Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Lektüreprotokolle

Vielleicht mal Solidarität, statt sich gegeneinander ausspielen zu lassen?

Kurz hin gerotzt vor Anpfiff in der “Grand Prix”-Arena, aber vielleicht auch gerade deshalb passend, weil nicht zuletzt z.B. Jan Feddersen von der taz vor dem letzten “Eurovision Song Contest” ja auch um kein noch so blödes, vermeintlich “pro-westliches” Klischee rund um Aserbaidschan verlegen war, ein paar Worte zu “Pro Köln” und dem dortigen CSD. Zwar findet auch Queer.de das Verhalten der Organisatoren völlig daneben:

 

“Das genau ist die Strategie, die “Pro Köln” derzeit auf allen Ebenen fährt. “Hey, jeder Jeck ist doch irgendwie anders” rufen sie uns fröhlich lachend zu. “Lasst uns mitschunkeln, sonst seid ihr die Intoleranten!” schüchtern sie uns ein. “Der wahre Feind, dass seid doch nicht ihr warmen Brüder, das sind die Moslembrüder”, machen sie uns Angst.”

 

Was freilich NICHT thematisiert wird, obgleich es mittlerweile sogar im St Pauli-Forum unwidersprochen sind findet, das ist der ausgeprägte Rassismus in der schwulen Szene selbst. Und es würde Queer.de als ja einzig vernehmbaren, schwulen Medium in Deutschland, die laut Kuby und Co ach so mächtige “Schwulenlobby” ist ja publizistisch erstaunlich schwach auf der Brust, wohl so gar nicht schaden, das vielleicht auch mal zu thematisieren.

Bei der Facebook-Präsenz von David Berger (“Der heilige Schein”) merkte nunmehr ein als “schwarzhaarig = “Südländer” = Muslim” Gelesener an, wie er sich fühlte, wenn er auf dem CSD mit ging und als “heimlicher Feind” misstrauisch beäugt wurde. Was dabei völlig unter den Tisch fällt, sind Mehrfach-Diskriminierungen; es ist NICHT so, dass es unter rassistisch Markierten keine gäbe, die jenes Bedürfnisspektrum haben, das hierzulande mit dem klinischen Term “Homosexualität” gelabelt wird.

Zum einen entspricht es keineswegs meiner Lebenserfahrung, dass, wie im St. Pauli-Forum behauptet, “die Deutschen” ja “liberaler” seien, solche merkwürdigen Arierfantasien sind krudes Zeug. Da braucht man ja nur mal Merkel oder Geis zuhören, was wirklich Sache ist. Von Ratzinger ganz zu schweigen.

Insofern wäre produktiver, sich lieber mal damit auseinanderzusetzen, wieso es immer so gut funktioniert, dass die Mehrheitsgesellschaftler schon dafür sorgen werden, dass gesellschaftliche Minderheiten gegeneinander ausgespielt werden können.

Übrigens auch dann, wenn jüdische Gelehrte und katholische “Denker” gemeinsam DIE WELT ein Interview geben, um sich über die LGBT-Community zu erheben. Wollte ich eigentlich noch eigens kommentieren; mach ich vielleicht noch die Tage. Das gibt eine Menge her; mir ist ein Rätsel, wie man katholischer Propaganda so auf den Leim gehen kann, eben jener Organisation, die bereits im Prozess der Kanonisierung dessen, was die Bibel werden sollte, all jene antisemitischen Muster implementierte, die während Jahrtausende währender Judenfeindschaft heran gezogen werden sollten (und an denen sich Luther auch orientiert hat).

Aber auch dann, wenn Klischees von den “reichen, privilegierten Schwulen” auch auf feministischen Seiten gepflegt werden und irgendein Scheinlinker anschließend vor sich hin grummelt, dass diese verantwortungslose Gay-Party-Crowd “Migranten”familien die Wohnungen weggentrifizieren würden, funktioniert das alles super ganz im Sinne der Normierten.

Es sei zudem noch einmal auf die Ablehnung des CSD-Preises durch Judith Butler verwiesen (ganz, wie es der Facebook-Kommentator bei David Berger auch macht). Und dann kann jeder ja nachgrübeln, was das vielleicht alles damit zu tun hat … kann man auch nicht oft genug verlinken, den Text.

Stonewall was a riot, und vielleicht ist es an der Zeit, Alternativveranstaltungen zu organisieren, die sich klarer machen, welche Communities das damals waren, die durch ihr Uprising den CSD erst möglich machten.

 

Critical Whiteness – wieso eigentlich diese ganzen Diskussionen?

Ich verlinke hier noch mal einen Text, der mir schon – Dankeschön! – ein Trackback schickte und ein Thema sehr differenziert betrachtet, das auch hier im Blog Dauerbrenner war und ist: Critical Whiteness.

“Dieser Positionierungsterror, der in einigen Räumen Einzug gehalten hat, ist alles andere zielführend. Ich war auf einem Treffen anwesend, auf dem allein die Vorstellungsrunde fast zwei Stunden gedauert hat. Und wir waren maximal 15 Personen, nicht mehr. Aber das Einopfern von den PoC und die Selbstgeißelung von weißen Leuten („Ich bin bereit all meine Ressourcen und Zeit für das Projekt xy zu opfern“) hat nunmal so lange gedauert. Da werden dann auch gerne mal weiße Leute angeschrien, weil sie gerne mit ihren Eltern wandern gehen wollen (statt sich dem politischen „Kampf“ zu widmen). Dieses Verhalten wurde von den weißen stumm hingenommen.”

Ich bin über solche Passagen immer ein wenig erstaunt, so weit es nun meine, weiße Perspektive betrifft. Ich bin auch ziemlich zusammen gezuckt, als ich das erste Mal in einem Gespräch mit Freunden als Weißer bezeichnet wurde und hatte das Privilieg, das dies in gewachsenen Freundschaften geschah.

Ich war  nun aber gar nicht in der Lage, irgendwelche Schuldgefühle zu entwickeln oder Selbstgeißelungen auszuüben. Vielmehr knüpfte das einfach aus mir aus den späten 80ern wohl vertraute Euro- und Ethnozentrismusdiskussionen an. Und ich kenne eben auch gut das Markierungsgeschehen rund um “schwul”; eine Teilanalogie.

Insofern konnte ich das weniger als “Positionierungsterror” erleben noch als irgendwas, was ich nun zu verantworten hätte. Es ist doch vielmehr die im Grunde genommen (das wird mir jetzt vorgeworfen werden, weil es wirkt, als würde ich andere benutzen, denke ich ja auch drüber nach, ob das so ist) unglaublich entspannend, nun nicht ständig in die männliche Selbstbehauptung als Alleserklärer oder Vertreter des Allgemeinen sich begeben zu müssen, sondern einfach mal zuzuhören. Und eben darauf zu reflektieren, wo “White Supremacy” im eigenen Denken und Handeln wirkt, was für politische, historische, geistes-, kultur und kunstgeschichtliche Vorraussetzungen in all dem, was ich studierte und lernte, wirkten, noch bei jenen, die sehr kritisch dachten wie Michel Foucault zum Beispiel.

Der “PoC”-Begriff, der allerdings auch in diesem Blog und von meiner Seite dummerweise zum Gegenteil führte, hat ja zunächst den Zweck, diese Kategorisierungen und Katalogisierungen wie der Insektenarten Nicht-Weißer durch Weiße zu unterbrechen und somit gar nicht, nun wieder andere zu markieren, sondern heraus zu stellen, wer normalerweise kategorisiert und wie er da tut. Da richtet den Scheinwerfer wohl verstanden auf das, was Herrschaftspraxis Weißer über Andere ist.

Das ist nämlich ein Riesenschritt in die Freiheit, das zu erkennen – die der Anderen UND die eigene. Eine Freiheit des Denkens, des Zuhörens, des Nicht-Verteidigenmüssens, des Geschehenlassens und vor allem auch dessen, die Wut Anderer auszuhalten, selbst wenn man individuell für die eigenen Priviliegien nichts kann. Weil es dieses Recht auf Wut Marginalisierter gibt, steht ja auch im verlinkten Text, einfach gibt. Und es geht da auch nicht nur um “Moralisierung”, sondern um Wahrheit und auch Funktionsweisen in der Ökonomie.

Ich finde ja auch, dass in manchen Fällen – auch bei der Übertragung auch “Critical Hetism” – manchmal so ein Slogan “Unglück für alle gleichermaßen” aufscheint, mit dem ich dann auch nichts mehr anfangen kann. Ich verstehe komplett den Impuls, der dahinter steht, für mich ist die Utopie aber immer noch die Möglichkeits des Glücks für alle gleichermaßen im Sinne der Selbstbestimmung, also der Möglichkeit der Wahl des eigenen Glücksentwurfes. Übertragen auf “Critical Hetism” heißt das dann nicht notwendig, nun keinen Spaß am Knutschen mehr zu haben als Hete, sondern sich zum einen einfach klar zu machen, dass man damit eben die Normalität zelebriert, die Anderen vorenthalten wird, ob man das will oder nicht. Und sich vielleicht zu fragen, ob man selbst da einfach was nachlebt, was alle machen, oder ob das wirklich dem entspricht, was man will. Und zudem sich auch mal zurückhalten können, wenn Andere dran sind. Das ist auch gar nicht so schwer. Ziel ist freilich Luxus, nicht Leid für alle gleichermaßen.

Die Konflikte entstehen ja konstant da, wo marginalisierte Perspektiven negiert werden. Deshalb kann man das auch nicht wie eine theoretische Frage behandeln; es ist eine praktische Frage, das nicht immer die gleichen zu Worte kommen und am besten noch den “Geotherten” gemeinschaftlich niederbrüllen, pathologisieren, kategorisieren, Tiraden ablassen, “wie die denn so sind”, um sie oder ihn als Person gar nicht mehr statt finden zu lassen.

Und wenn man dann mal – was mir auch nicht immer gelingt – von der Abwehr ablässt, wartet ein überwältigendes Geschenk: Man lernt, man erfährt, man entdeckt. Die Erfahrungen, Perspektiven, das Leid, die Lust anderer Menschen werden zuzumindest ein klein wenig zugänglich. Man löst sich aus dem Korsett des europäischen Kanon und erkundet ungeahnte Möglichkeiten, die Welt zu sehen und mit ihr umzugehen.

Wieso darum nun all diese kuriosen Diskussionen entstehen, es ist mir zunehmend ein Rätsel. Dafür lebt man doch. Und das gerne.

Unsortiertes zu Yücels Plädoyer für kolonialrassistische Regime, das Erbe der “Aufklärung” und was das mit Kunst zu tun hat

Im Grunde genommen ja langweilig, die ewig gleichen Textbausteine von Greiner bis Roenicke, von Fleischhauer bis Tsianos, von Hacke über Scheck bis Yücel zu kommentieren. Sie verharren in ihrer selbst verschuldeter Unmündigkeit, wanzen sich ran an die Macht und hassen mutmaßlich Kommunikation, Kunst und Kreativität.

Und die Freiheit des Anderen geht ihnen eh am Arsch vorbei. Sonst würden sie ja nicht alle den immer gleichen Marsch blasen und dazu im Gleichschritt argumentieren, triefend vor Rassismus, Sexismus, aber ausnahmsweise mal keiner Homophobie. Die aber vermutlich bei nächster sich bietender Gelegenheit im Zuge allgemeiner Besitzstandswahrung, Kritikunfähigkeit und Ego-Absicherung auch aufbricht, um sich als was Besseres fühlen zu können, so wie in Frankreich derzeit.
Es ist mir jetzt zu ermüdend, über Differenzen in der Konnotation von US-Vokabular und jenem in Deutschland zu dozieren (und ich bewundere die Akribie und Geduld Accalmies, das so großartig zu tun ebenso wie die von Halfjill!!!).

Ebenso nervt es mich, über die Ambivalenz der Aneignung diskreditierenden Vokabulars durch Diskreditierte zu sinnieren, das von Nicht-Betroffenen so gerne diskutiert und anempfohlen wird.

“Schwul” ist da ja ein gutes Beispiel; es ist erstaunlich, wie häufig das Wort in abgrenzender Absicht an ganz normalen Arbeitstagen allerorten fällt, von Heten verwendet; wie angewiesen sie darauf sind, es ständig zu thematisieren, um sich als das Andere dessen zu positionieren. Ich war gestern nur einmal wieder verblüfft während meines Broterwerbs: Ständig. Dass “schwul” zu den beliebtesten Schimpfwörtern auf Schulhöfen zählt ist bekannt; ob es nun sinnvoll war, es zur Selbstbezeichnung zu nutzen? Zunehmend sehne ich mich nach von Begriffen freien Sphären des namenlosen Begehrens, das nicht den Kategorien, die zugleich Hierarchien stabilisieren, sich unterwirft. Weil das Abgrenzungsbedürfnis “tolerierender” Heten nur nervt.

Nun ist freilich schon der Einstieg in diesen Text dann hochproblematisch, wenn ich als weißer “Biodeutscher” in Anspielung auf Kant, “selbst verschuldete Unmündigkeit”, Yücel gegenüber die Haltung einnehme, dass ich nun natürlich in Fragen der Kunst die Weisheit mit Silberlöffeln gefressen und der Muttermilch eingesogen habe. Er ist in Deutschland geboren wie ich, wird jedoch ständig erleben, dass er im Sinne des “Migrationshintergrundes” markierbar ist – passiert mir nicht: Privileg. Nadia von Shehadistan konterte neulich köstlich mit “Faschismushintergrund”, den ich als Sohn eines Pimpfes definitiv habe.

Würde ich nun eine Haltung einnehmen wie Yücel in seinem rassistischen Pamphlet (Achtung, Triggerwarnung, schlimmer Text), wäre dies die der Neuen Rechten.

Er adaptiert dort  ein zutiefst kolonialrassistisches Bild: Da die Wilden und “Hysterischen” (das kann man u.a. anderem bei Michel Foucault nachlesen, was die “Hysterisierung der Frau” für eine gesellschaftliche Funktion hat; feministische KommentatorInnen werden bessere Quellen kennen), hier er, der aufgeklärte, um Kunst und Historie wissende Mann, der alles Eigene Kolonisierter in eine barbarische Vorgeschichte überführt; er, der selbstverständlich nur ausnahmsweise mal “die Contenance verliert”.

Das ist eine Reproduktion dessen, was sich z.B. bei Immanuel Kant findet: Der unterscheidet zwischen “Neigung”, die “natürlichen” Impulsen folgt, und sieht so u.a. wörtlich in der “Grundlegung zur Metaphysik der Sitten” die “Südseebewohner” von “Sinnlichkeit affiziert” – und der vorsinnlichen, voremotionalen usw. Vernunft, bei Kant heißt das im Falle der praktischen Vernunft Pflicht.

Das ist das Grundschema des Kolonialismus zudem, Kant war da nicht Ursache, sondern Symptom: Auf der einen Seite die Vernunft, die Zivilisation, die Kultur, die Fähigkeit, das “Natürliche” zu beherrschen, die Geschichte, die von weißen Männern gemacht wird – auf der anderen Seite das “Naturverfallene”, die “Horde”, nicht individualisiert, die nur kreischt und brüllt und trommelt.

Das ist die Perspektive, die sein Text einnimmt, der macht auch vor Pathologisierung nicht halt, und wie bei der Neuen Rechten üblich, tritt das Ganze auch noch als Totalitarismuskritik auf. Während der über den Dingen schwebende Mann nur kurz die Fassung verlor. So pflegt er sich perfekt in den bundesdeutschen Konsens ein, bemüht wie üblich die ja ungeheuer wirkungsmächtigen “K-Gruppen” und vorsichtshalber auch die Prüderie der Katholischen Kirche zur Denunziation der Geotherten.

Das ist freilich das Muster, das nun auch permanent spätestens seit dem 11. September im hehren Kampf gegen “Islamofaschismus” Mehr von diesem Artikel lesen

Ein alter Blog-Wegbegleiter berichtet aus Umea!

Berichtet von Wäldern, Seen, Wäldern, Seen, Wäldern, Seen, Fitneßcentern (kritisch) und der schweigenden Macht des Küchenutensils – diese:

“(…) konzentriert das kulinarisch Mögliche auf den Pol der materiellen Verfügbarkeit und gekonnten Handhabung”. 

Welcome back in der Blogosphäre!

Wo einstige “liberale” Kontrahenten mittlerweile schlapp gemacht haben und sich einbilden, sie hätten alles gesagt (dabei wissen sie nach Bankenkrise, Griechenland usw. vermutlich einfach nur insgeheim, dass das, was sie vertreten haben, schlicht falsch war), machen wir derweil weiter und verbinden Theorie und Leben – der eine mit Saxophon und passivem Fussballgenuss, der andere mit zwei Kochplatten, ohne Schneebesen, aber bestimmt bald mit Gitarre und Musik-Apps :) … und Forschung rund um männliche Selbstbilder, ganz auf den Spuren Michel Foucaults in Uppsala. Nur eben in Umeå. Die Mittsommernacht naht …

Lesen! Dann hören!

Na, stolz darauf, Genosse Schröder? Jubeln Sie, Herr Bundespräsident Gauck, und schreien laut “Freiheit!”?

HARHARHAR, liebe FAZ.

 

“In der „Sozialen Marktwirtschaft“ sollen am Ende alle ihren Nutzen haben. In ihr muss niemand mit dem Mittel der Einschüchterung arbeiten. Nur: Warum braucht Amazon dann eine Sicherheitsfirma namens H.E.S.S? Mitarbeiter dieser Firma, so wurde in dem Beitrag deutlich, bewegen sich im rechtsextremen Milieu und bedrohten die recherchierenden ARD-Journalisten. Vielleicht, weil nur so das Amazon-Geschäftsmodell sicherzustellen ist? Mit der „sozialen Marktwirtschaft“ hat das jedenfalls nichts mehr zu tun.”

In was für einem Wolkenkuckucksheim neoliberaler (im ursprünglichen Sinne, also auch ordoliberal) Lehrbücher lebt ihr denn eigentlich? Mal was von Empirie gehört? Das, was seit der “Wieder”vereinigung als “soziale Marktwirtschaft” auftrumpft, Sozialsysteme den Deutschen, “Asylanten raus!”, und Gängelung, Entmündigung, Entrechtung, Erpressung und Nötigung mittels Hartz IV für die, die den Herren Steinbrück, Müntefering, Fischer und Frau Merkel nicht den Gefallen tun, einfach zu verrecken, obwohl die keiner braucht in der der durchfunktionalisierten Republik, bringt dergleichen geradezu notwendig hervor. Und jeder, der die SPD, die Grünen, die CDU und die FDP und natürlich auch die NPD gewählt hat, die als systemstabilisierender Faktor dazu gehört, hat dazu beigetragen und ist mitverantwortlich.

Was treibt denn wohl spanische “Wanderarbeiter” hierher? Bestimmt nicht die ach so hehre “deutsche Kultur”. Vielleicht eine späte Prägung mancher derer durch Francos Klerikalfaschismus, okay. Aber vor allem eine mittels Hartz IV forcierte Niedriglohnpolitik mit nach unten offener Skala, da braucht man doch nur den Artikel lesen, da wird es deutlich.

Das neoliberale Programm ist ja Ludwig Erhardt in der Hinsicht treu geblieben, dass der Staat als Möglichkeitsbedingung kapitalistischer Schweinereien fungiert. Was eben das Gegenteil von Demokratie und Grundrechten ist. Und die Lohnverzicht proklamierende und die ehemalige Sozialhilfe mit Arbeitslosenhilfe zusammen legende Politik hat so Verhältnisse geschaffen, dass die Produktivität so hoch und Lohnstückkosten in Deutschland so niedrig sind, dass südeuropäische Länder nicht mehr konkurrenzfähig sind.

So zwingt man die “Wanderarbeiter” in solche Situationen. Und es kann mir auch keiner erzählen, dass das aus Versehen passiert, das weiß doch jeder, dass im Sinne des Modells China im Sinne des Kapitals Politik gemacht wird. Dass Rechtsextreme das Ganze flankieren und absichern, das war auch schon vor 33 und ist immer so: Es sind immer die Kirchen und die Rechten, die je unterschiedlich flankieren. Die einen, indem sie karitative Kompensationen entern und betreiben, die anderen, um die Besitzstände des zugleich bedrohten Bürgertums abzusichern.

Das haben Propagandisten wie die Bertelsmann-Stiftung und Akteure in der Exekutive wie die zuvor genannten zu verantworten, was da in Bad Hersfeld abgeht. Interessant übrigens auch das Warten auf die “unbefristeten Verträge”. Genau diese “Hire & Fire”-Möglichkeit wurde gezielt forciert und wird so übrigens auch und gerade von öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten betrieben: Besteht die Gefahr, eine Festanstellung einklagen zu können, gibt es keine Aufträge mehr für die “Fest-Freien”, wenn ich richtig informiert bin. Also mal an die eigene Nase fassen, liebe ARD.

Nun bin ich doch noch Marxist genug, um der These, dass die Produktivkraftentwicklung treibende Kraft der gesellschaftlichen Dynamik ist, doch ein wenig zu  vertrauen. Auch durch Distributoren wie Amazon, Youtube usw. verändern die sich nämlich schon. Weil es neben dem Zentrallager (der ARD zufolge ja im buchstäblichen Sinne) eben auch noch den “Amazon-Marketplace” gibt, der kleineren Akteuren neue Verkaufsflächen bietet. Weil z.B. der eBook-Markt für den  kleinen Buchhändler um die Ecke zwar Scheiße ist, aber eine bis dato unbekannte Autonomie der Werkgestaltung bietet und eben auch die Möglichkeit, nicht unerheblich mitzuverdienen. Weil ich tatsächlich über diese Plattform schon häufig in Antiquariaten eingekauft habe, zu denen ich auf normalem Verkehrswege nie käme. Und die meisten Buchläden meine Special-Interest-Bedürfnisse oft nicht bedienen können.

Das ist ein wenig wie bei Apple: Einerseits stehen die Produktionsbedingungen zu recht unter Beschuß. Andererseits ermöglichen Apps und “Logic”  tatsächlich eine Demokratisierung der Musikproduktion. Was denen, die unter schlimmsten Bedingungen die Rohstoffe abbauen, auch nicht weiter hilft. Insofern kann ein Bad-Hersfeld gleich um die Ecke zwar schockieren; jene Länder, die gezielt destabilsiert werden, um Bodenschätze bestmöglich sich unter den Nagel reißen zu können auf dem afrikanischen Kontinent, seien dabei nicht vergessen. Weil alles mit allem zusammen hängt in der Ökonomie.

Mit erstaunt dennoch das Erstaunen. Wer gegen Hartzi IV nix macht, erntet Bad Hersfeld. Ganz einfach.

“… ein feiger Kampfbegriff aus den amerikanischen “culture wars” …”

“Da wird schnell mit dem Zerrbild von der “politischen Korrektheit” gekontert, die doch nichts anderes sei als spaßfeindlicher Puritanismus. Damit kann man lässig und ironisch argumentieren. Hierzulande weiß kaum jemand, dass “politically correct” nur ein feiger Kampfbegriff aus den amerikanischen “culture wars” ist, mit dem man ein Gerechtigkeitsverständnis diskreditiert, das Macht und Pfründe infrage stellt.”

Na, endlich wird die Genese der demagogischen Verunglimpunfgsmaschinerie auch mal in der Süddeutschen klar gestellt.

Der Artikel enthält zwar Schwächen – so ist “Blackface” eben nicht nur ein US-Phänomen, vielmehr gab es in den Zwanziger Jahren hierzulande z.B. eine analog designte Party-Mode, die aus dem N-Wort ein Verb machte. Von dieser Praxis gibt es schlimme Bilder, aus denen einen ein brutaler Rassismus geradezu anspringt. Beim Karneval ist es auch keineswegs ausgestorben.

So was wie “nationale Identität” gibt es meines Erachtens nicht, wohl aber ein Selbstverständnis von Demokratien, das entweder wie in Deutschland letztlich die völkische “Kulturnation” fort schreibt oder aber eines, dass die bedingungslose Partizipation in den Mittelpunkt rückt. Also nicht erstmal irgendein Anforderungsprofil erstellt, in dem “weiß” an erster Stelle steht, und ständig dessen Einhalten oder Abweichungen davon sanktioniert. Sondern eben einfach Partizipation.

Der Kontext, den der Text aufmacht, ist definitiv richtig. In solchen Fragen und Diskussionen ist Deutschland einfach ein Entwicklungsland. Da lohnt es sich immer wieder, in die Diskussion in den USA zu lauschen, anstatt sogar die “Analyse & Kritik” und den “Freitag” als Mittel des Protektionismus zu missbrauchen. Es sind halt Geschichtsklitterer wie Denis Scheck noch viel zu laut – Geschichtsklitterer deshalb, weil sie als Privilegierte inmitten des höchst wirksamen informellen Wahrheitsministeriums derer, die Zugang zu reichweitenstarken Distributoren haben, die Erfahrung der Marginalisierten mit aller Macht aus der Historienschreibung heraus halten und deren Rezeption der offiziellen Geschichtsschreibung in guter, alter, deutscher Tradition der Lächerlichkeit zu überantworten versuchen. Diese hiesige Medienkultur lebt ja vom Minderheitenwitz. Dazu später mehr. Seinem Kollegen C. Bernd Sucher würde da so nicht passieren.

Wie dieses informelle Wahrheitsministerium besetzt ist, da braucht man nur die Interviewpartner der letzten “Druckfrisch”-Sendungen durchzuklicken. Es tauchen durchaus Spuren der “weißen Gegenkulturen” auf, auch Frauen, zum Glück – wobei ich bei diesem “weißen “Gegen”kultur”-Konzept von der “Beat Generation” bis hin zu Tocotronic ja mittlerweile doch arg die Befürchtung habe als jemand, der von ihm durch und durch geprägt ist, ob das nicht eine große, unfreiwillige Lüge war und ist. Wenigstens waren am Anfang noch Schwule mit von der Partie, Burroughs und Ginsbergh. Ein Iraker darf bei Druckfrisch auch mal was sagen, wenn er gefoltert wurde, sonst mutmaßlich lieber nicht (habe ich wichtige Protagonisten übersehen?). Alles andere wäre ja auch bedenklich laut offizieller ARD-Seite.

Was ein wenig übersehen wird, ist, dass der Herr Scheck seine Sendung ja nicht alleine macht. Ein ziemlich sympathischer Fernsehmacher, der, was irgendwie passt zum Thema “Selbstverständnis der weißen “Gegen”kulturen, z.B. mit FM Einheit zusammen gearbeitet hat, aber auch Töne in Istanbul sammelt für den Hörfunk, führt Regie. In einem ansonsten sehr spannenden Blick hinter die Kulissen seiner TV- und Radio-Vita, eine Vita, die so und in dieser Form nur sehr wenigen PoC in Deutschland offen stünde, kann ja jeder mal durch die Flure von ARD-Anstalten laufen und gucken, wer da rum läuft, fallen folgende Sätze:

“Der ideale Gast für “Druckfrisch” ist – zynisch gesprochen – eine junge, blonde, gut aussehende Holocaust-Überlebende. Reden muss sie auch noch können. So schnitzt man sich den idealen Gast. Der stotternde Schriftsteller mit Hasenscharte, der ein Buch über philippinische Eingeborene geschrieben hat, hat es ein bisschen schwerer, in “Druckfrisch” zu kommen.”

Erinnert sich wer an den Skandal, als Frau Kiyak ableistische Sprüche gegen Thilo Sarrazin klopfte? Man kann das Herrn Ammer ja noch nicht einmal wirklich vorwerfen, oder doch?,  das gehört zu den Branchenübblichkeiten, solche Sätze abzusondern. Die ja sonnenklar machen, was in den tatsächlichen Wahrheitsministerien wie auch immer sexistisch verpackt Gegenstand sein darf und was wie und von wem marginalisiert wird. Zudem Herr Ammer vermutlich im Falle seiner bayrischen Nachbarn nicht von “Eingeborenen” sprechen würde. Ein bemerkenswertes Bild.

Das Kuriose ist nur, dass bei der “Political Correctness” so viele gleich “1984″ herauf beschwören, solche Regeln aber völlig unhinterfragt allseits befolgt werden. Und das noch in großkotzigen Sprüchen heraus gerotzt, als könne man sich damit brüsten.

Es ist um so bemerkenswerter, dass der wohl bekannteste deutsche Philosoph Jürgen Habermas einen sehr anrührenden Text darüber geschrieben hat, wie schwer es für ihn war, sich in seiner Jugend überhaupt verständlich zu machen. Und dass das einer der Impulse war, das “Kommunikative Handeln” in den Mittelpunkt seines Denkens zu stellen. Und eben dieser Philosoph betrachtet Moral nicht etwa als Herrschaftsmittel, sondern als Schutzvorrichtung prinzipiell verletzbarer und auf Solidarität angewiesener, menschlicher Individuen. Er wird wissen, warum, und ich weiß nicht, was in ihm vorgänge, läse er solche Zeilen wie die von Herrn Ammer. Wahrscheinlich steht er mittlerweile drüber. Mit Sicherheit nicht immer schon, als im Zuge seiner Professorenkarriere Kollegen über seine Hasenscharte witzelten.

In einem anderen Interview referiert Ammer ebenfalls lakonisch, welche Wahrheitministerien bis in die Formensprache hinein in seinem Medium tatsächlich regieren:

 

“Wo sind die Unterschiede zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Redaktionen?
In den privaten Redaktionen gibt es mehr Vorgaben. Auch was die Bildsprache angeht. Ich habe auch einmal eine Zeit für Spiegel-TV gearbeitet. Dort waren die Vorgaben, wie ein Bild auszusehen hatte, ziemlich eindeutig. Da hatte man nachgedacht. Gemein ist beiden Systemen die Angst und die programmgestaltende
Übermacht der Redakteursgroßmütter, die die Sendungen angeblich nicht verstehen.”

 

Es ist schon eine Groteske, da den “Würgegriff der Politisch Korrekten” als real-existierenden Stalinismus zu behaupten. Gibt halt nicht so viele schwarze Redakteursgroßmütter wie weiße; es gibt sie aber, und die wissen gut, was das N-Wort mit ihnen machte.

Da, wo das Geld sitzt, werden die Vorgaben gemacht wie schon zu Michelangelos Zeiten – und den 3 Regeln gelingender Dramaturgie “Konflikt! Konflikt! Konflikt!” folgend werden in letzter Zeit die Talkshows mit Lesben- und Schwulenhassern, Rassisten und Frauenfeinden geradezu geflutet, die ja angeblich alle so fürchterlich unterdrückt der Zensur unterliegen.

Nee, da schließt sich schlicht der Kreis zu dem Text von Andrian Kreye (kann es sein, dass der früher auch immer im “Or” tanzte?). Und ehrlich wäre es von Denis Scheck und auch Herrn Ammer, würde sie darüber mal in ihren Sendungen reden. Sie bekommen dafür ja offenkundig den Freiraum. Und wenn sie die nächste “Druckfrisch”-Sendung ausschließlich mit PoC-Autoren bestückten. Als Entschuldigung. Und dann einfach mal zuhören. Und vielleicht einen derer die SPIEGEL-Bestseller-Liste kommentieren lassen, bei deren Präsentation Bücher in Kisten fliegen wie in den Müll. Oder noch besser, sie oder ihn einfach mal eine “Druckfrisch”-Kritik audiovisuell gestalten lassen. Das ja angeblich so experimentierfreudig ist.

Borniert, ignorant und faul: Denis Scheck und wie er und andere Kunst ermeucheln wollen

Nein, das ist KEINE reine Schmähkritik. Ich werde begründen.

Das geradezu Verblüffende an der “Performance” des institutionell bestens abgesicherten Denis Scheck ist ja dessen offenkundige, vielleicht unbewusste Verachtung dessen, was Kunst sein könnte. Auch deshalb ist dieses Stoßen ins Horn der Neuen Rechten nunmehr auf der Seite der gebührenfinanzierten ARD so entlarvend:

“Die Sprache der Literatur lebt ja gerade davon, dass sie sich nicht in das Korsett des “politisch-korrekten” Sprachgebrauchs begibt, was der Diskurs im öffentlichen Raum auf oft bedenkliche Weise unnötig tut.”

Das ist Beleg 1 für borniertes, faules Kunstbanausentum: Wenn man schon die PC-Keule zum Mundtotmachen schwingt, sollte einem klar sein, dass “Political Correctness” von Anbeginn an ein Kampfbegriff der Politischen Rechten in den USA war. Gegen Stonewall, gegen die Bürgerrechtsbewegung und Black Panther und gegen den Feminismus für die Restauration zu kämpfen – und somit gegen PoC, gegen Frauen, gegen Lesben, gegen Schwule -, das war sein Zweck. Dass man nun ständig in die Rolle des PC-Verfechters gedrängt wird, um homophobe, sexistische und rassistische Quälereien abzuwehren, ist leider Teil der Strategie der Kunstverhinderung. Kunst geht mit Sprache ja kreativ um, also konträr zu den Forderungen Denis Schecks in diesem Fall. Kaum jemand inszeniert Shakespeare so wie zu Shakespeares Zeiten. Zensur?

Und man muss viel häufiger versuchen, die Begriffe der ganzen PC kritisierenden Dominanzverteidiger einfach hinter sich zu lassen, will man den Anforderungen dessen, was Kunst kann, gerecht werden.

Wäre Herr Scheck ein auch weiterhin ernst zu nehmender Literaturkritiker, würde er diesen Zusammenhang reflektieren und ganz im Sinne der Kunst nach Wegen suchen, den Kanon und die Tradition zeitgemäß und produktiv sich anzueignen, anstatt aktiv zu mummifizieren. “Politcal Correctness” als zu Kritisierendes und das sich vermeindlich dagegen Behaupten  ist eine Strategie, Rassismus, Homophobie und Sexismus zu bewahren. In welche künstlerischen Formen nunmehr eine Thematisierung eben genau dessen zu überführen wäre, auf der Bühne, in der Literatur, der Musik, der bildenden Kunst, und auch, von wem und in welchen institutionellen Ordnungen, DAS ist doch die Frage, wenn einem denn wirklich an der Kunst gelegen ist.

Nein, stattdessen will Dennis Scheck konservieren – das ist der Tod der Kunst und nichts weiter als die Verteidigung einer rassistischen Ordnung.

Nun ausgerechnet Herrn Wildgruber und nicht zum Beispiel den Film von Spike Lee zu diesem Thema anzuführen zeigt: Das ist ein Köcheln in der immer gleichen, weißen Sauce. Man kann sich auch den Katolog zu einer ganz und gar verunglückten Ausstellung zu “Zwischen Charleston und Stechschritt: Schwarze im Nationalsozialismus”, Peter Martin und Christine Alonzo (Hg.), Hamburg/München 2004 heran ziehen – Journalisten recherchieren ja eigentlich, nicht so Denis Scheck und seine Redaktion in diesem Fall – und zweierlei daraus lernen: Zum einen, wie ungeheuer problematisch es ist, einfach nur plump abzubilden, welche  Rassismen bereits in den 20er Jahren (und davor natürlich nicht minder) ungeheuer krass erblühten. Zum allgemeinen, weißen Gelächter, ich zitiere die Worte nicht, die da zu finden sind.

Das Dokumentieren kann man noch als Kunstform betrachten, das simple Abbilden ist es nicht, das reproduziert nur – insofern hat es gegen ein ungebrochenes Aufhängen extremst rassistischer Darstellungen einen durch und durch berechtigten Aufschrei gegeben im Falle der Ausstellung. Ursprünglich hieß sie “Besonderes Kennzeichen N …”, wie das gerne geschieht, wenn lustvoll aus weißen, deutschen Münden das N-Wort kriecht wie Würmer aus einer Wasserleiche da, wo vermeintlich “gut gemeint” die eigene Geschichte, aber nicht die Schwarzer in Deutschland, thematisiert wird. Der Buchtitel des Kataloges erfuhr so drum bereits eine Überarbeitung, angesichts derer wieder viele sachwidrig von “Zensur” krakelen würden.

Klappt man den Kataolog auf, folgen Wochen der Fassungslosigkeit angesichts der ungeheuren Brutalität Weißer, wenn es um die Darstellung von Schwarzen ging. Nichtsdestotrotz räumt diese Materialsammlung mit der Vorstellung auf, “Blackface” sei lediglich eine im US-Kontext relevante Praxis. Nein, eben nicht, da braucht man sich nur die Tradition reaktionärer Karnevalsvereine anschauen, in die Dennis Scheck sich ungebrochen einreiht. Literaturkritik als Büttenrede. Und eine schlechte noch dazu.

Das müsste jedem Kulturjournalisten, der nicht wie die “Druckfrisch”-Redaktion und Herr Scheck mit Scheuklappen ignorant durch die Kulturwelt läuft, auch alles bekannt sein. Es wurde rund um die Inszenierung am Schlossparktheater nun wirklich genug Wissen bereit gestellt und großflächig informiert, welche deutschen Traditionen es gibt. Diesen Diskussionsstand nicht zur Kenntnis zu nehmen, das ist nicht zuletzt schlechter Journalismus. Da braucht man nur mal kurz zu googeln, und schon würde klar, dass diese beleidigende Verquatschheit, mit der Scheck sich des Themas annimmt, nichts anderes als eine Zementierung von Machtverhältnissen ist.

Das Vermitteln von Informationen über Ulrich Wildgruber hinaus, somit das Vetraute hinter sich zu lassen ist  ja gerade Sujet in der Kunst, die, wenn sie gut ist, der Macht das Werk entgegen setzt. Und die Anschlussfrage ist jene, welche Form denn angemessen sind, um das zu erreichen.

Denis Scheck, ganz machtbewusst, will solche Fragen offenkundig verbieten und zensieren, spricht er von “Sprachexorzismus” – große Literaten und Literaturkritiker weichen der Aufgabe nicht wie Scheck durch Sprücheklopfen aus, sondern suchen Wege, sich ihr zu stellen.

Es ist dieses die Weigerung, die Herausforderung anzunehmen, Kunst jenseits existenter gesellschaftlicher und somit auch institutioneller Ordnungen wirklich mutig und Neuland betretend zu denken und zu betreiben und somit eine Attacke Schecks auf das, was sie immer schon am Leben hielt.

Diese unglaubliche Feigheit derer, die sie gerade als mutig inszenieren, während sie Schwarze herab würdigen, zeigt sich auch in der mangelnden Reflektion auf die eigene Praxis und somit die institutionellen Ordnungen, in denen Kunst historisch wie gegenwärtig situiert ist.

Ein prägnantes Beispiel: In den 50er Jahren fuhren schwarze und weiße Musiker gemeinsam auf Jazz-Tournee. Dave Brubeck und Gary Mulligan saßen in Eisenbahnen in der ersten Klasse für die Weißen, Miles Davis und John Coltrane in der dritten für die Schwarzen. Die treibenden Kräfte für die Jazz-Entwicklung waren freilich die schwarzen Künstler. Da sie sich als Virtuosen ihres Fachs mit der Situation konfrontiert sahen, dass sie als schlecht bezahlte Kräfte, steter Herabwürdigung ausgesetzt, durchschlagen mussten, während Orchestermusiker in der Metropolitan-Oper meines Wissens ganz gut leben konnten. So setzten sie sich aus der Perspektive der Marginaliserten mit dem, was als “weiße Hochkultur” galt, auseinander. Miles Davis war einerseits genervt, im Konservatorium den ganzen “weißen Scheiß” gelehrt zu bekommen und warf zugleich älteren Kollegen wie Coleman Hawkins vor, sich nicht mit den Symphonien und Partituren der Großen auseinander zu setzen. Um diese übersteigend und kombiniert mit eigenem Material zu toppen. Aus diesem Zwiespalt entstand eine produktive Auseinandersetzung mit Debussy, Rachmnaninow einerseits und dem Blues, mit Count Basie, Charlie Parker und Duke Ellington, auch Folk andererseits. Dizzy Gilespie gab in seinen Augen zu sehr den Clown für Weiße, er selbst spielte lieber mit dem Rücken zum weißen Publikum, bot keine Show, auf dass die wirklich der Musik lauschten.

Das sind die sozialen Konstellation, in denen wirklich große Kunst entsteht. Im Übergang vom eher an Akkorden orientierten Improvisieren eines Charlie Parker zum “modalen System”, das sich eher an Skalen und Tonleitern nicht nur “westlicher” Zusammenhängen orientierte, wurde ein epochales Werk wie “Kind of Blue” geboren. Das kann man alles nachlesen bei Ashley Kahn, “Kind of Blue – Die Entstehung eines Meisterwerkes”, Berlin 2000 – und es ist anzunehmen, dass ein Denis Scheck davon auch irgendetwas mit bekommen haben wird, immerhin hat er meines Wissens in den USA studiert und auch als Übersetzer aus dem Amerikanischen gearbeitet.

Vielleicht ist ihm auch einfach der Schreck in die Glieder gefahren, dort erlebt zu haben, wie weiße Dominanz und weiße Deutungshoheit aufgrund der deutlich überlegenen Kreativität und Produktivität aus den Black Communities ins Wanken geriet. Und das mag ja der weiße Bildungsbürger gar nicht, wenn ihm nun ausgerechnet ein Schwarzer was über Kunst erzählt – und als Antwort bleibt doch nur die feige Häme, weil das Potenzial, sich damit wirklich auseinander zu setzen, offenkundig nicht gegeben ist. Seine jämmerliche Performance ist einfach Zeichen der Angst, sich eines Tages nicht mehr so problemlos als Oberschlaumeier im Fernsehen inszenieren zu können. Weil das eigene kulturelle Kapital zu karg ist angesichts eines erweiterten Horizonts der Möglichkeiten.

Und das Ganze in einem gesellschaftlichen Feld, dem Fernsehen, wo redigiert und unterdrückt wird wie sonst nirgends. Ach, doch, in Großverlagen. Möchte den freien Autor sehen, der Herr diLorenzo “Zensur” vorwirft, wenn der Themen vor gibt und Texte redigiert.

Das ist geradezu lächerlich ist, dass nun in solchen Institutionen aktive Protagonisten sich als Vorkämpfer der Kunstfreiheit gebährden. Wo alles Avancierte wenn überhaupt in den Randbereichen von ARTE und 3Sat noch Raum findet und ansonsten eine sozialpädagogische Biederseeligkeit à la Tatort oder aber fortwährende Skandaliserungs- und Demütigungsorgie à la Dschungelcamp statt findet. Wo formatiert wird, bis alle kotzen und der Quotendruck die wirkungsvollste Art der Zensur darstellt wie auch der Fernsehrat, in dem unter anderem die Kirchen mit regieren. DA findet Einwirkung auf Produkte der Kulturindustrie statt, großkotzig, zynisch und zensierend. Es kann ja mal wer versuchen, dem HR Kunst zu verkaufen. Das Gelächter und Gelästere, das als Antwort aufbricht, wird sich kaum wer antun wollen.

Die institutionelle Ordnung halt, die Parade-Bildungsbürger wie Denis Scheck (oder mich, aber bitte nicht zu schwul) hochspült, den Marginalierten aber den Zugang versperrt – siehe Miles Davis – und zudem historisch auch noch im Kolonialismus gründet.

Ein gutes Beispiel ist die Familie Laeisz, die die Hamburger Musikhalle stiftete. Einer dieser Orte, wo sich Weiße die vermeindliche Überlegenheit ihrer “Kultur” wechselseitig vorführen. Diese Sippe  ist reich geworden mit dem Salpeterhandel, vornehmlich mit Chile. Was rund um die heute im Netz verklärten “Salpterfahrten”, die letzten Segler, vor Ort im postkolonialen Chile abspielte, das kann man hier nach lesen (unbedingt ganz):

“Die Salpeterarbeiter waren nach Iquique gekommen, um ihren Forderungen nach 
Gehaltserhoehung, menschenwuerdiger Behandlung und Gewaehrung einer 
Mittagspause Gewicht zu verleihen. Mit dem ,,Hungermarsch der 
Salpeterarbeiter” aus den Salpeterminen nach Iquique waren die Streikenden 
dem Ruf der Behoerden, die sie nach der Hafenstadt zitiert hatten, gefolgt. 
In Iquique erwarteten sie Heerestruppen und Marineeinheiten. Das Erdreich 
des geraeumigen Innenhofes der Schule Santa Maria war vom Blut der 
Massakrierten so sehr getraenkt, dass nichts darauf wachsen wollte. Erst 
nachdem das Erdreich einen halben Meter tief abgetragen und durch frische 
Erde ersetzt worden war, konnten Gras, Blumen und Unkraut wieder gedeihen. 
Die Salpetermagnaten britischer und chilenischer Provenienz luden den 
Praesidenten der Republik, Pedro Montt, nach der,,Niederschlagung” des 
Streiks zur Besichtigung der Salpeterminen und zu rauschenden Banketten ein.”

Damit wurde in Hamburg Kunst finanziert.

Herr Scheck könnte all das wissen, und die Druckfrisch-Redaktion auch. Aber sie sind zu borniert, zu ignorant und zu faul, sich mit Kunst mal ernsthaft auseinander zu setzen, und verteidigen stattdessen lieber mit Inszenierungen ganz in der Tradition des Präfaschismus – Belege finden sich dem oben erwähnten Ausstellungskatolog zuhauf, aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts – N-Worte in Kinderbüchern. So bewirken sie den Tod der Kunst.

PS: Eigentlich geht es im Hintergrund um eine unter Weißen intensiv seit dem späten 19. Jahrhundert, zugleich der Hochzeit des Kolonialismus wie auch der An- und Enteignung von Kunstformen der Kolonisierten in der bildenden Kunst (“Les Fauves”, die Masken in Picassos “Demoiselles d’Avignon”), geführte Diskussion, nämlich jene um die Autonomie des Kunstwerks insbesondere von dem, was unter Moral verstanden wurde.

Das ist eine natürlich hoch spannende Diskussion, die durch solche platten Interventionen wie jener Dennis Schecks aber gerade unterbunden wird. Weil der Focus rassistisch, im Sinne der White Supremacy, verschoben wird und somit in den Raum sozialer Kämpfe um Dominanz. Das eingehender zu diskutieren erfordert freilich noch viele, andere Texte.

Zurück auf die Schulbank, Herr Kasten!

Eigentlich ist ja ermüdend, aber das gehört ja zum Spiel, dass DIE die Themen vorgeben, auf die man dann in ständiger Abwehrbereitschaft reagiert – außerdem ist es erstaunlich, wer in Deutschland so alles eine Professur erhält. Ebenso dass, trotzdem allseits der beeindruckende und großartige Brief einer 9-jährigen allerorten kursiert, DIE ZEIT nicht müde wird, alternde weiße Männer zu befragen, was es denn nun mit dem N-Wort auf sich habe.

Herr Professor Kasten konfektioniert und manipuliert aktuell auf der Internetpräsenz dieser nicht mehr kaufbaren weißnationalen Propaganda-Postille außerordentlich fantasielos vor sich hin. Auf die Idee, dass es auch PoC-Kinder geben könnte, kommt er gar nicht, nein, stattdessen predigt er Exotismus für weiße Kinder (Achtung. Trigger-Warnung, N-Wort wie gerade überall in Deutschland in dem Interview):

“Kinder lechzen nach Andersartigkeit, das ist Futter für ihre Fantasie. Je weniger die Personen und Szenarien mit ihrem Alltag zu tun haben, umso intensiver setzen sie sich damit auseinander. Das liegt am Orientierungsreflex: Kinder richten ihre Aufmerksamkeit auf alles, was sie nicht kennen.”

Soll man da jetzt schlucken oder lachen? Bei meinem heutigen Weg in den Park mit Hund am Schulhof vorbei fragte mich eine Gruppe von Mädchen, PoC und weiß, ob sie mir etwas vorsingen dürften. Hörte sich gut an, und, wie das so ist beim Einüben in diese Welt, wollten sie danach eine Spende haben.

Und die kriegen per Kinderbuch das Evergreen geliefert “Einer von diesen Menschen ist nicht wie die anderen”, was als Gewaltakt einbricht in ein trautes und offenkundig einvernehmliches Miteinander.

Die standen da nämlich ganz einträchtig nebeneinander, anders als vermutlich im Walddörfer-Gymnasium oder in Othmarschener Schulen, und man kann sich sicher sein, dass da auch “Chinesen” auf dem selben Schulhof herum liefen. Was sollen denn solche Aussagen bitte bei einer Diskussion über das N-Wort? Natürlich sind Fantasiereiche toll. Aber wenn sie nur der Stabilisierung eh schon quälender Stereotype dienen bestimmt nicht pädagogisch wertvoll.

Würde Herr Kasten sein Fach adäquat vertreten, hätte er sich vielleicht mal mit der Psychologe der exotisierten “Chinesen” beschäftigt. Und mit jener der großartigen, 9-jährigen Briefschreiberin. Aber in Deutschland lehrt man wohl Psychologie exklusiv für Weiße und kennt auch nur deren Erleben.

Vielleicht beschäftigt er sich ja auch mal damit, dass es von außerordentlicher Fantasielosigkeit zeugt, dass in Märchen nie zwei Prinzessinnen happy ever after leben? Die Überschrift ist einfach grotesk angesichts dessen, was der redet. Das ist eine brutale Normierung, die in Kinderbüchern oft vorgenommen wird. So ein schwuler Harry Potter hätte mir das Leben tatsächlich erleichtert.

Er kommt auch gar nicht auf die Idee, dass es sich um Freiheitsberaubung handelt, wenn man mit N-Worten oder ähnlichem Vokabular hantiert, und dass die Erfahrungen einer großen Gruppe möglicher Leser weg zensiert werden. Während er ja von DIE ZEIT befragt wird. Wie wortreich die vermeintlich Zensierten gerade auf allen Kanälen quatschen – hätten sie recht, säßen sie im Knast. Oder würden zumindest nicht von unappetitlichen Gazetten wie DIE ZEIT befragt, wo es immer häufiger braun müffelt.

Freiheitsberaubung, weil der ganz alltägliche Flow des Lebens, Erfahrens, Fühlens von Menschen brutal unterbrochen wird, wenn die diskretierende, entmenschlichende Bemerkung fällt. Weil die Stigmatistierung einschränkt, lähmt, wütend und verzweifelt macht, verletzt und beleidigt und dadurch Handlungsfreiheit einschränkt.

Eine Freundin sprach treffend vom “Überschreiben von Erfahrung” – das ist so, als würde man (fiel mir eben ein, als ich den Text eines befreundeten Bloggers kommentierte) – ständig in die Küche der Nachbarn platzen und denen einen anderen Radiosender einstellen, aus dem sie beschimpft werden. Es gibt Tage, da schalte ich den Fernseher deshalb nicht ein, weil ich das ewige “Schwanzlutscher” und “Schwuchtel” insbesondere in US-Produktionen ausnahmsweise mal NICHT hören will. Achtet mal drauf. Ständig.

Nun also der groß angelegte Kultur-Kampf, dass man möglichst auch da wieder fortwährend dasN-Wort höre, wo die meisten Journalisten noch nicht mal geschnallt haben, dass “farbig” auch völlig daneben ist.

Mit Psychologen-Expertise.

Vielleicht sollte Herr Kasten seine Professur lieber an eine PoC-Vertreterin abgeben?

 

Edith: Viel besser als mein Text ist dieser hier: Mit den Kindern reden. Das meinte ich.

Mal kurz was zu “Zensur”

Es sei einfach mal ein nicht unbedeutendes Beispiel genannt:

“Mit der Rheinischen Zeitung hatten es die Zensoren besonders schwer, denn deren Journalisten waren sprachlich und juristisch sehr geschickt, ihre Botschaft in scheinbar harmlosen Texten zu verstecken. Die Leser waren wegen der strengen Zensur gewohnt, zwischen den Zeilen zu lesen. Manchmal fiel der gesamte Inlandteil der Zensur zum Opfer. So stand der “Französische Artikel” (der Anfang des Auslandteils) an erster Stelle und es musste zu einem Druck mit größerem Zeilenabstand gegriffen werden. Das behagte der Regierung nicht immer, weil die Gewalt der Zensur auch nicht zu offensichtlich sein durfte. Der Zensor Saint-Paul, der während der letzten zwei Monate für die Rheinische Zeitung zuständig war, praktizierte nach eigenen Angaben eine besondere Art der Zensur: Damit sich die Zeitung selber unbeliebt machen würde, verschonte er wissenschaftlich komplizierte Abhandlungen und Kritik an den Katholiken und an anderen Zeitungen von seiner Zensur.”

Es ließen sich andere “Vorgänge” aus dem Stalinismus, der DDR, südamerikanischen Diktaturen oder der McCarthy-Ära nennen. Pointe ist: Es gab da Staaten oder staatenähnliche Gebilde, die Menschen in den Gulag verfrachteten oder in Bautzen einsperrten, die sie folterten, unter Hausarrest stellten oder ausbürgerten. Die mit eindeutigen und nachhaltig wirksamen Zwangsbefugnissen ausgestattet Menschen zerstörten. Oder sie erst gar nicht leben ließen, was sie wollten: Die CDU weigert sich bis heute, die Opfer des §175 zu rehabilitieren. Der allseits gefeierte Papst war Chef der Inquisition. Mal davon gehört, was deren Historie war? Spanische Stiefel und so? Der hat auch die lateinamerikanische Befreiungstheologie platt gemacht.

In der DDR gab es beispielsweise die “Grünen Elefanten” – man baute z.B. in einen Songtext eine auffällig kritische Passage ein, um eine andere, nicht ganz so auffällige vielleicht durchzubekommen.

Jeder, der in den Medien arbeitet oder im universitären Kontext lehrt und veröffentlicht, weiß um die weichen Formen dessen, um sich ernähren zu können, weil man ja arbeiten gehen muss.Und weiß, dass man keine Aufträge bekommt oder nicht den Lehrauftrag, fügt man sich nicht in weiße, heterosexuelle und männliche Üblichkeiten und zudem noch denen einer Rationalität, die verdinglicht. Das ganze Fernsehprogramm folgt der Maxime “Möglichst keine Schwulen am Nachmittag, und PoC kommen wenn überhaupt nur zu Worte, wenn ein weißer Experte sie flankiert – es sei denn, sie reden über Musik oder kritisieren den Islam”.

Es ist in der bundesrepublikanischen Geschichtsschreibung auch unüblich, das KPD-Verbot in den 50ern unter “Zensur” zu verbuchen, die Berufsverbotspraktik der 70er Jahre oder den Fall Brückner.

Nun wären mir keine persönlichen Konsequenzen für Astrid Lindgren oder Ottfried Preussler bekannt, die von der “Gedankenpolizei” gegen sie ausgingen (Achtung, der verlinkte Text enthält ausgeschriebene N- und Z-Wörter, ist aber ansonsten derart köstlich und treffend, dass man ihn zitieren MUSS:)

“Gedankenpolizei: Sagenumwobener geheimer Arm der →Sprachpolizei. Obwohl noch nie gesehen und obwohl es unklar ist, wie sie operiert, gibt es keine Zweifel an deren Existenz. Einige vermuten, dass sich dieser Spezialtrupp erst in Ausbildung befindet und in der →Zukunft zum Einsatz kommen soll.”

“Sprachhygiene”, “Ende der Literatur”: Die Slogans sind ja gewaltig, die als Angstlustschrei aus weißen wie auch Kanack-Attack-Kehlen dringen.

Dabei ist der Unterschied zu denen, die mit “Grünen Elefanten” arbeiteten, doch offenkundig: Letztere wandten sich gegen tatsächlich Mächtige. Während das so unendlich Unangenehme bei den ganzen Leuten, die Rassismus für Kunst halten und ihn gar ganz unverblümt einfordern ist, dass sie sich einfach nur an die eh schon Herrschenden ran wanzen, so unter sich.

Eben an das weiße, heterosexuelle, männliche Dominanzschema, das im Literaturbetrieb, an Universitäten, in Massenmedien sowieso regiert.

Es ist ein so maßlos billiger Trick, nun ständig die Übermacht und Reglementierungsbefugnis von Leuten herbei zu imaginieren, die abgeschoben werden und Racial Profiling ausgesetzt sind, die keine Chance auf bestimmte Jobs haben, die außer Alice Schwarzer so gut wie gar nicht auftauchen, aber als “Feminazis” angeblich ein Horror-Regime wie jenes der chinesischen Kulturrevolution etabliert haben. Oder die von der größten Regierungspartei fortwährend verfassungswidrig Rechte aberkannt bekommen. Das eint Schwule, Lesben und Hartz IV-Empfänger. Jene im Abschiebeknast oder die, die im Mittelmeer ertrinken, trifft es am härtesten.

Das ist alles so Mario Barth: In Deutschland lacht man ja nicht über Satire. Die reibt sich nämlich an denen, die was zu bestimmen und verfügen haben. Nee, denen kriecht man in den Arsch und feiert sie auf dem Boulevard – bis sie ihre Macht schon verloren haben. Dann tritt man rein mit sadistischer Wucht und unverhohlener Frauenfeindlichkeit wie im Falle Bettina Wulffs..

Aber so genannte “Randgruppen” zu erniedrigen, fortwährend,  das gilt als wahnsinnig komisch, es lebe der Polenwitz, was war der Schmidt doch sophisticated, HARHARHAR – und das Ganze noch als Menschenrecht zu behaupten ist die bittere Pointe. Um es noch mit diesen typisch deutschen Sprüchen “Jede Minderheit hat ein Recht darauf, dass man sich über sie lustig macht”, zu garnieren. Sehr witzig. Mach Dich mal über die Mehrheit lustig und warte ab, was dann passiert …

Und dann liest man prototypisch bei Facebook, dass mit dieser “Sprachpolizei” zu kommunizieren ja sei, wie mit Nazis zu reden.

Ein wenig historische Aufklärung: Die realen Nazis zwangssterilsierten die so genannten “Rheinlandbastarde” unter lustvoller Verwendung des N-Wortes, ergänzt durch “Rassenschande”. Das ist der Sprachgebrauch der KZ-Wärter, der hier zur Disposition steht. “Die schwarze Schmach” war allerdings auch ein Slogan in den 20er Jahren.

Zensur? Breiten Bevölkerungsschichten war es verwehrt, ihre eigene Sprache zu sprechen – die Kolonisatoren verboten es ihnen. Die Nachfahren der Maya sind drum begeistert dabei, sie nun wiederzuentdecken. Cassius Clay nannte sich Muhammed Ali, weil er keinen Sklavennamen tragen wollte. Sklaven, denen es lange Zeit tatsächlich verboten war – die Strafen waren keine minimalen Änderungen in einem Buch, sondern weit drastischere, auf den Plantagen Schimmelmanns, nur einer von vielen dergleichen, denen Hamburg seinen Wohlstand verdankt, wurde Flüchtigen kurzerhand das Bein abgehackt – ZU SCHREIBEN. Selbst, ob man die mittels N… Verunglimpften überhaupt lesen lassen sollte, war hochumstritten.

Und da krakelen irgendwelche Kartoffeln von ZENSUR? Ihr habt sie doch nicht alle beisammen.

Es gab ja durchaus durchgängig scheiternde Versuche, ähnlich wie im Falle von “schwul” eine Positivumwertung des N-Wortes vorzunehmen. Mal ab davon, dass man nur auf Schulhöfe zu lauschen braucht, wie nachhaltig dieser Versuch im Falle von “schwul” wirkte – was für Protagonisten das waren, das kann man hier nach lesen. Der Unterschied ums Ganze ist halt, dass von den Rassismus Betroffenen SELBST diese Versuche unternommen wurden und das Wort einen fundamentalen Bedeutungswandel erfährt, je nachdem, von wem es verwendet wird, von einem Markierten oder einem Unmarkierten. Begriffe, für es kein Äquivalent mit ähnlicher Konnotation für das jeweilige Gegenstück – “weiß” -gibt, sind immer, mal harmlos geschrieben, “Othering”. Die Abweichung von der machtvollen Norm wird bennant. Es gibt keine Äquivalente für “Schwuchtel”, auf Heterosexuelle bezogen, im allgemeinen Sprachgebrauch. Habe noch keine 15jährigen auf der Straße “Scheißhete” schimpfen hören. Die sagen “F …”. Oder “Schwuchtel”.

Und der Unterschied ist zudem der, dass z.B. die Auseinandersetzung Frantz Fanons mit dem Thema hier eben NICHT jedem 14-jährigen in die Hände gedrückt wird, der zuvor “Die kleine Hexe” vorgelesen bekam. Dessen “Schwarze Haut, weiße Masken” wird noch nicht mal mehr auf deutsch verlegt, dabei erzählt schon der Titel eine wichtigere Geschichte als all die Traktate im Feuilleton derzeit. Es wird wieder annähernd durchgängig unter Weißen gequatscht oder aber deren Perspektive eingenommen. KEIN Rekurs auf eine nun auch seit der Harlem-Renaissance und “Dekolonisierung” höchst vitalen Tradition. Kennt hier jemand James Baldwin? Wegen Westbindung und so?

Um all die PoC, die was zu dem Thema zu sagen haben, wegzuzensieren. Die lässt man nämlich keine Leitartikel schreiben. Die müssen ihr Geld anders verdienen, und wenn sie Glück haben, dürfen sie eine Pop-Show moderieren.

Manche – “wo kämen wir denn da hin?” – kommen immer mit dem “dann kann man ja gar nichts mehr sagen” um die Ecke, wenn sie z.B. von “Hirnamputierten” schreiben und man darauf verweist. Der ganze Ableismus in der Sprache ist ja auch wenig diskutiert, und Hirnamputationen nahm man an Schwulen vor, die wurden nämlich lobotomiert.

Kann ja vielleicht gar nicht schaden, das mal fest zu stellen, in was für einer Welt man sich bewegt und vorübergehend zu verstummen. Sprache ist eben nicht neutral, in ihr bilden sich gesellschaftliche Verhältnisse ab – Hierarchien, Machtkonfigurationen, Abwertungen. Auch wenn viele das nicht wahr haben wollen.

Gute Literatur bricht und reflektiert das, macht es zum Thema. Da fängt sie an. Da hört sie nicht etwa auf.

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