
Ich habe geleuchtet, ich habe geschwelgt, ich habe geliebt. Und leuchte, schwelge und liebe. Es haben so viele so tolle Worte gefunden, da wäre jedes von mir nur Aufguss gewesen. Und ich merkte zudem, still will ich nicht genießen, aber doch nonverbal.
Klar, es geht um den wundervollen Abend letzte Woche Freitag am Millerntor, als Chöre auf allen Flächen, den neuen, den alten, rund um das heilige Grün erschallten und frohlockten, die neue Gegengerade zeigte, zu was sie fähig sein würde – und die Jungs auf dem Platz erst! Was haben die ein Spiel auf den Rasen gezaubert, ja, nicht umsonst ist vom Magischen FC die Rede nicht nur im Falle eines befreundeten Blogs.
In welchem Hotel irgendwo im süddeutschen Nichts sie wohl gerade mit der Playstation spielen, Musik hören und sich eingrooven auf den heißen Tanz morgen? Vor dem letzten Spiel waren sie meine Nachbarn fast, zwischen Musikhalle und Oper einquartiert, gegenüber des Gängeviertels, und genossen nicht nur den Anblick meines Hundes beim morgendlichen Lauf, sondern auch den Weg durch Wallanlagen und Planten & Blomen wohl – erlebe ich ja als meinen luxuriösen Vorgarten, heißgeliebt, mein Lebensraum, wenn nur der Knast mit Parkblick da nicht wäre. Da liefen sie mir nämlich über den Weg.
Das Leuchten des Freitags hielt an, das Bier schmeckte wohlig herb nach und das Wundervolle des Erfahrens beseelte sogar die Übe-Sessions mit dem Saxophon. Es ist so dermaßen cool, in Tönen zu schwelgen und all die Notenkämpfe von einst durch das freie Tröten zu ersetzen und ganz und gar eins mit dem Sound, den ich gestalte, inmitten des Lebens zu stehen, zu wippen, zu tröten und in Hingabe ans Geräusch den eigenen Rhythmus zu finden! Eines Tages werden hier Sax-Improvisationen als Spielberichte erscheinen. Das “Huhu” aus Song2 übe ich schon
…
Um mich von all dem Bewerten – “Gott, spielst Du lahm, hör Dir mal lieber “Giant Steps” von Coltrane an!” – und ähnlichem Spuk im eigenen Hirn zu lösen hat mir das Leben mal wieder wundervolle Bücher geschickt. Richtig, richtig gut ist “Der Mozart in uns” von Barry Green und W. Timothy Gellway. Der offene Brief an die Mannschaft war unter anderem von diesem Werk inspiriert, die Überschrift dieses Eintrages gerade ist daraus eine Kapitelüberschrift (Frauenfeld 2000, S. 73). Es ist die Übertragung der Gedanken eines Buchs über das Tennisspielen auf das Musizieren und darüber hinaus auch ein wenig eine Anleitung zum Glücklichsein – wie man sich von all den inneren Kritikern und ständig quatschenden Stimmen löst, um zu seinem inneren Spiel zu finden.
Gestern habe ich die Passagen zu verschiedenen Arten der Zielsetzung gelesen und wurde verblüfft. Weil einem das so schön erläutert, wie zugenagelt und verbrettert man wird im staatlich reglementierten, realkapitalistischen Alltag. Bonus- und Maluspunkte gibt es ja nicht nur in Studiengängen, und passt man nicht auf, erwacht man eines Tages zwar nicht als Käfer, aber als Maluspunkt.
Die Autoren unterscheiden zwischen Lernzielen, Ausführungszielen und Erlebniszielen. Ausführungsziele: Bezogen auf die Musik also z.B.: “Giant Steps” von Coltrane fehlerfrei nachspielen. Ich meine, wer sich solche Ziele setzt, hat echt selbst schuld
… oder halt “Donna Lee” vom Blatt mit all den richtigen pp und ff < und so.
Lernziel wäre, selbst so grandiose Improvisationen hinzukriegen – nur eben solche, die dem eigenen, inneren Spiel entsprechen.
Erlebnisziele, das kann sein, sich einfach wohlzufühlen, wenn man doch nur "House of the rising sun" zum Playalong spielt – zugleich aber, die Musik selbst zu erleben mit allen Erfahrungsdimensionen, die möglich sind. Die sind bei "Tristan und Isolde" halt etwas komplexer.
Ich behaupte mal, dass in dieser bundesdeutschen Apparatschik-Kultur zu 80% Ausführungsziele Beachtung finden, zu 15% Lernziele, die politisch noch nicht mal gewollt sind, und vielleicht zu 5% Erlebnisziele. Die nur dann erlaubt sind, wenn dafür bezahlt wird, dass man zugleich etwas konsumiert. Musicalwochenende in HH. Sonst gibt es Platzverweis, oder Strom und Wasser werden abgestellt.
Das hat viel mit dem zu tun, was Karl Marx "entfremdete Arbeit" nannte. Weil irgendwann ALLES zur Arbeit im Sinne gelungener Ausführung wird, wenn man nicht aufpasst. Und sonst nichts bleibt.
Dabei klappt die Ausführung doch viel besser, wenn das Erlebnis stimmt. Genau darin liegt doch der Hauch der Utopie bei Spielen wie jenem am letzten Freitag. Allein der Gesichtsausdruck von Kalla, als er nach dem Spiel einer ausgewählten Person im Publikum sein Trikot überreichte nach dieser so unglaublich souveränen Rockerei in der Innenverteidigung!
Hey, Erlebnisqualität IST Zentrum gelingenden Lebens, nicht das total gewordene Funktionieren des Regelauslegens und -befolgens, bei dem man nichts lernt und das doch wie eine Zwangsjacke all die Möglichkeiten abschnürt, die Erfahrung erst zur Erfahrung macht.
Bin mir aber sicher, dass die Boys in Brown morgen in Aalen wieder das Erlebnis suchen werden, dass wie wir auf den Rängen sie sich ganz in das Spiel verleben und die Magie leben wollen, die Passspiel, Kampf und Tore entfesseln können. Als Erlebnis, nicht Ausführen eines Plans.
Auf dass wir wieder danach alle leuchten … alle zusammen und jeder für sich, der beim Nippen am Bier aus dem Florian Bruns-Becher abends auf dem Sofa das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht bekommt … an dem Rahmen für die Bruuuuuuuuuuuuuuns"-Sax -Impovisation erlebe ich schon herum und lern was dabei. Dann klappt auch das mit der Ausführung irgendwann wie von selbst.
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