Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Keine Ahnung

Zwischenruf zum “Hipster”-Geschwätz – back to Jazz!

Es gab Tage, da galt Popkultur noch als subversiv und der Hipster als Avantgarde dessen, was dominante, kulturelle und ökonomische Strukturen zu unterlaufen vermag – das war vor allem die Diskussion der frühen 80er, als Autoren wie Diedrich Diedrichsen diskutiert wurden.

Bei Bands wie Tocotronic (deren aktuelles Album zeigt, was entsteht, wenn Leute von Hamburg nach Berlin gehen: Großer Mist) und deren Anrennen gegen Vorstellungen von Authentizität wirkt dieses nach – Pop wurde als dekonstruktiv-konstruktive Praxis begriffen, Zuschreibungen zu entkommen, indem das Artifizielle und auch Sterotype reflektiert und transzendiert wurde ganz im Sinne Andy Warhols und oft mit Mitteln des Camp. Und es, wie bei gutem Pop immer, trotzdem in individuellem Ausdruck aufzuheben. Und wie genau das z.B. Boy George machte oder auch die “Rocky Horror Picture Show”, das beeindruckt mich bis heute.

Was dabei freilich zumindest im Kneipendiskurs des Subito, hamburgische Hipster-Kneipe in den 80ern, heute Fischladen, und analoger Orte weitestgehend ignoriert wurde, gerade in Deutschland und trotz Rezeption von House-Music, die dem Postpunk-Szenarion mit bewährten Hipness-Methoden den Garaus machte, ist die Begriffsgeschichte von “Hipster”.

Wie das funktioniert, belegt heute vortrefflich die taz:

“Für Norman Mailer war der Hipster ein amerikanischer Existenzialist, der ein Leben umgeben vom Tod lebt – nachzulesen in seinem Essay „The White Negro“. Was ist von dieser Assoziation geblieben?”

Was ist das “N..” im Titel von Norman Mailers Essay geblieben? Das steht da mitten im Text und wird ignoriert.

Das macht doch einigermaßen fassungslos, dass nun dieses hochumstrittene und von schwarzer Seite zu recht harsch attackierte Pamphlet Mailers Mehr von diesem Artikel lesen

Metalust bei Facebook!

Mein Blog hat da jetzt auch eine nach außen sichtbare Präsenz – “Fansite” heißt das, glaube ich zumindest. Enjoy it!

Lustvoll jauchzen

Es heißt ja immer, Mensch solle seinen Feinde Liebe schicken … und in der Tat vergiftet Mensch sich in diesen ewigen Schlachten rund um Anerkennung und dominante Kultur selbst.

Dann wache ich morgens auf, will das Motto mal ausprobieren, denke, was kannste ihnen mal Schönes wünschen. Worauf hättest Du gerade Lust? Scheiße, keiner da. Ach, wünsche ich das doch, da lernt MANN Hingabe, sich öffnen, sich führen lassen, passiv sein dürfen, sich Gutes tun lassen … bitte, was ist denn das für ein Weltbild, das davon ausgeht, eine Vergewaltigung könne Genuss und lustvolles Jauchzen hervor bringen? Meines ist das nicht. Da muss beim Leser aber schon einiges voraus gesetzt sein in der eigenen Sicht zwischenmenschlichen Verhaltens, auf so eine Idee zu kommen …

Wobei virtuelle Freundinnen und neue Weggefährtinnen, mit denen zu kommunizieren mir sehr gut tut, mich darauf hin wiesen, das könne an diese Sprüche erinnern, die Lesben sich immer anhören müssen “Die muss nur mal ordentlich gefickt werden …”, und das stimmt. Dafür sorry. Es stimmt auch, dass man niemand wünschen solle, was der nicht will – ich dachte, auch das durch genuß- und lustvoll ausgeschlossen zu haben. Das tut mir dann leid.

Aber es sei bitte trotzdem zur Kenntnis genommen, dass Arschfick für mich wirklich was Schönes ist, was auch mit Besonderheiten der männlichen Anatomie zusammen hängt. Und dass ich, gerade mal wieder eimerweise mit Häme gegen Schwule, Feministinnen und Antirassisten überschüttet, wohl unbewusst das Bedürfnis hatte, darauf zu verweisen, dass Arschficker wie alle Menschen was sehr Schönes und Liebenswertes sind, die Sachen miteinander machen, die Spaß machen. Die genießen und lieben könnten, wenn  man sie denn nicht ständig mit Mist überschütten würde, und gerne mal lustvoll jauchzen. Schwanzlutscher auch.

Und der Herr, der gemeint war, kann sich ja  dann ersatzweise was anderes Schönes vorstellen und das dann erleben. Das wünsche ich ihm hiermit. Vielleicht mutiert er dann ja plötzlich zu einer wundervollen Person, die es nicht nötig hat, die Wut Diskriminierter in den Kontext von RAF und Nationalsozialismus zu stellen, wie es bei der Neuen Rechten so üblich ist …

Das verweist auf etwas anderes: Habe gerade recht fasziniert über die “Giraffen und Wolfssprache” gelesen. Weil ich ja Experte im Wölfisch bin, was kein Wunder ist, wenn man aus mindestens zwei Minderheitenpositionen – irgendwie Intellektueller, das ist nicht in jedem Fall die dominante Position, und schwul – ständig wölfisch angegangen wird.

Mensch rennt dann irgendwann mit nach vorne verlagerten Schultern, eingezogenem, vorgestreckten Kopf durch die Gegend, mit hängendem Mundwinkel und wachsamen Blick, weil Mensch stets auf den nächsten Schlag gefasst sein muss. Ein Körperpanzer bildet sich, Verspannungskopfschmerz ist häufig, und die nächste Attacke kommt ja auch, sobald man sich zeigt. Dann wird in St. Pauli-Blogs gegen Leute, die Habermas lesen, polemisiert, keine Ahnung, was für ein Bedürfnis sich dahinter verbirgt – und prompt ist man wieder im Wölfischen. Das steht ja nicht am Anfang.

Die Erkenntnis dieser Giraffensprache ist ja, dass hinter all dem Gezeter und Gekeile eigentlich ganz verständliches Bedürfnis stünde – z.B. jenes, nicht alle Nase lang mit Heternormativität konfrontiert zu werden, sondern einfach mal so sein zu dürfen, wie man empfindet und lieben und begehren will und dieses Begehren als etwas Schönes zu verstehen. Das ist ein langer Weg dorthin, Um dann jedes Mal einen Shitstorm zu ernten, wenn man das artikuliert.

Welches Bedürfnis steckt nun aber bei denen dahinter, die zumeist ungewollt mit Hate-Speech-Bildern operieren? Gibt es nicht auch wölfische Bedürfnisse? Ich meine, ich würde gerne giraffisch sprechend durch Lebens ziehen und habe irgendwie das Gefühl, man lässt mich nicht …

#Abitreffenganzvielejahrespäter

Standesgemäß empfing mich der Tag im Park mit den Worten “Du Fotze!”, “Du Schlampe!”, “Fettbacke!”.

“Mimose” und “Memme” fehlten ebenso wie “Schwuchtel” – zu meinem Erstaunen. Ein offenkundig prügelerprobter weißer Herr mit Vollbart und Brille um die 40 mit kleiner Frau an der Hand stieß die Beschimpfungen aus, da ich des Delikts schuldig war, eine Zigarettenkippe ins tiefe Gebüsch geworfen zu haben. “Arschlöcher, die ihren Müll in den schönen Park werfen!” Solche wie der agieren aber auch nur aus, was andere Benimmexperten denken.

Schwer verkatert und mit Wut gefüllt wegen nächtlicher Aussagen – “ICH HÄTTE AUCH DICH ANS MESSER GELIEFERT!” – hastete ich jedoch, ganz Memme und Mimose, weiter durchs Grün, ohne mich zuvor noch verprügeln zu lassen.

Verschwitzte Fahrt im ICE – gab Zeiten, da ich diese Strecke jedes zweites Wochenende zurùck gelegt hatte. Erste emotionale Echos aus den Vorzeiten meiner seelischen Entwicklung stiegen auf und verkündeten Zwiespältiges: Während die Anderen Blues tanzten oder bei “Wahrheit oder Pflicht” knutschten, saß ich meist nur daneben, las lieber die Expressionisten und ihre Gedichte, als mich dem allzu oft auszusetzen. “Deine Schlankeit fließt wie sanftes Geschmeide” durfte ich ja nicht sagen oder gar anfassen, deshalb dankte ich Else Lasker-Schüler dafür, dass sie es schrub. Ja, so plump entstehen Subjektivitäten. Ich freu mich jetzt schon auf den Kommentar, dass der Dicke mit der Brille aus der Nachbarklasse doch auch immer keine abgekriegt hat.

Die U-Bahnfahrt in die Vorstadt hatte von ihrer Tristesse Mehr von diesem Artikel lesen

Gemischte Gefühle … Auferstehung oder hinweg siechen?

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(Dieser Eintrag muss schon aus dem schlichten Grund geschrieben werden, dass dieses unsägliche Astra-Poster bei der vom Dienst renovierten iPad-Ansicht meines WordPress-Blogs mich nicht gleich 3fach anspringt)

Morgen Raul gucken gehen. Einen Weltstar sehen. Einen, den man bewundern muss. Will trotzdem keines seiner Tore anschauen müssen.

Morgen hoffen, dass Ralph Guneschs Schlachtruf “Wir müssen das wie Pokalspiele angehen!” Wirkung zeigt. Dass das Underdog-Feeling wieder anstachelt anstelle der – wahlweise – Freude über oder Enttäuschung angesichts fehlender Augenhöhe. Das dieser Frust nicht mehr das Spiel der Mannschaft wie auch das Feeling auf den Rängen bestimmt. Gerade WEGEN der Verletzungsmisere können wir doch befreit losackern und es den Großen zeigen! Dass punkige Drecksackhaftigkeit, Funk-Feeling, Shanties und tiefer Soul der Mannschaft wieder zu diesem Spirit verhelfen, der St. Pauli zu St. Pauli macht. Das Lachen über sich und ein Zelebrieren des Trotzdems sollen achen, krachen und hachen und dieses Grablegungsgefühl, das letztes Mal zumindest auf der Haupttribüne griff, vertreiben. Dieses Sichsosichersein möge sich in Luft auflösen, dass es eh ab der 80. Minute irgendwann bei uns klingelt, es soll Mannschaft und Ränge verlassen wie ein ausgetriebener Dämon. Ich will Voodoo spüren! Magie!

Obgleich mir dieses seltsame Gefühl, das mich beim letzten Spiel beschlich, diese Ahnung, da würde nur noch parodiert, was uns auszeichnet, noch tief in den Knochen steckt. Auf der alten Haupttribüne hatte ich das nie. Auf der neuen infizierte es mich schnell, sobald sie stand. Der Jolly Rouge hat es zeitweise vertrieben, doch liest man die Interviews mit Herrn Meeske, so will der ja, stellvertretend, dass mich die angreifen und sie an mir nagen, diese gemischten Gefühle, bevor ich in das Stadion gehe, das seit 10 Jahren mein Zuhause ist.

Über die rege, umfangreiche und sehr intensive Teilnahme an dem Bloggerprojekt habe ich mich wahnsinnig gefreut; auch, dass in so vielen grundsätzlichen Fragen fast alle sich so einig waren. All die spannenden Erlebnisberichte, Biographien, Perspektiven! Freu mich auch drauf, morgen vielleicht mal mit dem Lichterkarussell, hoffentlich mit dem Magischen FC anstoßen zu können, und die mittlerweile schon so vertraute Blogger- und Twitterer-Runde nach dem Spiel ist eh eine ungeheure Bereicherung.

Trotzdem, man muss es anmerken: Eine Frau, eineinhalb Schwule und ansonsten mutmaßlich weiße, heterosexuelle Männer machten mit. Oder irre ich? Und die Musealisierung dominierte deutlich die zukünftigen Perspektiven, bei aller Begeisterung über die tollen Texte. Fast alle schienen sich einig zu sein, dass im Geiste des Jolly Rouge weiter St. Pauli-Geschichte geschrieben werden müsse. Aber wie, da war eher wenig Konkretes dabei.

Am kontroversesten ist wohl das Ultra-Thema; zugleich für mich spannend, weil ich diesen intensitätsorientierten, latent literarisch sich zeigenden Outlaw-Entwurf höchst inspirierend finde. Dass freilich inmitten derer nunmehr die tradierten Männlichkeitsvorstellungen, die gewaltgesättigt Homophobie und Sexismus gleichermaßen bedingen selbst da, wo die Protagonisten das gar nicht merken, sich zu etablieren suchen, mag im gesellschaftlichen Feld Fussball nicht überraschend sein, und gut ist, dass es so kontrovers diskutiert und dagegen angegangen wird. Erschrocken hat es mich trotzdem. Weil das ja nicht die Zukunft des FC St. Pauli sein kann.

Aber was ist sie?

Hoffentlich keine Niederlage gegen Schalke morgen. Sondern die Auferstehung aus dem Geiste der Rebellion mit SINN und INHALT – gegen Geldsackhaftigkeit und andere Entwicklungen, zu denen bedauerlicherweise auch und gerade Schalke nachhaltig beigetragen hat.

Asa kann da nix für. Den feier ich morgen. Komme, was da wolle oder solle. Je nachdem.

Spieler und Publikum auf den Rängen, es liegt in unserer Hand, ob es will oder ob es soll.

Der 27. Spieltag eines inaktiven Fans

Im Forum wird gemutmaßt, Stani könnte zur IG Farben wechseln wollen. Also zu Bayer Leverkusen. Die Historie solcher Konzerne sollte ja nicht beschwiegen werden. “Wirtschaftwunder”: Auch so ein Witz aus der neudeutschen Mythologie.

Und ich weiß noch nicht mal, ob ich das schlimm fände, wenn er wechseln würde …  man kann auch tief empfunden “Danke!” sagen und trotzdem los lassen … man munkelt, manche hätten Angst, zur Außerordentlichen Mitgliederversammlung im Sinne der Sozialromantiker aufzurufen, weil Stani sich  ja aufregen könnte. Vor dem Spiel in Frankfurt kündigte er an, man wolle sich dort “belohnen”. Wofür eigentlich?

Nein, es kann nicht darum gehen, mangelnde Erfolge zu beklagen – vielmehr stellt sich doch die Frage, was als Erfolg zu werten ist. Warum war der Derby-Sieg einer? Weil es der erste nach 33 Jahren war? Nein, weil wir nie so werden wollten wie der HSV, sondern in Abgrenzung zu solchen 5. Kolonnen der umsatzstarken Großmannssucht und alles aufsaugenden Kapitalstrudel uns neu erfanden. Ich zähl mich als einer, der erst 2000 erstmals ins Stadion ging, da dreist mit zu. Lebe lange genug ums Stadion herum, um als Teil dessen mich zu fühlen, was auch ins Millerntorstadion schwappte.

Das Stuttgart-Spiel saß mir noch in den Knochen. Ich habe so vieles als so abgrundtief verlogen empfunden. Jeky hat großartig dieses Gefühl fort geschrieben; die Diskussion dort erschütterte mich ein wenig. St. Pauli lediglich als Geschichte des linken Widerstandes verstehen, aber schwule Pornokinos ausklammern? Kein Wunder, dass die Szene nach St. Georg abgewandert ist. Das Abstreiten spezifisch weiblicher Perspektven? Auch so entreißt man Frauen die Möglichkeit, als potenzielles Sexismus-Objekt exakt diese Erfahrung artikulieren zu können, ohne dass ein Heteromann da rein quatscht und als Hüter des Allgemeinen neues Terrain annektiert.

“Lass uns lieber über Fussball und Abstiegskampf reden” steht da. Ja, tun wir doch! Weil unter all den Oberflächen die Normalisierung droht. Und zu diesen Oberflächen gehört auch, nach jedem Spiel wie Matthias Lehmann sich hinzustellen und “Wir waren das bessere Team!” zu behaupten. Weil man sich gerade wieder mit einem 1:2 belohnt hat.

Sich einzureden, in der 1. Liga prima mitzuspielen, anstatt sich zu vergegenwärtigen, wofür man steht, kann nur in Niederlagen münden. Und Stani macht den Eindruck, als sei er in die Liga seiner persönlichen Inkompetenz befördert worden. Die Einstellung stimmt offenkundig nicht, die Konzentration nicht, und Last Minute-Tore sind eben auch ein Zeichen mangelnder Fitness.

Was alles scheißegal wäre, wenn sich auch nur irgendwas Kämpferisches, Unangepasstes, wirklich Rebellisches im Spiel äußern würde. Ging ja oft genug als Haltung. Wenn nur das Underdog-Gefühl sich hinter all den Business-Seats und Logen wieder finden ließe. Dieser Stolz darauf, aus geringeren Mitteln mehr zu machen. Nein, man strebt ja “Augenhöhe” an. Und verschwindet in dem Bedürfnis nach Verwechselbarkeit.

Wo isses hin, dieses Gefühl, diese Haltung, der Kleine zu sein, der den Großen ans Scheinbein tritt, bis sie umfallen? Man kann sich auch so weit normalisieren, dass es verschwindet … da muss man sich nur Gernot Stenger angucken. Der strahlt das aus, diesen Wechseln aus devotem Schleimen und angepasster Juristerei – doch wenn sich etwas widerständig gibt, geht er zur Attacke über und wittert beim “Jolly Rouge” gleich Blut. Wegen solcher werden wir absteigen, nicht wegen der Sozialromantiker. Weil sie für alle gesellschaftlichen Lügen gleichermaßen stehen, während sie höhnisch ausrufen, dass Plakate gegen die GAL ja “toleriert” würden, obgleich die doch mit Fussball nichts zu tun hätten. Wer nicht kontextualisieren kann, nivelliert die Welt noch unter sein Niveau. Und verliert.

Der Spieltag begann bei wundervollem Sonnenschein im Park. Mein Wauwau spielte herzig mit einer charmanten Hundefreundin, der ein “St. Pauli”-Tuch umgebunden war. Planten & Blomen breitete so schön sich aus, weil man überall die Keime der Zwiebelblumen durch altes Laub stoßen sah. Ein Noch-Nicht der hoffnungsvollen Art wogte als Gefühl über die Beete.

Ein Idiot versperrte mir den Weg, packte mich doof an, und das, weil ich einfach geradeaus weiter gehen wollte. Sie seien von einer Medienakademie und würden gerade einen Werbespot für die “HSV Blue Devils” drehen. In meinem Park! Beim Filmteam war einer mit St. Pauli-Mütze dabei. Ich ging weiter. Mir doch egal. Sollen sie ihren Dreh doch unterbrechen. Dass dieser Arsch sich legitimiert fühlte, für so einen medialen Dreck (ich weiß, wovon ich rede) mich auch noch mit Körpereinsatz zurück halten zu dürfen, spricht Bände: Wo die Kamera ist, ist es wichtig. Von wegen!

Ich ging einkaufen, legte mich eine Runde hin. Auch beim Mittagsschlaf kann man verschlafen – ich erwachte 16.30 h. Gucke bei Twitter, im Forum, im Ticker. 1:1. Tenor überall gleich: Grottenkick, kein Engagement. Das 2:1 fällt. Klicke alles weg und beantworte hier im Blog lieber Kommentare. Der Spieltag eines inaktiven Fans.

PS: Und warum zu alldem ein verfremdetes Bild der Stonewall-Riots? Ja, warum wohl?

“Es war eine Zeit, in der die Zukunft noch schön war und nicht nur später”

“Es gab einmal eine Zeit, da musste man übers Rauchen nicht streiten. Es war die beste Zeit. Die Raucher Jean-Paul Sartre, Ernst Bloch und Hannah Arendt lebten und dachten noch, Juliette Greco sang in Pariser Kneipen und Jean Seberg drehte dort “Bonjour Tristesse”, der Raucher Jean-Paul Belmondo war jung, die Raucher Fidel Castro und Ernesto “Che” Guevara machten die Revolution sexy, das Rat Pack rauchte, trank und sang, der Raucher Erik Ode war “der Kommissar”, die Raucher Ernest Hemingway und Heinrich Böll bekamen den Nobelpreis, die Raucherin Ingeborg Bachmann schrieb einige der besten Texte der deutschsprachigen Literatur, die Raucher Brecht, Benn und Frisch schrieben den Rest, der Raucher Willy Brandt wurde Kanzler, und Deutschland war geteilt. In den Fernsehstudios der Bundesrepublik durfte rauchen, wer wollte, statt Wasser gab es dort noch Wein und die Gedanken waren auch besser. Es war die Zeit, in der die Menschen sogar auf dem Mond landeten, und der Westen freier war, denn je. Es war eine Zeit, in der die Zukunft noch schön war und nicht nur später.”

Ich habe mir gerade ein Marianne Rosenberg-Album von 1991 herunter geladen. Ein grauenhaftes Machwerk. Fürchterlich produzierter Pseudo-Pop. Ich musste es hören. Jetzt. Unbedingt jetzt.

Eigentlich wollte ich in die Vaccines lauschen. Aus Pflichtbewusstsein. Man muss sich ja auf dem Laufenden halten, während in Libyen und in Japan. Während diese Parallelzeitigkeiten im eigenen Hirn kollabieren. Die ganzen Texte, Slogans, Demo-Bilder aus den späten 70ern aufploppen und so seltsam gegenwärtig scheinen. Dass damals die Thesen des “Club of Rome” zu den Grenzen des Wachstums jeder kannte. Man sieht das Klassenzimmer im weiträumigen Waschbeton-Bau vor den geistigen Augen, es schwirren Erinnerungen an “So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen” von Jutta Dithfurths Vater wie Fliegen um Kadaver.

Ein Lehrer namens Gustav mit Langhaarfrisur, aber Pony, glattes Haar, hing wie Spaghetti, darunter ein breites Grinsen, das wie zahnlos wirkte. Kiffer. Plötzlich dringt Ernst Blochs “Noch-Nicht” in das eigene Hirn ein. “Das Prinzip Hoffnung” lehrte er gerne. Passagen über Meister Eckhardt. Es war die Zeit, da das “Noch-Nicht-Seiende” die Form der Dystopie annahm. Jegliche Fortschrittshoffnung lag in den Akten sozialdemokratischer Fortschrittsverwalter begraben, die sich dank Berufsverbot und Helmut Schmidts NATO-Doppelbeschluss endgültig diskreditiert hatten. In Otto F. Walters “Wie wird Beton zu Gras”, ein damals deutlich im Trend kreierter Titel, lernte ich erstmals was über die Macht der Wirtschaft, ich war ja jung. Und dieser evangelische Psycho-Brei, der aus den Stamokap-Theorien geworden war, hatte wenig mehr zu sagen, als dass es toll war, dass der Dompteur im Zirkus Roncalli mit den Löwen kuschelte, anstatt die Peitsche zu schwingen. Was ich ja bis heute nicht falsch finde. Obgleich Hans-A-Plast, Rotzkotz und Ideal meinen Plattenschrank bevölkerten, “Zurück zum Beton” als Slogan verstand ich erst später. “Graue B-Film-Helden regieren jetzt die Welt, es geht voran!” begriff ich sofort.

Sartres “Die Zeit der Reife” wurde zu meiner Bibel, da wollten sich Schwule selbst kastrieren und Katzen ertränken, ließen aber beides bleiben. Philosophielehrer schwängerten Gefährtinnen und suchten “Engelmacher”, obgleich die Fruchtbare doch das Kind wollte, und hinreißende Jünglinge hatten Affären mit Nachtclubsängerinnen. Der einzig vernünftige war der Kommunist, aber den fand ich langweilig. Trotzdem kaufte ich Frosch-Putzmittel und fühlte mich ein paar, so 6-7 Jahre später, bestätigt, als Tschernobyl “passierte”. Erinnere mich an eine Fahrstunde damals, kurz vor dem Abitur, da ich panisch nach deren Ende wie so viele durch den Regen hastete, weil ich ja nicht wusste, was drin war. Kurz darauf fing ich mit dem Rauchen an; ich langweilte mich im Zivi-Zimmer bei der Rundumdieuhr-Betreuung und kaufte mir eine Schachtel roter LM.

“”Hast Du mal Feuer?” Rauchen verbindet, hebt Distanzen auf, zwischen Menschen, zwischen Klassen, zwischen Geschlechtern. Raucher teilen, keiner verweigert dem anderen die Zigarette – außer vielleicht bei der allerletzten. Und keiner mit ein bisschen Anstand und ein bisschen Geld schnorrt sie nur bei anderen.”

Ich las Camus, “Der Fremde”, stand an einer Landstraße in der Nordheide, Luft schnappen, und fühlte mich unendlich frei. Ich lernte Begehren und hatte Liebeskummer zu, ja, Marianne Rosenberg. Er war so sexy, aber ich diente nur als Aushilfslover, weil der eigentliche in Leningrad auf Austausch weilte. Der war in der DKP und lief rum wie ein Nazi-Psych. Als er zurück kehrte, war ich abgeschreiben.

Ich konnte nicht mehr schlafen, stand nachts auf, trank dann ein bisschen und manchmal auch mehr billigen Ballantimes, um wieder einschlafen zu können. Ich bekam Augenringe, er wollte weiter befreundet bleiben, saß da, auch weiterhin, auf meinem Sofa rum, vor dem ich zuvor vor ihm gekniet hatte, und ich wusste doch, was er mit mir zu machen in der Lage war – und durfte nicht mehr wollen. Eines Abends saßen wir im Dschungel, da war der noch auf der anderen Straßenseite. Im Halbdunkel war sein Mund noch, also … ich stand auf, sagte “Viel Spaß noch im Leben!” und ging.

Dieser Text hat keine Pointe. Ich habe heute gelesen, dass die 20-50 Helden in Fukushima, die da rum daddeln, dass es nicht noch mehr knallt, vermutlich Arbeits- und Obdachlose sind. Und habe keine Lust mehr, täglich zu lesen, ich hätte keinerlei Emphatie für die Tsunami-Opfer. Und Libyen. Und Libyen.

Ich habe Erinnerungen. Ich habe noch ein klein wenig an der Zeit schnuppern dürfen, dann, wenn mein Vater Stuyvesant rauchte, als man das “Noch-Nicht” im Sinne des “Prinzip Hoffnung” erlebte. Und Marianne Rosenberg singt hier gerade zu schrecklichen Synthie-Sounds “Wo schläfst du …”. Gräuslich. Ich brauchte sie. Brauchte sie jetzt.

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