Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Liebe

“Ich sehe aus dem Augenwinkel nur ein hellblaues Trikot reinfliegen und plötzlich war es unfassbar laut.” – Florian Bruns

Von hinten erzählen? Vorne anfangen? Mitten rein springen?

Vorgeschichten ausmalen – wie schön es z.B. ist, in dieser traumhaften Stadt zu leben, trotz allem, trotz Neumann, Scholz, Gentrifzierung? Wie gut es sich anfühlt, an arschkalten Frühlingsabenden durch den Park der Abendsonne entgegen zu gehen, in Erwartung dessen, die Boys in Brown gleich auf dem Platz zu sehen, vertraute Menschen in und um das Stadion zu treffen, wenn das Bier schmeckt und die Seele braun-weiß lacht?

Klar, bin auch kein potenzielles Opfer von Racial Profiling, nicht von Abschiebung bedroht – erinnere mich aber gut daran, wie einst, als ich noch in dem Alter und der Form war, da man Erfolge auf dem Fleischmarkt feierte, mich drei bis vier mal umsah, bevor ich mit dem jeweiligen Typen los knutschte auf offener Straße.

Weil man ja zumindest ahnen konnte, wer darauf gewalttätig reagieren könnte …

Nun sehe ich manchmal deutschtürkische Jungs Händchen halten durch die Wallanlagen streifen. Und freue mich dann. Ja, ist “nur” Freundschaft zwischen denen, aber nicht umsonst formulierte Michel Foucault einst in vielen Interviews, dass sich als schwul erfinden als Freundschaft zu anderen Männern verstanden werden  könnte – durchaus in Abgrenzung zu oft von sexistischen Hierarchien und Role-Models durchdrungenen, heterosexuellen Beziehungen. Und auch deshalb: Unbedingt lesen, den Text!

Weil ich auch manchmal das Gefühl habe, dass Homo-Ehe für manche Heterosexuelle auch deshalb so befürwortenswert ist, weil man sich deren Lebensformen damit anähnelt. Was ich nie gewollt hätte. Bin ja trotzdem für die rechtliche Gleichstellung, fand aber das Abenteuer, in jeder Konstellation erst mal entdecken zu müssen, Mehr von diesem Artikel lesen

Poesie, Eros, Drama: Millerntor! Bruuuuuuuuuuns!

Die augenzwinkernde Poesiewerdung des FC St. Pauli:

“Wenn im Wald die Hölle los ist, wenn Bäume beben, das Blätterdach wackelt und selbst der Wurmfarn vor Frühlingsgefühlen platzt, wenn zottelige Gestalten ihr Glück in den Himmel röhren oder ineinander verkeilt den Euphorieüberschuss austanzen – dann weiß der Förster: Es ist wieder Brunszeit.”

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Okay, der Gegengeraden-Gerd ist ja eh Sprachkünstler. Meine Verehrung!

Aber selbst die Mopo, ausnahmsweise verlinkt, müht sich auf einmal  im Ringen um den bildhaften Ausdruck:

“der Rest waren ausflippende Zuschauer, am Boden kauernde Gäste und eine Jubeltraube in mehreren Metern Höhe auf dem Schützen.”

Ohne “der Rest war” hätte aus dem Satz wirklich was werden können! Dranbleiben, Mopo!

Als Meister der Verdichtung erweist sich Fabian Boll (dem Hamburger Abendblatt vom 9.3. 2013 gegenüber):

“Platz umpflügen, grätschen, wo sich was bewegt.”

Beinahe ein fernes Echo der Lyrik August Stramms meint der Hörer da zu erlauschen.

Ja, das ganze Regensburger Forum mag sich verpfiffen fühlen Mehr von diesem Artikel lesen

Liebe Mannschaft des FC St. Pauli, …

… hier ein paar Affirmationen und Übungen für das nächste Spiel:

 

- Grübelt nicht über das, was schief ging, stellt euch stattdessen bildlich vor, was ihr wollt! Den Weg dahin zeigt euch das Leben, ihr müsst nur aufmerksam und achtsam sein und könnt vertrauensvoll folgen.

- Der Verstand und quälende innere Stimmen sind wie kleine Kinder, die vor sich hin brabbeln. Ignoriert sie und genießt eure pure Körperlichkeit selbst dann, wenn die Gelenke kreischen und die Wade zwickt! Ihr habt die Power!

- Ignoriert Angstschreie und Empörungslaute auf Tribünen, befürchtet niemals, euch zu blamieren, denkt nicht über Kritik nach und schon gar nicht darüber, was Trainer, Journalisten, das Publikum oder irgendwelche Talentscouts von euch halten könntet!

- Fühlt euch ein in die Vorstellung ein, wie gigantisch es sich anfühlt, ein Tor zu schießen! Spürt es, erlebt es, morgens nach dem Aufstehen, abends vor dem Einschlafen, spielt es durch und empfindet dabei Triumph und Freude! Und dass ihr das immer wieder erleben wollt!

- Stellt euch den gigantischen Jubel nach einem Heimsieg über Frankfurt bildlich vor und auch, was ihr dabei empfinden werdet!

- Geht davon aus, dass der Ball sowieso rein geht in das gegnerische Tor und ihr von daher jederzeit einfach so abschließen könnt!

- Imaginiert den direkt verwandelten Freistoß, den genialen Pass in die Gasse, den Ball in den hohen Winkel, aber folgt eurem INNEREN SPIEL und nicht dem, was Andere sehen könnten! Bleibt ganz bei euch selbst!

- Genießt die ungeheure Präzision eurer Pässe auch dann, wenn gerade einer daneben geht, weil der nächste ja zum Tor führen wird, das euren Vorsprung noch ausbaut! Einem Tor für den FC St. PaulI!!! Der Gegner schießt eh nur daneben.

- Seid euch sicher, dass ihr so oder so geliebt werdet, komme, was da wolle!

- Denkt an die tollsten Geschenke, die ihr in eurem Leben erhalten habt, und wie gut man sich fühlen würde, wenn man Anderen auch so ein Geschenk bereiten könnte – und schenkt es dem Publikum!

- Konzentriert euch auf das Spiel, nicht das Ergebnis. Wie cool es sich anfühlt, über den Rasen zu laufen, wie großartig es ist, im Team etwas auf die Beine zu stellen!  Was für einen Hammerspaß dieses Spiel macht, wie geil es ist, ganz und gar solidarisch mit den Mitspielern an einem Strang zu ziehen, wie Emotionen Purzelbäume schlagen können, wenn jeder jedem hilft und dass deshalb kein Fehler schlimm ist, weil dieser jederzeit aufgefangen wird!

- Beabsichtigt einfach, zu gewinnen, um das Wie kümmert sich das Leben selbst und schickt euch einen unerschöpflichen Vorrat an Ideen und Inspirationen, aus dem ihr 90 Minuten schöpfen könnt!

 

Dann dürfte am Freitag eigentlich nichts schief gehen ;)

 

 

 

 

 

 

 

 

Borniert, ignorant und faul: Denis Scheck und wie er und andere Kunst ermeucheln wollen

Nein, das ist KEINE reine Schmähkritik. Ich werde begründen.

Das geradezu Verblüffende an der “Performance” des institutionell bestens abgesicherten Denis Scheck ist ja dessen offenkundige, vielleicht unbewusste Verachtung dessen, was Kunst sein könnte. Auch deshalb ist dieses Stoßen ins Horn der Neuen Rechten nunmehr auf der Seite der gebührenfinanzierten ARD so entlarvend:

“Die Sprache der Literatur lebt ja gerade davon, dass sie sich nicht in das Korsett des “politisch-korrekten” Sprachgebrauchs begibt, was der Diskurs im öffentlichen Raum auf oft bedenkliche Weise unnötig tut.”

Das ist Beleg 1 für borniertes, faules Kunstbanausentum: Wenn man schon die PC-Keule zum Mundtotmachen schwingt, sollte einem klar sein, dass “Political Correctness” von Anbeginn an ein Kampfbegriff der Politischen Rechten in den USA war. Gegen Stonewall, gegen die Bürgerrechtsbewegung und Black Panther und gegen den Feminismus für die Restauration zu kämpfen – und somit gegen PoC, gegen Frauen, gegen Lesben, gegen Schwule -, das war sein Zweck. Dass man nun ständig in die Rolle des PC-Verfechters gedrängt wird, um homophobe, sexistische und rassistische Quälereien abzuwehren, ist leider Teil der Strategie der Kunstverhinderung. Kunst geht mit Sprache ja kreativ um, also konträr zu den Forderungen Denis Schecks in diesem Fall. Kaum jemand inszeniert Shakespeare so wie zu Shakespeares Zeiten. Zensur?

Und man muss viel häufiger versuchen, die Begriffe der ganzen PC kritisierenden Dominanzverteidiger einfach hinter sich zu lassen, will man den Anforderungen dessen, was Kunst kann, gerecht werden.

Wäre Herr Scheck ein auch weiterhin ernst zu nehmender Literaturkritiker, würde er diesen Zusammenhang reflektieren und ganz im Sinne der Kunst nach Wegen suchen, den Kanon und die Tradition zeitgemäß und produktiv sich anzueignen, anstatt aktiv zu mummifizieren. “Politcal Correctness” als zu Kritisierendes und das sich vermeindlich dagegen Behaupten  ist eine Strategie, Rassismus, Homophobie und Sexismus zu bewahren. In welche künstlerischen Formen nunmehr eine Thematisierung eben genau dessen zu überführen wäre, auf der Bühne, in der Literatur, der Musik, der bildenden Kunst, und auch, von wem und in welchen institutionellen Ordnungen, DAS ist doch die Frage, wenn einem denn wirklich an der Kunst gelegen ist.

Nein, stattdessen will Dennis Scheck konservieren – das ist der Tod der Kunst und nichts weiter als die Verteidigung einer rassistischen Ordnung.

Nun ausgerechnet Herrn Wildgruber und nicht zum Beispiel den Film von Spike Lee zu diesem Thema anzuführen zeigt: Das ist ein Köcheln in der immer gleichen, weißen Sauce. Man kann sich auch den Katolog zu einer ganz und gar verunglückten Ausstellung zu “Zwischen Charleston und Stechschritt: Schwarze im Nationalsozialismus”, Peter Martin und Christine Alonzo (Hg.), Hamburg/München 2004 heran ziehen – Journalisten recherchieren ja eigentlich, nicht so Denis Scheck und seine Redaktion in diesem Fall – und zweierlei daraus lernen: Zum einen, wie ungeheuer problematisch es ist, einfach nur plump abzubilden, welche  Rassismen bereits in den 20er Jahren (und davor natürlich nicht minder) ungeheuer krass erblühten. Zum allgemeinen, weißen Gelächter, ich zitiere die Worte nicht, die da zu finden sind.

Das Dokumentieren kann man noch als Kunstform betrachten, das simple Abbilden ist es nicht, das reproduziert nur – insofern hat es gegen ein ungebrochenes Aufhängen extremst rassistischer Darstellungen einen durch und durch berechtigten Aufschrei gegeben im Falle der Ausstellung. Ursprünglich hieß sie “Besonderes Kennzeichen N …”, wie das gerne geschieht, wenn lustvoll aus weißen, deutschen Münden das N-Wort kriecht wie Würmer aus einer Wasserleiche da, wo vermeintlich “gut gemeint” die eigene Geschichte, aber nicht die Schwarzer in Deutschland, thematisiert wird. Der Buchtitel des Kataloges erfuhr so drum bereits eine Überarbeitung, angesichts derer wieder viele sachwidrig von “Zensur” krakelen würden.

Klappt man den Kataolog auf, folgen Wochen der Fassungslosigkeit angesichts der ungeheuren Brutalität Weißer, wenn es um die Darstellung von Schwarzen ging. Nichtsdestotrotz räumt diese Materialsammlung mit der Vorstellung auf, “Blackface” sei lediglich eine im US-Kontext relevante Praxis. Nein, eben nicht, da braucht man sich nur die Tradition reaktionärer Karnevalsvereine anschauen, in die Dennis Scheck sich ungebrochen einreiht. Literaturkritik als Büttenrede. Und eine schlechte noch dazu.

Das müsste jedem Kulturjournalisten, der nicht wie die “Druckfrisch”-Redaktion und Herr Scheck mit Scheuklappen ignorant durch die Kulturwelt läuft, auch alles bekannt sein. Es wurde rund um die Inszenierung am Schlossparktheater nun wirklich genug Wissen bereit gestellt und großflächig informiert, welche deutschen Traditionen es gibt. Diesen Diskussionsstand nicht zur Kenntnis zu nehmen, das ist nicht zuletzt schlechter Journalismus. Da braucht man nur mal kurz zu googeln, und schon würde klar, dass diese beleidigende Verquatschheit, mit der Scheck sich des Themas annimmt, nichts anderes als eine Zementierung von Machtverhältnissen ist.

Das Vermitteln von Informationen über Ulrich Wildgruber hinaus, somit das Vetraute hinter sich zu lassen ist  ja gerade Sujet in der Kunst, die, wenn sie gut ist, der Macht das Werk entgegen setzt. Und die Anschlussfrage ist jene, welche Form denn angemessen sind, um das zu erreichen.

Denis Scheck, ganz machtbewusst, will solche Fragen offenkundig verbieten und zensieren, spricht er von “Sprachexorzismus” – große Literaten und Literaturkritiker weichen der Aufgabe nicht wie Scheck durch Sprücheklopfen aus, sondern suchen Wege, sich ihr zu stellen.

Es ist dieses die Weigerung, die Herausforderung anzunehmen, Kunst jenseits existenter gesellschaftlicher und somit auch institutioneller Ordnungen wirklich mutig und Neuland betretend zu denken und zu betreiben und somit eine Attacke Schecks auf das, was sie immer schon am Leben hielt.

Diese unglaubliche Feigheit derer, die sie gerade als mutig inszenieren, während sie Schwarze herab würdigen, zeigt sich auch in der mangelnden Reflektion auf die eigene Praxis und somit die institutionellen Ordnungen, in denen Kunst historisch wie gegenwärtig situiert ist.

Ein prägnantes Beispiel: In den 50er Jahren fuhren schwarze und weiße Musiker gemeinsam auf Jazz-Tournee. Dave Brubeck und Gary Mulligan saßen in Eisenbahnen in der ersten Klasse für die Weißen, Miles Davis und John Coltrane in der dritten für die Schwarzen. Die treibenden Kräfte für die Jazz-Entwicklung waren freilich die schwarzen Künstler. Da sie sich als Virtuosen ihres Fachs mit der Situation konfrontiert sahen, dass sie als schlecht bezahlte Kräfte, steter Herabwürdigung ausgesetzt, durchschlagen mussten, während Orchestermusiker in der Metropolitan-Oper meines Wissens ganz gut leben konnten. So setzten sie sich aus der Perspektive der Marginaliserten mit dem, was als “weiße Hochkultur” galt, auseinander. Miles Davis war einerseits genervt, im Konservatorium den ganzen “weißen Scheiß” gelehrt zu bekommen und warf zugleich älteren Kollegen wie Coleman Hawkins vor, sich nicht mit den Symphonien und Partituren der Großen auseinander zu setzen. Um diese übersteigend und kombiniert mit eigenem Material zu toppen. Aus diesem Zwiespalt entstand eine produktive Auseinandersetzung mit Debussy, Rachmnaninow einerseits und dem Blues, mit Count Basie, Charlie Parker und Duke Ellington, auch Folk andererseits. Dizzy Gilespie gab in seinen Augen zu sehr den Clown für Weiße, er selbst spielte lieber mit dem Rücken zum weißen Publikum, bot keine Show, auf dass die wirklich der Musik lauschten.

Das sind die sozialen Konstellation, in denen wirklich große Kunst entsteht. Im Übergang vom eher an Akkorden orientierten Improvisieren eines Charlie Parker zum “modalen System”, das sich eher an Skalen und Tonleitern nicht nur “westlicher” Zusammenhängen orientierte, wurde ein epochales Werk wie “Kind of Blue” geboren. Das kann man alles nachlesen bei Ashley Kahn, “Kind of Blue – Die Entstehung eines Meisterwerkes”, Berlin 2000 – und es ist anzunehmen, dass ein Denis Scheck davon auch irgendetwas mit bekommen haben wird, immerhin hat er meines Wissens in den USA studiert und auch als Übersetzer aus dem Amerikanischen gearbeitet.

Vielleicht ist ihm auch einfach der Schreck in die Glieder gefahren, dort erlebt zu haben, wie weiße Dominanz und weiße Deutungshoheit aufgrund der deutlich überlegenen Kreativität und Produktivität aus den Black Communities ins Wanken geriet. Und das mag ja der weiße Bildungsbürger gar nicht, wenn ihm nun ausgerechnet ein Schwarzer was über Kunst erzählt – und als Antwort bleibt doch nur die feige Häme, weil das Potenzial, sich damit wirklich auseinander zu setzen, offenkundig nicht gegeben ist. Seine jämmerliche Performance ist einfach Zeichen der Angst, sich eines Tages nicht mehr so problemlos als Oberschlaumeier im Fernsehen inszenieren zu können. Weil das eigene kulturelle Kapital zu karg ist angesichts eines erweiterten Horizonts der Möglichkeiten.

Und das Ganze in einem gesellschaftlichen Feld, dem Fernsehen, wo redigiert und unterdrückt wird wie sonst nirgends. Ach, doch, in Großverlagen. Möchte den freien Autor sehen, der Herr diLorenzo “Zensur” vorwirft, wenn der Themen vor gibt und Texte redigiert.

Das ist geradezu lächerlich ist, dass nun in solchen Institutionen aktive Protagonisten sich als Vorkämpfer der Kunstfreiheit gebährden. Wo alles Avancierte wenn überhaupt in den Randbereichen von ARTE und 3Sat noch Raum findet und ansonsten eine sozialpädagogische Biederseeligkeit à la Tatort oder aber fortwährende Skandaliserungs- und Demütigungsorgie à la Dschungelcamp statt findet. Wo formatiert wird, bis alle kotzen und der Quotendruck die wirkungsvollste Art der Zensur darstellt wie auch der Fernsehrat, in dem unter anderem die Kirchen mit regieren. DA findet Einwirkung auf Produkte der Kulturindustrie statt, großkotzig, zynisch und zensierend. Es kann ja mal wer versuchen, dem HR Kunst zu verkaufen. Das Gelächter und Gelästere, das als Antwort aufbricht, wird sich kaum wer antun wollen.

Die institutionelle Ordnung halt, die Parade-Bildungsbürger wie Denis Scheck (oder mich, aber bitte nicht zu schwul) hochspült, den Marginalierten aber den Zugang versperrt – siehe Miles Davis – und zudem historisch auch noch im Kolonialismus gründet.

Ein gutes Beispiel ist die Familie Laeisz, die die Hamburger Musikhalle stiftete. Einer dieser Orte, wo sich Weiße die vermeindliche Überlegenheit ihrer “Kultur” wechselseitig vorführen. Diese Sippe  ist reich geworden mit dem Salpeterhandel, vornehmlich mit Chile. Was rund um die heute im Netz verklärten “Salpterfahrten”, die letzten Segler, vor Ort im postkolonialen Chile abspielte, das kann man hier nach lesen (unbedingt ganz):

“Die Salpeterarbeiter waren nach Iquique gekommen, um ihren Forderungen nach 
Gehaltserhoehung, menschenwuerdiger Behandlung und Gewaehrung einer 
Mittagspause Gewicht zu verleihen. Mit dem ,,Hungermarsch der 
Salpeterarbeiter” aus den Salpeterminen nach Iquique waren die Streikenden 
dem Ruf der Behoerden, die sie nach der Hafenstadt zitiert hatten, gefolgt. 
In Iquique erwarteten sie Heerestruppen und Marineeinheiten. Das Erdreich 
des geraeumigen Innenhofes der Schule Santa Maria war vom Blut der 
Massakrierten so sehr getraenkt, dass nichts darauf wachsen wollte. Erst 
nachdem das Erdreich einen halben Meter tief abgetragen und durch frische 
Erde ersetzt worden war, konnten Gras, Blumen und Unkraut wieder gedeihen. 
Die Salpetermagnaten britischer und chilenischer Provenienz luden den 
Praesidenten der Republik, Pedro Montt, nach der,,Niederschlagung” des 
Streiks zur Besichtigung der Salpeterminen und zu rauschenden Banketten ein.”

Damit wurde in Hamburg Kunst finanziert.

Herr Scheck könnte all das wissen, und die Druckfrisch-Redaktion auch. Aber sie sind zu borniert, zu ignorant und zu faul, sich mit Kunst mal ernsthaft auseinander zu setzen, und verteidigen stattdessen lieber mit Inszenierungen ganz in der Tradition des Präfaschismus – Belege finden sich dem oben erwähnten Ausstellungskatolog zuhauf, aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts – N-Worte in Kinderbüchern. So bewirken sie den Tod der Kunst.

PS: Eigentlich geht es im Hintergrund um eine unter Weißen intensiv seit dem späten 19. Jahrhundert, zugleich der Hochzeit des Kolonialismus wie auch der An- und Enteignung von Kunstformen der Kolonisierten in der bildenden Kunst (“Les Fauves”, die Masken in Picassos “Demoiselles d’Avignon”), geführte Diskussion, nämlich jene um die Autonomie des Kunstwerks insbesondere von dem, was unter Moral verstanden wurde.

Das ist eine natürlich hoch spannende Diskussion, die durch solche platten Interventionen wie jener Dennis Schecks aber gerade unterbunden wird. Weil der Focus rassistisch, im Sinne der White Supremacy, verschoben wird und somit in den Raum sozialer Kämpfe um Dominanz. Das eingehender zu diskutieren erfordert freilich noch viele, andere Texte.

Mal kurz was zu “Zensur”

Es sei einfach mal ein nicht unbedeutendes Beispiel genannt:

“Mit der Rheinischen Zeitung hatten es die Zensoren besonders schwer, denn deren Journalisten waren sprachlich und juristisch sehr geschickt, ihre Botschaft in scheinbar harmlosen Texten zu verstecken. Die Leser waren wegen der strengen Zensur gewohnt, zwischen den Zeilen zu lesen. Manchmal fiel der gesamte Inlandteil der Zensur zum Opfer. So stand der “Französische Artikel” (der Anfang des Auslandteils) an erster Stelle und es musste zu einem Druck mit größerem Zeilenabstand gegriffen werden. Das behagte der Regierung nicht immer, weil die Gewalt der Zensur auch nicht zu offensichtlich sein durfte. Der Zensor Saint-Paul, der während der letzten zwei Monate für die Rheinische Zeitung zuständig war, praktizierte nach eigenen Angaben eine besondere Art der Zensur: Damit sich die Zeitung selber unbeliebt machen würde, verschonte er wissenschaftlich komplizierte Abhandlungen und Kritik an den Katholiken und an anderen Zeitungen von seiner Zensur.”

Es ließen sich andere “Vorgänge” aus dem Stalinismus, der DDR, südamerikanischen Diktaturen oder der McCarthy-Ära nennen. Pointe ist: Es gab da Staaten oder staatenähnliche Gebilde, die Menschen in den Gulag verfrachteten oder in Bautzen einsperrten, die sie folterten, unter Hausarrest stellten oder ausbürgerten. Die mit eindeutigen und nachhaltig wirksamen Zwangsbefugnissen ausgestattet Menschen zerstörten. Oder sie erst gar nicht leben ließen, was sie wollten: Die CDU weigert sich bis heute, die Opfer des §175 zu rehabilitieren. Der allseits gefeierte Papst war Chef der Inquisition. Mal davon gehört, was deren Historie war? Spanische Stiefel und so? Der hat auch die lateinamerikanische Befreiungstheologie platt gemacht.

In der DDR gab es beispielsweise die “Grünen Elefanten” – man baute z.B. in einen Songtext eine auffällig kritische Passage ein, um eine andere, nicht ganz so auffällige vielleicht durchzubekommen.

Jeder, der in den Medien arbeitet oder im universitären Kontext lehrt und veröffentlicht, weiß um die weichen Formen dessen, um sich ernähren zu können, weil man ja arbeiten gehen muss.Und weiß, dass man keine Aufträge bekommt oder nicht den Lehrauftrag, fügt man sich nicht in weiße, heterosexuelle und männliche Üblichkeiten und zudem noch denen einer Rationalität, die verdinglicht. Das ganze Fernsehprogramm folgt der Maxime “Möglichst keine Schwulen am Nachmittag, und PoC kommen wenn überhaupt nur zu Worte, wenn ein weißer Experte sie flankiert – es sei denn, sie reden über Musik oder kritisieren den Islam”.

Es ist in der bundesrepublikanischen Geschichtsschreibung auch unüblich, das KPD-Verbot in den 50ern unter “Zensur” zu verbuchen, die Berufsverbotspraktik der 70er Jahre oder den Fall Brückner.

Nun wären mir keine persönlichen Konsequenzen für Astrid Lindgren oder Ottfried Preussler bekannt, die von der “Gedankenpolizei” gegen sie ausgingen (Achtung, der verlinkte Text enthält ausgeschriebene N- und Z-Wörter, ist aber ansonsten derart köstlich und treffend, dass man ihn zitieren MUSS:)

“Gedankenpolizei: Sagenumwobener geheimer Arm der →Sprachpolizei. Obwohl noch nie gesehen und obwohl es unklar ist, wie sie operiert, gibt es keine Zweifel an deren Existenz. Einige vermuten, dass sich dieser Spezialtrupp erst in Ausbildung befindet und in der →Zukunft zum Einsatz kommen soll.”

“Sprachhygiene”, “Ende der Literatur”: Die Slogans sind ja gewaltig, die als Angstlustschrei aus weißen wie auch Kanack-Attack-Kehlen dringen.

Dabei ist der Unterschied zu denen, die mit “Grünen Elefanten” arbeiteten, doch offenkundig: Letztere wandten sich gegen tatsächlich Mächtige. Während das so unendlich Unangenehme bei den ganzen Leuten, die Rassismus für Kunst halten und ihn gar ganz unverblümt einfordern ist, dass sie sich einfach nur an die eh schon Herrschenden ran wanzen, so unter sich.

Eben an das weiße, heterosexuelle, männliche Dominanzschema, das im Literaturbetrieb, an Universitäten, in Massenmedien sowieso regiert.

Es ist ein so maßlos billiger Trick, nun ständig die Übermacht und Reglementierungsbefugnis von Leuten herbei zu imaginieren, die abgeschoben werden und Racial Profiling ausgesetzt sind, die keine Chance auf bestimmte Jobs haben, die außer Alice Schwarzer so gut wie gar nicht auftauchen, aber als “Feminazis” angeblich ein Horror-Regime wie jenes der chinesischen Kulturrevolution etabliert haben. Oder die von der größten Regierungspartei fortwährend verfassungswidrig Rechte aberkannt bekommen. Das eint Schwule, Lesben und Hartz IV-Empfänger. Jene im Abschiebeknast oder die, die im Mittelmeer ertrinken, trifft es am härtesten.

Das ist alles so Mario Barth: In Deutschland lacht man ja nicht über Satire. Die reibt sich nämlich an denen, die was zu bestimmen und verfügen haben. Nee, denen kriecht man in den Arsch und feiert sie auf dem Boulevard – bis sie ihre Macht schon verloren haben. Dann tritt man rein mit sadistischer Wucht und unverhohlener Frauenfeindlichkeit wie im Falle Bettina Wulffs..

Aber so genannte “Randgruppen” zu erniedrigen, fortwährend,  das gilt als wahnsinnig komisch, es lebe der Polenwitz, was war der Schmidt doch sophisticated, HARHARHAR – und das Ganze noch als Menschenrecht zu behaupten ist die bittere Pointe. Um es noch mit diesen typisch deutschen Sprüchen “Jede Minderheit hat ein Recht darauf, dass man sich über sie lustig macht”, zu garnieren. Sehr witzig. Mach Dich mal über die Mehrheit lustig und warte ab, was dann passiert …

Und dann liest man prototypisch bei Facebook, dass mit dieser “Sprachpolizei” zu kommunizieren ja sei, wie mit Nazis zu reden.

Ein wenig historische Aufklärung: Die realen Nazis zwangssterilsierten die so genannten “Rheinlandbastarde” unter lustvoller Verwendung des N-Wortes, ergänzt durch “Rassenschande”. Das ist der Sprachgebrauch der KZ-Wärter, der hier zur Disposition steht. “Die schwarze Schmach” war allerdings auch ein Slogan in den 20er Jahren.

Zensur? Breiten Bevölkerungsschichten war es verwehrt, ihre eigene Sprache zu sprechen – die Kolonisatoren verboten es ihnen. Die Nachfahren der Maya sind drum begeistert dabei, sie nun wiederzuentdecken. Cassius Clay nannte sich Muhammed Ali, weil er keinen Sklavennamen tragen wollte. Sklaven, denen es lange Zeit tatsächlich verboten war – die Strafen waren keine minimalen Änderungen in einem Buch, sondern weit drastischere, auf den Plantagen Schimmelmanns, nur einer von vielen dergleichen, denen Hamburg seinen Wohlstand verdankt, wurde Flüchtigen kurzerhand das Bein abgehackt – ZU SCHREIBEN. Selbst, ob man die mittels N… Verunglimpften überhaupt lesen lassen sollte, war hochumstritten.

Und da krakelen irgendwelche Kartoffeln von ZENSUR? Ihr habt sie doch nicht alle beisammen.

Es gab ja durchaus durchgängig scheiternde Versuche, ähnlich wie im Falle von “schwul” eine Positivumwertung des N-Wortes vorzunehmen. Mal ab davon, dass man nur auf Schulhöfe zu lauschen braucht, wie nachhaltig dieser Versuch im Falle von “schwul” wirkte – was für Protagonisten das waren, das kann man hier nach lesen. Der Unterschied ums Ganze ist halt, dass von den Rassismus Betroffenen SELBST diese Versuche unternommen wurden und das Wort einen fundamentalen Bedeutungswandel erfährt, je nachdem, von wem es verwendet wird, von einem Markierten oder einem Unmarkierten. Begriffe, für es kein Äquivalent mit ähnlicher Konnotation für das jeweilige Gegenstück – “weiß” -gibt, sind immer, mal harmlos geschrieben, “Othering”. Die Abweichung von der machtvollen Norm wird bennant. Es gibt keine Äquivalente für “Schwuchtel”, auf Heterosexuelle bezogen, im allgemeinen Sprachgebrauch. Habe noch keine 15jährigen auf der Straße “Scheißhete” schimpfen hören. Die sagen “F …”. Oder “Schwuchtel”.

Und der Unterschied ist zudem der, dass z.B. die Auseinandersetzung Frantz Fanons mit dem Thema hier eben NICHT jedem 14-jährigen in die Hände gedrückt wird, der zuvor “Die kleine Hexe” vorgelesen bekam. Dessen “Schwarze Haut, weiße Masken” wird noch nicht mal mehr auf deutsch verlegt, dabei erzählt schon der Titel eine wichtigere Geschichte als all die Traktate im Feuilleton derzeit. Es wird wieder annähernd durchgängig unter Weißen gequatscht oder aber deren Perspektive eingenommen. KEIN Rekurs auf eine nun auch seit der Harlem-Renaissance und “Dekolonisierung” höchst vitalen Tradition. Kennt hier jemand James Baldwin? Wegen Westbindung und so?

Um all die PoC, die was zu dem Thema zu sagen haben, wegzuzensieren. Die lässt man nämlich keine Leitartikel schreiben. Die müssen ihr Geld anders verdienen, und wenn sie Glück haben, dürfen sie eine Pop-Show moderieren.

Manche – “wo kämen wir denn da hin?” – kommen immer mit dem “dann kann man ja gar nichts mehr sagen” um die Ecke, wenn sie z.B. von “Hirnamputierten” schreiben und man darauf verweist. Der ganze Ableismus in der Sprache ist ja auch wenig diskutiert, und Hirnamputationen nahm man an Schwulen vor, die wurden nämlich lobotomiert.

Kann ja vielleicht gar nicht schaden, das mal fest zu stellen, in was für einer Welt man sich bewegt und vorübergehend zu verstummen. Sprache ist eben nicht neutral, in ihr bilden sich gesellschaftliche Verhältnisse ab – Hierarchien, Machtkonfigurationen, Abwertungen. Auch wenn viele das nicht wahr haben wollen.

Gute Literatur bricht und reflektiert das, macht es zum Thema. Da fängt sie an. Da hört sie nicht etwa auf.

Die Saxophon-Dialoge, Teil 3 (mit Bezügen zur “Kleine Hexe”-Diskussion)

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Ist es eine Entsolidarisierung, wenn ich vorschlage, doch lieber Jazz zu hören, als Fleischauer die Aufmerksamkeit zu schenken, mit der er sein Geld verdient? Weil er ja so lustig “provoziert”, wie neulich ein Freund beim Mittagessen behauptete? Linke ärgern, darauf ist er ja fixiert, der Herr, der “Unter Linken” schrieb, wie auch Broder, diLorenzo und all die anderen Journalistendarsteller, die Meinung mit Recherche verwechseln.

Natürlich gehört das zum Schema, dass eine Diskussion über rassistisches, gewalthaltiges Vokabular wieder unter und im Bezug auf Weiße geführt wird und damit das, worum es auch geht, gekonnt ignoriert wird: Dass eben dieses Vokabular auch bei POC-Kindern sehr viel bewirkt diesen beibringt, wie sie fortan behandelt werden – ganz wie jedes “Schwuchtel” auf dem Schulhof mich lehrte, was ich zu erwarten habe, auf dass ich mich lieber versteckte. Ich konnte das. Ein Privileg.

Neulich guckte ich mit meinem schwarzen Kompagnon mal wieder nebenbei Fussball – ein kleiner PoC-Spieler erwies sich als irrwitzig schneller Flügelsprinter. Mein Kompagnon lachte bitter,

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Auch noch mal hier: Hört lieber Jazz, als in DIE ZEIT oder bei SpOn zu lesen!

Ich meinerseits habe aktuell echt ein Problem, mich noch mit diesen ganzen “meinungsführenden” Heinis irgendwie schriftlich auseinanderzusetzen. Solche, die sich reihenweise als auch nur welche, an denen man sich produktiv abarbeiten kann, disqualifizieren. Solche, die einfach nur mächtig und machtbewusst Unsinn daher schwadronieren, um Andere ganz im Sinne des Sadismus des Autoritären Charakters herabwürdigen zu können.

Es kann mir auch keiner erzählen, dass die diLorenzos, die Massen durchgeknallter Antifa-Kids, Ex-Autonomer, Tsianos, Roenicke, Außenminister des Vatikan nicht selbst genau wissen, dass ihre ganzen Rassismus- und Homophobie-Legitimationsdiskurse obsolet sind und sie die Gegenargumente nicht in und auswendig kennen würden.

Das mag vielleicht bei irgendwelchen hirngewaschenen, vermeintlich Unpolitischen in Fankurven noch so sein, dass ihnen keiner Angebote machte, mal ein klein wenig vom eigenen Erfahrungshorizont zu abstrahieren und zu respektieren, dass Andere auch andere Erfahrungen machen als sie selbst.

Aber nicht bei diLorenzo, Fleischhauer oder Hacke. Das sind einfach solche, die es schon auf dem Schulhof witzig fanden, den Dicken oder den Brillenträger zu hänseln, weil die so lustig heulten, wenn sie ordentlich gemein wurden, und die wider besseren Wissens dann diese ganzen boshaften und erniedrigenden Pamphlete auch noch als “kritischen Journalismus” behaupten.

Gedankenlosigkeit, die totale Befreiung von jeglicher Emphatie, als “Humor” getarnter, menschenverachtender Zynismus – eben alles sehr, sehr deutsch. Shehadistan hatte Recht, auf den Faschismushintergrund zu verweisen.

Um so großartiger die nicht verebbende Mühe des Mädchenmannschafts-Teams, sich damit auseinanderzusetzen. Danke!!!

Ich freue mich meinerseits über das Zeitungssterben, wünsche SpOn den baldigen Konkurs und diLorenzo die Notwendigkeit, irgendwann Friede Springer allsonntäglich vollschleimen zu müssen.

Gestraft genug ist ja eh schon; wer so denkt und so lebt wie diese Typen hat eben auch nicht viel vom Leben, sondern simuliert es allenfalls. Weil es in diesen Biographien den Anderen nicht gibt, sondern nur den Rekurs auf Sätze, Regeln und Auflagen. Arme Schweine halt.

Die Saxophon-Dialoge – Teil 2

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Die Unterlippe schmerzt wohlig.

Ich habe geübt – gespeicherte Körpererfahrung, dieses Unterlippengefühl, das leicht Wunde, das sich dennoch anfühlt, als habe man an guten Saxophon-Dialogen gearbeitet.

Vom “modernen Ansatz” habe ich gerade vor Kurzem erstmals gehört! Trotz 4 Jahren Unterrichts. Damals, als es noch kein Internet gab. Und ich Stunden neben dem Festnetztelefon verbrachte, auf Dieters Anruf wartend.

War halt auch Klarinettenlehrer, der meine einst. Immerhin Profi-Musiker, Blasorchester, Big Band. Irgendwo zwischen Swing und Klassik beheimatet. Solche lehrten den “klassischen Ansatz”.

Ein karger Klassenraum in einer Realschule aus den 60ern. Dort fand der Unterricht gleich am Fenster statt. Der Hausmeister züchtete Wellensittiche in einer Voliere. Das Gefühl, durch das kühle, weite Treppenhaus die Treppe hinauf in den 1. Stock zu steigen ist in mir jederzeit reaktivierbar. Diese leicht angstvolle Nervosität des Wissens, wieder nicht genug geübt zu haben. Weil ich lieber “What shall we do with the drunken sailor” gespielt hatte, statt mich unermüdlich den Intervall-, Triolen- und sonstwie ausgefeilten Reihen von Noten Jimmy Dorseys hinzugeben.

Ich verstand die nicht, wusste nicht, wieso ich so was Kompliziertes spielen sollte. Mittlerweile weiß ich genug über Jazz-Improvisation, um zu begreifen, worauf ich da vorbereitet werden sollte: Sowohl auf das Spielen im Swing-Orchester als auch in die Automatisierung bestimmter Klangfolgen und Rhythmen und somit bestimmter Bewegungsabläufe.

Aber so, wie Wissen Angst haben kann, taugt es nicht dazu, Klänge hervor zu bringen. Da kann ich noch so oft Interviews mit Lee Konitz über das modale System der Jazz-Improvisation lauschen – heute hat er ganz schön gequietscht und geschrien, mein neuer, silberner Weggefährte. “What shall we do with the drunken Sailor” ging noch lange nicht. Lieber erst mal C-Dur-Tonleiter hoch und runter und mich freuen, wenn ich das tiefe C und den Übergang vom mittleren C zum D” wenigstens mit Scheppern und Quietschen und Überblasen hin bekomme …

In den Dialog mit einem Saxophon tritt man ja ganz anders als im Falle eines Klavieres, zum Beispiel. Das kann verstimmt sein, man trifft falsche Töne und haut in die Tasten, dass es schmerzt. Aber der Ton als solcher ist eben irgendwie da. Wie auch beim Vibraphon.

Beim Saxophon muss man ihn machen. Mit Zwerchfell, Luft, Zunge, Lippen und einem Holzblatt, auf Plastik fixiert. Und meine ersten Dialoge mit meinem neuen Freund zeigen mir doch, dass wir erst mal eine gemeinsame Sprach finden müssen. Das ist zwischen menschlichen Individuen ja auch so, das merken die meisten nur gar nicht, weil sie vielleicht “das Objektive” und “das Subjektive” kennen, aber nicht das Du. Manche schmeißen mit jedem Satz Klaviere auf die Füße Anderer und schreiben dann noch lange Traktate in Feuilletons, dass alles andere ja Zensur sei. So was wie den Anderen erst mal kennen lernen und einen wirklich eigenen Sound im Zweierli kreieren, diese Mühe geben sich wenige.

Der “klassische Ansatz” ist: Man lege die Unterlippe auf die unteren Schneidezähne und nutze die Lippe dann, gegen das Holzblatt ge-, äh, gepresst wäre schon falsch, an das Holzblatt geschmiegt?, um den Ton zur Entfaltung zu bringen. Nee, eben nicht kontrollieren.

“Modern”: Man nimmt nur die Lippen und knutscht. Letzteres habe ich ja nie gelernt :D – also, im Falle des Saxophons. Und es gab ja noch kein Internet. Gerade aktuell fällt mir wieder auf, wie gewaltig der Wandel dank dieses Mediums doch ist. Damals hatte ich meine Saxophon-Schule und ein paar Liederbücher mit rotem Ballon drauf. In einer Band spielen hab ich mir nicht getraut. Für alles weitere hätte ich in die Stadt fahren müssen, und da gab es ein paar Musikgeschäfte … Platten, zu denen man spielen konnte, musste ich lange suchen. Gab kein Amazon. Habe dann meistens zu Grover Washington Junior geübt, “A Secret Place”, glaube ich, hieß das Album.

Vor mir hatte immer Dieter Unterricht. Man grüßte sich … viel später traf ich ihn in Politgruppen wieder. Wuuuuuuuusch! War ich verknallt! Wir trafen uns dann zum gemeinsamen Spielen in der Waschküche des Reihenhauses seiner Eltern. Hoch in Richtung Küche oder Esszimmer durfte man nicht schleichen, die Mutter zog immer Schutzbezüge über alle Sitzkissen und assoziierte Besucher mit Dreck und Unbill.

Wir legten die Crusaders auf, er spielte Tenor, ich Alt. Wie fand ich das lässig, wenn er sich beim Spielen locker anlehnte, die Knöchel über Kreuz. Und was mit juvenilen 17 ein rot-weiß gestreiftes Hemd mit Stehkragen, unfrisierte, dunkle Locken und ein paar Grübchen, eine weiße Bundfaltenhose, ein Lächeln für ein Universum von Gefühlen mit galaktisch weichen Knien auslösen kann …. ich stand er verkrampft daneben und habe ihm erst Jahre später erzählt, was damals in mir vorging. Heute können die Jungschwulen ja bei Gayromeo und Co stöbern … für mich gab es nur solch Begegnungen wie mit Dieter. War aber auch schön, die musikalischen Dialoge zu den Crusaders … jetzt habe ich das ganze Wochenende in Saxophon-Blogs, eBooks und -Foren gelesen. Wer weiß, was aus mir geworden wäre, hätte es die damals schon gegeben.

Alle homophoben Klischees internalisiert habend hielt ich allerdings meinen Saxophonlehrer für schwul, weil der immer so kreischend lachte und so tuntig Witze riss. Machte immer einem auf witzig, während ich mich durch Jimmy Dorsey quälte, stolpernd wie ein Rad, das über Geröll fährt – und doch fürchtete ich seine sich zu unterdrücktem Zorn steigernde, unterschwellige Ungeduld, weil er mich wohl für recht talentiert, aber chronisch faul hielt. Zu recht, letzteres zumindest. Was dazu führte, dass ich immer mehr verkrampfte, beim Ansatz presste, die Arme in die Seiten drückte und gar keine Note mehr zu den Griffen auf meinem Instrument korrekt in Relation setzte. Aber wenigstens sabberte er nicht für mich das Mundstück an …

Totzdem: Wie einen späten Widerhall bemerkte ich heute beim Quietschen, wie ich mich immer mehr verkrampfte, wenn ich mich dem Notenständer näherte, je weiter ich mich jedoch von ihm entfernte, desto klarer wurden die Töne …

Dieter hat mir übrigens später Michel Foucault erstmals zugeführt. In einem wundervollen Brief aus Freiburg, in den unter anderem das berühmte Hinterkopf-Porträt dieses Meisteranalytikers der Körperdisziplinierung als Kopie hinein geklebt war … irgendwo habe ich den Brief bestimmt noch. Anders als e-mails bewahrt man die ja auf.

Das wächst zusammen, was zusammen gehört …

“Zur Demonstration aufgerufen hatte insbesondere die katholische Kirche, aber auch evangelikale und muslimische Organisationen schlossen sich den Protesten an. Der katholische Kardinal André Vingt-Trois traf sich vor der Demo mit Organisatoren der Protestaktion. Auch dutzende Politiker der konservativen UMP und des rechtspopulistischen Front National marschierten zur Protestaktion an den Eifelturm.”

Wie heißt der Fortpflanzer und Ernährer vom BVB noch, der meinte, gegen Homophobie z.B. in Fussballmannschaften könne man doch schon deshalb nicht ohne weiteres anstinken, weil da ja “andere Kulturen” anwesend seien?

Mal ab davon, dass es sich bei der Schwulenfeindlichkeit um eine jüdisch-christliche Erfindung handelt (dieses ist wohl der einzige Fall, in dem diese “jüdisch-christlich”-Formulierung Sinn macht, die neben den marcionitischen Paulus-Briefen am häuftigsten zitierte Formel ist aus dem Buch Leviticus des “Alten Testaments”; dass bei der Story rund um “Sodom und Gomorrah”, kann ja jeder nachlesen, nie Vergewaltigung als Problem erkannt wird, spricht für die Dominanz der “Rape Culture”) und “Homosexualität” als Konzept eh von der Psychiatrie des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde – das ist das, wovor ich schon häufiger bloggend warnte. Dass eben die Konservativen unter den Muslimen sich mit Rechtsradikalen aus der CDU und der Katholischen Kirche, sächsischen Evangelikalen, Opus Dei-Juristen aus Sachsen-Anhalt und Nazis zusammen sich auch hierzulande zu einer neofaschistischen Einheitsfront formieren. Ja, Zwangsheterosexualität IST konstitutiv für Faschismen und dient auch der Absicherung des Patriachats.

Wie stark Gegenwehr längst bröckelt (und notfalls der Kampf gegen Homophobie einem falsch verstandenen Antirassismus geopfert werden kann), zeigt sich daran, dass mittlerweile neben jeden Schwulen und jede Lesbe mindestens 1, meistens mehrere Schwulenhasser in Talkshows im Sinne “ausgewogener Berichterstattung” gesetzt werden. Glasklarer Rechtsruck. Dass es ergänzend auf der Wieauchimmerlinken mittlerweile auch kein Interesse mehr gibt, sich bei diesem Thema zu engagieren, konnte man in der Kommentarsektion dieses Blogs ja auch nachvollziehen. Da bündelte man auch lieber mit Katholiken; gerade der Hetzer in Rom bedient dieses Kalkül vortrefflich, indem er ständig suggeriert, dass die salbungsvollen Worte seiner manipulativen Traktate irgendwas mit “Kapitalismuskritik” zu tun hätten. Der Bundestag jubelte ihm prompt auch zu, als er seine schwulen- und lesbenfeindliche Naturrechtsbegründung – ohne Lesben und Schwule einmal zu erwähnen – dort referierte und Typen wie Augstein und auch Herr Thierse die Kritiker nieder brüllten. So ist ja eh vieles, was aktuell “links” sich labelt, einfach eine Variante des christlichen Konservatismus.

Die Strategie der CDU ist, seitdem sie bei der Klage gegen die Homo-Ehe von Karlsruhe abgewatscht wurde, weil ihr das Grundgesetz ja ganz wie der SPD eh zumeist am Arsch vorbei geht, ebenfalls darauf ausgelegt, mit konservativen Muslimen zu bündeln. Zum Glück gibt es Stimmen wie Lamya Kaddor, die dagegen anstinken – die ganze Diskussion rund um die Aufnahme des Diskriminierungsschutzes für “sexuelle Identitäten” ins Grundgesetz war von Seiten der Rechten darauf angelegt, dass nachwachsende und demographisch relevanter werdende Muslime sich auf ihre Seite Seite schlagen könnten in Zukunft. Die menschenverachtende Propaganda der christlichen Partei ging – auch da ist wieder ein Bezug zu dem Herren vom BVB herzustellen – perfide so weit, dass eine solche Festlegung ja ein “Integrationshindernis” sein könne. Es wäre zu wünschen, da allmählich mal lautstark Unterstützung aus dem PoC und Antira-Lager zu erfahren, um den entgegen zu wirken. Alleine schon, um auch nicht-weiße und muslimische Lesben und Schwule, als Mehrfachdiskriminierte, zu unterstützen. Judith Butler hat ja gezeigt, dass das geht, darauf hinzuweisen. Weil auch das Rassimusproblem in schwulen Szenen etwas ist, woegegn anzugehen ist und der systematische Zusammenhang zwischen Rassismus, Homophobie, Sexismus und Klassismus nun mal ganz real besteht.

Zwei weitere Punkte werden bei der Diskussion überdeutlich: Zum einen, dass der vielgescholtene Privilegienansatz völlig richtig ist. Was in Paris und rechtsradikalen CDU-Hirnen vor sich geht IST ja nichts anderes als die Verteidigung eines in diesem Fall rechtlich abgesicherten Privilegs zur Aufrechterhaltung der Supremacy-Haltung: MEINE Lebensform ist die überlegene und verdient deshalb eine positive, rechtliche Sanktionierung, die der Arschficker und Schwanzlutscher aber nicht. Ist auch so was ähnliches wie “Deutschland den Deutschen”. Um die rechtliche Gleichstellung der Juden zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es auch solche Kämpfe, by the way, die sich im modernen Antisemitismus pseudowissenschaftlich bündelten und diskursiv die Shoah vorbereiteten. Die katholischen und protestantischen Kirchen haben erst Mitte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts von den Begründungen für die Nicht-Gleichstellung mal allmählich abzulassen.

Zum anderen wird deutlich, wie grundfalsch diese Fokussierung auf die “Homo-Ehe” auch von LSVD und Co war. Sachliche Gründe wie jene, dass man kranke Lebenspartner auch im Krankenhaus besuchen können möchte etc. – wieso das nun weiterhin in diesem Anachronismus “Ehe” nun unbedingt nur rechtlich möglich sein soll oder nicht vielmehr die Vertragsfreiheit da ausnahmsweise mal ernst genommen werden könnte, das war mir immer schon ein Rätsel.

Ich finde die Position weit konsistenter, die Ehe als Rechtsinstitut abzuschaffen und dafür jene, die Kinder haben, steuerlich zu privilegieren – und dann sollen doch die Katholiken ihre vermeintlich heiligen Sakramente abfeiern, bis sie am Weihrauch ersticken. Ganz, wie sie sonst auch einst zumindest teilweise intelligente, spirituelle Schriften  ja verdrehen und verbiegen bis zur Unkenntlichkeit. Diese Blasphemie will ihnen ja auch keiner verbieten.

Das kann von mir aus auch unter dem besonderen Schutz des Grundgesetzes stehen.

Ansonsten ist diese Anbiederei an Fortpflanzer und Ernährer doch auch gar nicht notwendig. Die Solidarität mit alleinerziehenden Müttern wäre viel wichtiger. Sollen sich die anderen doch einbilden, da irgendwas Höheres zu pflegen, während sie Neurosen produzieren, Kinder verziehen und reglementieren, den Kapitalismus am Laufen halten, manche ihre Töchter befingern und diese vielleicht das Glück haben, dass es auch noch Nachbarn, Freunde und Lehrerinnen gibt.

Irgendwie war die Debatte, als “Autorität und Familie” erschien, schon mal weiter … cool finde ich hingegen in vielen “migrantischen Communities”, wie Arbeiten und Großfamilie (!!!) zusammen wachsen, zum Beispiel. Das wäre dann eine Diskussion, in der man mal wieder darüber reden könnte, was man so alles lernen kann von nicht-weißen Nachbarn, was über “Vater, Mutter, Kind” hinaus weist.

Dessen können sich dann ja auch jene St. Paulianer, die inflationär Hochzeitsbilder verbreiten, mal annehmen ;) … es lebe die Utopie!

 

Vor der JHV: Ein Rundumschlag

“Mit Fug und Recht ist der FC St. Pauli stolz, der etwas andere Verein zu sein. Vor Heimspielen ertönt die Hymne des Gegners, rechte Stimmungsmache wird verachtet, ausländerfeindliche Sprechchöre sind tabu.”

Ach, der Herr Wenig, der zu Wortspielen reizt … das sollte einem aber nachhaltig zu denken geben, wenn der nun ausgerechnet findet, der FC St. Pauli würde sich “mit Fug und Recht” als der “etwas andere Verein” bezeichnen. Herr Wenig, der ganz wie das Präsidium dieses jämmerliche  ”Toleranz”-Gequatsche anstimmt, um über Inhalte nicht schreiben zu müssen. “Ausländerfeindlichkeit” bei dem seinem Selbstverständnis nach antirassistischen Verein zu schreiben ist natürlich auch eine Methode, PoC zu “Ausländern” zu erklären. Aber so denkt Mann bei Springer. Wo doch in anderen Stadien antibritische Chöre und jene der Schwedenhasser zur Tagesordnung gehören.

Wer dieser “ausgerechnet Herr Stenger!”-Rhetorik auf den Leim geht, die gerade überall gestreut wird, hat selbst schuld. Es geht ja nicht um die Person Stenger im Allgemeinen, sondern um konkrete Handlungen – und die Art, wie sie im Verein kommuniziert wurden. Um  ein Papier von tatsächlich enormer gesellschaftlicher Ausstrahlung; dass außerstaatliche Rechtsbeugungen und institutionalisiertes Unrecht mittels DFB, DFL, unseriösen Medien und Polizeigewerkschaften oft rund um den Fussball, weil visuell spektakulär, als Feld geradezu leninistischer Avantgarde-Politik mit stalinistischen Einsprengseln sich ballen, das ist allseits bekannt – als Vorhut einer fortwährenden Verschiebung fort vom Rechts- hin zum Kontroll-, Disziplinar- und Präventivstaat, in dem privatwirtschaftliche Großakteure die Richtung bestimmen.

Bemerkenswert ist, dass gerade denen, die immer am lautesten “Law and Order” schreien, das alles am allermeisten am Arsch vorbei geht. Weil sie die Unterwerfung unter Autoritäten und noch so falsche Reglements als prioritär gegenüber begründungsfähigen Regeln und Urteilen betrachten. Wenn die MoPo heute Tjark Woydt richtig zitiert, regt auch der sich weniger über den von der DFB-Gerichtsbarkeit mutwillig und wissentlich dem FC St. Pauli zugefügten Schaden (Sanktion ist Schaden) auf als über verhältnismäßig marginale “Delikte”.

So funktioniert totalitäre Logik: Man hinterfragt die Regeln nicht und sanktioniert und beschimpft stattdessen die von Unrecht Betroffenen. Ob sie nun zu kurze Röcke tragen, Menschen gleichen Geschlechts knutschen oder einfach nur “anders” (als was wohl?) aussehen. Das ist der deutsche Spießer. Und nein, es ist nicht falsch, das zueinander in Beziehung zu setzen, weil seit Lawrence Kohlberg spätestens bekannt ist, dass diese autoritäre Moralkonzeption, die Regeln deshalb folgt, weil es die der Mächtigen und Privilegierten sind und sie “Tradition” haben eine formale Struktur ist, die sich auf beliebige Inhalte beziehen kann.

Nun gibt es aber auch genug Gründe für die “Fanszene”, sich an die eigene Nase zu fassen. Als ich neulich bei “Ein Kessel Braun-Weißes” stand und das Grußwort von Jobst Plog zum “multikulturellen Verein” hörte, hätte ich fast einen Lachkrampf bekommen, als ich mich umsah. Monokultureller geht kaum.

Und grübelte so vor mich hin, wann ich eigentlich das letzte Mal eine ernstzunehmende ÜBERGREIFENDE politische Aktion rund um das Millerntor mitbekommen habe. Also eine, wo es nicht ausschließlich um das Stadion (Goliathwache), “Fan-Rechte”, Konflikte zwischen Fans und Polizei oder direkt das Viertel, Obdachlose unter Brücken vertreiben oder Gentrifzierung, ging.

Mir fiel nichts ein. Nichts. Ah, doch, “gegen Nazis”. Das ist Frau Merkel auch. Ohne Nazis hätte die deutsche Mitte ja auch niemanden, auf den sie mit dem Finger zeigen kann, um in Selbstgerechtigkeit die ganze rassistische, homophobe, sexistische und klassistische Scheiße anzurühren, mit der sie angeblich nichts am Hut hat.

Natürlich gilt gerade im Fall des FC St. Pauli “Think globally, act locally”, ja. Aber wird eigentlich noch irgendwas diskutiert, wo es NICHT um die jeweils eigenen, unmittelbaren Belange geht?

Mich regt ja, seitdem dieses Präsidium am Ruder ist, deren leerer Formalismus die ganze Zeit auf. Ich glaube, der Großteil der Stadiongänger peilt gar nicht, was das für Leute sind, in was für Referenzsystemen diese agieren, in was für wirtschaftlichen Zusammenhängen sie unterwegs sind. Oder sie finden das irgendwie wichtig für das “Wirtschaftsunternehmen im deutschen Profifussball”, weil die Welt ja so sei. Der “etwas andere Verein”? Gab mal Zeiten, da nahm man das nicht so hin. Jetzt bestätigt die Mitgliedschaft des FC ST. Pauli die Anzahl der Business-Seats auf Jahreshauptversammlungen, weil Herr Meeske Zahlensalate kredenzt.

Was bei uns zählt, ist der Effekt, die substanzlose, symbolische Geste. Deshalb regen sich alle mehr über Fotos von Ex-Präsidenten auf Wasserwerfern auf als über das Hamburger Polizeigesetz oder Racial Profiling. Natürlich finden das auch zumindest die “aktiven Fans” Scheiße, aber so richtig Spaß macht Empörung über Bilder aus Susis Showbar-Loge. Das LED-Laufband muss weg! Die Business-Seats bleiben …

Ich bin mir auch sicher, dass das Präsidium viel mehr Gegenwind noch hätte, wenn davon einer schwul wäre, haben wir ja gehabt: Der FC St. Pauli als der Verein, wo das Wort “schwul” Buh-Rufe in Chören auf einer JHV provozierte. Oder wenn eine Frau dabei wäre. Oder einer schwarz wäre. Dann würden ganz viele sich “nicht erpressen lassen wollen”. Und es würde rum geschnüffelt, ob sie es nicht vielleicht mit kleinen Jungs treiben.

Mal ehrlich: Was macht den FC St. Pauli eigentlich noch anders außer der Innenstadtlage? Das Spielen der Gästehymne. Kaum Negativ-Support. Alles prima.

Und ja, ich liebe diesen Verein. Treffe da wöchentlich so viele tolle Leute, die ich aber so was von tief ins Herz geschlossen habe.

Aber kann es nicht sein, dass die “Fanszene” einfach nur ganz genau so selbstbezüglich und inhaltsleer ist wie das Präsidium auch?

Würde mich freuen, wenn (nicht nur) bei der JHV der Gegenbeweis angetreten würde …

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