Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Leichtbier, lachsfarbene Saccos und legérer Einheitslook: TSV München 1860 – FC St. Pauli 1:1

Ich dachte schon, es sei eine Falle.

Auf einen Parkplatz lockten sie mich.

Als der Taxifahrer über den Schotter fuhr, sah ich nur Dunkelheit. Angestrahlte, wahrscheinlich hochsubventionierte Gebäude eines mutmaßlichen Forschungszentrums auf grüner Wiesen standen in diskreter Entfernung und guckten neugierig. Auf vermutlich grüner Wiese. Es war ja dunkel.

“Garching-Hochbürck” hieß das Nichts im Nichts, irgendwo zwischen Flughafen und dem Zielort. Ich stieg aus. Menschen. Zum Glück Menschen um mich herum. Würde doch nicht so einfach sein, mir hier einen über die Rübe zu geben und mich meiner kümmerlichen Habseligkeiten zu berauben. Auch Menschen in Braun-Weiß tummelten sich in Vorfreude zwischen den Karossen. Das beruhigt.

Das Telefon läutete. Eine mir fremde Stimme umschmeichelte mich – er sei es, in dessen Kofferraum ich mein Gepäck legen solle. Ich beschloss, es zu wagen. Es zu tun. Ja, es ist schwer, in dieses Leben und seine Darsteller Vertrauen zu fassen, und doch, ich tat es: Ich legte meine Taschen, zwei an der Zahl, in den Kofferraum seines Kombis.

Wir gingen zur U-Bahn. Gemischte Gruppen 60er und St. Paulianer. Alles schien friedlich. Eine Station nur mussten wir fahren. Tatsächlich treffen wir, als wir aussteigen, @alfetta und @ring2, die fiese Würste in sich hinein stopfen. Mit Senf. Ganz viel Senf. Der verteilt sich auf Mundwinkel, in Barthaare, an Nasenspitzen. Wir trotten auf einen überdimensionalen, blauen Leuchtkörper zu, der von der Dunkelheit sich abhebt wie der Palast einer nordischen Eiskönigin. Und das inmitten des barocken Bayern?

Eine Menschenansamlung vor dem Monument. Die “Arena-Card” kann man hier kaufen und aufladen. Gehe auf einen fremden Menschen zu, um zu fragen, ob man diese Unart von Zahlungsmittel auch im Oval erwerben kann. Mein Blick saugt sich an seinem Schal fest. Irgendwas mit Deutschlandfahne und altdeutscher Schrift ist dort zu sehen. Er zittert und weiß nicht, was ich von ihm will. Ich frage, ob man diese blöde Karte auch drinnen kaufen kann. Er sagt ja, erleichert. Zu betonen ist, dass wirklich viele Anti-Nazi-Transparente auf Seiten der 60er die Ränge und nach dem Spiel auch den Rasen schmückten.

Weiter schlendern wir und werden von freundlichen Ordnern hinein gelassen. Der Barcode-Leser wünscht viel Spaß oder irgend sowas. Wir erfahren: Es gibt nur “Leichtbier”, was immer das ist. Spekuliere schon, ob die Bayern vielleicht Helles grundsätzlich so nennen. Es wird behauptet, es handele sich um solche mit 3% Alkohol. Wäre ja wenigstens was. Wirken tut es nicht. Auch beim Dritten nicht.

Wir erklimmen die Eiger-Norwand. So fühlt es sich zumindest an. Immer höher hinauf steigen wir rutschige Betonstufen und bereuen es, keine Sicherungsseile dabei zu haben. Es ist 19.30 h. Die Arena wirkt noch etwas unbelebt …

Kalt. Leer. Nass.

Okay, ein bißchen voller wurde es noch. Aber 31.000 verlieren sich da schon ein wenig in diesem Riesenstadion …

Lustige Sachen singen die da bei den “Löwen”. Manche Gesänge hörten sich an wie “James Brown”, super!!!, andere 10 Minuten später wie “Häßliiich”. Gemeint war wohl TSV und Sechzig. Aber die Bayern versteht man ja eh sehr schlecht.

Ein Fussballspiel gab es auch zu sehen, und im Gegensatz zu mancher Forums-Unke fand ich unsere Jungs richtig prima. Immer mal wieder super Spielzuüge darunter, auch wenn die wie so oft an der Strafraumgrenze verebbten, weil Ebbers ja fehlt. Sliskovic machte aus der Not fehlender Anspielstationen eine Tugend und rempelte sich in den Strafraum hinein, bis ganz katholisch “Auge um Auge, Zahn um Zahn”-mäßig der Gegenspieler als Antwort ihm die Wange ihm so dringlich aufdrückte, “Komm, nimm sie!”, dass es einen Elfmeter gab. Wie ja jeder weiß, ich wollte nur ein paar Bibelzitate unterbringen. Geht ja um Bayern.

Das mit dem “Ich bringe das Schwert!”, das als Jesus-Wort irgendwer ins Neue Testament kompiliert hat, hatten die 60er nicht vollständig internalisiert. Sie hatten zwar die besseren Chancen, aber machten nichts draus. Alles etwas stumpf. Na, bis zur 88. Minute jedenfalls.

In der zweiten Halbzeit löwten sie zumeist etwas ratlos herum und bewegten kaum noch, verschoben sich zwar auf dem Platze, griffen unsere Jungs jedoch nicht mehr an, wohl auch, weil sie müde und frustriert darüber waren, dass sie trotz zeitweiser Anstrengungen den Ball dabei so oft einfach nicht bekamen. Ganz viel laufen, ohne das gewünschte Ergebnis zu erzielen, das ist ja auch nicht schon im Fussball und eher was für Jogger oder so.

In manchen der Spielzüge unserer Boys in Brown hingegen lag Magie, da kam immer mal wieder Zauber auf, also, wenn die da weiter machen, dann klappt es irgendwann auch wieder mit dem Toreschießen. Und wer Paddy Funk jetzt beschimpft, nee, also, ich meine, wer will denn bitte Perfektion? Perfektion ist langweilig und doof, und wer im Leben nie daneben haut, macht auch keine Erfahrungen. Also Schwamm drüber. Mir hat es viel Spaß gemacht, das Spiel zu gucken.

Ganz im Gegensatz zur Fahrt in überfüllten U-Bahnen. Das HASSE ich. Nee, die eine Station zurück nach Garching Hochbrück hat mir ja völlig gereicht. Um die Klamotten aus dem Kofferraum zu holen, versteht sich, mussten wir ja wieder da hin.

So saßen wir in einer kuscheligen Ibis-Lobby und warteten, ganz dekadent, auf ein Taxi in die City.

Eigentlich sind das ja die wirklich wertvollen Momente des Lebens: Wenn man irgendwo ist, wo man noch nicht mal auf die Idee käme, da wahlweise sein oder nicht sein zu wollen, weil der Ort so dermaßen völlig egal ist, dass man dort ganz entspannt quatschen, die Seele baumeln lassen kann und in eine Zeitlosigkeit befördert wird, in der man einfach gar nichts will, weil es ja gerade gut ist, wie es ist.

Dennoch fanden wir uns ca. 37 Minuten später in einer Kneipe in West-Schwabing wieder, knabberten Baguette-Dingens mit Frischkäse-Pasten und Aufschnitt, tranken endlich richtiges Bier und guckten Miami Vice ohne Ton. Weil stattdessen netter Soul den Raum füllte.

Und da geht ja was ab, wenn Menschen unseres Alters “Miami Vice” gucken! “Guck mal – lachsfarbene Saccos!” “Kicher, damals!”, “Wie alt war der Don Johnson damals eigentlich?” “Hatte der nicht was mit Melanie Griffith?” “Sag mal, war der eigentlich auch eine Homo-Ikone?”, und Erinnerungen an ritualisiertes Denver-Clan-Gucken, Miami-Vice-Schuhe und Zeiten, da es noch keine Handies gab, erfüllten uns.

Irgendwann verstrahlt in Zufriedenheit und Nostalgie zwischen Mint und Pink Flamingos und Panasonic-Telefonen mit coolem Design und schier endlos langen Antennen versunken …

… ganz und gar mit dem Erleben sich steigernder Müdigkeit verschmolzen ins Bett, um ein paar Stunden später lecker am Flughafen München zu frühstücken. Was laufen da nur für attraktive Männer, alle in den gleichen Klamotten herum?
Braunes Sacco, leider kein lachsfarbenes :D , blauer Pullover, weiße Siebziger-Kragen luken stylish darunter hervor. Alles zur Jeans. Einer von denen legt sich noch einmal eine Runde auf einer der Bänke im Wartebereich schlafen, andere demonstrieren einfach nur, dass sie auch nach Last-Minute-Toren noch blendend aussehen – um einen kleinen, Blonden, hat man den Eindruck, gruppieren sich die ganze Zeit immer ein paar von ihnen, als wollten sie ihn schützen. Etwas abseits sitzt einer mit Glatze und guckt finster.
Sie verteilen sich im Flieger unters “gemeine Volk”, also, ich finde das ja schon gut, dass die so unabgeschottet durch die Gegend reisen und noch selbst ihre Kisten schleppen … und so ein Miami-Vice-Look als gesponsorter Einheitslook wäre ja auch nicht wirklich St. Pauli-like.
Danke euch, hat Spaß gemacht, die Tour!
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7 Antworten zu “Leichtbier, lachsfarbene Saccos und legérer Einheitslook: TSV München 1860 – FC St. Pauli 1:1

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  3. Sem März 6, 2012 um 4:52 nachmittags

    (Ich sage jetzt mal nicht, dass ich in der Realität weniger Interesse an Fußball habe.)
    Ich schreibe anstattdessen, dass ich deine verführerische Sprache sehr gern gelesen habe. Der Anfang sollte wohl auch das mehrdeutige einer Verführung haben, und es hat gewirkt. Ich mochte es, wie du mich in das Stadion mitnimmst – in welches ich in der Realität wohl eher keinen Fuß setzen würde – und mich an dem ganzen teilhaben lässt. Und die gesamte Zeit über habe ich den Blick des (männlichen) Verführten und sich Einlassenden. Das war wunderbar zu lesen. Ich lasse mich gern sprachlich entführen. Vielen Dank.

  4. momorulez März 6, 2012 um 4:55 nachmittags

    Dankeschön! Das ist ein Riesenkompliment, da freue ich mich wirklich sehr darüber!!!

  5. darktrail März 7, 2012 um 1:41 vormittags

    Hm. Das Bild der Kneipe lässt in mir den Verdacht aufkommen, dass man ein vor längerer Zeit angedachtes Gespräch unter Umständen gestern hätte führen können. Wie das Leben so spielt. Stellt sich mir die Frage, ob der Schal im Vordergrund sogar noch meiner ist, ich die Perspektive missinterpretiere, anders saß als gedacht oder die Zeiten andere waren.

  6. momorulez März 7, 2012 um 9:33 vormittags

    :D – das war das “Café Schwabing” am Kurfürstenplatz ;) – der Schal allerdings der von @alfetta bzw. @ring2. Letzterer ist das ja auch auf dem Bild, was okay ist, das zu schreiben, weil er ja sein wahres Gesicht oft ins Netz stellt.

    Und ich glaube, wir waren da die einzigen St. Paulianer. Ansonsten waren da eher Pärchen, und an der Bar, glaube ich, ein 60er mit zwei Begleiterinnen.

    Was uns aber nicht davon abhalten sollte, nach einem Spiel gemeinsam ein Bier zu trinken! Bist Du verfacebooked oder vertwittert?

  7. Pingback: #FCSP gegen 1860, den DFB, die Polizei, den modernen Fußball und so weiter « KleinerTods FC St. Pauli Blog

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