Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: iMins

Etwas ausmalen: Liegen lernen

Nee, eben nicht. Also nicht “sich etwas ausmalen”. Was da ausmalt, weiß ich ja auch nicht, während Finger über Glasplatten und Tastaturen huschen und dieses verflixte Verhältnis von Form und Inhalt fortwährend neu erkunden. Da sind zwar die Finger, während man mit neuen Möglichkeiten dilettiert, rum probiert, wie eben alles Leben ein dilettantisches Rumprobieren ist, tapsig, unbeholfen und doch irgendwohin – aber selbst beim Malen mit Fingerfarbe gewinnt die feuchte Masse ihr Eigenleben und malt selbst aus. All der digitale Kladderadatsch, der nunmehr Möglichkeiten auslotet, was der erst hervor treibt, Hallelujah. Manchmal unterschätzt man ja als alter Sack, wie viele Synapsen bei Jüngeren von der Kenntnis dieser sich teils selbst generierenden Sprachen geformt sind.

Inwiefern jedoch konstituiert sich der Subtext, das, worauf man reagiert, während man liest, wenn ganz im Luhmannschen Sinne autopoetisch Sprache sich generiert und formt inmitten als der Statusse (?Stati?), der 140 Zeichen, der Blogeinträge, der Kommentare? Wie und wieso erfasst man das auch emotional?

Früher, ach, ja seufz, da hätte ich das oben mit Kopierer, Textmarker und Kugelschreiber gebastelt, vielleicht noch Lackstift, ganze Kunstformen mit goldenem Lackstift und schwarzem Papier haben wir zelebriert und inszeniert, um in jedem Brief das Besondere, die Mühe und Wertschöpfung für’s Du zu demonstrieren, und die Mixcassetennhüllen, die sahen auch so aus – man sah an Schrift und Dynamik das Befinden des Gegenübers. Okay, das kann man hier auch lesen, sehr stolz bin ich ja drauf, welch Emotionalität mir regelmäßig attestiert wird, wo einst mir doch immer vorgeworfen wurde, wie kontrolliert ich sei :-D … Und die Emoticons gibt es auch. Die verwirren aber, weil man all die Zwischentöne realen Lächelns da hinein lesen kann.

Na, ein bißchen lernt man halt doch dazu, wenn man beim Bloggen Wüten übt. Zudem ich seit der Anschaffung von iPad und iPhone häufiger auf dem Rücken liegend schreibe; man schreibt dann anders, ganz, wie Wut sich anders fühlt, je nachdem, ob man liegt oder steht oder sitzt.

Aber was malt aus, während man liest? Wie nimmt die Imagination Bezug? Sie nimmt Bezug, wühlt nicht im Ungefähren, der Stoff, aus dem ihre Farben sind, ist weltlich und real und kommt vom Du. Und dann stehen da Worte und man fühlt. Was ist das Material dieser Empfindung, die die klaffende Wunde zwischen Ich und Du ausmalt mit all den Medien, derer Intersubjektivität habhaft werden kann? Wie entstehen die Bilder, Regungen, Reaktionen, die Gerüche gar, die Melodien, die sich ankündigen, sich vorbereiten zu erklingen?

Dachte, ich würde was lernen und habe eine Frage gefunden.

Da darf ich nächste Saison wieder sitzen!

Test-Spiel hat Optimismus berechtigt; Wenn wir 1:1gegen Bayer Leverkusen in der Liga spielen, bin ich froh. Asamoah hat gezeigt, dass er sich den Arsch aufreißen will, was eine Aura!, Fin Bartels niedlich und bis auf den letzten Pass prima – wenn Bruns, Asamoah und Ebbers sich zu verstehen beginnen, wird es eine coole Saison! Und die seltsam humorig- effektive Theatralik von “Volzi” wird noch einige Hymnen hier om Blog hervor bringen! Ja, mal ein ganz platter Spielbericht …

An Zimmerdecken und in Zimmerecken starren

“Ich kann niemanden mehr lieben, werd von keinem mehr geliebt. Habe mich genug zerrieben und nichts bleibt, was mich betrübt. Mir geht’s gut!” (Georgette Dee) An Zimmerdecken und in Zimmerecken starren, von draußen dringt der Schrei der Vuvuzela. Manchmal befällt mich die Ahnung, es könne sich insgeheim um Hilfeschreie handeln all der Verlorenen. Derer, die man sonst übersieht und überhört.

Na gut, vielleicht würden sie ja nur gerne ganz anders blasen. Wemauchimmer. Oder schlicht “Es gibt mich!” tröten. Ganz einfach ihre Existenz beweisen. Weil Struktur und Handlung, Teilnehmer- und Beobachterperspektive, Subjekt und Objekt eben doch nicht gleichzeitig gedacht werden können.

Vielleicht ist dieses nervige Blöken der Versuch, all das doch ineinander aufgehen zu lassen. Nicht, dass ich davon ausginge, die Akteure hätten sich zuvor tiefschürfende Gedanken über Handlungstheorie gemacht. Aber wer einkaufen geht, hat ja auch in seltenen Fällen nur den Homo Oeconomicus studiert.

Vielleicht sind diese Vuvuzela-Blowjobs aber deshalb so prima, weil man mal wirklich was verantwortet – den punktuellen Lärm halt. Ursache, Wirkung.

Das war schon bei den geistig Behinderten, den großartigen, die ich einst betreute, so: Auf Knöpfe drücken – prima! Da passierte unmittelbar was – das Licht ging an! Und in Fahrstühlen musste ich immer aufpassen, dass der recht kräftige Junge nicht Mitfahrer wegboxte, weil er doch auf die Knöpfe drücken wollte.

Da geht das ja mit der Verantwortung – beim Knöpfe drücken, Schiessen, Messerstechen. Auch die Rauchverbotsdebatten sind deshalb so prima, weil man einzelne Handlungen als Ursache ausmachen und Personen zuordnen kann. Da freut sich der Christ, dass er schuldig sprechen kann.

Sich jedoch in individuellen Handlungen nun die Gesamtlast des Kapitalismus aufzubürden und in jeder derer gegen ihn zu agieren zu wollen, das macht nur die Differenz zwischen dem Kommunistischen Manifest und dem Kapital deutlich. Und selbst im Manifest geht es nur zusammen mit Anderen, nicht im Sinne individualisierter Verantwortung.

So starre ich stattdessen an Zimmerdecken und in Zimmerecken und höre Musik. Mein Hund träumt laut, zuckt und quiekt dabei. Wir beide lassen sein – er den Traum, ich die Handlung.

Wahrscheinlich ist das sein lassen wirklich die einzige Lösung. Die Ohren öffnen sich, der Wille lahmt, und da ist die Musik meiner Zufallsauswahl. Prima, die Fleet Foxes!

Und im Lauschen der Musik geschieht das Wunder: Subjekt und Objekt fallen tatsächlich zusammen und lösen sich auf in der Raumzeitstruktur der Musik. Schön. Und zum Einstieg habe ich mal wirklich gelogen: Meinen Hund liebe ich sehr …

Und es tropft ab

Sich imprägnieren kann doch nicht gewollt sein. Von wem auch immer.

Zumeist hinter Scheiben stehen. Die Metasprache. Und sie rufen trotzdem “Falsche Unmittelbarkeit!”. Du zuckst zurück. Klopfst zaghaft an die Scheibe.

Sie gucken Dich an. Du grinst verschämt und wappnest Dich. ” Was guckst Du?”, das traust Du Dir nicht. Dazu braucht man die Freiheit dessen, der zwischen Stigma oder auch nicht gar nicht mehr wählen darf.

Du lernst: Nie guckst Du nur heraus. Die Beobachtung zweiter Ordnung ist, dass DU beobachtest WIRST. Ganz genau. Und wehe, wehe .. der Anspruch wirkt. Sonst funktioniert das nicht.

Du klopfst an die Scheibe, so wie sie es wollen. Das nennt man Acquise. Ob Fleischmarkt, Partnerschaftsbörse oder andere Kunden – man
muss die Tricks schon drauf haben, sonst stimmt die Auftragslage nicht.

Die Job Descriptions werfen sie Dir herein wie bei der Fütterung des Zitterrochens im Aquarium. Welche Textbausteine sie wohl für das Zeugnis wählen? Freuen sich, wenn Du flatterst, so wie sie es erwarten. Sei Rochen!

Gibt es ein Stilmittel, dass Du heute noch nicht genutzt hast? Ja. Den Schnappschuss. Den, den Sol Stein meint. Das Polaroid aus dem Winkel Deiner Wohnung, den Du NIE jemandem zeigen würdest. Daraus macht man Literatur, sagt er. Für Weicheier ist die nix, sagt er. Die muss da ansetzen, wo Du verbirgst, sagt er. Aber wer will noch Literatur? Du etwa? Sei ehrlich! Nix ängstigt mehr …

Ich lese darüber, wie schwer es ist, sich dem Anspruch zu verweigern, man müsse seine Bedürfnisse auch artikulieren und zu befriedigen wissen, sonst sei man defizitär. Sich genau dieser Folter verweigern, das ist in der Tat Gebot. Schuldgefühle angesichts der Frustration entwickeln: Die Hartz IV-Gesellschaft lebt davon.

Hinter der Scheibe stehen und Ansprüche abtropfen lassen – komm herein.

Eine Rose …

Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose – aber ist das da oben auf dem Bild eine?

Ja, ja, die Natur und ihre Bedeutung oder wenn die Frage nach Grundlagenliteratur für Logik-Module im Bachelor-Studium mich auf einmal völlig aus der Fassung bringt. Wie wüst ins Googlen stürzt, Bücher werden aus den Regalen gerissen und stapeln sich neben dem Sofa …

Was empfehle ich da mal? Aristoteles! Am besten mit Aristoteles anfangen! Verfickt, steht das mit den Syllogismen jetzt in der “Metaphysik” oder woanders? Und wie gehen die da wohl ran an dieses Thema, heute, im Jahr 2010, an Universitäten?

Eigentlich geht es doch eh nur um die Relation singulärer und genereller Termini. Bei uns im Grundkurs “Sprache, Zeichen, Logik”, da haben wir eine hundsmiserable Lehrveranstaltung am Leitfaden der “Logischen Propädeutik” von Wilhelm Kamlah und Paul Lorenzen durchlitten. Allerdings im Hörsaal des damaligen “Instituts für angewandte Botanik”. Toller Saal, wilhelminische Holzvertäfelung für die deutschen Mandarine von einst – und die ganzen botanischen Klassifikationssysteme, Foucault zufolge noch dem Zeitalter der Klassik zugehörig, haben ja durchaus eine Menge – haha – mit formaler Logik zu tun.

Dass da nun die Bucerius Law School ihr juristisches Unwesen erscheinen lässt, das hat wohl doch mehr mit dem Intimfeind aller analytischen Philosophen (“in der Wirklichkeit gibt es keine Widersprüche, die gibt es nur im Falle zweier Aussagen, von der die eine unwahr, die andere wahr ist” – und prompt steht man schon vor dem Problem, dass falsch im Sinne von unwahr eben “nicht wahr”, also eine Negation impliziert und blickt ehrfürchtig auf dieses Phonem “un-“), Hegel, zu tun.

Nervös heraus gefordert, hey, ich habe das schließlich studiert, krame ich Kamlah/Lorenzen hervor – zielsicher schreit mich sogleich die Passage an, in der sie sich über “Kunstwahrheit” lustig machen, und, auch klar, in Abgrenzung zu Wagner und Hegel, die Pfeiffen. Und behaupten stumpf, diese würde im Sinne von “Echtheit” verwendet, die Banausen.

Und ebenso klar, dass einst im Hörsaal des Instituts für Angewandte Botanik der “Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose”-Witz gerissen wurde, weil hier die Identität der Rose mit der Rose ebenso wenig Gegenstand – Kapitel 1, Paragraph 5 bei Kamlah/ Lorenzen: “Ist “Gegenstand” ein Prädikator?” – ist wie die Nichtidentität des generellen Terminus “Rose” mit dem konkreten Einzelwesen “Grace”, das draußen auf meinem Balkon blüht. Bei Kamlah/Lorenzen heißt das eh Nominator und Prädikator, Wittgensteins “Die kleinste sinnvolle Einheit ist der Satz” schießt mir prompt ebenso durch den Kopf wie die Erinnerung daran, dass der Grossteil der formalen Logik, wie sie in der Philosophie zumindest gelehrt wurde, in einer Analyse der Verknüpfungen von Sätzen besteht, “wenn, dann”, “und”, “oder”, und so grübelt man kurioserweise darüber, ob die Verknüpfung wahr ist, trotzdem einer der Teilsätze falsch ist, gibt an mit ganz vielen tollen Sonderzeichen und verblüfft sich mit rein logischen Wahrheiten.

Diese Wahrheitstafeln, sind die nicht eigentlich aus dem “Tractatus” von Wittgenstein? Den müsste ich ja auch empfehlen, der ist eh einer Grundtexte überhaupt im 20. Jahrhundert. Aber kann ich das guten Gewissens tun, ohne ausgiebig auf Wittgensteins Selbstkritik in den “Philosophischen Untersuchungen” zu verweisen und diese wenigstens in groben Zügen zu erläutern?

Vielleicht doch lieber Frege. Fuck, auch so ein Name, wo ich erst mal rum googlen müsste, um nachzuschauen, was da der Grundlagentext ist.

Eigentlich würde ich eh die “Logische Propädeutik” von Ursula Wolf und Ernst Tugendhat empfehlen, die baut ja auf Frege auf, nur dass die für naturwissenschaftlich Interessierte wahrscheinlich genau das Büchlein ist, das vor lauter Grundsätzlichkeit genau das Faszinosum formaler Logik, diese ganzen schicken Symbole, die ein wechselseitiges Zeichenverweisen so virtuos wie ausgefeilte Kompostionstechnik erlauben, nun gerade nicht behandelt.

Der Feind der formalen Logik ist ja immer noch, allen Unken- und Derrida-Rufen zum Trotze, die Semantik selbst dann, wenn man sie negativ-dialektisch dynamisiert, weil Erkenntnis, die den Inhalt will, die Utopie will, und schon deshalb ist dieses formalisierte Gequatsche von Godwins Law Unfug.

Und dann hatte ich Bersarin auch noch versprochen, mal wieder Quine zu lesen, dessen Kritik der Dogmen des Empirismus angesichts der Frage nach einer Einführung in die Logik höchste Relevanz hat, und doch treibt es mich, auf Gadamers ” Wahrheit und Methode” zu verweisen , am besten parallel zu Tarskis Wahrheitssemantik , der Satz A ist gdw, wenn, zu lesen – und dann gibt es ja noch diesen herrlichen Disput zwischen Rorty und Davidson zum Thema “Wozu Wahrheit?”.

Ach, ich liebe die Philosophie!

Sich treiben lassen von Buch zu Name zu Gedanke … nur wisse, was Dir blüht, wenn Du jemanden, der gedanklich Felder zwischen Kant, Habermas, Foucault, Marx, Adorno, französischer Phänomenologie und analytischer Philosophie beackert, nach einer Einführung in die formale Logik fragst :-D .

Meiner Ansicht nach ist die Philosophie ja der Versuch um kritisch-analytische Präzision angesichts eines mal romantischen, mal abgründigen und schrecklichen Dschungels rund um Begriff und Sinnlichkeit, Geschichte und Macht, Gewalt und Sinn, Kritik und Kunst, ein Poem, in Geltungsansprüchen verwurzelt, von Erotik und Musik durchdrungen, ein Ethos der Weltoffenheit, so sollte die Philosophie zumindest sein, und ich als Pflänzlein in diesem Wundergarten müsste konsequent tatsächlich Gertrude Stein als Einführung in die formale Logik empfehlen. Allein schon, weil ihr Portrait von Picasso so gar nicht echt aussieht …

Hilfe! Nörgler, David, Bersarin, Hartmut, hat einer von euch einen Tipp, welche Einführung für naturwissenschaftlich Interessierte sich da anbietet neben Tugendhat/Wolf und Kamlah/Lorenzen?

Obwohl doch eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist … we shall be released.

Der Ton macht die Musik

War es Perlmutt-Imitat? Die Tasten, meine ich, in die sich Fingerkuppen schmiegen konnten, um in den glatten, kleinen Mulden Halt zu finden und die Iniative zu ergreifen? Na, die Fingerfertigkeit musste man schon üben.

Magisch das Gefühl, wenn sich die orangenen Polster der Klappen auf die gestanzten Löcher legten, pressten, und ganzkörperlich jeder Ton neue Resonanz erzeugte.

Doch dann wurde mir mein Selmer Mark VI bei einem Wohnungseinbruch geklaut; mein Tenor, ein eingeschmuggeltes DDR-Profiinstrument, lieh ich einem Freund, der aus meinem Leben mitsamt Saxophon verschwand.

Das mit der Unterlippe war durchaus ein Problem. Man legt sie auf die untere Zahnreihe. Dass man nicht zubiss, die Innenseite war zunàchst monatelang gereizt.

Das mit der Spucke musste ich auch erst lernen. Zuviel davon im Mundstück, und es rasselte und spratzte.

Dieses Holzblättchen, dessen Vibration den Ton erzeugt, musste man ja ordentlich ansabbern und durchfeuchten, damit es so weiche Töne so schmeichelnd der Welt schenken konnte.

Weiß gar nicht, ob ich den Ansatz heute noch hätte. Dauerte ja eine Weile, bis es nicht mehr kreischte wie ein gequältes Kind. Selbst Mezzofortes “Garden Party” mochte ich damals; ja, peinlich. Dieses so großartig dreckige Saxophon in “One Step Beyond” von Madness war meine Einstiegsdroge.

Klar, war zu faul. Habe nicht genug geübt. Gut wurde ich nie.

Vielleicht lag es daran, dass vor mir immer Dieter Unterricht hatte, in den ich mich verknallte. Und wie! Das lenkte ab.

Der hatte eine Mutter, die immer Plastiküberzüge über die Sitzflächen der Stühle am Esstisch zog, bevor man sie besetzen durfte. Dann stand ich neben IHM auf weißen Kacheln  in einem Souterrain des Reihenhauses, in dem er lebte, er schlug so ultralässig seine Beine übereinander und roch nach einer Creme oder einem Waschmittel, dessen Geruch ich noch heute in der Nase trage. Und wir improvisierten trötend zu “Street Life” von den Crusaders. Natürlich war ich viel zu feige, ihm zu sagen, was in mir vor ging. Das hat ihm Jahre später sein Freiburger Mitbewohner erzählt. Das ist aber eine andere Geschichte.

Wichtig beim Saxophonspielen ist die Anspannung des Zwerchfells, die “Stütze”, wie beim Singen. Ein reizvoller Kontrast, die Wahrheit der Metapher der “Schmetterlinge im Bauch” zugleich mit der “Stütze” zu erleben, während man all das verschwiegene Begehren in diese so samtweiche, quietschende, elegische wie abrupte Tongestaltung des Saxophons bläst, das einem um den Hals hängt. Man befestigt es an einer Art Halskette, dafür hat es einen kleinen Metallring an seiner Rückseite, in den man die Kette einhakt. Die Schwere des Messingkörpers ist angenehm selbst dann, wenn man den Ruck im Nacken spürt, den Zug nach vorn, weil man es wieder nicht lassen kann, die Kindheitserinnerungen an Max Greger zu imitieren.

Diese physische wie auch psychische Verbundenheit mit dem so formschönen Ding, die ist ein wenig wie das Auftreffen des Pinsels auf die Leinwand in jenen Momenten ist, wo die Entgegensetzung von Subjekt und Objekt sich aufhebt und aktiv imaginierend die Farbe, die Formen, die Leinwand, der Blick, die Vorlage, das Licht, der Geruch der Lösungsmittel eine Einheit bilden. Und die abstrakte Malerei hat ihre Stärke darin, das sie keine Vorlage hat. So ist auch vom Blattt spielen, Noten lesen furchtbar, weil man nicht eins ist mit dem Ton, dem man folgt, während man ihn erzeugt. Doch wenn er frei von Referenz sich formt, Welt umfasst, sie bereichert und ausfüllt, einfach so …

Natürlich holte man sich die Materialhistorie in Cassettenform ins Zimmer – oder als Vinyl. Aus unerfindlichen Gründen gab es damals in einem Plattensupermarkt unter dem Raschplatz alle Alben von Grover Washington Jr. ganz billig, den habe ich geliebt. Man wird älter, wird reifer, sucht sich John Coltrane und beginnt, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn John Coltrane das Leben als solches wäre, man selbst das Saxophon – und alle Geschehnisse im eigenen Seinsvollzug würden die Töne sein, die das Leben mit einem hervor bringt. Man träfe auf die Anderen, allesamt Töne und Melodien, flirtete mit dem Sound der Trompete von Miles Davis und Chet Baker, die Bossa Nova-Adaptionen von Stan Getz gesellten sich hinzu, frei improvisiert würde man Teil einer Session des Ineinandergreifens und sich wechselseitig folgens … ach, vielleicht wird ja noch was draus. Erst mal kaufe ich mir wieder ein Saxophon.

IMIN5

Den Drachen reiten. Ja, da witzeln sie, die, die den Lenkdrachen erfunden haben. Ergehen sich in Hohn über den Mythos, finden ihn goldig. Da das Gold sie in ihm wissen und fürchten. Sie atmen nicht die Nuancen im Hell-Dunkel, das mal so lockend modrig, mal frisch nach gemähtem Gras und Kardamon riecht; wissen nicht, wie das Funkeln der so feinen Schuppen sich anfühlt und wieso es so aufregend ist, gegen deren Strich zu streichen und den Widerstand zu spüren. Sie wissen nicht, wie man das Obskure leuchten lässt, denn der Drache wohnt im Zug nach Paris im Dämmerlicht und will die Polster spüren, will aus dem Fenster schauen, den Blick wenden und sehen, wo Schenkel übereinander schlagen. Und wie sie es tun. Wie ihre Schwere erst das Wollen schürt zu spüren, wo sie münden.

Sie wollen das Seiende der Möglichkeit vorziehen und kleben an ihm fest. Nur wer über seine Verhältnisse hinaus lebt, ist frei und verhält sich nicht nur. Weil es ja stimmt, dass Ästhetik kein niedliches Vorspiel zur eigentlich wichtigen Moral ist. Wer das glaubt, erkennt den Adressaten nicht und fantasiert stattdessen, er würde angetörnt oder auch nicht.

Er wird die Kraft der Linie niemals sehen, weil er nur dem Abbild traut. Weil er nie versucht hat, eine Linie nacheinander mit Öl, mit Kohle, mit Bleistift zu ziehen. Weil er der Formel glaubt und denkt, “Du sollst Dir kein Bildnis machen” sei nur Gott geweiht.

Die Linie kann begleiten, umschmeicheln, umschließen und binden und ist ohne Fläche, ohne Raum, den sie umschliesst, ganz ohne Sinn. Ist Raumzeit. Ist Melodie. Der Klang ist Farbe. Auf Drachen reitet man durch sie, kann Schweiss riechen und Lippen schmecken und hört die Worte, nur von Dir …

Den Drachen reiten. Immer noch besser die “Unendliche Geschichte” als ein Polizeigesetz. Ja, ich übe noch. Bis dass der Tod mich scheidet.

iMIN4

Auf der Suche nach einer Sprache der Liebenden.

Slut. Pussy. Bitch. Bei uns gibt es wenigstens noch Twinks. Sahneschnitten. Wenn ich das denn überhaupt richtig verstanden habe.

Süss. Scharf. Wenigstens Geschmäcker. Schmeckend identifizieren wir Welt. Wein. Wodka – flüchtig und wirkungsvoll. Das Salz auf Deiner Haut.

Bilder. Metaphern: Bär. Bunny. Schwanz. Muschi.

Psychiatrisch-psychoanalytisch: Sadomasochistisch. Heterosexuell. Gerontophil.

Fetisch ist noch am Hübschesten, da stellt man sich niedliche oder auch gruselige Skulpturen vor, die man anbetet, weil sie für das stehen, was heilig ist. Wie der Arumbaya-Fetisch bei Tim und Struppi. In dem war ein Edelstein drin, und Massenproduktion hat ihn entwertet. Das Erotische und das Sakrale. Das Anonyme: Ich und Er.

Haben Eskimos wirklich viel mehr Wörter für Schnee als wir?

Allerlei Privatsprachengebräuche zwischen Zweien, klar. Nur wenn man mal wieder viel mit Liberalen diskutiert, dann wird man bei all der Unsinnlichkeit der Sprache oft so lüstern. Anreiz, okay, das geht ja noch. Reiz ist nur so unangenehm unspezifisch, wie ein kurzer, stechender Schmerz und geht einer Reaktion, nicht einer Antwort voraus.

Aber wenn selbst die Arie, die Form des durch Worte Unsag-, aber Singbaren, das Vissi d’Arte oder wie sich das schreibt, zum Subventionspoblem wird? Macht dann das Leben Spass?

Die schönsten Worte sind oft die, die weder mich noch Dich meinen. Lust. Begehren. Begierde. Selbst Trieb, so wie das frische Holz im Frühling. Sich verzehren – buchstäblich zwar brutal, aber doch die Leere ohne Dich umreißend.

Das sind Worte, die das Zwischen sich als Raum erschliessen wollen, den all die Feindseligkeit in den Pornemen stählern verschlossen halten will wie Schandmasken und Keuschheitsgürtel.

Wenn Sinne fließen könnten, dann fänden sie das Wort für dieses Du und bräuchten Intimität vielleicht nicht mehr in Schlägereien suchen … Was nix gegen diese sagen soll. Man hat sie sich ja nicht ausgesucht.

iMIN3

Miles Davis’ “Kind of Blue” nur im Kopf mit mir tragen. Ganz gefangen in dem Versuch, mich an dessen Klänge zu erinnern, jeden Schritt den verhalten schleppenden Rhythmen anzugleichen und das Echo von “Cool” in mir zu wahren. Das Pflaster spüre ich unter Ledersohlen und sinniere über den letzten Aufsatz von Merleau-Ponty: Die Gleichursprünglichkeit meines Leibes und dem des Anderen in der selben Ekstase. Das vorprädikative Bewusstsein, das leiblich wahrnehmend in der Welt aufgeht, deren Teil es zugleich ist.

Die Gitanes schmeckt nach Teer. Lust sucht verschämt sich den Anblick schwitzender Strassenarbeiter. Gedanken an Genets “Notres Dames de Fleurs” steigen auf und verwehen. Aus der Jukebox eines Bistros dringen die letzten Takte eines “Valse Musette”. Sinatras Stimme folgt den Akkordeonklängen in das abendliche Abfallen all der Arbeitsalltagsanspannung, das die Gassen beherrscht wie eine gütige Concierge; der Alte an der Bar flucht in seinen Pernod, als er den Mafiosi hört.

Zwei Kinobesuche, mehr ist nicht drin pro Monat. “Fahrstuhl zum Schafott” haben wir nur wegen des Soundtracks angesehen, sassen im dunklen Saal und schlossen die Augen, um keinen Ton zu verpassen.

Die Abende verbringe ich mit Lesen und plaudern – oder ich starre die Gasse entlang, die Taumelnden und Träumenden in die Dämmerung mit dem Blick verfolgend.

Gelegentlich trinke ich abends ein paar Gläser Rotwein und lausche im “Blue Note” jenen, die in der Improvisation Themen umschmeicheln, variieren, wieder aufgreifen und über sich hinaus treiben – Themen, für die es keine Worte gibt.

Mein Auge versucht, den Blick der Cineasten zu imitieren. Die Diskussion im Radio kann Skandale erzeugen, die in den “Temps Modernes” das Land erschüttern. Ein paar Kids begeistern sich für einen Elvis – aber who the fuck is Elvis? Und was wäre es für ein Verlust gewesen, wenn von heute auf Morgen das iPhone, auf dem ich gerade schreibe, in diese Welt eingebrochen wäre … das Klacken beim Antippen der Buchstaben auf dem Touchscreen imitiert wie ein Echo vergangener Tage nur den Anschlag der Schreibmaschinen, der einst den zur Sekretärin verdammten den Alltag erfüllte. Den sie los ließen, wenn sie abends die Gasse entlang starrten und lächelten, weil ein paar Klänge Miles Davis’ aus dem möbelierten Zimmer des Studenten nebenan erklangen. Denn der Gatte bekam davon immer Kopfschmerzen und konnte so den Vollzug der Ehe nicht einfordern. Sie hatte ja noch nicht mal ein eigenes Konto …

Manchmal, wenn er mit seinen Kollegen saufen ging, trafen wir uns, setzten uns an eine Baustelle und sahen den Arbeitern zu. Sie wippte mit dem linken Fuss, ich mit dem rechten, während wir versuchten, uns die Erinnerung an die Klänge von “Kind of Blue” nicht nehmen zu lassen …

Eine Hommage an den deutschen Schlager

Nur wenn ich lache, tut’s noch weh. Nur wenn ich etwas Schönes seh. Ich brenne – und Du bist schuld daran. So ist nun mal das Leben- es kommt so wie es kommt. Den einen trifft es eben, der Andere bleibt verschont. Noch hab ich mich, noch hab ich mich, an nichts gewöhnt. Aber schön war es doch, aber schön war es doch, und ich möcht es noch einmal erleben. Manchmal möchte ich schon mit Dir Hand Hand an einem tiefen Abgrund stehen- ich weiß, was ich will! Der Traum vom Fliiiiiihegen: Schweben, sommerblau dort am Himmel Deines Lebens. Doch Du weißt genau: Ob es so oder so oder anders kommt, so wie es kommt, so ist es recht. Es kommt sowieso nie so, wie man es gerne möcht. Und immer wieder Sonntags kommt die Erinnerung. Noch hab ich mich, noch hab ich mich, an nichts gewöhnt. Ich weiß, was ich will, wenn die Sonne hinter den Dächern versinkt … ich brenne …

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