sanktionen schlicht unmöglich ist.

Ansonsten verramschte der Westen auf der Ebene der Ökonomie ein ganzes Land, suggerierte Menschen, ihre Lebensleistung und Biographie sei eh nichts wert, stürzte Privathaushalte, Unwissen ausnutzend, in die Verschuldung und nahm so Millionen in Geiselhaft.

Das Bonmot vom “Besserwessi” formte sich, diese ganze New Economy-Attitude und Arroganz erlitten viele schmerzlich. Noch heute erlebe ich bei jedem Neu-Kontakt mit ehemaligen “Ossis” erst mal diesen Check, ob da nun eins von diesen aufgeblasenen, an Marketingssprech überangepassten Medienarschlöchern sitzt und sie dünkelnd empfängt, oder ob man auch halbwegs menschlich miteinander umgehen kann. Meistens bestehe ich den Test, schreib ich mal ganz eitel, klugscheißern tue ich ja auch im wahren Leben oft, nicht immer, nur Klugscheißern gegenüber, und dann entbirgt sich so ein schmunzelnder, anarchischer Witz im Umgang mit übermächtigen Institutionen, wie ihn nur widerständige Ossis haben.

Warum ich das schreibe? Wegen der Prinzen. Die nun nicht unbedingt zu meinen Lieblingsacts gehören, aber mit “Du musst ein Schwein sein in dieser Welt” haben sie ja schon so was wie eine Generationenerfahrung auf den Punkt gebracht (na, vielleicht nicht wegen der in des Mythos in der ersten Strophe, eine wohl eher einer feministische Kritik heraus fordernde Strophe. Aber sonst.).

Während Wessis weit häufiger im “Glauben an eine gerechte Welt” verharren und sich einbilden, in einer tatsächlich funktionierenden Demokratie samt gerechtem Staat und für alle guten Wirtschaftsordnung zu leben, hat ein ganzer Landstrich die Erfahrung gemacht, auf der Strecke zu bleiben, wenn man sich nicht in die Lügen des Westens einfügt. Und dass man eben nur durch kommt, wenn man vorgibt, Regeln einzuhalten, informell freilich wie ein Schwein agiert, ich zitiere Die Prinzen. Was letztlich einfach ein Analogon zur DDR-Erfahrung ist, wenn auch ohne Mauer für die, die raus wollen, ledglich für die, die rein wollen, und ohne Bautzen.

Was direkt zu dem Freistoß in der 3. Minute des gestrigen Spiel überleitet. Das war nun so was von genau vor meiner Nase, dass ich da keine Fernsehbilder brauche, um die Szene beurteilen zu können. Der operettenhafte Herr Maierhofer lässt sich neben Herrn Thorandt auf die Knie fallen, zu unserem Entsetzen reißt der Linienrichter die Fahne hoch. Wenn ich es richtig gesehen habe, hat Gräfe die Szene gar nicht selbst beobachtet und entscheidet auf Freistoß, zeigt Gelb. Irgendeine Regel wird dazu schon passen, aber in der 3. Minute?

Der Freistoß kam erstaunlich präzise angesichts dessen, was die Kölner Offensive ansonsten zu bieten hatte. Und Tschauner hätte den meines Erachtens halten können. Ich bin aus diversen Gründen dafür, lieber Bene ins Tor zu stellen, Tschauner patzt zu oft.

Die ganze Szene wirkte auf mich surreal, wie einstudiert.

Nun fielen anschließend in schöner Regelmäßigkeit immer an dieser ein und derselben Stelle die Kölner Spieler um. Nicht immer wurde gepfiffen, aber häufig, und es gab dort auch gelb-rot.

Sag mal, Stani, bist Du so tief gesunken, Deine Spieler anzuweisen, an bestimmten Positionen niederzusinken und Freistöße heraus zu holen, die Du dann gezielt im Training übst? Haben die Hoffenheimer und bigotten Kölner Dir jegliches Gefühl für Fairness ausgetrieben? Das war nun nicht zufällig ungefähr 5 Meter vor der Stelle, wo Asamoah sich regelmäßig fallen ließ, was ich auch Scheiße fand – war das etwa auch gar nicht dessen eigene Untugend, sondern Briefing von Dir? Außerdem entschuldigt man sich nach solchen grob verpfiffenen Spielen für ein Sieg und lamentiert nicht noch von “geilem Fussballabend”.

Der es ja sogar war. Das Millerntor lebte, aber so was von, lange nicht so ein gutes Feeling im Stadion verspürt. Die Jungs gaben alles, was sie können, kämpften, rannten an, die schönsten Beine der Liga waren auch wieder auf dem Platz und spielten meines Erachtens richtig gut. What an Man! Seufz.

Michael Frontzeck ging in der Halbzeitpause auf Gräfe los und sagte ihm, falls ich Lippen richtig lese, “Das wird ein Nachspiel haben!”, hoffentlich. Bei jeder verfickten Luftschlange “ermittelt” ganz staatsanwaltlich der DFB, warum nicht auch gegen Herrn Gräfe? Das ist doch auch schon wieder so ein Analogon zur Polizei, wo dann der Dienstherr selbst die Verfehlungen seiner Schergen untersucht und Verfahren einstellt. Ich sehe das auch anders als die vom Magischen FC - die haben zwar recht, dass wir vor dem Tor zu umständlich agieren, aber das Spiel wäre meines Erachtens 0:0 ohne den Schiri ausgegangen. Und er hat massiv und maßgeblich in den weiteren Saisonverlauf eingegriffen, ob nun intendiert oder nicht, indem er erstmal für eine Spiel unsere gesamte Innenverteidigung auf die Bank setzte.

Und Frontzeck zeigte auch, dass er Diskussionen in der Fanszene offenkundig verfolgt (okay, ging auch bis ins Abendblatt) – gleich am Anfang zwei der Erfahrenen mit auf dem Platz, Kringe und Bruns, und die demonstrative Einwechslung von Ebbers und Boll habe ich auch als Signal verstanden, als sehr Positives, Neues auf dem Gewachsenen zu errichten und nicht einfach nur abzureißen. Was eben nun wirklich sportliche Leitung dazu veranlassen sollte, Fehler einzugestehen und Bruns doch zu halten. Ich fand euch prima, Boys in Brown, und das “You’ll never walk alone” kam aber so was von aus braunweißem Herzen!

Vom Erlebnis her war das ein toller Abend, einer, der das, was ich mit dem FC St. Pauli verbinde, erfahrbar machte. Und dazu gehört auch Wut über Ungerechtigkeit. Nie verliert man ein Spiel nur wegen des Schiris, aber das gestern war nun schon reichlich merkwürdig. Dieses ewige Freistöße zurück verlegen, die Bereitschaft, gegen uns sofort gelb zu zücken – Köln bekam 3 Gelbe, wir ebenfalls und zwei Mal gelb-rot on top, also 7, obgleich wir kein bißchen mehr foulten als die Kölner. Das ist schon eine mutmaßlich böswillige Regelauslegung, dieses ständige Abpfeifen, wenn wir in der Vorwärtsbewegung waren, das Nicht-Ahnden von Fouls an unseren Spielern, auch ständige Fehlentscheidungen des Linienrichters, der in der ersten Halbzeit vor der Haupttribüne hin und her lief. Das war in Summe schon eine ganze Menge. Das kann auch Psychologie sein, weil es diese Schiedsrichter gibt, die, um sich “Nicht dem Druck der Tribüne zu beugen” Unsinn pfeifen; im Nachhinein frage ich mich allerdings auch, wieso die Kölner eigentlich ihre Konter in Überzahl so kläglich abschlossen. Das war doch auch völlig surreal.

Was eben wieder zum Thema Gerechtigkeit überleitet. Das geht bis zu den nach vielen Augenzeugenberichten sogar vermummten und mit Quartzhandschuhen bewaffneten Ordner nach dem Spiel, die sich vor der Süd vor denen, denen das Stadion zum Teil als Vereinsmitgliedern mit gehört, aufbauten wie eine Besatzungsmacht.

Ist Herrn Gräfe, Herrn Rauball, Herrn Niersbach, Herrn Neumann, Herrn Wendt, den Ordnern und all den anderen eigentlich klar, was sie mit dem Gerechtigkeitsgefühl einer ganzen Generation anstellen? Gerade dieses Alter von der Pubertät bis Mitte 20, dem viele auf der Süd und bei USP angehören, ist konstitutiv für das Stellen der Weichen hinsichtlich der eigenen Bereitschaft, sich für Gerechtigkeit einzusetzen. Entweder entschließt man sich im Sinne totalisierten Eigeninteresses, dass man ruhig Schwein sein kann in dieser Welt, macht man es im Rahmen mächtiger Institutionen und ökonomisch abgesichert, sind ja keine Sanktionen zu befürchten. Oder aber man hat Erfolgserlebnisse im Kampf für Gerechtigkeit, weiß, dass sich das gut an anfühlt und macht anschließend weiter damit. Es sei daran erinnert, dass es die Grundrechtsartikel in der Verfassung sind, die Gerechtigkeit ausdefinieren, nicht irgendeine linke Spinnerei.

In diesem Sinne kann Herr Gräfe sich ja mal hinterfragen, was sein selbstherrliches Verhalten bei Jüngeren auslösen könnte. Das kann Herr Innensenator Neumann sich fragen, wieso nun gleich zwei Menschen in meinem Umfeld prophylaktisch zur erkennungsdienstlichen Behandlung zitiert wurden, ein Fall wegen falscher Beschuldigung noch vor einem Gerichtsverfahren und im anderen Fall wegen einer Marginalie und weil er nicht weiß ist. DAGEGEN erlässt man Gesetze, nicht dafür. Die Verfassung schützt den Bürger vor dem Staat, nicht umgekehrt. Vielleicht sollten all die “1984!”-Schreihälse von Scheck bis Greiner sich lieber mal eines solchen Themas annehmen anstatt des N-Wortes.

Das kann auch der DFB sich fragen, was seine willkürlichen und übermäßigen Strafenkataloge anrichten in juvenilen Hirnen, während zugleich das eigene Personal allenfalls formal Regeln folgt. Das können sächsische Richter sich fragen, die den Kampf gegen Rechts kriminalisieren. Das kann jeder Polizist sich fragen, der Platzverweise ausspricht. Wollt ihr die nackte Macht oder Gerechtigkeit?

Wollen die aber wahrscheinlich gar nicht, sich so etwas fragen. Sie haben ja die Macht. Und nichts ist unerträglicher als Machtmissbrauch.

Die Kohl-Generation: Der Deckel auf dem Topf

Jedes Denken entsteht unter spezifischen Zeitbedingungen. Es ist sozusagen Pflicht, auf jene zu reflektieren, unter denen das eigene sich formte, will man nicht politischen Journalismus oder politische Theorie im Sinne der handwerklichen Hanswurstigkeit betreiben.

Heute geraten zunehmend jene, die in den Kohl-Jahren politisch sozialisiert wurden, an all die kleinen Hebelchen der Macht. Sitzen in die Führungpositionen, besetzen Plätze in der veröffentlichten Meinung, reiben sich an denen, die in den 70ern groß wurden und und oft auch an deren Denkoffenheit.

Da machen ein paar Jahre schon viel aus: Während Jahrgänge wie der meine genervt angesichts des Dogmatismus vieler 68er im zarten Alter von 14 wahlweise mit den “Neuen Sozialen Bewegungen” identifizierten – Frauenbewegung, Schwulen-Bewegung, Anti-AKW- und Friedensbewegung, von den “Black Panthers” war in meiner Wahrnehmung in Deutschland wenig zu spüren -, die man wohl als “Alternativbewegung” zusammen fassen kann, kokettierten andere mit dem “Null Bock” des Punk, manche mutierten später zu “Gothics” oder wurden Popper. Mal idealtypisch zugespitzt.

Die Alternativbewegung fand auch in der Popkultur Nachhall und setzte anders als noch der “Arbeiterbewegungsmarxismus” auf das Dezentrale – im Nachhinein ist für mich der Kern, dass von unabhängigen Jugendzentren über Hausbesetzungen bis zur Öko- und Second-Hand-Laden-Gründung, dem Independant-Label und Stadtzeitungsverlag versucht wurde, unabhängige, ökonomische Strukturen auf die Beine zu stellen. Das Ganze freilich in einer so ganz und gar nicht mehr marxistischen Technikfeindlichkeit situiert: Die Studien des “Club of Rome” hatten die “Grenzen des Wachstums” und “Endlichkeit der Ressourcen” aufgezeigt, das Vertrauen in die Produktivkraftentwicklung, das noch die SPD zur Atomkraftpartei werden ließ, war geschwunden. Im Nachhinein halte ich das für problematisch, nicht wegen der Frage der Atomenergie, sondern weil es zum technischen Fortschritt halt keine Alternative gibt und nicht nur in diesem Fall ein merkwürdig konservativer Einschlag das begleitete, was in der Etablierung der GRÜNEN enden sollte. Wohl das Erbe der Naturverklärung der Romantik.

In den frühen 80ern formierten sich die Autonomen, und zeitgleich brachte die Friedensbewegung, der Protest gegen den NATO-Doppelbeschluss,  so viele Menschen auf die Straße wie nie zuvor: Ich erinnere mich an ein Wochenende, da weit über eine Million Menschen in verschiedenen Städten gleichzeitig demonstrierte. Man kann nur sehr viel über das Für und Wieder der damaligen politischen Ansätze streiten; zumindest war eine Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte allerorten spürbar. Man besann sich auf das Erbe von Brecht und Tucholsky, und Fasia Jansen und Esther Bejarano standen gemeinsam auf den Bühnen. Es gab noch nicht dieses künstliche Auseinanderdividieren von Antisemitismus und Antirassismus, Strömungen wie jene der “Antideutschen” hatten ihr demagogisches Verwirrspiel noch nicht entfaltet. Auf der anderen Seite gab es tatsächlich einen plumpen Antiamerikanismus, der sich in Songs wie “Amerika” von Fee zeigte und sich vom Dünkel der Kulturindustrie-Kritik der Kritischen Theorie auch bei jenen nährte, die die “Dialektik der Aufklärung” nie gelesen hatten. Später wurde dieses typisch deutsche “Kultur!”-Geschrei in “McWorld” und ähnlichen Slogans pointiert wurde. Auf der anderen Seite kritisierte man den US-Imperialismus, den es von Pinochet bis zur Inthronisierung Ayatollah Khomenis, ja, man glaubt es kaum, nicht nur zu Unrecht. Den Khomeni-Zusammehang kann man googeln, ebenso Die “Iran-Contra”-Affäre – das haben die meisten ja auch lieber verdrängt. Und, allen Unkenrufen zum Trotze, der der Sowjets in Afghanistan wurde auch kritisiert. Mit der Solidarnosz fühlten sich jene, die ich kannte, ebenfalls solidarisch wie auch mit der “Schwerter zu Pflugscharen”-Bewegung in der DDR. Die war mit der “Umweltbibliothek” zusammen eine der Keimzellen der späteren Bürgerrrechtsbewegung.

Dann kam Kohl, und allmählich ist es wohl an der Zeit, Bilanz zu ziehen, in welcher Hinsicht er fatal wirkte. Die Raketen wurden stationiert, doch anders als Thatcher oder Reagan vollzog der allseits als “Birne” Diffamierte kein brutales, neoliberales Programm, und einem Lambsdorff wurde ein Blüm entgegen gestellt. Trotz gelegentlichen Aufflackerns der massenhaften Politisierung wie in Wackersdorf oder rund um die Hafenstraße und die Alte Flora, trotz starker Aktivitäten der Autonomen in Groß- und Studentenstädten, war vieles in der Alltagsästhetik und Haltung in Abgrenzung gegen “Öko” geprägt und Politik wurde zunehmend uncool. Wer sich für hip hielt, las die Tempo, die durchaus politisch startete, ansonsten aber ästhetisierend wirkte, stellte sich Chromregale auf den abgeschliffenen Holzfußboden und diskutierte Popkultur. Kohl prägte den ungeheuer wirkungsmächtigen Slogan von der “Gnade der späten Geburt”, der damals zwar harsch kritisiert wurde, sich heute jedoch erst vollumfänglich als Desaster entpuppt, wie zum Beispiel die N-Wort-Debatte zeigt.

Dann wurde die Mauer zum Einsturz gebracht, und ich erinnere mich gut an die ambivalenten Gefühle: Einerseits Freude, dass die im kleinbürgerlichen Staatskapitalismus Eingesperrten nun raus konnten. Umgekehrt befiel schlagartig mich das Wissen, dass man nun 20 Jahre lang keine linke These mehr würde vertreten können und dass es nicht lange dauern würde, bis massenhaft Neonazis das Land bevölkern würden. Kohl erzwang die “Wieder”vereinigung und gestaltete sie so, dass allen halbwegs Informierten klar war, dass es ein ökonomisches Desaster geben würde. Ja, ist so, man mag von Lafontaine heute halten, was man will, im Nachhinein gibt sogar ein Wolfgang Schäuble ihm recht, dass z.B. der Umtausch 1 zu 1 von DDR-Geld zu D-Mark ein Riesenfehler war. Aber der nationalistische Pomp mit all seinem Pathos verdrängte jegliche Rationalität und mündete in Lichtenhagen, Hoyersverda und Mölln und der de facto-Abschaffung des Asylrechtsparagraphen.

Zeitgleich erschien zunächst rund um Loveparade, VIVA und BRAVO TV alles so schön bunt hier, eine wahre Pop-Explosion befeuerte die Kanäle, und das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem geriet unter den Druck der Privaten. Heute gedenkt USP dem “Familienduell”, der brachiale Ökonomismus von “Glücksrad” und “Der Preis ist heiß” wird auch Spuren hinterlassen haben.

Es setzte nach und nach und nach eine bedingungslose Affirmation kapitalistischer Produktionsweisen ein, die angeblich ohne Alternative seien, wie ja der Zusammenbruch des “Sozialismus” genannten Staatskapitalismus gezeigt habe. Letztlich war es dann Gerhard Schröder, der das Thatchersche und Reagansche Erbe Deutschland aufzwang. Staatliches Eigentum wurde verscherbelt, ohne dass die Bürger davon irgendetwas gehabt hätten, die Sozialversicherungssysteme, insbesondere jenes der Rente, wurde vom Staat teilentkoppelt – eine irrwitzige Freisetzung von Kapital, auch einer der Gründe späterer Krisen, fand statt.

Zugleich verschwand die Kritik politischer Ökonomie weitestgehend aus der Linken zugunsten reiner Moralisierung. Das ist das Argument, was fälschlich immer wieder gegen Antisexismus, Antirassismus und den Kampf gegen Homophobie ins Feld geführt wird, und tatsächlich haben ja manche Zweige postmodernen Denkens, auch in den Cultural Studies, ja nicht gerade die materiale, ökonomische Basis dieser gesellschaftlichen Phänomene im Visier.

In ein paar Rand- und Splittergruppen wurde ergänzend aus dem zustimmungsfähigen Slogan “Nie wieder Deutschland!” ein Adorno verdrehendes, letztlich voller liberaler Topoi steckendes “antideutsches” Denken, das alles dafür tat, auch ja nicht mehr sinnvoll über Antisemitismus reden zu können, noch nicht mal über den sekundären, an Israel orientierten, weil sie ihre nationalistischen Gelüste Israel instrumentalisierend auf diesen Staat projizierten und Juden zu Ersatzariern imaginierten. Wofür diese nun wirklich nix können, es gibt ja mittlerweile sogar Antisemitismen in Reaktion auf “antideutsche” Gehirnwäsche, schlimmerweise. Inbesondere im Osten Deutschlands hat diese Ideologie ja wahre Verwüstungen in Hirnen angerichtet: An sich tolle Menschen, mit denen man sich jahrelang schöne Mails geschrieben hat, mutieren auf einmal zu irrationalen Fanatikern, weil sie zu viel von dem Zeug geraucht haben.

So weit grob skzziert Prägungen derer, die zwischen 1983 und 2005 politisch sozialisiert wurden und dabei noch irgendwielinks dachten: Trotz dessen haben sie den Slogan  ”Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen” mit der Muttermilch eingeatmet und sind fast dran erstickt. Für “Ökonomie” halten sie die Slogans der Privatisierer und der Initiative für Neue soziale Marktwirtschaft. Mit Habermas’ “Faktiziät und Geltung” sind sie der Meinung, der liberale Rechtsstaat wäre der Historie letzter Weisheitsschluß. Der ist ja auch gar nicht nur übel. wenn es ihn denn gäbe. Denn empirisch sind es einfach verschiedene Typen der gesellschaftlichen Großorganisation – Banken, Behörden, Fernsehsender, Konzerne, Parteien, Lebensmittelketten, DFB usw. – die alles andere als zu beherrschende Umwelt betrachten, die es gleichzeitig auszubeuten und ruhig zu stellen gilt. Sozial wirksam ist die Unterscheidung zwischen denen, die drin sind, und denen, die draußen, aber angewiesen bleiben. Parallel wird eine Präventivjustiz etabliert, die dem, was “Rechtsstaat” meint, mitten ins Gesicht rotzt und eine Entrechtung und Gängeleung all jener betrieben, die sich dem Lohnarbeitszwang entziehen, während zugleich Rassifizierung die soziale Ordnung stabilisiert.

Eine Gemengelage, die gerade bei den unter Kohl und dann Schröder Sozialisierten zu einem ganzen Bündel merkwürdiger Phänomene führt. Als Kinder der “Gnade der späten Geburt” halten sie sich zumeist für postrassistisch, Sexismus lebten ja nur “Migranten”, und homophob sind eh immer die Anderen. Sie haben die Moral für sich gepachtet, ohne auch mal einen Gedanken daran verschwendet zu haben, was “Moral” so alles heißen kann – und kriegen drum von den Altlinken immer wieder die “Moralisierung der Politik” oder auch Theorie aufs Butterbrot geschmiert. Während sie selber im Falle von Kunst und Kultur oft Allergien gegen alles Politische entwickelt haben und so auch vehement das “N-Wort” verteidigen. Ihre Bezüge sind so oft auch eher der etablierte Kunst-Kanon, falls sie sich für was anderes als Julie, Thees Ullmann, Tocotronic, Element of Crime oder Post-Punk-Gitarrenmusik interessieren.

Ihre Popmusikhistorie beginnt in der Regel nicht bei Charly Parker, Illionois Jcquet, Bessie Smith oder Ike Turner, sondern ganz wie beim ZDF bei “Rock around the Clock” Bill Haleys. Ihre ästhetische Welt ist zumeist weiß gewaschen und von Adepten schwarzer Musik, aber nicht dieser selbst geprägt, und ansonsten haben sie vor allem Angst. Durch jahrzehntelange Massenarbeitslosigkeit geprägt neigen sie zu Überanpassung an die Institutionen, eben jene Großorganisationen, um die herum sie noch als “Prekäre” gruppiert bleiben – und die, die drin sind, sind vor allem mit Politics beschäftigt und auch damit, in Meetings und Redaktionssitzungen bloß nicht als linker Spinner, Visionär oder irgendetwas, was einem totalitär gewordenen Realitäts- und Formprinzip widersprechen könnte, aufzufallen. Sie sind in einer medialen Entwicklung groß geworden, die alles formatiert, was formatierbar ist, und ganz auf Konsumierbarkeit ausgerichtet ist – alles andere macht ihnen wahlweise Angst oder sie aggressiv. Sie erheben sich ganz wie einst Kohl mit einer gewissen Schlichtheit und gleichzeitigen Arroganz über das Sperrige, Konsequente, Nachgedachte, Unsichere, Verspielte, die offene Form – und sind immer ganz weit vorn dabei, den aktuellsten Claim auch aufzugreifen. So mühen sie sich, die Welt auf ihr Niveau zu reduzieren.

Das ist wohl das am tiefsten sitzende Erbe Helmut Kohls. Man muss nur mal dessen Reden mit denen eines Willy Brandt vergleichen. Das ist schon sprachlich ein Spaziergang in zwei völlig verschiedenen Landschaften, und die von Kohl ist die blühende nicht.

Das Interessante ist, dass bei den nunmehr 20-30 jährigen der eine oder andere sich diese ganze Überanpassung an das falsche Ganze nicht mehr verkaufen lassen will. Vielleicht sind es nur Einzelne und meine Wahrnehmung ist selektiv; mir fällt jedoch auf, dass zumindest in meinem Umfeld immer mehr von denen auftauchen, die sich nicht mehr bluffen, sich von Rhetorik gegen Elfenbeintürme nicht verschrecken lassen und sich mal wieder eigenständig Wissen aneignen. Sie stoßen nun überall auf die Kohl-Kinder auf Dozentensesseln, als Abteilungsleiter oder in der Publizistik und nicht zuletzt als Geschäftsführer des FC St. Pauli.

Die wie ein Deckel auf dem Topf zunehmender Unzufriedenheit sitzen. Vieles sucht sich einfach so die Bahn, als Gewalt, als teils auch kindische Auseinandersetzung mit der Polizei, gerade bei den Abgehängten und von den Sicherheitskräften aktiv Kriminalisierten.

Andere knüpfen nicht zufällig da an, wo die Zäsur Kohl alles platt saß: Bei dem Erbe der Alternativbewegung. Das gibt Hoffnung.

(Mit Dank an das Lichterkarussell)

Na, stolz darauf, Genosse Schröder? Jubeln Sie, Herr Bundespräsident Gauck, und schreien laut “Freiheit!”?

HARHARHAR, liebe FAZ.

 

“In der „Sozialen Marktwirtschaft“ sollen am Ende alle ihren Nutzen haben. In ihr muss niemand mit dem Mittel der Einschüchterung arbeiten. Nur: Warum braucht Amazon dann eine Sicherheitsfirma namens H.E.S.S? Mitarbeiter dieser Firma, so wurde in dem Beitrag deutlich, bewegen sich im rechtsextremen Milieu und bedrohten die recherchierenden ARD-Journalisten. Vielleicht, weil nur so das Amazon-Geschäftsmodell sicherzustellen ist? Mit der „sozialen Marktwirtschaft“ hat das jedenfalls nichts mehr zu tun.”

In was für einem Wolkenkuckucksheim neoliberaler (im ursprünglichen Sinne, also auch ordoliberal) Lehrbücher lebt ihr denn eigentlich? Mal was von Empirie gehört? Das, was seit der “Wieder”vereinigung als “soziale Marktwirtschaft” auftrumpft, Sozialsysteme den Deutschen, “Asylanten raus!”, und Gängelung, Entmündigung, Entrechtung, Erpressung und Nötigung mittels Hartz IV für die, die den Herren Steinbrück, Müntefering, Fischer und Frau Merkel nicht den Gefallen tun, einfach zu verrecken, obwohl die keiner braucht in der der durchfunktionalisierten Republik, bringt dergleichen geradezu notwendig hervor. Und jeder, der die SPD, die Grünen, die CDU und die FDP und natürlich auch die NPD gewählt hat, die als systemstabilisierender Faktor dazu gehört, hat dazu beigetragen und ist mitverantwortlich.

Was treibt denn wohl spanische “Wanderarbeiter” hierher? Bestimmt nicht die ach so hehre “deutsche Kultur”. Vielleicht eine späte Prägung mancher derer durch Francos Klerikalfaschismus, okay. Aber vor allem eine mittels Hartz IV forcierte Niedriglohnpolitik mit nach unten offener Skala, da braucht man doch nur den Artikel lesen, da wird es deutlich.

Das neoliberale Programm ist ja Ludwig Erhardt in der Hinsicht treu geblieben, dass der Staat als Möglichkeitsbedingung kapitalistischer Schweinereien fungiert. Was eben das Gegenteil von Demokratie und Grundrechten ist. Und die Lohnverzicht proklamierende und die ehemalige Sozialhilfe mit Arbeitslosenhilfe zusammen legende Politik hat so Verhältnisse geschaffen, dass die Produktivität so hoch und Lohnstückkosten in Deutschland so niedrig sind, dass südeuropäische Länder nicht mehr konkurrenzfähig sind.

So zwingt man die “Wanderarbeiter” in solche Situationen. Und es kann mir auch keiner erzählen, dass das aus Versehen passiert, das weiß doch jeder, dass im Sinne des Modells China im Sinne des Kapitals Politik gemacht wird. Dass Rechtsextreme das Ganze flankieren und absichern, das war auch schon vor 33 und ist immer so: Es sind immer die Kirchen und die Rechten, die je unterschiedlich flankieren. Die einen, indem sie karitative Kompensationen entern und betreiben, die anderen, um die Besitzstände des zugleich bedrohten Bürgertums abzusichern.

Das haben Propagandisten wie die Bertelsmann-Stiftung und Akteure in der Exekutive wie die zuvor genannten zu verantworten, was da in Bad Hersfeld abgeht. Interessant übrigens auch das Warten auf die “unbefristeten Verträge”. Genau diese “Hire & Fire”-Möglichkeit wurde gezielt forciert und wird so übrigens auch und gerade von öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten betrieben: Besteht die Gefahr, eine Festanstellung einklagen zu können, gibt es keine Aufträge mehr für die “Fest-Freien”, wenn ich richtig informiert bin. Also mal an die eigene Nase fassen, liebe ARD.

Nun bin ich doch noch Marxist genug, um der These, dass die Produktivkraftentwicklung treibende Kraft der gesellschaftlichen Dynamik ist, doch ein wenig zu  vertrauen. Auch durch Distributoren wie Amazon, Youtube usw. verändern die sich nämlich schon. Weil es neben dem Zentrallager (der ARD zufolge ja im buchstäblichen Sinne) eben auch noch den “Amazon-Marketplace” gibt, der kleineren Akteuren neue Verkaufsflächen bietet. Weil z.B. der eBook-Markt für den  kleinen Buchhändler um die Ecke zwar Scheiße ist, aber eine bis dato unbekannte Autonomie der Werkgestaltung bietet und eben auch die Möglichkeit, nicht unerheblich mitzuverdienen. Weil ich tatsächlich über diese Plattform schon häufig in Antiquariaten eingekauft habe, zu denen ich auf normalem Verkehrswege nie käme. Und die meisten Buchläden meine Special-Interest-Bedürfnisse oft nicht bedienen können.

Das ist ein wenig wie bei Apple: Einerseits stehen die Produktionsbedingungen zu recht unter Beschuß. Andererseits ermöglichen Apps und “Logic”  tatsächlich eine Demokratisierung der Musikproduktion. Was denen, die unter schlimmsten Bedingungen die Rohstoffe abbauen, auch nicht weiter hilft. Insofern kann ein Bad-Hersfeld gleich um die Ecke zwar schockieren; jene Länder, die gezielt destabilsiert werden, um Bodenschätze bestmöglich sich unter den Nagel reißen zu können auf dem afrikanischen Kontinent, seien dabei nicht vergessen. Weil alles mit allem zusammen hängt in der Ökonomie.

Mit erstaunt dennoch das Erstaunen. Wer gegen Hartzi IV nix macht, erntet Bad Hersfeld. Ganz einfach.

Borniert, ignorant und faul: Denis Scheck und wie er und andere Kunst ermeucheln wollen

Nein, das ist KEINE reine Schmähkritik. Ich werde begründen.

Das geradezu Verblüffende an der “Performance” des institutionell bestens abgesicherten Denis Scheck ist ja dessen offenkundige, vielleicht unbewusste Verachtung dessen, was Kunst sein könnte. Auch deshalb ist dieses Stoßen ins Horn der Neuen Rechten nunmehr auf der Seite der gebührenfinanzierten ARD so entlarvend:

“Die Sprache der Literatur lebt ja gerade davon, dass sie sich nicht in das Korsett des “politisch-korrekten” Sprachgebrauchs begibt, was der Diskurs im öffentlichen Raum auf oft bedenkliche Weise unnötig tut.”

Das ist Beleg 1 für borniertes, faules Kunstbanausentum: Wenn man schon die PC-Keule zum Mundtotmachen schwingt, sollte einem klar sein, dass “Political Correctness” von Anbeginn an ein Kampfbegriff der Politischen Rechten in den USA war. Gegen Stonewall, gegen die Bürgerrechtsbewegung und Black Panther und gegen den Feminismus für die Restauration zu kämpfen – und somit gegen PoC, gegen Frauen, gegen Lesben, gegen Schwule -, das war sein Zweck. Dass man nun ständig in die Rolle des PC-Verfechters gedrängt wird, um homophobe, sexistische und rassistische Quälereien abzuwehren, ist leider Teil der Strategie der Kunstverhinderung. Kunst geht mit Sprache ja kreativ um, also konträr zu den Forderungen Denis Schecks in diesem Fall. Kaum jemand inszeniert Shakespeare so wie zu Shakespeares Zeiten. Zensur?

Und man muss viel häufiger versuchen, die Begriffe der ganzen PC kritisierenden Dominanzverteidiger einfach hinter sich zu lassen, will man den Anforderungen dessen, was Kunst kann, gerecht werden.

Wäre Herr Scheck ein auch weiterhin ernst zu nehmender Literaturkritiker, würde er diesen Zusammenhang reflektieren und ganz im Sinne der Kunst nach Wegen suchen, den Kanon und die Tradition zeitgemäß und produktiv sich anzueignen, anstatt aktiv zu mummifizieren. “Politcal Correctness” als zu Kritisierendes und das sich vermeindlich dagegen Behaupten  ist eine Strategie, Rassismus, Homophobie und Sexismus zu bewahren. In welche künstlerischen Formen nunmehr eine Thematisierung eben genau dessen zu überführen wäre, auf der Bühne, in der Literatur, der Musik, der bildenden Kunst, und auch, von wem und in welchen institutionellen Ordnungen, DAS ist doch die Frage, wenn einem denn wirklich an der Kunst gelegen ist.

Nein, stattdessen will Dennis Scheck konservieren – das ist der Tod der Kunst und nichts weiter als die Verteidigung einer rassistischen Ordnung.

Nun ausgerechnet Herrn Wildgruber und nicht zum Beispiel den Film von Spike Lee zu diesem Thema anzuführen zeigt: Das ist ein Köcheln in der immer gleichen, weißen Sauce. Man kann sich auch den Katolog zu einer ganz und gar verunglückten Ausstellung zu “Zwischen Charleston und Stechschritt: Schwarze im Nationalsozialismus”, Peter Martin und Christine Alonzo (Hg.), Hamburg/München 2004 heran ziehen – Journalisten recherchieren ja eigentlich, nicht so Denis Scheck und seine Redaktion in diesem Fall – und zweierlei daraus lernen: Zum einen, wie ungeheuer problematisch es ist, einfach nur plump abzubilden, welche  Rassismen bereits in den 20er Jahren (und davor natürlich nicht minder) ungeheuer krass erblühten. Zum allgemeinen, weißen Gelächter, ich zitiere die Worte nicht, die da zu finden sind.

Das Dokumentieren kann man noch als Kunstform betrachten, das simple Abbilden ist es nicht, das reproduziert nur – insofern hat es gegen ein ungebrochenes Aufhängen extremst rassistischer Darstellungen einen durch und durch berechtigten Aufschrei gegeben im Falle der Ausstellung. Ursprünglich hieß sie “Besonderes Kennzeichen N …”, wie das gerne geschieht, wenn lustvoll aus weißen, deutschen Münden das N-Wort kriecht wie Würmer aus einer Wasserleiche da, wo vermeintlich “gut gemeint” die eigene Geschichte, aber nicht die Schwarzer in Deutschland, thematisiert wird. Der Buchtitel des Kataloges erfuhr so drum bereits eine Überarbeitung, angesichts derer wieder viele sachwidrig von “Zensur” krakelen würden.

Klappt man den Kataolog auf, folgen Wochen der Fassungslosigkeit angesichts der ungeheuren Brutalität Weißer, wenn es um die Darstellung von Schwarzen ging. Nichtsdestotrotz räumt diese Materialsammlung mit der Vorstellung auf, “Blackface” sei lediglich eine im US-Kontext relevante Praxis. Nein, eben nicht, da braucht man sich nur die Tradition reaktionärer Karnevalsvereine anschauen, in die Dennis Scheck sich ungebrochen einreiht. Literaturkritik als Büttenrede. Und eine schlechte noch dazu.

Das müsste jedem Kulturjournalisten, der nicht wie die “Druckfrisch”-Redaktion und Herr Scheck mit Scheuklappen ignorant durch die Kulturwelt läuft, auch alles bekannt sein. Es wurde rund um die Inszenierung am Schlossparktheater nun wirklich genug Wissen bereit gestellt und großflächig informiert, welche deutschen Traditionen es gibt. Diesen Diskussionsstand nicht zur Kenntnis zu nehmen, das ist nicht zuletzt schlechter Journalismus. Da braucht man nur mal kurz zu googeln, und schon würde klar, dass diese beleidigende Verquatschheit, mit der Scheck sich des Themas annimmt, nichts anderes als eine Zementierung von Machtverhältnissen ist.

Das Vermitteln von Informationen über Ulrich Wildgruber hinaus, somit das Vetraute hinter sich zu lassen ist  ja gerade Sujet in der Kunst, die, wenn sie gut ist, der Macht das Werk entgegen setzt. Und die Anschlussfrage ist jene, welche Form denn angemessen sind, um das zu erreichen.

Denis Scheck, ganz machtbewusst, will solche Fragen offenkundig verbieten und zensieren, spricht er von “Sprachexorzismus” – große Literaten und Literaturkritiker weichen der Aufgabe nicht wie Scheck durch Sprücheklopfen aus, sondern suchen Wege, sich ihr zu stellen.

Es ist dieses die Weigerung, die Herausforderung anzunehmen, Kunst jenseits existenter gesellschaftlicher und somit auch institutioneller Ordnungen wirklich mutig und Neuland betretend zu denken und zu betreiben und somit eine Attacke Schecks auf das, was sie immer schon am Leben hielt.

Diese unglaubliche Feigheit derer, die sie gerade als mutig inszenieren, während sie Schwarze herab würdigen, zeigt sich auch in der mangelnden Reflektion auf die eigene Praxis und somit die institutionellen Ordnungen, in denen Kunst historisch wie gegenwärtig situiert ist.

Ein prägnantes Beispiel: In den 50er Jahren fuhren schwarze und weiße Musiker gemeinsam auf Jazz-Tournee. Dave Brubeck und Gary Mulligan saßen in Eisenbahnen in der ersten Klasse für die Weißen, Miles Davis und John Coltrane in der dritten für die Schwarzen. Die treibenden Kräfte für die Jazz-Entwicklung waren freilich die schwarzen Künstler. Da sie sich als Virtuosen ihres Fachs mit der Situation konfrontiert sahen, dass sie als schlecht bezahlte Kräfte, steter Herabwürdigung ausgesetzt, durchschlagen mussten, während Orchestermusiker in der Metropolitan-Oper meines Wissens ganz gut leben konnten. So setzten sie sich aus der Perspektive der Marginaliserten mit dem, was als “weiße Hochkultur” galt, auseinander. Miles Davis war einerseits genervt, im Konservatorium den ganzen “weißen Scheiß” gelehrt zu bekommen und warf zugleich älteren Kollegen wie Coleman Hawkins vor, sich nicht mit den Symphonien und Partituren der Großen auseinander zu setzen. Um diese übersteigend und kombiniert mit eigenem Material zu toppen. Aus diesem Zwiespalt entstand eine produktive Auseinandersetzung mit Debussy, Rachmnaninow einerseits und dem Blues, mit Count Basie, Charlie Parker und Duke Ellington, auch Folk andererseits. Dizzy Gilespie gab in seinen Augen zu sehr den Clown für Weiße, er selbst spielte lieber mit dem Rücken zum weißen Publikum, bot keine Show, auf dass die wirklich der Musik lauschten.

Das sind die sozialen Konstellation, in denen wirklich große Kunst entsteht. Im Übergang vom eher an Akkorden orientierten Improvisieren eines Charlie Parker zum “modalen System”, das sich eher an Skalen und Tonleitern nicht nur “westlicher” Zusammenhängen orientierte, wurde ein epochales Werk wie “Kind of Blue” geboren. Das kann man alles nachlesen bei Ashley Kahn, “Kind of Blue – Die Entstehung eines Meisterwerkes”, Berlin 2000 – und es ist anzunehmen, dass ein Denis Scheck davon auch irgendetwas mit bekommen haben wird, immerhin hat er meines Wissens in den USA studiert und auch als Übersetzer aus dem Amerikanischen gearbeitet.

Vielleicht ist ihm auch einfach der Schreck in die Glieder gefahren, dort erlebt zu haben, wie weiße Dominanz und weiße Deutungshoheit aufgrund der deutlich überlegenen Kreativität und Produktivität aus den Black Communities ins Wanken geriet. Und das mag ja der weiße Bildungsbürger gar nicht, wenn ihm nun ausgerechnet ein Schwarzer was über Kunst erzählt – und als Antwort bleibt doch nur die feige Häme, weil das Potenzial, sich damit wirklich auseinander zu setzen, offenkundig nicht gegeben ist. Seine jämmerliche Performance ist einfach Zeichen der Angst, sich eines Tages nicht mehr so problemlos als Oberschlaumeier im Fernsehen inszenieren zu können. Weil das eigene kulturelle Kapital zu karg ist angesichts eines erweiterten Horizonts der Möglichkeiten.

Und das Ganze in einem gesellschaftlichen Feld, dem Fernsehen, wo redigiert und unterdrückt wird wie sonst nirgends. Ach, doch, in Großverlagen. Möchte den freien Autor sehen, der Herr diLorenzo “Zensur” vorwirft, wenn der Themen vor gibt und Texte redigiert.

Das ist geradezu lächerlich ist, dass nun in solchen Institutionen aktive Protagonisten sich als Vorkämpfer der Kunstfreiheit gebährden. Wo alles Avancierte wenn überhaupt in den Randbereichen von ARTE und 3Sat noch Raum findet und ansonsten eine sozialpädagogische Biederseeligkeit à la Tatort oder aber fortwährende Skandaliserungs- und Demütigungsorgie à la Dschungelcamp statt findet. Wo formatiert wird, bis alle kotzen und der Quotendruck die wirkungsvollste Art der Zensur darstellt wie auch der Fernsehrat, in dem unter anderem die Kirchen mit regieren. DA findet Einwirkung auf Produkte der Kulturindustrie statt, großkotzig, zynisch und zensierend. Es kann ja mal wer versuchen, dem HR Kunst zu verkaufen. Das Gelächter und Gelästere, das als Antwort aufbricht, wird sich kaum wer antun wollen.

Die institutionelle Ordnung halt, die Parade-Bildungsbürger wie Denis Scheck (oder mich, aber bitte nicht zu schwul) hochspült, den Marginalierten aber den Zugang versperrt – siehe Miles Davis – und zudem historisch auch noch im Kolonialismus gründet.

Ein gutes Beispiel ist die Familie Laeisz, die die Hamburger Musikhalle stiftete. Einer dieser Orte, wo sich Weiße die vermeindliche Überlegenheit ihrer “Kultur” wechselseitig vorführen. Diese Sippe  ist reich geworden mit dem Salpeterhandel, vornehmlich mit Chile. Was rund um die heute im Netz verklärten “Salpterfahrten”, die letzten Segler, vor Ort im postkolonialen Chile abspielte, das kann man hier nach lesen (unbedingt ganz):

“Die Salpeterarbeiter waren nach Iquique gekommen, um ihren Forderungen nach 
Gehaltserhoehung, menschenwuerdiger Behandlung und Gewaehrung einer 
Mittagspause Gewicht zu verleihen. Mit dem ,,Hungermarsch der 
Salpeterarbeiter” aus den Salpeterminen nach Iquique waren die Streikenden 
dem Ruf der Behoerden, die sie nach der Hafenstadt zitiert hatten, gefolgt. 
In Iquique erwarteten sie Heerestruppen und Marineeinheiten. Das Erdreich 
des geraeumigen Innenhofes der Schule Santa Maria war vom Blut der 
Massakrierten so sehr getraenkt, dass nichts darauf wachsen wollte. Erst 
nachdem das Erdreich einen halben Meter tief abgetragen und durch frische 
Erde ersetzt worden war, konnten Gras, Blumen und Unkraut wieder gedeihen. 
Die Salpetermagnaten britischer und chilenischer Provenienz luden den 
Praesidenten der Republik, Pedro Montt, nach der,,Niederschlagung” des 
Streiks zur Besichtigung der Salpeterminen und zu rauschenden Banketten ein.”

Damit wurde in Hamburg Kunst finanziert.

Herr Scheck könnte all das wissen, und die Druckfrisch-Redaktion auch. Aber sie sind zu borniert, zu ignorant und zu faul, sich mit Kunst mal ernsthaft auseinander zu setzen, und verteidigen stattdessen lieber mit Inszenierungen ganz in der Tradition des Präfaschismus – Belege finden sich dem oben erwähnten Ausstellungskatolog zuhauf, aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts – N-Worte in Kinderbüchern. So bewirken sie den Tod der Kunst.

PS: Eigentlich geht es im Hintergrund um eine unter Weißen intensiv seit dem späten 19. Jahrhundert, zugleich der Hochzeit des Kolonialismus wie auch der An- und Enteignung von Kunstformen der Kolonisierten in der bildenden Kunst (“Les Fauves”, die Masken in Picassos “Demoiselles d’Avignon”), geführte Diskussion, nämlich jene um die Autonomie des Kunstwerks insbesondere von dem, was unter Moral verstanden wurde.

Das ist eine natürlich hoch spannende Diskussion, die durch solche platten Interventionen wie jener Dennis Schecks aber gerade unterbunden wird. Weil der Focus rassistisch, im Sinne der White Supremacy, verschoben wird und somit in den Raum sozialer Kämpfe um Dominanz. Das eingehender zu diskutieren erfordert freilich noch viele, andere Texte.

“Die Ehe als Gefahr für die Familie”

Um auch auf Mails zu reagieren, die ich zu dem Eintrag von heute mittag bekommen habe: Somlu hatte vor geraumer Zeit ein Modell ausgebuddelt, an dem unter anderem deutlich wird, wie unglaublich fantasielos und eben rein gar nicht “universell” oder “natürlich” diese Vater-Mutter-Kind-Nummer als Lebensform ist.

Daraus lässt sich halt entnehmen, dass das, was der Papst predigt, nicht Gottes Wille sein kann – sondern Freiheit, Erotik, Kreativität, Vielfalt und so viel Wunderbares, das man leben kann, weil es glücklich macht, dem entspricht :) ! Ganz unabhängig davon, ob man an Göttliches glaubt oder auch nicht.

Somlu über die Moso:

 

“Ihre wichtigen Bezüge definieren sich über die mütterliche Linie und die wichtigen männlichen Bezugpersonen für Kinder sind die Brüder der Mütter. Meist leben mehrere Generationen von Frauen, Brüdern, Onkel in einem Haus. Liebe zwischen den Geschlechtern leben sie auch und ausführlich, aber diese Beziehungen haben keinen Einfluß auf die gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturen, da sie die Ehe nicht kennen, sondern leben, was die Anthropologie Besuchsbeziehungen nennen. Dies bedeutet, dass die Männer nachts die Frauen besuchen und morgens als Brüder und Onkel in ihre Familie zurückkehren, wo sie ihr sonstiges emotionales und ökonomisches Zentrum haben. Die Liebhaber spielen für das ökonomische Überleben der Frauen keine Rolle. Kinder kennen heutzutage zwar ihren Vater aber es hat keine weitergehende Bedeutung für sie.”

Das ist schon eine exquisite Lösung – die romantische Liebe wird intensiv gelebt, die Kinder wachsen in einem konstanten Familienverband auf, und auch die Scharnierposition im kapitalistischen Wirtschaften, die die christlich-bürgerliche Konzeption von Familie innehat, also ordentlich zum Schuften gezwungen sein, um die überteuerte Vierzimmerwohnung bezahlen zu können, wird anders definiert:

Aber wenn die Gesellschaft der Moso auch kein Matriarchat ist, bemerkenswert ist sie dennoch. In vielen sogar patriarchalischen Gesellschaften sind Frauen häufig weit mächtiger, als die sozialen Konventionen glauben machen möchten. Frauen können Hosen anhaben, die Macht hinter dem Thron dastellen oder wie die Redensarten alle heißen; mit anderen Worten: sie können die Authorität an sich reißen, die idealerweise den Männern zusteht. Aber Mosofrauen tun nichts dergleichen. Sie sind die legitimen Trägerinnen der Familienauthorität, die Verwalterinnen des Reichtums der Familie, Miteigntümerinnen des Familienbesitzes und Herrinnen über ihren Stammbaum. Und nicht zuletzt besitzen sie auf dem Gebiet der sexuellen Beziehungen persönliche Rechte und Freiheiten, die im Rest der Welt unvorstellbar sind. Tatsächlich ist die Gesellschaft der Moso, abgesehen von den Beziehungen zwischen den Geschlechtern, einzigartig wegen ihrer Institution der Besuchsbeziehungen. Die Moso können mit Fug und Recht den Anspruch erheben, ein unsiverselles Problem der menschlichen Existenz gelöst zu haben, de Zweispalt zwischen Sehnsucht nach Sex unhd Liebe und den Anforderungen der Familienkontinuität und -ökonomie.

Wie der französische Anthropologe Claude Lévi-Strauss gezeigt hat, stellt die Ehe einen Mechanismus dar, durch den Blutlinien, Familiennamen, Reichtum nd andere Formen von Privilegien und gesellschaftlichen Status ins Werk gesetzt und legitimiert werden, Mit anderen Worten, die Ehe ist der Kleister, der die Gesellschaft zusammenhält.

Wenn andererseits die Ehe auf den Idealen romantischer Liebe, sexueller Harmonie und der Gleichheit zweier Individuen basiert, statt auf der Sorge um Erblinien und Eigentum, gerät die ökonomische Stabilität, ja die Einheit der Familie selbst in Gefahr. Wie unsere gegenwärtigen Scheidungsraten zeigen, ist die Liebe zwar ein hehres Ideal, aber eine schwache Basis für eine stabile Ehe.”

(Yang Erche Namu; Christine Mathieu: Das Land der Töchter, Ullstein: 2005, S. 273ff.)

Was auch noch mal den Zusammenhang zwischen Wirtschaftsordnung, Privilegienabsicherung und Rechtsinsititution erläutert. Wer was zu vererben hat, braucht auch Erben …

Wollen wir das rund um den FC St. Pauli einfach mal einführen?

 

Allerlei Stänkern und Besserwissern – von der Disziplinargesellschaft, dem Kampf gegen “Unterschichten” und einem Spiel gegen Aue

TEIL 1: Zum Spiel

Soll ich zu dem Spiel noch was schreiben, dem gegen Aue?

Auf dem Hinweg zwei Mal nass geworden bei der Hundelandverschickung auf die Hoheluft und mich über einen überdachten Sitzplatz gefreut. Ein Spiel auf einer versumpften Wiese gesehen, das meines Erachtens verloren wurde, weil der Gegner in den Augen der Mannschaft “nur” eine Art Holzmicheltruppe sei, der man erst mal die eigene, individuelle technische Überlegenheit demonstrieren wollte. Die Auer kicherten sich daraufhin einen und schossen uns ab. Mal sehr kurz gefasst. Hochverdient gewonnen haben sie.

Man verstehe mich nicht falsch, im Gegensatz zu anderen im Forum habe ich, seitdem Frontzeck da ist, keinerlei Identifikationsproblem mit der Mannschaft. Zwar fehlt mir der Florian Bruns auf dem Platz doch schmerzlich, schnief, wann werden wir uns wieder sehen?, aber vom Einsatz und der Energie her kann man bei den Jungs da echt nicht meckern. Und man hat schon das Gefühl, dass sie selbst dann, wenn sie sich für ihren Erstligaverein empfehlen wollen sollten, in steter Kommunikation mit denen auf den Rängen und somit dem Gesamtphänomen FC ST. Pauli spielen,. Weil man ihnen auch nachlassenden Support deutlichst anspürt. Wobei ein Buchtmann ja so was von ackerte, dass sein so gar nicht mehr weißes Trikot Twitter-Freunde glatt zu Soccer-Kit-Fetisch-Parties inspirierte. Hut ab. Auch Gogia in Halbzeit 1 war schon prima; dass die rote Karte für Bartels auch zur Niederlage beitrug, weil er halt für schnelle Vorstöße und Flügelspiel nicht da war, zeigte nur, dass der Kader einfach nicht optimal zusammen gestellt ist. Wenn das nur einer kann und Gyau noch lernt.

An dieser anfänglichen Überheblichkeit sind nun kurioserweise unsere Mannschaften immer wieder gescheitert, seitdem ich ins Stadion gehe. Ist vermutlich einfach eine allgemeine Männermacke, die sich ebenso bei anderen Mannschaften zeigt. Und die sich nicht zeigt gegen die Hertha oder die Region.

Trotzdem war das wieder ein echtes Präsidiums-”Top 18 im Profifussball-Spiel”, die verliert man nämlich

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Demnächst auf St. Pauli: Antigentrifzierungsdemos presented by STRABAG!

Sind halt die, die ich fand, als ich den Bauherren der “Tanzenden Türme” suchte, somit seien sie einfach exemplarisch genannt für Immobilienriesen und nicht selbst gemeint. Und einen Fachanwalt für Immobilientransaktionen haben wir schließlich (zumindest noch) im Präsidium. Auch interessant beim Thema “Gentrifizierung”, übrigens. Würde uns Herr Dr. Stenger viel zu erzählen können, mutmaßlich.

Und sie kommen ja supersympathisch rüber, der Ebbe, der Bene und der Boller. Sind ja auch unsere Helden.

Nun allerdings Promo-Clips einer Coca Cola (!!!) -Marke (danke, Erik, für den Hinweis) mit Statements wie “St. Pauli hat eine politische Haltung, die es sonst so nicht gibt im Profifussball, hat natürlich ‘ne ganz krasse Vorreiterrolle” zu garnieren, ist das Verarschung oder Realsatire?

Absurder geht ja gar nicht. Dann Zoom auf den Jolly Rouge, fehlen eigentlich nur noch “atmosphärisch starke” Bilder von Pyro beim Diffidate-Marsch mit launigem Blaulicht als Zwischenschnitt.

Nein, man kommt um Sponsoren nicht herum, aber die Nummer ist echt eine Frechheit. Mal ab davon, dass es geschnitten ist wie am iPhone und die Musik da drunter geklatscht wurde wie ein fauler Apfel, an eine Häuserwand geschmissen – eine derart krasse Entleibung der politischen Botschaft empfinde ich echt als Schlag ins Gesicht. Nicht, weil es falsch wäre, was die Jungs da sagen – aber Coca Cola? Es ist kein “Antiamerikanismus”, da schlechte Laune zu bekommen.

Rechts bei den Youtube-Videoempfehlungen ist zu sehen:

 

FC St Pauli: a socialist football club in Hamburg’s Red Light District

 

Ich lach mich scheckig. Coca-Cola-Sozialismus. Gelungener kann man die politischen Messages gar nicht zum Gespött der Wieauchimmerlinken in Deutschland und darüber hinaus machen. Kein Wunder, dass bei Twitter über “Politclowns” gewitzelt wird, wenn es um unsere Fanszene geht. Weil eben auch über so einen Quatsch aus welcher Marketing-Ecke auch immer völlig absurde Bilder transportiert werden.

Aber der FC St. Pauli ist ja auch der Verein, dessen Fanartikelkatalogmacher einer schwarzen Frau empfehlen, sich die Haare für Fotos glätten zu lassen, ein Afro würde da nicht hinein passen. Ist zwar ein paar Jahre her, macht es aber nicht besser.

Kann mal jemand den Vermarktungsnasen ganz kräftig und natürlich gewaltfrei in die Eier treten?

 

Wieso es mir so schwer fällt, aktuell Spielberichte zu schreiben …

Weil sie nicht mit Musik unterlegt oder gemalt sind, nicht gesamplet oder mit Videofiltern versehen und Sprache eben einfach nicht ausreicht. Deshalb fällt es mi so schwer.

Seit Wochen probiere ich rum mit Apps, Pads, spiele mit dem Kaossilator, Looptastic, Rebirth, der Maschine Mikro der  ”Native Instruments” (wobei ich nicht weiß, wie ich das “Native” da einordnen soll), Garageband und lauter tollen anderen Tools. Und ich stelle nur immer wieder fest, wie viel stärker diese Ausdrucksmittel – ja, selbst bei vorgefertigten Loops, die man neu arrangiert – sind als all die Versuche, argumentativ in noch so merkwürdig verschwurbelter Form Gehör zu finden.

Das versuche ich hier ja sonst, eben permanente Diskurstypenvermischung und Ebenenvermengung beim Rumprobieren auch mit sprachlichen Formen. Weil die ganzen formatierten Artikulationsmodi, in die man genötigt wird, während sie einen entfremden, verbiegen und jeder Bewertungsmuster aufprägen, eben doch eine Assimilation an die Ausdrucksmittel der Herrschenden sind. Und das, was man verlernt, während man lernt, wiederzugewinnen ist. Weil Lernen immer ein Verlernen ist, eben dessen, was als “falsch” gilt (und wer warum sozial weiter unten in der Hierarchie steht). Beginnt schon beim Spracherwerb, ich verfüge über kein richtiges R, von wegen Hannover als dialektfreie Zone. Wenn ich “Kirche” sage, hört sich das eher wie “Küache” an. Oder so.

Auch deshalb war für mich Noahs Album so ein A-Ha-Erlebnis. Ich verfolge die Diskussionen, Anfeindungen, Herabwürdigungen, denen sie angesichts ihrer Aufklärungsarbeit ausgesetzt ist, seit nunmehr 10 Jahren. Und habe bei all den Weldingates, Lampenstreits und Völkerschauen im Zoo vor allem immer wieder fest gestellt, wie scheißegal der Gegenseite das Argument ist, auf das sie sich im Sinne vermeintlicher “Objektivität” zu beziehen glaubt (hervorragender Text von Antje Schrupp zur Definitionsmacht habe ich da soeben verlinkt). Letztlich ist den ganzen Mansplainern, wie es so schön heißt, doch nur wichtig, dass sie auch weiterhin entscheiden, was richtig und was falsch ist, um die eigene Machtposition abzusichern und Andere eben zu Objekten zu degradieren, zugleich aber deren Perspektiven wahlweise mundtot zu machen oder zu pathologisieren.

Die zweite Person, als das “Du”, wird von den meisten gar nicht erst gelernt. Es gilt der Umweg über das “daß p” und das “man”, um generalisiert-normalisiertes Verhalten und prästabilisierte Hierachien fort zu schreiben und Abweichungen zu produzieren und zu sanktionieren. Jede dieser Diskussionen soll ein Exempel statuieren, dass eben doch die weißen, heterosexuellen Männer das Sagen haben. Das macht sie so gewalthaltig; WIE immens gewalthaltig, das kann man auf Noahs Blog in einem PDF einsehen.

Was um so gemeiner, unangemessener, respektloser und hinterhältiger ist unter einem Text, der solche Verletzlichkeit zeigt und zulässt. Wie unter aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen Verachtung statt Achtung sich äußert gerade angesichts von Verletzlichkeit, das wird immer krasser; dass ein Sich-dagegen-wehren mit allen Mitteln und auch von Irgendwielinks allerorten bekämpft wird von Rönicke bis zu Doppeldoktoren, das ist einfach Symptom eines Rechtsrucks in der Gesellschaft von erschreckenden Ausmaßen.

Und doch: Noiseaux haben/hat auf dem Album eben eine so großartige Antwort formuliert, dass ich immer noch unter dem Eindruck der Release-Party stehe. Noah stand dort mit lediglich 3 Geräten, einem Pad mit mit Sounds und Samples zu belegenden Feldern, einem Live Sampler und etwas, das ich nicht kannte. Hat den Raum ausgefüllt mit ihren Electro-Loop-Chansons, hat aus Quellen wie Dub, House und eben dem Lied, dem europäischen, gleichermaßen geschöpft, eine ganz und gar eigene, hybride Welt dabei erzeugt – und natürlich ist das Punk unter den Bedingungen der Jetzt-Zeit. Punk initiierte die “Genialen Dilettanten”, Trios Casio, die Rhyhtmen von D.A.F., die Instrumente der Einstürzenden Neubauten – parallel nutzte der frühe Hip Hop den Plattenspieler und den Ghetto-Blaster als Instrument.

Nun würde ich einer begnadeten Sängerin und Musikerin wie Noah nie Dilettantismus diagnostizieren, nicht falsch verstehen – die technischen Mittel, die sie nutzt, sind aber ein Feld ganz eigener Möglichkeiten. Und ja, natürlich können sich Hartz IV-Empfänger oder Flüchtlinge gar auch keinen iPad und “Native Instruments” leisten. Ich glaube aber an as Erzeugen popkultureller Atmosphären, die den Boden bereiten dafür, dass man diesen mehr Gehör schenkt und sie nicht nur als menschlichen Müll diffamiert.

Und: Was den Zauber dieser Soundproduktion ausmacht, Mehr von diesem Artikel lesen

Rechtsradikale Doktrinen, Neoliberalismus und Funktionalismus

(Das ist mir ein Facebook-Posting wieder so lang geraten, dass ich es auch hier rüber hole)

Bin ja nicht immer, nur manchmal Freund von “Publikative”, aber gerade deshalb ist dieser Text sehr spannend, weil er auch Grundlagen der von Publikative selbst betriebenen “Migrantisierung des Antisemitismus” erläutert. Ist ja in Deutschland was völlig Fremdes ohne jegliche Tradition, der Antisemitismus. Da, wo er bei “Migranten” in Erscheinung, ist das wohl eher das, was “Integrationsbefürworter” einfordern.

Dennoch ist Schwäche des Textes, dass er sich zu sehr auf Rechtsextremismus fokussiert und lediglich eine Liaison mit “Nationalkonservativen” aufzeigt, aber nicht zur so genannten “bürgerlichen Mitte” und deren Abgrenzungsbedürfnissen nach unten. Ein wenig wird da der Mythos genährt, nur die “Abgehängten” neigten rechten Ideologien zu, das geht aber bis hin zu Lammert und Elbvorortlern. Wer vom Faschismus spricht, darf vom Kapitalismus nicht schweigen – Danke, Herr Horkheimer.

Die Ideologie der US-Rechten, wo Neocon, neoliberal, Tea Party, Rechtslibertäre und Evangelikale eine Melange des Horrors bilden, ist in der deutschen Publizistik auch lediglich von deren Vertretern selbst wirklich verstanden worden, was mich immer wieder erstaunt.

Die Rolle der christlichen Religion als sozialem Kitt in Ergänzung zum Marktradikalismus wird zudem ignoriert. Auch, dass der “War against Terror” in diesem Zusammenhang zwar im Rahmen der “Sicherheitsmaßnahmen” Erwähnung findet, aber nicht als systematischer Abbau der Bürgerrechte, wird ebenso wenig analysiert wird der “Clash of Civilisations”, eben diese Doktrin “des Westens”, der ganze Begriffsfelder – Imperialismus z.B., bei Hannah Arendt noch zentrales Element totalitärer Bewegungen – so verdreht hat, dass sie kaum noch verwendbar sind, und das ja tatsächlich im Rahmen einer gezielten Strategie der Durchsetzung ökonomischer Interessen.

Auch in der Frage des Antisemitismus ist es gelungen, das, was Völkische betrieben haben, der Analyse zu entziehen, um sich daraufhin für Israel, aber nicht mehr sonderlich für Juden zu interessieren. Das gehört alles in das Thema mit rein, weil das zum Teil ja von Think Thanks erdacht wurde, Daniel Pipes und solchen und Zeitungen wie DIE WELT hier als Dreckschleudern fungieren.

Zudem ist das, was in der Bankenkrise offenbar wurde, dass der Neoliberalismus eben keineswegs eine Konkurrenz aller gegen alle ist, sondern ein staatliches Umverteilen von unten nach oben, und die oben haben Konkurrenz nicht nötig, unzureichend erwähnt. Scheint aber auch von 2009 zu sein, da war das ja noch recht frisch.
Was dann alles zu diesen Merkwürdigkeiten führt, dass zwar alle gegen Nazis sind, aber keiner FÜR PoC, Schwule, Lesben, Frauen oder Deklassierte. Aber: Trotz aller Einwände ein sehr lesenwerter Text!
Ergänzend ist auch dieser Text zu empfehlen, gleich zwei mal was richtig Gutes dort drüben, weil Demographie als Mittel der sozialpolitischen Demagogie nun sowohl von Sarrazin als auch von Schwulenhassern in christlichen Kirchen und Unionsparteien verbreitet allerorten Gewalt sät. Denn es werden Menschen für dysfunktional erklärt, unnütz und überflüssig im Sinne einer utilitaristischen Doktrin. Das ist ein Abschied von der an Individualrechten orientierten Verfassung, und darum geht es ja an allen Fronten. “Unnütze Esser” braucht man sich da nur hinzu zu denken.
Dass all das dazu dient, nun lieber über Familien als über makroökonomische Vorgänge zu reden, ja, klar. Die ganze neoliberale Doktrin verschleiert, worum es ihr eigentlich geht: Freiheit abschaffen.
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