Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

“Wer vom Faschismus spricht, sollte vom Patriachat nicht schweigen”

So hervorragend dieser Artikel bei Publikative ja ist (!!!), so wichtig trotz gelegentlicher vermeintlich “antideutscher” Ausfälle dieses Organ sein mag – es fällt doch immer mal wieder auf, dass aufgrund der Fixierung auf Neonazis implizit und vermutlich ungewollt eine Variante der Extremismustheorie verfolgt wird, der entscheidende Pointen entgehen. Im verlinkten Text zeigt sich das z.B. am folgenden Passus:

In Rostock sorgen die „Suptras“ – bei aller Kritik an ihrer Gewaltbereitschaft – seit Jahren immerhin auch dafür, dass organisierte Neonazis im Ostseestadion keine Propagandamöglichkeit bekommen. Dass dies in einem Bundesland mit den strukturellen Problemen Mecklenburg-Vorpommerns, wo die NPD den Wiedereinzug ins Parlament geschafft hat, auch ganz anders aussehen könnte, kann sich hoffentlich jeder vorstellen.”

 

Ja. Und nein.

Dass einst NPD-Funktionäre aus dem Stadion geprügelt wurden, ja, klar. Da steckt trotzdem Kristina Schröder mit drin, deren Ideologie die Suptras meines Wissens ja folgen: Agitation gegen links wird als “Gegen Politik im Stadion” und “Gegen Extremismus von links und rechts verpackt”, und wenn ein halbes Stadion homophobe Gesänge anstimmt, gilt das als irgendwie unpolitisch.

So weit ich informiert bin, sind die Suptras ein rechtsoffener Männerbund, der ganz wie die Katholische Kirche einst hochaggressiv gegen szeneinterne “Häretiker” vorgeht, und deren Denken unterscheidet sich unter dem Banner des Unpolitischen so gravierend von NPD-Positionen nun auch nicht.

Bei aller Anerkennung, allem Respekt, aller Bewunderung auch für die Arbeit des NPD-Info-Blogs einst: Entgeht das den Autoren? Auch homophobe Gesänge sind rechtsextrem.

Implizit wird dadurch anderer DFB-Unsinn ja sogar gestärkt: Eben derartiges Liedgut gar nicht weiter zu problematisieren, aber Strafen verhängen zu wollen, wenn angeblich “Nazi” in Richtung von Rostock-Spielern gerufen wird (faktisch wurde “Naki” gerufen).

Das hat auch Konsequenzen für die Antirassismusarbeit. Kern derer hat ja die Infragestellung völkischer Kategorien zu sein – was das meint, kann man hier nachlesen. Typisch z.B. folgende Passagen:

“Der Satz “Sie sprechen ja fantastisch Deutsch” ist nicht rassistisch, sondern nur ignorant. Und mit Ignoranz macht man vor allem in Deutschland viele Erfahrungen.

(…)


Der Kern des Problems ist, dass es nicht akzeptiert wird, dass ich mich als Britin verstehe, weil ich nicht britisch genug aussehe. Es ist ganz egal, ob ich dort geboren wurde, ob ich die Queen mag, gerne Tee trinke oder irgendein anderes Klischee erfülle. Ich bin aufgrund meines Aussehens für viele Leute einfach keine Britin. Das zeigt, finde ich, dass Rassismus noch immer ein aktuelles Problem ist, egal wie subtil er heute auch sein mag.”

 

Dieses “Wo kommst Du denn her?” bei Menschen, die in Deutschland geboren wurden (auch wenn es im Beispiel Großbritannien ist), dieses Erstaunen, wenn PoC fließend deutsch sprechen usw. – DAS ist ja das Zentrum des Problems, nicht nur Nazis und ihre Sprüche und Gesänge. Und das ist allgegenwärtig.

Erinnere mich z.B. an eine Situation im Stadion, als mein Haupttribünennachbar angesichts eines Schwarzen, der an uns vorbei ging, fragte: “Spielt der auch bei uns?” Weil der Durchschnittsdeutsche da an Fussballer, aber nicht Chefredakteure oder Börsenmakler denkt und schon gar nicht an “Volksdeutsche” – durch die Focussierung auf explizit Rechtsextreme wird das Problem aber eher getarnt. Hat Publikative beim “Black Face”-Skandal ja auch ausgiebig drüber berichtet. Trotzdem: Schreiben bei Publikative, von der, nach einem schwarzen Opfer rassistischen Mordens benannt wohl finanzierten (? – ist das so?) Antonio Amadeu-Stiftung,  eigentlich auch PoC? Ernst gemeinte Frage ohne polemischen Hintergedanken.

Es ist ja vollkommen richtig, gegen den Terror der im Alltag nicht nur in “national befreiter Zonen” agierenden Gewalttäter massiv anzuschreiben.

Ansonsten ist, rückblickend, in der bundesrepublikansichen Geschichte immer STRUKTURELL Problem gewesen, dass die vermeintliche “Mitte” und ihre politischen Vertreter Positionen der Rechtsextremen abgeschwächt übernommen haben, nicht, dass die Gefahr bestanden hätte, dass diese irgendwann die Regierung stellen könnten. Und dass man nie so genau wusste, welche Gesinnungen sich in Armee und Polizei so tummeln. Während zugleich alle mit dem Finger auf die Neonazis zeigen. Weil man das muss, ja – aber so entsteht auch die Ablenkung von der frauenverachtenden, rassistischen und homophoben, deutschen Alltagskultur.

Da hat Publikative ja auch vorbildlich über den oder die Polizeikalender berichtet – ich glaube, auch beim Thema Ultras ist es ein bißchen simpel, nunmehr solcherlei Einsickerungen und Präsenzen in männerbündlerische Organisationsformen zu ignorieren.

Dass bei uns am Millerntor Frauen meines Wissens einen stärkeren Einfluss haben als in anderen Fankurven, das ist ja eine ziemlich tolle Sache. Soll heißen: Wer vom Faschismus spricht, sollte vom Patriachat nicht schweigen. Alltagsrassismus und Homophobie in der “Mitte” auch dann mit thematisieren, wenn es um Neonazis geht. Antisemitismus wird ja von Publikative zum Glück ausgiebig thematisiert.

Ja. Das wollte ich nur los werden.

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2 Antworten zu ““Wer vom Faschismus spricht, sollte vom Patriachat nicht schweigen”

  1. Andrej Reisin März 13, 2012 um 10:35 vormittags

    Antwort darauf steht bei uns. Herzliche Grüße.

  2. momorulez März 13, 2012 um 10:49 vormittags

    Dankeschön! Für die Antwort wie auch den Hinweis ;)

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