Jedes Denken entsteht unter spezifischen Zeitbedingungen. Es ist sozusagen Pflicht, auf jene zu reflektieren, unter denen das eigene sich formte, will man nicht politischen Journalismus oder politische Theorie im Sinne der handwerklichen Hanswurstigkeit betreiben.
Heute geraten zunehmend jene, die in den Kohl-Jahren politisch sozialisiert wurden, an all die kleinen Hebelchen der Macht. Sitzen in die Führungpositionen, besetzen Plätze in der veröffentlichten Meinung, reiben sich an denen, die in den 70ern groß wurden und und oft auch an deren Denkoffenheit.
Da machen ein paar Jahre schon viel aus: Während Jahrgänge wie der meine genervt angesichts des Dogmatismus vieler 68er im zarten Alter von 14 wahlweise mit den “Neuen Sozialen Bewegungen” identifizierten – Frauenbewegung, Schwulen-Bewegung, Anti-AKW- und Friedensbewegung, von den “Black Panthers” war in meiner Wahrnehmung in Deutschland wenig zu spüren -, die man wohl als “Alternativbewegung” zusammen fassen kann, kokettierten andere mit dem “Null Bock” des Punk, manche mutierten später zu “Gothics” oder wurden Popper. Mal idealtypisch zugespitzt.
Die Alternativbewegung fand auch in der Popkultur Nachhall und setzte anders als noch der “Arbeiterbewegungsmarxismus” auf das Dezentrale – im Nachhinein ist für mich der Kern, dass von unabhängigen Jugendzentren über Hausbesetzungen bis zur Öko- und Second-Hand-Laden-Gründung, dem Independant-Label und Stadtzeitungsverlag versucht wurde, unabhängige, ökonomische Strukturen auf die Beine zu stellen. Das Ganze freilich in einer so ganz und gar nicht mehr marxistischen Technikfeindlichkeit situiert: Die Studien des “Club of Rome” hatten die “Grenzen des Wachstums” und “Endlichkeit der Ressourcen” aufgezeigt, das Vertrauen in die Produktivkraftentwicklung, das noch die SPD zur Atomkraftpartei werden ließ, war geschwunden. Im Nachhinein halte ich das für problematisch, nicht wegen der Frage der Atomenergie, sondern weil es zum technischen Fortschritt halt keine Alternative gibt und nicht nur in diesem Fall ein merkwürdig konservativer Einschlag das begleitete, was in der Etablierung der GRÜNEN enden sollte. Wohl das Erbe der Naturverklärung der Romantik.
In den frühen 80ern formierten sich die Autonomen, und zeitgleich brachte die Friedensbewegung, der Protest gegen den NATO-Doppelbeschluss, so viele Menschen auf die Straße wie nie zuvor: Ich erinnere mich an ein Wochenende, da weit über eine Million Menschen in verschiedenen Städten gleichzeitig demonstrierte. Man kann nur sehr viel über das Für und Wieder der damaligen politischen Ansätze streiten; zumindest war eine Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte allerorten spürbar. Man besann sich auf das Erbe von Brecht und Tucholsky, und Fasia Jansen und Esther Bejarano standen gemeinsam auf den Bühnen. Es gab noch nicht dieses künstliche Auseinanderdividieren von Antisemitismus und Antirassismus, Strömungen wie jene der “Antideutschen” hatten ihr demagogisches Verwirrspiel noch nicht entfaltet. Auf der anderen Seite gab es tatsächlich einen plumpen Antiamerikanismus, der sich in Songs wie “Amerika” von Fee zeigte und sich vom Dünkel der Kulturindustrie-Kritik der Kritischen Theorie auch bei jenen nährte, die die “Dialektik der Aufklärung” nie gelesen hatten. Später wurde dieses typisch deutsche “Kultur!”-Geschrei in “McWorld” und ähnlichen Slogans pointiert wurde. Auf der anderen Seite kritisierte man den US-Imperialismus, den es von Pinochet bis zur Inthronisierung Ayatollah Khomenis, ja, man glaubt es kaum, nicht nur zu Unrecht. Den Khomeni-Zusammehang kann man googeln, ebenso Die “Iran-Contra”-Affäre – das haben die meisten ja auch lieber verdrängt. Und, allen Unkenrufen zum Trotze, der der Sowjets in Afghanistan wurde auch kritisiert. Mit der Solidarnosz fühlten sich jene, die ich kannte, ebenfalls solidarisch wie auch mit der “Schwerter zu Pflugscharen”-Bewegung in der DDR. Die war mit der “Umweltbibliothek” zusammen eine der Keimzellen der späteren Bürgerrrechtsbewegung.
Dann kam Kohl, und allmählich ist es wohl an der Zeit, Bilanz zu ziehen, in welcher Hinsicht er fatal wirkte. Die Raketen wurden stationiert, doch anders als Thatcher oder Reagan vollzog der allseits als “Birne” Diffamierte kein brutales, neoliberales Programm, und einem Lambsdorff wurde ein Blüm entgegen gestellt. Trotz gelegentlichen Aufflackerns der massenhaften Politisierung wie in Wackersdorf oder rund um die Hafenstraße und die Alte Flora, trotz starker Aktivitäten der Autonomen in Groß- und Studentenstädten, war vieles in der Alltagsästhetik und Haltung in Abgrenzung gegen “Öko” geprägt und Politik wurde zunehmend uncool. Wer sich für hip hielt, las die Tempo, die durchaus politisch startete, ansonsten aber ästhetisierend wirkte, stellte sich Chromregale auf den abgeschliffenen Holzfußboden und diskutierte Popkultur. Kohl prägte den ungeheuer wirkungsmächtigen Slogan von der “Gnade der späten Geburt”, der damals zwar harsch kritisiert wurde, sich heute jedoch erst vollumfänglich als Desaster entpuppt, wie zum Beispiel die N-Wort-Debatte zeigt.
Dann wurde die Mauer zum Einsturz gebracht, und ich erinnere mich gut an die ambivalenten Gefühle: Einerseits Freude, dass die im kleinbürgerlichen Staatskapitalismus Eingesperrten nun raus konnten. Umgekehrt befiel schlagartig mich das Wissen, dass man nun 20 Jahre lang keine linke These mehr würde vertreten können und dass es nicht lange dauern würde, bis massenhaft Neonazis das Land bevölkern würden. Kohl erzwang die “Wieder”vereinigung und gestaltete sie so, dass allen halbwegs Informierten klar war, dass es ein ökonomisches Desaster geben würde. Ja, ist so, man mag von Lafontaine heute halten, was man will, im Nachhinein gibt sogar ein Wolfgang Schäuble ihm recht, dass z.B. der Umtausch 1 zu 1 von DDR-Geld zu D-Mark ein Riesenfehler war. Aber der nationalistische Pomp mit all seinem Pathos verdrängte jegliche Rationalität und mündete in Lichtenhagen, Hoyersverda und Mölln und der de facto-Abschaffung des Asylrechtsparagraphen.
Zeitgleich erschien zunächst rund um Loveparade, VIVA und BRAVO TV alles so schön bunt hier, eine wahre Pop-Explosion befeuerte die Kanäle, und das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem geriet unter den Druck der Privaten. Heute gedenkt USP dem “Familienduell”, der brachiale Ökonomismus von “Glücksrad” und “Der Preis ist heiß” wird auch Spuren hinterlassen haben.
Es setzte nach und nach und nach eine bedingungslose Affirmation kapitalistischer Produktionsweisen ein, die angeblich ohne Alternative seien, wie ja der Zusammenbruch des “Sozialismus” genannten Staatskapitalismus gezeigt habe. Letztlich war es dann Gerhard Schröder, der das Thatchersche und Reagansche Erbe Deutschland aufzwang. Staatliches Eigentum wurde verscherbelt, ohne dass die Bürger davon irgendetwas gehabt hätten, die Sozialversicherungssysteme, insbesondere jenes der Rente, wurde vom Staat teilentkoppelt – eine irrwitzige Freisetzung von Kapital, auch einer der Gründe späterer Krisen, fand statt.
Zugleich verschwand die Kritik politischer Ökonomie weitestgehend aus der Linken zugunsten reiner Moralisierung. Das ist das Argument, was fälschlich immer wieder gegen Antisexismus, Antirassismus und den Kampf gegen Homophobie ins Feld geführt wird, und tatsächlich haben ja manche Zweige postmodernen Denkens, auch in den Cultural Studies, ja nicht gerade die materiale, ökonomische Basis dieser gesellschaftlichen Phänomene im Visier.
In ein paar Rand- und Splittergruppen wurde ergänzend aus dem zustimmungsfähigen Slogan “Nie wieder Deutschland!” ein Adorno verdrehendes, letztlich voller liberaler Topoi steckendes “antideutsches” Denken, das alles dafür tat, auch ja nicht mehr sinnvoll über Antisemitismus reden zu können, noch nicht mal über den sekundären, an Israel orientierten, weil sie ihre nationalistischen Gelüste Israel instrumentalisierend auf diesen Staat projizierten und Juden zu Ersatzariern imaginierten. Wofür diese nun wirklich nix können, es gibt ja mittlerweile sogar Antisemitismen in Reaktion auf “antideutsche” Gehirnwäsche, schlimmerweise. Inbesondere im Osten Deutschlands hat diese Ideologie ja wahre Verwüstungen in Hirnen angerichtet: An sich tolle Menschen, mit denen man sich jahrelang schöne Mails geschrieben hat, mutieren auf einmal zu irrationalen Fanatikern, weil sie zu viel von dem Zeug geraucht haben.
So weit grob skzziert Prägungen derer, die zwischen 1983 und 2005 politisch sozialisiert wurden und dabei noch irgendwielinks dachten: Trotz dessen haben sie den Slogan ”Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen” mit der Muttermilch eingeatmet und sind fast dran erstickt. Für “Ökonomie” halten sie die Slogans der Privatisierer und der Initiative für Neue soziale Marktwirtschaft. Mit Habermas’ “Faktiziät und Geltung” sind sie der Meinung, der liberale Rechtsstaat wäre der Historie letzter Weisheitsschluß. Der ist ja auch gar nicht nur übel. wenn es ihn denn gäbe. Denn empirisch sind es einfach verschiedene Typen der gesellschaftlichen Großorganisation – Banken, Behörden, Fernsehsender, Konzerne, Parteien, Lebensmittelketten, DFB usw. – die alles andere als zu beherrschende Umwelt betrachten, die es gleichzeitig auszubeuten und ruhig zu stellen gilt. Sozial wirksam ist die Unterscheidung zwischen denen, die drin sind, und denen, die draußen, aber angewiesen bleiben. Parallel wird eine Präventivjustiz etabliert, die dem, was “Rechtsstaat” meint, mitten ins Gesicht rotzt und eine Entrechtung und Gängeleung all jener betrieben, die sich dem Lohnarbeitszwang entziehen, während zugleich Rassifizierung die soziale Ordnung stabilisiert.
Eine Gemengelage, die gerade bei den unter Kohl und dann Schröder Sozialisierten zu einem ganzen Bündel merkwürdiger Phänomene führt. Als Kinder der “Gnade der späten Geburt” halten sie sich zumeist für postrassistisch, Sexismus lebten ja nur “Migranten”, und homophob sind eh immer die Anderen. Sie haben die Moral für sich gepachtet, ohne auch mal einen Gedanken daran verschwendet zu haben, was “Moral” so alles heißen kann – und kriegen drum von den Altlinken immer wieder die “Moralisierung der Politik” oder auch Theorie aufs Butterbrot geschmiert. Während sie selber im Falle von Kunst und Kultur oft Allergien gegen alles Politische entwickelt haben und so auch vehement das “N-Wort” verteidigen. Ihre Bezüge sind so oft auch eher der etablierte Kunst-Kanon, falls sie sich für was anderes als Julie, Thees Ullmann, Tocotronic, Element of Crime oder Post-Punk-Gitarrenmusik interessieren.
Ihre Popmusikhistorie beginnt in der Regel nicht bei Charly Parker, Illionois Jcquet, Bessie Smith oder Ike Turner, sondern ganz wie beim ZDF bei “Rock around the Clock” Bill Haleys. Ihre ästhetische Welt ist zumeist weiß gewaschen und von Adepten schwarzer Musik, aber nicht dieser selbst geprägt, und ansonsten haben sie vor allem Angst. Durch jahrzehntelange Massenarbeitslosigkeit geprägt neigen sie zu Überanpassung an die Institutionen, eben jene Großorganisationen, um die herum sie noch als “Prekäre” gruppiert bleiben – und die, die drin sind, sind vor allem mit Politics beschäftigt und auch damit, in Meetings und Redaktionssitzungen bloß nicht als linker Spinner, Visionär oder irgendetwas, was einem totalitär gewordenen Realitäts- und Formprinzip widersprechen könnte, aufzufallen. Sie sind in einer medialen Entwicklung groß geworden, die alles formatiert, was formatierbar ist, und ganz auf Konsumierbarkeit ausgerichtet ist – alles andere macht ihnen wahlweise Angst oder sie aggressiv. Sie erheben sich ganz wie einst Kohl mit einer gewissen Schlichtheit und gleichzeitigen Arroganz über das Sperrige, Konsequente, Nachgedachte, Unsichere, Verspielte, die offene Form – und sind immer ganz weit vorn dabei, den aktuellsten Claim auch aufzugreifen. So mühen sie sich, die Welt auf ihr Niveau zu reduzieren.
Das ist wohl das am tiefsten sitzende Erbe Helmut Kohls. Man muss nur mal dessen Reden mit denen eines Willy Brandt vergleichen. Das ist schon sprachlich ein Spaziergang in zwei völlig verschiedenen Landschaften, und die von Kohl ist die blühende nicht.
Das Interessante ist, dass bei den nunmehr 20-30 jährigen der eine oder andere sich diese ganze Überanpassung an das falsche Ganze nicht mehr verkaufen lassen will. Vielleicht sind es nur Einzelne und meine Wahrnehmung ist selektiv; mir fällt jedoch auf, dass zumindest in meinem Umfeld immer mehr von denen auftauchen, die sich nicht mehr bluffen, sich von Rhetorik gegen Elfenbeintürme nicht verschrecken lassen und sich mal wieder eigenständig Wissen aneignen. Sie stoßen nun überall auf die Kohl-Kinder auf Dozentensesseln, als Abteilungsleiter oder in der Publizistik und nicht zuletzt als Geschäftsführer des FC St. Pauli.
Die wie ein Deckel auf dem Topf zunehmender Unzufriedenheit sitzen. Vieles sucht sich einfach so die Bahn, als Gewalt, als teils auch kindische Auseinandersetzung mit der Polizei, gerade bei den Abgehängten und von den Sicherheitskräften aktiv Kriminalisierten.
Andere knüpfen nicht zufällig da an, wo die Zäsur Kohl alles platt saß: Bei dem Erbe der Alternativbewegung. Das gibt Hoffnung.
(Mit Dank an das Lichterkarussell)
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