Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Slawen-Zivilisierung?

Das Schlimme an der Grass-Debatte ist ja nicht nur dieser selbst, sondern wer so alles aus den Löchern gekrochen kommt, um den Franz-Josef Strauß zu geben. Da sind manche der Kritiker ja nicht weniger wiedergängerisch als Grass selbst. Die Pamphlete in DIE WELT steigern sich mittlerweile zum obligatorischen Gegen-68 in kuriosester Wortwahl – die Renegaten sind halt immer die schlimmsten:

“Der Kaschube Grass hat den weitaus größten Teil seines Lebens in der Bundesrepublik Deutschland verbracht. Er gehört zur ersten Generation seit Langem in Deutschland, welche die Früchte von Demokratie, Westbindung und Marktwirtschaft genießen konnte, in vollen Zügen, möchte man sagen.”

Ich musste erst mal googeln, was “Kaschube” eigentlich meint. Wie kommt man denn dazu, ausgerechnet westslawische Ethnien in so einem Zusammenhang anzuführen? An die Haltung des “3. Reiches” Slawen gegenüber kann man bei Gelegenheit ja auch mal erinnern.

Dass es zum Standardrepertoire der Neuen Rechten gehört, sich vollumfänglich auf die Seite Israels zu schlagen und dieses für ein Epos “des Westens” zu instrumentalisieren, das von Kolonisation, Pinochet und Vietnam nichts mehr wissen will, geschenkt; das muss einen an der eigenen, prinzipiellen Solidarität mit dem Land ja nun nicht hindern. Auch wenn der Autor vermutlich die im Kibbuz einst gar nicht mit gemeint, sondern ihnen erst mal die Leviten gelesen hätte.

Auch vor strukturell antisemitischem Jargon schreckt der Mann nicht zurück:

“Grass will an dieser Bewegung des Zweifelns teilhaben, aber er tut es auf parasitäre Weise.”

“Parasitär”. Feinster “Mein Kampf”-Sprech wird da im Zuge des Fahnenappells ausgestoßen. Ja, nur ein Wörtchen, aber eben das, in dem am meisten von dieser Drecksideologie sich verbirgt.

Das sind genau die Typen, die 1930 gegen die “jüdische Kaffeehausliteraten”und deren “zersetzenden Geist” gewettert hätten, die nur an der “Kultur des deutschen Volkes herum schmarotzten”, weil sie selbst “kulturschöpferisch nicht tätig sein könnten”. (Mal ab davon, dass der Gedanke der Identifkation mit den “Opfervölkern” nicht nur doof ist. Aber mancher ist halt mutmaßlich lieber Täter und potenziell völkisch – wen meint er denn mit “Tätervolk”? Die Kaschuben?)

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4 Antworten zu “Slawen-Zivilisierung?

  1. T. Albert April 7, 2012 um 10:59 nachmittags

    Ja, “der Kaschube” soll sich mal nicht so haben. WIr lassen ihn unsere Früchte geniessen.
    (Die Waffen-SS-Mitgliedschaft war doch von Nutzen.)
    Was heisst , der Schmid ist “potenziell” völkisch? Und zum “Renegaten” habe ich eine andere Einstellung, nach meinen jugendlichen K-Gruppen-Erfahrungen. Man muss die neidvolle Aufregung von dieser Seite über Grass` Waffen-SS-Zeit nicht so ernst nehmen.

    Beeindruckend ist sowas immer wieder, auch wie Herr Schmid taktisch ungenau bleibt, weil Grass doch nach gutem deutschem Sprachgebrauch gar kein Vollkaschube ist, allenfalls ein Halbkaschube oder ein Viertelkaschube, jedenfalls kein Arier; aber einfach ” der Kaschube” klingt natürlich noch furchterregender als “Halbkaschube”. Gelernt ist gelernt.

  2. momorulez April 7, 2012 um 11:27 nachmittags

    Mir ist da auch echt die Kinnlade runter gefallen bei dem “Kaschuben”, der doch die Früchte des Marshall-Plans genießen durfte, so als “Reingeschmeckter” in Adolfs Erbe (in deren Interpretation, der war ja Vorkämpfer des Antikommunismus): Westbindung und Demokratie, die “der Kaschube” allenfalls parasitär zu nutzen wusste.

    Musste da an die Hansa-Rostock-Fans denken, die in Cottbus “Ihr seid Sorben, asoziale Sorben” singen. Womit wir wieder beim Schoße wären.

  3. JG April 8, 2012 um 5:11 nachmittags

    “Ich musste erst mal googeln, was “Kaschube” eigentlich meint. Wie kommt man denn dazu, ausgerechnet westslawische Ethnien in so einem Zusammenhang anzuführen? ”

    Also wenn du mal ein wenig Grass gelesen hättest wäre dir der Begriff geläufig, da kommt der nämlich häufiger vor und ich kenne ihn fast auch nur aus seiner Lektüre.
    Macht den rassistischen Mist des Springer-Schreibers natürlich nicht besser.

  4. momorulez April 8, 2012 um 5:37 nachmittags

    Ich lese ja lieber Krimis :D … wusste ich nicht, Danke für den Hinweis! Und in der Tat, das da rein zu pfriemeln macht das echt nicht besser.

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