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“Was dann alles zu diesen Merkwürdigkeiten führt, dass zwar alle gegen Nazis sind, aber keiner FÜR PoC, Schwule, Lesben, Frauen oder Deklassierte.”
schöner Satz.
Fällt mir immer mehr auf. Das ist eine ganz merkwürdige Kiste, die da läuft. War neulich auch schon ein Tweet von mir
… danke!
Wie ist das eigentlich mit dem Utilitarismus? Ich bin ja philosophisch komplett unbewandert, aber ist das nutzlos erklären von Menschen wirklich schon im Utilatarismus angelegt? Mir kommt es eher so vor daß das Funktionalisieren von Menschen und eine Wertschätzung gemäß ihrer Verwertbarkeit ehe sowas wie ein Wirtschaftsfundamentalismus darstellt, welcher Menschen zur nachrrangigen Größe erklärt und Geld zur vorrangigen Größe. Neoliberalismus ist demnach Audruck eines alles übrige verachtenden Extremismus der Reichen oder genauer gesagt ihrer Interessen.
Utilitarismus kennt doch auch noch andere Wertmaßstäbe als Geld, nämlich Glück und das Glück der vielen. Utilitarismus verträgt sich nach meinem Verständnis auch mit der Idee eines sehr hohen Eigenwertes von jedem Menschen und einem Recht von jedem Menschen auf ein glückliches Leben. Eigentlich ist Utilitarismus dann doch fast schon ein antikapitalistischer Gedanke angelegt, der sich eben gegen den Reichtum der wenigen richtet und für das Glück der vielen. Vielleicht liege ich da falsch. Aus dem Wikipedia Beitrag wurde ich jedenfalls nicht richtig schlau. Du siehst jedenfalls wie wenig ahnung ich von all dem habe. Ich wollte auch keineswegs deine Kompetenz bestreiten und dein Verständnis von Utilitarismus kritisieren.
Das Kriterium beim Utilitarismus ist das des Durchschnittseinkommens “Das größtmögliche Glück aller”, aber eben nicht jedes Einzelnen. Das ist der Unterschied zu den liberalen Entwürfen. Weil es insgesamt so vielen gut geht, ist der Kapitalismus die beste aller möglichen Welten, die Armen fallen da nicht so ins Gewicht. Klassisch sind diese Beispiele, wie denn das ist mit 5 Leuten im Rettungsbot, die überleben können, wenn sie einen aufessen – im utilitaristischen Sinne ist das in Ordnung. Insofern kann es schon um das Glück der Vielen gehen; da wird aber auch so argumentiert, dass die Superreichen als Investoren ja so viele glücklich machten.
Ich habe das aber tatsächlich verwoben mit etwas anderem, nämlich der Kritik der “Zweckrationalität” (Max Weber), “instrumentellen Vernunft” (Horkheimer/Adorno), “strategischem Handeln” (Habermas). Das kommt aus der Kantischen Tradition: Nicht die Erfüllung eines Zwecks – ein Haus bauen, säen, ernten – kann Moral begründen, sondern die Begründung einer Regel und als Kriterium der Mensch als Zweck an sich selbst. Also: “Instrumentalsiere niemanden!” (Ernst Tugendhat). Da ist Nützlichkeit dann was völlig außermoralisches – “Du darfst nicht töten, Punkt!”, auch dann nicht, wenn die Todesstrafe eine abschreckende Wirkung haben sollte. Man muss ein Grundeinkommen gewähren, auch dann, wenn die Leute unnütz für die Produktions- und Verwaltungszwecke sind.
So ungefähr. Im Grundsätzlichen. Im Detail findet sich da auch Gutes – Glück ist zum Beispiel in der Kantischen Tradition gar kein Thema. Da ist der ganz protestantisch, die Pflicht!, ganz unabhängig davon, wie es den Leuten geht. Das hat aber den Vorteil, dass auch keiner in individuelle Glücksentwürfe hinein regieren kann mit Kantischen Mitteln. Auch da ist das Individualrecht letztlich maßgeblich.
Ist es so daß Utilitaristen einheitlich das Durchschnittseinkommen als Glücksmaßstab erwählen? Oder ist das ein neoliberales Fehlverständnis von Utilitarismus?
Nehmen wir doch einfach mal eine kleine Modellwelt mit 5 Personen und eine mögliche Transformation.
3 Personen sind wohlhabend mit je 18000 Fantasiageldeinheiten und darum glücklich, eine Person etwas stärker wohlhabend mit 24000 Fantasiageldeinheiten und darum glücklich, eine Person ist mit 12000 Fantasias weniger wohlhabend und darum leicht unglücklich. Der jährliche materielle Gesamtwohlstand dieser kleinen Modellwelt liegt bei z.B. 90000 Fantasia-Geldeinheiten. Nun transformiere ich diese kleine Modellwelt in neoliberaler Weise. Eine Person ist jetzt richtig wohlhabend mit 60.000 Fantasias, eine Person konnte sich ihren Wohlstand erhalten und liegt bei 18000 Fantasias, eine Person liegen bei 12000 Fantasias und zwei Personen zählen nun mit je 5000 Fantasias zu den neuen Armen und sind sehr unglücklich.
Nach der neoliberalen Transformation ist der Gesamtwohlstand gestiegen und mit ihm auch der Durchschnittswohlstand. Das an den Fantasias hängende materielle Glück ist jedoch in dieser Modellwelt gesunken. Ich verstehe nichts von Philosophie. Wäre ich ein Tauschwertutilitarist, dann müsste ich die neoliberale Transformation ablehnen. Ich sehe keinen Weg für einen Utilitaristen, die neoliberale Transformation für eine glückliche zu halten.
Außer vielleicht, ich bin dumm und frech.
Ich wüsste jetzt nicht, wieso die neoliberale Transformation mit dem “größtmöglichen Glück aller” im Widerspruch läge – deren Kriterien, Nützlichkeit und das eben genannte, gucken ja nur auf die Gesamtheit, nicht den einzelnen. Das Bruttoszialprodukt, die starke Wirtschaft, die Summe.
Deswegen weiß ich jetzt aber auch nicht, was ein Tauschwertutilitarist sein könnte
– vielleicht habe ich das ja auch noch nicht wirklich durchdrungen.
Ich glaube du hast das mit dem Utilitarismus noch nicht so ganz durchdrungen vielleicht aus prinzipiell berechtigter Abneigung. Mir kommt es so vor du nimmst als Utilitarismus nur zur Kenntnis was Neoliberale als Utilitarismus ausgegeben haben. Entscheidend aber ist es daß ein typischer Utilitarist auf pleasure und Glück schaut und zwar das Glück der einzelnen welches er da zu einer Art Gesamtglück akkumuliert.
Das ist sicherlich kritisierenswert neben Dingen die du angesprochen hast. Ein Utlitarist fremdelt oft mit Werten wie Freiheit Solidarität und Gerechtigkeit sobald diese im Einzelfall gegen sein simples Maximierungskalkül stehen. Insofern zähle ich den Utilitarismus zu den unterkomplexen Moralsystemen. Es ist aber noch ein ganz anderer Schritt vom akkumulierten persönlichen materiellen Glück der vielen zu abstrahieren und nur noch eine abstrakte Gesamtsumme und hier nur noch Einkommen oder materielles Vermögen zum Maßstab zu machen. Das ist kein Utilitarismus mehr.
Das ist etwas völlig anderes, und zwar etwas, was sich von den Themen Glück und Leid vollständig abgetrennt hat. Ich bin ja erst durch deinen Beitrag auf Utilitarismus gestoßen und vertippe mich bei dem Wort auch ständig. Bentham war so habe ich es gerade gelesen sogar Sozialreformer und begründete das mit dem möglichst großen Glück der größten Zahl. Bei Bentham zählt jeder Mensch. Bei den modernen Neoliberalen zählen nur Wohlhabende wie es den Übrigen geht ist für diese weitgehend unwichtig. Damit stehen sie im Gegensatz zu dem was ich mir heute über Utilitarismus zusammen gelesen habe.
Ich gestehe gerne ein daß ich keine Ahnung habe.
Entschuldige bitte wenn ich hier nochmal was in dein Blog reinwerfe aber das Thema hat mich heute irgendwie infiziert. Ich habe mich auch gefragt, was sind das für Leuter, die sich auf Utilitarismus berufen. Siehe da! Da waren sie plötzlich alle. Ganz viele Neoliberale und Reichenfreunde. Mir kommt es aber so vor als ob sie das Maximierungsprinzip des Utilitarismus mit ihrem eigenen Maximierungsprinzip zu Lasten der Übrigen verwechselten. Diese neoliberalen Leute die sich auf Utilitarismus berufen beschäftigen sich bemerkenswert oberflächlich bis überhauptnicht mit den Inhalten utilitaristischer Philosophie. Dann gibt es aber auch Leute die sich wirklich auf Utilitarismus berufen und diesen zu verinnerlichen versuchen. Zum Beispiel der da: http://zahlertreiber.wordpress.com/category/utilitarismus Es ist nicht so daß ich das sonderlich toll finde was der schreibt aber sein Utilitarismus unterscheidet sich ganz schön doll vom Tauschwertutilitarismus der Neoliberalen. Tauschwertutilitarismus nenne ich die Idee man könnte gesellschaftliches Glück in akkumulierten Tauschwert also Geld messen. Das ist aber noch viel dämlicher als Bentham.
Kein Grund zur Entschuldigung, das ist ja auch spannend. Aber Bentham als Sozialreformer hat zugleich das Panoptikum erfunden, das ist das, was Michel Foucault als Inbegriff der Machttechnologie untersucht hat. Ein Gefängnisentwurf, in dessen Mitte ein Beobachtungsturm ist, von dem aus in jede Zelle Einsicht genommen werden kann. Die Insassen wissen nicht, ob er besetzt ist oder nicht, da er es aber sein könnte, richten sie ihr Verhalten daran aus, dass bei Fehlverhalten Normierungen und Sanktionen einsetzen.
Das ist auch eine Funktionalismuskritik und eine Metapher auch für Hartz IV zum Beispiel. Weil ja nur,wer arbeitet, glücklich ist, und auch nur, wer “anderen nicht auf der Tasche liegt”. Und zugleich “für die Gesellschaft nützlich ist”. Viele der Sozialreformer des 19. Jahrhunderts waren eher Sozialdisziplinierer.
Mit dem Glück ist das halt so eine Sache. Gesellschaftlich sehr stark manifeste Vorstellungen dessen, was glücklich mache, können sehr grausam sein, weil sie die Tendenz erzeugen, Menschen zu ihrem Glück zwingen zu wollen. Was z.B. Schwule erfuhren, die mittels Elektroschocktherapie von ihrem “Leiden” geheilt werden sollten.
Die Kantische Tradition formuliert deshalb Rechte, die jedem den Zugang zu Ressourcen ermöglicht, die Voraussetzungen für Glück sein können, lässt Glück selbst aber unbestimmt. Das ist zunächst der große Unterschied zu antiken Entwürfen, die eher mit Tugenden argumentieren.
Was Du vermutlich meinst, ist der “Pursuit of Happiness” der amerikanischen Verfassung oder Unabhängigkeitserklärung, den ich wohl falsch schreibe wie immer. Der ist als individuelles Streben, das mœglich sein solle, angelegt.
Ich wüsste jetzt aber nicht, wo das bei Utilitaristen als individuelles Recht gedacht wird. Wenn, dann doch eher als Pflicht: Kümmern musst Du Dich schon um Dich selbst, und wenn das alle tun, geht es dem Ganzen gut. Was dann eine Rückkopplung an antike und auch protestantische Tugendethiken ist und zwar über das Individuum geht, aber Solidarität aufkündigt. Das ist mit individuellem Glücksstreben vereinbar, durchaus.
Den Link muss ich noch lesen. Aber es ist dieses Nützlichkeitskriterium als Moralisches, dass das Denken so verflixt macht. Ernst Tugendhat, der in seinen Vorlesungen über Ethik auch seltsame Thesen vertritt, betrachtet den Utilitarismus noch nicht mal als Moral, was auch nicht unüblich ist, Funktionales, Mittel/Zweck-Relationen, als nicht moralisch zu begreifen.
Habe jetzt noch mal grob überflogen – Rawls zum Beispiel würde ich gar nicht unter Utilitarismus verbuchen, vielleicht hat er das aber selbst gemacht, dann hab ich das vergessen
. Was da zusammen gefasst steht, ist aber eher die Differenz zwischen Verantwortungsethik und den Kantischen Konzeptionen, die eher Handlungsgründe als Handlungsfolgen thematisieren, weil letztere empirische bzw. Anwendungsfragen seien, und da könne eh niemand wissen, was bei raus kommt.
Und die Vertragstheorien werden wahlweise ebenfalls dahin gehend kritisiert, dass sie gar keine Moral formulierten, oder dahingehend, dass sie Kantischen Typs seien, weil sie das Vertrag voraus gehende – die Freiheit und Gleichheit derer, die ihn abschließen, z.B., sonst ist es gar keiner, sondern etwas unter Zwang Verordnetes – Bedingungen explizierten, diese selbst aber nicht über Nützlichkeitserwägungen betrachtet werden könnten.
Nachdem ich den Wikipedia-Artikel, den ich verlinkt hatte, nun auch noch mal gelesen habe, verstehe ich Deine Verwirrung
– die hedonistisches Varianten, diese Epikursche Suggestion Bentham, die er aus der aristotelischen Lust/Unlust-Unterscheidung oder eben auch pain und pleasure gewinnt, ist auch verwirrend, weil die Brücke zum größtmöglichen Wohl aller völlig unplausibel geschlagen wird. Daran kranken noch heute die wirtschaftstheoretischen Anwendungen, da gibt es den Anderen nämlich zwar noch als Vertragspartner gedacht, aber nicht als Person. Und dann stehen da individuelles Nutzenkalkül und die Glücksmaximierung aller einigermaßen unvermittelt nebeneinander, und in den Theorientwicklungen wurde das, was der Wikipedia-Artikel Altruismus nennt, auch eher überbetont. Und ich verwirre Dich noch mehr, weil ich Philosophiegeschichte und Diskussionen mit Wirtschaftsliberalen im Netz mische und sich auf einmal unbemerkt Ayn Rand einschleicht.
Ich glaube, das Problem des utilitaristischen Hedonismus ist, dass sie von Anbeginn an versucht haben, a.) mit Entscheidungstheorien zu operieren, die eine instrumentelle Haltung zum Anderen bewirken, “befriedige meine Präferenz”, und b.) der Konsequentialismus nicht die Weisheit Kants berücksichtigt, dass man ja wirklich nicht weiß, was nun wirklich bei raus kommt, weil in der empirischen Welt sonstwas intervenieren kann. Das ist ganz lustig, weil in der wirtschaftsliberalen Welt die “Anmaßung von Wissen” irgendwann Schlagwort wurde, Hayek, und gegen die Planwirtschaft gerichtet wurde. Aber nie auf die eigenen Theorien Anwendung fand.
Deswegen eiern die dann so rum – weil sie Grundsatz der Kantischen Rechtslehre, dass meine Freiheit da endet, wo die des Anderen anfängt, nicht kennen, systematisch. Kurz: Die bedenken Intersubjektivität gar nicht, sondern nur Entscheidungspfade. Und durch ihre Gemeinwohlvorstellung, die den Einzelnen auch nicht mehr berücksichtigt, kippt das Ganze ins Totalitäre, und Pleasure verschwindet einfach.
Danke für deine Kommentare! Je länger ich mich mit dem Thema befasse umso verwirrter bin ich. Was mir gedanklich nahe liegt das liegt den klassischen Utilitaristen fern. Das verstehe ich nicht. Gerade aus der Zielsetzung das Glück der größten Zahl zu befördern ergeben sich für mich fast schon sozialistische Implikationen. Tatsächlich driften die historischen Utilitaristen fast einheitlich in die Richtung klassischer bürgerlicher Ökonomie oder nem ulkigen gedanklichen Puritanismus der nur noch materiellen Wohlstand zur Grundlage weiterer Überlegungen nimmt. Die Neoliberalen Vordenker die sich zu Utilitaristen erklären eifern doch in Wirklichkeit nurieinem Geldfetisch hinterher. Ich verstehe nicht wie sich zum Beispiel ein Hayek auf Utilitarismus berufen kann wenn ihm das Schicksal der größten Zahl im Grunde genommen egal ist oder er das Elend der vielen als geradezu wünschenswertes und unvermeidliches Ergebnis von Marktprozessen in Kauf nimmt. Absurd. Wie soll so ein Denken utilitaristisch sein? Dahinter steht eine Verwechslung von Nützlichkeit mit Nutzen. Und auch das was du sagst die Perversion der Mittelzweckrelation zum Menschen. Ein gedankenloser Geldfetisch. Wenn ich Paul Singer oder Nozick betrachte die sich als Utilitaristen verstehen dann wird mir ganz übel.
Zu recht. Bei Hayek weiß ich jetzt gar nicht, ob der sich als Utilitarist begreift. Aber ansonsten geht das bis in die “Rational Choice”-Theorien der Soziologie und Wirtschaftswissenschaften, die ja auch Präferenzen z.B. von Marktteilnehmer ergründen, Entscheidungspfade analysieren und so. Und das ist auch eine Theorie, die sehr viel mit dem real-existierenden Sozialismus zu tun hat, paradoxerweise, durch den Rekurs auf das Gemeinwohl. Umgekehrt wird eine Wahlfreiheit behauptet, die ja erst mal gesellschaftlich realisiert sein müsste, wenn man da nicht existentialistisch ran gehen will. Und diese hat dann vor Eingriffen geschützt zu werden, negative Freiheit, und alles andere erzeugt die berühmte “unsichtbare Hand” und die Weisheit der Märkte, die das Glück der größten Zahl angeblich hervor bringen.
Wobei Adam Smith, der die “unsichtbare Hand” erfand, in seiner Moralphilosophie völlig anders argumentiert hat, da ist er über moralische Gefühle gegangen.
So Leute wie Hare, die kann man noch lesen. Rawls, der Utilitarismuskritiker war, ist eh wichtig. Aber diese ganzen anderen Leute haben einfach an einer hübschen Ideologie gestrickt, die mit Wirklichkeiten nichts zu tun hat.