Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

“Political Correctness”, die wasweißichwievielte

“Gutmenschen, Schwuchtel, Alerta-Aktivist” stand ja nicht zufällig auf dem allseits diskutierten Transparent in der BVB-Kurve – diese Anti-”Gutmenschen”-Rhetorik ist ja verbrodert und verfleischauert in derart viele Köpfe hinein gesickert, dass manch einer gar nicht mehr merkt, dass es da goebbelt.

Es sind die immer gleichen Schablonen, die da Anwendung finden und die millionenschwere Agitation gegen “Political Correctness” nachplappern. Und das immer wieder aufs Neue Erschütternde ist, wie tief auch in der Irgendwielinken sich das eingegraben hat. Manchmal dienen Jugenderinnerungen dazu, irgendwelche provinziellen Szenespezifika über das Joch des Lesben- und Feministinnenkultes breit zu treten. Andere wiederum ereifern sich über das Scheitern der Männergruppen von einst, anstatt mal zu versuchen, es heute vielleicht besser zu machen. Wäre ja mal an der Zeit.

Immer wieder taucht der Gedanke auf, es ginge lediglich darum, nun Erpressungspotenzial zu generieren, um arme Mehrheitsgesellschaftler und dominante Gesellschaftsgruppen zu “denunzieren”. Natürlich grundsätzlich zu Unrecht. Das Schlimme ist, dass diese Rhetorik so erfolgreich ist, dass selbst Betroffene allmählich anfangen, sie zu adaptieren. Da gab es ordentlich Gegenwind, und Kübra, die so oft so tolle Sachen schreibt, möchte man da einfach nur Kästners “Was immer auch geschieht, nie dürft ihr so tief sinken, den Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken!” zurufen. Habe mich richtig erschrocken, als ich das gelesen habe. Da ich Kübra sehr schätze, mochte ich erst gar nix dazu sagen oder schreiben, ein ganz anderer Anlass treibt mich nun dazu,

Das leitet direkt zu einem anderen Dauerbrenner des “Teile und herrsche” über: Dieser Klassiker, die Urteile der Mehrheitsgesellschaft zu internalisieren und zu glauben, man sei ganz besonders weit vorne, wenn man sie immer schon beantwortet hat. Hat auch meine Biographie geprägt.

Es gibt so eine Art Vorwärtsverteidigung, die in vorauseilendem Gehorsam bereits beantwortet, was sie glaubt, als Reaktion auf Devianz zu erhalten. Corny Littmanns “Schwulsein ist nicht abenfüllend” war so ein Ding, da war ihm der Applaus der Heten sicher, die allabendlich Filme über Heterosexualität im Fernsehen schauen.

Das sind die Aussagen, die Mehrheitsgesellschaftler und dominante Gruppen nutzen, um “Derailing” zu betreiben. “Ich habe da aber einen schwarze Freundin, die meldet sich mit N…rin am Telefon!” Na, prima. Da freut den Deutschen, der tabubrechend das N-Wort andernorts auch liebend gerne in Überschriften schreibt. Natürlich das nur, um die Bösen zu denunzieren. Jaja. Gab ja auch hier Kommentatoren, die die Kommentarsektion mit homophoben Kraftausdrücken voll kotzten, weil sie angeblich Schwulenfeindlichkeit denunzieren wollten. “Ich habe da aber einen jüdischen Freund, und der sagt …” – als wäre das völlig unvorstellbar, dass 2 Juden 3 Perspektiven einnehmen können.

Viele WHMs, die sich aufrichtig bemühen, Antira, Antihomophobie und Antisexismus zu betreiben, verunsichert das sehr, wenn Gegenwind aus einer der Betroffenengruppen gegen das, was nun wieder andere dieser Gruppen proklamierten, aufkommt. Klar gibt es da differente Ansichten, das beste ist, man hört ihnen einfach allen zu :)

In manchen Fällen liegt das, glaube ich, daran, dass nun nicht jeder jederzeit die Energie aufbringt, sich nicht zu arrangieren mit mehrheitsgesellschaftlichen Verhältnissen. Gibt ja auch nur wenige, die das aushalten.

Paradebeispiel scheint mir, vielleicht zu Unrecht, in der Kommentarsektion bei Stpauli.nu vorzuliegen:

“Alles richtig, nur mit “Fummel in die Kurven”, bitte nicht! Schwulsein lässt sich nicht auf äußere Attitüden beschränken. Mein Schwulsein in der Kurve bedeutet, dass ich ein bunter Farbtupfer unter vielen bin. Ich bin nur dann ein bisschen bunter, wenn ich nach einem Tor meinem Freund einen Kuss gebe und mich freue, wenn andere in anderen Momenten ein bisschen bunter sind und sich von mir unterscheiden.”

Da ich an der “Fummel in die Kurven”-Idee nicht ganz unbeteiligt war, meines Wissens wurde sie von Einzelnen bei USP schon bei der Rostock-Fahrt umgesetzt, sei sie noch einmal erläutert: Es geht ja gar nicht darum, nun ein mögliches Klischee Schwule betreffend zu reproduzieren, “äußere Attitüden”. Sondern um die Erfahrung, die Heten machen, wenn sie jenseits des Männerballetts im Karneval inmitten der Macho-Welt Fussball aus der Cis-Rolle ausbrechen. Das kann durchaus lehreich sein.

Es ist zudem etwas eigentümlich, wenn sich Schwule ständig das “Klischee” der Verweiblichung wehren wollen – falls das da überhaupt gemeint ist in dem Kommentar. Warum denn?

Ansonsten scheint mir, vielleicht irre ich, der Kommentator da bereits, siehe oben, auf etwas zu reagieren – nämlich diese Nummer, die extrem häufig kommt, man würde sich ja wohl als “etwas Besonderes fühlen”. Aaaargh. Das sind ja diese Klassiker – erst wird man ausgesondert und zu dem Anderen gemacht, und dann auch noch dafür angegriffen, dass das so war und ist. Und die NPD und andere machen daraus den “Schwulenkult”, der angeblich betrieben wurde. In der Göttinger Autonomenszene gab es halt stattdessen – angeblich – den “Lesbenkult”, unter dem so gelitten wurde.

Das sind die aktuell fiesesten Szenen, wie alle wissen, die sich mit Sujets wie diesen herum schlagen. Am häufigsten gerät man mit den 35-50jährigen aneinander, die in irgendwielinken Zusammenhängen sozialisiert sind. Wahrscheinlich auch, weil man die richtig Rechten auch gar nicht trifft.

Die meinen ja immer alles nur gut und haben Antirassismus, Antihomophobie und Antisexismus aber so was von mit Löffeln gefressen, dass sie stets befugt sind, Betroffene darüber aufzukären, wo derartige Phänomene vorliegen und wo nicht. Und jeder, der das Spiel nicht mit spielt, wird früher oder später pathologisiert. So ein Hetenmob in einem solchen Diskussionszusammenhang ist ein außerordentlich unangenehmes Phänomen. Flüchten, weg beißen, woanders weiter machen.

Hakt und setzt man nach, Tackling gibt es ja auch in Diskussionen, stößt man früher oder später meistens auf all das, was die US-Rechte vermeintlich “argumentativ” vorbereitet hat. Das bricht dann allzu oft heraus. Praktischerweise ist mir nun bei Amazon ein Buch von Herrn Schönbohm über den Weg gelaufen, auf das ich von nun an immer nur noch zu verlinken brauche, wenn mal wieder wer mit so was kommt:

“Politische Korrektheit: Denken in den streng vorgezeichneten Bahnen derer, die in einzelnen gesellschaftlichen Bereichen und zu mehr oder weniger grundlegenden Fragen die Deutungshoheit für sich beanspruchen – und jede Verlautbarung in eine oft abstruse, von schauderhaften Worthülsen strotzende Sprache gießen. Man könnte das mit Erheiterung registrieren, wenn sich dahinter nicht etwas sehr Ernstes verbergen würde. Jörg Schönbohm, eigenwilliger und unbeugsamer Konservativer, zeigt in beklemmender Weise, daß das, was einst sinnvoll als Kampf gegen Minderheitendiskriminierung begonnen hatte, heute immer mehr in eine Dämonisierung und Stigmatisierung von Andersdenkenden mündet. Was die Folgen angeht, die Gefahren für Demo¬kratie und Meinungsfreiheit nämlich, kann er sich zu Recht auf Montesquieu berufen: Dort, wo es keine sichtbaren Konflikte gibt, gibt es auch keine Freiheit.”

Ähem, ja. Wogegen wettert man denn eigentlich, wenn man Politcal Correctness einfordert? Gegen die Dämonisierung und Stigmatiserung Anderseiender. Was der Herr nun gewissermaßen als Menschenrecht für sich einzufordern scheint.

Und es ist schon dreist, wenn ein Herr Schönbohm Deutungshoheit zum Beispiel über muslimische, weibliche, schwule, lesbische, schwarze Erfahrung überhaupt für sich in Anspruch nehmen will. Da wird einfach das vollzogen, was er kritisiert. Die armen, unterdrückten WHM …

Aber man kann sicher sein: Ob sie sich nun Alter Bolschewik oder sonstwie nennen, irgendwann vollziehen sie analoge Manöver, und falls es direkt nicht geht, dann über den Umweg der Kritik der Sprache (verschwurbelt, abtruse Worthülsen usw.) oder als Bildungsbürgerkritik getarnt.

Da hat die Neue Rechte wirklich ganze Arbeit geleistet. Traurig. Aber wahr. Wer Anti-PC-Rhetorik betreibt, muss schon wissen, mit wem er da kooperiert.

Natürlich darf man bei PC nicht stehen bleiben. Aber gerade die Intensität, mit der die Debatte immer wieder darauf fokussiert wird, zeigt, dass man da ständig wieder hin muss.

 

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4 Antworten zu ““Political Correctness”, die wasweißichwievielte

  1. Pingback: Berlintrip, #FCSP verliert mal wieder gegen eine Schauspielertruppe – und Homophobie verliert immer « KleinerTods FC St. Pauli Blog

  2. kleinertod März 19, 2012 um 12:28 nachmittags

    Danke für die guten und deutlichen Worte. Es ist verdammt traurig, daß diese immer wieder notwendig zu sein scheinen…

  3. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Eine explizite Blogschau: Sex, Begehren und Schönheitsbilder

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