Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: FC St. Pauli

Kommt in die Millerntor-Gallery!

Eine tiefe Verbeugung vor der Action, dem Engagement, dem Einsatz, dem Ideenreichtum der Macher der Millerntor-Gallery!!!

Ich durfte gestern an dem “Pre-Opening” teilnehmen (incl. Kunstauktion durch Sotheby-Hochadel) und bereits im Vorfeld fest stellen, mit was für einer denkoffenen Crew da bis hin zum Kurator Jörg Heikhaus und Marcel Eger gearbeitet wird. Ich finde es immer wieder beeindruckend, was Benny Adrion und seine Teams da auf die Beine gestellt haben – die Millerntor Gallery ist ein Projekt von Viva con Agua.

Ich finde es wahnsinnig spannend, wie die kargen Gänge des Millerntor-Stadions mit verschiedenen künstlerischen Ansätzen belebt werden und kann nur jedem empfehlen, sich das heute Abend bei der Vernissage oder die nächsten Tage mal anzuschauen. Fotos gibt es u.a. bei Stefan Groenveld zu sehen und beim Facebook-Auftritt der Millerntor-Gallery selbst.

Es ist cool, wie die altehrwürdige Institution und der ja in der engen Spitze von 1 oder 2% der KünstlerInnen auch millionenschwere Markt der Kunst dadurch, dass sie in ein Stadion wandert, umdefiniert wird. Wie umgekehrt ein trotz gelegentlich auch bei unserer Mannschaft aufblitzender “Spielkunst” sich ein eher, na, “bodenständig” gerierender Raum sich dem Spiel mit Form, Farbe, Figur usw. öffnet. Ein Raum, der ja idealerweise alles “Authentische” und Reproduzierende aufbricht und, um mit Cézanne zu sprechen, eine “Harmonie parallel zur Natur” kreiert – Disharmonie wäre zu ergänzen.

Ich finde es auch toll, wie Präsidium und Geschäftsführung des FC St. Pauli sich auf Viva con Agua und die Millerntor-Gallery einlassen, weil ich Sätze wie

“Der FC St. Pauli ist ein Lebensgefühl und zwar ein unkonventionelles, das für Kreativität, Anderssein, Toleranz, Weltoffenheit, Selbstironie, vor allem aber auch für soziale Verantwortung steht”

mal ab von dem blöden Toleranz-Begriff voll und ganz zustimmen kann dann, wenn das auch mit Leben gefüllt wird. Auch die Conclusio

“Darüber hinaus schafft die MILLERNTOR GALLERY es zu integrieren, denn sie bietet für nahezu jeden etwas. Und genau diese Aufgabe MUSS (Hervorhebung von mir) auch der FC ST. Pauli leisten: Ein spannendes Angebot für alle zu schaffen, zumindest für all jene, die sich die Freiheit nehmen, (mal) abseits der Konventionen zu denken und mit diesem Angebot auch noch der gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden.”

(Quelle: Katalog Millerntor Gallery, Katalog 2013, S. 7)

ist mit einem vehementen “Yes!” zu beantworten. Call and Response.

Womit ich freilich bei der solidarischen und sympathisierenden Kritik angekommen wäre. Es ist großartig, dass auch Künstler wie Zezao dort statt finden – und das Genörgel bei Facebook und Twitter über die “unstpaulianische” Farbe blau am Millerntor finde ich deshalb nicht zutreffend. Auch der Street-Art-Anteil ist sehr, sehr cool, weil dieser “Aufstand der Zeichen” (Baudrilliard) und die Wiedergewinnung des urbanen Raumes gegen Kommerzialisierung, Platzverweise usw. alltäglichen Widerstand darstellt.

Ansonsten ist es leider wie überall: Der Großteil der Künstler ist weiß, männlich und mutmaßlich heterosexuell. Eine queere Perspektive wäre mir zumindest nicht aufgefallen, ein heterosexueller Blick auf Frauen wie auch Männer schien mir hingegen sehr präsent zu sein (z.B. bei den “Mehl-Fotos”, deren Making off bei Gröni zu sehen ist, wo als männlich konnotierte Eigenschaften wie “Dynamik” z.B sich vor eine mögliche Erotisierung schieben – erotisierte Frauen, was ja an sich nichts Schlimmes ist, beraubt man sie nicht Eigenständigkeit und Subjektivität und unterlässt Übergriffigkeit, oder? Kritische Anmerkungen erwünscht!, sieht man schon auf dem Cover des Kataloges). Vielleicht habe ich auch Wichtiges übersehen.

Nun lassen sich durch diese sozialen Konstruktionen – “weiß, männlich, heterosexuell” – per se keine Rückschlüsse auf die Qualität der Kunst ziehen. Sehr wohl aber, inwiefern das soziale und auch ökonomische Setting, in dem sie sich als Kunst bewegt, auch reflektiert wird auf der Ebene des Werkes.

Und da ist, glaube ich, mehr drin als das, was ich gestern gesehen habe – gerade in einem Fussballstadion, wo Männermannschaften einen “Männersport” spielen, gerade dann, wenn eine unterstützenswerte und jetzt schon ruhmreiche Hilfsorgansisation wie “Viva con Agua” als Veranstalter auftritt.

Deutlich wurde das, als Michael Meeske von den “Tränen in den Augen derer”, denen Brunnen in Uganda gebaut wurden, berichtete – dass er da tatsächlich mitgefahren ist, finde ich toll, nur muss schon jeder Hilfsorgansiation klar sein, dass auch sie sich in einem kolonialen Setting bewegt und das Selbstbild des “hilfreichen Weißen”, der “Entwicklungshilfe” leistet, eben auch Teil dessen ist.

Das sollte niemand vom helfen abhalten noch das diskreditieren, was da mit enormen Aufwand betrieben wird, noch ist es möglich, individuell aus strukturell-postkolonialen Konstellationen wirklich auszubrechen – da fehlt aber eine Reflektionschleife, und was böte sich da eher an als Kunst, Wege zu sehen, diesen weißen Blick und dieses weiße Selbstbild auch kritisch zu thematisieren?

Und zugleich die nun tatsächlich genuin europäische Institution “Kunst” auch daraufhin zu befragen, wie sich das, was “wir” als weiße, meist männliche Mitteleuropäer mal als “Kunst” durchgehen lassen, mal nicht (das kommt dann ins “Völkerkundemuseum”), vielleicht von Praktiken in anderen Regionen dieser Erde unterscheidet – oder auch nicht? Wie es als Vehikel von “White Supremacy” und “Male Supremacy” genutzt werden kann und wie man zumindest versuchen kann, das auch aufzubrechen, auch wenn dabei ein Scheitern wahrscheinlich ist – und wie dieses Scheitern denn nun aussehen könnte?

Und wieso entstehen dann, wenn Weiße, zumeist Männer, mal nicht weitestgehend unter sich bleiben, solche Paradoxien?:

“Denn, Frage: Wie viele rassifizierte Menschen müssen bei einem Kollektivprojekt mitmachen, damit es nicht mehr als rein “weiß” wahrgenommen wird? Antwort: Ist egal, denn das Kollektiv wird immer ein böses, komplett weißes, rassistisches Arschprojekt bleiben. (Und das heißt, am Ende bist auch Du als Kanak_in immer nur das böse, rassistische Arsch mit an Bord. Oder: Es gibt dich halt einfach gar nicht. Oder: Du bist halt ein armes Opfer “in den [weißen] Fängen von xyz”. Kann aber ja auch gar nicht anders sein, schließlich bist Du ja Kanake, arharharhar!)”

Und lassen die sich vermeiden, oder geht das gar nicht? Für mich auch gerade eine sehr zentrale Frage als in Sachen “weiß” und “männlich” zumeist Ummarkierter, somit aus anderer Perspektive Schreibender. Weil ich da auch gerade an eine Grenze gestoßen bin im Rahmen meiner Möglichkeiten.

Da wird auch mittels einer Kunstausstellung in einem Fussballstadion nicht die Welt zu verändern sein. Aber würde das stärker in der Kunst selbst Thema sein, wäre das nicht St. Pauli-like? Erste Kommunikationen zwischen MILLERNTOR GALLERY und 1910 – MUSEUM FÜR DEN FC ST. PAULI e.V. haben ja diesbezüglich auch schon statt gefunden ;)

Der ökonomische Rahmen, in dem sich das ganze, globale Drama rund um sauberes Wasser abspielt, wurde zumindest angedeutet, indem deutlich Front gegen die Privatisierung dessen votiert und Wasser als Menschenrecht verteidigt wurde.

Da können Frau von und zu Wittgenstein und Frank Otto und andere, die auf ganz anderen politischen und Wirtschaftshochzeiten tanzen können als der normale Spender und die gestern da waren, weiter  dran arbeiten. Dass Frank Otto Viva con Agua von Anfang an unterstützt, das ist ihm eh schon schon hoch anzurechnen.

Verbetzt und gutgemacht und ganz viel Zukunft …

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Eurodance im Sonderzug – nein, ich war nicht dabei, aber die Fortsetzung von Disco mit anderen Mitteln ist allemal besser, als in abgestandenen Punkrock-Gitarren-Saucen den FC St. Pauli zu konservieren. Und es ist deutlich schöner, auf dem Betzenberg zu gewinnen, als dass dort schwarzen Spielern frei nach dem Motto “Ist ja eh nix wert” die Beine gebrochen werden. Und dass hinterher Region-Spieler an Eckfahnen in blöd grienendem Triumph und Pepita-Hut noch schlecht tanzen, Herr Basler. Nee, der war nicht der Knochenbrecher, das war Lincoln, war nur damals in meiner zweiten Saison eines der Spiele, die sich negativ einprägten, da bin ich nachtragend – obgleich J. von der “Breiten Masse” am Tag danach strahlend im Büro auflief und beseelt ausrief “Wir haben den Betzenberg gerockt!”. Weil die St. Paulianer-Chöre die Region-Sänger zu Teufelchen degradierten. Trotz 5 Gegentoren, wenn ich mich recht entsinne.

Gestern auf Sky waren eigentlich auch nur St. Pauli-Gesänge zu hören, und der Fussball in der ersten Halbzeit war neben dem Spiel bei 1860 und dem Heimspiel gegen Frankfurt – das gegen Braunschweig zählt wegen verkaterter Gegner irgendwie nicht ganz – wohl der beste in dieser Saison. Bin ja manchmal am Zweifeln, ob Michael Frontzeck bei aller Dankbarkeit dafür, dass er uns zum Nichtabstieg führte und sich zudem bis zum Schluß höchst sympathisch im Hintergrund hielt, sich so ganz und gar nicht inszenierte, sondern der Mannschaft den Jubel ließ, der richtige Trainer für einen Neuaufbau ist. Weil man auch gestern wieder das Gefühl hatte, konditionelle Schwächen zu erspüren und eben doch Teile der Saison von Ratlosigkeit auf dem Platz geprägt waren.

Umgekehrt meint man ja eine Ahnung zu haben, was seine Vision sein könnte, guckt man sich insbesondere die ersten Halbzeiten gegen die 60er und nun gegen die Region an. Das war schon richtig, richtig gut, auch wenn “aus einer kompakten Defensive schnelle Vorstöße wagen” sich wie eine Floskel liest, scheint es ja so leicht nicht zu spielen zu sein, guckt man sich Zweitligafussball so an …

Insofern hat Pathos recht: Es ging sehr wohl noch um etwas. Um ein gutes Gefühl angesichts dessen, was kommt.

Azzouzi hatte ja schon ordentlich vorgelegt mit Neuverpflichtungen, da man sich zugleich erstaunt und erfreut die Augen reibt. Willkommen!

Keine Leihgeschäfte, kein Jugendstil um jeden Preis, potenzielle Führungsspieler mit viel Erfahrung – Hut ab. Auch die Signale, dass jemand, der die Vereinsseele in und auswändig kennt wie Florian Bruns, ggf. noch in die Zweite als Leitwolf eingebaut und zugleich in die Geschäftsstelle integriert werden könnte. lässt hoffen, dass doch nicht aus irgendeinem verborgenen Machtkalkül das “alte St. Pauli” nun vollends abgeräumt werden könnte . Meggle als Trainer der Zweiten ist ja auch so ein Signal. Dann geh ich da auch mal gucken :)

Überhaupt, die Zweite: Gestern in der O-Feuer-Bar war ich umgeben von solchen, die sich regelmäßig deren Spiele anschauen – ein echter Himmelmann-Fanclub. Ganz schön beruhigend, ihn spielen zu sehen und zu wissen, dass wir ihn als Backup oder gar potenzielle Nr. 1 haben.

Dass freilich mit der Tradition gebrochen wurde, sich verhuscht auf dem Betzenberg abschießen zu lassen, erfreut um so mehr. So brennt sich nicht ein in den Hirnen der Spieler die bleiben, dass Auswärts-Führungen sowieso wieder vergeigt werden, macht ebenfalls Hoffnung.

Bisher dominierte ja der Eindruck, dass Restbestände des Alten uns noch irgendwie zusammen mit Ginczek den Arsch gerettet haben und das, was neu war, allzu viel Hoffnung noch nicht machte.

Nun so ein Gefühl von – ja, kitschiges und langweiliges Bild, dennoch: Morgenröte. Dass man sich auf die neue Saison freuen kann. Dass Azzouzi im Hintergrund sich als prima Gestalter erweist. Und dass sogar “der Verein” mit Trailern wie dem “Komm ins Stadion, da bist Du sicher!” Akzente setzt, die richtig, richtig gut sind. Weiter so!

Und dass die Mannschaft auf dem Betzenberg siegt – Danke!

Wünsche der Region ja wirklich viel Glück gegen Hoffenheim und drücke die Daumen,; blieben sie ihn Liga 2, wäre das für uns halt trotzdem schön. Weil mit Düsseldorf und Fürth Angenehmes zurück kehrt, und ob nun Dresden oder Osnabrück mit dabei ist, ist beides doch was anderes als Sandhausen oder Heidenheim.

Insofern auf einmal ganz viel Zukunft, auf die ich mich freue – wie auch auf dje erste Staffel von “Mad Men” (EDITH: Es war die “Big Bang Theory”, peinlich). Dankeschön!!! Ist toll, mitzubekommen, wer hier so alles mit gelesen hat in all den Jahren :) … ein gutes Gefühl!

For crying out loud … for that, I thank you!

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Ich habe uns schon die Relegation spielen sehen. Vor dem geistigen Auge, auf der inneren Leinwand flimmerten Bilder von Duellen mit Heidenheim, während derer wir kurz vor Schluss noch eine glückliche 1:0-Führung vergeigten. Zwei Mal in Serie in Tristesse versinkend wie jn chilly california sand near the end of the line in the middle of nowhere oder so … foy crying out for that I love you ja immer wieder trotzdem, we need you, we want you, FC St. Pauli.

Ich habe in Sorgen erfüllt im Schatten dieser Arena mit dem ständig wechselnden Namen in Mordor gestanden. Kein Witz, wie zufällig trafen zwei Desorganisierte auf andere St. Paulianer. Angesichts der wie Marschrhythmus dröhnenden Chöre dieser Normalisierten in Rothosen da drin in ihrem Parkhaus wurde uns ebenso mulmig wie bei der Vorstellung der kommenden Spieltage gegen Braunschweig und die Region.

Ja, Dresden würden wir ja die Relegation zutrauen aktuell, aber unserer demoralisierten, unsortieren Truppe? Schatten lagen über den Gesichtern, Schatten, die in Mordor tiefer graben und düsterer funkeln als anderswo. Beim anschließenden Meat Loaf-Konzert mischte sich in das Mitsingen jedes Wortes des Bat out of hell 1-Albums (das er in Original-Reihenfolge auf die Bühne brachte) immer wieder die Vorstellung, diese Saison könne nach all den Pannen so enden wie ein Motorradunfall, uns könne es scheinen, als würde von irgendwoher eine Glocke erklingen, und the last thing we saw was our heart, still beating in braun-weiß, flying out of our body – like a bat out of hell …

Auf dem Weg zum Millerntor schien irgendwer mir die Worte aus dem Mund genommen zu haben. Dabei habe ich doch gar nicht geknutscht. Eine Hot Summer night war es auch nicht, und doch, ein Kloß ballte sich in meinem Hals statt einer Kehle. Die Blicke der Braunschweiger rund um das Stadion wirkten irgendwie hämisch. Wollte mir ein wenig Entspannung ansaufen, ging nicht, gab kein Vollbier. Irgendeine melancholische Folk-Klampfe mit wehmütigem Gesang über den Verlust der Jugend drang aus den Stadionboxen; also, wenn ich so zurück denke, wie das war, mit 18 von Liebeskummer zerrüttet, er hieß Kai und wohnte ausgerechnet in Gailhof, morgens statt zur Schule zu gehen die Meat Loaf-Platte aufzulegen und mich wieder hin zu legen, mich ganz dem Unerfüllten hingebend, nee, also, einen Verlust empfinde ich da gar nicht, wenn ich daran zurück denke …

“I will love you ’til the end of time!”, FC St. Pauli, denke ich trotzdem, als ich auf meiner neuen Haupttribüne stehe, die immer noch nicht schöner als die alte ist und spüre, wie alle im Stadion allmählich anfangen, ihre Anspannung heraus zu schreien. Ja, ist Profisport unter den Bedingungen des Kapitalismus, dem Joch der Funktionalismen unterworfen, und mal ehrlich, eigentlich ist es doch völlig bekloppt, da nun im 13. Jahr jedes zweite Wochenende hinzupilgern aus irgendeiner sentimentalen und irrationalen Liebe heraus Angst, Lust, Euphorie und niederschmetternde Tristesse zu durchleben, während 22 Leute sich wechselseitig einen Ball abjagen wollen und ausrasten oder fluchen, je nachdem, wenn er in den Maschen zappelt.

Ein wenig ist das ja schon wie dieses Hängen ausgerechnet an der Musik von Meat Loaf, diesem verkitscht-monumentalen Album voller Heterosexismus und schlechten Metaphern, der hat sogar die Republikaner im Wahlkampf unterstützt – aber das Album ist doch sooooo schön! For crying out loud for that I love you …

Ich greife vor, aber als ich all die Stofftiere da sah, diese Fantasiefiguren, Hasen mit riesengroßen rosa Klopfern, Schnecken, übergroß auf Spielerrücken in Plüsch, in sich zusammen gesackte Teddies – soll man sich da jetzt über industriellen Massenüberfluss echauffieren oder nicht vielmehr in Verzückung geraten, dass es Menschen gibt, die sich solche herrlichen, bunten, kuscheligen, vielfältigen, zum Grinsen bringenden Viecher ausdenken und in die Welt setzen?

Geht mir auch jedes Frühjahr so, wenn Leute ihre Balkone bepflanzen, sich darin ergehen, die tollsten Arrangements aus Geranien und Petunien zu schaffen und sich denen mit Liebe und Hingabe zu widmen – das ist so traumhaft NUTZLOS und einfach nur da, damit man sich freuen kann. Toll.

Wie auch all die, die mir erst seit kurzem auffallen, die mit Instrumentenkoffern durch die Straßen ziehen, in Bussen und auf Fahrrädern fahren, kaum wer davon wird das als Beruf ausüben, werden auch nicht viele hören, was auf all den Gitarren, Bässen, Klarinetten, Celli und Koras gespielt wird, aber manche MACHEN DAS EINFACH SO. Weil es ihnen gut. Weil sie es schön finden. Weil es Spaß macht.

Keine Misanthropie ist mir fremd, Menschen führen Kriege, beuten aus, vergewaltigen, brandschatzen, morden, sind Rassisten, Schwulen- und Lesbenfeinde, unterdrücken, machen fertig, weiden sich am Schmerz der Anderen – und TROTZDEM blitzt es immer wieder überall auf, DAS NUTZLOSE, DIE FANTASIE, DAS VERSPIELTE, und man fragt sich, wieso es sein kann, dass es die gleichen Wesen sind, die zu beiderlei fähig sind.

Denn letztlich sind es ja die Menschen, die einen immer wieder ans Millerntor ziehen. Jene, die völlig zweckfrei “Bruns!”-Plakate malen, damit ihre Freizeit erfüllen und in Brunftschreie ausbrechen, wenn er beim Aufwärmen auf die Gegengerade zuläuft. Solche, die spontan fast schon verbal djend “Brunsbbeebbe”-Gesänge improvisierend erfinden. Und die vermutlich gemeinsam mit den Besungenen jene Vorstellungskraft erzeugen, die Tage wie jenen gestern am Millerntor möglich und unübertrefflich machen.

Was hat die Mannschaft mich für meine düsteren Visionen spielend ausgelacht! For that I thank you.

Ich meine, boah, ey. Die frühe Führung gegen verkaterte und lustlose Braunschweiger, okay, ich meine mich auch an ein Spiel gegen Paderborn zu erinnern, als wir schon aufgestiegen waren. So ganz mochten sie meine Negativvisionen dennoch nicht tilgen, die beiden Tore. Als die Braunschweiger dann zu Beginn von Halbzeit 2 aufdrehten, war mir ganz schön mulmig. Doch dieser Kullerball von Bartels, der die ganze Saison hindurch höhnisch am Pfosten vorbei gerollt wäre, nunmehr murmelte er gemütlich ins Netz – da war die Magie vollumfänglich und allumfassend Zustand am Millerntor. Dieser unglaubliche, erst zögernde, dann so traumhaft aus der Drehung “den mach ich jetzt selbst!” eingenetzte Ball von Bruns, die “Marius Ebbers Fussballgott!”-Rufe waren kaum verhallt, da köpfte auch der präzise … nach dem 5:0 glaubte ich am den Sieg :D

Als bekennender Hasser der Musik Thees Ulllmanns bekenne ich ebenso: Dieses “Hooray, hooray, hooray, FC St. Pauli”, als die Mannschaft vor der Süd stand und ein ganzes Stadion dem Song lauschte, den Refrain mitsang, diese Minuten, da Abschied und Freude, Melanchole und Liebe sich trafen und vor allem die Gewissheit erstrahlte, dass all das gemeinsam Erlebte in allen weiter leben wird und ganz wie im Schlager nie vergeht – schön. So schön. So traurig. Und doch so schön.

Später dann, beim letzten Diffidate-Marsch, da stellte ich mur vor, wie die ganze Crowd Meat Loafs “For crying out loud” schamlos umtexten würde, die dritte Stophe mit all den “Thank yous,” treffsicher auf Brunsebbeebbe umdichtete und es lautstark singen würde. Zügellos monumental, verkitscht und hemmungslos pathetisch.

Sie hätten es sich verdient. Wie diesen ganz so unglaublichen, so traumhaften Sonntagnachmittag.

When Doves cry. In Pink.

Dream if you can a courtyard
An ocean of violets in bloom
Animals strike curious poses
They feel the heat
…”

Prince, When Doves Cry

Ich mag ja verträumte Jungs, solche, die auch mal linkisch und verpeilt sich selbst im Wege stehen, süß … ABER DOCH NICHT AUSGERECHNET GEGEN DIE HERTHA! NEIN, GEGEN DIE HERTHA KANN MAN NICHT AUCH MAL VERLIEREN!

Nur weil die zufällig ausnahmsweise mal eine Saison die effizienteste Truppe der Liga hatten, in Liga 1 kriegen die eh wieder den Arsch versohlt.

HÄTTET IHR DOCH DIE HITZE GESPÜRT!

Stattdessen versaut ihr Flo sein wohl vorletztes Heimspiel. Der wieder gezeigt hat, was fehlen wird, wenn er weg ist: Spielintelligenz. Die Szene, als er Ben Hatari über den halben Platz geleitete, vom gegnerischen Strafraum zur eigenen Eckfahne, weil er voraus sah, dass da ein ganzes 16tel des Platzes frei bleiben würde, der verzweifelt die Arme ausbreitete “Wo seid ihr denn?” in Richtung der eigenen Abwehrspieler, weil die wieder flügellahm vor sich hin flatterten, als würden sie an lauen Sommertagen einen launigen Rundflug über Gemüsebeete zur Zerstreuung absolvieren.

Sagt mal, kiffen einige von euch vor dem Spiel?

Nein, nicht Schachten, der spielte grandios auf, aber der völlig desorientierte Bartels zum Beispiel, der planlose Kalla, Daube, der erst was zustande bringt, wenn Ebbers oder Bruns ihm vorführen, was zu tun ist? Avevor, der auf der Grundlinie Gegner austanzen will und die Torvorlage quasi selbst gibt? Ja, Boys in Brown, diesmal bin ich echt sauer auf euch und eure Stümperhaftigkeit!

Da pfeifft Herr Brych oderwiedersichschreibt 90 Minuten gegen uns in allen Kleinigkeiten und nach zweierlei Maß, kann dann nicht anders, als vermutlich wegen der Kicker-Note den Elfmeter doch zu pfeiffen gegen diese Ekeltruppe aus Berlin, und ihr schenkt schon wieder das Spiel her, als wäre das nicht der Nicht-Abstieg gewesen?

Ja, es ist cool, wie ihr nach dem Rückstand zurück gekommen seid, es reicht aber noch nicht.

How can you just leave me standing?
Alone in a world that’s so cold? (So cold)
Maybe I’m just too demanding …

Prince, When doves cry

Boah, ey. Gibt ja wenige Vereine, bei denen ich solch tiefen Widerwillen verspüre wie bei denen aus dem Nazi-Stadion in Berlin. Es einfach so typisch deutsch, zur WM 2006 dieses Propaganda-Bollwerk aus Riefenstahl-Zeiten noch bombastisch aufzublasen, während die Träger des rosa Winkels nie entschädigt wurden und die CDU bis heute die Opfer des Paragraph 175 verhöhnt.

Da kann sexy Ndjeng auch nichts für, auch Ronny nicht, keiner der einzelnen Spieler, nichts für ungut, ihr Spieler-Induviduen, aber euer Verein ist einfach furchtbar und eure Fans sehen auch noch so aus wie Hertha-Fans, schlimm – und gespielt habt ihr trotzdem wie solche, die pink T-Shirts nicht mögen.

Was sollte – by the way – dieser Rockmusik-Dreck vor dem Blondie-Song vor dem Spiel? Kein Wunder, dass man hinterher verliert, wenn vorher so was gespielt wird. (EDITH auf Hinweis von @felgenralle: Ich meine einen konkreten Dumpf-Hardrock-Song, der da schauerlich lief).

Wenigstens hat Herr Frontzeck genau in dem Moment, da ich kurz an ihm zweifelte, das Richtige getan, nämlich Ebbers für Funk gebracht. Danach sah man doch, dass ihr es könnt.

Zumindest, wenn jene auf dem Platz sind, in denen so was wie Widerstandsgeist wohnt und wühlt. Ebbers zum Beispiel.

Insofern muss man erneut betonen, dass einmal mehr ein Spiel auch, nicht nur, an Schubert-Spätfolgen krepierte und somit auch vom Präsidium verloren wurde. Ja, die Schubert-Posse vor der Saison. Annähernd alles, was einen eigenen Kopf hatte und selber dachte, wurde ja vom Platz gejagt. Insofern ist mir ein Rätsel, wie, voraus gesetzt, dass wir überhaupt die Klasse halten, wie das in der nächsten Saison laufen soll, wenn mit Ebbers und Bruns Spielintelligenz und auch Kampfgeist und Durchsetzungswille verschwunden sind. Ebbers war ja phasenweise bester Mittelfeldspieler und Bruns bester Verteidiger.

Ich mag ja auch Bartels, Avevor, Daube, Funk, Kalla, das sind unsere Spieler, und ich verliere lieber mit denen, als mit der Hertha aufzusteigen. Echt. Und Buchtmann hat das Zeug zu Spielwitz und Wutenergie und wohl auch einen eigenen Kopf.

Aber zeitweise habt ihr heute so gespielt, als hättet ihr Väter gehabt, die sich freuten, dass ihr mit Autos statt mit Puppen spielt, weil man so leichter durchs Leben kommt als mit einem ein pink St. Pauli-T-Shirt als Outfit … dann trifft man nur ständig auf die, die noch fieser treten, noch mehr rum mackern, noch verlogener und unangenehmer sind, wirkt auf einmal zu lieb und verliert dabei das Eigene. Das man viel besser zu verteidigen lernt als Pink-T-Shirt-Träger.

Die Gefahr ist beim FC St. Pauli noch lange nicht gebannt, der Verlust des Eigenen zugunsten der Verorthung im Nirvana farbloser Gesichtslosigkeit,

Denn eigentlich bin ich ja gar nicht wütend. Ich hab Angst. Und bin traurig. Drum:

This is what it sounds like
When doves cry.”

Prince

Entrückt: FC St Pauli – 1860 München 3:1

3zu1

Es ist Dienstag Abend. Der Frühling hat ein wenig so getan, als sei er – ganz so, wie wir alle mal so tun, als seien wir, obgleich wir doch nur simulieren, tun als ob, in Rollenspielen und Egowahn verheddert.

Die Müdigkeit schleicht, hat mich umzingelt. Donald Fagen lässt gerade Harmonien hier aus den Boxen tanzen, die aus dem Jazz entsprungen sind, dem Sound urbanen Chaos’ und Schwungs mit dampfenden Gummideckeln und Hydranten wie aus der Sesamstraße, waren da welche? Ich sehe Kinder in Sommerhitze auf glühendem Asphalt spielen vor dem geistigen Augen, jemand hat den Hydranten aufgedreht, sie lachen und schreien im Strahl vor Glück- wie in mythischen Bildern auf Leinwänden.

Lester Young hatte schon recht, dass es hilft, den Text zu wissen, improvisiert man zu den Songs aus dem “Great American Songbook“. Weil auch das Solo-Saxophon eine Geschichte erzählen kann, wenn es will. Vom Kloß im Hals, der fest gepropft nicht weichen will und das G2 immer zum Überblasen bringt in meinem Fall zum Beispiel, von zauberhaften Abenden in “Alma Hoppes Lustspielhaus”, da die Hidden Shakespeares, Weggefährten und die Mutter, die Tochter und die heilige Geistin aller Hamburger Improvisationstheater und darüber hinaus ihren 20. Geburtstag feierten, diese umwerfenden Rampensäue, diese großartigen Sänger, Schauspieler, Entertainer, die mir so ans Herz gewachsen sind und die so lange auf der Bühne zusammen als Ensemble stehen wie ich meinen Beruf nun ausübe. Ja, vor 20 Jahren Praktikant und noch immer fiel mir nichts Besseres ein – stimmt nicht! Seit kurzem weiß ich was und verrate es nicht! Das Leben kümmert sich schon drum!

Und dann stehe ich vor dem Lustspielhaus im Vorort, war’s Winterhude oder Ependorf?, so kommt es mir vor, wie Vorstadt, mir, der zumeist nur zwischen Neustadt und Schanzenviertel pendelt und allenfalls mal Abstecher nach Eimsbüttel Süd oder Ottensen unternimmt. Vorort mit gediegenen Prachtbauten an Alsterkanälen und Fährhäuser als Naherholungsziel, für manche zentral, für mich eine andere Story in der Stadt.

Mit Crazy Horst, St. Pauli-Wirts-Legende (und er ist auch so!) stehe ich da, und er schwärmt nicht nur von dem Auftritt der Hidden Shakespeares, bei dem wir jeweils lachten wie seit Jahren nicht, sondern auch von der zauberhaften Stimmung auf St. Pauli am Abend zuvor.

Weil der FC St Pauli ja gewonnen hatte und alle so chilly-groovy-happy durch das Viertel geschwebt seien und wie auf Bordsteinen aus Samt schwebten und die Story des Sieges zur richtigen Zeit vor sich hin summten … eben entrückt. Die vom magischen FC brachten es auf den Punkt: Mehr von diesem Artikel lesen

Zwischen Dresden und 1860: Kurz was zu Michael Frontzeck

Ich gebe es ja zu – ich habe es gemacht wie 2/3 des Magischen FC:

“2/3 dieses Blogs hatten alles richtig gemacht, als sie die Teilnahme an dieser Fahrt schon frühzeitig sein ließen und den Tag auch noch so vollpackten, dass sie das Grauen nicht einmal am Fernsehen ertragen mussten.”

Ahnend, dass im postdemokratischen Freistaat Sachsen sowieso irgendwas ganz besonders Blödes passiert. Ich war nur einmal in Dresden und fand die Stadt prima; habe Freunde und Kollegen in Leipzig und Leuna, die ich sehr schätze für ihre widerständige Ironie und tiefe Herzlichkeit, die sich den funktionalen Stahlgehäusen der Verwestlichung bis heute erfolgreich entgegen stellen: Sie grinsen über “Macher-”-Egos und kichern Poser einfach hinweg. Freue mich immer, wenn ich sie treffe.

Das sollen aber, so hört und liest man, trotz aller offenkundig intensiven Bemühungen bei Dynamo dagegen anzustinken, nicht jene Tugenden sein, die dort im Stadion sich an unseren Fanblock heran wanzten.

Wahlweise glauben die “hitlernden”  ja, sie würden “provozieren” – haben die da keine besseren Ideen? – oder sie sind wirklich Nazis; kein Wunder, wo die sächsische Justiz, Staatsanwaltschaft und auch einige Richter, als in meinen Augen Nationalsozialismusförderungsprogramm immer wieder in die Schlagzeilen gerät, weil sie jene meiner Ansicht nach politisch verfolgt, die  was gegen Nazis tun:

“Im Stadion sammelte sich direkt neben dem Gästeblock auf den Aufgängen eine Gruppe von ca. 50 Hackfressen. Bemerkenswert dabei ist, dass diese fröhlichst mit den dort postierten Ordnern schnackten. Auch so eine Beobachtung, die man leider nicht zum ersten Mal macht. Bei uns am Millerntor darf man keine 30 Sekunden im Aufgang stehen, in Dresden kannst du auf dem Aufgang noch locker abhitlern und wirst von den Ordnern noch freundlich beschnackt.

Das Erstaunliche dabei ist aber, dass im gleichen Block auch reichlich Polizei steht, die aber Scheuklappenmäßig nur auf den Gästeblock guckte. Eigentlich ein echter Skandal, andererseits wohl eher traurige „sächsischer Normalität“. In diesem Bundesland ist es schon lange das schlimmere Verbrechen, gegen Nazis zu demonstrieren, als Nazi zu sein.”

Angesichts der grandiosen Leistung, vor solch strukturell menschenfeindlicher Kulisse noch mit 2 Toren in Führung zu gehen, muss man die Mannschaft wirklich herzen.

Nur wie es zu diesen Zusammenbrüchen danach kommt – so richtig verstehe ich das nicht.

Ich erinnere mich verdammt gut an das Hinspiel in München, und damals hatte ich das Gefühl: Wow, der Frontzeck hat eine durch Schubert und Präsidiumsvefehlentscheidungen scheintote Mannschaft aber so was von revitalisiert! Das war wirklich ein perfekt aus einer aber derart  kompakten und hochkonzentrierten Defensive “überfallartig” (schrub der Kicker, glaube ich) aufgezogenes Konterspiel, geradezu atemberaubend und sogar eine Antwort auf den Stanislawski-Harakiri-Stil in Liga 1 (Ausnahme: Das Spiel in Hannover), das noch in manchen Köpfen saß. Lag auch sehr stark an Buchtmann, der da richtig gut war, aber auch ansonsten eine Souveränität der Boys in Brown zum Knutschen.

Man spürt nun immer mal wieder, dass der Michael Frontzeck das auch immer noch gerne so hätte. Gerade in bei Union Berlin. Das sah so aus, als sei seine Vorgabe, doch einfach wie ein Block in der eigenen Hälfte zu stehen, um dann plötzlich vorzustoßen. Ging schief.  Da wankte die Mannschaft schnell angesichts des Drucks, hielt kurz gegen und hat sich nach dem Ausgleich noch 2 gefangen.

Aber warum denn eigentlich?

Im Gegensatz zu der Schubert-Zeit ist ja Engagement zu sehen (weiß nicht, ob in Dresden, habe es nicht gesehen, aber sonst geht man nicht in Führung), aber die anfangs vom Trainer etablierte Struktur ist – auch wegen Verletzungspech, aber das allein kann es ja nicht sein – völlig in sich zusammen gebrochen, dass eher die Kombination aus Zufall, Wille und Einzelleistung zwischendurch mal was reißt.

Nun munkelt man im Forum, Trainingszeiten mit anderen Mannschaften vergleichend, dass Michael Frontzeck vielleicht  das ganze etwas zu locker anginge, nicht zur Akribie neige und und die letzten 10% selber nicht bringe.

Ich habe keine Ahnung, ob das stimmt, aber dieser Zusammenbruch der Struktur, die er selbst ja zu schaffen vermochte mit eben diesem tatsächlich falsch zusammen gestellten Kader, wofür er nichts kann, wirkt zumindest wie ein Indiz – als habe er steil los gelegt, für Selbstbewusstsein nach den (vom Hörensagen) Niedermachanfällen Schuberts gesorgt. Und selbst eben auch stark nach gelassen.

Diese lockere Art, die er an den Tag legt, finde ich ja sehr sympathisch – trotzdem, diese extreme Verunsicherung, da KANN man gegen steuern. Bestimmt nicht durch die allseits geforderte, öffentliche “Kritische Betrachtung”. Aber dadurch, dass man die Aufmerksamkeit auf die Stärken legt, die man selbst etablieren half.

Und nein, ich bin nicht beim Training, stecke nicht drin, habe auch nichts gegen den Trainer und finde gut seine Bereitschaft, in widrigen Umständen aus nicht allzu guten Vorraussetzungen, deren Keim das Präsidium legte, als es Schubert erst demontierte und dann mit ihm verlängerte, klaglos etwas machen zu wollen. Ich will hier auch gar nicht “Frontzeck raus!” schreiben, er hat mich positiv überrascht.

Trotzdem: Vielleicht einfach noch mal das Hinspiel gegen 1860 vor Samstag gucken. Auf Fehler konzentrieren bringt nix, das werden dann nur immer mehr. Immer wieder das Hinspiel gucken. Bis es wieder sitzt. Und anschließend so tun, als sei man mental noch so drauf wie damals. Notfalls schauspielernd.

Sie können es ja. Auch Fin Bartels kann schnelle Vorstöße, auch Gyau kann lernen, sich mal weniger nur auf seine Dribbelkünste und Sprints zu konzentrieren, sondern auch mal den Kopf hochzunehmen und auf das Spiel zu schauen. Auch Gogia braucht seine Technik gar nicht zu demonstrieren, sondern kann mal mehr auf die Anderen achten und vor zündenden Ideen sprühen.

Bruns KANN gefährliche Freistöße schießen, Boll KANN das Tor treffen, Kringe und Funk KÖNNEN als Doppel-6 funktionieren, wenn Kringe nicht ständig das Gefühl hat, den Spielmacher geben zu müssen, weil es sonst keiner es tut, und den Paddy alleine lässt.

Mohr, Avevor, Thorandt, Kalla SIND Top-Verteidiger – vielleicht haben sie das einfach vergessen? Dann sollte man sie daran erinnern,

Herr Frontzeck, Energie folgt der Aufmerksamkeit, und jetzt im Schlußspurt gegen den Abstieg ist es vielleicht an der Zeit, dass auch SIE noch mal eine Schippe drauf legen – nicht durch böse gucken und aufregen an der Seitenlinie, sondern durch ein paar extra trainierte Geniestreiche? Machen sie ja bestimmt eh schon, und ich nerve hier nur klugscheißend und besserwissernd rum ;) … wie es so meine Art ist.

Deshalb müssten wir jetzt eigentlich eine Siegesserie starten …

“Ich sehe aus dem Augenwinkel nur ein hellblaues Trikot reinfliegen und plötzlich war es unfassbar laut.” – Florian Bruns

Von hinten erzählen? Vorne anfangen? Mitten rein springen?

Vorgeschichten ausmalen – wie schön es z.B. ist, in dieser traumhaften Stadt zu leben, trotz allem, trotz Neumann, Scholz, Gentrifzierung? Wie gut es sich anfühlt, an arschkalten Frühlingsabenden durch den Park der Abendsonne entgegen zu gehen, in Erwartung dessen, die Boys in Brown gleich auf dem Platz zu sehen, vertraute Menschen in und um das Stadion zu treffen, wenn das Bier schmeckt und die Seele braun-weiß lacht?

Klar, bin auch kein potenzielles Opfer von Racial Profiling, nicht von Abschiebung bedroht – erinnere mich aber gut daran, wie einst, als ich noch in dem Alter und der Form war, da man Erfolge auf dem Fleischmarkt feierte, mich drei bis vier mal umsah, bevor ich mit dem jeweiligen Typen los knutschte auf offener Straße.

Weil man ja zumindest ahnen konnte, wer darauf gewalttätig reagieren könnte …

Nun sehe ich manchmal deutschtürkische Jungs Händchen halten durch die Wallanlagen streifen. Und freue mich dann. Ja, ist “nur” Freundschaft zwischen denen, aber nicht umsonst formulierte Michel Foucault einst in vielen Interviews, dass sich als schwul erfinden als Freundschaft zu anderen Männern verstanden werden  könnte – durchaus in Abgrenzung zu oft von sexistischen Hierarchien und Role-Models durchdrungenen, heterosexuellen Beziehungen. Und auch deshalb: Unbedingt lesen, den Text!

Weil ich auch manchmal das Gefühl habe, dass Homo-Ehe für manche Heterosexuelle auch deshalb so befürwortenswert ist, weil man sich deren Lebensformen damit anähnelt. Was ich nie gewollt hätte. Bin ja trotzdem für die rechtliche Gleichstellung, fand aber das Abenteuer, in jeder Konstellation erst mal entdecken zu müssen, Mehr von diesem Artikel lesen

“Jazz handelt vom Mutigsein”: Über Risiko, Vertrauen, Fussball und die Problematik eines Begriffs

saxflirt

 

Nach Hause!

Im SPEX-Kosmos der 80er weich gekocht und danach im Flirt mit der BRAVO bei gleichzeitigem Sträuben dagegen mit den Mitteln der Philosophie wurde mein Denken geformt, irgendwann habe ich mich durch die Rolling Stone-Phase gefolkt (ich ließ das Lesen dessen bleiben, als Stuckrad-Barre dort schrub), entdecke ich nun im fort geschrittenen Alter: Es gibt richtig coole Jazz-Zeitschriften!

So z.B. die JAZZthetik. Die berichtet von Menschen, die musikalisch besser machen, was ich hier manchmal bloggend versuche – und wohl, weil trotz Giganten wie Joe Lavano, Wayne Shorter und anderen sich kein der bildenden Kunst, der Klassik oder dem Pop adäquates Starsystem heraus bildete (Sonny Rollins, Herbie Hancock und Tomasz Stanko live übertragen von der Waldbühne um 22.30 h im ZDF zur Eröffnung irgendeines Sport-Events ist schwer nur vorstellbar), denken die Autoren und spielen die Musiker crossovernd vor sich hin.

So erschließen sie sich sinnlich und reflektierend Welt, dass es eine Freude ist.

Da verjazzen im Wagner-Jahr reihenweise Künstler (Eric Schaefer und Dieter Ilg zum Beispiel) das olle, politisch niederträchtige und künstlerisch doch so überragende Genie, Ruth Wilhelmine Meyer und Helge Lien umschmeicheln die Figuren Ibsens ohne Text, weil Sprache ja einen Schlusspunkt habe, an dem es nicht mehr weiter ginge – und der Altsaxophonist Christian Weidner musiziert jungianisch seine Träume:

“Die Wesen, die dort anzutreffen sind, haben eine bestimmte Energie und einen bestimmten Gestus und leben weiter, auch wenn ich nicht mehr schlafe. Ich gehe gerne bewusst zurück in die Träume und erinnere mich an sie. Ich tue so, als wären sie im wachen Zustand lebendig, indem ich mit Figuren spreche und ihrer Energie nachspüre. In diesen Energien und dem Nachspüren taucht dann die Musik auf.”

Christian Weidner in: Traummusik im Wachzustand, JAZZthetik März/April 2013, Ausgabe 251, S. 22

Wundervoll. Das sollte ich mal als Konzept an meine Kunden verkaufen, die Chancen stünden schlecht, dass sie zu begeistern wären – aber genau deshalb ist diese jazzige Welt ja so wunderbar. Kommerziell kann man da eh nicht viel reißen, drum gibt sich programmatisch die Formenvielfalt ganz der nun mal wirklich tabufreien Imagination hin.

Diese ganze angeblich “Tabus brechenden” Feuilleton-Schmierfinken in ihrer formalen Öde, die “Zensur”-Schreihälse mit ihren Textbausteinen machen ja gerade das NICHT, was auch nur in Nischen sich findet, doch solchen, wo das Abenteuer der Form noch gesucht wird .

Don Byron auf S. 46 weiß so zu berichten, wie schwarze Musiker in den USA dazu gedrängt werden, doch lieber Saxophon statt Klarinette zu spielen und begibt sich als Antwort in die Gospelkirche, die Historizität des Materials erkunden. Chris Potter zwei Seiten weiter hat sich als Urformel aller Heldenreisen Homers Odyssee gekrallt – nicht zufällig auch dramaturgischer Höhepunkt in Adornos und Horkheimers “Dialektik der Aufklärung”, die Nummer mit den Sirenen und dem Mast, an dem fest gebunden der alte Grieche dem Trieb entsagt, da er ihn zerstören könnte. Naturbeherrschung. Und das Drama nahm seinen Lauf …

Mehr Inspiration in einem Heft als in 20 Jahren Abo von DIE ZEIT. Nach Hause! In Ben Zabo muss ich mich noch mal separat einarbeiten.

Und, hach, auf S. 60 dann ein Essays zu, na, was wohl: Jazz und Fussball! Autor Mehr von diesem Artikel lesen

Poesie, Eros, Drama: Millerntor! Bruuuuuuuuuuns!

Die augenzwinkernde Poesiewerdung des FC St. Pauli:

“Wenn im Wald die Hölle los ist, wenn Bäume beben, das Blätterdach wackelt und selbst der Wurmfarn vor Frühlingsgefühlen platzt, wenn zottelige Gestalten ihr Glück in den Himmel röhren oder ineinander verkeilt den Euphorieüberschuss austanzen – dann weiß der Förster: Es ist wieder Brunszeit.”

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Okay, der Gegengeraden-Gerd ist ja eh Sprachkünstler. Meine Verehrung!

Aber selbst die Mopo, ausnahmsweise verlinkt, müht sich auf einmal  im Ringen um den bildhaften Ausdruck:

“der Rest waren ausflippende Zuschauer, am Boden kauernde Gäste und eine Jubeltraube in mehreren Metern Höhe auf dem Schützen.”

Ohne “der Rest war” hätte aus dem Satz wirklich was werden können! Dranbleiben, Mopo!

Als Meister der Verdichtung erweist sich Fabian Boll (dem Hamburger Abendblatt vom 9.3. 2013 gegenüber):

“Platz umpflügen, grätschen, wo sich was bewegt.”

Beinahe ein fernes Echo der Lyrik August Stramms meint der Hörer da zu erlauschen.

Ja, das ganze Regensburger Forum mag sich verpfiffen fühlen Mehr von diesem Artikel lesen

Vom Überwinden der Scham

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So als Kritiker von Leistungs- und Nützlichkeitserwägungen, als Verfechter des freien Spiels der Liebe zum Erlebnis will ich mal den echt niedlichen Schiedsrichter, Christian Leicher, loben. In eben diesem Sinne war es wohl zu deuten, dass er uns dieses Geschenk so kurz vor Schluss machte. Nee, dachte er sich, will man die instrumentelle Vernunft (Horkheimer), die letztlich irrational werdende Zweckrationalität (Max Weber), die funktionalistische Vernunft der Systemimperative, die der Logik des instrumentell über einen Gegenstand Verfügens folgen (Habermas), wirkungsvoll dekonstruieren, dann bleibt nur das: Die klare Aalener Überlegenheit in Halbzeit 2 auszulachen, indem man einen “kann man geben, muss man aber wirklich nicht!”-Elfmeter pfeifft.

Ich muss hier gerade so klugscheißern, damit Publikative auch weiterhin meine Kommentare nicht frei schaltet. Bruttoinlandsprodukt. Ich lach mich kringelig. Weil mir zudem heute ein “Verständlichkeitslauf” diagnostiziert wurde. Die daraufhin entstandenen Risse im Selbstbild muss ich nun kitten.

Dabei war es wirklich schön, heute in geballter Social Media-Offensive gemeinsam Fussball zu schauen: Mit @kleinertod und @gegengeraden-gerd samt Begleitung und @ring2 bzw. @stpauli.nu gemütlich in der O-Feuer-Bar bei lecker Bier sich ein echtes Scheißspiel schön zu saufen.

So entwickelte ich bierselig vollstes Verständnis dafür, dass Thy, Gogia und Gyau vollauf damit beschäftigt waren, sich mittels Mentaltechniken auf das nächste Spiel vorzubereiten. Sie leuchteten förmlich bei ihren Imaginations- und Visualisierungsübungen von Zuckerpässen, präzisen Flanken und genialen Treffern – wir können uns schon mal freuen! -, blieben so voll und ganz auf eine bessere Zukunft konzentriert. Sich auf die triste Gegenwart zu fokussieren führt ja auch nur dazu, dass sie sich unaufhörlich wiederholt. Und sie konnten auch eine Halbzeit vollkommen darauf vertrauen, dass unsere Defensivspieler die Offensivarbeit gleich mit übernehmen. Das klappte deshalb so gut, weil die Aalener in Halbzeit 1 vor allem mit Umfallen beschäftigt waren. Die mit gelb geahndete Schwalbe des einen Herren in Schwarz-Weiß gestreift war natürlich die im Sinne des Karmas auslösende Ursache für den späteren Elfmeter. Ach, und es ist nicht nett, Herr Frontzeck, dass Sie Florian Bruns nicht eingesetzt haben, nur weil, ganz grober Patzer der sportlichen Leitung, dessen Vertrag nicht verlängert wird. Mit Bruuuuuuuns auf der 10er-Position hätten wir zur Halbzeit souverän 4:0 geführt inmitten wie Kegel kippender “Reichsstädter”.

Aber so halt lieber einen auf spannend machen, na, ich weiß ja nicht.

Und dann kam “der Japaner”. Ja, auch das ist Alltagsrassismus, lieber Herr Sky-Off-Daherquatscher, alle mit Namen zu nennen, aber Takuma Abe immer nur “der Japaner”. Bei Florian Kringe haben Sie ja auch nicht “der Deutsche” oder bei Gyau “der Amerikaner” gesagt. Abe war echt gut, der mentale Ausstieg unserer Offensive zeigte ergänzend Wirkung, zeitweise war das reine Abwehrschlacht – und Frontzeck rehagelte, wie @ring2 richtig anmerkte, indem er mit Daube einen dritten Sechser auf den Platz schickte, anstatt die Offensive zu beleben. Als Boll und Ebbers kamen, verschaffte das der Defensive Entlastung und uns so kurz vor Schluß den spielentscheidenden Elfmeter.

Als Aalener Fan wäre ich vermutlich völlig ausgerastet, würde Blogtexte darüber schreiben, dass Christian Leicher, der niedliche Schiri, sich doch mal Gedanken darüber machen solle, was für ein Gerechtigkeitsempfinden junge Menschen, die so was sehen, entwickeln würden.

Doch so … die Gedanken schweiften tatsächlich zurück in die Regionalliga, ein Spiel gegen Neumünster, wo ein entscheidender Elfmeter uns den Arsch rettete und ich mich auf den sooooooooo sehr vermissten Holzbänken der alten Haupttribüne echt schämte.

Aber man wird älter, wird reifer und überwindet die Scham :D … schön war’s, zu jubeln, zu lachen, in Arme zu fallen und grienend mit Freunden durch die Stadt, die ich liebe, nach Hause zu gehen!

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