Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

“In England zum Beispiel ist es relativ ruhig geworden”: Zum Kassenrollenwurfurteil

Lang, lang ist es her, da las ich einen Text, in dem Umberto Eco prognostizierte, die so genannten “westlichen” Gesellschaften könnten sich perspektivisch in ein neues Mittelalter wandeln: Befestigte Städte und Klöster und viel “Pöbel” drumherum. So könnten sich die Besitzenden gegen die Besitzlosen, die dennoch mittels Steuern, Konsum etc. als Melkvieh herhalten müssten, abschotten.

Niklas Luhmann hat in einem Vortrag einst ähnliches zum Thema Exklusion ausgeführt – wie die Dysfunktionalen, die in den verschiedenen sozialen Systemen Recht, Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik etc. nicht benötigt würden, im Falle brasilianischer Städte in die Favellas abgeschoben würden. Dort führte das später zu dem anderen raumlogischen Sozialordnungsprinzip neben dem Ausschluss: Dem Einschluss. Die Favellas wurden einfach eingemauert.Um die, die sich Wohnungen und Häuser leisten können, zu schützen.

Das Interessante an Luhmanns Denken zumindest so, wie ich ihn verstanden habe, ist, dass er das Ganze anhand der System-Umwelt-Beziehung erläutert. Auf der einen Seite das an Selbsterhalt und permanenter Selbsterzeugung  orientierte System, das durch seine Operationen zugleich eine undifferenzierte und als ungeordnet erlebte Umwelt zu beherrschen und zu verwerten trachtet.

Das ist ein eigentlich der Biologie entlehntes Modell, das jedoch nicht biologistisch ist, und kann am Ernähren und Verdauen sich verdeutlicht werden. Vielleicht ist das auch gar nicht Luhmanns Denken sondern das, was ich mir aus seinen Texten zusammen gereimt habe :D – gerade weil mir diese Phänomene nach jahrelanger Zusammenarbeit mit großen Organisationen, von denen man mal als Umwelt, mal als Systembestandteil “bearbeitet” wird, wohlvertraut sind.

Auch jeder, der einmal …  in einer großen Firma gearbeitet hat, wird erfahren haben, wie die betriebswirtschaftlichen – Buchhaltung, Controlling etc. – und juristischen Abteilungen irgendwann anfangen, andere Bereiche, z.B. jene, wo produziert wird, zu annektieren und sich davon symbolisch zu “ernähren”: Sie leben davon, Reiskostenabrechnungen zu kritisieren, zum Beispiel. Und diese zu bearbeiten. Und nein, bevor hier jemand “struktureller Antisemitismus” schreit – es geht mir nicht um ein “parasitäres Verhältnis”. Gehört ja alles zusammen.

Das Kuriosum ist, dass da noch so nette Menschen arbeiten können, irgendwie folgen sie auf einmal alle den gleichen Imoperativen, deshalb erscheinen sie dem System auch austauschbar. Die Ausnahme: Der Buchhaltungsuntersützer hier in meiner Firma aktuell!!!

Was Luhmann als überindividuell funktionierendes System betrachtet, sind Parameter – bei ihm sind das z.B. binäre Codes, das tut hier aber nichts zur Sache -, die Kommunikationen strukturieren. Richtig und falsch, Verlust und Gewinn, schön und häßlich, Mann, Frau, schwarz, weiß, schwul, hetero, die das das Verhalten und alltägliche Handeln von Personen zu dominieren, die dann ganztägig im Rahmen dieser Parameter kommunzieren. Das waren jetzt nur zum Teil die von Luhmann thematisierten Grenzziehungen.

Umwelten gefährden dieses System jedoch; eines beispielsweise, das anhand von “befindet sich im Besitz von/befindet sich nicht im Besitz von” sich unaufhörlich reproduziert, sieht sich ständig von Diebstahl bedroht.

Alles, was unkontrollierbar erscheint und sich den Parametern der kommunkationsimmanenten Logik entzieht, ist Objekt potenziellen Zugriffs und ordnenden Eingriffs (bei einer Grenzziehung wie hetero/schwul freilich waren Schwule die Umwelt, die zum Eingriff “nötigten”, Elektroschocks zum Beispiel).

So annektieren Systeme öffentliche und private Räume. (Das ist alles ein durch die Brille von Foucault und dem “Naturbeherrschungstheorem” Horkheimers und Adornos gelesener Luhmann und insofern eine starke Interpretation)

Überall da, wo private Sicherheitsdienste tätig werden – am Neuen Wall z.B. – oder ganze Wohngebiete sich abschotten, finden sich Kombinatoriken der Ecoschen und Luhmannschen Diagnostik.

Neulich habe ich ja erstmals ein Spiel am Millerntor in einer Loge und vor dieser stehend verbracht bei einem sehr netten Gastgeber. Es stellte sich dieses kuriose Gefühl ein, dass jeder Ausschluss auch ein Einschluss ist. Es fehlte das, was den Stadionbesuch ja auch ausmacht: Teil einer merkwürdigen Masse zu sein, die sich synchronisiert, zusammen Emotionen durchlebt, gemeinsam aufspringt und sich empört, jubelt und pöbelt (auf Sitzplätzen ist das Aufspringen besonders schön ;) … das kennen die Stehplatzbewohner gar nicht, dieses Gefühl).

Oben in der Loge hat man das nicht. Da sieht der Gastgeber nur Gesichter, die er eh schon kennt, und ein seltsames Gefühl der Isolation stellt sich ein.

Natürlich kann dieses Erlebnis, inmitten der Masse zu sein, wirklich beängstigen. Es kann auch Pogromstimmung erzeugen, Massenpanik auslösen und vieles andere mehr.

Aber wohl kaum wegen einer sich nicht entrollenden Kassenrolle.

Dennoch: Die DFB-Gerichtsbarkeit zeigt sich, wie so viele Juristen, zunächst mal angstgesteuert:

“Aus einem Hans E. Lorenz Interview vom 4.11.2011 in der Rheinzeitung:

Nun sorgen Krawalle in deutschen Fußballstadien für Zündstoff. Wie beurteilen Sie die Lage? 

Das ist besorgniserregend. Ein großes Problem, und in Deutschland ist es krasser als in anderen Ländern. In England zum Beispiel ist es relativ ruhig geworden. Es gibt also Möglichkeiten, das in den Griff zu kriegen. Von daher ist es begrüßenswert, dass sich Politik, Polizei, Innenministerium, DFB und DFL jetzt an einen Tisch setzen und ein Programm erarbeiten. Das ist im Interesse der meisten Fans, angstfrei zu einem Spiel gehen zu können. Ich habe in letzter Zeit viele getroffen, die gesagt haben, ich hatte nackte Angst.” (Dank an P.A. für dieses Fundstück)

Vorbild England. Der User PK 1871 kommentiert treffend im St. Pauli-Forum:

Die TSG Hoffenheim ist das Ideal des Modernen Fußballs, der FC St.Pauli hat eine Fanszene, die sich gegen Kommerzialisierung zur Wehr setzt und damit dem Profitstreben im Weg steht. Die Übertönung von Anti-Hopp-Gesängen ist auf keinen Fall bestrafungswürdig, eher sind es die Gesänge selbst (ich erinnere an den Dortmunder Doppelhalter mit Hopp im Fadenkreuz, der eine Geldstrafe und ein Stadionverbot nach sich zog). Gleiches wie für den FCSP gilt auch für die anderen hart bestraften Vereine der letzten Zeit. Also Dresden, Rostock, Frankfurt und Münster. Das ist keine Willkür. Das ist Klassenjustiz, die der besseren Vermarktbarkeit des Fußballs diehnt. Und es möge sich keiner der Illusion hingeben, dass kreative, bunte und laute Kurven dafür benötigt würden. Die englischen Stadien haben das alles nicht und sind trotzdem voll, die Hoffenheimer Arena ebenso. Dort gehen halt nur andere, zahlungskräftigere und weniger kritische Leute hin. 

Hans E. Lorenz ist der DFB-Richter, der entschied, dass der FC St. Pauli wegen eines zufällig und unabsichtlich einen Spieler treffenden Kassenrollenwurfes nunmehr Fünftausendirgendwas Fans bei einem Spiel aussperren solle.

Interessant ist, dass der Herr nicht etwa irgendein zufällig in dieses Gremium als Funktionär eines DFB-Kreisverbandes gespült wurde. Herr Lorenz ist tatsächlich richtiger Richter und hat eine Rolle zum Beispiel in einem der erschreckendsten Fälle der Justiz der letzten 20 Jahre gespielt.

Das sei nur am Rande erwähnt, weil dieser Fall häufig von der politischen Rechten unsachgemäß heran gezogen wird, wenn es darum geht, die Definitionsmacht von Frauen in Vergewaltigungsfällen zu unterlaufen. Um stattdessen das Bild von der aus irgendwelchen Gründen rachsüchtigen Frau, die einem Mann böswillig etwas anhängen wolle, zu erzeugen. Was völlig verkennt, dass im konkreten Fall zunächst das Verhalten von Kindern interpretiert wurde, nicht die Aussagen von Erwachsenen.

Aufgrund dieses Falles wurden die Anforderungen an Gutachter in Gerichtsverfahren verschärft. Das ist ja eine der berühmten Thesen Michel Foucaults, dass das, was auf der Ebene der Rechtsbegründung dieses legitimiere und was landläufig das ist, was man unter “Gerechtigkeit” versteht, von dem System human- und sozialwissenschaftlicher Gutachter unterlaufen würde. Dass also z.B. die Rechtsprechung de facto an jene deligiert würde, die Gutachten darüber verfassen, ob ein Täter nun zurechnungsfähig oder auch nicht sei.

Dass somit immer Faktoren in der Rechtssprechung intervenieren, die mit formalem oder materialem Recht gar nichts zu tun haben, aber Entscheidungen hervor bringen. Die These mal sehr allgemein formulierend. Das kann alles Mögliche sein: Volksgesundheit, Wirtschaftswachstum, Umerziehung, aber zum Glück auch der Schutz von Kindern – es ist immer an allgemeinere Zielsetzungen wie auch Vorstellungen davon, wie die Welt ist und wie sie sein solle, gekoppelt, was da Inhalt wird. Was die Problematik in sich trägt, dass eben das, was nun zumindest als individuelle Verantwortung im Falle des Strafrechts behauptet wird, oft hinter diesen allgemeineren Interessen und Vorstellungen verschwindet.

Beim Kassenrollenfall scheint mir das auf der Hand zu liegen, dass es solche intervenierenden Faktoren gibt. Nur dass es hier weniger um Gutachten geht als um politische Interessen und der Vorstellung dessen, was in quasi-öffentlichen Räumen wie einem Stadion vonstatten gehen solle.

Ich vermute auch, dass es kein Zufall ist, dass es die Ultra-Kurve plus ein bißchen ein paar andere trifft. Man denke nur an dieses “Gutachten” der Gewerkschaft der Polizei aus Mecklenburg-Vorpommern zurück, das ich gerade nicht finde. Dort wurde ganz explizit von dem Einfluss der Ultras auf die Vereine gewarnt, wenn diese sich als Mitglieder engagierten. Der FC St. Pauli hat zudem vor, eine 10.000 Besucher fassende Stehplatztribüne zu bauen. Ganz anders als in England.

Es ist auch bezeichnend, dass nach dem Bierbecherwurf von den Businesseats das ganze Spiel verlagert, nicht jedoch der Logen- und Business-Bereich gesperrt wurde, der ja dem “Vorbild England” des Herrn Lorenz entsprechen würde.

Manche wundern sich ja, wieso ich hier ständig über Fussball schreibe. Nicht nur, weil ich diesen Verein liebe, da sehr viele tolle Menschen treffe und ich mir gerne attraktive Männer, die verspielt und mit sexy Socken über den Platz hasten, angucke. Dort bilden sich mikrokosmisch Entwicklungen ab, die gesamtgesellschaftlich von Relevanz sind.

Konkret eben eine Politik des öffentlichen Raumes (und seiner Derivate, Stadion ist eine Mischform), die auf Kommerzialisierung und Exklusion setzt. Den ein Hauch der Ecoschen Diagnostik umweht. Der mit Luhmannschen Mitteln agiert.

Das hat viel mit “Reclaim the streets”, Kampf gegen Gentrifzierung und ähnlichem zu tun. Als deren Handlager betätigt sich auch Hans E. Lorenz, ob gewollt oder nicht, mit seiner Utopie der toten Räume.

Weil ja zugleich interessant ist, was NICHT oder auch nur recht milde geahndet wird: Antisemitismus, Homophobie, Rassismus, Sexismus. Dabei sind das Gewaltandrohungen.

Da der Herr Lorenz nun Angst ins Feld führt, ist ja interessant, wovor wer die nun wirklich und begründet haben kann. Vor Kassenrollen wohl eher nicht, die rollen sich normalerweise ab.

Dass man ungewollt Pyro abbekommt, dass man davor Angst hat, das ist wohl verständlich. Sicherheitszonen für kontrolliertes Abbrennen verweigert der DFB trotzdem. Dass man Angst hat, in kindische Schalklauaktionen verwickelt zu werden oder von gegnerischen Fans auf die Schnauze zu bekommen, ja.

Normalerweise wird dann das Gegenbild der “Familie” beschworen, die unschuldig betroffen werden könnte. Klar, auch weil Kinder als schwächste da Opfer sein können, was schlimm ist, aber als Individuen tauchen die im öffentlichen Diskurs ansonsten ja auch eher als etwas zu Disziplinierendes oder mit Ritalin oder Pisa-Studien-Effekten zu Malträtierendes auf oder eben als Teil des Mini-Systems “Familie”.

Ich meinerseits bin z.B. nicht nach Rostock gefahren, weil ich keine Lust hatte, mir homophobe Gesänge anzuhören. Weil in denen diese latente Gewaltandrohung steckt, der man ausgesetzt ist, wenn man sich zeigen würde.

Und ich wollte die Chöre auch nicht hören, weil die was mit einem machen. Ich möchte auch nicht wissen, wie man als Frau sich fühlt, wenn um einen herum permanent Spieler als “Fotze” beschimpft werden. Ein griechischer Wirt hat mir mal erzählt,  was er so empfand, als einziger “Migrant” inmitten von Rostockern zu stehen.

Ängste allesamt, die dem DFB sooo wichtig dann wohl noch nicht sind. Gelegentlich wohlfeile Symbolaktionen dagegen, ansonsten eher als Marginalien geahndet – doch es empört sich der Kontrollausschuss, wenn er herbei fantasiert wird, dass unsere Fans bei dem Ansagen der Mannschaftsaufstellung der Rostocker angeblich “Nazi” gerufen hätten. Der DFB ist sooooo deutsch. Fürchterlich empfindlich, wenn es um Nazis geht, aber ständig das Recht einfordern, das N-Wort rufen zu dürfen. Na, letzteres tut er nicht. Ist ansonsten aber üblich.

(Dabei riefen unsere Fans Naki, für die, die das noch wissen).

Nun mag es mutmaßlich für Herrn Lorenz ganz entspannend sein, angesichts der völlig unspezifischen Regularien der DFB-Gerichtsbarkeit mal von den Fesseln der Rechtsstaatlichkeit befreit auch noch den Milde walten lassenden Papi zu spielen, indem er die auszusperrenden Fananzahl halbierte.

Trotzdem ist es diese Relativierung von viel Schlimmerem, die sich zeigt in der Rechtssprechung der Verbands-Gerichtsbarkeit, die das Ganze so schwer erträglich macht.

Klar, mit Pyro in gegnerische Fanblöcke schießen, das wurde mit einem Geisterspiel geahndet.

Aber so vieles gerade die betreffend, die nun wirklich alltägliche gute Gründe haben, sich zu ängstigen angesichts einer immer aggressiver werdenden Mehrheitsgesellschaft, wird wie Kinkerlitzchen behandelt.

Schon deshalb fordere ich die Vereinsführung des FC St. Pauli auf, gegen das Urteil Einspruch zu erheben und ggf. auch den normalen, juristischen Weg zu beschreiten.

Der DFB ist eine zu mächtige Organisation, als dass man ihr dergleichen durchgehen lassen könnte und gehört sanktioniert.

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5 Antworten zu ““In England zum Beispiel ist es relativ ruhig geworden”: Zum Kassenrollenwurfurteil

  1. Pingback: Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Endlich bewiesen: Der DFB ist gut und gerecht!

  2. headnut Februar 28, 2012 um 1:36 nachmittags

    http://www.gdp.de/gdp/gdpmp.nsf/id/DE_GdP-M-V-Der-deutsche-Fussball-und-sein-Gewaltproblem

    Das ist “nur” die Gewerkschaft der Polizei. Soviel Differenzierung muss sein. ;-)

  3. momorulez Februar 28, 2012 um 2:40 nachmittags

    Ah! Dankeschön! Das korrigiere ich noch prompt im Text, stimmt!

  4. Pingback: Völlig von der Rolle – #FCSP und die Nullnummer daheim gegen Braunschweig sowie das #DFB-Versagen « KleinerTods FC St. Pauli Blog

  5. Pingback: Brauchen wir einen Konkurrenzverband zum DFB? | Blog für den kritischen Fußballfreund

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