Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: FC St. Pauli

“Ob es so oder so oder anders kommt …!” – FC St. Pauli – FCK 2:3 (und Momo on the radio)

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“Zusammenfassend bleibt in meiner Erinnerung ein Niederlagenrausch zurück. Geile Atmosphäre, geile Leute, Scheißergebnis. Scheiß aufs Ergebnis! Geiler Abend! Das ist Fußball? Quatsch, das ist Sankt Pauli! So richtig schade war eigentlich nur, dass Boller sein Comeback nicht in dieser geilen Atmosphäre erleben durfte. Ich hätte es ihm gegönnt.”

Womit JaWasDenn das Entscheidende bereits auf den Punkt gebracht hätte. Das folgende ist die Fussnote dazu.

Als ich da stand nach dem Spiel auf der Haupttribüne, jenem Ort, da man Autohöfe gerne ignoriert, die glauben, verordnen zu können, wann man sabbeln, wann man singen sollte und um mich herum Menschen aufgelöst in Standing Ovations ihren Trance auskosteten trotz der Niederlage – ich wusste die Wunder des hypnotischen Sogs, zu dem Mannschaften des FC St. Pauli fähig sind, durch und durch zu schätzen. Zu genießen. Zu inhalieren als pralle Lebenslust.

Es war natürlich schon traurig, hinterher zu lesen, dass die Mannschaft den Last Minute-Treffer, klar auch, als Genickschlag empfand, nachdem sie mit dem 2:2 noch mal so eindrucksvoll zurück gekommen war. Und doof, dass Tschauner sich eine Verletzung zuzog – gute Besserung! Doch wie ihr trotz nun echt bravourös druckvoller Regionisten immer wieder euch aufbäumtet, domiertet, sie fast auf ihre Torlinie drücktet, da war mir auch schnurz, dass denen das umgekehrt auch gelang. Das war Big Entertainment, packend, spannend, großes Gefühlskino, Dramatik, toll!

“Aber schön war es doch, schön war es doch, und ich möcht es noch einmal erleben”, um einmal mehr mit Hildegard Knef zu sprechen, nur das nächste Mal halt mit anderem Ergebnis. Ich fand es umwerfend sexy, wie sich die Boys in Brown von der 90. bis zu 97. Minute aber noch mal so was von hinein warfen, und no risk, no fun ist immer (!!!) das bessere Motto als “Cleverness”. Smartness war ja genug vorhanden. P.A. neben mir war zwar auch irgendwie bedöppelt, aber hey, es mag zwar nichts erfolgreicher sein sein als der Erfolg, doch: Es geht um’s Tun und nicht um’s Siegen.

Fällt mir jetzt noch eine Floskel oder irgendein Zitat ein? Noch’n Songtext? “Ob es so oder so oder anders kommt, so wie es kommt, so ist es recht, es kommt sowieso nie so, wie man es gerne möcht’!” (Lena Valaitis) “So ist nun mal das Leben, es kommt so, wie es kommt, den einen trifft es eben, der andere bleibt verschont.” (Marianne Rosenberg) “Nur wenn ich lache, tut’s noch weh” (Daliah Lavi) – nee, der passt ja nun gerade nicht. Dann schon eher Weckers “Wer nicht genießt, ist ungenießbar!” “Wenn der Sommer nicht mehr weit ist und der Himmel violett, weiß ich, dass das meine Zeit ist weil die Welt dann wieder breit ist, satt und ungeheuer fett!” Auch Konstantin Wecker.

Und das nehmen sich die Spieler auch zu Herzen, spielen weiter mit praller Lust und breiter Brust, und weil uns das allen zusammen so einen Spaß macht, gewinnen wir sozusagen als Nebeneffekt die restlichen Spiele.

Wo ich schon beim Sampeln bin: “Move your Body” von Frankie Knuckles, R.i.P.!, wurde in der Halbzeitpause auch angespielt, was mich sehr, sehr freute! Danke! Gerne mehr davon!

Und der FC St. Pauli ist immerhin auch der Verein, da man hinterher schwer angeknallt, aber hallo!, vor Kneipen steht und tatsächlich über Platons “Politeia”, die Fortentwicklung seiner “eingeborenen Ideen” in Kants transzendentalem Programm und ob der “Seelenwagen” denn nun was mit Freud zu tun habe diskutiert. Echt jetzt. Schön!

Morgen geht es ohne Kant und Platon, aber mit Foucault und jenem Topos der Kritischen Theorie, der die “verwaltete Welt” beklagt, mit Momos “Tales of St. Pauli” beim FSK weiter. Dieses Blog hat jetzt ja einen akustischen Ableger. Um 14 h ist es so weit, es wird Musik zu hören sein u.a. von Frankie Knuckles, Fela Kuti, Noiseaux, Donna Summer, Georgette Dee, Divine, Carmen McRae, Heather Small, S O H N, Nate57 und Joshua Redman – es lebe der Eklektizismus! Zwischendurch ereifere ich mich über Bürgermeisterreden, begeistere mich für John Waters und ersehne die Utopie. Und erinnere mich an das After Shave verflossener Liebhaber. Wer Lust hat, kann ja mal rein schnuppern.

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Fehler führen zum Erfolg: Sandhausen – FC St. Pauli 2:3

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Man kann verschlafen und leidenschaftslos, aber feige immer alles richtig machen wollen.

Gähn.

Dabei raus kommt oft fiktionales, öffentlich-rechtliches Fernsehen. Wenn es dennoch auf ein konsensfähiges Thema setzt, kriegt es ganz unabhängig vom Ausbleiben mutigen Gestaltungswillens, Risikofreude oder audiovisueller Visionen auch einen Grimme-Preis.

Oder man kann kultivieren, was als fehlerhaft gilt: Das “Outside”-Improvisieren im Jazz zum Beispiel. Also nicht in der Tonart verbleiben, die mit dem Akkord harmoniert, sondern gezielt auf Dissonanz setzen. Kann sich sehr, sehr aufregend anhören.

Seltsam unbefriedigt bleibt Mensch freilich, wenn die Spannung sich nicht löst – das brachte Theodor W. Adorno dazu, zwar nicht im Jazz, doch in der als “E” verschrienen Musik die Dissonanz in Relation zur gesellschaftlichen Wirklichkeit zu setzen.

Fussball als im besten Falle therapeutisches Geschehen – irgendjemand hat eine Psycho-Therapiesitzung mal mit chemischen Reaktionen im Erlenmeierkolben verglichen, ein verhältnismäßig geschütztes Setting, in dem es rund gehen kann, so ist es beim Fussball ja auch, 90 Minuten mal einfach so emotional sein dürfen – ist in der Hinsicht ja gerade NICHT Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse. Es hört nämlich auf, und man muss sich mit dem Ergebnis abfinden. Oder kann sich sogar darüber freuen!

JAAAAAA!

So wie wir am Samstag. Andere Leute fahren ja heroisch durch die Republik zum Vor-Ort-Support; ich bekenne, die erste Halbzeit buchstäblich verschlafen zu haben. Als ich endlich hinein schalte, steht es kurz noch 1:1. Ein misslungener Rückpass auf Tschauner von Kalla – Peng. So what.

Aber da in jedem Misslingen eine Chance sich verbirgt: Wow! Ich hatte ja nach dem Trainingslager die Befürchtung, dass im Team was nicht stimmte. Nun hatten andere Twitterer und ich den Eindruck: Die Mannschaft spielt für Kalla. Vielleicht wäre es sonst sogar ein müdes 1:1 geblieben, ohne seinen Patzer.

Nun freilich zeigte sich eine Tugend, für die ich den Boys in Brown nur noch lieber zujubele: Sie legten los und bügelten alle zusammen incl. Kalla den Fehler wieder aus. Was ein Schachten, was ein Ratsche: Wow. Solidarisches Toreschießen. Cool.

Das hat echt Spaß gemacht, das anzugucken. Nicht, weil es Zauberfussball gewesen wäre. Sondern, weil das St. Pauli war.

EDITH: http://www.stefangroenveld.de/2013/jan-philipp-kalla
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Tears: Rest in Peace, Frankie Knuckles

Gerade Freitag, als ich das Stadion betrat und dort das ja auch bahnbrechende “Now I wanna be your Dog” lief, als dann die Fürther Hymne in seltsam fränkisch-männlichem Mundartpop erklang, da sehnte ich mich danach, nur einmal vor dem Spiel eine der großen House-Hymnen zu hören.

Die Musikästhetik rund um den FC St. Pauli ist ja protoptypisch für die ungebrochene Dominanz des Rockism in weißen Gegenkulturen: Weiße, heterosexuelle Männer definieren zu Gitarren die Welt, und hätte der Hip Hop seine Bezüge zur House-Music noch ernster genommen, hätte ihm das gut getan. Warren G. und andere haben das ja auch.

So jubeln alle gerade diesem Markus Wiebusch oder wie der Kettcar-Sänger heißt zu, dass er Schwule erst “othert”, um sodann zu hoffen, dass das, was schwule Erfahrung tatsächlich anders macht, doch bitte egal sein möge – und haben vermutlich kaum mal eine queere KünstlerIn im iPod oder wo auch immer sie ihre Musik stapeln oder spreichern. Hört doch mal LGBTQ-People zu und all ihren Künsten und nicht nur denen, die sich löblich für sie einsetzen. Ja, ist ja auch schon geschehen, bei “Fussball & Liebe” zum Beispiel.

Zum Glück gibt es ja auch viele Andere im Stadion, den Oke, den Willy zum Beispiel, über die ich heute bei Facebook erfuhr, dass ein wahrer Revolutionär verstorben ist: Frankie Knuckles.

Ich musste schon ganz schön schluchzen. Selbst als ich auch Mehr von diesem Beitrag lesen

Fast ein Schlagertext :D : FC St. Pauli – Greuther Fürth 2:2

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Die Sonne scheint. Das Leben lacht.

Ein Saxophon träumt selig aus den Boxen, Töne schweben wie gut abgehangener Rauch in einer Kneipe zur Blue Hour und verzaubern den Tag.

Kitschverdacht. So what. Misstrauen wurde uns gelehrt, wer einfach nur die Seele baumelnd in Erinnerungen schwelge, wenn gar kein Kater nach dem Rausch sich zeige, das Hier und Jetzt in Wohlgefühl durch den Tag driftet – da könne doch was nicht stimmen. Dabei ist kaum ein Zustand stimmiger. Das trainierten sie uns nur an, die Hüter der Verwertungslogik, da mit Skepsis zu reagieren.

Eindrücke glimmen auf in der Erinnerung, keine Irrlichter, nein, Freudenfunken – sehe die Boys in Brown vor dem geistigen Auge den Rasen umpflügen, um jeden Meter fighten, sich lustvoll in den Zweikampf werfend, nicht locker lassend bis zum Schluss – höre noch das Echo der Hymen auf den Rängen, erlebe erneut die sonst oft so lethargischen Haupttribünensitzer um mich herum aufspringend und entfesselt in Chöre einstimmend, fast in Trance sich glücklich schreiend.

Dionysos war wieder da! Der im Rausch tanzende Gegenspieler Apollons, des Nüchternen, Kalkulierenden, am Millerntor vom Gott des Weines zu jenem des Bieres mutiert. Man mag von Nietzsche halten, was man will, aber was er zum Dionysischen schrub, gefällt mir schon – freilich nur dann, wenn die Ekstase mit Liebe vereint Erlebnisse anfacht, die nicht gegen andere sich wenden und jeden mit nehmen, der mit will.

Als die Mannschaft nach fast abgeschlossener Ehrenrunde vor der Süd die Welle machen wollte und ihr ein

“Oh St. Pauli
Bist mein Verein
Und du wirst es auch für immer bleiben
Denn ganz egal, was auch geschieht
wir werden immer bei dir sein”

entgegen schallte, es fühlte sich wieder so intensiv und gelebt wie lange nicht mehr an. Braun-weiße Herzen drehten über Köpfen wie im Comic.

Nach Diskussionen um Pfiffe auf den Rängen und Leidenschaftslosigkeit auf dem Platz entschied sich der Mikroskosmos FC St. Pauli wieder für das, was ihn so unvergleichlich macht: Die pralle Emotion des Stadionerlebnisses. Die alles darüber hinaus gehende, was an Inhalten in ihm schwirrt, gleich mit zu transportieren vermag.

Es macht jetzt gar keinen Sinn, den Spielverlauf zu beschreiben, den Fürther Spielern zu attestieren, dass sie trotz ausgeprägtem Hang zur Unsportlichkeit richtig guten Fussball spielen können, ihre Fans sind ja in der Lage, Unfairness zu kompensieren und auf dem Heimweg noch Begeisterung für die Stimmung im Stadion zu zeigen und Lob zu zollen – die ganzen strahlenden Gesichter nach dem Spiel, die gefühlsseligen, völlig zu recht so stolzen und angefixten Statements von Spielern und Trainer, das Verstummen der sonst Grantelnden neben mir auf der Haupttribüne, auf einmal lächelten sie, ja, Hippieseligkeit, schön!

Danke an die Mannschaft für diese, na, Wiedergeburt ist vielleicht zu viel gesagt, aber für dieses Annehmen und Genießen dessen, was auf St. Pauli möglich ist. Mit Wucht und Wums. So sexy.

War schon eines der schönsten Unentschieden aller Zeiten. Ich schwelge noch.
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Ein Anti-Hornby-Appell nach einem 0:3 in Paderborn: Für Hedonismus!

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“Der natürliche Grundzustand des Fußballfans ist bittere Enttäuschung, egal wie es steht.”

Nick Hornby

Ist bei uns ja gar nicht durch und durch so. Um so seltener, desto besser! Enttäuscht wird nur, wer sich täuscht. Realist ist, wer auf Lustmaximierung setzt. Nur möglichst nicht auf Kosten Anderer. Lust im aristotelischen Sinne.

Wobei das schon eine gute Frage ist, wie denn nun der Grundzustand des St. Paulianers beschaffen ist. Wahrscheinlich besteht er darin, dass das fortwährend diskutiert wird.

Ist ein pfeifender St. Paulianer ein richtiger St. Paulianer? Oder ist die Party-Fraktion unrichtig – weil unpolitisch und schlagermovisiert? Handelt es sich um eine vor allem friedliche Crowd aus verbürgerlicht-biederen Love & Peace-Hippies oder um fortwährend grundlos entfesselte Polizistenhasser in bestimmten Stadionregionen, denen autoritär der Marsch geblasen und der Arsch versohlt gehört? Oder schadet gar dem Vereinswohl, wer das Erlebnis und individuelle Unterhaltungsbedürfnisse in den Mittelpunkt seiner Forderungskataloge stellt, wie im Forum zu lesen war?

“Warum bist Du bei St. Pauli” ist ja sozusagen die Dauerbrenner-Frage, wobei die meisten Pointen schon darin bestehen, dass es zumindest um mehr als nur Fussball geht. Was dann von wieder anderen bei Facebook in Kommentarsektionen wütend attackiert wird, die “nur Fussball” im Stadion wünschen. Irgendwie geschichtslos.

Denn was vereint, das ist zumindest geteilte Historie, Erlebnisse inmitten der Menge. Dazu gehört auch die Freude über Regenbogenchoreos.

Und mir fiel auch gestern ein Spiel in Kaiserslautern auf dem Betzenberg in der Stani-Aufstiegssaison Richtung Liga 1 wieder ein, in der Rückrunde, wo nun ausgerechnet die auch von mir jüngst beschworene “Heldengeneration” in Mutlosigkeit kaum über die Mittellinie kam, Ebbers nur zeterte und das plural ausdifferenzierte Wir der St. Paulianer sich in Fassungslosigkeit erging angesichts unerklärlicher Passivität der Mannschaft. Ich meine mich sogar an ein desaströses, traumatisches 0:5 in Fürth in der Aufstiegssaison unter Demuth zu erinnern, auch in der Rückrunde.

Im Gegensatz zu Marcel Rath einst haben wir nun viel attraktivere und spielstärkere Männer im Kader, und dessen Kampfschweintugenden haben in Liga 1 auch nicht weiter geholfen. Wo ich eh nicht hin will.

Stattdessen wünsche ich mir einfach mal, dass, statt nun in Verzweiflung angesichts der Niederlage in Paderborn zu versinken, die Mannschaft doch einfach erfreut zur Kenntnis nehmen sollte, dass Scheitern auch mal cool sein und Lernen Spaß machen kann. Wenn Paderborns Pressing so formidabel funktioniert und zu Fehlpässen zwingt, dann probiert das doch einfach auch mal wieder! Wenn Herr Vrabec versteht, dass ein Sich-Aufregen über Pfiffe nur unnötige Energien kostet und sich daran erinnert, dass die ersten Spiele unter ihm vor allem von der Spielfreude lebten, die Frontzecksche “Ordnung” mal verlassen zu können, hat er doch den Umgang mit Potenzialen in der Hand.

Ich denke nämlich im Gegensatz zu allen Forums-Unken, die “Vereinswohl ” definieren, dass neben der für mich auch so wichtigen politischen Komponente das “Wir!” des FC St. Pauli ein letztlich hedonistisches ist.

Ganz billig “zusammen Spaß haben!”. Nicht zusammen enttäuscht sein oder von einstigen Europacupsiegen träumen und unbedingt etwas darstellen wollen. Sondern einfach sein und genießen, was kommt. Unter St. Paulianern.

Das Publikum zusammen mit der Mannschaft, und wenn letztere das mal wieder ausstrahlte, dass sie untereinander und zusammen einfach mal wieder Spaß haben wollten, um lustvoll den Gegner zu überlaufen: Hey, das wäre ja wie vor dem Trainingslager!

Nicht in Erwartungen oder Vorstellungen sich verlieren, sondern ganz in Situation seiend freudvolle Intensität, durchsetzt mit Gelächter, leben – und das für möglichst ALLE im Stadion als Setting etablieren, was dann auch schon Grund genug für die Diskriminierungsverbote ist. Freudvolle Intensität in Situation erlebt man nicht, während man als “Schwuchtel” beschimpft wird (von bestimmten Situationen und dem “dirty talk” dabei mal abgesehen).

Insofern: Liebe Mannschaft des FC St. Pauli – erzwingen kann man all das eh nicht, und wenn es passiert, dann freuen wir uns! Macht euch locker und lasst es zu!

Ihr habt nichts zu verlieren, ihr lebt und spielt in einer wunderschönen Stadt in einem Stadion in Bestlage vor immer vollem Haus und ihr seid auf der Welt, um glücklich zu sein.

Macht was draus, und wenn es gegen Fürth wieder schief geht, war es, um mit Hildegard Knef zu sprechen, eben Erfahrung anstatt Offenbarung, was macht das schon!

Hauptsache, wir finden zusammen zur Genußfähigkeit zurück …

No Spirit? FC St. Pauli – Ingolstadt 0:0

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Erhasche einen Florian-Bruns-Becher beim Bierholen! Wahrlich ein gutes Omen. Steige die Treppen hinauf zu H8, Reihe 13, atme die Millerntor-Luft genüßlich ein – ach, das Leben ist doch schön, Dienstags Jazz, Samstags Fussball. Es gibt ja Menschen, die leben in Wanne-Eickel oder Helmstedt und finden bestimmt auch ihre Wege des Glücks. Rund um St. Pauli wird es einem leichter gemacht.

Dachte ich so. Vor dem Spiel.

Einem Spiel mit dem Charme der Fussgängerzone niedersächsischer Mittel- und Kleinstädte, Lehrte vielleicht. Seid ihr je in Lehrte aus einem miefigen Nahverkehrszug gestiegen und die Unterführung in Richtung Fussgängerzone griesgrämig entlang gestolpert?

Ein Ralph Gunesch! Erster Applaus und “Ralle!”-Rufe auf der Haupttribüne, frenetischer Beifall auf der Gegengerade, zu recht! Bei der Durchsage der Spieler Ingolstadts wird jeder Nachname durch “Gunesch!” lautstark ersetzt. Zu recht. Er spielte dann zwar gar nicht, aber hey, es gibt schon verdammt gute Gründe, ihn aktuell schmerzlichst zu vermissen!!!

Es ist fies und fettig, dem aktuellen Kader die Helden von einst, St. Paulianer bleiben sie eh durch und durch, unter die Nase zu reiben. Ja.

Nur: Was entsteht da nun eigentlich gerade?

Es bleibt alles so – schwammig. Diffus. Uneindeutig. Verhaspelt. Konturlos. Lehrte.

Zu Schubertschem Buchhalterfussball will ich ebenso wenig zurück wie zu Frontzecks zur Statik neigendem Korsett. Ich glaub auch fest an Vrabec. Der hat schon irgendeine richtig gute Idee im Kopf, und ihm sei alle Zeit der Welt gegönnt. Wir gewinnen ständig auswärts, sind Tabellenvierter, aufsteigen will ich gar nicht, eine Relegation gegen die Vorstadt wäre trotzdem prima.

WARUM ZUM TEUFEL WAR DAS NUN TROTZDEM SO ENTSETZLICH QUÄLEND UND ÖDE?

Das Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus bekundete ganz im Gegensatz dazu per Vidiwall Solidarität mit dem von Neonazis fast gelynchten Antiheterosexismus-Aktivisten:

“Kämpa Showan!
Solidaritet med kamraterna i Malmö.”

Sehr gut. “Der Verein” schloss sich per Stadionsprecher dem an. Aufkleber werden beim nächsten Heimspiel verteilt. Super! Noch superer wäre es freilich, würden nicht Normalisierungskolonnen allerorten auf alles Antifaschistische, Feministische, Queere, auf PoC eindreschen.

Und auf dem Platz? Die ersten Minuten enorme Pass-Sicherheit der Boys in Brown. Vielleicht 5 Minuten lang, wenn überhaupt.

Danach Gegurke und eine Schiedsrichterin, die den gelegentlich sich frühlingshaft zeigenden Keim des Besseren ignorant zertrampelte.

Gregoritsch auf links ein Totalausfall, alles läuft über rechts und sich fest. So ein Youngster kann ruhig mal total ausfallen, so what. Abwertende Handbewegungen in Richtung der Gegengerade, ich habe sie nicht gesehen, es wurde jedoch glaubwürdig berichtet, kann er sich trotzdem sparen.

Als er raus ist und stattdessen Buchtmann kommt, wird es für wieder nur ein paar Minuten besser. Ingolstadt macht das Spiel. Bartels – gute Besserung! – wirkt wie ein Solitär ohne jede Bindung, Kringe kommt und tankt sich bis über die Grundlinie hinaus durch, aber in Tornähe gelangt auch er nicht. Halstenberg zieht lieber ab, als die Nr. 14 rechts von ihm, besser positioniert, anzuspielen.

Denke sehnsüchtig an Felgenralles Solo-Lauf zum Tor gegen Hoffenheim einst zurück, da versucht Nöthe, immerhin!, prompt auch dergleichen – und verreckt an der Strafraumkante. Auf dem Clo fassungslose Ausrufe fremder Männer: “Ich versteh das nicht! Ingolstadt spielt wie ein Team, und wir haben da gar keine Mannschaft!”

Da ist ja was dran. Klar, der Kader damals gegen Hoffenheim hatte sich auch schon durch die Geisterbahn der Regionalliga tapfer gemeinsam gekämpft , war so zusammen gewachsen, und ich könnte mich jetzt in Plattitüden wie “Die Hierarchie in der Mannschaft stimmt nicht” hinein schreiben.

So wirkt es aber. Kann mich ja irren. Als wären da ganz schön viele eher damit beschäftigt, wie sie gerade wirken, und wenn es nicht läuft, dann finden sie Unsichtbarkeit vorübergehend auch nicht schlecht. Werden mutlos.

Aufstiegsangst? Lernbedarf beim Trainer, was Teambuilding betrifft? Die psychologische Seite, meine ich? Zu viel junges Gemüse im Kader? Keine Ahnung, vielleicht liege ja völlig falsch und bin fies und ungerecht und habe zu hohe Erwartungen …

Aber, oje, ich meine, trotz allem, trotz Kommerz, Entpolitisierung von Teilen des Publikums, trotz mancher Sloganhaftigkeit usw.: Ich spüre da nicht aktuell nicht in der Spielweise, wofür trotz allem St. Pauli doch noch steht, verglichen mit anderen. Es gehen immer noch Zehntausende für Refugees auf die Straße nach Spielen.

Einige sind wohl auch noch viel zu neu und grün, um das schon wissen zu können. Trotzdem sie ja auch schon dieses “Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich lieben! ” ins Stadion trugen.

Wir sind auch schon lange kein Underdog mehr.

Aber so ein wenig Wucht und Wums, Witz (!!!) und Wut gehört doch bei uns schon noch dazu. Da sind doch Reste des Nonkonformen, der Hochachtung vorm Individuellen, eine Solidarität, die sich aus Differenzerfahrungen speist am Millerntor noch maßgeblich. Sei es nun Rock’n’Roll, der Trance der House-Party, das Rotzige des Punk oder bei diesem Kader, der ja irgendwie was Queeres im Habitus zeigt, vielleicht Soul, Disco, auch das stolze Sich-Aufbäumen der für deviant Erklärten: Trotz Wollmützen und Vollbärten überall auf den Rängen ist das doch in guten Phasen auch in die Spielweise eingeflossen.

Die “Heldengeneration”, Ralle, Eger, Lechner, Ebbers, Bruns
hat das doch ausgezeichnet, sich damit auseinandergesetzt und es mitten im Viertel auch gelebt zu haben – um aus dem Stolz darauf die Lust zu entwickeln, jene hypnotische, magische Kraft zu entfalten, die zusammen mit denen auf den Rängen Widerständigkeit entwickeln kann, Audi in die eigene Hälfte zu drücken.

Vielleicht schüchtert die Historie ja auch ein und führt zum Heimkomplex?

Dieser Spirit fehlt jedoch derzeit.

Ich will das auch keinem schmollmundjgen Jungstar vorwerfen. Die lernen das ja gerade erst.

Es wäre nur so wundervoll, wenn sie sich stärker darauf fokussieren würden als darauf, ob Ingolstadt nun Schwächen bei der Spieleröffnung hat oder auch nicht.

Storytelling mal anders: FC St. Pauli – Union Berlin 2:1

Enteisernt

 

 

Blick auf die Tabelle. Wir könnten an Union vorbei ziehen.

Darum: Wird doch eh nix, bei so einer Voraussetzung.

Erstaunen.

Ziereis als Buchmann-Ersatz? Kein Bartels im Team? Nöthe draußen? Huch? Letzteres geht schon aus ästhetischen Gründen gar nicht. Eigentlich.

Na, der Trainer wird das schon besser wissen als nun ausgerechnet ich.

Spiel beginnt. Sooo lahm erzählt.

Julia Cameron, die auch das tatsächlich lebensverändernde Konzept der “Morgenseiten” im ziemlich esoterischen und doch großartigen “Der Weg des Künstlers” mir und so vielen anderen schenkte, empfiehlt in ihrem Creative Writing-Ratgeber, dessen Name mir jetzt nicht einfällt:  “Schlecht schreiben!”

Sollte man einfach mal probieren, so richtig schön schlecht schreiben, ganz absichtlich. Wie für einen Groschenroman, eine Daily Soap, eine schlechte Serie. Übertragen auf Fussball heißt das ja nicht schlecht spielen, sondern keine Angst vor der großen Geste, den großen Gefühlen, dem Schurkesein und dem Helden haben. Etwas wagen und probieren, auch wenn’s blöd kommt.

Schlecht schreiben sei der beste Weg, sich von all dem Kladderadatsch zu lösen, der einem von Lehrern und Kunstgelehrten eingeimpft wurde und seinen wertend-mahnenden Zeigefinger im eigenen Kopf fortwährend erhebt. Dieses etwas “gut machen” wollen kann ja ätzende Resultate hervor rufen.

So fände man viel besser eine eigene Stimme, schreibt Cameron, erfände richtige Bösewichter, Besessenheit und Liebe ohne Furcht vor Kitsch und Pathos. Entflöhe dem Ego, das ganz großartig sein wolle, und würde stattdessen viel spannender erzählen als in dem verkrampften “gut schreiben wollen”. Der Handlungsbogen fürchte sich so nicht vor dem Diktat des Realitätsprinzips, gehe viel angstfreier drauflos auf so richtig deftige Handlungsbögen, die größer sind als der triste Alltag und deshalb sehenswert.

Fussball ist ja auch so eine Art Storytelling, wie Serien gucken – einige Handlungsbögen ziehen sich über die ganze Saison, manche Spieler werden Hauptdarsteller und Helden, andere mutieren zu denen, über die man sich immer ärgert, oder verschwinden ganz aus der Geschichte. Der Trainer führt Regie.

Es ist kaum möglich, das Spiel nicht als Geschichte im strikten 90-Minuten-Schema wahrzunehmen, eine, die wahlweise begeistert, langweilt, zu Tränen rührt oder quält, richtig sauer macht und eben öde dahin plätschert. Eine mit einem Anfang, einem Ende, einer Mitte, mit einer Exposition – die Mannschaftsaufstellungen -, und alle kommen aus ihrem Ordinary Life ins Stadion und erleben die Heldenreise stellvertretend mit.

Ja, ich überbrücke gerade die Zeit bis zur Auswechslung Kringes. Bis dahin geschah es mir nämlich, dass ich fortwährend abschweifte. Mich fragte, ob die Boys in Brown glaubten, das irgendwie spielerisch locker nach Hause zu bringen, ob sie einfach ratlos sind oder warum sie nicht die Protagonisten, die in all den Lehrbüchern als einzig mögliche (zu unrecht) behauptet werden, eben jene, die ein Ziel unbedingt erreichen wollen, auf dem Platz wenigstens darstellten. Die Story entwickelte sich aus den antagonistischen Kräften, den Widerständen, auf die sie dabei stoßen. Klar, Union war schon ‘ne Wand, aber. Ihr Spiel war irgendwie so, als hätten sie die wahren Künste der Dramatik in den Bereich des Kitsches verbannt und müssten der Tristesse des Realitätsprinzips folgend da möglichst wirklichkeitsnah herum traben.

Vielleicht tue ich ihnen Unrecht, ich weiß ja nicht, was in den Jungs vorgeht, und manchmal ist das vermutlich auch besser so, aber ich ertappte mich ständig dabei, wie meine Gedanken zu meiner eBook-Soap “Tales of St. Pauli” schweiften. Schreibe ich da eigentlich pathetische Scheiße voller politischer Plattitüden? Kann ich das mit dem Prinzip des “schlecht Schreibens” rechtfertigen? So als John Waters der FC St. Pauli-eBook-Soap? Wie der gehe ich da aber gar nicht ran. Habe immer die Stimme von Brian Kinney im Ohr, “Momo, you’re SO pathetic!” Und wie er dabei das “th” so weich ausmoduliert und das Konsonantische des “c” am Schluss zum Klicken bringt. Sexy. In der der deutschen Quer as Folk-Fassung wurde das mit “peinlich” übersetzt. Als hieße das nicht was ganz anderes. Na ja, je nachdem.

Die Jungs spielten da unten auf dem Platz irgendwie ganz  niedlich vor sich hin, und ich beschäftigte mich derweil damit, wieso ich Karla eigentlich Karla genannt habe, was für ein blöder Name! So hieß die Frau des Offiziers-Kumpels meines Vaters. Mit denen waren wir einst in Lignano, ein an sich scheußliches Touristenkaff an der Adria, völlig zugebaut, Menschen wie Ölsardinen am Strand und Hotelkomplex an Hotelkomplex; die reale Karla verspeiste da immer “Nafta”, irgendein Eis-Getränk mit Kirschen. Aber dieser Name verschwindet einfach nicht. Geht nicht mehr. Die Karla in meiner eBook-Soap, die hat sich innerhalb eines Jahres schon völlig verwandelt und erweist sich als erstaunlich eigenwillig. Von der ausschließlich spießigen, christlich Indoktrinierten von Polizei und Politik des Jahres 2025, der Zeit nach dem “großen Schnitt”,  eingesetzten Fanratsvorsitzenden hat sie sich mittlerweile zur spaßorientierten Geliebten des Beinahe-Mörders ihres Bruders gewandelt. Bei gleichzeitig überkorrekter Amtserfüllung, die selbst vor der eigenen Familie nicht halt macht. Ein Feuer lodert unter dem Wunsch nach Macht und Kontrolle. Weil Karlas Bruder, mit dem sie gar nicht aufgewachsen ist, nämlich, aber auch nur vielleicht, er musste dafür in den Knast, vielleicht ja auch unschuldig verurteilt?, seinen Vater auf dem Gewissen hatte, wird Karlas Geliebter selbst fast zum Mörder. Dann passiert aber was.

Und das klärt sich alles frühestens in Band 12, im Staffelfinale, was wirklich mit dem Vater von Karlas Geliebtem passiert ist.

Man merkt, ich nehme das mit dem “schlecht schreiben” echt ernst! Und Arthur, Karlas Gatte, entgleitet mir auch schon völlig. Wird Kuno ihn überzeugen? Tom, Karlas Bruder, ist mir ein völliges Rätsel, aber sehr sexy, und Diana in ihrem Biker-Dress, das ist eigentlich ziemlich konsistent  …

Wieso zum Teufel nimmt der jetzt Kringe raus? War zwar zumeist, mal ab von Tschauners Glanzparaden, eher öde, aber wieso raubt Vrabec der Truppe die Stabilität? Sehe mich schon am nächsten Tag bloggen, dass ich von Frontzecks Korsett-Fussball ja nun auch nicht viel hielt, besser als der Bürokraten-Fussball von Schubert war der allerdings, aber dessen Auswechslungen, die hatten ja was, das Spiel lesen konnte er, und wieso JETZT Bartels und nicht von Anfang an? Und wenn die eh schon so kopflos spielen, wieso dann der Erfahrenste raus? Prompt klingelt es. Gegentor. Fühle mich bestätigt.

Ja, sorry, Herr Vrabec. Sie behielten ja recht. Ich schreibe ja nur, was ich dachte, als ich aufhörte, ständig wegzudämmern in Zonen fernab des Spiels.

Plötzlich war nämlich Feuer drin. Sie rafften sich, bäumten sich auf, Barrels machte richtig Wind, Sturm, Orkan, und Schachten, ja, also, es ist ja auch nicht leicht, gegen die “Heldengeneration” zu bestehen, starke Charaktere, schönste Beine der Liga,  aber wenn jemand das Zeug und die sittliche Reife dazu hat, sie noch zu überragen, dann ja wohl Du. Hach! Es passt einfach, dass Du das Steuer mit dem Ausgleich herum gerissen hast.

Bin wieder ganz im Spiel, diesem hypnotischen Zustand der Selbstvergessenheit, da die Distanz zwischen Subjekt und Objekt sich auflöst, weil sinnlich das Sich:Entwerfen hin auf das Spiel total wird und jeder blöde Tritt gegen einen Ball Emotionen hervor ruft, man folgt und wird stimuliert, das große JAAAAA! nach einem Pass von Maier, was ein Pass, hatte gar nicht mit bekommen, dass der jetzt auch auf dem Platz war, noch mal sorry, Roland Vrabec, da war ich wohl pinkeln, also, dieser Pass, grandios, mit der Hacke hinterrücks, wenn ich das richtig gesehen habe, sah gar nicht, dass er es war, sah aber den Pass und musste ihn mir auf Quotenrockers Geheiß noch mal angucken, auf Halstenberg und der auf Bartels und JAAAAA!

Doch der Fatalismus alternder Stänkerer kann gnadenlos sein. Statt Genuss nur die Überzeugung “Wir fangen uns doch eh noch einen!”, alles stoßen schon Jubelchöre aus, ich denke an irgendein Spiel, wo wir uns zu früh einschunkelten und doch noch was schief ging, und doch, Abpfiff!! Gewonnen!

Komisches Storytelling ist das ja schon, erst mal soooo lange fast episch zu erzählen und durch den Wechsel der Hauptfiguren erst Unruhe, dann Spannung und auch noch ein fantastisches Folgen-Finale einzuleiten.

Das mit dem Wechsel der Hauptfigur mitten im Film hat Hitchcock in “Psycho” ja auch gemacht. Und bei uns wurde noch nicht mal jemand in der Dusche erstochen. Das nenne ich zivilisatorischen Fortschritt!

 

Vergraut die Ödnis bochumisiert – FC St. Pauli – Vfl Bochum 0:1

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Moosgrün. Mausgrau. Öde. Leere. Noch nicht mal meditativ. Buchtmann fehlt. Aber so was von. Kalla irrlichtert irgendwo rum, Trybull ist sexy, halleluja, der hat ja fast einen James Dean-Touch, aber so jung :( – und bemüht, reicht aber nicht. Keine Bindung zwischen Offensive und Abwehr. Ratsche nur ein Schatten seiner selbst. Zu viel Kleinklein. Einzig Nöthe blitzt manchmal auf, steht aber zu oft mit dem Rücken zum Tor und will Bälle verteilen, anstatt sie vielleicht mal hinein zu schießen. Sie spielen, als hätte wahlweise Neururer ihnen Meditationstee aus irgendeinem Eso-Shop in Castrop Rauxel in die Kabine geschmuggelt und heimlich verabreicht oder als dachten sie, Bochum mal eben so locker auszuspielen. Als seien sie angesichts der taktischen Disziplin und körperlichen Präsenz des Gegners wahlweise ängstlich oder beleidigt oder von einem “Na, dann eben nicht, vielleicht ein andernmal?” in die Interesselosigkeit getrieben. Ideenloses Rumgekicke ohne Kick.

Die Süd hat irgendwann in den Archiven gewühlt, Walter Ulbricht selbstgefällig grienend bei der kleinbürgerlichen Massengymnastik entdeckt, juchhu, toll, machen wir auch so, und fordert seitdem uns Haupttribünensitzer zum “Aufstehen” auf. Und das noch nicht mal im Sinne von bots 1980. Demnächst adaptieren sie vermutlich eine Gymnastikkeulen-Choreo, aber mit Clobürsten. Wie sang Georgette Dee noch so schön? “Immer, wenn ich traurig bin, dann muss ich keulen …”. Ich werd doch auch nicht hetero, nur weil Matussek, Maischberger und Thierse mir meine vermeintliche Minderwertigkeit ins Gesicht schreien. Und bleibe bewusst defizitär sitzen. Pfiffe. Ach, ihr süßen Vorzeige-Anarchisten, bißchen sehr Neumann, oder? Konformismus predigen und herbeipfeiffen wollen? Antifaschismus stelle ich mir irgendwie anders vor.

Im Bochum-Block gibt es wenigstens Philosophen. Steht zumindest auf einem Transparent. Die Nord hat eine großartige Don Scholz- und Sancho Neumann-Choreo vor dem Spiel gezeigt. Super! Mit sich drehenden Windmühlenflügeln. Aus Clobürsten. Das Spiel wird dem nicht gerecht. Bochum ist besser und gewinnt verdient.

Was haben die unseren eigentlich in der so intensiven Vorbereitung gemacht? Sich verstritten? Blutleer. Orientierungslos. Wirkt nicht wie eine Mannschaft.

Wünsche mich nach Pittsburgh, in die Liberty-Street. Da haben wenigstens nicht alle Männer einen Vollbart und eine Wollmütze wie die bei uns auf den Rängen. Sich selbst stereotypisierende Heterosexuelle sind soooo langweilig … nee, das nächste Heimspiel hätte ich gerne anders.

Stylish, sexy und tänzerisch ganz weit vorn ist unser Team ja. Gute Friseure kennen sie auch. Macht doch mal wieder was draus!

We will survive! (Schwulenhass im Fussball trifft “Queer as Folk”)

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(ACHTUNG: Text enthält lauter Spoiler im Bezug auf den “Queer as Folk”-Plot)

“Während es sogar in Männerbünden wie der katholischen Kirche und der Bundeswehr offen schwul lebende Männer gibt, findet sich im bezahlten Fußball immer noch keiner.”

Schreibt Martin Krauß in einer Ankündigung zu einer Veranstaltung im Golem. Ein Vortrag namens “Brutal normal – Schwulenhass im Fussball”.

Er hat einen meines Erachtens ganz guten Artikel im Freitag zu dem Thema verfasst. Warum ich den nicht verlinke, wird später deutlich. Obwohl ich das bei Facebook schon getan habe. Er arbeitet ganz gut heraus, wie die Kommerzialisierung des Fussballs zu einem Verschwinden offener, aber einer weiterhin präsenten, nur vornehmeren Homophobie geführt habe – während wieder andere wie die Titanic sich außerhalb des Diskurses wähnten und Schwulenwitze vermutlich herrlich “politisch unkorrekt” fänden. Weil es ja gar keine Diskriminierung mehr gäbe.

Das ist ja auch meine Rede von den vollends Aufgeklärten, die sich in irgendwelchen Post-Sphären vermuten, postrassistisch, postsexistisch und natürlich so ganz und gar nicht mehr homophob sich glauben – und die aus dieser Erkenntnis neue Legitimationen ableiten für dieses so typisch deutsche Gewitzel über die, die eh schon ein Lebtag lang rüde angegangen werden. Dann, wenn sie nicht bereit sind, mitzulachen und sich ins Schicksal der Witzfigur für alle Fälle zu begeben. Freiwild jener, die die Jobs für’s “Ernsthafte” und “Verantwortungsvolle” beackern. Die Geschichte und über Geschichte schreiben.

Auch jene sind zu erwähnen, die sich diese Herabwürdigungsalbernheiten abgewöhnt haben, aber frei von Emphatie unfähig sind, queere, PoC- und weibliche Perspektiven automatisch einzubeziehen, wenn sie Themen behandeln. Das liest sich wie ein ödes Mantra dieses Blogs, es macht aber einfach niemand.

Das zeigt schon der Einleitungstext zu der Veranstaltung gestern: Diese freiwillige Selbstentwürdigung, als schwuler Priester sich in einem Weltkonzern zu engagieren, dessen Führungskräfte jene segnen, die in afrikanischen Ländern die Todesstrafe für LGBT fordern – ist das vorbildlich? Dann noch dieses Stichwort Männerbund, das immer auftaucht, wenn linke Formen der Homophobie, von Wilhelm Reich und anderen beschwingt, sich die Bahn brechen.

Vorab schon: Das ist NICHT die Stoßrichtung des gestrigen Vortrages gewesen. Martin Krauß hat sich echt Mühe gegeben. Er arbeitet für die Konkret und für die Jüdische Allgemeine, lehrt Sportsoziologie und war vor allem bemüht, zweierlei aufzuzeigen: Die “zivilisatorische Kraft des fortschreitenden Kapitalismus” oder so ähnlich, dass in verbürgerlichten Zusammenhängen manch Derbheit schwindet, und die trotzdem nachzuweisende Fortexistenz der Homophobie im. fussballzusammenhang.

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Pittsburgh. Ich bin nachhaltig verblüfft, ja verstört fast, was diese Serie “Queer as Folk” mit mir macht. Storys, aus deren Alter ich raus bin – und natürlich trotzdem alte Wunden und Themen, die fort wirken.

Die Serie hat zwei lesbische Hauptfiguren und wird diesen definitiv nicht gerecht. Sie werden annähernd durchgängig auf Probleme rund um Mutterschaft und Karriere reduziert,

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Erinnerungskultur neu gedacht mit Mustafa Esmer

Warum darf ich trotz der Tatsache, dass ich seit Geburt in Deutschland lebe, hier aufgewachsen bin und die Politik aktiv verfolge, die Missstände, die meinen Alltag bestimmen, nicht kritisieren? Ganz einfach: Mir fehlt ein wesentliches Merkmal biodeutscher Identität, nämlich die deutsche Erbsünde – der Holocaust. Die Exklusivität der deutschen Erbschuld ist das Problem, das zu der fehlenden Anerkennung Neudeutscher vonseiten der Mehrheitsgesellschaft führt.”

Das ist schon ein echt spannender Text da drüben im Migazin.

Dass auf recht abstruse Weise die Nazivergangenheit Antdiskriminierungsarbeit extrem behindert, weil allesamt damit beschäftigt sind, keine sein zu wollen, das ist mir ja auch schon häufig aufgefallen. Auch diese Arroganz, die aus diesem Teil der als eigene Geschichte verstandenen sich ergeben kann. Wenn wegen Auschwitz in den Krieg gezogen wird, wenn die USA darüber belehrt werden, ja im eigenen Land nie eine modernen Krieg erlebt zu haben, wenn gerade die Lehren, die man aus “finsteren Zeiten” mit genommen habe, angeführt werden, sich Vernunft und Tiefe in Überlegenheit und ineins zuzusprechen – gruselig.

Wenn Verbrechen wie die kolonialen weg gewischt werden, weil die Nazis es ja viel schlimmer trieben, schwingt fast so etwas wie Stolz mit. Hitler ist ja auch ein medialer Exportschlager ersten Ranges. Und in “Unsere Mütter, unsere Väter” sind vorsichtshalber Polen die wahren Antisemiten, im Alltag und der Weltpolitik halt “die Muslime” – als Speerspitze der Homophobie werden sie ja trotz Hitlerjunge Ratzinger auch behauptet.

Mein Vater war übrigens auch Hitlerjunge. Väter von Freunden waren hohe NS-Beamte, die von ehemaligen Co-Bloggern in der SS. Bei den Jüngeren mag das Ganze nicht mehr soooo nah dran sein, deren Großväter nicht in Riga stationiert waren, eine der zentralen Drehscheiben der antisemitischen Vernichtungsmaschinerie – das unterschätzt der Autor vielleicht, dass es ja nicht nur darum geht, nicht ständig mit dem konfrontiert zu werden, was die Eltern und Großeltern taten. Sondern dass selbst dann, wenn “deutsch” nur zur Selbst-Identifikation genutzt wird, wenn man im Ausland ist, diese Vorgeschichten in prägenden Kleinfamilienmustern präsent waren und sich Selbstverständnisse in diesen Zusammhängen formten, ob man das nun wollte oder nicht.

Umgekehrt sträubt sich in mir alles bei der Forderung nach einem nationalen “Wir”. Das muss man sich aber auch erst mal leisten können. Habe lange den Kampf von Freunden erleben dürfen, dass überhaupt mal zur Kenntnis genommen wird, dass es schwarze Deutsche gibt, und das nicht erst seitdem Menschen gegen so called “Asylanten” fackelten und mordeten. Und Bundestagszweidrittelmehrheiten als Reaktion darauf Unrecht als Recht behaupteten. Die Zurückweisung dieses “Wir” haut sich halt sehr leicht raus, wenn Mann eh als biodeutsch gelesen, nicht ständig von der Polizei kontrolliert wird und keine “Migrantisierung” oder “Rassifizierung” erfährt. Wenn in vielen Kontexten es sehr leicht ist, Gehör zu finden, wo es um Geschichtsschreibung geht – freilich auch nur dann, wenn man die schwule Perspektive nicht explizit macht.

Was Mustafa Esmer fordert, ist ja, dass nicht etwa Biodeutsche so etwas wie “Leitkultur” vorgeben wie eine Forderung, deren Einhaltung ständiges Kommentieren und Kontrolle nach sich zieht – sondern dass diese gemeinsam (!!!) auch auf dem Feld der Erinnerungskultur entstehen können sollte. Worte wie “Leitkultur” fühlen sich für mich allerdings immer an wie Stromstöße, weil sie sowieso an irgendeinem Punkt von der heterosexistischen Mehrheitsgesellschaft als wahlweise Ausschlusskriterium oder Assimilationsforderung bzw. – wille – Homo-Ehe und Co – auch an LGBT-People heran getragen wird. Was ich als Zumutung empfinde. Trotzdem fordere ich fortwährend, dass weibliche, LGBT- und PoC-Perspektiven gefälligst im selben Sinne konstitutiv zu sein haben für Kanonisierung und Geschichtsschreibung wie die von Weiß-Hetero-Männlich. Und manche Auseinandersetzung im FC St. Pauli-Kontext verdankt sich der inständigen Weigerung von ach so toleranten WHM, das mal einzubauen in das, was sie veranstalten, ganz von selbst. Und nicht in die ausgesonderten Extra-Zonen zu verbannen. Mobbing ist oft die Antwort, insistiert man darauf. Offenes und verstecktes.

Es ist eben deshalb schon sehr spannend, wie Esmer auseinander nimmt, wie die Nazi-Vergangenheit geteilte Selbstverständnisse verhindert und durch sie ja gerade im Falle der Antirassismusarbeit sich auch krass krude Reaktionen vor eine Hinterfragung von “White Supremacy” schieben.

Was einer der Gründe ist, dass Deutschland in solchen Fragen so erbärmlich provinziell ist – weil in einer Art dialektischer Tollheit die Vergangenheit zur Stabilisierung von Dünkel genutzt wird. Und es sich im Fall von PoC, von Herrn Esmer und Herrn Rösler auch nicht ganz so einfach so was sagen lässt wie “Die Nazis waren doch eh alle schwul und geisteskrank”.

Für die nicht minder populäre Behauptung, die Schwarzen seien doch die wahren Rassisten – besonders beliebt ausgerechnet in Miles Davis-Biographien – , braucht es schon einen Umweg mehr.

Und ich möchte auch nicht wissen, wer Herrn Esmer nun die Armenier mit Verve in die Kommentarsektion schreibt, um so zu bestätigen, was er schreibt.

“Meines Erachtens sind die politischen Maßnahmen, die als Entnazifizierung bezeichnet wurden, erfolglos gewesen, denn diese Methode war einzig ein Verbot der Nazidenke. In den Bildungseinrichtungen wurde durch ständiges Wiederholen ein Schuldkomplex eingepflanzt, ohne den Nachkriegsgenerationen Werkzeuge zur Hand zu geben, wie man denn nun damit umgehen soll.”

Bei “Schuldkomplex” zucke ich auch schon wieder zusammen und meine den Nachhall von “Schuldkult” und Ähnlichem zu vernehmen. Aber bin ich dann nicht exakt in jenem Belehrungsduktus gelandet, den Esmer völlig zu recht angreift?

Weil ich ihm auch hinsichtlich der Diagnose erfolgloser Entnazifizierung vollkommen zustimme. Ich höre aber schon die Sätze “… dann kommt da so ein Türke und will UNS etwas von Entnazifizierung erzählen!” Und exakt das meint er ja.

Empfehle dringend die Lektüre.

(Übrigens auch und gerade hinsichtlich demnächst statt findender Veranstaltungen zum Thema “St. Pauli selber bauen”.)

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