Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Alltagsfreuden

Momo on the radio: Tales of St. Pauli – Neues aus dem Metalustversum, August-Ausgabe. Mo, 11.8., 14 h, FSK Hamburg

Morgen um 14 h ist es wieder so weit – meine Stimme dringt, von viel besserer Musik umgarnt, aus den Boxen der Radios und Computer derer, die sie hören wollen. Wie immer beim Freien Sender-Kombinat!

Eine weitere Ausgabe voller Versprecher, Wort- und Silben-Verschlucker und -Doppler bis Verdreifachungen, Flüchtigkeitsfehler (das “Gefahrengebiet” verlagere ich vom Winter in den Herbst, zum Beispiel)  rund um Themen, die auch in der Fanszene des FC St. Pauli diskutiert werden. Ich mühe mich, diese akustisch zu verschwulen und musikalisch White Supremacy auszutreiben mit Hilfe von House- und Black-Music und deren Verwandten.

Morgen wende ich mich unter anderem noch einmal kritisch der Ausstellung “Fuck you, Freudenhaus” von 1910 e.V. zu und behandele zudem das Dauerthema Appropriation und die Gegenwehr von Joshua Redman und José James. Ich diskutiere wie immer und unaufhörlich, so lange, bis sich etwas ändert, wer spricht und wer nicht im Widerstand – zudem führe ich aus, wieso das Wirken von Roland Vrabec, (Noch-)Trainer des FC St. Pauli, so ganz und gar nichts mit den Tipps und Regeln zu tun hat, die Ratgeber für Krimi- und Thriller-Autoren formulieren. Um final George Lee Moore, den Philosophie-Professor mit der Gitarre aus Brooklyn, dem Massenpublikum vorzuspielen.

Wie üblich hier die Tracklist, da ich nur teilweise die Titel ansage – es geht auf jeden Fall sehr liebevoll zu dieses Mal:

 

Georgette Dee – Fürstin der Nacht (Auszug) – aus dem Musical “Beiß mich, ich will das Leben spüren”, Schmidt’s Tivoli 1992/1993

Donna Summer – On The Radio (Erkennungsmelodie)

Artenvielfalt & The Project – I’m Done (Marlon Hoffstedt & HRRSN Remix)
Hildegard Knef – Und wenn ich wage, Dich zu lieben (Markus Guentner-Remix)
Feed me & Crystal Fighters – Love Is all I Got (Larse Remix)
Bebel Gilberto – August Day Song
Boy George – Love’s Gonna Let You Down (Popcorn Mix)
CeCe Peniston – Finally
Patrick Wolf – The Sun Is Often Out
Ella Fitzgerald & Miguel Migs – Slap That Bass (Miguel Migs Petaplusher Remix)
Y’akoto – Forget
Joshua Redman – The Ocean
José James – Angel
José James – While You Were Sleeping
Gene Ammons – Jungle Strut
Nuclear Family – Rise
George Lee Moore – Niobe
Georgette Dee –  Fürstin der Nacht (Auszug 2)
Viel Spaß beim Hören, wer auch immer das mag und will!

Facebook meiden zu Zeiten der WM

Finger verkrampfen. Schweiß bricht aus.

Die “Black Satin”-Westerngitarre, ich nenne sie “Angel”: Zu eng liegen die Saiten beieinander auf dem Hals. Ist nichts für Tenorsaxophonistenanwärterfinger. Auch nicht für Baritonsaxophonanfänger. Obgleich dessen heiseres Röcheln, das zu dreckigem Röhren fernab jenes des Hirschen über dem Sofa sich steigern kann, auch seinen gebrochenen Charme verstöhnt. Selbst, wenn ich es spiele.

Meine Bari hat so einen hellgoldenen Look wie James Last-Orchester-Instrumente einst. Ich nenne es deshalb James, und er klingt manchmal ein wenig wie Raucherhusten. So ein “Es nicht lassen können”, weil es doch so schön ist. Lasterhaft. Schön.

Hilft mir auf Angel, der Westerngitarre, wenig.

Als ich einst bei einem Stadtmagazin Praktikum machte, fehlten noch Kontaktanzeigen, um die Seite füllen zu können. Die Terminredakteurin, mir gegenüber sitzend, ehemals Bassistin bei einer gar nicht so unbekannten Deutschpunkband, gab aus Spaß ein Inserat auf, dass ihr zum Bild des röhrenden Hirsches über dem Sofa noch das männlich-reale Äquivalent im Bett fehle. Das suche sie nun. Hunderte Zuschriften. Fast Wäschekörbe voll.

Ihr schlechtes Gewissen wuchs, als sie die teils erschütternd ehrlichen Zuschriften las. Ich lernte mehr über deutsche Hetero-Männer, als ich wollte.

Musste nun noch in einer Geschäftsauflösung

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Toll! Fatjazz, Dienstags im Golem – mit Gabriel Coburger, Klaus Heidenreich und Co

Es tropfte. Von meiner Mütze. Freundlicher Empfang, Smalltalk über’s feuchte Wetter. Wenn man so mit Hatteras (ist das eigentlich ein Plural?) auf dem Kopf im schwarzen Trenchcoat durch den Regen läuft, auf dem vernieselten Kopfsteinpflaster sich die Lichter der Leuchtreklame spiegeln so, dass es wie ein B-Movie aus den 60ern wirkt, in dem, pirscht sich der Detektiv durch ein verranztes Treppenhaus in finsteren Vierteln, mit Sicherheit ein einsames Saxophon aus dem Verborgenen sehnt und tönt, ist das ja eh schon jazzy. Auch, wenn im  Club, den man betritt, eine wirklich ungewöhnliche Mischung von Grau-und Weißhaarigen, neben denen selbst ich mich richtig jung fühle – einer teilte mit mir später die gesalzenen Mandeln, ich meine, er hätte einen französischen Akzent gehabt – und jüngeren Club-Gängern sich versammelt und Rotwein gleichberechtigt mit Bieren auf den Tischen verteilt steht, dann sucht das Besondere sich den Weg zum Gehör, ist als noch unerklungener Sound in Posaune, Trompete, Sax und Bajan schon längst da und wartet nur darauf, manifestiert zu werden.

Hochschul- und NDR-Big Band-Jazz im GOLEM, und ich muss den Machern dieses Clubs am Fischmarkt mal meine Verehrung bekunden. Das Programm, das die da bieten, ist ja so, als hätte ich es herbei gebloggt. Zwei Mal war ich nun bei der Sonntagsabendsveranstaltung, DIE UNTÜCHTIGEN – und war auch der Vortrag zu Homophobie und Fussball zwiespältig und das Interview mit Bruce LaBruce nur halbgar geführt, weil ohne Dramaturgie Recherche abhakend, das ist ja grandios, solche Themen in diesem Zwischenreich von linker Szene und Clubkultur zu bringen. Da wird wirklich liebevoll gesucht und ausgewählt, mit tollen und originellen Ankündigungstexten gearbeitet, Veranstaltungen zu Theorie und Praxis, zu jüdischem Humor, zu allerlei Grenzgängertum auf die kleine Bühne gebracht.

Und Dienstags ist in der FATJAZZ-Reihe der seit der Birdland-Schließung heimatlose Jazz zu hören. Jazz im verrauchten (!!!) Club am Hafen. Toll. Ich liebe Hamburg.

Gestern ging es hochkarätig, wenn auch recht akademisch zu; Klaus Heidenreich, Posaunist der NDR-Big-Band, trat ohne Sandra Tempel mit ziemlich coolem Gitarristen auf, stilecht trug er Karo-Hemd, Hipsterbrille und Wuschelfrisur. Posaune ist ja ein gar faszinierendes Instrument, wenn sie im Dunkeln raucht und hallt und dehnt, Flächen, fließende Übergänge  wie gebrochene Klänge schafft, durch die plötzlich das Grelle dringt, nicht so hoch und schrill wie das der Trompete, nicht so sanft wie das des Flügelhorns – mein Dritt-Favorit unter den Blasinstrumenten nach Saxophon und Bassklarinette. Heidenreich spielte Eigenkompositionen wie “b-minor-Blues” und auch Material von Thelonius Monk und Wayne Shorter und bewegte sich auf diesem schmalen Grad, da der Versuch, nun auch ja jenseits des Eingängigen zu operieren und dem, was gemeinhin unter Musik verstanden wird, in’s fast Hurzige à la Kerkeling umschlagen kann, und dem Erzeugen wirklich toller Klangbilder und Atmosphären. Bestimmt war das harmonisch wie auch in der Phrasierung und, ja, Arhythmik-Rhythmik Feinkost; mir kam es seltsamerweise teilweise fast eher am gesprochenen Wort orientiert vor, was aus der Posaune kam, erzählte wohl unter anderem von den eigenen Fähigkeiten und geschultem Publikum von Virtuosität. Aber in manchen Passagen war das vermutlich auch zu ausgeklügelt, als dass ich es musikalisch noch verstehen würde.

Anschließend betrat das sechsköpfige Gabriel Coburger-Quartett die Bühne, und nun wurde ganz auf Dramatik gesetzt: Weit nach vorne gebeugt wühlte Coburger, der Saxoponist, in den Tiefen musikalischen Ausdrucks und richtete sich erst gaaaaaanz langsam auf. Neben dem namensgebenden Bandleader war Claus Stötter an der Trompete Solist, ebenfalls NDR-Big Band und Professor an der Hochschule für Musik und Theater – und was der seinem Instrument entlockte, war zwar auch seines Effektes und Publikumsreaktionen sich sicher, aber ungeheuer spannend und virtuos.Der rockte den Club derartig, dass es schon mutig von Gabriel Coburger war, mit ihm auf die Bühne zu gehen.

Völlig kurios der Kontrast zwischen Mimik und Spielweise des Trompeters: In Ausdruck wie Fingerfertigkeit ging er auf ganz die Zwölf, sein Minenspiel jedoch von kontrollierter Skepsis und Vorsicht geprägt mit einem Hauch der Verachtung, leidenschaftslos den Raum beäugend, dass kurz ich mich fragte, wen er des nachts wohl noch zerstückeln wolle.

Coburger gab alles, sich zu behaupten, mit einer Sax-Spielweise, die ja nun auch schon Tradition hat und im wesentlichen davon lebt, das Instrument so zu spielen, dass aller Schmelz, die dunkle Wärme, das Aufsteigen aus dem Bauch, das Vibrato, ja, das Schöne, zu dem das Tenorsaxophon fähig ist, zugunsten des Gequetschten, Geröchelten, Gequälten in schnellen Fingerläufen auf und ab ausgetrieben wird, um auch ja jedes Kitsch-Klischee, alles Poppige zu vermeiden und bloß nicht wie die Porno-Saxe der 80er zu klingen. Demonstrativ auf höchster Intensitätsstufe, sich verausgabend im Quälen und technisch wie auch harmonisch bestimmt dolle. Ich finde das immer etwas schade, aber im Gesamtbild passte das schon, diese wirklich bis an die Schmerzgrenze grelle, virtuose Trompete und das irgendwie im Gebremsten, Abgewürgten, Angestrengten seinen Ausdruck findende Saxophon – zudem mit dem Bajan, einer osteuropäischen Knopfakkordeon-Variante, ein auch die Grenzen zum Geräusch aufhebendes, dann aber wieder in die Randbereiche des Folkorischen vordringende Atmosphäre wie ein locker gewebter Vorhang im Hintergrund anhebend und absteigend, sich ausbreitend und verschwindend einen recht faszinierenden Gesamtsound ermöglichte. Die langen Locken des Pianisten zeigten ans Vibraphon vorgerückt auch noch mal, was sie draufhaben – ein soundtrackartiger Klang ohne Bilder mit Blick auf den Fischmarkt und auch eine Rhythmik und Melodik mit Lust an der Dissonanz entfaltete sich und sog hypnotisch ein; wenn Trompete und Saxophon die rhythmisch komplexe, Modern Jazz-traditionalistische Komposition im Satz gemeinsam spielten, der ich folgen konnte, das gab schon ein Klangraumerlebnis, in das ich richtig hinein gehen konnte. Dramaturgisch war das alles spitze gebaut und hatte tatsächlich einen Hauch des Musiktheaters mit Ahnungen Wagnerischer Tiefen in einem musikalisch gänzlich anders situierten Kontext. Das gefiel mir. An der Querflöte brillierte Coburger auch noch; in ein leise beginnendes, vieltönig filigranes, flächiges Intro hinein verschluckte ich mich schrecklich und übertönte aus Versehen hustend. ‘tschuldigung.

Auffällig fand ich wieder die arg reduzierte Kommunikation zwischen den Musikern – die US-Jazzer reagieren viel offener auf des Spiel ihrer Mitmusikanten, freudvoller, lustbetonter, während die Hiesigen ein wenig wie in Prüfungssituationen zeigten, was sie können, fast stoisch ihr Instrument buchstäblich beherrschend. Lediglich Gabriel Coburger zeigte sich charmant errötend emotional angesichts des mal eben Weggeblasenwerdens durch Herrn Stötter, lebte im Durchschnaufen der “Geschafft! Bestanden!”-Erleichterung nach seinen Soli auf und brachte so jene Mitmenschlichkeit im Hier und Jetzt, die den Jazz im besten Falle auszeichnet, in Deutschland aber oft zugunsten des Akademischen verschwindet, doch noch mit auf die Bühne.

Ich schreibe deshalb so ausführlich, weil es so klasse ist, dass das Golem solche Abende veranstaltet, dieser Nischenkultur Raum verschafft und so ja tolle Erlebnisse ermöglicht.  “Im “Golem” erst ganz geilen Jazzern lauschen und danach am Hafenpanorama lang zu schlendern, das ist ja schon echt ein Luxusleben – schön!!!” twitterte ich nach dem Nachhausekommen. Ja, so war es! Mehr davon!

We will survive! (Schwulenhass im Fussball trifft “Queer as Folk”)

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(ACHTUNG: Text enthält lauter Spoiler im Bezug auf den “Queer as Folk”-Plot)

“Während es sogar in Männerbünden wie der katholischen Kirche und der Bundeswehr offen schwul lebende Männer gibt, findet sich im bezahlten Fußball immer noch keiner.”

Schreibt Martin Krauß in einer Ankündigung zu einer Veranstaltung im Golem. Ein Vortrag namens “Brutal normal – Schwulenhass im Fussball”.

Er hat einen meines Erachtens ganz guten Artikel im Freitag zu dem Thema verfasst. Warum ich den nicht verlinke, wird später deutlich. Obwohl ich das bei Facebook schon getan habe. Er arbeitet ganz gut heraus, wie die Kommerzialisierung des Fussballs zu einem Verschwinden offener, aber einer weiterhin präsenten, nur vornehmeren Homophobie geführt habe – während wieder andere wie die Titanic sich außerhalb des Diskurses wähnten und Schwulenwitze vermutlich herrlich “politisch unkorrekt” fänden. Weil es ja gar keine Diskriminierung mehr gäbe.

Das ist ja auch meine Rede von den vollends Aufgeklärten, die sich in irgendwelchen Post-Sphären vermuten, postrassistisch, postsexistisch und natürlich so ganz und gar nicht mehr homophob sich glauben – und die aus dieser Erkenntnis neue Legitimationen ableiten für dieses so typisch deutsche Gewitzel über die, die eh schon ein Lebtag lang rüde angegangen werden. Dann, wenn sie nicht bereit sind, mitzulachen und sich ins Schicksal der Witzfigur für alle Fälle zu begeben. Freiwild jener, die die Jobs für’s “Ernsthafte” und “Verantwortungsvolle” beackern. Die Geschichte und über Geschichte schreiben.

Auch jene sind zu erwähnen, die sich diese Herabwürdigungsalbernheiten abgewöhnt haben, aber frei von Emphatie unfähig sind, queere, PoC- und weibliche Perspektiven automatisch einzubeziehen, wenn sie Themen behandeln. Das liest sich wie ein ödes Mantra dieses Blogs, es macht aber einfach niemand.

Das zeigt schon der Einleitungstext zu der Veranstaltung gestern: Diese freiwillige Selbstentwürdigung, als schwuler Priester sich in einem Weltkonzern zu engagieren, dessen Führungskräfte jene segnen, die in afrikanischen Ländern die Todesstrafe für LGBT fordern – ist das vorbildlich? Dann noch dieses Stichwort Männerbund, das immer auftaucht, wenn linke Formen der Homophobie, von Wilhelm Reich und anderen beschwingt, sich die Bahn brechen.

Vorab schon: Das ist NICHT die Stoßrichtung des gestrigen Vortrages gewesen. Martin Krauß hat sich echt Mühe gegeben. Er arbeitet für die Konkret und für die Jüdische Allgemeine, lehrt Sportsoziologie und war vor allem bemüht, zweierlei aufzuzeigen: Die “zivilisatorische Kraft des fortschreitenden Kapitalismus” oder so ähnlich, dass in verbürgerlichten Zusammenhängen manch Derbheit schwindet, und die trotzdem nachzuweisende Fortexistenz der Homophobie im. fussballzusammenhang.

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Pittsburgh. Ich bin nachhaltig verblüfft, ja verstört fast, was diese Serie “Queer as Folk” mit mir macht. Storys, aus deren Alter ich raus bin – und natürlich trotzdem alte Wunden und Themen, die fort wirken.

Die Serie hat zwei lesbische Hauptfiguren und wird diesen definitiv nicht gerecht. Sie werden annähernd durchgängig auf Probleme rund um Mutterschaft und Karriere reduziert,

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“Eat the Meat”

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Beziehungslos in einem Raum im Schatten Eimsbütteler Hochhäuser sitzen. 2 fremde Männer checken mich ab. Was kann der? Ist der eine Gefahr, weil er etwas besser kann? Nervt er, weil er gar nichts kann? Männer mittleren Alters. Sie kommunizieren wenig. Ich bin ihnen zu laut, sie haben sich die leisen, filigranen Nuancen in die Finger trainiert. Ganz kultiviert. Ich will sprechen über das, was wir tun. “Willst Du etwa Feedback?”

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Pittsburgh. Queer as Folk, eine Fernsehserie aus den frühen Nuller-Jahren. (Achtung, Spoiler) Brian Kinney, Partner in einer Werbeagentur, kreiert die Kampagne für einen konservativen Polizeichef, der Bürgermeister werden will. Dieser plädiert für Moral, Sitte und Anstand. Will den “Sumpf” in der schwulen Szene “trocken legen”. Brians Freunde verstehen es nicht, dass er diesen Law & Order-Demagogen unterstützt. Brian jedoch träumt davon, die “großen Tiere” als Kunden zu gewinnen, die ihm eine Karriere in New York ermöglichen könnten. Sein Kumpel Ted, Betreiber einer Porno-Website, wird verhaftet – einer seiner Angestellten hat sich mit gefälschtem Ausweis eingeschlichen und ist minderjährig. Der Polizeichef möchte den Fall aufblähen, ein Exempel statuieren. Brian rät ab. Mehr von diesem Beitrag lesen

Danke, Dieter Hildebrandt!!! R.i.P. .

Es wurde ja wirklich vieles nicht besser. Im Westen zumindest.

Was heute gestorben ist, das ist auch eine der wortgewaltigsten und virtuosesten Stimmen der “alten Bundestepublik”. Das ist die Gefahr, wenn einem die Nachricht vom Tode eines großen Künstlers derart in den Magen rammt, dass man, also ich, kurz heult. Lese ich bei Twitter und Facebook, ging es wohl vielen so. Dass dann so ein blöder “Früher war alles besser”-Diskurs startet, das ist die Gefahr.War es manches aber.

Dass ein 86jähriger stirbt, das ist der Lauf der Dinge. Dass dieser 86ährige stirbt jedoch, das macht so überdeutlich, was schon länger einfach schmerzlich fehlt.

Ist zwar nicht so, dass es zu seinen Glanzzeiten nicht auch Fips Asmussen, Willy Millowitsch und andere Albernheiten gab. Schlimm ist, was dafür sorgte, dass solche wie er zunehmend marginalisiert wurden, Mario Barth stattdessen Stadien füllt und die Titanic fast nur noch als reaktionärer Herrenwitz über eh schon Diskrimierte funktioniert.

Dieter Hildebrandt stand auch dafür, die von den Nazis unterbrochene Tradition des Weimarer Kabaretts und der “Weltbühne” in “Kleiner Freiheit” und “Lach und Schießgesellschaft” irgendwie fortzusetzen mit anderen Mitteln. In der “Kleinen Freiheit” hat Hildebrandt angefangen, traf Menschen wie Erich Kästner, der der Verbrennung seiner eigenen Bücher beiwohnte und das “3. Reich” nur deshalb überlebt hatte, weil er in Unterhaltung machte und kein Jude war. Die “Kleine Freiheit” hieß das Kabarett, weil es die große Freiheit nach dem Krieg dann doch nicht geworden sei … da lebte fort, freilich “ideologisch” stark entschärft, die Tradition eines Erich Mühsam, eines Walter Mehring, eines Kurt Tocholsky, eben jener “verbrannten Dichter”, die heute kaum noch wer kennt, um sich ganz Thomas Mann und Ernst Jünger hinzugeben. Auf dem Theaterschiff von Heiko Schlesselmann wird sie zum Glück gepflegt.

Hildebrandt hat nicht im Chanson- oder Gedichte-Fach geglänzt und doch eine derart ausgefeilte Performance-Prosa auf die Bühne gebracht, dass ihn manch einer heute vermutlich gar nicht mehr verstehen würde. Bei Scheibenwischer-Sendungen gab es, so hörte es sich an, offenkundig eine Art Wettbewerb im Publikum, möglichst laut einverstanden lachen als der, der die Pointe zuerst verstanden hat. Nach manchem wohl versteckten Florettstich oder raffinierten Aufwärtshaken war oft ein, zwei Sekunden Stille, bevor die Pointe sich erschloss. Das würde öffentlich-rechtlichen Redakteuren heute die nackte Panik in die Knochen treiben.

Das geschah jedoch auch damals: Hildebrandt wurde, las ich soeben, während des Wahlkampfes 1980 von der Mattscheibe verbannt. Das war jener, da Franz-Josef Strauß für die Kanzlerschaft kandidierte. Wir trugen Aufkleber mit “Ich bin eine Ratte”, da Strauß politische Gegner als “Ratten und Schmeißfliegen” zu beschimpfen pflegte. Auch Bonmots wie “Lieber ein kalter Krieger als ein warmer Bruder” seinerseits haben sich mir eingeprägt.

Hildebrandt beherrschte die Kunst, solche wie Strauss bis kurz vor der Demütigung zu sezieren. Kanonaden von Wortwitz und in Stammeln verborgene Schärfe und vor allem auch profunde Recherche und breites Wissen zerlegten den, über den gewitzelt wurde, in eine Art Ragout der Lächerlichkeit. Das war nicht liebevoll, aber es saß. Während heute als Satire verkauft und verteidigt wird, jedes noch so diffamierende Klischee über Minderheiten und eh schon Deklassierte aufzuwärmen, bis es verbrannt stinkt, hat Hildebrandt sich noch mit den tatsächlich Mächtigen angelegt. In einer Zeit wohlgemerkt, da es nur 3 Programme gab und Aufmerksamkeit leichter zu erzielen war. Hildebrandts Pointen nach der “Wende” 1982 gegen das “Genschern”, Wendungen um 180 Grad, waren für meine politische Sozialisation vorbildlicher als die Politik von Helmut Schmidt, der damals gestürzt wurde. Hildebrandt ist ein Stück eigener, politischer Biographie wie sonst kaum einer. Nicht nur für mich, für viele.

Aber Helmut Kohl hat natürlich nicht nur Schmidt und Strauss, sondern auch Hildebrandt besiegt, als er mit politischen Freunden das Privatfernsehen aus der Taufe hob. Was Lederhosen-Pornos und “Volks”theater nicht gelang, das schafften später wohl unfreiwillig Wiegald Boning und Olli Dittrich.

Da war was los m deutschen Feuilleton! “Die Doofen” und “RTL-Samstag-Nacht-Show” gegen vermeintliche Belehrung, die doch nur Aufklärung war. Im Siegestaumel über diese vermeintlich didaktische Linke herfallend, schruben Schmierfinken das klassische, politisch-lietrarische Kabarett nieder und vollzogen erneut mit harmloseren Mitteln, was schon der Bücherverbrennung gelungen war. Fast wiedergängerisch entlud sich der Konflikt noch einmal in einer ZDF-Sendung namens “Unsere Besten” in den Nuller-Jahren, da ausgerechnet “Palim-Palim”-Didi-Hallervorden über nun allerdings zurecht Oliver Pocher her fiel und diesen Streit “Comedy” versus “Kabarett” noch einmal aufwärmte. Meines Wissens war Hildebrandt selbst das zu doof, diese Auseinandersetzung überhaupt zu führen.

And the winners are: Mario Barth und Harald Schmidt. Über ersteren braucht man kein Wort zu verlieren; der Thomas Bernhard-Schüler Schmidt führte hingegen sie wieder ein, die Minderheitenwitze. Zuerst gegen die Polen. Er, der sich so auf David Letterman bezog und auf den sich dann ihrerseits all die noch nicht mal Zyniker wie Stuckrad-Barre beriefen, über den sich noch jene entlasteten, die es besser wussten, schillert heute mit zwischen den Zeilen. Gefaket diabolisch.

Dabei ist erstaunlich, schaut man sich heute alte Scheibenwischer-Sendungen an, wie stark manches an US-Stand Up-Comedy erinnert.

In den 90ern wurde halt aus House und Techno Ballermann, aus Politik Pop und aus der Bundes- die “Berliner Republik” samt ihrer schmierigen Hauptstadt-Journaille und den allseits regierenden, überangepassten Kohl-Kindern und ihrer selbstgefälligen Technokratie.

Eine “Scheibenwischer”-Sendung hat sich mir nicht zufällig besonders eingebrannt. Da sang Konstantin Wecker “Renn lieber renn”, es muss um 1985 gewesen sein. Das war das Jahr, da mit Richard von Weiszäcker erstmals, 40 Jahre nach Kriegsende, ein hochrangiger Politiker überhaupt erwähnte, dass auch Homosexuelle im “3. Reich” verfolgt wurden. Joachim Gauck würde es bestimmt schaffen, irgendeinen Diskurs zu begründen, dass gerade WEIL es das “3. Reich” gegeben habe, man nicht widerstandslos Homosexuellen einfach so Rechte zugestehen könne (obwohl der, glaube ich, gar nichts gegen uns hat, aber wenn Merkel ihn freundlich bittet und es irgendwie gelingt, es mit einer Totalitarismus-Theorie zu verbinden, die die “Mitte” rein wäscht, wird er das schon ändern).

Habe in den Wecker-Song eben noch mal rein gehört und dachte nun selbst schon “Oje, nach all den Jahren bestimmt schlimm”. Fand ich aber gar nicht. Das ist schon der Versuch der Einfühlung statt der “Toleranz”. Damals, als ich noch zu Schule ging, war es befreiend, das zu hören. Ungemein befreiend. Dieser Welt gab Hildebrandt eine Bühne.

Ich glaube, dass da der Grund für die ja allseits fühlbare Erschütterung angesichts des Todes von Dieter Hildebrandt verborgen liegt.

Dieses Wissen noch bei all denen, die es vollbrachten, dass für das komplette Plattmachen der alten BRD-Linken ein verdammt hoher Preis zu zahlen war.

Weil da auch nicht alles nur schlecht war.

Wenn ein Gigant wie Dieter Hildebrandt stirbt, dann fällt das plötzlich wieder auf.

Lieber an das denken, was ich will: FC St. Pauli – FSV Frankfurt 2:1

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Burnout-Kandidaten empfehlen jene, die sich damit auskennen, vor allem eine Übung: Konzentriere Dich nicht immer auf das, was Du nicht willst, nicht magst, nicht wünscht. Richte Dein Augenmerk ganz auf das, was Du willst und begehrst, was Du gut findest und gerne erführest.

Die Gefahr ist offenkundig: Überbordende Erwartungen, die in Frustration über Ist-Zustände umkippen. Realitätsverlust. Unkritisches Verhalten gar.

Umgekehrt tut es wirklich gut, sich auch dann, wenn irgendwas gerade nicht schön ist, sich vorzustellen, was man stattdessen gerne erleben würde. Eine Gesellschaft ohne Rassismus, Sexismus und Homophobie – wow!, wie die wohl aussehen würde? Eine ganz ohne aufgeblasene Egos, stattdessen vernetzt in Kooperation, Kommunikation, Solidarität, Mitgefühl, dem Wunsch, voneinander zu lernen – ich komme ins Schwärmen …

Und auf wundersame Weise könnte man manches davon sogar in sein Leben ziehen … und immer dann, wenn Unangenehmes widerfährt oder Handlungen dazu nötigen, vollzogen zu werden, einfach eine angenehme Erfahrung und das, was Spaß macht und gut tut, sich und Anderen, anschließend von ganzem Herzen gönnen.

Politisch sind die Systemgewalten eh so gewaltig, gewalthaltig und gewalttätig, dass ich nostalgischer Demokratieverfechter gar nicht weiß, wen ich wählen soll. Aber in individueller Lebensführung hat sich das Rezept jüngst tatsächlich bewährt.

Aber wie überträgt man das denn nun auf Spielberichte? Große Freude, dass auf der Süd endlich mal wieder eine Choreographie zu sehen war voll politischer Wucht, die jeden schlichten Lokalpatriotismus weit hinter sich ließ wie auch chronische Beschäftigung mit sich selbst und eine Reduktion auf “Polizei doof”, “Viertelschutz” und “HSV ist Scheiße”? Begeisterung darüber, dass Halstenberg auf seiner Seite nicht fortwährend allein gelassen wurde, die Abwehr stand wie ein Bollwerk und nie der Eindruck einer 85 Minuten währenden Abwehrschlacht entstand?

Man soll sich ja immer vorstellen, was man gerne erleben würde …

Und auf das konzentrieren, was richtig prima lief! Fantastischer Spielzug zum 1:0 nach 3 Minuten! Verhoek trifft und trifft! Tschauner haut Geniestreich-Glanzparaden raus wie Bach einst Fugen! Trotz Hulk-artiger Körperlichkeit und konsequenter Konzeption hervorragen Fussballs auf Seiten des FSV Frankfurt haben wir 2:1 gewonnen! Waren das Brecher, S. neben mir fühlte sich an American Football erinnert.

Und in der Pause waren schöne Trailer für das “Fussball und Liebe”-Love Inn vom 26. bis zum 28.9. im Millerntor-Stadion zu sehen.

Weil man sich ja auf das konzentrieren soll, was man mag, will und erleben will … Fussball und Liebe halt.

Malen für “Fussball und Liebe” mit Sax-Begleitung

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Da jetzt noch Lasurweiß drüber. Fläche, Schicht.

Erstmals das Bild mit Leinöl fein bestrichen – Zitronengelb verteilen, ganz dünn. Damit das etwas zu erbeereisrosa Gewordene darunter einen orangenen Schimmer erhält. Die Farbe verläuft, bin fasziniert von den Strukturen, die Pigmente und Öl mir schenken.

Das Gesicht links unten ist nun zu gelb. Also mit Lasurweiß- und Lasurocker übermalen. Es glänzt. Ein wenig speckig und doch entsteht die transparente Tiefe, die nur der Ölfarbe möglich ist. Doch je länger ich pinsele, gar nicht mehr aufhören kann zu pinseln, desto mehr schwindet die Ähnlichkeit. Dabei habe ich sogar den Beamer zur Vorzeichnung genutzt. Doch das Bild verlangt seine eigene Wirklichkeit und immanente Logik. Das Verlangen des Bildes, das Verlangen nach dem Bild …

Gedanken ziehen vorbei wie überflüssige Kommentare. Es rauscht, fortwährend, doch es rauscht vorbei. Während ich ganz in Farbe mich artikuliere und die Formen nach keiner anderen Wirklichkeit bilde als der, die in dem Bild schon angelegt ist. Wo kann ein Fehler weiter ausgebaut werden? Wo gruben in der Untermalung Borsten Furchen, die nun mit Preußischblau nachvollzogen werden können? Ich liebe es, mit dieser Farbe Linien um hellere Flächen zu ziehen …

Das Bild wird immer – unheimlicher. Will Musik und Fussball zusammen malen. Es hat etwas von Kiss-Maskierungen. Werde es wohl “I was made for loving you” nennen und nie jemandem zeigen. Doch es macht Spaß und mich glücklich, mit ihm beschäftigt zu sein.

Wie irgendwelche Österreicher darauf kamen, Chöre über den “schwulen DFB” als Schmähung einzusetzen, ist mir malend erst recht rätselhaft. Wenn da wer verunglimpft wurde, dann ja wohl Schwule. Das ist der Berichterstattung irgendwie entgangen. Die Homophobie zeigt sich ja wenn schon dann darin, dass unsereins mit einem Verband, der einer derartigen Gerichtsbarkeit folgt, in Verbindung gebracht wurde. Statt aber “Nette Komplimente für jene, die es nicht verdienen” zu titeln, liebe Zeitungen, und von einem DFB, der schweigt, statt sich zu bedanken, in öffentlichen Verlautbarungen zu lesen, nun lauter völlig weltfremde Kommentare. Malend merke ich doch, wie schön es ist, sich liebevoll mit Männerkörpern zu beschäftigen …

Wobei: Was dem Bild die Zeichnung, ist dem Musikstück ja die Note, die Tonleiter, der Akkord – anstrengend! Nur weil wir hier so früh mit Noten gequält werden, Blockflöte!, entwickeln wir ja gar kein Gehör mehr – wenn es da steht, wird es schon richtig sein. Diese blöden Noten sind mir aber so was von verleidet worden … notiere jetzt quasi-tabellarisch. Mit Buchstaben. Die sind mir jenseits aller Schriftvergessenheit vertrauter. Takt 1 + 2: Gmaj7, G-Dur (fis), (1) 3 7 9 = (g) h fis a. Takt 2 + 3: A7, A mixo (cis, fis), (a) cis g h. Das ist zwar bei 40 Takten “Girl from Ipanema” auch mühselig, aber damit komme ich prima klar. Mein Sax-Lehrer dachte, er guckt nicht richtig :D – und ist da gar nicht durchgestiegen. Klappte aber. Auch wenn ich die Akkordwechsel vor lauter Spielen immer noch nicht mit bekomme und zählen nicht hin bekomme und mich frage, wie ich mir all das jemals MERKEN soll.

Das Saxen und das Malen haben ja viel miteinander zu tun. Nicht umsonst spricht man von “dunklen Klangfarben”, zum Beispiel. Sind die schönsten auf dem Saxophon.

Der Weltbezug ist ähnlich, auch das Changieren zwischen Technik und Freestyle, erfahren wollen und lernen müssen. Frage mich die ganze Zeit, welches Medium es nun eigentlich wäre, was beides mal wirklich zusammen brächte. Film ist das nur in ganz seltenen Momenten. Das ist zu nah an der Fotografie, die von der Malerei transzendiert wurde, schon bevor es sie gab – trotz Bewegt- und Zeitbild ist Film da zu nah dran, Deleuze hatte ja genau das Problem in seinen Schriften zum Kino: Der Flow des Lebens und die Logik des Abbildens passen nicht zusammen, schaut man von außen drauf: Dem Bild sieht man das Prozessuale zwar an, aber es gerinnt. In Opern ist wenig spontan. Im Film liegt die Musik hinter und unter den Bildern, sie bricht sie nicht auf. Man kann wirklicher INTERAKTION in der Jazz-Improvisation anlauschen, wie Malen ist. Aber nicht dem Bild ohne weiteres abgucken. Danke, T. Albert.

Bestimmt gibt es in allen “Kulturkreisen” der Welt für so was Traditionen, nur hier nicht. Dabei wäre das doch the way out aus so vielem Unbill – würden Innensenatoren mit Refugees malen und Musik machen, die kämen gar nicht auf so abwegige Ideen wie “Abschiebungen”.

Aber es regiert halt das Urteil statt geteilter Sinnlichkeit, hinsehen und zuhören – und nur deshalb habe ich diesem Eintrag eben nicht meine spooky “I was made for loving you”-Kreation voran gestellt, sondern eine iPad-Spielerei. Aus Angst vor eurem Urteil.

Das Schöne ist: Malend und saxend kann man die überwinden :)

Poesie, Eros, Drama: Millerntor! Bruuuuuuuuuuns!

Die augenzwinkernde Poesiewerdung des FC St. Pauli:

“Wenn im Wald die Hölle los ist, wenn Bäume beben, das Blätterdach wackelt und selbst der Wurmfarn vor Frühlingsgefühlen platzt, wenn zottelige Gestalten ihr Glück in den Himmel röhren oder ineinander verkeilt den Euphorieüberschuss austanzen – dann weiß der Förster: Es ist wieder Brunszeit.”

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Okay, der Gegengeraden-Gerd ist ja eh Sprachkünstler. Meine Verehrung!

Aber selbst die Mopo, ausnahmsweise verlinkt, müht sich auf einmal  im Ringen um den bildhaften Ausdruck:

“der Rest waren ausflippende Zuschauer, am Boden kauernde Gäste und eine Jubeltraube in mehreren Metern Höhe auf dem Schützen.”

Ohne “der Rest war” hätte aus dem Satz wirklich was werden können! Dranbleiben, Mopo!

Als Meister der Verdichtung erweist sich Fabian Boll (dem Hamburger Abendblatt vom 9.3. 2013 gegenüber):

“Platz umpflügen, grätschen, wo sich was bewegt.”

Beinahe ein fernes Echo der Lyrik August Stramms meint der Hörer da zu erlauschen.

Ja, das ganze Regensburger Forum mag sich verpfiffen fühlen Mehr von diesem Beitrag lesen

Die Saxophon-Dialoge, Teil 4

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Bilder aus B-Movies steigen in mir auf. In schwarz-weiß. Mit Victoria Lane und Alan Llad. Ein keuchender, relaxt und doch bedrohlich tönender Tenorsaxophon-Soundtrack zu tropfendem Piano und verhalten treibendem, reduzierten Jazz-Schlagwerk kriecht unter Bilder vom Eingang eines Detektivbüros mit Schrift auf einer Scheibe … ein Malteserfalke krächzt.

Ein paar Töne hatte ich rauchig gespielt heute morgen, fast wie Subtones. Hörte sich vermutlich an, als würde man durch ein umgedrehtes Fernrohr dem Sound von Ben Webster lauschen. Eben sehr weit weg davon. Ich mag es trotzdem, mein Instrument kennen zu lernen. Heißt ja hier Dialoge, weil diese Texte auf jene mit meinem silbernen Wunderhorn anspielen. Nonverbale. Es antwortet ja – mit Quietschen und Kreischen beim tiefen C zum Beispiel. Dabei hat mein Lehrer mir doch heute gesagt, ich bräuchte eigentlich nichts machen als hinein zu blasen. Jeder Zwang, jeder Druck erzeuge nur Misstöne; das Saxophon mache eigentlich alles ganz von selbst. Ich müsse es nur lassen.

Wieder einen Lehrer haben. Ich, der ich mir eh nie was sagen lassen konnte und schon im Hort Plakate gegen die Hortnerin aufgehängt hatte. Frau Schreiber hieß sie. Sie wollte unsere Stadt aus Bauklötzen für den Elternabend stehen lassen als Zeugnis ihrer pädagogischen Fähigkeiten. Wir wollten lieber eine neue bauen, die noch viel schöner wäre. Sie verbot es, und wir malten dagegen an und hängten die Zettel in beiden Räumen auf. Und mussten zur Strafe ins Kabuff. “Ich kriege euch schon noch klein!” Wir wollten, sie zu beglückwünschen, ihr eine Clopapierrolle überreichen. Davon lagen welche rum im Kabuff. Haben es dann bleiben lassen.

Und nun ein Lehrer. Spiele schon so lange Chef, und nun ein Lehrer. 20 Jahre jünger als ich. Virtuos, wenn er auf seinem Instrument mehrstimmig spielt. Ich schwitze und habe Probleme, meine Handlungen zu koordinieren. Werde tollpatschig. Kriege das Saxophon kaum ausgepackt und wühle in der falschen Seitentasche nach dem Gurt, mit dem man sich das Horn um den Hals hängt..

Er erzählt mir von Techniken der “Neuen Musik” und macht sie vor. Nur mit den Klappen spielen, ohne in das Rohr zu blasen. Jede Art von Geräusch als Material nutzen. Etwa jene “Neue Musik”, deren Altern Adorno diagnostizierte? Werde kurz cooler. Will schon zum Vortrag ansetzen, so unter Männern. “Hey, ich weiß was! Ich bin der Schlauste!” Irgendwie muss ich die Situation doch in den Griff kriegen. Er ignoriert es. Zum Glück! Ich will ja was lernen. Verdammt, fällt mir das schwer. Loslassen! Einlassen! Nein, Du musst hier jetzt keine Deutungshoheit anstreben! Boah, ist das SCHWIERIG! Zudem ich die “Neue Musik” – er meint tatsächlich jene, deren Altern Adorno diagnostizierte – ja nie gehört habe, nur darüber gelesen …

Etwas machen, das ich nicht kann. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal etwas gemacht habe, das ich nicht konnte. Schreiben fiel mir schon in der Grundschule leicht, Philosophie schon in der Oberstufe, und meinen jetzigen Job, da fand ich immer nur schwierig, dass man mit so vielen fremden Leuten kommunizieren muss und überall Politics lauern. Aber schon als Klassensprecher hatte ich den Vorteil, dass der Schulleiter Parteifreund meines Vaters war … “Können wir das noch mal langsamer probieren?” frage ich den Virtuosen.

Er setzt sich ans Klavier. “Spiel mal was!” Wie? Einfach so? Erinnere mich an den Unterricht von einst, in dem Realschulraum. Endlose Reihen von Achtel-Noten, deren Abfolge ich nicht verstand. “Diese Bleiwüste bitte bis nächste Woche üben”. Oje. Das alles? Wage nicht zu opponieren. Ich konnte ja auch damals kein Saxophon spielen. Er schon, der Lehrer, der immer rechts von mir in frisch gebügelten, hellblauen Hemden den Takt mitzählte. Scheiße, jede dritte Note meint was anderes, als ich es gerade spiele. Dieses Zusammenzucken bei den falschen Tönen, meines, seines, “‘tschuldigung”, neu ansetzen, wieder stolpern, hat sich tief in meinen Körperpanzer eingeschrieben.

Wieso entschuldigt man sich eigentlich bei einem Lehrer, wenn man falsche Töne spielt? Habe damals im Grunde genommen nicht verstanden, dass ich das Instrument als Ausdrucksmittel FÜR MICH lernte, ganz ausgeliefert an das Urteil der Anderen … und da waren diese Noten, deren Namen ich zwar wusste, die aber fast drohend in endlosen Reihen ihre Köpfe über die Linien streckten und unterschwellig höhnisch in Regelmäßigkeit die Blätter füllten …

Mein jetziger Lehrer sitzt am Klavier und spielt traumhafte Akkorde an. Hey, Musik als Kommunikation mit Anderen, nicht mit der Angst vor dem Urteil dessen, der neben mir steht und mir das Zeichen der Unzulänglichkeit des Faulen in die Schulter brennt mit seinem Blick!

Ich spiele ein paar Tonfolgen. Vergesse völlig, auf das Klavier zu hören, bin kurz in diesem Flow, den ich vom Schreiben und Malen kenne. Hört sich gar nicht so schlecht an, wenn man nicht auf Noten guckt und Angst hat, sie zu verfehlen … einfach sein. Und tröten.

Er gibt Hinweise, was man Spannenderes spielen könnte. Höre neugierig zu. Cool. Hört sich gut an! Ach, all der Alkohol in all den Jahren, verdammt, fällt mir immer schwerer, mir was zu merken. Trotzdem, er erklärt mir dje Arpeggios, broken chords. Erinnere mich dunkel, dass das über diesen gemein mal noch oben, mal nach unten sich wellenden Achtel- und Sechzehntelnotenschlangen meiner alten Saxophonschule auch stand.

Macht Spaß. Höre zu. Will gar nichts deuten. Will nur spielen.

Stunde vorbei. Die Zigarette danach, mein Saxophon geschultert, blicke die Straße entlang … statt B-Movies gar keine Bilder mehr. Nur Töne. Solche, die ich spielen werde … die Stadt leuchtet. Ich fühl mich gut.

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