Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Antisexismus

Kommt in die Millerntor-Gallery!

Eine tiefe Verbeugung vor der Action, dem Engagement, dem Einsatz, dem Ideenreichtum der Macher der Millerntor-Gallery!!!

Ich durfte gestern an dem “Pre-Opening” teilnehmen (incl. Kunstauktion durch Sotheby-Hochadel) und bereits im Vorfeld fest stellen, mit was für einer denkoffenen Crew da bis hin zum Kurator Jörg Heikhaus und Marcel Eger gearbeitet wird. Ich finde es immer wieder beeindruckend, was Benny Adrion und seine Teams da auf die Beine gestellt haben – die Millerntor Gallery ist ein Projekt von Viva con Agua.

Ich finde es wahnsinnig spannend, wie die kargen Gänge des Millerntor-Stadions mit verschiedenen künstlerischen Ansätzen belebt werden und kann nur jedem empfehlen, sich das heute Abend bei der Vernissage oder die nächsten Tage mal anzuschauen. Fotos gibt es u.a. bei Stefan Groenveld zu sehen und beim Facebook-Auftritt der Millerntor-Gallery selbst.

Es ist cool, wie die altehrwürdige Institution und der ja in der engen Spitze von 1 oder 2% der KünstlerInnen auch millionenschwere Markt der Kunst dadurch, dass sie in ein Stadion wandert, umdefiniert wird. Wie umgekehrt ein trotz gelegentlich auch bei unserer Mannschaft aufblitzender “Spielkunst” sich ein eher, na, “bodenständig” gerierender Raum sich dem Spiel mit Form, Farbe, Figur usw. öffnet. Ein Raum, der ja idealerweise alles “Authentische” und Reproduzierende aufbricht und, um mit Cézanne zu sprechen, eine “Harmonie parallel zur Natur” kreiert – Disharmonie wäre zu ergänzen.

Ich finde es auch toll, wie Präsidium und Geschäftsführung des FC St. Pauli sich auf Viva con Agua und die Millerntor-Gallery einlassen, weil ich Sätze wie

“Der FC St. Pauli ist ein Lebensgefühl und zwar ein unkonventionelles, das für Kreativität, Anderssein, Toleranz, Weltoffenheit, Selbstironie, vor allem aber auch für soziale Verantwortung steht”

mal ab von dem blöden Toleranz-Begriff voll und ganz zustimmen kann dann, wenn das auch mit Leben gefüllt wird. Auch die Conclusio

“Darüber hinaus schafft die MILLERNTOR GALLERY es zu integrieren, denn sie bietet für nahezu jeden etwas. Und genau diese Aufgabe MUSS (Hervorhebung von mir) auch der FC ST. Pauli leisten: Ein spannendes Angebot für alle zu schaffen, zumindest für all jene, die sich die Freiheit nehmen, (mal) abseits der Konventionen zu denken und mit diesem Angebot auch noch der gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden.”

(Quelle: Katalog Millerntor Gallery, Katalog 2013, S. 7)

ist mit einem vehementen “Yes!” zu beantworten. Call and Response.

Womit ich freilich bei der solidarischen und sympathisierenden Kritik angekommen wäre. Es ist großartig, dass auch Künstler wie Zezao dort statt finden – und das Genörgel bei Facebook und Twitter über die “unstpaulianische” Farbe blau am Millerntor finde ich deshalb nicht zutreffend. Auch der Street-Art-Anteil ist sehr, sehr cool, weil dieser “Aufstand der Zeichen” (Baudrilliard) und die Wiedergewinnung des urbanen Raumes gegen Kommerzialisierung, Platzverweise usw. alltäglichen Widerstand darstellt.

Ansonsten ist es leider wie überall: Der Großteil der Künstler ist weiß, männlich und mutmaßlich heterosexuell. Eine queere Perspektive wäre mir zumindest nicht aufgefallen, ein heterosexueller Blick auf Frauen wie auch Männer schien mir hingegen sehr präsent zu sein (z.B. bei den “Mehl-Fotos”, deren Making off bei Gröni zu sehen ist, wo als männlich konnotierte Eigenschaften wie “Dynamik” z.B sich vor eine mögliche Erotisierung schieben – erotisierte Frauen, was ja an sich nichts Schlimmes ist, beraubt man sie nicht Eigenständigkeit und Subjektivität und unterlässt Übergriffigkeit, oder? Kritische Anmerkungen erwünscht!, sieht man schon auf dem Cover des Kataloges). Vielleicht habe ich auch Wichtiges übersehen.

Nun lassen sich durch diese sozialen Konstruktionen – “weiß, männlich, heterosexuell” – per se keine Rückschlüsse auf die Qualität der Kunst ziehen. Sehr wohl aber, inwiefern das soziale und auch ökonomische Setting, in dem sie sich als Kunst bewegt, auch reflektiert wird auf der Ebene des Werkes.

Und da ist, glaube ich, mehr drin als das, was ich gestern gesehen habe – gerade in einem Fussballstadion, wo Männermannschaften einen “Männersport” spielen, gerade dann, wenn eine unterstützenswerte und jetzt schon ruhmreiche Hilfsorgansisation wie “Viva con Agua” als Veranstalter auftritt.

Deutlich wurde das, als Michael Meeske von den “Tränen in den Augen derer”, denen Brunnen in Uganda gebaut wurden, berichtete – dass er da tatsächlich mitgefahren ist, finde ich toll, nur muss schon jeder Hilfsorgansiation klar sein, dass auch sie sich in einem kolonialen Setting bewegt und das Selbstbild des “hilfreichen Weißen”, der “Entwicklungshilfe” leistet, eben auch Teil dessen ist.

Das sollte niemand vom helfen abhalten noch das diskreditieren, was da mit enormen Aufwand betrieben wird, noch ist es möglich, individuell aus strukturell-postkolonialen Konstellationen wirklich auszubrechen – da fehlt aber eine Reflektionschleife, und was böte sich da eher an als Kunst, Wege zu sehen, diesen weißen Blick und dieses weiße Selbstbild auch kritisch zu thematisieren?

Und zugleich die nun tatsächlich genuin europäische Institution “Kunst” auch daraufhin zu befragen, wie sich das, was “wir” als weiße, meist männliche Mitteleuropäer mal als “Kunst” durchgehen lassen, mal nicht (das kommt dann ins “Völkerkundemuseum”), vielleicht von Praktiken in anderen Regionen dieser Erde unterscheidet – oder auch nicht? Wie es als Vehikel von “White Supremacy” und “Male Supremacy” genutzt werden kann und wie man zumindest versuchen kann, das auch aufzubrechen, auch wenn dabei ein Scheitern wahrscheinlich ist – und wie dieses Scheitern denn nun aussehen könnte?

Und wieso entstehen dann, wenn Weiße, zumeist Männer, mal nicht weitestgehend unter sich bleiben, solche Paradoxien?:

“Denn, Frage: Wie viele rassifizierte Menschen müssen bei einem Kollektivprojekt mitmachen, damit es nicht mehr als rein “weiß” wahrgenommen wird? Antwort: Ist egal, denn das Kollektiv wird immer ein böses, komplett weißes, rassistisches Arschprojekt bleiben. (Und das heißt, am Ende bist auch Du als Kanak_in immer nur das böse, rassistische Arsch mit an Bord. Oder: Es gibt dich halt einfach gar nicht. Oder: Du bist halt ein armes Opfer “in den [weißen] Fängen von xyz”. Kann aber ja auch gar nicht anders sein, schließlich bist Du ja Kanake, arharharhar!)”

Und lassen die sich vermeiden, oder geht das gar nicht? Für mich auch gerade eine sehr zentrale Frage als in Sachen “weiß” und “männlich” zumeist Ummarkierter, somit aus anderer Perspektive Schreibender. Weil ich da auch gerade an eine Grenze gestoßen bin im Rahmen meiner Möglichkeiten.

Da wird auch mittels einer Kunstausstellung in einem Fussballstadion nicht die Welt zu verändern sein. Aber würde das stärker in der Kunst selbst Thema sein, wäre das nicht St. Pauli-like? Erste Kommunikationen zwischen MILLERNTOR GALLERY und 1910 – MUSEUM FÜR DEN FC ST. PAULI e.V. haben ja diesbezüglich auch schon statt gefunden ;)

Der ökonomische Rahmen, in dem sich das ganze, globale Drama rund um sauberes Wasser abspielt, wurde zumindest angedeutet, indem deutlich Front gegen die Privatisierung dessen votiert und Wasser als Menschenrecht verteidigt wurde.

Da können Frau von und zu Wittgenstein und Frank Otto und andere, die auf ganz anderen politischen und Wirtschaftshochzeiten tanzen können als der normale Spender und die gestern da waren, weiter  dran arbeiten. Dass Frank Otto Viva con Agua von Anfang an unterstützt, das ist ihm eh schon schon hoch anzurechnen.

Unsortiertes zu Yücels Plädoyer für kolonialrassistische Regime, das Erbe der “Aufklärung” und was das mit Kunst zu tun hat

Im Grunde genommen ja langweilig, die ewig gleichen Textbausteine von Greiner bis Roenicke, von Fleischhauer bis Tsianos, von Hacke über Scheck bis Yücel zu kommentieren. Sie verharren in ihrer selbst verschuldeter Unmündigkeit, wanzen sich ran an die Macht und hassen mutmaßlich Kommunikation, Kunst und Kreativität.

Und die Freiheit des Anderen geht ihnen eh am Arsch vorbei. Sonst würden sie ja nicht alle den immer gleichen Marsch blasen und dazu im Gleichschritt argumentieren, triefend vor Rassismus, Sexismus, aber ausnahmsweise mal keiner Homophobie. Die aber vermutlich bei nächster sich bietender Gelegenheit im Zuge allgemeiner Besitzstandswahrung, Kritikunfähigkeit und Ego-Absicherung auch aufbricht, um sich als was Besseres fühlen zu können, so wie in Frankreich derzeit.
Es ist mir jetzt zu ermüdend, über Differenzen in der Konnotation von US-Vokabular und jenem in Deutschland zu dozieren (und ich bewundere die Akribie und Geduld Accalmies, das so großartig zu tun ebenso wie die von Halfjill!!!).

Ebenso nervt es mich, über die Ambivalenz der Aneignung diskreditierenden Vokabulars durch Diskreditierte zu sinnieren, das von Nicht-Betroffenen so gerne diskutiert und anempfohlen wird.

“Schwul” ist da ja ein gutes Beispiel; es ist erstaunlich, wie häufig das Wort in abgrenzender Absicht an ganz normalen Arbeitstagen allerorten fällt, von Heten verwendet; wie angewiesen sie darauf sind, es ständig zu thematisieren, um sich als das Andere dessen zu positionieren. Ich war gestern nur einmal wieder verblüfft während meines Broterwerbs: Ständig. Dass “schwul” zu den beliebtesten Schimpfwörtern auf Schulhöfen zählt ist bekannt; ob es nun sinnvoll war, es zur Selbstbezeichnung zu nutzen? Zunehmend sehne ich mich nach von Begriffen freien Sphären des namenlosen Begehrens, das nicht den Kategorien, die zugleich Hierarchien stabilisieren, sich unterwirft. Weil das Abgrenzungsbedürfnis “tolerierender” Heten nur nervt.

Nun ist freilich schon der Einstieg in diesen Text dann hochproblematisch, wenn ich als weißer “Biodeutscher” in Anspielung auf Kant, “selbst verschuldete Unmündigkeit”, Yücel gegenüber die Haltung einnehme, dass ich nun natürlich in Fragen der Kunst die Weisheit mit Silberlöffeln gefressen und der Muttermilch eingesogen habe. Er ist in Deutschland geboren wie ich, wird jedoch ständig erleben, dass er im Sinne des “Migrationshintergrundes” markierbar ist – passiert mir nicht: Privileg. Nadia von Shehadistan konterte neulich köstlich mit “Faschismushintergrund”, den ich als Sohn eines Pimpfes definitiv habe.

Würde ich nun eine Haltung einnehmen wie Yücel in seinem rassistischen Pamphlet (Achtung, Triggerwarnung, schlimmer Text), wäre dies die der Neuen Rechten.

Er adaptiert dort  ein zutiefst kolonialrassistisches Bild: Da die Wilden und “Hysterischen” (das kann man u.a. anderem bei Michel Foucault nachlesen, was die “Hysterisierung der Frau” für eine gesellschaftliche Funktion hat; feministische KommentatorInnen werden bessere Quellen kennen), hier er, der aufgeklärte, um Kunst und Historie wissende Mann, der alles Eigene Kolonisierter in eine barbarische Vorgeschichte überführt; er, der selbstverständlich nur ausnahmsweise mal “die Contenance verliert”.

Das ist eine Reproduktion dessen, was sich z.B. bei Immanuel Kant findet: Der unterscheidet zwischen “Neigung”, die “natürlichen” Impulsen folgt, und sieht so u.a. wörtlich in der “Grundlegung zur Metaphysik der Sitten” die “Südseebewohner” von “Sinnlichkeit affiziert” – und der vorsinnlichen, voremotionalen usw. Vernunft, bei Kant heißt das im Falle der praktischen Vernunft Pflicht.

Das ist das Grundschema des Kolonialismus zudem, Kant war da nicht Ursache, sondern Symptom: Auf der einen Seite die Vernunft, die Zivilisation, die Kultur, die Fähigkeit, das “Natürliche” zu beherrschen, die Geschichte, die von weißen Männern gemacht wird – auf der anderen Seite das “Naturverfallene”, die “Horde”, nicht individualisiert, die nur kreischt und brüllt und trommelt.

Das ist die Perspektive, die sein Text einnimmt, der macht auch vor Pathologisierung nicht halt, und wie bei der Neuen Rechten üblich, tritt das Ganze auch noch als Totalitarismuskritik auf. Während der über den Dingen schwebende Mann nur kurz die Fassung verlor. So pflegt er sich perfekt in den bundesdeutschen Konsens ein, bemüht wie üblich die ja ungeheuer wirkungsmächtigen “K-Gruppen” und vorsichtshalber auch die Prüderie der Katholischen Kirche zur Denunziation der Geotherten.

Das ist freilich das Muster, das nun auch permanent spätestens seit dem 11. September im hehren Kampf gegen “Islamofaschismus” Mehr von diesem Artikel lesen

“Ich sehe aus dem Augenwinkel nur ein hellblaues Trikot reinfliegen und plötzlich war es unfassbar laut.” – Florian Bruns

Von hinten erzählen? Vorne anfangen? Mitten rein springen?

Vorgeschichten ausmalen – wie schön es z.B. ist, in dieser traumhaften Stadt zu leben, trotz allem, trotz Neumann, Scholz, Gentrifzierung? Wie gut es sich anfühlt, an arschkalten Frühlingsabenden durch den Park der Abendsonne entgegen zu gehen, in Erwartung dessen, die Boys in Brown gleich auf dem Platz zu sehen, vertraute Menschen in und um das Stadion zu treffen, wenn das Bier schmeckt und die Seele braun-weiß lacht?

Klar, bin auch kein potenzielles Opfer von Racial Profiling, nicht von Abschiebung bedroht – erinnere mich aber gut daran, wie einst, als ich noch in dem Alter und der Form war, da man Erfolge auf dem Fleischmarkt feierte, mich drei bis vier mal umsah, bevor ich mit dem jeweiligen Typen los knutschte auf offener Straße.

Weil man ja zumindest ahnen konnte, wer darauf gewalttätig reagieren könnte …

Nun sehe ich manchmal deutschtürkische Jungs Händchen halten durch die Wallanlagen streifen. Und freue mich dann. Ja, ist “nur” Freundschaft zwischen denen, aber nicht umsonst formulierte Michel Foucault einst in vielen Interviews, dass sich als schwul erfinden als Freundschaft zu anderen Männern verstanden werden  könnte – durchaus in Abgrenzung zu oft von sexistischen Hierarchien und Role-Models durchdrungenen, heterosexuellen Beziehungen. Und auch deshalb: Unbedingt lesen, den Text!

Weil ich auch manchmal das Gefühl habe, dass Homo-Ehe für manche Heterosexuelle auch deshalb so befürwortenswert ist, weil man sich deren Lebensformen damit anähnelt. Was ich nie gewollt hätte. Bin ja trotzdem für die rechtliche Gleichstellung, fand aber das Abenteuer, in jeder Konstellation erst mal entdecken zu müssen, Mehr von diesem Artikel lesen

Zwischenruf zum “Hipster”-Geschwätz – back to Jazz!

Es gab Tage, da galt Popkultur noch als subversiv und der Hipster als Avantgarde dessen, was dominante, kulturelle und ökonomische Strukturen zu unterlaufen vermag – das war vor allem die Diskussion der frühen 80er, als Autoren wie Diedrich Diedrichsen diskutiert wurden.

Bei Bands wie Tocotronic (deren aktuelles Album zeigt, was entsteht, wenn Leute von Hamburg nach Berlin gehen: Großer Mist) und deren Anrennen gegen Vorstellungen von Authentizität wirkt dieses nach – Pop wurde als dekonstruktiv-konstruktive Praxis begriffen, Zuschreibungen zu entkommen, indem das Artifizielle und auch Sterotype reflektiert und transzendiert wurde ganz im Sinne Andy Warhols und oft mit Mitteln des Camp. Und es, wie bei gutem Pop immer, trotzdem in individuellem Ausdruck aufzuheben. Und wie genau das z.B. Boy George machte oder auch die “Rocky Horror Picture Show”, das beeindruckt mich bis heute.

Was dabei freilich zumindest im Kneipendiskurs des Subito, hamburgische Hipster-Kneipe in den 80ern, heute Fischladen, und analoger Orte weitestgehend ignoriert wurde, gerade in Deutschland und trotz Rezeption von House-Music, die dem Postpunk-Szenarion mit bewährten Hipness-Methoden den Garaus machte, ist die Begriffsgeschichte von “Hipster”.

Wie das funktioniert, belegt heute vortrefflich die taz:

“Für Norman Mailer war der Hipster ein amerikanischer Existenzialist, der ein Leben umgeben vom Tod lebt – nachzulesen in seinem Essay „The White Negro“. Was ist von dieser Assoziation geblieben?”

Was ist das “N..” im Titel von Norman Mailers Essay geblieben? Das steht da mitten im Text und wird ignoriert.

Das macht doch einigermaßen fassungslos, dass nun dieses hochumstrittene und von schwarzer Seite zu recht harsch attackierte Pamphlet Mailers Mehr von diesem Artikel lesen

Poesie, Eros, Drama: Millerntor! Bruuuuuuuuuuns!

Die augenzwinkernde Poesiewerdung des FC St. Pauli:

“Wenn im Wald die Hölle los ist, wenn Bäume beben, das Blätterdach wackelt und selbst der Wurmfarn vor Frühlingsgefühlen platzt, wenn zottelige Gestalten ihr Glück in den Himmel röhren oder ineinander verkeilt den Euphorieüberschuss austanzen – dann weiß der Förster: Es ist wieder Brunszeit.”

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Okay, der Gegengeraden-Gerd ist ja eh Sprachkünstler. Meine Verehrung!

Aber selbst die Mopo, ausnahmsweise verlinkt, müht sich auf einmal  im Ringen um den bildhaften Ausdruck:

“der Rest waren ausflippende Zuschauer, am Boden kauernde Gäste und eine Jubeltraube in mehreren Metern Höhe auf dem Schützen.”

Ohne “der Rest war” hätte aus dem Satz wirklich was werden können! Dranbleiben, Mopo!

Als Meister der Verdichtung erweist sich Fabian Boll (dem Hamburger Abendblatt vom 9.3. 2013 gegenüber):

“Platz umpflügen, grätschen, wo sich was bewegt.”

Beinahe ein fernes Echo der Lyrik August Stramms meint der Hörer da zu erlauschen.

Ja, das ganze Regensburger Forum mag sich verpfiffen fühlen Mehr von diesem Artikel lesen

Lesen! Dann hören!

“… ein feiger Kampfbegriff aus den amerikanischen “culture wars” …”

“Da wird schnell mit dem Zerrbild von der “politischen Korrektheit” gekontert, die doch nichts anderes sei als spaßfeindlicher Puritanismus. Damit kann man lässig und ironisch argumentieren. Hierzulande weiß kaum jemand, dass “politically correct” nur ein feiger Kampfbegriff aus den amerikanischen “culture wars” ist, mit dem man ein Gerechtigkeitsverständnis diskreditiert, das Macht und Pfründe infrage stellt.”

Na, endlich wird die Genese der demagogischen Verunglimpunfgsmaschinerie auch mal in der Süddeutschen klar gestellt.

Der Artikel enthält zwar Schwächen – so ist “Blackface” eben nicht nur ein US-Phänomen, vielmehr gab es in den Zwanziger Jahren hierzulande z.B. eine analog designte Party-Mode, die aus dem N-Wort ein Verb machte. Von dieser Praxis gibt es schlimme Bilder, aus denen einen ein brutaler Rassismus geradezu anspringt. Beim Karneval ist es auch keineswegs ausgestorben.

So was wie “nationale Identität” gibt es meines Erachtens nicht, wohl aber ein Selbstverständnis von Demokratien, das entweder wie in Deutschland letztlich die völkische “Kulturnation” fort schreibt oder aber eines, dass die bedingungslose Partizipation in den Mittelpunkt rückt. Also nicht erstmal irgendein Anforderungsprofil erstellt, in dem “weiß” an erster Stelle steht, und ständig dessen Einhalten oder Abweichungen davon sanktioniert. Sondern eben einfach Partizipation.

Der Kontext, den der Text aufmacht, ist definitiv richtig. In solchen Fragen und Diskussionen ist Deutschland einfach ein Entwicklungsland. Da lohnt es sich immer wieder, in die Diskussion in den USA zu lauschen, anstatt sogar die “Analyse & Kritik” und den “Freitag” als Mittel des Protektionismus zu missbrauchen. Es sind halt Geschichtsklitterer wie Denis Scheck noch viel zu laut – Geschichtsklitterer deshalb, weil sie als Privilegierte inmitten des höchst wirksamen informellen Wahrheitsministeriums derer, die Zugang zu reichweitenstarken Distributoren haben, die Erfahrung der Marginalisierten mit aller Macht aus der Historienschreibung heraus halten und deren Rezeption der offiziellen Geschichtsschreibung in guter, alter, deutscher Tradition der Lächerlichkeit zu überantworten versuchen. Diese hiesige Medienkultur lebt ja vom Minderheitenwitz. Dazu später mehr. Seinem Kollegen C. Bernd Sucher würde da so nicht passieren.

Wie dieses informelle Wahrheitsministerium besetzt ist, da braucht man nur die Interviewpartner der letzten “Druckfrisch”-Sendungen durchzuklicken. Es tauchen durchaus Spuren der “weißen Gegenkulturen” auf, auch Frauen, zum Glück – wobei ich bei diesem “weißen “Gegen”kultur”-Konzept von der “Beat Generation” bis hin zu Tocotronic ja mittlerweile doch arg die Befürchtung habe als jemand, der von ihm durch und durch geprägt ist, ob das nicht eine große, unfreiwillige Lüge war und ist. Wenigstens waren am Anfang noch Schwule mit von der Partie, Burroughs und Ginsbergh. Ein Iraker darf bei Druckfrisch auch mal was sagen, wenn er gefoltert wurde, sonst mutmaßlich lieber nicht (habe ich wichtige Protagonisten übersehen?). Alles andere wäre ja auch bedenklich laut offizieller ARD-Seite.

Was ein wenig übersehen wird, ist, dass der Herr Scheck seine Sendung ja nicht alleine macht. Ein ziemlich sympathischer Fernsehmacher, der, was irgendwie passt zum Thema “Selbstverständnis der weißen “Gegen”kulturen, z.B. mit FM Einheit zusammen gearbeitet hat, aber auch Töne in Istanbul sammelt für den Hörfunk, führt Regie. In einem ansonsten sehr spannenden Blick hinter die Kulissen seiner TV- und Radio-Vita, eine Vita, die so und in dieser Form nur sehr wenigen PoC in Deutschland offen stünde, kann ja jeder mal durch die Flure von ARD-Anstalten laufen und gucken, wer da rum läuft, fallen folgende Sätze:

“Der ideale Gast für “Druckfrisch” ist – zynisch gesprochen – eine junge, blonde, gut aussehende Holocaust-Überlebende. Reden muss sie auch noch können. So schnitzt man sich den idealen Gast. Der stotternde Schriftsteller mit Hasenscharte, der ein Buch über philippinische Eingeborene geschrieben hat, hat es ein bisschen schwerer, in “Druckfrisch” zu kommen.”

Erinnert sich wer an den Skandal, als Frau Kiyak ableistische Sprüche gegen Thilo Sarrazin klopfte? Man kann das Herrn Ammer ja noch nicht einmal wirklich vorwerfen, oder doch?,  das gehört zu den Branchenübblichkeiten, solche Sätze abzusondern. Die ja sonnenklar machen, was in den tatsächlichen Wahrheitsministerien wie auch immer sexistisch verpackt Gegenstand sein darf und was wie und von wem marginalisiert wird. Zudem Herr Ammer vermutlich im Falle seiner bayrischen Nachbarn nicht von “Eingeborenen” sprechen würde. Ein bemerkenswertes Bild.

Das Kuriose ist nur, dass bei der “Political Correctness” so viele gleich “1984″ herauf beschwören, solche Regeln aber völlig unhinterfragt allseits befolgt werden. Und das noch in großkotzigen Sprüchen heraus gerotzt, als könne man sich damit brüsten.

Es ist um so bemerkenswerter, dass der wohl bekannteste deutsche Philosoph Jürgen Habermas einen sehr anrührenden Text darüber geschrieben hat, wie schwer es für ihn war, sich in seiner Jugend überhaupt verständlich zu machen. Und dass das einer der Impulse war, das “Kommunikative Handeln” in den Mittelpunkt seines Denkens zu stellen. Und eben dieser Philosoph betrachtet Moral nicht etwa als Herrschaftsmittel, sondern als Schutzvorrichtung prinzipiell verletzbarer und auf Solidarität angewiesener, menschlicher Individuen. Er wird wissen, warum, und ich weiß nicht, was in ihm vorgänge, läse er solche Zeilen wie die von Herrn Ammer. Wahrscheinlich steht er mittlerweile drüber. Mit Sicherheit nicht immer schon, als im Zuge seiner Professorenkarriere Kollegen über seine Hasenscharte witzelten.

In einem anderen Interview referiert Ammer ebenfalls lakonisch, welche Wahrheitministerien bis in die Formensprache hinein in seinem Medium tatsächlich regieren:

 

“Wo sind die Unterschiede zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Redaktionen?
In den privaten Redaktionen gibt es mehr Vorgaben. Auch was die Bildsprache angeht. Ich habe auch einmal eine Zeit für Spiegel-TV gearbeitet. Dort waren die Vorgaben, wie ein Bild auszusehen hatte, ziemlich eindeutig. Da hatte man nachgedacht. Gemein ist beiden Systemen die Angst und die programmgestaltende
Übermacht der Redakteursgroßmütter, die die Sendungen angeblich nicht verstehen.”

 

Es ist schon eine Groteske, da den “Würgegriff der Politisch Korrekten” als real-existierenden Stalinismus zu behaupten. Gibt halt nicht so viele schwarze Redakteursgroßmütter wie weiße; es gibt sie aber, und die wissen gut, was das N-Wort mit ihnen machte.

Da, wo das Geld sitzt, werden die Vorgaben gemacht wie schon zu Michelangelos Zeiten – und den 3 Regeln gelingender Dramaturgie “Konflikt! Konflikt! Konflikt!” folgend werden in letzter Zeit die Talkshows mit Lesben- und Schwulenhassern, Rassisten und Frauenfeinden geradezu geflutet, die ja angeblich alle so fürchterlich unterdrückt der Zensur unterliegen.

Nee, da schließt sich schlicht der Kreis zu dem Text von Andrian Kreye (kann es sein, dass der früher auch immer im “Or” tanzte?). Und ehrlich wäre es von Denis Scheck und auch Herrn Ammer, würde sie darüber mal in ihren Sendungen reden. Sie bekommen dafür ja offenkundig den Freiraum. Und wenn sie die nächste “Druckfrisch”-Sendung ausschließlich mit PoC-Autoren bestückten. Als Entschuldigung. Und dann einfach mal zuhören. Und vielleicht einen derer die SPIEGEL-Bestseller-Liste kommentieren lassen, bei deren Präsentation Bücher in Kisten fliegen wie in den Müll. Oder noch besser, sie oder ihn einfach mal eine “Druckfrisch”-Kritik audiovisuell gestalten lassen. Das ja angeblich so experimentierfreudig ist.

Borniert, ignorant und faul: Denis Scheck und wie er und andere Kunst ermeucheln wollen

Nein, das ist KEINE reine Schmähkritik. Ich werde begründen.

Das geradezu Verblüffende an der “Performance” des institutionell bestens abgesicherten Denis Scheck ist ja dessen offenkundige, vielleicht unbewusste Verachtung dessen, was Kunst sein könnte. Auch deshalb ist dieses Stoßen ins Horn der Neuen Rechten nunmehr auf der Seite der gebührenfinanzierten ARD so entlarvend:

“Die Sprache der Literatur lebt ja gerade davon, dass sie sich nicht in das Korsett des “politisch-korrekten” Sprachgebrauchs begibt, was der Diskurs im öffentlichen Raum auf oft bedenkliche Weise unnötig tut.”

Das ist Beleg 1 für borniertes, faules Kunstbanausentum: Wenn man schon die PC-Keule zum Mundtotmachen schwingt, sollte einem klar sein, dass “Political Correctness” von Anbeginn an ein Kampfbegriff der Politischen Rechten in den USA war. Gegen Stonewall, gegen die Bürgerrechtsbewegung und Black Panther und gegen den Feminismus für die Restauration zu kämpfen – und somit gegen PoC, gegen Frauen, gegen Lesben, gegen Schwule -, das war sein Zweck. Dass man nun ständig in die Rolle des PC-Verfechters gedrängt wird, um homophobe, sexistische und rassistische Quälereien abzuwehren, ist leider Teil der Strategie der Kunstverhinderung. Kunst geht mit Sprache ja kreativ um, also konträr zu den Forderungen Denis Schecks in diesem Fall. Kaum jemand inszeniert Shakespeare so wie zu Shakespeares Zeiten. Zensur?

Und man muss viel häufiger versuchen, die Begriffe der ganzen PC kritisierenden Dominanzverteidiger einfach hinter sich zu lassen, will man den Anforderungen dessen, was Kunst kann, gerecht werden.

Wäre Herr Scheck ein auch weiterhin ernst zu nehmender Literaturkritiker, würde er diesen Zusammenhang reflektieren und ganz im Sinne der Kunst nach Wegen suchen, den Kanon und die Tradition zeitgemäß und produktiv sich anzueignen, anstatt aktiv zu mummifizieren. “Politcal Correctness” als zu Kritisierendes und das sich vermeindlich dagegen Behaupten  ist eine Strategie, Rassismus, Homophobie und Sexismus zu bewahren. In welche künstlerischen Formen nunmehr eine Thematisierung eben genau dessen zu überführen wäre, auf der Bühne, in der Literatur, der Musik, der bildenden Kunst, und auch, von wem und in welchen institutionellen Ordnungen, DAS ist doch die Frage, wenn einem denn wirklich an der Kunst gelegen ist.

Nein, stattdessen will Dennis Scheck konservieren – das ist der Tod der Kunst und nichts weiter als die Verteidigung einer rassistischen Ordnung.

Nun ausgerechnet Herrn Wildgruber und nicht zum Beispiel den Film von Spike Lee zu diesem Thema anzuführen zeigt: Das ist ein Köcheln in der immer gleichen, weißen Sauce. Man kann sich auch den Katolog zu einer ganz und gar verunglückten Ausstellung zu “Zwischen Charleston und Stechschritt: Schwarze im Nationalsozialismus”, Peter Martin und Christine Alonzo (Hg.), Hamburg/München 2004 heran ziehen – Journalisten recherchieren ja eigentlich, nicht so Denis Scheck und seine Redaktion in diesem Fall – und zweierlei daraus lernen: Zum einen, wie ungeheuer problematisch es ist, einfach nur plump abzubilden, welche  Rassismen bereits in den 20er Jahren (und davor natürlich nicht minder) ungeheuer krass erblühten. Zum allgemeinen, weißen Gelächter, ich zitiere die Worte nicht, die da zu finden sind.

Das Dokumentieren kann man noch als Kunstform betrachten, das simple Abbilden ist es nicht, das reproduziert nur – insofern hat es gegen ein ungebrochenes Aufhängen extremst rassistischer Darstellungen einen durch und durch berechtigten Aufschrei gegeben im Falle der Ausstellung. Ursprünglich hieß sie “Besonderes Kennzeichen N …”, wie das gerne geschieht, wenn lustvoll aus weißen, deutschen Münden das N-Wort kriecht wie Würmer aus einer Wasserleiche da, wo vermeintlich “gut gemeint” die eigene Geschichte, aber nicht die Schwarzer in Deutschland, thematisiert wird. Der Buchtitel des Kataloges erfuhr so drum bereits eine Überarbeitung, angesichts derer wieder viele sachwidrig von “Zensur” krakelen würden.

Klappt man den Kataolog auf, folgen Wochen der Fassungslosigkeit angesichts der ungeheuren Brutalität Weißer, wenn es um die Darstellung von Schwarzen ging. Nichtsdestotrotz räumt diese Materialsammlung mit der Vorstellung auf, “Blackface” sei lediglich eine im US-Kontext relevante Praxis. Nein, eben nicht, da braucht man sich nur die Tradition reaktionärer Karnevalsvereine anschauen, in die Dennis Scheck sich ungebrochen einreiht. Literaturkritik als Büttenrede. Und eine schlechte noch dazu.

Das müsste jedem Kulturjournalisten, der nicht wie die “Druckfrisch”-Redaktion und Herr Scheck mit Scheuklappen ignorant durch die Kulturwelt läuft, auch alles bekannt sein. Es wurde rund um die Inszenierung am Schlossparktheater nun wirklich genug Wissen bereit gestellt und großflächig informiert, welche deutschen Traditionen es gibt. Diesen Diskussionsstand nicht zur Kenntnis zu nehmen, das ist nicht zuletzt schlechter Journalismus. Da braucht man nur mal kurz zu googeln, und schon würde klar, dass diese beleidigende Verquatschheit, mit der Scheck sich des Themas annimmt, nichts anderes als eine Zementierung von Machtverhältnissen ist.

Das Vermitteln von Informationen über Ulrich Wildgruber hinaus, somit das Vetraute hinter sich zu lassen ist  ja gerade Sujet in der Kunst, die, wenn sie gut ist, der Macht das Werk entgegen setzt. Und die Anschlussfrage ist jene, welche Form denn angemessen sind, um das zu erreichen.

Denis Scheck, ganz machtbewusst, will solche Fragen offenkundig verbieten und zensieren, spricht er von “Sprachexorzismus” – große Literaten und Literaturkritiker weichen der Aufgabe nicht wie Scheck durch Sprücheklopfen aus, sondern suchen Wege, sich ihr zu stellen.

Es ist dieses die Weigerung, die Herausforderung anzunehmen, Kunst jenseits existenter gesellschaftlicher und somit auch institutioneller Ordnungen wirklich mutig und Neuland betretend zu denken und zu betreiben und somit eine Attacke Schecks auf das, was sie immer schon am Leben hielt.

Diese unglaubliche Feigheit derer, die sie gerade als mutig inszenieren, während sie Schwarze herab würdigen, zeigt sich auch in der mangelnden Reflektion auf die eigene Praxis und somit die institutionellen Ordnungen, in denen Kunst historisch wie gegenwärtig situiert ist.

Ein prägnantes Beispiel: In den 50er Jahren fuhren schwarze und weiße Musiker gemeinsam auf Jazz-Tournee. Dave Brubeck und Gary Mulligan saßen in Eisenbahnen in der ersten Klasse für die Weißen, Miles Davis und John Coltrane in der dritten für die Schwarzen. Die treibenden Kräfte für die Jazz-Entwicklung waren freilich die schwarzen Künstler. Da sie sich als Virtuosen ihres Fachs mit der Situation konfrontiert sahen, dass sie als schlecht bezahlte Kräfte, steter Herabwürdigung ausgesetzt, durchschlagen mussten, während Orchestermusiker in der Metropolitan-Oper meines Wissens ganz gut leben konnten. So setzten sie sich aus der Perspektive der Marginaliserten mit dem, was als “weiße Hochkultur” galt, auseinander. Miles Davis war einerseits genervt, im Konservatorium den ganzen “weißen Scheiß” gelehrt zu bekommen und warf zugleich älteren Kollegen wie Coleman Hawkins vor, sich nicht mit den Symphonien und Partituren der Großen auseinander zu setzen. Um diese übersteigend und kombiniert mit eigenem Material zu toppen. Aus diesem Zwiespalt entstand eine produktive Auseinandersetzung mit Debussy, Rachmnaninow einerseits und dem Blues, mit Count Basie, Charlie Parker und Duke Ellington, auch Folk andererseits. Dizzy Gilespie gab in seinen Augen zu sehr den Clown für Weiße, er selbst spielte lieber mit dem Rücken zum weißen Publikum, bot keine Show, auf dass die wirklich der Musik lauschten.

Das sind die sozialen Konstellation, in denen wirklich große Kunst entsteht. Im Übergang vom eher an Akkorden orientierten Improvisieren eines Charlie Parker zum “modalen System”, das sich eher an Skalen und Tonleitern nicht nur “westlicher” Zusammenhängen orientierte, wurde ein epochales Werk wie “Kind of Blue” geboren. Das kann man alles nachlesen bei Ashley Kahn, “Kind of Blue – Die Entstehung eines Meisterwerkes”, Berlin 2000 – und es ist anzunehmen, dass ein Denis Scheck davon auch irgendetwas mit bekommen haben wird, immerhin hat er meines Wissens in den USA studiert und auch als Übersetzer aus dem Amerikanischen gearbeitet.

Vielleicht ist ihm auch einfach der Schreck in die Glieder gefahren, dort erlebt zu haben, wie weiße Dominanz und weiße Deutungshoheit aufgrund der deutlich überlegenen Kreativität und Produktivität aus den Black Communities ins Wanken geriet. Und das mag ja der weiße Bildungsbürger gar nicht, wenn ihm nun ausgerechnet ein Schwarzer was über Kunst erzählt – und als Antwort bleibt doch nur die feige Häme, weil das Potenzial, sich damit wirklich auseinander zu setzen, offenkundig nicht gegeben ist. Seine jämmerliche Performance ist einfach Zeichen der Angst, sich eines Tages nicht mehr so problemlos als Oberschlaumeier im Fernsehen inszenieren zu können. Weil das eigene kulturelle Kapital zu karg ist angesichts eines erweiterten Horizonts der Möglichkeiten.

Und das Ganze in einem gesellschaftlichen Feld, dem Fernsehen, wo redigiert und unterdrückt wird wie sonst nirgends. Ach, doch, in Großverlagen. Möchte den freien Autor sehen, der Herr diLorenzo “Zensur” vorwirft, wenn der Themen vor gibt und Texte redigiert.

Das ist geradezu lächerlich ist, dass nun in solchen Institutionen aktive Protagonisten sich als Vorkämpfer der Kunstfreiheit gebährden. Wo alles Avancierte wenn überhaupt in den Randbereichen von ARTE und 3Sat noch Raum findet und ansonsten eine sozialpädagogische Biederseeligkeit à la Tatort oder aber fortwährende Skandaliserungs- und Demütigungsorgie à la Dschungelcamp statt findet. Wo formatiert wird, bis alle kotzen und der Quotendruck die wirkungsvollste Art der Zensur darstellt wie auch der Fernsehrat, in dem unter anderem die Kirchen mit regieren. DA findet Einwirkung auf Produkte der Kulturindustrie statt, großkotzig, zynisch und zensierend. Es kann ja mal wer versuchen, dem HR Kunst zu verkaufen. Das Gelächter und Gelästere, das als Antwort aufbricht, wird sich kaum wer antun wollen.

Die institutionelle Ordnung halt, die Parade-Bildungsbürger wie Denis Scheck (oder mich, aber bitte nicht zu schwul) hochspült, den Marginalierten aber den Zugang versperrt – siehe Miles Davis – und zudem historisch auch noch im Kolonialismus gründet.

Ein gutes Beispiel ist die Familie Laeisz, die die Hamburger Musikhalle stiftete. Einer dieser Orte, wo sich Weiße die vermeindliche Überlegenheit ihrer “Kultur” wechselseitig vorführen. Diese Sippe  ist reich geworden mit dem Salpeterhandel, vornehmlich mit Chile. Was rund um die heute im Netz verklärten “Salpterfahrten”, die letzten Segler, vor Ort im postkolonialen Chile abspielte, das kann man hier nach lesen (unbedingt ganz):

“Die Salpeterarbeiter waren nach Iquique gekommen, um ihren Forderungen nach 
Gehaltserhoehung, menschenwuerdiger Behandlung und Gewaehrung einer 
Mittagspause Gewicht zu verleihen. Mit dem ,,Hungermarsch der 
Salpeterarbeiter” aus den Salpeterminen nach Iquique waren die Streikenden 
dem Ruf der Behoerden, die sie nach der Hafenstadt zitiert hatten, gefolgt. 
In Iquique erwarteten sie Heerestruppen und Marineeinheiten. Das Erdreich 
des geraeumigen Innenhofes der Schule Santa Maria war vom Blut der 
Massakrierten so sehr getraenkt, dass nichts darauf wachsen wollte. Erst 
nachdem das Erdreich einen halben Meter tief abgetragen und durch frische 
Erde ersetzt worden war, konnten Gras, Blumen und Unkraut wieder gedeihen. 
Die Salpetermagnaten britischer und chilenischer Provenienz luden den 
Praesidenten der Republik, Pedro Montt, nach der,,Niederschlagung” des 
Streiks zur Besichtigung der Salpeterminen und zu rauschenden Banketten ein.”

Damit wurde in Hamburg Kunst finanziert.

Herr Scheck könnte all das wissen, und die Druckfrisch-Redaktion auch. Aber sie sind zu borniert, zu ignorant und zu faul, sich mit Kunst mal ernsthaft auseinander zu setzen, und verteidigen stattdessen lieber mit Inszenierungen ganz in der Tradition des Präfaschismus – Belege finden sich dem oben erwähnten Ausstellungskatolog zuhauf, aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts – N-Worte in Kinderbüchern. So bewirken sie den Tod der Kunst.

PS: Eigentlich geht es im Hintergrund um eine unter Weißen intensiv seit dem späten 19. Jahrhundert, zugleich der Hochzeit des Kolonialismus wie auch der An- und Enteignung von Kunstformen der Kolonisierten in der bildenden Kunst (“Les Fauves”, die Masken in Picassos “Demoiselles d’Avignon”), geführte Diskussion, nämlich jene um die Autonomie des Kunstwerks insbesondere von dem, was unter Moral verstanden wurde.

Das ist eine natürlich hoch spannende Diskussion, die durch solche platten Interventionen wie jener Dennis Schecks aber gerade unterbunden wird. Weil der Focus rassistisch, im Sinne der White Supremacy, verschoben wird und somit in den Raum sozialer Kämpfe um Dominanz. Das eingehender zu diskutieren erfordert freilich noch viele, andere Texte.

Zurück auf die Schulbank, Herr Kasten!

Eigentlich ist ja ermüdend, aber das gehört ja zum Spiel, dass DIE die Themen vorgeben, auf die man dann in ständiger Abwehrbereitschaft reagiert – außerdem ist es erstaunlich, wer in Deutschland so alles eine Professur erhält. Ebenso dass, trotzdem allseits der beeindruckende und großartige Brief einer 9-jährigen allerorten kursiert, DIE ZEIT nicht müde wird, alternde weiße Männer zu befragen, was es denn nun mit dem N-Wort auf sich habe.

Herr Professor Kasten konfektioniert und manipuliert aktuell auf der Internetpräsenz dieser nicht mehr kaufbaren weißnationalen Propaganda-Postille außerordentlich fantasielos vor sich hin. Auf die Idee, dass es auch PoC-Kinder geben könnte, kommt er gar nicht, nein, stattdessen predigt er Exotismus für weiße Kinder (Achtung. Trigger-Warnung, N-Wort wie gerade überall in Deutschland in dem Interview):

“Kinder lechzen nach Andersartigkeit, das ist Futter für ihre Fantasie. Je weniger die Personen und Szenarien mit ihrem Alltag zu tun haben, umso intensiver setzen sie sich damit auseinander. Das liegt am Orientierungsreflex: Kinder richten ihre Aufmerksamkeit auf alles, was sie nicht kennen.”

Soll man da jetzt schlucken oder lachen? Bei meinem heutigen Weg in den Park mit Hund am Schulhof vorbei fragte mich eine Gruppe von Mädchen, PoC und weiß, ob sie mir etwas vorsingen dürften. Hörte sich gut an, und, wie das so ist beim Einüben in diese Welt, wollten sie danach eine Spende haben.

Und die kriegen per Kinderbuch das Evergreen geliefert “Einer von diesen Menschen ist nicht wie die anderen”, was als Gewaltakt einbricht in ein trautes und offenkundig einvernehmliches Miteinander.

Die standen da nämlich ganz einträchtig nebeneinander, anders als vermutlich im Walddörfer-Gymnasium oder in Othmarschener Schulen, und man kann sich sicher sein, dass da auch “Chinesen” auf dem selben Schulhof herum liefen. Was sollen denn solche Aussagen bitte bei einer Diskussion über das N-Wort? Natürlich sind Fantasiereiche toll. Aber wenn sie nur der Stabilisierung eh schon quälender Stereotype dienen bestimmt nicht pädagogisch wertvoll.

Würde Herr Kasten sein Fach adäquat vertreten, hätte er sich vielleicht mal mit der Psychologe der exotisierten “Chinesen” beschäftigt. Und mit jener der großartigen, 9-jährigen Briefschreiberin. Aber in Deutschland lehrt man wohl Psychologie exklusiv für Weiße und kennt auch nur deren Erleben.

Vielleicht beschäftigt er sich ja auch mal damit, dass es von außerordentlicher Fantasielosigkeit zeugt, dass in Märchen nie zwei Prinzessinnen happy ever after leben? Die Überschrift ist einfach grotesk angesichts dessen, was der redet. Das ist eine brutale Normierung, die in Kinderbüchern oft vorgenommen wird. So ein schwuler Harry Potter hätte mir das Leben tatsächlich erleichtert.

Er kommt auch gar nicht auf die Idee, dass es sich um Freiheitsberaubung handelt, wenn man mit N-Worten oder ähnlichem Vokabular hantiert, und dass die Erfahrungen einer großen Gruppe möglicher Leser weg zensiert werden. Während er ja von DIE ZEIT befragt wird. Wie wortreich die vermeintlich Zensierten gerade auf allen Kanälen quatschen – hätten sie recht, säßen sie im Knast. Oder würden zumindest nicht von unappetitlichen Gazetten wie DIE ZEIT befragt, wo es immer häufiger braun müffelt.

Freiheitsberaubung, weil der ganz alltägliche Flow des Lebens, Erfahrens, Fühlens von Menschen brutal unterbrochen wird, wenn die diskretierende, entmenschlichende Bemerkung fällt. Weil die Stigmatistierung einschränkt, lähmt, wütend und verzweifelt macht, verletzt und beleidigt und dadurch Handlungsfreiheit einschränkt.

Eine Freundin sprach treffend vom “Überschreiben von Erfahrung” – das ist so, als würde man (fiel mir eben ein, als ich den Text eines befreundeten Bloggers kommentierte) – ständig in die Küche der Nachbarn platzen und denen einen anderen Radiosender einstellen, aus dem sie beschimpft werden. Es gibt Tage, da schalte ich den Fernseher deshalb nicht ein, weil ich das ewige “Schwanzlutscher” und “Schwuchtel” insbesondere in US-Produktionen ausnahmsweise mal NICHT hören will. Achtet mal drauf. Ständig.

Nun also der groß angelegte Kultur-Kampf, dass man möglichst auch da wieder fortwährend dasN-Wort höre, wo die meisten Journalisten noch nicht mal geschnallt haben, dass “farbig” auch völlig daneben ist.

Mit Psychologen-Expertise.

Vielleicht sollte Herr Kasten seine Professur lieber an eine PoC-Vertreterin abgeben?

 

Edith: Viel besser als mein Text ist dieser hier: Mit den Kindern reden. Das meinte ich.

Mal kurz was zu “Zensur”

Es sei einfach mal ein nicht unbedeutendes Beispiel genannt:

“Mit der Rheinischen Zeitung hatten es die Zensoren besonders schwer, denn deren Journalisten waren sprachlich und juristisch sehr geschickt, ihre Botschaft in scheinbar harmlosen Texten zu verstecken. Die Leser waren wegen der strengen Zensur gewohnt, zwischen den Zeilen zu lesen. Manchmal fiel der gesamte Inlandteil der Zensur zum Opfer. So stand der “Französische Artikel” (der Anfang des Auslandteils) an erster Stelle und es musste zu einem Druck mit größerem Zeilenabstand gegriffen werden. Das behagte der Regierung nicht immer, weil die Gewalt der Zensur auch nicht zu offensichtlich sein durfte. Der Zensor Saint-Paul, der während der letzten zwei Monate für die Rheinische Zeitung zuständig war, praktizierte nach eigenen Angaben eine besondere Art der Zensur: Damit sich die Zeitung selber unbeliebt machen würde, verschonte er wissenschaftlich komplizierte Abhandlungen und Kritik an den Katholiken und an anderen Zeitungen von seiner Zensur.”

Es ließen sich andere “Vorgänge” aus dem Stalinismus, der DDR, südamerikanischen Diktaturen oder der McCarthy-Ära nennen. Pointe ist: Es gab da Staaten oder staatenähnliche Gebilde, die Menschen in den Gulag verfrachteten oder in Bautzen einsperrten, die sie folterten, unter Hausarrest stellten oder ausbürgerten. Die mit eindeutigen und nachhaltig wirksamen Zwangsbefugnissen ausgestattet Menschen zerstörten. Oder sie erst gar nicht leben ließen, was sie wollten: Die CDU weigert sich bis heute, die Opfer des §175 zu rehabilitieren. Der allseits gefeierte Papst war Chef der Inquisition. Mal davon gehört, was deren Historie war? Spanische Stiefel und so? Der hat auch die lateinamerikanische Befreiungstheologie platt gemacht.

In der DDR gab es beispielsweise die “Grünen Elefanten” – man baute z.B. in einen Songtext eine auffällig kritische Passage ein, um eine andere, nicht ganz so auffällige vielleicht durchzubekommen.

Jeder, der in den Medien arbeitet oder im universitären Kontext lehrt und veröffentlicht, weiß um die weichen Formen dessen, um sich ernähren zu können, weil man ja arbeiten gehen muss.Und weiß, dass man keine Aufträge bekommt oder nicht den Lehrauftrag, fügt man sich nicht in weiße, heterosexuelle und männliche Üblichkeiten und zudem noch denen einer Rationalität, die verdinglicht. Das ganze Fernsehprogramm folgt der Maxime “Möglichst keine Schwulen am Nachmittag, und PoC kommen wenn überhaupt nur zu Worte, wenn ein weißer Experte sie flankiert – es sei denn, sie reden über Musik oder kritisieren den Islam”.

Es ist in der bundesrepublikanischen Geschichtsschreibung auch unüblich, das KPD-Verbot in den 50ern unter “Zensur” zu verbuchen, die Berufsverbotspraktik der 70er Jahre oder den Fall Brückner.

Nun wären mir keine persönlichen Konsequenzen für Astrid Lindgren oder Ottfried Preussler bekannt, die von der “Gedankenpolizei” gegen sie ausgingen (Achtung, der verlinkte Text enthält ausgeschriebene N- und Z-Wörter, ist aber ansonsten derart köstlich und treffend, dass man ihn zitieren MUSS:)

“Gedankenpolizei: Sagenumwobener geheimer Arm der →Sprachpolizei. Obwohl noch nie gesehen und obwohl es unklar ist, wie sie operiert, gibt es keine Zweifel an deren Existenz. Einige vermuten, dass sich dieser Spezialtrupp erst in Ausbildung befindet und in der →Zukunft zum Einsatz kommen soll.”

“Sprachhygiene”, “Ende der Literatur”: Die Slogans sind ja gewaltig, die als Angstlustschrei aus weißen wie auch Kanack-Attack-Kehlen dringen.

Dabei ist der Unterschied zu denen, die mit “Grünen Elefanten” arbeiteten, doch offenkundig: Letztere wandten sich gegen tatsächlich Mächtige. Während das so unendlich Unangenehme bei den ganzen Leuten, die Rassismus für Kunst halten und ihn gar ganz unverblümt einfordern ist, dass sie sich einfach nur an die eh schon Herrschenden ran wanzen, so unter sich.

Eben an das weiße, heterosexuelle, männliche Dominanzschema, das im Literaturbetrieb, an Universitäten, in Massenmedien sowieso regiert.

Es ist ein so maßlos billiger Trick, nun ständig die Übermacht und Reglementierungsbefugnis von Leuten herbei zu imaginieren, die abgeschoben werden und Racial Profiling ausgesetzt sind, die keine Chance auf bestimmte Jobs haben, die außer Alice Schwarzer so gut wie gar nicht auftauchen, aber als “Feminazis” angeblich ein Horror-Regime wie jenes der chinesischen Kulturrevolution etabliert haben. Oder die von der größten Regierungspartei fortwährend verfassungswidrig Rechte aberkannt bekommen. Das eint Schwule, Lesben und Hartz IV-Empfänger. Jene im Abschiebeknast oder die, die im Mittelmeer ertrinken, trifft es am härtesten.

Das ist alles so Mario Barth: In Deutschland lacht man ja nicht über Satire. Die reibt sich nämlich an denen, die was zu bestimmen und verfügen haben. Nee, denen kriecht man in den Arsch und feiert sie auf dem Boulevard – bis sie ihre Macht schon verloren haben. Dann tritt man rein mit sadistischer Wucht und unverhohlener Frauenfeindlichkeit wie im Falle Bettina Wulffs..

Aber so genannte “Randgruppen” zu erniedrigen, fortwährend,  das gilt als wahnsinnig komisch, es lebe der Polenwitz, was war der Schmidt doch sophisticated, HARHARHAR – und das Ganze noch als Menschenrecht zu behaupten ist die bittere Pointe. Um es noch mit diesen typisch deutschen Sprüchen “Jede Minderheit hat ein Recht darauf, dass man sich über sie lustig macht”, zu garnieren. Sehr witzig. Mach Dich mal über die Mehrheit lustig und warte ab, was dann passiert …

Und dann liest man prototypisch bei Facebook, dass mit dieser “Sprachpolizei” zu kommunizieren ja sei, wie mit Nazis zu reden.

Ein wenig historische Aufklärung: Die realen Nazis zwangssterilsierten die so genannten “Rheinlandbastarde” unter lustvoller Verwendung des N-Wortes, ergänzt durch “Rassenschande”. Das ist der Sprachgebrauch der KZ-Wärter, der hier zur Disposition steht. “Die schwarze Schmach” war allerdings auch ein Slogan in den 20er Jahren.

Zensur? Breiten Bevölkerungsschichten war es verwehrt, ihre eigene Sprache zu sprechen – die Kolonisatoren verboten es ihnen. Die Nachfahren der Maya sind drum begeistert dabei, sie nun wiederzuentdecken. Cassius Clay nannte sich Muhammed Ali, weil er keinen Sklavennamen tragen wollte. Sklaven, denen es lange Zeit tatsächlich verboten war – die Strafen waren keine minimalen Änderungen in einem Buch, sondern weit drastischere, auf den Plantagen Schimmelmanns, nur einer von vielen dergleichen, denen Hamburg seinen Wohlstand verdankt, wurde Flüchtigen kurzerhand das Bein abgehackt – ZU SCHREIBEN. Selbst, ob man die mittels N… Verunglimpften überhaupt lesen lassen sollte, war hochumstritten.

Und da krakelen irgendwelche Kartoffeln von ZENSUR? Ihr habt sie doch nicht alle beisammen.

Es gab ja durchaus durchgängig scheiternde Versuche, ähnlich wie im Falle von “schwul” eine Positivumwertung des N-Wortes vorzunehmen. Mal ab davon, dass man nur auf Schulhöfe zu lauschen braucht, wie nachhaltig dieser Versuch im Falle von “schwul” wirkte – was für Protagonisten das waren, das kann man hier nach lesen. Der Unterschied ums Ganze ist halt, dass von den Rassismus Betroffenen SELBST diese Versuche unternommen wurden und das Wort einen fundamentalen Bedeutungswandel erfährt, je nachdem, von wem es verwendet wird, von einem Markierten oder einem Unmarkierten. Begriffe, für es kein Äquivalent mit ähnlicher Konnotation für das jeweilige Gegenstück – “weiß” -gibt, sind immer, mal harmlos geschrieben, “Othering”. Die Abweichung von der machtvollen Norm wird bennant. Es gibt keine Äquivalente für “Schwuchtel”, auf Heterosexuelle bezogen, im allgemeinen Sprachgebrauch. Habe noch keine 15jährigen auf der Straße “Scheißhete” schimpfen hören. Die sagen “F …”. Oder “Schwuchtel”.

Und der Unterschied ist zudem der, dass z.B. die Auseinandersetzung Frantz Fanons mit dem Thema hier eben NICHT jedem 14-jährigen in die Hände gedrückt wird, der zuvor “Die kleine Hexe” vorgelesen bekam. Dessen “Schwarze Haut, weiße Masken” wird noch nicht mal mehr auf deutsch verlegt, dabei erzählt schon der Titel eine wichtigere Geschichte als all die Traktate im Feuilleton derzeit. Es wird wieder annähernd durchgängig unter Weißen gequatscht oder aber deren Perspektive eingenommen. KEIN Rekurs auf eine nun auch seit der Harlem-Renaissance und “Dekolonisierung” höchst vitalen Tradition. Kennt hier jemand James Baldwin? Wegen Westbindung und so?

Um all die PoC, die was zu dem Thema zu sagen haben, wegzuzensieren. Die lässt man nämlich keine Leitartikel schreiben. Die müssen ihr Geld anders verdienen, und wenn sie Glück haben, dürfen sie eine Pop-Show moderieren.

Manche – “wo kämen wir denn da hin?” – kommen immer mit dem “dann kann man ja gar nichts mehr sagen” um die Ecke, wenn sie z.B. von “Hirnamputierten” schreiben und man darauf verweist. Der ganze Ableismus in der Sprache ist ja auch wenig diskutiert, und Hirnamputationen nahm man an Schwulen vor, die wurden nämlich lobotomiert.

Kann ja vielleicht gar nicht schaden, das mal fest zu stellen, in was für einer Welt man sich bewegt und vorübergehend zu verstummen. Sprache ist eben nicht neutral, in ihr bilden sich gesellschaftliche Verhältnisse ab – Hierarchien, Machtkonfigurationen, Abwertungen. Auch wenn viele das nicht wahr haben wollen.

Gute Literatur bricht und reflektiert das, macht es zum Thema. Da fängt sie an. Da hört sie nicht etwa auf.

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