Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Camping

Superhelden! Der FC St. Pauli und seine Trikots – DC-Comics, Raj und die Geschichte der Subversion

Hummelflug

Nachdem die Qualitätsblogger sich ja schon allesamt zur Frage “Neues Trikot des FC St. Pauli” ausführlich geäußert haben, will ich mit meinem schmierigen Soccer-Fetish-Blog natürlich nicht schweigen.

Mein heimliches Vorbild beim Bloggen sind ja Groschenromane, Geschichten voller richtiger Schurken, gebrochener Helden, dramatischer, mitreißender, leidenschaftlicher und pathetischer Liebesgeschichten, proppevoll mit quietschbunten Adjektiven und Adverbien.

So stand auch ich im Ballsaal, fantasierte ganz Lore-like Christopher Nöthe in diesem Sinne in die verborgenen, nach Veilchen und Kamelien duftenden  Regionen meiner blumigen Fantasie hinein (ja, Florian Bruns, Du hast mich ja verlassen), Bonnie Tylers “Holding out for a Hero” auf den Lippen, Enrique Iglesias’ “Hero” nicht minder mit Inbrunst summend und froh darüber, nicht in einer Zeit geboren zu sein, wo Menschen für Klaus Biederstedt schwärmen mussten. Und das auch noch, während er einen Arzt spielte.

Wobei das unvergessene “Geheimnis einer Nachtigall” Victoria Holts noch immer zu den wirklich einschneidenden Lektüren in meinem Leben zählt. Angelehnt ist der, ja, Schinken im besten Sinne an das Leben Florence Nightingales. Nur dass in dieser Adaption des Stoffes die Heldin rachsüchtig jenen dunklen, ist klar, Verführer ihrer Schwester besessen sucht: Einen Herrn Doktor, der die Schwester mittels Drogenkonsum in den Abgrund stieß. Um final, da sie ihn endlich nach Jahren der Entsagung und Ausbildung zur Krankenschwester findet, ihm und seiner Leidenschaft wie auch dem Eros selbst zu erliegen,

Helden! Das ist ja sozusagen der “Gag” am neuen Drag unserer Spieler. Jason Lee, Lead Teamsport Designer von hummel international, äußerte sich im Vorfeld in der Pressemappe wie auch gestern auf der Bühne:

“Die Entwicklung des Trikots wurde getragen durch unsere gemeinsame Denkweise und Werte. Inspiration für die Trikots war das Thema “Kiezhelden”. Die soziale Komponente ist essentiell für beide Marken. Es war uns sofort klar, dass das Trikot mehr als nur eine Ausrüstung sein sollte. Es sollte das Lebensgefühl eines Kiezhelden widerspiegeln – eines “hidden heroes”, der anpackt, ohne viel Wind darum zu machen.”

Und, so der Text weiter, es wurde auch demonstriert: “Das Design des Trikots visualisiert dieses Lebensgefühl, aber durch die versteckten Details erst auf den zweiten Blick”.

Klappt man den Kragen des Heimtrikots hoch, so wird ein von Sternen umgebener Totenkopf in Phosporgrün auf schwarz sichtbar. Echt campy, so gar nicht passende Muster und Farben zusammen zu nähen! Und: Auch das Wappen des Pokaltrikots leuchtet im Dunklen! Flutlicht aus, Spot an, sozusagen.

Ich gebe ja zu, dass, als eine halbe Stunde lang ungefähr so humorig anmoderiert wurde, wie ich es bei der Eröffnung der Filiale einer Möbelkette erwarten würde, zu Glück durchbrachen subersiv Kinder diese Haltung im Interview und verkündeten ganz richtig, der FC ST. Pauli sei halt kein Verein, den man nur mögen, sondern den man lieben würde, immer wieder betont wurde, dass nun “Kiezhelden” das Trikot inspiriert habe, ich schon auf ein Regenbogentrikot hoffte, eines mit Zeilen der “Internationalen” auf Stoff oder dem Konterfei von Angela Davis.

Ich trauerte kurz,

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Innenstädte verschlanden: 45.000 machen auf dem Heiligengeistfeld mobil (und Publikative betreibt Klassenkampf mit den Onkelz und Frei.Wild … )

Der Hund zittert.

Könnte er sich festklammern, so würde er es tun: Er kriecht auf meinen Schoß und drückt sich an mich, Panik in den Augen.

Vom Heiligengeistfeld weht das Johlen der zum “Sieg!”-Gebrülle bereiten Masse Mensch. Das Dauerrauschen, phonstark, ängstigt das Tier.

Wage mich vor dem Anpfiff gar nicht mehr auf die Straße. Nach Spielbeginn, auf dem Weg zum Supermarkt: Der von mir als “deutschtürkisch” gelesene Kioskverkäufer sitzt mit schwarz-rot-goldenem Cowboyhut vor dem Laden mit Freunden, die fortwährend, vermutlich, damit konfontiert werden, über einen “Migrationshintergrund” zu verfügen, und guckt das Spiel. Später spielen sie auf der Straße Fussball. Finde ich gut.

Das 1:0 fällt, Schreie aus diversen Wohnungen. “Scheiße, Scheiße, Scheiße!” zische ich.

Wie üblich ist Deutschland damit beschäftigt zu diskutieren, was und wer so alles nicht rechts sei. Politisch gesehen.

Rechte Bewegungen wie der Nationalismus werden zu “Patriotismus”, Die Böhsen Onkelz und Frei.Wild zu Klassenkämpfern

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Facebook meiden zu Zeiten der WM

Finger verkrampfen. Schweiß bricht aus.

Die “Black Satin”-Westerngitarre, ich nenne sie “Angel”: Zu eng liegen die Saiten beieinander auf dem Hals. Ist nichts für Tenorsaxophonistenanwärterfinger. Auch nicht für Baritonsaxophonanfänger. Obgleich dessen heiseres Röcheln, das zu dreckigem Röhren fernab jenes des Hirschen über dem Sofa sich steigern kann, auch seinen gebrochenen Charme verstöhnt. Selbst, wenn ich es spiele.

Meine Bari hat so einen hellgoldenen Look wie James Last-Orchester-Instrumente einst. Ich nenne es deshalb James, und er klingt manchmal ein wenig wie Raucherhusten. So ein “Es nicht lassen können”, weil es doch so schön ist. Lasterhaft. Schön.

Hilft mir auf Angel, der Westerngitarre, wenig.

Als ich einst bei einem Stadtmagazin Praktikum machte, fehlten noch Kontaktanzeigen, um die Seite füllen zu können. Die Terminredakteurin, mir gegenüber sitzend, ehemals Bassistin bei einer gar nicht so unbekannten Deutschpunkband, gab aus Spaß ein Inserat auf, dass ihr zum Bild des röhrenden Hirsches über dem Sofa noch das männlich-reale Äquivalent im Bett fehle. Das suche sie nun. Hunderte Zuschriften. Fast Wäschekörbe voll.

Ihr schlechtes Gewissen wuchs, als sie die teils erschütternd ehrlichen Zuschriften las. Ich lernte mehr über deutsche Hetero-Männer, als ich wollte.

Musste nun noch in einer Geschäftsauflösung

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We will survive! (Schwulenhass im Fussball trifft “Queer as Folk”)

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(ACHTUNG: Text enthält lauter Spoiler im Bezug auf den “Queer as Folk”-Plot)

“Während es sogar in Männerbünden wie der katholischen Kirche und der Bundeswehr offen schwul lebende Männer gibt, findet sich im bezahlten Fußball immer noch keiner.”

Schreibt Martin Krauß in einer Ankündigung zu einer Veranstaltung im Golem. Ein Vortrag namens “Brutal normal – Schwulenhass im Fussball”.

Er hat einen meines Erachtens ganz guten Artikel im Freitag zu dem Thema verfasst. Warum ich den nicht verlinke, wird später deutlich. Obwohl ich das bei Facebook schon getan habe. Er arbeitet ganz gut heraus, wie die Kommerzialisierung des Fussballs zu einem Verschwinden offener, aber einer weiterhin präsenten, nur vornehmeren Homophobie geführt habe – während wieder andere wie die Titanic sich außerhalb des Diskurses wähnten und Schwulenwitze vermutlich herrlich “politisch unkorrekt” fänden. Weil es ja gar keine Diskriminierung mehr gäbe.

Das ist ja auch meine Rede von den vollends Aufgeklärten, die sich in irgendwelchen Post-Sphären vermuten, postrassistisch, postsexistisch und natürlich so ganz und gar nicht mehr homophob sich glauben – und die aus dieser Erkenntnis neue Legitimationen ableiten für dieses so typisch deutsche Gewitzel über die, die eh schon ein Lebtag lang rüde angegangen werden. Dann, wenn sie nicht bereit sind, mitzulachen und sich ins Schicksal der Witzfigur für alle Fälle zu begeben. Freiwild jener, die die Jobs für’s “Ernsthafte” und “Verantwortungsvolle” beackern. Die Geschichte und über Geschichte schreiben.

Auch jene sind zu erwähnen, die sich diese Herabwürdigungsalbernheiten abgewöhnt haben, aber frei von Emphatie unfähig sind, queere, PoC- und weibliche Perspektiven automatisch einzubeziehen, wenn sie Themen behandeln. Das liest sich wie ein ödes Mantra dieses Blogs, es macht aber einfach niemand.

Das zeigt schon der Einleitungstext zu der Veranstaltung gestern: Diese freiwillige Selbstentwürdigung, als schwuler Priester sich in einem Weltkonzern zu engagieren, dessen Führungskräfte jene segnen, die in afrikanischen Ländern die Todesstrafe für LGBT fordern – ist das vorbildlich? Dann noch dieses Stichwort Männerbund, das immer auftaucht, wenn linke Formen der Homophobie, von Wilhelm Reich und anderen beschwingt, sich die Bahn brechen.

Vorab schon: Das ist NICHT die Stoßrichtung des gestrigen Vortrages gewesen. Martin Krauß hat sich echt Mühe gegeben. Er arbeitet für die Konkret und für die Jüdische Allgemeine, lehrt Sportsoziologie und war vor allem bemüht, zweierlei aufzuzeigen: Die “zivilisatorische Kraft des fortschreitenden Kapitalismus” oder so ähnlich, dass in verbürgerlichten Zusammenhängen manch Derbheit schwindet, und die trotzdem nachzuweisende Fortexistenz der Homophobie im. fussballzusammenhang.

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Pittsburgh. Ich bin nachhaltig verblüfft, ja verstört fast, was diese Serie “Queer as Folk” mit mir macht. Storys, aus deren Alter ich raus bin – und natürlich trotzdem alte Wunden und Themen, die fort wirken.

Die Serie hat zwei lesbische Hauptfiguren und wird diesen definitiv nicht gerecht. Sie werden annähernd durchgängig auf Probleme rund um Mutterschaft und Karriere reduziert,

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Von Hollywood lernen

Kennt jemand “Adaption”, diesen zauberhaften Film mit Nicholas Cage als Brüderpaar, Zwillinge halt, der ein Film über das Drehbuchschreiben ist?

An Details kann ich mich gar nicht erinnern. Aber daran, dass er sich über die Schule und die Schüler von Robert McKee lustig macht.

Der hat ein einflussreiches Buch namens “Story – Die Prinzipien des Drehbuchschreibens” verfasst. Und erhält in “Adaption” sogar einen Auftritt.

Wenn ich mich recht entsinne, soll Nicholas Cage einen Bestseller, der irgendetwas mit einer Orchidee zu tun hat, in ein Drehbuch überführen. Die Autorin des Bestsellers wird von Meryl Streep gespielt. Geplagt von episch-kosmologischen Visionen eines künstlerischem Films und Rückenproblemen zudem scheitert er an der Adaption. Bis sein Bruder, an Robert McKee geschult, die Sache übernimmt und prompt die Filmhandlung zu atemberaubender Geschwindigkeit sich steigert, irrwitzige Wendepunkte Handlung statt Reflektion voran treiben, aufgedeckte, schäbige Geheimnisse den Zuschauer erfreuen, Situationen, in denen die Protagonisten in Gefahr geraten, sich häufen und eine völligen Entzauberung der zuvor so sanftmütig kultivierten Bestsellerautorin als egomanische Diebin geschützter Pflanzen eine gute Pointe liefert.

Ein Film über das Erzählen, der beide Seiten aufs Korn nimmt: Die als Kunst getarnte Langeweile epischer Onanie wie auch das ins Absurde kippende Dramatisieren, das keine Ruhepausen kennt, Suspense auf Teufel komm raus erzeugen will und eben nur Action, Handlung, kennt.

Was dann bei Filmen, die sich wohl als “Arthouse” verstehen, als Gegenreaktion wieder unerträglich stilisierte Bildverliebtheit nach sich ziehen kann, einen Fetisch des Bruchs und der Diskontinuität und selbstverliebte Ausweichmanöver, die vor lauter Weglassungen und Andeutungen gekünstelt rein gar nichts mehr erzählen.

Ebenso entstehen Stilblüten in Überlänge wie die Verfilmung des “Nachtzug nach Lissabon”, wo ein ständig getriebener Jeremy Irons wie besessen durch ein pittoreskes Postkarten-Portugal hetzt und absolut unverständlich bleibt, was ihn antreibt. Und das ganze Niveau suggeriert, weil scheibchenweise die Geschichte einer Widerstandsgruppe gegen die Diktatur einst enthüllt wird und existentialistische Plattitüden aus dem Off gesprochen werden. Und sich die Hauptfigur an der “Intensität” der Erfahrung von Folteropfern weidet und dass sie doch so auf Handeln setzten und nicht wie er nur auf Altphilologie.

Ein Film, der deswegen viel geguckt wird, weil humorlose, gelangweilte DIE ZEIT-Leser in ihren bildungsbürgerlichen, weißen Heterowelten wie auch bei manchem Tatort in seiner Volkshochschulhaftigkeit glauben, da würde etwas über “Politik” erzählt.

Als wisse nicht jeder vorher schon, dass es verwerflich ist zu foltern. Obgleich sich selbst diese Sicht der Dinge seit Waterboarding ja verwaschen hat.

Das sind dann die gleichen Leute, die heimlich Sarrazin zustimmen, die so was gucken. Die Leitartikel Giovanni diLorenzos und Co zur Rettung kolonialer Sichtweisen in Kinderbüchern und Performances von Denis Scheck in rassistischer Kostümierung vermutlich richtig und witzig finden. Dass ausgerechnet die dann mit Tucholsky, der ins Exil gehen musste und nicht lange überlebte, “Was darf Satire? Alles!” ausrufen, wenn es darum geht, Minderheiten zu diskreditieren: Krass, wie das, was hierzulande als “Humor” gefeiert wird, von eben dieser Haltung lebt und somit einfach nur als mehrheitsgesellschaftlicher Zement Verhältnisse geronnen hält. Selbst mein gerade mal 19jähriger Neffe plappert diesen Bullshit schon nach, dass jede Minderheit ein Recht darauf habe, sich über sie lustig zu machen. Da lacht der weiße Deutsche. Nur möglichst nicht über sich selbst.

Und immer wieder scheint es mir, dass hier auch die ästhetischen Verhältnisse seit Harald Schmidts Polenwitzen auch rein gar nichts anderes mehr erlauben. Und dass es sich drum lohnt, wenigstens in die Hollywood-Theorie hinein zu lesen, wenn das auch in der Praxis so oft nun auch nicht eingelöst wird:

“In Hollywood hat jeder Gastgeber diesen Fehler schon einmal gemacht: “Wir laden ein paar Komödienautoren zur Party ein. Dann wird es bestimnt lustig.” Sicher … bis sie den Rettungsdienst rufen müssen. Diese zornigen Idealisten wissen aber, daß kein Mensch ihnen zuhören würde, wenn sie über den zerrotteten Zustand der Welt dozierten. Doch indem sie Hochstehendes trivialisieren, Snobismus durch den Kakao ziehen, wenn sie zeigen wie die Gesellschaft von Tyrannei, Narrheit und Gier beherrscht wird und so die Leute zum Lachen bringen, ändert sich vielleicht etwas. Zumindest wird ein Ausgleich geschaffen.”

Robert McKee, Story, Berlin 2000, S. 385

Aus dieser Perspektive war die Klobürste wirklich gut. Ebenso das lustvoll intonierte, vor Ironie triefende “Ladies and Gentleman”, das der moderierende Lampedusa-Flüchtling bei der “Schattensenat”-Performance in der St. Pauli-Kirche treffend platzierte. Auch “Stromberg” und die “Heute-Show” wagen es.

Ansonsten freilich herrscht eher die kontrafaktische Suggestion der Tyrannei faktisch Machtloser in Deutschland gnadenlos und greift epidemisch um sich. Weise weiße Deutsche auf ihre alltäglichen Herabwürdigungspraxen hin – prompt werfen sie sich in die Pose des Unterdrückten und Zensierten. Mach Dich dann noch über sie lustig, und es wird richtig gefährlich …

Die oben skizzierte Methode der Neuen Rechten ist erstaunlich erfolgreich, liest man sich die Leitartikelei im Allgemeinen durch. Weil seit Wilhelm Zwo spätestens die meisten Kulturpraxen dazu dienen, den Dünkel, die Achsoüberlegenheit des als eigen Verstandenen zu stabilisieren (“WIR haben aus dem “3. Reich” gelernt!”) und mittels Mario Barth noch die zur “Unterschicht” Degradierten daran partizipieren zu lassen, wo man ihnen sonst schon nix mehr lässt. So trinken sie den Kakao, durch den man sie zieht. Fun ist ein Stahlbad, Und dazu gehört auch, über Machtlose zu lachen mit Dennis Scheck. Wieder im anderen Klassenzusammenhang.

Alles andere scheitert an der Filmstiftung.

Vielleicht sollte man sich lieber mal wieder von jenen Weisen des angloamerikanischen Erzählhandwerks inspirieren lassen, die ihre Formen aus Inhalten gewinnen. Liest man bei McKee genau hin, plädiert er dafür. Die Kunst der Dramatisierung kann über die Figur und deren Beziehungen auch hinein gehen in ein Thema und es brechen, statt Stellvertreter zu erfinden.

Anstatt in deutschem Dünkel sich ach so überlegen der Massenware der Kulturlosen zu wähnen. Um zugleich völlig dogmatisch die Fetzen all des Lehrbuchwissens, die allerorten gelehrt werden, Stoffen aufzuprägen, ohne sie aus ihnen entstehen zu lassen. Weil man so in stereotypisierten Rahmen diese aufbrechen könnte – zugunsten des Besonderen. Zumindest dann, wenn man das ernst nimmt, was Robert McKee schreibt. Um so das falsche Allgemeine, das als Macht in den Beziehungen wirkt, zu konservieren.

Momo on the radio

“On the radio”” ist ja einer meiner Lieblingssongs von Donna Summer. Traumhafter Track.

Um sie ging es allerdings nicht, das kommt bestimmt noch, bei meinem ersten Radioversuch seit einer studentischen Streiksendung einst im offenen Kanal zu Zeiten der “alten BRD”.

Das Freie Senderkombinat trat aufgrund eines Textes über Lou Reed an mich heran, 3 Stunden Programm zu gestalten. Das schmeichelte meinem Ego, ist ja klar :D … . Da ich die Idee des Freien Radios aber auch vollends prima finde und es prompt zu sehr angenehmen Kommunikationen kam, habe ich mich dort mal ausprobiert. Die Sendung lief bereits am 2.1.; nun wird sie morgen, Sonntag, um 17 h wiederholt, sagte man mir. Da es einige Nachfragen gab, sei es angekündigt. Wer also mal eine durch den “Gated Voice”-Filter von “Logic 9″ gejagt eine Stimme zu diesem Blog hören will …

Die Arbeit an dem Programm war für mich ganz schön aufregend und schweißtreibend. Ein wenig so, wie als ich zu bloggen begann. Der Grund damals war, ganz pathetisch geschrieben, der Wunsch nach Freiheit: Bereits seit 15 Jahren in teils hochkommerziellen, teils auch sehr massenwirksamen und dann wieder inhaltlich durchaus hochkarätigen Sphären des Kulturjournalismus aktiv, nervten mich zusehends all die formalen Vorgaben, all die Kompromisse, all die vermachteten Räume, in denen ich agierte. All die Menschen, die herein reden und die eigene Existenz gefährden dürfen. Obgleich ich aufgrund toller Partner noch viel mehr Freiräume hatte als andere und bei vielen Produktionen so ganz und gar nicht meckern konnte.

Bis irgendwann Vergessen einsetzte, was ich wirklich dachte, fühlte, war und sein wollte. Von “Politics” getränkt nur noch das Denken der “Entscheider” zu antizipieren suchte. Was sich zu schreiben lohnt, weil diese Seite der Medienarbeit (und nicht nur der) aus Angst oft nicht erzählt wird. Dabei ist das nicht unüblich und zieht oft Burnouts nach sich.

Das Bloggen war eine Art Wiederentdeckungsreise. Bandwurmsätze! Verschroben schwurbeln! Politisch eindeutig und emotional sein dürfen! Empowerment! Regeln auf den Kopf stellen! Beziehungen zwischen als getrennt gedachten Sphären herstellen! Für Florian Bruns schwärmen! Abstraktion nicht unterbunden bekommen. Über Philosophen grübeln. Musik lieben. Themen selbst bestimmen. Die steile These wagen! Mit Sprache und Stilen spielen! Neue Formen suchen. Hach! Mich macht das glücklich!

Beim Radio muss ich das nun erstmal alles suchen und werde es irgendwann hoffentlich auch irgendwann finden. Ein Anfang ist gemacht. Ich habe viel mit professionellen Sprechern gearbeitet, solche vom Radio wie auch Schauspieler – ich wollte sie nicht imitieren. Könnte ich auch gar nicht. Und wurde ganz schön langsam :D – weil ich auch nicht aufschreiben und ablesen wollte, nur bei zitierten Originalquellen wie Andy Warhol und Lester Bangs und Laurie Anderson. Geht ja ums gesprochene Wort. So suchte ich sprechend Sinn und kultivierte unfreiwillig die Kunstpause. Ließ das aufkeimende Schluchzen drin und schnitt es nicht heraus, als es zum Tode von Lou Reed kam. Sentimental, wie ich bin, passieren mir solche Schluchzer immer mal. Habe erst versucht, Tonalität und Timbre konstant zu halten. Wie man das so macht bei Sprachaufnahmen, da am Ende vorsichtshalber noch mal in den ersten Take gehört wird, ob der noch passt. Und fand es irgendwann unsinnig, modulierte extra und setzte Soundeffekte dazwischen. Lies eindeutig Schnitte hörbar werden. Am Anfang legte ich auch Sounds unter die Sprache, dann drückte die Zeit und ich kam nicht mehr dazu, es durchzuziehen. Aber es gibt ja mit Adorno und Benjamin auch gute Gründe für das Fragmentarische, Unfertige. Sind Redundanzen, definitiv enthalten, bei einem flüchtigen Medium wie dem Radio halb so schlimm wie bei geschlossenen Werken? Kann man die große These einfach so raus hauen, wenn zu langes Quatschen auch nicht Ziel ist, Musik soll zu hören sein, und drum einiges in Andeutung bleibt oder Vorwissen erfordert? Ist es okay, die Songs einfach nur teilweise anzumoderieren, weil ich nicht Ansager sein mag? Erklärt sich das Assoziative selbst? Kann ich es mir als Medienprofi leisten, so “amateurhaft” zu agieren, ohne die schützende Fassade der etablierten Form?

Vielleicht finde ich bei der voraussichtlich nächsten Sendung im Februar ja Antworten :D … . Ohne bisher ein Wort gesprochen zu haben, danke ich im voraus bereits Alex Weheliye, in Chicago lehrender Professor für Kukturwissenschaft, für die Genehmigung, diese auf seinen Vortrag “White Brothers with no Soul? Wie Berlin Techno weiß wurde” aufbauen zu dürfen, gehalten im Frühsommer vor der Queer AG der Universität Hamburg. Um diese brilliante Abhandlung durch queere und Hamburger Perspektiven zu ergänzen. Bei der Eröffnung des “Opera House” im Grünspan einst war ich ja zugegen. Und im “Front” auch manches Mal.

Sonntag nun erst mal Lou Reed. Ich habe dessen Musik neu lieben gelernt und hoffe, an einigen Stellen trotzdem zumindest die richtigen Fragen aufgeworfen zu haben. Und danke dem FSK, mich ausprobieren zu dürfen!

EDITH: Läuft heute um 17 h noch mal. Und die auf Alex Weheliyes Vortrag aufbauende Sendung “White Brothers with no Soul” wird (mit dessen Genehmigung, dass ich darauf aufbaue) am 10.2. von 14-16 Uhr zu hören sein.

Für Weltbezug – nur eben den Gewollten!

Ein Jahr ist ein Jahr ist ein Jahr ist seltsam, wie rückwärts, vorwärts, Spiralbewegung wieder jene Stationen angefahren werden, da man schon war und doch auch nicht.

Sitze auf Sylt als “Garage Man”; im ausgebauten Giebel einer Garage blicke ich auf die Hundewiese im Dunkeln. Jener, da heute zwei übergroße irische Wolfshunde aus dem Schatten auftauchten wie Visionen in einem Traum.

Letztes Jahr saß ich im Giebel des Hauses, zu dem die Garage gehört, blickte hinüber nach Römö, Lichter lachten mir zu, und suchte im Netz nach Saxophonen. Mailte eine Holzbläserwerkstatt an wegen eines gebrauchten Hornes, ob es denn im Laden anzuspielen sei. Kurz zuvor noch bei

Saxe

Just Music im Bunker in Anwesenheit einer guten und mich immer neu inspirierenden und mir immer drei Schritte voraus seienden Freundin das erste Mal seit Jahrzehnten in ein Saxophon geblasen. Es ließ mich nicht los. Die Monate vorher Nächte hindurch mit Musik-Apps gespielt und statt immer nur ÜBER Klänge und Kompositionen zu berichten sie zu erfahren gesucht.

Sätze, in Büchern gelesen, man solle sich nicht immer auf das konzentrieren, was man NICHT wolle, sondern auf das, was man will, hatten das Arbeitsleben komplett umgekrempelt, und nicht nur das.

Und was ich akut situativ wollte, stellte ich fest, wenn ich in jeder App sofort auf die Saxophon-Sounds los ging und mit ihnen spielte und eine Sprache simulierte, die als uneingelöstes Versprechen in mir nach Unterricht in Jugendzeiten noch nach Ausdruck suchte, im Verborgenen als Hauch wie Subtones rauchig atmend.

Ein Jahr ist ein Jahr ist ein Jahr; drömelte nach dem Jahreswechsel mich wieder ein in Routinen und wagte es doch, dem Ruf zu folgen. Nun stehen glatt 4 Hörner bei mir zu Hause und werden gespielt, Goldie Horn hat mich hierher in die Garage begleitet.

Doch es ging nicht mehr, das mit den Routinen. Es ging nicht mehr, der alltägliche Kampf im Job, da ständig auf mich einströmte, was NICHT ich wollte.

Hatte doch die so tolle Erfahrung genossen: Sie hatte mich mit neuen Bildern und Lichtern beschenkt, als ich das Privileg genoss, bei der Album-Präsentation der letzten CD von Noiseaux dabei zu sein. Wo sich etwas musikalisch einen Weg bahnte, dass die ewige Fokussierung auf die Hater, noch während sie thematisiert wurden, hinter sich ließ und stattdessen Räume eröffnete, sich auf Welt mal wirklich ungehindert einlassen zu können, anstatt ständig davon abgelenkt, überschrieben und diskreditiert zu werden. Weil ständig irgendwer in Themen des Üblen stupst wie in die Scheiße.

Das ist gewaltig, was auf dem Album zu hören war und ist, denn das ist der Weg in die Utopie. Und immer sind es auch Ausdrucksmittel, die ihn ebnen, den Weg, die erst das zu artikulieren vermögen, was gewollt – die jenseits des Referierens und Objektivierens angesiedelt sind.

Ob Bachs h-Moll-Messe oder Coltranes “A Love Supreme”, ob Divines “Shoot your Shot” oder Fela Kutis “Zombie”, Weltbezüge sind eben nie unmittelbar, doch die Wahl der Mittel selbst ist bereits ein durch und durch politischer Akt. Je theoretischer und abstrahierter der Weltzugang, desto verdinglichter erstickt das falsche Allgemeine – und was dabei schwindet, ist die emphatische Offenheit, die Möglichkeit der Mimesis, die nie nur im Begriff sich bewegen kann, eben weil dieser nur subsummiert und so das tilgt, was lebt. Um Adorno zu paraphrasieren. Der dahin ganz und gar theoretisch sich bewegte.

Wer ewig “Rechtsstaat” schreit, wird nie verstehen, was es heißt zu ERLEBEN, all das Grausame wie auch das Magische, und weiter seine Panzer rollen lassen. Wird Meme wie “illegal” Menschen aufprägen wie Foltermethoden und eben solche Spuren hinterlassen.

Sich auf das konzentrieren, was man will, nicht immer auf das, was man nicht will – eine Maxime, an der stets selbst ich immer wieder scheitere und die in Erinnerung gerufen eben Emanzipation vom falschen Ganzen verheißt. Ein Jahr des Struggles, immer wieder diese Maxime mir zu vergegenwärtigen mit dem wundervollen Nebeneffekt, nun ein offenes Feld vor mir zu sehen, das nicht mehr mit 6-stelligen Bürgschaften zugestellt Erpressbarkeit durch Apparatschiks als Drohung manifestiert.

Was wollen wir denn eigentlich, wenn wir “Nazischweine” rufen? Einfach nur, dass es die nicht mehr gibt, oder tatsächlich eine Welt, in der das, was die Nazis und die, die von ihnen bis heute lernen, wollten, eben nicht mehr ist?

Worauf bezieht man sich denn, wenn man das ruft? Auf die Möglichkeit jüdischen Lebens und jüdischer Erfahrung, von denen zu lernen ist – wieso nur taucht das ansonsten nirgends auf? Auf Lust im Neu-Erfinden von Männlich- und Weiblichkeit jenseits der Geschlechternormen und dem, was nach ihnen kommen könnte? Lebensformen, die das Korsett der Kleinfamilie sprengen, wollen wir die? Das Lernen von den tatsächlich Kolonisierten, Unterjochten, von Abschiebung Bedrohten, Unterworfenen, Beherrschten, Diskriminierten – wieso erscheinen diese dann nur noch als Randnotiz und Nebensatz auf Flugblättern? Was hätten wir denn gerne statt des tatsächlichen Polizeistaates? Wie wollen wir denn wohnen? Einfach nur billiger?

Fragen, die zu beantworten es viele Leben und Jahre braucht, doch lässt man sich ständig auf die Diskursvorgaben der Hater, der Reaktionäre, der Fleischauer-Paraphrasen und “Wir haben ein Recht auf Diskriminierung!”.Apoplogeten, die fortwährend “Und wer sich dagegen wehrt, gründet infantil nur Sekten!” gröhlen wie rechte Aachener Ultras ein, kommt man nicht dazu, sie zu stellen – wenn die Ewiggestrigen Tribunale gründen und sich wie Personalsachbearbeiter gebärden, wird am Überdeutlichsten, dass das Problem der “Linken” in den letzten zwei Jahrzehnten eben nicht nur der Zusammenbruch des “Ostblocks” war, nicht nur die ungebremste Macht des Kapitals, sondern auch ihr Utopieverlust. Und ihre Anähnelung an jene, die sich zu kritisieren vorgeben, während sie ihre albernen “Gegenkulturen”, vom weißen Privileg gesättigt, auch noch abfeierten, als hätten diese im Gegensatz zu Jazz, Soul und Disco wirklich etwas bewegt.

Ein Jahr ist ein Jahr ist ein Jahr – als das ganze Stadion “Bruuuuuns” rief, wussten wir, was wir wollten. Als den Refugees gelauscht wurde, statt sie zu paternalisieren und eine “Embassy of Hope” die Lügengebäude Neumanns und Scholzens ins Wanken brachte, das waren Momente, wo zu spüren war, was man wollen könnte.

Wenn die tänzerische Spielweise der Mannschaft des FC St. Pauli sich vom “Gras fressen!”-Mackertum entfernte und in Ratsche, Nöthe und Bartels ein ganz anderer Spirit auf dem Platz in Pirouetten sich drehte, da war etwas spürbar. Als Time Kreich bei “Fussball und Liebe” im Millerntor-Stadion mit ihre ganzen Intensität das Publikum in den Bann zog, als ausnahmsweise mal das heterosexuelle, männlich dominierte Publikum Feministinnen, Lesben, Schwulen lauschte, von Sookee fasziniert wurde und Love Newkirk “A change is gonna come” so anstimmte, dass erahnbar wurde, was das tatsächlich heißen könnte, das war ein Moment, wo sich zeigte, was man wollen kann. Als FC St. Pauli Aufsichtsrat Roger Hasenbein formulierte, welche Schritte auf dem Weg zur Ent-Marginalsierung möglich wären und Lars Albert die Diskussion zu “Critical Hetism” eröffnete. Als ein Raum wie das Millertor-Stadion, nun alles andere als außerhalb von Gentrifzierungsprozessen angesiedelt, dergestalt eine Umdeutung erfuhr.

Also fröhlich weiter jene blocken, die nur nerven, aufmerksamkeitsheischend, die immer gleichen immer schon, die mit ihren falschen Prämissen der Vielfalt menschlicher Ausdrucksmöglichkeiten den Weg nur verstellen. Saxophone müssen halt auch dabei sein. Um sich stattdessen zu überlegen: “Wie zusammen leben?”

Hat Roland Barthes schon vor mir getan.

Inspiriert von Stpauli.Nu stelle ich sie hier nun auch erneut und bin mir mit ihm völlig einig ;)

Bestandsaufnahme

Ja, ich bin viel zu lange im Zentrum mit geschwommen und habe mir den Kopf anderer Leute zerbrochen, die dann innerhalb der Institutionen befördert wurden, während ich immer härter am Limit segelte und mich selbst lieber an den Rand drängte. Weil die Zentren so unendlich grausam sind.

Trotzdem: In dieser Stadt, diesem Land stimmt ja nix.

Die Universitäten völlig verschult, Anstalten, das Denken auszutreiben seit der Einführung von “Bachelor”, Master”, “Bologna” und jenseits der Reflektion verortet – im besten Fall üben noch Befristete für Hungerlöhne Kritik am Neoliberalismus in anderen gesellschaftlichen Bereichen, dem sie doch selbst unterworfen sind. Aber trauen sich natürlich nicht, Strukturen beim eigenen Brötchengeber öffentlich zu benennen.

Die Kämpfe der linken Szenen haben nachhaltig vor allem “Wohnraum für uns” bewirkt – Hafenstraße, Gängeviertel, Bauwagenplätze, Flora ist noch insofern die Ausnahme, weil da ja jede Menge veranstaltet wird -, Flüchtlinge werden aber immer noch abgeschoben.

Trotzdem wird der eigene Widerstand derart glorifiziert, dass zwar keiner mehr weiß, wer nun eigentlich in den Lichtenhagener Häusern lebte und wie die das alles wahrgenommen haben, aber die Antifa hat sie gerettet.War ja akut auch gut und richtig so. Aber darüber hinaus?

Nazis gibt es immer noch verdammt viele. Ja, sie sind sogar auf dem Vormarsch, zum Beispiel in Stadien. Vielleicht ja auch, weil man sich in Deutschland bis heute so völlig fasziniert von den Nazis zeigt, dass man völlig vergessen hat, was jenseits von ständig formal proklamierten “Rechtsstaat und Demokratie” so alles derart cool sein könnte, dass die Nazis schlicht unattraktiv und lächerlich wirken. Vergessen wird, wovon man sonst noch lernen könnte als aus der eigenen Naziaustreibungsgeschichte. Wie wäre es mal auch nur ein ganz klein wenig der Beschäftigung mit dem reichen Erbe jüdischer Kultur in Deutschland? Ist interessanter als die Geschichte der “Antifa”.

Der Großteil derer, die in der “linken Szene” aktiv waren, haben sich in ihren Nischenökonomien eingerichtet oder sind in Mainstreammedien und Werbeagenturen gewandert (ich ja auch, obgleich ich nie wirklich Teil der “linken Szene” war, eher Teilzeit-Peripherie) und verkleben ergänzend mit ehrenamtlicher Arbeit noch jene Bereiche, in die mal allmählich Geld fließen sollte. Sorgen mit letzterem dafür dafür, dass ökonomisch relevante Strukturen gar nicht erst entstehen können, sondern das punktuelle Spenden allenfalls über die Runden helfen. Dass zudem gesellschaftlich relevante Bereich weiterhin als jene gelten, die man sich irgendwie in Güte umsonst holen kann. Du, ich hab da sogar ‘nem Schwulen zugehört. Ja, es gibt jetzt “Crowdfunding” und so, aber selten für den Aufbau tatsächlich alternativer Strukturen, sondern vor allem projektbezogen. Und es gibt Off-Thater-, Galerien und so. Ja. Aber nimmt die wer wahr außerhalb des eigenen Dunstkreises?

Es gibt allerlei “Gründerhilfe” – habe ich selbst in Anspruch genommen, bekam ich, weil ich “Eigenkapital” aufbringen konnte, weißer Cis-Mann bin, bildungsbürgerlich geschult – und sie nahmen höhere Zinsen als die Commerzbank. Und ohne “Eigenkapital” geht nix.

Universitätsprofessoren machen derweil dergestalt dem Nachwuchs Mut. Heroisierung des Scheiterns statt Klassenkampf, sozusagen.

Oder man hängt sich an die ganz Großen und verreckt in Abhängigkeit von Telekomm, NDR und Co.

In den ganzen Gründerberatungen sitzen dann vermutlich alte, resignierte Säcke wie ich, die irgendwann fest stellten, dass sie sich auch überangepasst und bis ins Burnout oder nahe dran aufgerieben haben und der Preis, mal was Anderes oder Neues zu versuchen, verdammt hoch ist. Weil immer die Attacken fahren, die es sich gemütlich im Halbgaren eingerichtet haben und ihre Mittelmäßigkeit verteidigen. Oder sie haben ihre gemütliche Nische gefunden und bewerten Andere. Oder sitzen da selbst auf  einer ABM-Stelle.

Und alles wurschtelt parallel, nicht aufeinander bezogen. Die Gay Community und “migrantische” Strukturen haben sich abgekoppelt und pflegen eher Parallelökonomien, was auch daran liegt, dass grundsätzlich in den Zentren weiße, männliche (im Kulturbereich auch weibliche, da lässt man sie ja ran), heterosexuelle Platzhirsche den Weg versperren und alles, was ihre Hegemonien infrage stellen könnte dann, wenn es sich nicht paternalisieren lässt, bekämpfen und ausgrenzen. Machen ach so wohlwollend die Anderen zum Thema, verweigern aber, dass man auf sie selbst mal blickt. Kritik wird dann als ungebührlicher, persönlicher Angriff ausgelegt, blödes Generve von Vollzeitzicken und “Trouble Makern”, die sich ja angeblich nur davon nähren, sich ständig über irgendwas aufzuregen, was da gar nicht sei.

Alle Sparten nebeneinander her. Zwar werden Saxophonisten und DJs für Vernissagen gebucht, aber die Hochschule für Musik und Theater ist nicht vernetzt mit der Hochschule für bildende Künste, und lediglich das Stichwort “Medien” kann gelegentlich eine Brücke schlagen, wo aber leicht die von Supremacy sich nährende “Wissenschaft” Blickumkehren verweigert und parallel die “Macher” sowieso diesen ganzen reflexiven Unsinn umgekehrt für obsolet erklären. Weil er im besten Falle ihre Praxis gefährden könnte. Was er aber gar nicht mehr tut.

Vereinzelt kümmern sich dann Großbürger paternalisierend um die Abgehängten und fördern punktuell “Hip Hop Theater” und so was für Wilhemsburger Kids, aber bestimmt nicht unter der Regie von PoC, die mal die Blickumkehr auf Weiße vollziehen.

Dabei ist das, was ständig weg geschrieben wird, nämlich Critical Whiteness, in letzter Pointe die Befreiung vom Dünkel, von Supremacy (die Rechtschreibprüfung wollte da gerade “Supermacht” draus machen). Haltungen, die in deutschen Kulturen und Institutionen, ganz gleich, ob Kunst, Theater, Universitäten, Medien, Banken eingeschrieben sind wie etwas, das Luft, Denken und Adern abschnürt.

Nimmt man CW hingegen ernst, ergibt sich ein Denk- und Handlungsspielraum für alle, und eben vor allem auch endlich mal für PoC und andere Ausgegrenzte, der gerade die permanent aufrecht erhaltenen Trennungen der verschiedenen Bereiche und gesellschaftlichen Subsysteme aufzulockern vermöchte jenseits dieses ewigen Sich-über-Andere-Erhebens.

Ja, ich habe oben auch die Kritik der Mittelmäßigkeit in Supremacy-Haltung formuliert, meine damit aber dieses DDR-Prinzip, dass jeder, der den Kopf raus streckt und mal was anderes versucht, mit Sicherheit einen Kopf kürzer gemacht wird von Vertretern in Großorganisationen oder solchen, die irgendwas schon immer so gemacht haben.

Was stattdessen Not täte, sind Intermedialität und Intersektionalität.

Das machen aber nur wenige. Es gibt kaum künstlerischen Journalismus, obgleich man sich doch mit “Medienkunst” tot schmeißen kann – dass Verkaufsausstellungen der Galerie “Affenfaust” wirken wie Formatfernsehen, wo jeder versucht, sich eine marktfähige Nische durch Ausarbeitung einer wiedererkennbaren Technik anzueignen und auszuarbeiten, das merkt aber keiner oder weiß es und glaubt nicht mehr an Alternativen.

Und verschiedene Diskriminierungs- und Ausgrenzungsformen mal systematisch aufeinander zu beziehen, dass das möglich ist, wurde zwar hier und da erkannt, aber außer Ausnahmen wie der Hamburger Queer AG zieht das doch kaum wer durch und alle bleiben unter sich. Oder habe ich was Wichtiges übersehen?

Es gibt Filme ÜBER Musik und Theater; da, wo zusammen gedacht würde, bricht zumeist Häme aus. Z.B. das Musical ist ja eigentlich eine Form, die wenigstens ein paar Grenzen einzustoßen vermochte, “Cabaret”, “Rocky Horror Picture Show”, hier überlässt man die übergreifenden Formen den Busreisenden und guckt stattdessen Kraftclub. Während die Oper sich musealisiert (ja, auch da gibt es Versuche, das zu ändern, in Off-Szenen).

Alles, wo mal irgendwo eine Grenze eingerissen wird, wird sofort wieder weiß und heterosexuell dominiert, und dann steht wieder Jan Delay vorne und die schwarzen Backgroundsängerinnen singen dahinter viel besser.

Wie bekommt man denn da mal Bewegung rein? Ja, ich habe es in meinem Feld versucht, aber gegen das Wirtschaften von Familienvätern, die alles zur paternalistischen Sauce mit sich im Mittelpunkt verrühren, will man auch nicht immer ankämpfen müssen.

Ich nehme die Millionenspenden gerne entgegen, um ein “House of Diversity” zu gründen. Zusammen mit Frauen und PoC. Intermedial, intersektionell.

Einer der Kardinalfehler ist doch diese linke Verachtung des Geldes. Anstatt mal zu überlegen, wie man dafür sorgt, dass auch was damit angefangen wird, was nicht “Abschiebung”, “Ausgrenzung”, Paternalisieren und Depotenzieren bedeutet. Es ist doch Quatsch, sich auf die eigene Bescheidenheit etwas einzubilden. Luxus für alle kann doch nur Ziel sein.

Her damit! Für alle!

Und als allererstes für Refugees! Die uns ja die ganze Zeit vormachen, wie es geht, trommelnd, malend, mit Jelinek-Stück und dem Beharren darauf, nicht Objekt und Bittsteller zu sein. Mit Blickumkehr, einem Politikverständnis, dem man folgen möchte und viel Kreativität.

So was wird aus Hamburg zugunsten der Elbphilharmonie abgeschoben, um als Hauptstadt der Stagnation und zementierten Grenzen kulturell abzusterben.

“Du weißt, ich liebe das Leben …”

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Und jetzt wettern welche. Im Forum. Wegen Vicky. Vicky Leandros. Vergleichen “Ich liebe das Leben” mit “Die Hände zum Himmel” und ähnlichen Ausgeburten akustischer Hölle, Hölle, Hölle.

Liebe Leute, die das schruben, verreckt doch in eurer verheteten Gitarrendreckswelt, wo irgendwelche vermackerten Blues-Diebe wie vor dem Spiel “Living on the Edge” gröhlen oder Punker und Hardcore-Spinner alles tradiert Schwarze und Schwule der Musik austreiben.

Mag auch ein Fussballstadion nicht unbedingt der richtige Ort sein, sich über dergleichen zu ereifern, auf unserem weht jetzt immerhin die Regenbogenflagge. Das heißt, sich der wehmütigen Lust hinzugeben, Camp zu verstehen und Camp vom Schlagermove zu unterscheiden. Das ist für viele so genannte Heterosexuelle gemeinhin echt eine Herausforderung. Aber sie lohnt sich!

Camp – diese Les- und Hörart als merkwürdige Aufhebung – im hegelschen Sinne, versteht sich, also das, was aufgehoben wird, bleibt im Aufgehobenen erhalten, verwandelt sich aber in etwas anderes – der Ironie in sich selbst, so dass gerade kein “Bad Taste” dabei entsteht.

“Bad Taste”, das waren die Toten Hosen früher, der “wahre Heino” und das, wofür sich die Goldenen Zitronen später schämten.

Camp hingegen ist, die Künstlichkeit und Lüge, die in Schmelz und inszeniertem Pathos liegt, so zu hören, dass das, was angeblich gemeint ist, tatsächlich wird – aber aus einer Distanz zum Gefühl, das besungen wird, heraus, durchlebbar wird. Das ist das Gegenteil des gar nicht möglichen Unmittelbaren, vermeintlich “Authentischen”. Manche meinen, das könne man gar nicht kalkulieren, weil es nicht funktioniert, wenn es geplant ist. Georgette Dee ist kein Camp, sie spielt nur damit – aber die Klamotten von ABBA in den 70ern sind es. “It’s now or never” von Elvis auch.

Eben, wenn Udo Jürgens “Ich weiß, was ich will, von meinem Fenster aus, da kann ich Dich sehen” zu Irgendwiedisco singt, dem betrunken nachts um 4 tatsächlich SEHNSUCHT und Entschlossenheit abzugewinnen und so zu tun, als würde er ernsthaft das in dem Song zum Ausdruck bringen, was er da singt in seinem kalkulierten Pophandwerk. Obwohl jeder weiß, dass das gemacht ist. Aber es kommt ernsthafter rüber als Tony Marshall. Schüttel.

Und je triefender, desto schöner – das hat mindestens ebenso Zarah Leander trotz ihrer Verstrickungen in den Nationalsozialismus einst zur Schwulen-Ikone werden lassen wie die tiefe Stimme. Dieser Blick …

Und der Trick ist, dass gerade WEIL das so sentimental und schmachzend und schön ist und man sich, wenn man nicht allzu viel Hornhaut auf der Seele hat, auch hinein begeben kann, trotzdem eine Distanz zum Gefühl eintritt. Weil es ja doch nur Schlager ist.

Deshalb sind auch die schönsten Disco-Hymnen, hier läuft gerade “Rock you Baby”, immer mit einer traurigen Unterströmung versehen. Das verleiht ihnen – wie auch den Schlagern, die campfähig sind, das sind ja die meisten ja gar nicht – eine Dimension der Erfahrung, ein Wissen, eine Wehmut, die Bollerhetentum einfach nicht versteht. Das kann eher auf Chris Roberts oder diese mit Mallorcabumsbeat unterlegten Horror-Schlager, die im Kliffkieker auf Sylt Sylvester zum Glück erst nach 12 laufen.

Nun ist Vicky Leandros immer auch zu schaurigen Gassenhauern fähig gewesen – aber dieser Brachialschmelz wie in “Aprés toi”, das ist schon feinst campy.

Und “Ich liebe das Leben”, hey, damals, als Mathias sich dann doch für meinen Rivalen entschied, da war das Überlebenshilfe. Wie auch “Nur wenn ich lache tut’s noch weh” und “Wär ich ein Buch” von Daliah Lavi oder “Komm wieder, wenn Du frei bist …” von Tanja Berg :D … ja, das war ja das Schöne, ich konnte lachen, während ich litt.

Das war für mich immer Zentrum aller schwulen Subkuktur damals, diese Haltung, da, wo sie gut war.

Nicht zu vergessen “Mach noch mal, mach noch mal, was Du immer machst mit mir …” :D :D :D . Von Dunja Rajter. Toll. War die B-Seite der Single “Ich glaub Dir”. Und “Am Samstag Abend war es wieder mal so weit …” von Hanne Haller.

Ich liege hier gerade auf dem Rücken auf dem Sofa, tippe ins iPad und bekomme ständig Lachanfälle :D – da kursierte nämlich früher ein wundervoller Videomitschnitt der Familie Schmidt, wo herrlich schlecht geschminkte, wundervolle Trümmertunten (oder nur eine? Lange her!) verzerrte Gesichter zum Chor zogen, während sie so taten, als sängen sie ihn. Ja muss man gesehen haben, kann man sich aber auch vorstellen. “Ja, ich weiß, ich bin stark, doch ich wär so gern schwach …” – herrliche Zeile. Lief im Radio, als ich einst mit H. in Kassel einfuhr, aber das ist eine andere Geschichte. Wie auch “Wir grüßen unsere Mitpatienten auf der Intensivstation” und “Sue Allen, sauf weiter!” Oder Pelle Pershing, der Heinz Schenk parodiert, der Zarah Leander parodiert … oder Sheldon Cooper. Danke noch mal!

MACHT MIR DIE VICKY NICHT MADIG! Ich finde es wundervoll, wenn das das Lied der Saison wird!

Aber eigentlich sollte das ja ein Spielbericht werden. War ein großartiger Abend am Millerntor! Danke, Jungs, dass ihr euch von diesen rummackernden Prügellöwen nicht habt beeindrucken lassen, weiter gegen gehalten und so verdient gewonnen habt!

PS: Ein paar Worte noch zu Herrn Kienhofer (schreibt der sich so?) – weil ich über den hier schon mal Bitterböses geschrieben habe. Es gab eine kurze Phase, da drohte das Spiel nur noch von seinen Pfiffen geprägt zu werden. Aber ganz am Anfang wie auch die komplette zweite Halbzeit hindurch fand ich es großartig, wie er bei einem Spiel, das eher was von Fingerhakeln oder Armdrücken hatte, volle Souveränität wahrte. Respekt!

Lesen! Dann hören!

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