Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: März 2012

Bravo, Präsidium!

Freudlos im Gottesstaat leben …

“Ist das einem weltanschaulich neutralen Staat angemessen?

Ich glaube schon, denn diese Tage haben nicht nur eine Bedeutung für Gläubige. Und die persönliche Freiheit des Einzelnen bleibt gewahrt, denn die Regelungen betreffen ausschließlich öffentliche Veranstaltungen. Das Tanzen im Privatbereich wollte man schon 1952 ganz explizit nicht reglementieren.”

Na, super. Gnädig. Bei Luther gewährt noch Gott selbst die Gnade … und nun will sie der Herr Kirchenpräsident verordnen.

Welche andere politische Organisation nimmt sich eigentlich das Recht heraus, Menschen aus dem öffentlichen Raum in die Privatsphäre zu verbannen, den öffentlichen Raum jedoch zu okkupieren? Okay, Gewerkschaften im Falle von Ladenöffnungszeiten vielleicht, und natürlich allerlei Formen der Ökonomisierung des öffentlichen Raumes, aber ansonsten ist das doch ziemlich anmaßend, was der da von sich gibt. Ein bißchen mehr Demut, bitteschön, Herr Kirchenpräsident.

Zudem es weder muslimische noch jüdische Feiertage als gesetzliche gibt, der Christopher Street Day ist auch keiner, und dass nun ausgerechnet die Kirchen bei ihrer Gewaltgeschichte, Inquisition, Hexenverbrennung, 3ojährige Kriege, Pogrome gegen Juden, Schwulenfeindlichkeit sich an die Spitze des Gedenkens an Gewaltopfer setzen, das ist schon ein historisches Kuriosum und würde keiner anderen politischen Organisation mit derart viel Dreck am Stecken zugestanden:

“An Karfreitag richtet sich der Blick auf das Kreuz Christi – der Tag regt zur Besinnung über Tod und Leid an, aber auch darauf, dass Menschen Opfer von Hass und Gewalt werden”

wo doch zugleich meiste Hass weltweit von Religionsvertretern geschürt wird. Na, vielleicht ja Karfreitag als Tag der Reue und der Sühne angesichts der Geschichte der Kirchen?

Zum Zeitraum des Erlassens von Tanzverboten, 1952, war unter Berufung auf “Christliches” so viel juristisches Unheil im Westen Deutschlands präsent, dass schon die mangelnde Reflektion darauf dem Herren Politiker unter die Nase gerieben werden muss.

Ganz interessant ist, was Antje Schrupp – bin ja etwas erschrocken über deren christliches Bekenntnis, Mehr von diesem Beitrag lesen

Das St. Pauli-Rätsel

Rätselraten war angesagt.

Fussballkultur ist ja u.a. die Sakralisierung des Profanen, zumindest zum Teil am Millerntor, und doch fehlen so viele Mittel, die alten Kulten noch zur Verfügung standen – insbesondere jenes des Orakels.

Man kann ja schlecht nach dem Spiel vor der Domschenke ein Schaf opfern und aus den Eingeweiden lesen, um Hilfe beim Begreifen des Spiels zu erleben. So betrachtet man nach einem Spieltag spielerisch das Spiel selbst als ein Orakel und deutet es wie eine heilige Schrift: Zeichenmagie und die Vorstellung der Welt als Text, der zu lesen und auszulegen sei, laufen einfach so ab. Ob man will oder nicht.

Weil Uneindeutigkeiten und Rätselhaftigkeiten das Spielgeschehen prägen und so dessen Lektüre erschweren. Und, wenn schon die 90 Minuten selbst nicht allzu spannend sind, man solche wenigstens im Nachhinein erzeugen möchte durch das Erdenken dramatischer Konstellationen.

Da müssen Antagonismen her, sonst stimmt die Story nicht. Konflikt, Konflikt, Konflikt! ist die Regel, die manchmal zur aristotelischen Kartharsis leitet, manchmal auch nicht, und es gelingt bei der Dramatisierung im Falle des FC St. Pauli nicht, die Einheit von Raum und Zeit zu wahren – eine Tiefenstruktur scheint das Sichtbare zu erzeugen. Und die scheint außerhalb des Platzes zu liegen. Oder?

Spielen sie gegen den Trainer? Möglich, unmöglich? Ja, reine Spekulation, schreib ich ja. Oder haben Sie Angst vor ihm? Vor dem Aufstieg? Oder vor uns, dem Heimpublikum? Vor Regenwürmern gar?

Irgendwas wirkt offensichtlich unrund, so, als würden sie nicht verstehen, was der  Trainer von ihnen will, als würde ihnen irgendetwas nicht passen, als wäre das Teambuilding nicht ganz das, was es sein könnte.

Wir sind sogar schon mal mit einem viel schlechteren Kader einst aufgestiegen, danach ging es allerdings auch sehr steil und tief hinab bergab – da hatte das gemeinsame Kochen und das Gefühl, ein Haufen Aussortierter, Absteiger Nr. 1, zu sein, für Schwung und permanentes Toreschießen gesorgt.

Die nunmehr auf dem Platze rücken teilweise gar nicht mehr auf, wenn vorne jemand den “Sturm”lauf beginnt, als wüssten oder wollten sie wahlweise gar nicht mehr, worum es bei diesem Spiel geht.

Hat der Trainer nur ein Defensivkonzept? Glaube ich nach gestern nicht mehr, da waren immerhin zwei Stürmer auf dem Platz. Was schon dolle ist, nachdem wir zeitweise ganz und gar ohne spielten. Ja, die ersten 10 Minuten waren prima, aber dann?

Sind die “Alten” zu satt und wissen, dass sie im Falle eines Aufstiegs ggf. keine große Rolle mehr spielen würden, Ebbers, Bruns, vielleicht Boll oder Morena, der zwar nicht spielte, aber wohl als Persönlichkeit auch weiter prägen wird? Also lieber noch gemütlich beim Verein, zu dem man so viel Bindung spürt, noch ein Jahr die zweite Liga rocken? Unbewusst? Eine ganz besonders fiese Frage, ich liebe sie alle!! Und verehre sie! Und werde das auch weiterhin in Liga 2 tun. Und gönne ihnen alles, jede Lebensfreude, jedes Liebesglück!!! Das wäre nur leider gar kein ungewöhnlicher Effekt, das ist in vielen anderen Mannschaften auch schon so gelaufen.

Sind zu viele geistig schon auf dem Absprung, fühlen sich zu Unrecht auf die Bank gesetzt oder sehen den FC ST. Pauli nur als Durchgangsstation?

Sind alles gemeine Fragen, weil ja nichts von dem wirklich willentlich ablaufen oder gar wahr sein  muss. Weil diese Saison sowieso jene des Übergangs von den alten Recken, mit denen wir schon aus der Regionalliga aufgestiegen sind und dann in die erste hinein, zu neuen Ufern ist und Schubert sich augenscheinlich so was wie eine Hausmacht aus Paderbornern aufbaut. Was ja normal ist. Und wie wir reagieren, wenn man unsere Helden entfernt, das war ja beim Aussortieren von Eger und Lechner wirklich deutlich. Das ist ja auch schwierig, mit solch gewachsenen Strukturen zu agieren, während man doch eigene bauen will.

Ist auch gemein, weil wir in der Tabelle gut stehen, die Wurst auf dem Dom lecker schmeckte, so schrecklich das da sonst auch war, und die Begleitung war prima wie immer!!!, wir also nach dem Spiel eh genug Spaß hatten, dass das davor zumindest relativiert wurde.

 

Und nein, es geht nicht darum, nun ein Spektakel zu erleben, weil man ja dafür bezahlt hat.

Es geht um dieses seltsame Gefühl nach jedem der letzten Spiele. Der Eindruck von Rat-, Plan- und Ziellosigkeit. Man meint, dass da mehr Potenzial wäre, das nicht ausgeschöpft wird. Und will ja eigentlich “Wir freuen uns schon auf die Relegation” als Überschrift für Blogeinträge wählen. So sitzen dann alt vertraute Menschen neben einem und fangen auf einmal an, eigene Spieler zu beschimpfen. Dann rüffelt man sie, sie beginnen einsichtig, jeden Spielzug nur noch mit “Super!”, “Klasse!” zu kommentieren – was plötzlich noch viel fieser wirkt.

Vor allem wirkt es immer wieder so, als würde es der Mannschaft selbst keinen Spaß mehr machen. Dabei will man doch mit ihnen welchen haben.

Doch was des Rätsels Lösung ist – keine Ahnung … vielleicht doch ein Schaf opfern und in den Eingeweiden lesen?

Na, immerhin auf den Rängen war manches Transparent sehr fein. Von denen kann es ja gar nicht genug geben, liebe BASCH. Nicht nur das “Wir müssen draußen bleiben!” an die Adresse der Polizei gerichtet (kann man beim Kleinen Tod angucken), auch das folgende meines Fanclubs Die Desorgansierten St. Pauli fordert den Applaus geradezu heraus:

 

Quelle: Kleiner Tod

 

In diesem Sinne! Zu den Bekenntnissen mancher Cottbusser siehe hier.

“Rassismus ist ein Problem der Weißen, das PoCs und Schwarze ausbaden müssen”

Der alte Londsdale-( =NSDA)-“Gag” im neuen Gewande im Gästeblock des Millerntores:

“Schwer zu lesen, aber da steht “Ein Sieg heilt unsere Wunden”. Die Buchstaben sind gleich gemalt, nix herausgehoben. So auf den ersten Blick harmlos. Aber denkt man drüber nach, dann ist da ein “Sieg Heil” drin. Dummer Zufall? Unglücklich? Vielleicht. Ihr seht das weiße Banner, was dahinter hochgehalten wird? Vielleicht zufällig? Vielleicht dazu passend? Wir wollen keine Vermutungen anstellen. Aber Zufälle sind immer eine zu einfache Ausrede.” 

Erbärmlich, seine Kreativität darauf zu verwenden, Nazi-Parolen in fremde Stadien zu schmuggeln. Und dann noch ausgerechnet dieser “Slogan” – aber Opfer verhöhnen ist ja fast schon Mainstream in Deutschland, wenn auch nicht immer derart explizit.

Konnte das – anders als diese Flaggen einst im Chemnitz-Block, zu Regionalligazeiten, damals, die kurz darauf die richtige Antwort erhielten – gestern im Stadion nicht sehen. Scheiße genug ist es allemal.

Freilich kann die Antwort nicht nur ein schlichtes “gegen Nazis!” sein. Das ist immer nötig, wieso man dabei nicht stehen bleiben soll, kann und darf, weiß eindrucksvoll Karano zu berichten:

“Warum habt ihr die ganze Zeit über Lobeshymnen für euch gesungen? Sicher ist es erfreulich, dass Nazis nicht marschieren können, aber sich die ganze Zeit über selbst dafür zu loben, ist absolut unangebracht. Glaubt ihr der Rassismus ist damit besiegt? In diesem Land sind rassistische Denkstrukturen in allen Köpfen tief verankert. Und ja, auch in euren! Im Übrigen ist es die Pflicht, keine Heldentat jedes_r weißen Deutschen etwas gegen Rassismus und Faschismus zu tun. Rassismus ist ein Problem der Weißen, das PoCs und Schwarze ausbaden müssen. Das Verhindern eines Naziaufmarsches ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein in einem Land, in dem Rassismus strukturell und institutionell verankert ist. Es ist nicht mehr, als das Einfordern eines Mindestmaßes.”

 

“Schwuler Defensivscheiß”

Hättet ihr uns lieber offensiver? Von mir aus …

Ich distribuiere das mal, weil der Facebook-Auftritt des “Aktionsbündnisses gegen Homophobie und Sexismus” natürlich nicht so viele “Gefällt mir”-Klicks hat wie der Übersteiger, die Spieler oder der Verein, so als “Special Interest”-Thema:

“‎”Gegner und Schiedsrichter werden als „Pussies“, „Schwuchteln“ oder als „Tussies“ beschimpft.” – Hier mal ein paar Eindrücke eines Gegengeradenstehers Block 3, die zeigen, wie sehr es für uns immer wieder lohnt, vor der eigenen Tür zu kehren.”

usw. – war zwar auch irritiert, dass sich Vertreter dieses Bündnisses mit einem Katholischen Geistlichen auf ein St. Pauli-Podium setzen, aber egal, bin ja auch nur eine Internethupe.

Natürlich kommt prompt irgendein ein Onkel in die dortige Kommentarsektion und faselt irgendwas von “Gutmenschmentalität“, was zu einem der zentralen Themen dieses Blogs überleitet, nämlich den Strategien der Neuen Rechten. Die sind im verlinkten Wikipedia-Eintrag am Beispiel “Gutmensch” ganz treffend erläutert; es würde auch verblüffen, wenn sie sich in Diskussionen rund um das Millerntor nicht finden würden.

Bemerkenswert finde ich auch diesen, wie mir scheint, inflationären Gebrauch von eh schon abwertenden Termini für weibliche Geschlechtsorgane als Schimpfwort an Männer gerichtet, der mir in letzter Zeit extrem zugenommen zu haben scheint, wenn ich lauschend über bevölkerte Bürgersteige flaniere.

Wie kommt das eigentlich? Ich dachte immer, heterosexuelle Männer mögen diese Körperzonen (Unkenrufen zum Trotze habe ich da auch nix gegen, es erregt mich lediglich nicht)? Das soll jetzt keineswegs auf Genitales und Penetration reduzierte Sexualität proklamieren, geschweige denn eine Reduktion von Frauen auf dieses, nein!, trotzdem, was ist das eigentlich für ein völlig verdrehtes Verhältnis zum eigenen Begehren, abwerten zu müssen, was man doch sexy findet? Wenn ich im Vergleich dazu an die Sakralisierung mancher Körperteile im Werke Jean Genets denke …

Irgendetwas in der Sozialisation hinsichtlich eigener Lustvorstellungen muss da außerordentlich schief laufen … und da finden manche Schwule “krank”. Lachhaft, wenn man sich das Verhalten mancher, vieler?, heterosexueller Männer so betrachtet …

»Wie ein reinigendes Gewitter«

“Und das ist Springers Schuld. Mit seiner Gleichsetzung von Israels Soldaten und der Naziwehrmacht, von Rommel und Dajan, hat er in die 68er Studenten, die gegen das Regime der alten Nazis in der Bundesrepublik aufstanden, jenen Antizionismus implantiert, der viele noch heute einseitig und absolut stets gegen Israel Partei ergreifen läßt.”

Na, vielleicht doch etwas überpointiert, nunmehr den, auf den reagiert wird, für diese Reaktion verantwortlich zu machen. Als wäre es unmöglich, sich unabhängig von Springers Großvorgaben mit dem Thema zu beschäftigen. Zudem im verlinkten Artikel allein schon das Thema Zionismus zu schlagwortartig abgehandelt wird.

Aber dafür steht da genug anderes – ein äußerst lesenswert Text zur Vorgeschichte des Instrumentalisierens Israels für ganz andere Diskussionslagen, hiesige Interessen eben, der aufzeigt, wie Springer-Blätter einst zu Zeiten des Sechs-Tage-Krieges Mosche Dajan zum “Rommel-Schüler” verklärten und auch sonst äußerst selbstreferentiell Kontinuitäten herstellten:

“»Blitzkrieg – Blitzsieg« jubelt auch die Überschrift der Bunten, und bevor es noch soweit war, formulierte die begeisterte Welt: »Israels Panzer rollen dem Sieg entgegen.« Führten wir einst den totalen Krieg – so errang Israel heute den »totalen Sieg« (BZ).”

All das wird berichtet anlässlich einer Ausstellung aktuell im Jüdischen Museum in Frankfurt: »Bild dir dein Volk! Axel Springer und die Juden«.

Einst wurden vom Großverlag Motive in die Welt gesetzt, die bis zu den so called “Antideutschen” wirken – teils von Ex-Nazis, die Projektionsfläche suchten ausgerechnet in jenem Staat, da viele ihrer Opfer und deren Nachkommen lebten. Otto Köhler, damals wohl Autor beim Spiegel, fasste schon 1967 pointiert und bitter die Haltung mancher derer zusammen:

“Die Israelis haben sich in die Herzen der Deutschen hineingesiegt, und wir alle sind fest entschlossen, den Juden unseren Antisemitismus von gestern nicht länger nachzutragen.”

Einer der Gründe, warum man vielleicht ausgerechnet in Deutschland zum Thema Israel nicht allzu weit die Schnauze aufreißen sollte, wenn man nicht sehr, sehr gut informiert ist. Das ist der Grund, warum hier im Blog so selten etwas dazu steht.

Da ich mich in hiesigen Diskussionslagen seit 1967 etwas besser auskenne, sei der verlinkte Text dringend zur Lektüre empfohlen.

Finde ich gut!

 

 

Quelle: Fanladen/Facebook

 

Ist ja nur die Frage, ob da dann auch wieder ein Katholischer Geistlicher geladen ist ;) … die Rolle der Katholischen wie auch Orthodoxen Kirche in Osteuropa kann bei dem Thema wohl kaum unterschätzt werden.

Massenvernichtungslager in Kreuzberg?

Die Neue Rechte ist um keine Schamlosigkeit verlegen, und natürlich instrumentalisiert sie wie üblich Juden für ihre Propagandaschriften.

Ich habe keine Ahnung, wie begründet die Abwehr des “BMW Guggenheim-Labs” ist und weiß auch sonst nichts über diesen Fall ist; mit welcher Rhetorik schlicht gestrickte, publizistische Heckenschützen wie Poschardt auf den  Widerstand dagegen schießen, ist nichtsdestotrotz frappierend:

“Die selbsternannten Antifaschisten bedienen sich dabei Nazi-Methoden.”

“… ,dass die New Yorker Kulturinstitution einen jüdischen Namen trägt und eine „Guggenheim raus“-Bewegung exakt dort anknüpft, wo Nazis vor knapp 70 Jahren aufgehört haben.”

Ein verwüsteter Kontinent, 6 Millionen vergaste Juden, gemeuchelte Schwule, brutal ermordete Behinderte, Millionen toter Osteuropäer, Kriegsinvalide, massenhaft Zwangsarbeiter – auch so kann man Auschwitz ignorieren oder zumindest die Erinnerung daran zum Verschwinden bringen.

Ist ja gar nicht auszuschließen, dass wie im Falle des Name-Droppens “die Rotschilds!” in Diskussionen sich da Antisemitismen eingeschlichen haben, aber die Nazis hörten doch woanders auf … übrigens bei größtmöglicher Ausschöpfung der Mittel des staatlichen Gewaltmonopols.

Zudem der Herr Poschardt sich ja mal mit der Geschichte von BMW befassen kann, seiner eigenen Logik folgend wäre die Ansiedlung von irgendwas, das mit diesem Unternehmen zu tun hat, Nazi-Methodik:

“Im Jahr 1938 wurde die Argus Motoren Gesellschaft des jüdischen Fabrikanten Moritz Straus „arisiert”, was zur Entstehung des BMW-Werkes II in München-Allach führte. BMW setzte dort zum Ausbau des Werkes und zur Fertigung von Flugzeugmotoren über 17.000[3] Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge ein. Untergebracht waren diese in Zwangsarbeitslagern und im Außenlager Allach des KZ Dachau.

“Der bis zu 1.467 kW (2.000 PS) starke Doppel-Sternmotor BMW 801 war einer der wichtigsten deutschen Flugzeugmotoren. Er wurde unter anderem in dieFocke-Wulf Fw 190 und Junkers Ju 88 eingebaut. Mit der Produktion waren zeitweise etwa zur Hälfte Russen befasst. Stückzahl und Leistungskraft der Motoren mussten gesteigert werden. Erst im Jahr 1943 konnte das Unternehmen das gewünschte Produktionssoll erfüllen. Die kämpfende Truppe beklagte indessen unter anderem Kolbenfresser, Ventilschäden oder Kipphebelbrüche bei diesem Motor. Weitere Flugmotoren waren der BMW 132, BMW 802 undBMW 803. In den Stammwerken wurden noch die „Wehrmachtsgespanne“ (schwere Motorräder mit angetriebenem Beiwagen) und zwischen 1937 und 1942 das Automodell 325 gebaut. Letzteres musste als sogenannter „Leichter Einheits-Pkw“ in weitgehend identischer Konstruktion auch von Stoewer undHanomag nach Vorgaben der Wehrmacht hergestellt werden.”

Da weiter machen, wo die Nazis aufgehört haben … übrigens fingen die in Hamburg unter anderem damit an, die letzten Gängeviertel abzureißen. Auch eine Form von Gentrifzierung. Weil sich da kommunistisches und sozialdemokratisches Gesindel und miefige Gewerkschafter herum trieben, die man noch nicht interniert bekommen hatte und an deren Rand auch die frühen Synagogen standen, wenn auch damals der Grindel zum jüdischen Viertel schon geworden war:

“Eine der ersten Maßnahmen der Nationalsozialisten bestand darin, die ehemalige Hauptsynagoge Kohlhöfen 1934 abzureißen.”

So haben die Nazis angefangen. Hätten die dort Lebenden sich gewehrt, hätte Herr Poschardt vermutlich folgendes entgegnet:

“Ziemlich deutsch haben die Gentrifizierungsgegner ihre lebensweltliche Intoleranz zum Heimatschutz hochtrapiert und wollen mit Brandstiftung, Nötigung und Sachbeschädigung ihre muffige, überschaubare Gegenwelt vor dem bösen Kapitalismus bewahren.”

Und für das “ziemlich deutsch” hätte er dann auf die Nase bekommen. Und Mussolinis Begeisterung angesichts des Folgenden wäre Poschardt vermutlich auch sicher gewesen:

“doch bis das so weit ist, darf dieser Art von antimodernem Ressentiment nicht der kleinste symbolische Sieg spendiert werden.”

sah sich der italienische Faschismus meins Wissens doch als Speerspitze der Moderne, was u.a. die Futuristen zu ihm hin zog.

Mit dieser dümmlichen Versatzstücklogik kann man die Vergleicherei wirklich bis ins Absurde steigern.

Was den Herren Poschardt vom Fortschreiben anderer Kontinuitäten nicht abhält – nicht zu vergessen bleibt die Hetze gegen “arbeitsscheues Gesindel” und “Asoziale” der Nazis:

“Diese Aktivisten sind die Speerspitze jener Untätigen und Verwöhnten, die in Berlin weiterhin ungestört und oft genug sozialstaatlich subventioniert ihre kleinkarierten Kreise ziehen.”

Die Anspielung auf “Sozialschmarotzertum” ist zudem strukturell antisemitisch.

Natürlich hinken auch meine Vergleiche schwer, weil die des Poschardts so finster sind, muss man halt gelegentlich zerrspiegeln.

Und es ist interessant, in welchen Fällen Nazi-Vergleiche als unstatthaft, empörend und gehtgarnicht, Godwin’s Law gelten, in welchen Fällen jedoch die Springer-Presse, von Kommentatoren bejubelt, sie ins Netz stellt.

Das wirklich Gefährliche ist auch gar nicht diese niveaulose Schmierfinkerei von einem der wirklich kaum ernstzunehmenden Vertreter des Pseudo-Pop-Agitprops von Rechts, sondern dass die Inflationierung solcher rhetorischen Muster allerorten schlicht die Geschichtsvergessenheit befördert.

Aber dafür hat man jetzt ja sogar jemanden zum Präsidenten gewählt, das realhistorische Nazi-Deutschland endlich ignorieren zu können …

“Es kann nicht angehen, dass jemand der solche Sprüche entlarvt und den Verursacher anspricht sich noch rechtfertigen muss”

Es kann nicht angehen, dass jemand der solche Sprüche entlarvt und den Verursacher anspricht sich noch rechtfertigen muss.

Exakt.

Genau das jedoch ist im Großteil der Fälle der Fall, um mal einen stilistischen Unfall zu kreieren – die Antwort ist fast immer Rechtfertigungsdruck.

Nur manchmal sind Aussagen ja so eindeutig wie im Falle des Plakates in Dortmund – offenkundig ja von einer etablierten Fangruppe des BVB entfaltet, glaubt man dem, was im Netz so alles steht (welche der beiden Verlinkten Gruppen gemeint ist, dürfte klar sein).

Mag “Schwuchtel” oder “Gegen Homofick” von den meisten noch problemlos als diskriminierend identifiziert werden, ist strukturell Homophobes, Rassistisches und Sexistisches vielen Leuten schlicht und ergreifend gar nicht bewusst, und das ist das Problem. Und bei der Bewusstmachung kann einem so mancher Shitstorm sicher sein.

Und selbst die heroische Verteidigung des N-Kusses oder der von Kindergesängen, die auf rassistische Vernichtungsfantasien von so genannten “Indianern” historisch zurück zu führen sind, gegen Schwarze gewendet erneut Popularität erfuhren und zu “Jägermeistern” mutiert die Hitparaden stürmten, füllt Spalten im Feuilleton der Springerpresse.

Es zerbrechen Freundschaften rund um die N-Kuss-Frage, kein Witz, natürlich unter Altlinken allerbesten Agitprop-Rufes; langjährige Weggefährten beschimpfen und beleidigen einen in ihren Blogs, wenn man es wagt, WHM auf rassistische, homophobe und sexistische Strukturen hinzuweisen und irgendwann einfach die Schnauze voll davon hat.

Exakt dieser Rechtfertigungsdruck wird überall und permanent erzeugt und hochaggressiv gegen Betroffene gewendet. Übrigens auch mit so Stilblüten, wie sie sich jetzt auch BVB-Foren finden, mit dem Plakat seien ja gar nicht Homosexuelle, sondern die Bremer gemeint gewesen. Da fragt man sich, was in manchen Heten-Hirnen eigentlich so vor sich geht.

Finde den verlinkten Text von Neunzehnhundertzehn sehr gut, aber man braucht nur Diskussionen im St. Pauli-Forum nachzuschauen, wo beim Hinweis auf Diskreditierungsformen oft zuallererst der Satz “Ich dachte erst, das sei Satire” sozusagen die Standardformulierung der Beantwortung solcher Hinweise ist. Oder es kursieren Behauptungen, Frau und Mann würde sich Diskriminierung lediglich einbilden, völlig “hysterisch”, frauenfeindlicher Klassiker, “hysterisch”, würde sie aktiv suchen und allerorts finden wollen. Inflationär finden sich Unterstellungen, mensch würde den “eigenen Opferstatus instrumentalisieren, um Diskurshoheit anzustreben” und das Gegenüber moralisch zu erniedrigen – geradezu tragikomisch prototypisch der Ausruf einer Hamburger Verkäuferin “„Jaja, ich bin eine Völkermörderin“.

Ich finde es ja prima, dass es auch all die Aktionen dagegen bei uns gibt, dass Diskussionsfreude herrscht, dass zumindest ein formaler Konsens in solchen Fragen sich in unserer Fan-Szene restabilisiert zu haben scheint und ein solches Plakat bei uns tatsächlich undenkbar wäre, so scheint es mir zumindest.

Aber genau der von Neunzehnhundertzehn genannte Passus ist gesamtgesellschaftlich wirklich das Kernproblem und auch unserer Fan-Szene nicht fremd. Weil ja so viele finden, dass nichts Schlimmeres einem WHM widerfahren könne, als als Rassist, Sexist oder, mit Abstrichen, das gilt in manchen Kreisen ja wahlweise immer schon oder schon wieder als schick, homophob bezeichnet zu werden. Was in von Diskreditierung Betroffenen vorgeht, interessiert da zumeist nicht so sehr.

So als Mann kommt man da in der Regel noch halbwegs heil raus, wenn man nicht gerade im Lilo Wanders-Look zur falschen Zeit am falschen Ort flanieren geht oder öffentlich miteinander knutscht.

Gegen Sexismus agieren oder gar als schwarze Frau die Stimme zu erheben, da kehrt sich der permanent aufrecht erhaltene Rechtfertigungsdruck zumeist in unverhohlene Aggression um. Wer wissen möchte, wie atemberaubend der Hass ist, der da anschwillt, braucht ja nur mal hartr.org vorbei zu schauen.

Insofern Danke an Neunzehnhundertzehn für diesen so zentralen Satz. Sollte man in Stadionordnungen und Vereinssatzungen hinein schreiben.

“Political Correctness”, die wasweißichwievielte

“Gutmenschen, Schwuchtel, Alerta-Aktivist” stand ja nicht zufällig auf dem allseits diskutierten Transparent in der BVB-Kurve – diese Anti-“Gutmenschen”-Rhetorik ist ja verbrodert und verfleischauert in derart viele Köpfe hinein gesickert, dass manch einer gar nicht mehr merkt, dass es da goebbelt.

Es sind die immer gleichen Schablonen, die da Anwendung finden und die millionenschwere Agitation gegen “Political Correctness” nachplappern. Und das immer wieder aufs Neue Erschütternde ist, wie tief auch in der Irgendwielinken sich das eingegraben hat. Manchmal dienen Jugenderinnerungen dazu, irgendwelche provinziellen Szenespezifika über das Joch des Lesben- und Feministinnenkultes breit zu treten. Andere wiederum ereifern sich über das Scheitern der Männergruppen von einst, anstatt mal zu versuchen, es heute vielleicht besser zu machen. Wäre ja mal an der Zeit.

Immer wieder taucht der Gedanke auf, es ginge lediglich darum, nun Erpressungspotenzial zu generieren, um arme Mehrheitsgesellschaftler und dominante Gesellschaftsgruppen zu “denunzieren”. Natürlich grundsätzlich zu Unrecht. Das Schlimme ist, dass diese Rhetorik so erfolgreich ist, dass selbst Betroffene allmählich anfangen, sie zu adaptieren. Da gab es ordentlich Gegenwind, und Kübra, die so oft so tolle Sachen schreibt, Mehr von diesem Beitrag lesen

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