Ich habe mich bisher vom Verein sehr gut vertreten gefühlt in der Frage des Aussperrens der Rostocker. Die gestrige Verlautbarung freilich, musste das sein?
Ich verstehe, dass vorab klar gestellt werden wollte, dass man sich vorsichtshalber prophylaktisch von Gewalt distanziert, die statt finden könnte. Ist halt nur die Frage, von wem die denn nun eigentlich ausgeht, bisherige Erfahrungen zeigen, dass Gewalt von Seiten der Polizei zu befürchten ist. Was Ausfälle im eigenen Lager nicht verniedlichen soll.
Und ggf. von den Rostockern; dass man diese im Falle von Kundgebungen am Hauptbahnhof ggf. oder frei flottierend im Viertel schlechter in den Griff bekommt, als wenn man sie ins Stadion geleitet und wieder raus, das ist ja nun nicht von geplanten Radioübertragungen auf dem Südkurvenplatz initiiert worden.
Ich verstehe auch, dass die Befürchtung besteht, dass auf dem Weg durch die Instanzen eventuelle Vorkommnisse am Sonntag als problematisch angesehen werden könnten.
Ich verstehe allerdings nicht, wieso das nicht so gesagt wird, sondern stattdessen eine Boykottaktion der Ultras diskreditiert wird bei gleichzeitiger Suggestion, es könne wieder eine Blockade geplant sein. Das ist einfach nur Wasser auf die Mühlen des autoritär-konservativen Mobs im eigenen Stadion, das zu so verdrehten Slogans wie dem folgenden führt:
| “ST.PAULIANER, GEBT DER ESKALATION DER GEWALT KEIN FUTTER, SYMPATHISIERT NICHT MIT EINER „RECHT AUF GEWALT“ – DEMO DER ROSTOCKER – DAS IST NICHT UNSER DING! GEHT INS STADION, SUPPORTET EUER TEAM!” |
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Was für ein horrender Schwachsinn. So was freilich hat nun das Präsidium befördert, das ja grundsätzlich sehr wohl in der Lage ist, gleichzeitig vehement gegen Gewalt und trotzdem für positive Rechte eines jeden Einzelnen einzutreten im Gegensatz zu jenen Apologeten, die St. Pauli nicht verstehen. Recht ist für viele wohl zu abstrakt, als dass sie es verstehen würden.
Das Präsidium hat hat nun eine Situation herbei geführt, die den Eindruck erweckt, dass, wer ins Stadion geht statt draußen bei USP zu bleiben, gegen deren Protest opponieren würde. Das ist fatal.
Protest, der schon dadurch Rechtfertigung findet, dass eine antidemokratische, polizeistaatliche Maßnahme wie die Errichtung eines “Gefahrengebietes” nunmehr proklamiert wurde - eine Maßnahme, die eher zu südamerikanischen Diktaturen oder der DDR gepasst hätte, bezieht man sie zumindest im Prinzipiellen auf eine grundrechtsbasierte Demokratie, deren Teil-Abschaffung offenkundig vom Hamburger Senat intendiert ist. Wie ja auch das polizeistaatliche Erzeugen eines “Konsumklimas” in Innenstädten und dergleichen belegt; das sind einfach totalitäre Tendenzen.
USP ist es damit schon jetzt gelungen, den Beweis zu erbringen, dass ein Aussperren von Fans ungleich problematischer ist und ein weit höheres Gefährdungsrisiko bewirk, als so was mal lieber bleiben zu lassen. Sogar Teile der Hamburger Presse, ansonsten jede Behördendemagogie nachplappernd, haben das geschnallt.
Zitate wie das obige protestieren stattdessen vehement für die Etablierung antidemokratischer, STRUKTURELLER Gewalt, für einen Ersatz des Individualrechts durch Kollektivstrafen und somit für schlicht und ergreifend ein anderes Rechtssystem (ich meine dessen prinzipielle, nicht reale Form). Man muss sich nur mal zu Gemüte führen, was “Gefahrengebiet” heißt:
“Gefahrengebiete konstruieren einen Generalverdacht gegenüber Menschen, die sich in bestimmten Stadtteilen aufhalten. Dieser Generalverdacht richtet sich insbesondere gegen polizeilich definierte „Zielgruppen“. In den Senatsantworten auf eine Kleine Anfragen der LINKEN werden folgende „Zielgruppen“ genannt:
· „Personen, die sich in den Grenzen des Gefahrengebiets aufhalten und vom äußeren Erscheinungsbild und/oder ihrem Verhalten der Drogenszene zugeordnet werden können“ (Drogenkonsum),
· „16-25-Jährige in Gruppen ab drei Personen oder Personen, die alkoholisiert sind und/oder sich auffällig verhalten.“ (Jugenddevianz)
· „Einzelpersonen, die nach polizeiliche Erfahrung der gewaltbereiten Fußballszene zuzurechnen sind oder 16-35-Jährige in Gruppen ab drei Personen“ (Fußballfans)
· „Personen, die augenscheinlich dem linken Spektrum zuzurechnen sind“ (links-alternative Demonstrationen),
Die Polizei verfügt per Gesetz über die Definitionshoheit, welche Personen an welchen Orten zu welchen Zeitpunkten kontrolliert und kriminalisiert werden. Praktiziert werden verdachtsunabhängige Personenkontrollen, die einen gravierenden Eingriff in die Grundrechte der informationellen Selbstbestimmung darstellen. Hierfür braucht die Polizei weder einen konkreten Anfangsverdacht noch eine konkrete Gefahr.”
Das ist sozusagen die Fortsetzung der “Verbotsverfügung” mit anderen Mitteln, weil es sich im Rahmen ganz ähnlicher Parameter bewegt.
Für so was plädiert jeder, der nun auf USP eindrischt – für nicht etwa formal das staatliche Gewaltmonopol, sondern dessen offenkundigen Missbrauch. Dass das Polizeirecht systematisch so angelegt ist, die Verfassung auszuhöhlen, das zumindest habe ich nun einmal mehr lernen dürfen. Wenn die Frage danach, wer denn nun als “Störer” zu begreifen sei, Priorität vor Individualrechten hat, kann man sich ja nur noch an den Kopf fassen.
Und viele der Reaktionen zeigen nur einmal mehr, wie scheißegal den meisten Freiheitsrechte sind, so lange sie ihre “freie Fahrt für freie Bürger” erhalten. Das ist auch so ekelhaft deutsch. Mir doch scheißegal, ob alle Nase lang PoC von der Polizei drangsaliert werden (gerade im Falle von “Gefahrengebieten”, eben auch nachts auf dem Kiez). Mir doch scheißegal, Hauptsache ICH kann ins Stadion, wann immer ich will.
Dass die immer noch nicht gepeilt haben, dass sie das dann in Braunschweig oder Dresden demnächst ggf. auch nicht mehr dürfen, zeigt nur einmal mehr die krude Selbstgerechtigkeit derer, die glauben, SIE könne es ja nicht treffen als “rechtschaffene Bürger”. Was immer nur heißt, dass alle anderen ihnen eh am Arsch vorbei gehen.
Nee, schade, dass das Präsidium es einem aufgrund all dessen im Grunde genommen unmöglich gemacht hat, ins Stadion zu gehen und stattdessen den Spaltpilz nährte, der wie ein Damokles-Schwert über der Fanszene des FC St. Pauli wuchert und sie noch weiter normalisieren könnte.
Vielleicht male ich aber auch ein “Solidarität mit USP – gegen den autoritären Charakter!”-Plakat und gehe trotzdem rein
…
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