Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Alltagsbeschwerden

Da ich noch keinen Youtube-Kanal habe …

ein Facebook-Link. Momo hat gespielt.

“… den Kakao, durch den man sie zieht, auch noch zu trinken …” (Erich Kästner)

Vielleicht macht Tilman Gerwien, Prototyp der verantwortungslosen deutschen Journaille, ja dieses Jahr Urlaub in Griechenland. Sein als Tugendpamphlet getarnter Hass auf die Freiheit, die sich Andere nehmen, sein von Neid getränktes Geschreibsel ist einfach Symptom einer Gehirnwäsche ohnegleichen. Indem er sich am “Piraten Ponader” abarbeitet, um sein eigenes Ego aufzublähen.

Würde mich mal interessieren, auf was für einer Basis der Herr denn arbeitet. Vermutlich als freier Autor für das Berliner Büro des Stern. Das sind ja für mich immer die allerschlimmsten – die gegen ihre eigenen Interessen auf jene eindreschen, die auf sozialen Leitern noch eine Stufe tiefer stehen. Teile und herrsche, wohin man schaut.

Bei denen in den großen Organisationseinheiten, in Verlagen, Krankenkassen, Fernsehsender, Gewerkschafts-, Behörden- und Parteienbüros, ist ja noch irgendwie verständlich, dass sie den Speichel der Herrschenden lecken, um drinnen zu bleiben. Obgleich der Druck, der auf ihnen lastet, all das Rumgekrieche und Angepasse an entmündigende Denkvorgaben, Flurfunkkämpfe um Plätze in der Hierarchie, Blick auf den Schreibtischstuhl gegenüber und nicht wissen, ob man traurig ist, dass der Kollege “frei gesetzt” wurde oder froh, dass es einen nicht selbst traf, ja nun auch nix anderes tut als Charaktere deformieren.

Während drumherum um diese Zentren all die noch viel abhängigeren Prekären lungern; ein Kollege sprach neulich nicht zu Unrecht von “Apartheid” zwischen denen drinnen und denen draußen. Sie fördert das Devote, diese Struktur, als würde das nicht beim wechselseitig einvernehmlichen Sex weit mehr Spaß machen.

Leute, die aber all die instrumentalisierte Scheinempörung, mit der seit Reagan und Thatcher, in Deutschland seit Gerhard Schröder, diesem Schwerverbrecher im außerjuristischen Sinne meiner Ansicht nach, tatsächlich als Moral internalisiert haben, obwohl sie damit ihren eigenen Interessen schaden – nee, da kriege ich so’n Hals, wie man so schön sagt und schreibt.

Ich verweise noch einmal auf den eingängig plausiblen Vortrag von Heiner Flassbeck, den ich gestern verlinkt habe. Hier einer der Texte, die seine Thesen zusammen fassen. Sehr verkürzt vertritt Flassbeck folgendes: Mehr von diesem Artikel lesen

Die Perspektive des Stieres

Angestochener Stier. Das Publikum jubelt den Knackärschen in queeren Klamotten zu, hübsche Waden im Torrero-Strumpf – posierend rammen sie Pfähle in das Tier.

Der Interpret des Geschehens sitzt mit der Dokumentarfilmerin inmitten der Zuschauer einer Stierkampf-Arena und sagt das Naheliegendste: Das solche Praktiken wie der Stierkampf eben anderswo einfach versteckter statt fänden. Und scheint, zunächst zumindest, eine klammheimliche Freude an dem sadistischen Spiel zu empfinden, da eine Menschenmasse applaudiert, wenn eine Kreatur gequält wird.

Ja, auch ich esse Fleisch. Und weiß, dass die Zustände in der Massentierhaltung auch Quälerei sind. Umgekehrt dient das nun doch noch der Ernährung und nicht dem johlenden Berauschen an der Qual zum Selbstzweck, die der Stieres-Ehre diene, angeblich, und zudem noch als Triumph über das Opfer gefeiert wird.

“Alles ist eine Frage der Perspektive”, sagt Thomas Bernhard an einer andere Stelle des Films. Dieser Autor ist es, der da sitzt inmitten der Fiesta-Teilnehmer … Mehr von diesem Artikel lesen

“(…) zu betrachtende oder zu bevormundende Objekte (…)”

Jeder Satz ein Treffer – Pflichtlektüre: Das Interview mit Noah Sow im Migazin.

“Der Umgang der Dominanzgesellschaft mit People of Color (PoC) ist ganz grundsätzlich davon geprägt, wie diese gelernt hat, uns wahrzunehmen. Nämlich als Vertreter_innen eines Kollektivs, gefährlich, übersexualisiert, fremd, als zu betrachtende oder zu bevormundende Objekte und so weiter. Das schlägt sich in Begegnungen mit den meisten Menschen nieder, selbstverständlich auch mit denjenigen, die in den Medien arbeiten.”

Das ja dann trotz all des Wissens über strukturelle Zusammenhänge Verblüffende ist immer wieder die partielle Übereinstimmung mit homophoben Stereotypen. Partiell natürlich, weil “schwul” hierzulande zumeist weiß gedacht wird – deshalb wird das Kollektiv zum “Milieu”. Als gefährlich werden Schwule sowieso oft wahr genommen, sie könnten verführen und greifen ja in den Augen der Rechten angeblich das Konzept der Familie an.

Eine Teilindividualisierung wird dennoch zugestanden. Sind eben doch weiße Männer. Was auch dazu führt, dass weiße Schwule unter Medienarbeitern durchaus präsent sind – nehmen sie freilich eine explizit schwule Perspektive ein, setzt zumeist eben das Betrachten, Bevormunden, Redigieren und Abwerten ein und Mann begibt sich in Gefahr, dann nur noch für die “schwulen Themen” zuständig zu sein. Meine ersten journalistischen Jobs waren eine Reportage zu AIDS, das Portrait eines evangelischen Pfarrers, der suspendiert wurde, weil er mit seinem Freund zusammen lebte (wohlgemerkt 1987), sowie eine kurzer Text zu einer schwarzen Opernsängerin …

Analogien und Unterschiede können ja vielleicht von Lesben und PoC, gerade auch bi und schwul, in der Kommentarsektion ergänzt werden. Die Differenz insbesondere zur lesbischen Erfahrung kann vielleicht sehr erhellend sein schon deshalb, weil das hochaggressive Eindreschen auf verbündete Feministinnen gerade von Männern, die sich in der Übergangszone von Blogosphäre und Print-Journalismus bewegen, mehr als nur auffällig ist.

Das Interview mit Noah sollte sich jeder zu Gemüte führen, auch und gerade wegen der utopischen Perspektive, die es eröffnet:

“Mir zeigt das, dass wir uns möglicherweise als Gesellschaft entwickeln: weg vom „wir Weißen gegen die Schwarzen“ hin zu einem „wir Leute, die wir alle keine Lust auf Diskriminierung haben und gemeinsam etwas verbessern wollen – gegen die unsympathischen Besitzstandswahrenden“. Das hoffe ich zumindest. Ich bin im Grunde Romantikerin.”

 

Lauter falsche Fragen: Diez versus Kracht

Puuh. Es gab sie ja tatsächlich immer schon seit der Entstehung des Punk, diese seltsame Koketterie mit dem Faschistoiden aus ästhetisch motivierter Perspektive . “Joy Division”. Deren Fortschreiben in Sinn- und Formwelten wie jenen der TEMPO damals, eine Gazette, deren Herangehensweise an viele Themen retrospektiv wohl als Zäsur einzustufen ist.Und es ist nur wenigen, wie Laibach zum Beispiel, gelungen, das in Ironie zu verpacken und trotzdem die Brutalität, das Beängstigende des Phänomens zu wahren.

Wie schon die Katholische Kirche Mehr von diesem Artikel lesen

Paternalismen und Blickumkehr

Wo Tee die sehr richtige Frage Rhizoms an mich schon heraus gelöst hat, mache ich das auch noch mal; sie führt ja direkt ins Zentrum der Diskussionen, die rund um dieses Blog gerade entstanden sind:

“Oder ist es etwa keine Internalisierung, genau die Rolle zu spielen, die andere für dich vorgedacht haben? Kann schwule Identität überhaupt etwas anderes sein als eine ständige Aneignung und Zitation homophober Klischees?”

Haben im konkreten Fall andere diese Rolle für mich vor gedacht?

Ich habe eher den Eindruck, dass manche das versuchten – die Paranoia-Tunte, die alles dafür tut, auch ja Diskriminierung zu entdecken -, aber es irgendwie nicht gelingen will. Vielleicht irre ich drastisch.

Subjektiv meine ich, die Rolle zurück zu weisen, in der man normalerweise Schwule verortet, eben die freundlichst Tolerierten, die ein irgendwie sekundäres Kunst am Bau-Leben führen, das für den “essentiellen gesellschaftlichen Zusammenhalt” keine Rolle spielt und von vielen wohlwollend toleriert wird, wobei immer die Drohung mit spielt, diese Toleranz auch entziehen zu können. Und das dann blöde Witze über Travestie-Künstler nach sich zieht, denn eigentlich fühlen sich Heten ja total gut in ihrer selbstbezüglichen “Ich bin so prima!”-Haltung, ach, so aufgeklärt und “modern”, ganz anders als DIE ANDEREN im Südosten. Und eigentlich braucht man gar keine Schwarzen oder Schwulen, während man sich für seine Güte feiert.

Das führt ja zugleich in die Diskussion um die aktuell allseits gerade auf der Linken angegriffene “Critical Whiteness”-Konzeption, also jenen Ansatz, der sich verweigert, nun ganztägig über die Wesenheiten von PoC zu diskutieren, sondern stattdessen die multidimensionale Privilegienstruktur von Weißen thematisiert.

Ebenso jedoch auf die Klassismus-Debatte, die in Räumen wie dem Millerntor zeitweise entfacht und dann ausgesessen wurde: Diskreditierende Schemata, die als “Unterschicht” Identifizierten zugeschoben werden von Buschowsky bis zum RTL-Nachmittagsrogramm. Kann da der Deklassierte anders, als die ihm zugewiesene Rolle spielen?

Auch da funktioniert ja das bewährte Schema so, ganze Bevölkerungsteile zum Studienobjekt zu machen und so disziplinierende Zurichtungen zu begründen – anstatt mal jene Mentalitäten und Konzepte zu befragen, die sich auf den Business-Seats breit machen. Besonders perfide ja bei Projekten von Ursula von der Leyen und Jörg Pilawa, da irgendwelche Besserverdienenden in sozial schwache Familien einfallen und denen erläutern, wie man richtig lebt. Es wurde mir von Präsentationen dieser berichtet, ich bin gerade zu faul, das zu googeln. Das Hamburger “Atlantik-Forum” macht ähnlichen Murks.

Ja, all dem liegen ökonomische Strukturen zugrunde, die der Erläuterung bedürfen und die solche Mechanismen je nachdem unterschiedlich erzeugen  - und ebenso ist immer ergänzend noch das Patriachat als Ganzes zu befragen, da allgegenwärtiger Sexismus sich durch alle Dimensionen zieht, sei es nun die Problematsierung der “Welfare Queens“, der “Sozialhilfe-Mütter”, oder auch Slogans, bei denen man manchmal “MEINE Frau ist anständig, die zieht sich an!” zu hören glaubt, bei gleichzeitiger Entsolidarisierung von Sex-Arbeiterinnen.

Ist jetzt sehr holzschnittartig, aber in all den Fällen muss doch einfach die Blickrichtung umgedreht werden: Auf Heten, Weiße, Profiteure und – ja, Männer. Nicht im personalisierenden, im strukturellen Sinne. Man hat dann, so hoffe ich, eben nicht in die identitäre Falle zu tappen, sondern die Zumutungen und Zurichtungen als solche offen zu legen. Oder?

Bye, bye, Frankfurter Rundschau

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Der Arzt aus Leipzig wich mir nicht von der Seite. Er brauchte Begleitung auf der Suche nach dem Urlaubsflirt und fand ein blondes Mädchen aus Belgien.

Hieß es Hotel Goleta? Am der Ibiza-Stadt zugewandten Ende des Playa d’en Bossa stand es als einer von zwei identischen, sich gegenüber liegenden Quadern, rechtwinklig zum Meer gebaut. Die Animateure gaben jeden Abend sich Mühe, Langeweile mit albernen Spielchen zu vertreiben – der Arzt aus Leipzig wurde zum “Mr. Goleta” gekürt.

Nach einem Bier auf der Hotelterrasse begab ich mich in die Altstadt, drängte mich durch Touristenmassen, deren Teil ich war, zum Ende einer langen, schlauchartigen Gasse, an deren Wänden vor Kneipentüren links und rechts sich die Homos lecker auf Barhockern drapierten. Je später der Abend, desto weiter stieg ich auf, hin zur mächtigen Stadtmauer. Terrassen, mit Schwulen angefüllt – diese Insel bot ein Nachtleben wie in einer Großstadt. Ein internationales Publikum – Franzosen, Briten, Italiener. Ich fühlte mich frei auf der Insel des Laissez-faire mit dem Zauber der realisierten, wechselseitigen Akzeptanz. Knackarschig und volllippig, wie ich war, hatte ich wenig Anschlussprobleme.

Jeden Morgen nach dem Frühstück trottete ich leicht verkatert an die Promenade des Playa Figueretas und kaufte auf dem Weg dorthin die Mopo und die Frankfurter Rundschau vom Vortag. Es war die Zeit der ausklingenden Debatten zwischen dem Habermas-Umfeld und der Postmoderne. Es machte Spaß, sich in der Restkühle atmenden, prallen Sonne durch die Informationsdichte zu wühlen. Die Diskussionen, die auch mein Studium prägten, setzten die Macher begierig und profund fort. Die politische Lage luden sie mit Hintergrundinformationen auf. In der “Dokumentation” vertieften und kontextualisierten sie alltäglich das Tagesgeschehen. Während die Neoliberalisierung allerorten griff, fanden sich in der FR auch klassisch sozialdemokratische und Gewerkschaftspositionen. So sehr man ja über beides zu lästern geneigt ist – besser als dieses grüne Drecksspießertum mit seinem unerträglichen Verbürgerlichtsein und eine entsozialdemokratisierte SPD heute gefiel mir das allemal.

Zurückgekehrt von der Insel, das kühle Hamburg und sein sattes Grün genießend, abonnierte ich die Zeitung. Seitdem habe ich ein chronisches Altpapierproblem, lernte aber z.B. zu Zeiten des Genozids in Ruanda mehr über Kolonialismus als aus irgendeinem anderen Medium. Erfuhr auch in der Berufstätigkeit noch alles über relevante Neuerscheinungen meiner Philosophen und Soziologen und war in jedem Kantinenstreit bestens mit Argumenten gerüstet, um als Angestellter in einer Firma, die jeden Trend vom Börsengang bis zum Sich-Verscherbeln an Private Equity-Fonds mitmachte und Betriebsräte als Relikt aus dem Zeitalter der Bergwerke begriff, den steten Gegendiskurs zu pflegen. Wir wählten einen Betriebsrat.

Die Republik rückte nach rechts, Berlin wurde Hauptstadt, Gerhard Schröder nahm auf dem Kanzlersessel Platz, führte Krieg, eröffnete den Kampf gegen Arbeitslose und andere Unterschichten und ruinierte endgültig alles, was an der Bonner Republik erträglich war.

Die FR verfiel allmählich – und doch habe ich immer wieder Inspiration und Information erhalten. Was der Herr Heusinger oder so ähnlich zu Zeiten der Bankenkrise an vertiefenden Analysen lieferte, das half zu verstehen.

Klar, sie wurde dünner, flacher, kleiner – das Publikum honorierte nicht mehr die Vertiefung, sondern wollte Konsumierbarkeit.

Doch nun, nach 19 Jahren, wird die allabendliche Lektür ein Ende finden. Dieser Mainstream-Hauptstadtjournalismus ist die Pest. Da gelten Menschen wie Sloterdijk als Denker, ein Fleischauer wird nicht als rechtes Blogaggregat enttarnt und ein Poschardt senft und suppt sich durch den Blâtterwald und schmiert dabei, dass man ihn wegen fortgesetzten Sprachmissbrauchs denunzieren möchte. Ganz egal, wo die jeweils sitzen und schreiben, was sie absondern, wird durch diesen Hype genudelt, der ganz auf die Phrase und den Effekt setzt und alles hasst, was die FR einst auszeichnete und so besonders machte. Jeder noch so alberne Zynismus breitet sich auf chromglänzenden Oberflächen aus und stinkt hinfort, was einst noch Restbestände jenes vorparlamentarischen Raumes, der die Politik füttert, zu nähren wusste, und ersetzt es durch niedere Instinkte.

Dass inmitten dieses Klimas, erzeugt von den selbstgefälligen Verächtern des Umständlichen, Sperrigen, Räsonnierenden, nunmehr der Mantelteil meines Leib- und Magenblatts zusammen gehetzt werden soll, es ist fast eine biographische Zäsur. Es bleibt Trauer. Bye, bye, FR.

Manchmal kommen sie wieder …

“Zu schnell vorbei” – letzte Woche werfe ich den Blick aus dem O-Feuer-Fenster auf das Schulterblatt, denke “Hey, was ist das denn da Süßes! Hübsche Schnute!”: Clueso geht gerade vorbei und guckt sexy.

Ich bekenne. Ich bekenne, gerade das neue Album von Clueso mein Wohnzimmer in Schwingungen versetzen zu lassen. Ich bekenne, bei seinem Song “Chicago” immer mal heulen zu müssen. Ja, ich bekenne gar erotische Fantasien, wenn ich den Jungen singen höre. Zum Glück ist er wenigstens schon 31, das geht ja noch.

Obwohl da freilich “Jetzt siehst Du wie ein Tier aus – feuchtes Fell” ebenso in der Musik mit klingt wie ein “Verliebt, verloren, verbrannt – gelacht, geweint und weg gerannt”. Was hab ich das Album geliebt! ALLE hörten Ulla Meinecke. Damals, als Dieter als Zivi im Altenheim nach Dortmund ging und eine “Anklageschrift gegen eine Stationsschwester” verfasste.

Ein Grönemeyer ist bei Clueso eh mit zu hören, vielleicht auch ein Hauch von Holger Biege und denen, die gut waren in der DDR. Denen wir uns verbunden fühlten, damals, zu “Schwerter zu Pflugscharen”-Zeiten.

Zeiten, die heute wieder da waren, als ich die Anti-AKW-geschminkten Kinder-Gesichter im Abendblatt leuchten sah. War dann Schuhe kaufen – altern merkt man auch daran, wenn man das gleiche “Palladium”-Paar noch einmal kauft, das einen bereits zu Beginn der 90er durch das Leben und ins “Camelot” trug. Als ich ein wenig Jugend nachholte und jede Woche die BRAVO kaufte und alle zwei Wochen die BRAVO Girl!. Durfte man ja nicht zu Alternativbewegungszeiten, als ich wirklich jugendlich war. Da musste man das doof finden. Nun, Anfang der 90er, schwärmte ich für Richard Grieco, “Booker”, guckte jede Woche Beverly Hills 90210 und hatte eine stürmische 3-Wochen-Affäre mit einem, der aussah wie Luke Perry. Von der erholte ich mich Jahre nicht. Der Mann war toll. Bei youtube kann man ihn bei einem Goergette Dee-Auftritt, da sie einen Marlene Dietrich-Song singt, im Hintergrund sogar tanzen sehen … seufz.

Im Schuhgeschâft lief eine Coverversion von “Blister in the Sun” der Violent Femmes, depotenziert arrangiert, ohne jeden Witz von einer dünnen Mädchenstimme gesungen. In dem neuen Görtz 17 auf dem Schulterblatt darf man ja nichts kaufen, ich ging in das gegenüber des Hanseviertels. Wahrscheinlich auch nicht okay. Die Verkäuferin plauderte in einer osteuropäischen Sprache mit einer Kundin; mir fiel auf, wie unendlich gut das tut, in einer Stadt zu leben, in der jeder zweite Satz, der ans Ohr dringt, NICHT in deutsch gesprochen wird.

Am Gängeviertel vorbei flanierend fragte ich mich, wo eigentlich die wundervollen schwarzen Frauen hin sind, die da wohnten und die ich morgens immer in der U-Bahn-Station Gänsemarkt traf, als ich noch nach Barmbek fahren musste. Haben da nicht auch Sintie oder Roma gelebt?

Vor mir schlendert, frisch von der Anti-AKW-Demo, ein Trupp dünner weißer Mädels, die, würde man sie auf einen Schulhof 1982 beamen, niemandem auffallen würden. Sie ähnelten meinen Schulfreundinnen ungefähr so, wie das neue Paar “Palladium”-Schuhe dem alten. Rein äußerlich, klar. Die Wollsocken, in deren Weiten die sackartige, selbst genähte Hose aus Flatterstoff gesteckt war, die Dreads, die “Ich bin nicht doof!”-Distinktionsbrille.

Aber wahrscheinlich rauchen sie nicht. Noch nicht mal Selbstgedrehte. Kennen Bucaneer und Javanese Jongens-Tabak gar nicht. Und finden Clueso vermutlich total uncool, hören ihn aber heimlich und träumen dann … und in 10 Jahren gucken sie sich in irgendeinem Internet-TV-Sender alte Beverly Hills 90210-Folgen an, wiegen das Kind auf ihrem Schoß und ärgern sich, dass sie nie so einen wie Luke Perry hatten, sondern doch den aus der Anti-AKW-Gruppe genommen haben …

Reclaim your life

Endlich auch den “Jolly Rouge”-Kapuzenpulli bedrucken lassen. Und das T-Shirt mit dem schwarzen Totenkopf in rotem Kreis auf schwarzem Grund. Samstag ist ja wieder so weit, da muss gegen Köln erneut Farbe gezeigt werden.

Gibt einen tollen, kleinen Laden in der Juliusstraße, “eindruck“, wo nette Jungs, denen “Migrationshintergrund” angedichtet würde, in Eigenregie einen von 3 Läden betreiben. Also solche, die von Mieterhöhungen und Kaffee-Togo-Ketten bedroht sich irgendwie durchschlagen und somit Subjekt sind in diesem Protest. Ich erzählte ihnen den Hintergrund des neuen Zeichens, zeigte ihnen die “Sozialromantiker”-Seite im Netz. Fanden sie spannend. Kein Wunder, wer weiß, wie Gernot Stenger ihnen entgegen träte, wäre er als Fachanwalt für “Immobilientransaktionen” im Falle dieses Gebäudes unweit der “Roten Flora” zuständig, wenn dort luxussaniert würde und der Laden raus müsste. Wahrscheinlich bekämen sie ihn gar nicht zu Gesicht.

Es ist ein seltsames Gefühl der Wiedergewinnung, wenn man diese Klamotten trägt. Das Tragen von Shirts meines Vereins habe ich immer schon anders empfunden als jenes irgendwelcher Fetzen, die man sonstwo sich zulegte.

Zuletzt jedoch, wenn man in der Haupttribünenschlange eingereiht die “V.I.Ps” links an sich vorbeiziehen sah und die Linksspießernachbarn meines Kompagnons den Totenkopf hissten, während sie das Hinterhof-Gärtchen einzäunten und Hausbewohner mit einem Regel- und Abwehrbollwerk überzogen, natürlich Wähler der GRÜNEN, dann zuckte es in mir, und zunehmend verlor Wert, was vorher so stolz ich trug. Es war auf Marketing reduziert und so tot wie das, was er darstellte.

Aus diesem Gefühlsverlust, dieser Entwertung wurde der “Jolly Rouge” geboren. Aufgrund dieses beeindruckenden Postings im Forum, das die Welle los getreten hat und berichtete, wie weh es tat, all jene mit dem weißen Schädel auf der Brust, doch ohne St. Pauli im Herzen zu sehen – sofort wurde es allseits, na, fast allseits, verstanden. Und diese beeindruckende und Gänsehaut erzeugende Demonstration in rot war die passende Antwort.

Nun trägt man ihn anders wieder auf, den “Jolly Rouge”, während man über das Schulterblatt schlendert. Wieder Subjekt geworden, stolz und aktiv, nachdem von Medienklischees und Marketing enteignet von all den sich mittels “St. Pauli sehen” Absolution erkaufenden Seelenverkäufern man einmal mehr zum Objekt geworden sich an den Rand gedrängt auf der Haupttribüne wieder fand.

Wie in anderen Lebenssphären ja auch, da man sich immer neu angekoppelt sieht an Zuschreibungen und Platzzuweisungen, die zum eigenen Sein werden, weil man sich zu ihnen verhalten MUSS. Dafür sorgen schon die Türsteher, Statistiker und Banksachbearbeiter des Lebens, die ihre Schufa-Auskunft zur gesellschaftlichen Positionierung wie Zeichen auf Gesichtern zum Leuchten bringen. Wie in diesem Spiel, da Post ITs mit Namen Prominenter an Stirnen pappen und man raten muss, was darauf steht. Nur dass dieses Spiel immer weiter, immer weiter geht und am Verhalten und den Sätzen der Anderen ablesbar ist.

Kein Mensch käme von selbst auf die Idee, sich z.B. als Objekt von Rassismus, Homophobie, Klassismus oder Sexismus zu begreifen. Man guckt nicht in den Spiegel, man käme nicht auf die Idee, sich selbst eine “kalte Muschi” anzudichten, wenn man das nicht gelernt hätte – durch den Blick und das Verhalten der Anderen, das Plätze im gesellschaftlichen Ranggefüge zuweist und immer wieder hoch aggressiv durchsetzt mit diesen ewigen Diskussionen über das N-Wort und das “biologische Geschlecht” in einer Diskussion um das soziale, in denen unausgesprochen klar gestellt wird, wer ggf. vergewaltigt und wer nicht.

Mich hat es ernsthaft beeindruckt, wie auf der “Sozialromantiker”-Seite die Rede einer St. Paulianerin geschildert wurde, in der sie beschrieben hat, dass sie es normalerweise am Millerntor genießt, dass sie nicht als Objekt patriachaler Zurichtung männlichem Blick ausgesetzt sich sieht. Da glotzen ja auch alle auf Männerhintern, – beine, – brüste, und das ist auch gut so. Und dann tanzt wie in einer Gegendemonstration in der “Susis Showbar”-Loge halbnackt ein Mädel, und der hämische, objektivierende Blick ist wieder da. Der wirkt, man sieht ihn grinsen, während er Körper fetischisiert. Selbst dann, wenn er gar nicht auf diese St. Paulianerin blickt, wirkt er. All die Parameter über so called “Titten” und “Ärsche” grabbeln panoptisch drauflos und prägen das Selbstverhältnis. Vermute ich, bin keine Frau, und bitte um Verzeihung bei Fehldeutungen.

Kenne das aber in anderen Zusämmenhängen. Wenn in Kommentarspalten anderer Blogs über “Pobereit”, also “Wowereit”, gewitzelt wird, kicher, aber bitte nur privat, prust, natürlich hallen da all die “Arschficker”-Sprüche nach, all die “Schwuchtel”-Rufe, die man in jedem zweiten amerikanischen Spielfilm unaufhörlich dröhnen hört. Die man bei den ersten Schritten in Richtung dessen, was einem Lust verschafft, auch nachhallen hört. Die jede Regung von Begierde begleiten.

Die sofort Bilder von Freunden von Kumpels beschwören, die in Moskau mit einer Flasche im Arsch, vom Aschenbecher erschlagen, aufgefunden wurden. “Pobereit”. Harhar. Dann liest man in wieder anderen Kommentarspalten, wie der schwule Blogger Rhizom in Diskussionen als “Süßer” angeranzt wird und zum “Karzinom” umbenannt.

Es gibt keine zufällige Sprachverwendung, natürlich steigen in mir auf die ersten Bilder im SPIEGEL einst von Geschwüren auf der Haut von AIDS-Kranken, mit “Schwulenkrebs” unterschrieben. Und natürlich läuft genau diese Diskreditierung mit, ob bewußt oder unbewußt reproduziert sich dieses Muster. “Wandelnde Seuchenherde mit hamsterhaftem Sexualverhalten” hat Gauweiler damals sinngemäß geäußert, als ich erstmals mit Typen rum machte. Ich hab beim Sex daran gedacht. Kein Witz. Ich denk auch daran, wenn Rhizom Karzinom genannt wird, man ihm zuruft, er solle doch eine Gay-Bar in Gaza eröffenen. Weil ich ja lernen durfte, welches Post It man uns auf die Stirn pappte – und dass man es heute gerne zum “Kanacken” nieder machen nutzt, weil die ja angeblich alle homophob seien.

Es gibt keine äquivalente Verballhornung zu “Pobereit” für heterosexuelle Männer. Kein N-Wort für Weiße in unsrren Breiten. Kein Wort, das die Schärfe von “F…” besitzt und auch kein mit dem FC St. Pauli belabeltes Kaltgetränk namens “Impotenter Schlappschwanz”.

Am eindrucksvollsten hat Jean-Paul Sartre die skizzierten Dynamiken beschrieben:

“Das Rezeptionsdefizit war dort besonders schmerzlich, wo ihm Gehalte mit besonderem Gegenwartsbezug zum Opfer fielen. Zu nennen wären etwa Sartres Schriften zu Rassismus und Antisemitismus, allen voran die Überlegungen zur Judenfrage, die in einer vorbildlichen deutschen Neuausgabe vorliegen. Sartre gibt hier nicht nur ein detailliertes “Portrait des Antisemiten”, fast wichtiger noch sind Beschreibungen, die zeigen, wie tief ausgrenzende und diskriminierende Einstellungen und Praxen in das Leben der ihnen unterworfenen Individuen und Gruppen eingreifen. Kaum je wurde so deutlich, was es heißt, einer sozialen Wirklichkeit unterworfen zu sein, die den eigenen Lebensvollzügen und Werthaltungen nur mit Verachtung gegenübertritt.

Gleichzeitig stellt diese Arbeit einen wichtigen Wendepunkt in Sartres Denken dar. Er beginnt hier, die Widrigkeiten des Für-Andere-seins, die der einsame existentialistische Held des ersten Hauptwerks Das Sein und das Nichts noch qua freiem Willensentschluß überspringen sollte, in ihrer Dringlichkeit zu fassen. Damit beginnt sich die Perspektive auf eine Sozialkritik abzuzeichnen, die den sozialen Bedingungen gelingender Selbstverhältnisse Rechnung trägt und deren Potenzial wohl noch immer nicht voll ausgeschöpft ist.

Gegen die Zuschreibungen hilft entweder nur die Wiederaneignung der Fremdzuschreibung, man nennt sich selbst “schwul” oder “queer”, einst Schimpfworte. Bedeutend war, als Bronski Beat den “Rosa Winkel” auf ihr Plattencover nahmen. Erinnert sich nur keiner dran, an die “Rosa Winkel”. Heute wird weltweit von Evangelikalen “The Pink Swastika” vertrieben. Ein Kampf der Zeichen, und die haben mehr Geld.

Oder es helfen alternative Strategien wie Regenbogenflagge oder der Begriff “POC”, People of Colour. Das ersetzt die Stigmatisierung durch ein anderes Symbol.

Nun hat der “Jolly Rouge” nicht eine so übergreifende Bedeutung wie die Regenbogenflagge oder Symbole der Black Panther, das wäre Hybris, das zu glauben.

Im Mikrokosmos jedoch in einem Viertel, in dem KLASSISTISCHE Zuschreibungen das Leben von Menschen ganz genau so prägen, Verdrängung, Abwertung und Stigmatiserung von “Unterschichten” Alltag ist, die sich in der Weigerung, Business-Seats zurück zu bauen, reproduziert, ist er kein triviales Symbol. Um eben dagegen anzustinken. Um aus einer Marke wieder eine solidarische und emanzipatorische PRAXIS zu machen.

Nicht umsonst haben wir eine Stadionordnung, die all das, was ich hier schreibe, berücksichtigt und zu ändern versucht.

Ich will, dass auch auf Führungsebenen statt platter Toleranzrhetorik wieder klar wird, dass es darum geht und nicht etwa die “Sozialromantiker” so etwas wie der Wettskandal sind. Der “Jolly” Rouge” ist hierfür das Zeichen. Ich trage ihn gern. Und deshalb wird auch Samstag die Flagge wieder geschwenkt.

Wenn man in Hamburg wieder einfährt …

… und dieses aufgeblasene Gesabbel Berliner Kulturwichtigtuer an einem abperlt, das tut so gut. Trotz aller berechtigten Internetpamphlete bezüglich Hamburg, die es bis auf MoPo-Titel schafften, trotz Ahlhaus, trotz Abwanderung und Verbiederung – durchlebt man das Herrenmenschen-Gesabbel derer, die glauben, sie seien kulturell gewichtig, weil sie dort durch diese braungrauen Straßen schlittern und auf trist dümpelnde Flüsse, umgeben von grausamer Architektur, starren, wo alle eh nur hin gehen, um berichten zu können, dass sie da sind, dann begreift man die aus Leipzig importierte Neo Raucherei und den Merkelschen Griechen – und Irenmeuchel-Nationalismus gleich besser. Der sich erheben muss über das Andere, im Kompensatorischen sich sucht. Man gut, dass die Stadt dort tief im Osten auch das Gegengift zu ihren Lügen, von den Sarrazinen wird genau dies Gegengift bekämpft, so zahlreich in sich trägt, sonst würde es bald zappendüster. Dank an all die Widerständigen, Nicht-Integrierten dieser Erde. Jeden “Araber-Clan”, jede alleinerziehende Hartz IV-Mutter, an die LesMigras – ihr alle seid unsere Zukunft und werdet uns beschützen.

Trotz alledem zeichnen sich bei der Rückkehr die Türme meiner Stadt gegen das queerrosa Licht des winterlichen Hafenhimmels so unvergleichlich ab, und Ruhe kehrt zurück nach dem Posen und Balgen um Status. So klaut man bei Ring2 Bilder, jagt sie durch eine neue App und kann wieder tief durchatmen, einfach nur die Nordsee spüren und froh sein … und sich aufs Spiel am Samstag freuen. Rotzend, pöbelnd, singend, saufend – im kalten Wind vom Meer. Ein Erleben, das nicht gewichtig ist, um sich über Berliner oder Münchener Wichtigtuer zu erheben. Sondern, weil es von denen befreit – und sich dann selbst genügt.

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