Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Von David, Jonathan, Leviticus und “Zina”

Mein kleiner, österlicher Ausflug in die Frühgeschichte der Religionen sei freilich um ein unangenehmen Aspekt ergänzt. Seit frühster Jugend, als ich in Reihenhaustüren stand und dachte “Hey, prima, Zeugen Jehovas, die sind bibelfest, die frage ich mal aus!” wird man ja mit diesem Unsinn konfrontiert, dass so called “Homosexualität” nicht Gottes Wille sei.

So nach und nach lernt man die biblischen Passagen kennen, auf die sich die Hetzer, Heiler und Hasserfüllten sich stützen – Paulus ist da eh als Interpret nicht sonderlich ernst zu nehmen, da er vor allem gegen die römisch-hellenistischen Traditionen wetterte, ein klein wenig zur Schärfung der USP, die “Sodom und Gomorrah”-Story dreht sich eher um Gastfreundschaft und Vergewaltigung. Die Evangelien sind voller homoerotischer Anspielungen, sei es der Lieblingsjünger, der sich beim Abendmahl an Jesu Brust kuschelt, die Love-Affaire mit Lazarus im getilgten Part des Markus-Evangeliums (bei Rhizom kann man in der Kommentarsektion nachlesen, wie eifernde Christen die Wikipedia-Einträge steuern), die ganze Ikonographie besteht aus halbnackten Männern und angezogenen Frauen – und dann ist da noch das Buch Leviticus. Und das ist dummerweise einer der Grundtexte des Judentums.

Vertiefend behandelt Hagalil das schaurige Thema. Da sind die Motive vor geprägt, mit denen heute noch der Papst hantiert, wenn auch verschärft durch eine generell sexualfeindliche Haltung, die dem Judentum fremd war (beiläufig sei erwähnt, dass das Zölibat, beriefe es sich denn auf das Mattäus-Evangelium, eine Kastration der Priester erforderlich machen würde).

Das Judentum, ja zum Zeitpunkt, der für die Kreuzigung, fand sie nun statt oder nicht, ja auch kein einheitliches Bild bot – da gab es, wenn ich mich nicht verrecherchiert habe, zum Beispiel die Sadduzäer, die jüdische Oberschicht, die bereit waren, sich auch dem massiven hellnistischen Einfluss zu öffnen. Und die Pharisäer, eine populäre, religiöse Laienorgansiation – oder auch die Zeloten, die massiv gegen die römischen Besatzer wetterten und kämpften.

Diese Gruppen von Aufständischen waren es dann ja auch, die durch die Zerstörung des 2. Tempels im Jahre 70 und von Jerusalem im Allgemeinen nieder gerungen werden sollten – es folgte die jüdische Diaspora (bei alledem lasse ich mich gerne korrigieren, wenn ich mir was Falsches angelesen habe).

Was nicht daran ändert, dass der Leviticus als Teil der Tora ziemlich zentral ist für das Judentum auch die schriftliche Quelle der Homophobie im Christentum. Zu diesem Buch, Baustein der christlichen Bibel, gibt es herrliche Satiren – was nun allerdings nichts an dem Leid, dass durch die Vorschrift ggf. verursacht wurde, ändert.

Und ja, es ist in diesem Kontext immer zu betonen, dass das, was wir heute unter “Homosexualität” verstehen, ein sexualwissenschaftlich-medizinisches Konstrukt irgendwelcher durchgeknallten Typen wie Krafft-Ebing (“erbliche Nervenkrankheit”) ist und dass schon Foucault nicht müde wurde zu betonen, dass das, was in altgriechischen Schriften zur Knabenliebe stand, a.) eine völlig andere Erfahrung gewesen sei als Schwulsein heute und b.) alleine die Tatsache, dass es dazu so viele Texte gab, ein Zeichen dafür war, dass sie als Problem empfunden wurde. Warum auch immer – ja, it’s the Patriachat, stupid. Je länger man da rum wühlt, desto klarer wird das, dass der ganze Religionszirkus nichts anderes als Patriachatsabsicherung war.

Gerade das kann man in der Kanonisierungszeit der Kirchenväter ziemlich gut nachvollziehen, wie sich um die neu bildenden Kirchen unter Bischöfen zwar irgendwo tief unten in der Hierarchie angesiedelt noch Jungfrauen fanden, aber vieles in der Abwehr der Gnostiker diente auch dazu, z.B. Prophetinnen aus dem Rennen zu werfen. Und nicht zufällig tauchen Regeln gegen Lesben kaum auf, weil die unter Bedingungen des Phallozentrismus als nicht so wichtig galten.

Trotz all dem Geschriebenen stößt man dann doch noch auf etwas sehr Charmantes –  nicht nur diesen Text, sondern auch auf die anrührende, alttestamentliche Liebe zwischen David und Jonathan. In christlichen Predigten wird sie als Beispiel für eine tolle Freundschaft interpretiert, warum auch nicht. Etwas verschämt zwar, aber auch Foucault machte kurz vor seinem Tode Freundschaft zum zentralen Thema.

Erstaunlich ergänzend immer wieder, wenn man zum Thema “Islam und Homosexualität” herum sucht. Diese islamische Systematik zwischen Hadith, Sunna und Koran ist für mich als Nixwisser kaum durchschaubar, auch Verhältnis und Rang der verschiedenen Rechtsschulen nicht – aber alleine schon der Blick in den etwas wirren Wikipedia-Eintrag zeigt doch eine ungeheure Vielfalt der Interpretationsmöglichkeiten.

Durfte neulich einer Diskussion bei Facebook beiwohnen, da die großartige Lamya Kaddor sich höchst irritiert zeigte, dass der Begriff “Zina“, so was wie Unzucht, auf so called “Homosexualität” anzuwenden sei.

Auf dem Terrain hat Georg Klauda irrevidierbare und großartige Pionierarbeit geleistet, andere folgen ihm:

“Der Islam ist Experten zufolge mehr als tausend Jahre lang tolerant mit Homosexuellen umgegangen. „Dass es heute in muslimischen Ländern handfeste Schwulen-Verfolgungen bis hin zu Hinrichtungen gibt, lässt sich nicht auf eine lange religiöse oder kulturelle Tradition zurückführen“, sagte Arabist Prof. Dr. Thomas Bauer am Dienstagabend in Münster. „Vielmehr blickt der Islam auf eine tausendjährige Geschichte reicher homoerotischer Kultur zurück.“ Im Rechtswesen dieser Zeit seien sexuelle Männer-Beziehungen nicht bestraft worden. Erst im 19. Jahrhundert habe der Westen den „Kampf gegen den unordentlichen Sex“ im Nahen Osten eingeführt.

Die damals importierte Homosexuellen-Feindlichkeit sei heute in islamischen Ländern „eine unheilige Allianz mit den strengsten religiösen Interpretationen“ eingegangen, so Prof. Bauer. Der Lebensstil schwuler Männer werde von politischen Kräften, etwa im Iran oder von Taliban, als „verwestlicht“ und „dekadent“ abgelehnt.”

Was sozusagen ein vermeintlich antikolonialer Klassiker wurde, der selber Kolonisation fort schreibt – in vielen afrikanischen Regionen soll es sich ganz ähnlich verhalten haben, und nun quatschen sie, auf ihre evangelikalen Finanziers schielend, Unsinn wie jenen, so called “Homosexualität” sei “unafrikanisch”, um Mord und Totschlag zu begehen. Und das in Ländern wie Liberia, wo frei gelassene Sklaven, in der Sklaverei christianisiert, u.a., wo sie mit machten unter anderem, um dadurch Status unter Bedingungen der Unterwerfung zu erlangen, angesiedelt wurden, um das Land kolonisieren zu können. Diese bildeten dann die Oberschicht, die jenen, nicht brutal und mörderisch auf den amerikanischen Kontinent verschifft wurden, den Jesus nahe zu bringen gedachten. Folgeschäden der Einheit von Kolonialismus und christlicher Missionierung, sozusagen … da noch von “unafrikanisch” zu reden, während man Evangelikalen nach dem Munde redet, das ist schon befremdend.

Halten wir uns lieber an David und Jonathan. Lasset uns lieben! So meine Osterbotschaft.

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