Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

” I have nothing!” und lila Strapse

 

U. starrte aus dem Fenster des Tivoli-Bistro. “Ron!” seufzte er, frisch verlassen von seinem Liebhaber. Es schmerzte. Jedes Mal, wenn der Song erklang, und das geschah ständig und überall, jenes Lied, das ich damals als Heulbojengesang empfand, dieses “I will always love you!”, legte sich die Sehnsuchtsmine über sein Gesicht wie eine Maske. Er tauchte ein in die Abwesenheit des Anderen…

Ich war zu jener Zeit, ’92, eher auf “Geh doch hin!” von Element of Crime. Und traute mich doch meistens nicht. “Ein Dosenfisch stürzt sich lachend ins offene Meer“. War auf Georgette Dee. “Ich geb Dich nicht her für ein bißchen Orgasmus!” Und Hildegard Knef. “Ich bin zu müde, um schlafen zu gehen …” Whitney Houston erschien mir als zu perfekt, zu glatt – Wahnsinn-Stimme, die ich als weitestgehend ausdruckslos in die Belanglosigkeit sortierte. Schwule Kollegen, die “Whiiiiiiiitney!” kreischend auf die Tanzfläche hoppelten, rief sie zum Tanz, versah ich mit überheblichen Lächeln des Ach-So-Überlegenen, mit solchen Tunten wollte ICH mich doch nicht gemein machen, ich blödes Arschloch, ich, trotz Georgette und Hilde. Ja, auch düstere Kapitel der eigenen Biographie gehören rücksichtslos gebloggt. Nicht umsonst redet mensch heute von Cis-Männern.

Weit gefehlt, mein Urteil über Frau Houston! Und auch eine Form von Supremacy. Klar, rough, raw, schien mir Black Music irgendwie richtiger zu sein, typisch weißes Gehör, doch nicht so glatt und virtuos, aber da ist mensch schon derart tief verstrickt in falsche Urteilsnetze, die in Unauflöslichkeiten führen, bei solchen Gedankengängen. Weil die ganze Wahrnehmung populärer Musik auch nicht in konnotationsfreien Ozeanen die Freiheit von der Form genießt und es von Zuschreibungen nur so wimmelt. Selbstkritisch sei das gemeint.

Dass diese Jahrhundertstimme, an deren Niedergang der Boulevard sich so sadistisch labte, nun verstummt ist, ich fand das wirklich sehr, sehr traurig gestern.

Was für eine grandios Künstlerin Whitney Houston war, das habe ich erst viel später begriffen – und auch, wieso die Hörweisen von weißen Indie- und Alternative-Sozialisierten selbst dann, wenn sie im Pet Shops Boys-Paradigma den Pop sehr lieben, ziemlich belämmerte Zuschreibungen pflegen, wenn zugewiesene Terrains von Markierten verlassen werden. Das kann mensch heute gut nachvollziehen, spielt der Bildungsbürger z.B. Kate Bush – “Kunst” – gegen Beyoncé – “Kommerz” – aus. So was passiert, alltäglich. Selbst diese Anerkennung “Sie kann ja großartig singen!”, was in der Vorbildhaftigkeit für Casting Show-Teilnehmer sich immer wieder eindrucksvoll zeigt, hatte immer ein Geschmäckle, was ich schwer in Worte fassen kann.

Dank Lisa Stansfield fand ich doch zu ihr. Weil mir irgendwann das wundervolle “Someday (I’m coming back)”, das damals, als U. im Tivoli seufzte, überall gespielt wurde, wieder ins Ohr drang, ich mir zu Beginn eines neuen Jahrtausends doch noch den “Bodyguard”-Soundtrack zulegte und mich unsterblich in “I have nothing!” verliebte. Was ein Song! Eine Dramaturgie wie in einem guten Fussballspiel. So wie … damals das 4:3 gegen die Hertha im Pokal. Was eine Wucht, was ein Auf und Ab, was eine Leidenschaft! Eines meiner All-Time-Favourite-Spiele.

Wie auch das 4:0 gegen Bochum kurz zuvor. Als keiner an einen Erfolg glaubte und doch der Rausch allen in die Glieder fuhr. Bochum war, wenn ich mich recht entsinne, Tabellenführer in Liga 2, wir ein spielerisch blasser Regionalligist – und dann haben unsere Jungs die einfach überrannt. Ich recherchiere gerade nix gegen, ich meine, es stand 2:0 zur Halbzeit, eine Angriffswelle nach der Anderen lief auf das Tor der Bochumer zu, und wir konnten es kaum fassen. Dann, nach der Pause, das 3:0 – ich sehe den Spielerhaufen selbst völlig verblüfft und verzückt vor unserer alten Haupttribüne sich aufbauen, wir rasteten förmlich aus, dann noch das 4:0 – am nächsten Tag saß ich, wie zu einer Wihitney Houston-Ballade glücklich und pathetisch immer mal wieder aufgrund der Erinnerung kurz aufschluchzend, gefühlsduselig, ja!, ja!!!, verkatert im Zug nach Köln und dachte “I have nothing if I don’t have you!”, wenn ich an den FC St. Pauli dachte. Nach dem Spiel machten die Bochumer Fans noch mit unserer Mannschaft die Welle und stimmten St. Pauli-Chöre an. Ein wundervoller Abend.

Na, es wäre nun zuviel verlangt gewesen, gestern wieder so eine Nummer, trotz Rückkehr von Andi Bergmann, das geht nicht, wenn mensch so weit oben in der Tabelle steht – und ich ausnahmsweise mal so weit oben im Stadion in einem sehr netten Separé in toller Begleitung.

Eher ein Haufen Freaks im positiven Sinne, den der Pächter dort versammelt hatte, ja, punktuell waren wir sogar die singende und supportende Loge, während es ansonsten eher ruhig da oben war. Nach dem Spiel gab es sogar Blues-Rock live vom Feinsten, eine Drei-Mann-Combo mit Kontrabass, gezupft, mit Texten über lila Strapsen, die der Altrocker höchstselbst zu tragen besang.

Eine prima Sicht hat mensch da tatsächlich. Nur, dass so die, na, Ideenlosigkeit des Spiels nach vorne doch noch viel deutlicher zu sehen war. Und ja, das lag auch daran, dass Bochum defensiv hervorragend spielte.

Unsere Jungs hingegen: Bis zum Strafraum gut und dann Gedaddel. Was sich durch Deniz Naki und Florian Bruns ein wenig änderte, da war mehr Zug zum Tor. Aber ja auch ein Bochumer weniger auf dem Platz.

Aber einen Gänsehautmoment gab es dennoch. Ich gebe zu, ihn beinahe Bier schlürfend und small talkend, verpasst zu haben. Auf einmal dringt ein “You’ll never walk alone” an mein Ohr, bestimmt die Ralle-Verabschiedung, denke ich und haste in Begleitung hinaus – tatsächlich, so waren wir wenigstens zwei einsame Balkonsteher da im V.I.P.-Bereich, die Business-Seats unter uns verwaist, die Ralf Gunesch noch den aber so was von verdienten Abschiedsapplaus in tiefer Dankbarkeit spendeten.

Herrn Stenger traf ich sogar auch, immerhin erkannte er mich wieder nach Einsicht der UFA-Verträge. Gegen die Separés, von Susi abgesehen, hatte sich ja nie so massiver Protest formiert wie gegen die Business-Seats aufgrund derer Masse, und diese individuell eingerichteten Räume haben ja irgendwie was. Dass es freilich enorm schwierig ist, wenn man als Präsidium die Spiele dort oben guckt, nachzuvollziehen, was auf der Süd, den Randbereichen der Haupt, der Nord und der Gegengerade gedacht und gefühlt wird, das wurde mir auch sehr klar.

Ja, da sind die Geschäftspatner, ist Teil der Aufgabe. Aber das ist doch ganz schön weit weg von allem. Macht sehr viel Spaß, da das Spiel zu gucken, die Akustik ist schon dolle im Stadion, in der Hinsicht ist man mitten drin. Aber die Distanz, die bleibt … anders als einst beim “Ballsaal” hinter der alten Haupttribüne, in den mensch auch nur kam, wurde der Schlamm durchschritten an all den Besoffenenen und Bekloppten vorbei. Da hat der Verein ein Problem, dass dieses Feeling nicht mehr zuteil wird.

Ganz ehrlich: Sind doch nur Fans und irgendwelche Tanten, die Kuchen verkaufen wollen, die da ohne Platz sind. Fans malen doch sowieso nur mein Stadion voll und die Tanten stören das Catering. (Achtung Ironie)

“Wäre es das erste Mal, dann würde man dies ja noch unter „passiert halt mal“ packen, aber das ist ja nicht die Ausnahme, sondern die Regel, dass man vor vollendete Tatsachen gestellt wird, anstatt mal eine Email, ein Gespräch oder einen Telefonanruf zu bekommen. Als Vereinsvorstand könnte man sich mal fragen, ob das so wirklich sinnvoll ist oder ob man da nicht mal leitend tätig werden muss.”

 

Mit den Zeilen, dass Karin immer was gegen das Bier hat, das er zum Frühstück trinkt, im Ohr, die Band im Separé wusste den alten Haupttribünengeist durchaus in Worte zu fassen und sah auch so aus :D , huschte ich noch hinüber zur Domschänke, frei nach dem Motto “I wanna dance with somebody!”, dabei hatte ich das doch vorher auch schon. Da standen (fast) all die vertrauten Twitterer und Blogger mit Astra in der Hand “Wir sind ooooooooooh St. Pauli” gröhlend (die sich von denen im Separé, in dem ich war, gar nicht groß unterschieden) – “I have nothing!” wäre aber auch zu kompliziert als Stadion-Gesang. Schade.

Und während wir noch einen leckeren Abend im Backbord verlebten, hätte ich der großen Whitney Houston doch einen würdevolleren Abtritt gewünscht.

Und was beides, das Spiel gestern und Whitney Houston, miteinander zu tun haben, darüber grübel ich jetzt selbst den Rest des Tages nach, einem britischen 90er-Jahre-Sender lauschend …

 

 

 


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26 Antworten zu “” I have nothing!” und lila Strapse

  1. Nörgler Februar 13, 2012 um 6:42 nachmittags

    Whitney Houston war mir ein dauerndes Ärgernis, weil da ein außergewöhnliches stimmliches Vermögen allzuoft an schlagerartige Trällerliedchen verschwendet wurde. “Will Always Love You” ist etwas für Netrebko, aber doch nicht für jemanden, der eine Stimme wie WH hat.

  2. momorulez Februar 13, 2012 um 8:02 nachmittags

    Das mochte ich auch nicht. Aber ich hab hier irgendein Album vor Bodyguard im iPod, das liebe ich sehr, weiß gar nicht, wie das heißt, und “Run to you” auch. Klar sind das aus einer bestimmten Perspektive Schmachtfetzen, aber ich brauche so was ja :) … hast aber recht, es wäre ihr wirklich zu gönnen gewesen, noch Musik zu machen, die ihr ganzes Potenzial noch mehr zu Entfaltung gebracht hätte. Rest in Peace, Whitney Houston! Hatte ich oben gar nicht geschrieben.

  3. Loellie Februar 13, 2012 um 10:45 nachmittags

    Und letzte Woche hat sich Don Cornelius erschossen …

  4. momorulez Februar 13, 2012 um 11:52 nachmittags

    Don Cornelius musste ich peinlicherweise gerade googeln :( … da beschäftigt man sich seit Jahrzehnten aufrichtig engagiert mit dem Thema, und dann so was. Na ja. Beichten ist ja eigentlich auch doof. Und den Youtube-Link hör ich mir morgen an, das geht immer so schlecht auf dem iPad. Danke auf jeden Fall!

  5. che2001 Februar 14, 2012 um 12:38 vormittags

    Als ich diese Todesnachricht bekam, hätte ich tatsächlich fast geweint. Und das heißt viel bei mir, weinte ich doch nicht mal beim Tod von engen Freunden.

  6. mark793 Februar 14, 2012 um 9:10 vormittags

    @Che: Muss gestehen, meine Reaktion war mehr so wie die vom Postillion: “Rund 50.000 Menschen am Vorabend der Grammy-Awards gestorben”.

    Ansonsten was Momo sagt: Popmusik ist nun mal kein konnotationsfreier Raum, ebensowenig die Reflektion darüber, und so erforsche ich mich selbst, ob am Ende vielleicht auch uneingestandener Rassismus und Schwulenfeindlichkeit mir den Weg zu dieser großártigen Vokalistin verbaut hat – oder ob es einfach tatsächlich ganz banal so sein kann, dass mir diese Art von souligem Zutode-Gejodel (allein schon die Super-Bowl-Nationalhymne ?kotz*) nun mal genauso auf die Gonaden geht wie zum Beispiel das technisch sicher leistungsstarke, aber völlig überkandidelte Gefiedel von Vanessa May. Kommentator kid37 hat mir da aus der Seele gesprochen: Ehrlich gesagt gehören Houstons Platten für mich zum elendig überkleisterten Müll des 80er/90er-Mainstreams. Dieses aufgemotzte Soul-Belcanto für Leute, die auch mindestens eine Kuschelrock-CD und eine Kaminfeuer-DVD daheim haben. Ich finde ja auch, technische Expertise gehört nicht in die Popmusik. Die funktioniert im Idealfall durch Reduktion, durch Sound, eine modische Idee – also lieber Trios “Da Da Da” als übersättigte Streicherwände. (Dieser nervtötende Zwang vieler technisch sehr versierter Künstler, dieses Können auch bei jeder Gelegenheit zeigen zu müssen, jodel-jodel-jodel. Schlimm!) Eben.

  7. momorulez Februar 14, 2012 um 10:03 vormittags

    kid37 hat dann ja freundlicherweise ausformuliert, was ich oben meinte :) – dieser griesgrämige, von Missgunst getränkte Distinktionswille, der dann ausgerechnet urdeutsches Gröhlen, DaDaDa, für genialen Dilettantismus ins Feld führt, nicht die Neubauten, statt DAF für Minimalismus, z.b.. Ich habe ja gar nix gegen diese Genialen Dilettanten, die waren aber gegen ELP, Barclay James Harvest, Roger Wakeman usw. gerichtet, gegen eine Pseudoverkunstung mittels Bombast. Nicht gegen die Gospel-Tradition, aus der eine Whitney Houston stammt, eine Tradition, die noch House-Music zu befruchten wusste. Das ist typisch für die deutsche Rezeption, aus den frühen 80ern immer diese bierseligen, ungroovigen Marsch-Zertrümmerungen anzuführen und nicht etwa die unzähligen Versuche der Auseinandersetzung mit Black Music, seien es nun Gang of Four oder die Talking Heads. In einem scheißhippen Pop-Magazin in Deutschland beklagte sich damals sogar jemand über die “Vernegerung” der Talking Heads, und das ist natürlich exakt die Haltung, die in all den Shitstorm-Debatten der letzten Jahre sich zeigt. Was dann irgendwelche selbstgefälligen alten Männer dazu treibt, noch Monate später den Lampenstreit wieder auszukramen und ihn mit den “Antideutschen” in eine Tonne zu treten.

    Interessant ist übrigens auch immer, wie übel es der links geprägte, weiße Mitteleuropäer es Schwarzen nimmt, wenn die auch mal Geld verdienen. Nebenbei erwähnt.

    Dieser technisch virtuose Gesang hat zwar durch Kirchenmusik ähnliche Wurzeln um 3 Ecken gedacht wie die italienische Oper, aber auch da sind es ja Abwehrreaktionen gegen alles, was aus niederen Schichten da eingedrungen ist, die Wagners Erben dann zur Überheblichkeit anstachelt.

    Nee, all das Gegospelte hat auch nix mit dem zu tun, was Ex-Linke an Bibel-Interpretationen hervor bringen in ihrer infantilen Art. Das hat schon was mit Erlösung und Befreiung statt Ironie und Selbstbstrafung zu tun.

  8. mark793 Februar 14, 2012 um 11:32 vormittags

    Nun muss man den Kollegen Kid vielleicht etwas besser kennen, um zu wissen, dass das Beispiel Trio sehr “mit Zunge in der Backe” gemeint war. Sicher, diesen Distinktionswillen, den gab es es – auch bei mir nicht zu knapp. Aber es leuchtet mir nicht ein, wieso es gleich heißt, man gönne den Houstons, Jacksons & Company ihre sauer verdienten Bucks nicht, nur weil einem deren Mainstream-Mucke nicht so zusagte. Mit meinem Lebensgefühl der 80er resonierte eine Anne Clark mit ihrem Tonumfang einer Drittel-Oktave halt mehr als eine gospelgeprägte Soulwunderstimme, und mit meinem internen Beat harmonierten Alien Sex Fiend, Skinny Puppy und Front 242 halt auch eher als diverse Ghetto-Boys, die mit umgehängten Ketten mit Mercedesstern um brennende Mülltonen herumhüpften. Wobei ich denen ihren kulturhistorischen Stellenwert nicht schmälern oder gar absprechen würde, aber ich sehe auch nicht ein, warum ich mich hier in einer Tor dafür entschuldigen müsste, der Schwarzen-Musik nicht genug das Weihrauchfass zu schwenken.

    Zugestanden: Von dem Topos der “Vernegerung der Talking Heads” höre respektive lese ich das erste Mal. Ich weiß auch nicht, was man geraucht haben muss, um so einen kruden Mist abzusondern. Von daher ist es an mir zu sagen, danke, wieder was gelernt (wie seinerzeit auch zum Thema Disco sucks). Ich stelle fest, dass mir viele Minenfelder schlicht gar nicht bewusst sind und ich dann oft erst mal aus allen Latschen kippe vor Erstaunen, in was für Kontexte man meine individuellen Likes & Dislikes einordnen kann. Übrigens bin ich auch erst neulich über das Info-Bit gestolpert, dass es vor allem Schwulenclubs gewesen sein sollen, die HI-NRG salonfähig machten. Und das war nun mal die Mainstream-Mucke, mit der ich in den frühen 80ern noch am ehesten was anfangen konnte, wenn ich zu Bundeswehrzeiten irgendwo in der Westerwädler Pampa in irgendwelchen Bauerndiskos zum Arschwackeln ging. Hach, ja…

  9. momorulez Februar 14, 2012 um 12:10 nachmittags

    Ja, HI-NRG war tatsächlich ein “schwuler Sound” ;) – die Fortentwicklung von Disco, sozusagen. Divine.

    Und es geht ja gar nicht darum, wofür man sich zu entschuldigen habe, nur darum, ein Verständnis dafür zu schaffen, wie bis in die Popkultur hinein – oder gerade da – bestimmte Muster wirken. Da gehört diese sehr seltsame Betrachtung von Rap und Hip Hop ja auch mit rein. Das war halt unter anderem auch wie Punk insofern, dass man halt nur einen Ghetto-Blaster oder Plattenspieler brauchte, und der ganze Umgang mit Sprache war auch sehr spannend, weil die sich in einer sehr dissidenten Atmosphäre prägte. Und da steckt auf oft eine Abgrenzung gegen “Prolls” mit drin und auch gegen die Statussymbole von wirtschaftlichen Aufsteigern. Mercedesstern. War als Armreifen unter Punkern allerdings auch beliebt ;)

    Auch die dialogischen, musikalischen Prinzipien, die man bei Bach ja auch noch hören kann, leben im Rap manchmal fort, auch die Rezitative sind ja in diesem Zusammenhang interessant – – die in kirchlichen Räumen für Marginalisierte, die Sklaven halt, die Möglichkeit boten, überhaupt mal zu miteinander zu kommunzieren, was sie sonst oft nicht durften. Die ganze Geschichte von Rassismus und Prostitution, die sich nach der Sklavenbefreiuung unter Bedingungen der Segregation noch verschärfte, da zeigt sich so vieles, was im Normalo-Verstand des weißen Bundesbürgers ja ebenso wenig angekommen ist wie die Historie der Musik von Sinti und Roma in vielen “Volksmusiken”. Leute wie Snoop persiflieren ergänzend die rassistischen Perspektiven Weißer oft.

    Worum es mir bei alledem immer geht, ist ja lediglich aufzuzeigen, wie eigentümlich selektiv die ganzen Geschichtsschreibungen sind. Man muss ja nicht notwendig Allien Sex Fiend auf die Nase geben, um eben doch immer die Zurkenntnisnahme marginalisierter Historie zu fördern und Perspektiven, die als sehr randständig eher nebenher erzählt werden und meistens schon über irgendeine weiße oder heterosexuelle Imitation vermittelt, eben immer wieder einzubringen.

  10. ziggev Februar 14, 2012 um 6:06 nachmittags

    also ehrlich, was ich in den 80ern an der mochte, weiß ich heute nicht mehr so genau. Plötzlich gab es jedenfalls diesen Riesenhype, diese Riesenkonzerte, und sie dann in diesem sexy-Lederlook. Dann wieder “I wanna Dance With Somebody” mit der Ganztonrückung, am Ende einer Ballade geht ja sowas schon mal durch, aber das Cover und der Video sagten bereits alles. Vielleicht ein Thema, wo ich mich wirklich nicht einmischen sollte, aber warum war die plötzlich so Weiß? Ich fand das jedenfalls in jeder Hinsicht krampfig.

    hier und hier mal ein paar schöne Fotos. Wenn ich Bilder von Whitney Housten google, dann habe ich den ‘Mariah Carey-Effekt': ich weiß bis Heute nicht, ob es sich bei der frühen um dieselbe handelt wie bei der jetzt. Eigentlich hat sie doch Ähnlichkeit mit Whitney Housten bzw. diese mit ihr, oder?

    Da wurden einfach Bilder draufgeklatscht, und ich hatte ziemlich früh das Gefühl, dass die vernutzt wurde. All das passte überhaupt nicht zu der, wenn ich mir so einen Kommentar mal so eben anmaßen darf, und je größer der Hype, umso weniger wurde irendetwas erkenntlich. Das tat mir leid, ich war wütend (und irgendwie hatten die Balladen ja doch bei mir was bewirkt …)

    hab jetzt doch noch n Bisserl Videos gegoogelt und geschaut und gehört (mithilfe von ProxTube burks – vielleicht sich mal die Kommentare hier durchlesen, da einige offensichtlich Probleme hatten.)

    “How will I Know”, “One Moment in Time”, “Where do Broken Hearts Go”, die im Radio rauf und runter gespielt wurden, in fast jeder Disco liefen – ich weiß nicht, das war doch ne tolle Zeit …

    Und diese fröhliche, unbekümmerte 80er-Mode und -Art hat mir noch am besten gefallen. Beim Hören der frühen Sachen – selbst bei den Mega-Konzerten mit echten Streichern und später ist das im Grunde immer noch so – da fällt mir auf, dass da einfach ne Funky-Jazz-Band spielt, wie früher im Angie´s Night Club (lange nicht mehr dagewesen), Rhodes-Piano, Streicher, wenn, dann vom 80s-Synthie, bei “How Will I Know” sogar Prince-Anklänge, alles irgendwie insofern noch in der Tradition stehend, dass das alles auch live gespielt werden kann und ja auch wird.

    Und ich finde eben nicht, dass Whitney Housten ins hysterische Soul-Gekreische verfällt, ich habe die sogar nichtmal als Soul-Sängerin wahrgenommen. Das Besondere an den Achtzigern war ja (jetzt wiederhole ich mich), dass es auch in der nicht-schwarzen Musik noch echte Songideen, echte Melodien gab. “Hey Little Girl” … Whitney Housten finde ich eigentlich da immer umprätenziös. Und ein Song wie “I Will Always Love You” ist halt klassische amerikanische Popmusik, ok, meinetwegen, Tin Pan Alley, Great American Songbook, Grammy Awards … und die Amerikaner fahren etwas sehr auf diesen Glämmer ab. Aber es ist nun mal eine große amerikanische Tradition. Usprünglich waren das aber eben mit allen Wassern gewaschene Komponisten. Wenn dann jemand wie Whitney Housten vorbeikommt, warum sich da nicht mal als Arrangeur bis zum Letzten ins Zeug legen?

    Und manchmal wünsche ich mir jemanden wie Whitney Housten zurück – wenn ich etwa minanhöre, dass bei DSDS fast ausnahmslos alle mit denselben Manirismen ankommen, komische “soulige” Verzierungen am Ende einer Phrase, krampfhaft den Restatem ins Mikro husten usf. Gesangtherapeuten sagen sogar, dass an sowas, also immer bloß eine andere Stimme immitieren zu wollen, die Seele Schaden nehmen kann.

    Ach, und Kate Bush und “Distingtionswille” und so weiter. Diese Diskussionen waren ja bereits zur Genüge geführt worden, als ich drankam, da machen 2-3 Jahre Popgeschichte schon etwas aus. Ja, da war diese Kate Busch Platte im Regal, wurde ja auch im Radio gespielt, für mich hatte sich das, wo es immer um Abgrenzung ging, gewissermaßen bereits aus meiner WWWahrnehung verabschiedet.

  11. mark793 Februar 14, 2012 um 6:13 nachmittags

    Haha, als ob Alien Sex Fiend kein randständiges Phänomen gewesen wären, das von der offiziellen Geschichtsschreibung mehr oder weniger komplett ignoriert wird. Wahrscheinlich hat allein Dionne Warwick von ihrer Hitsingle “Heartbreaker” hierzulande mehr Exemplare verkauft als ASF bezogen auf ihr ganzes Oeuvre (von den gigantischen Erfolgen von Whitney Houston gar nicht erst zu reden), also wer ist da marginalisiert? ;-)

    Aber ich verstehe natürlich, was Du meinst. Das mit den vielfältigen Aneignungen und Imitationen wäre mal ein eigenes Thema. Wobei es bei uns damals durchaus in den Schulbüchern für den Musikunterricht drinstand, dass z.B. die Blues-Pentatonik (und das beschleunigte Blues-Schema im Rock’n’Roll) das Grundgerüst weiter Teile der (weißen) Rockmusik lieferte. Zumindest das war nicht unbedingt Geheimwissen – im Gegensatz etwa zu Beiträgen der Sinti und Roma zu diversen Volksmusiken. Oder um es ein bisschen unernst auf die Spitze zu treiben, queerem Minnesang und cisgender-Gregorianik.

  12. momorulez Februar 14, 2012 um 6:29 nachmittags

    @ziggev:

    Ich habe dem wenig hinzuzufügen außer auf dem Gospel-Background zu bestehen und dass ich die Dance-Nummern von ihr nicht so mag ;)

    @Mark:

    Der Kontext, in dem ich das diskutiere, ist ja eine bestimmte Indie- und Credibility-Sauce aus, ich sag mal sehr allgemein, poplinken Zusammenhängen und die Bereitschaft, jenseits der reinen Stimmvirtuosität jemanden Ansätze eines künstlerischen Anspruches anzukleben. Es gibt so eine weiße Indie-Gitarrenrock-Geschichtsschreibung, der sehr viele zum Opfer fielen – so dass dann auf einmal Leute erstaunlich fanden, das Bloc Party einen schwarzen Sänger hatte. Als sei nicht selbst Brit Pop auf den R&B zurück zu führen.

    Und das ist dann häufig etwas, wo die Gothic etc.-Nummern eher Respekt erfahren als eine Dionne Warwick.

    Dass natürlich gerade in dieser Variante der “schwarzen Szene” nun wiederum ganz andere Marginalisierungserfahrungen in einer christlich geprägte Kultur, Zusammenhänge mit Fetisch-Szenen usw. – umgekehrt, falls oben der Burks verlinkt ist, der “Nazis sind Pop” geschrieben hat, wichtiges Buch, schon auf der Ebene des musikalischen Materials so, dass nicht wenige aus der Szene nun gerade später nacht ultrarechts kippten. Nein, natürlich nicht alle, aber einige.

  13. ziggev Februar 14, 2012 um 7:43 nachmittags

    ija, st natürlich richtig, auf Gospel zu bestehen. Es ist weniger Hollywood, weniger Broadway, sondern eben Gospel; eher doch die Tonträgerindustrie, nicht Tin Pan Alley. Aber wieder ausgefeilte Kompositionen, Arragements, und dann auch Grammy Awards.

    ich versöhne mich übrigens gerade wieder mit “Independent”

    Tati

    springt ja auch ganz locker vom E4 runter zum G2 … naja, so genau kann ich es nun wieder auch nicht hören ;-)

  14. mark793 Februar 14, 2012 um 9:16 nachmittags

    @Momo: Als sei nicht selbst Brit Pop auf den R&B zurück zu führen Ja sicher, aber dieses Faktum dürfte für die meisten in diesem Beritt etwa so unstrittig und gegenwartsbedeutsam sein wie die Aussage “genetisch gesehen kommen wir alle aus Afrika”. Nun langweilt mich diese picklige, schlecht frisierte und hühnerbrüstige Indie-Szene, in der sich seit den frühen Nullerjahren (zumindest nach meiner unmaßgeblichen Beobachtung) auch schon seit ein paar Äonen, und das nahezu ausschließliche Schmoren im eigenen Saft sehe ich da tatsächlich als Problem. Aber wen oder was meinst Du genau mit den Opfern jener Geschichtsschreibung?

  15. El_Mocho Februar 14, 2012 um 10:24 nachmittags

    Mein Gott, es gibt auch Musik außerhalb des Horizontes angelsächsischer Popmusik, ihr Eurozentristen. Nehmt diese doofe Hupfdohle mal nicht so wichtig. Was haltet ihr hiervon:

  16. che2001 Februar 14, 2012 um 10:49 nachmittags

    Also ich finde das großartig. Was haltet Ihr denn davon?

  17. momorulez Februar 14, 2012 um 10:54 nachmittags

    @mark:

    Bessie Smith, Big Mama Thornton, Ike Turner, den Crudup kennt auch keiner mehr, ach, der Namen sind echt unzählige, und das alles wäre ja gar nicht relevant, wenn es nicht dylanesk zu immer neuen Supremacy-Varianten auf weißer Seite dienen würde, auch sehr kuriose Verdrängungsleistungen statt finden, dass z.B. das Streben nach wirtschaftlichem Aufstieg im Falle von Motown eher misstrauisch und als entkunstet betrachtet wurde, das Bild von “Ghetto” und Baumwollfeld aber zementiert wird, wie übrigens keiner besser wusste als Adorno, man glaubt es ja kaum.

    Und wenn ein ganz seltsames Musikverständnis dabei raus käme und es nur immer die gleichen Hegemonien stützen würde. Das ist ja allein schon sehr außergewöhnlich, dass Whitney Houston eine Hauptrolle in einem Hollywood-Burner bekam. Und das strahlt einfach auf andere gesellschaftliche Bereiche aus. Amy Winehouse räumt ab, und die Dep Kings oder wie sich schreiben kennen dann Insider. Musik ist ja das einzige Feld, wo ein Prince oder ein immer weißer werdender Michael Jackson an vorderster Front akzeptiert waren.

    Nörgler hat das alles ja treffsicher im ersten Kommentar schon auf den Punkt gebracht.

    @El Mocho:

    Gucke ich morgen an, mit dem Eurozentrismus haste ja recht, aber die “Hupfdohle” steck Dir mal sonstwo hin.

  18. che2001 Februar 14, 2012 um 10:58 nachmittags

    Oder das hier:

    und das

    wobei ana la habibi (Eigentlich: ana berhebabak habibi) auf arabisch “Ich liebe dich” heißt.

  19. mark793 Februar 15, 2012 um 12:16 vormittags

    @Momo: Ich weiß nicht, anscheinend sind einige Teile der von Dir kritisierten Geschichtsschreibung an mir vorübergegangen (was durchaus die eine oder andere Bildungslücke bei mir offenbaren mag). Ist denn über motowns Gewinnerzielungsabsichten so viel schlechter gesprochen und geschrieben worden als über sagenwirmal die Beatles mit ihrem aberwitzigen Apple-Konzern? Kann ich mangels repräsentativer Quellenlage nicht ganz nachvollziehen. Und dass die Musik der einzige Bereich wäre, in dem Schwarze (und das auch nur unter zunehmendem Bleich-Zwang) oben mitmischenkönnten, stimmt so nicht ganz. Ich erinnere mich, dass Bill Cosby über Jahre der bestbezahlte Sitcom-Act war, und Oprah hat als Talkerin doch mehr Gage gekriegt als Letterman, Leno und O’Brien zusammen. Was Deiner Analyse insgesamt aber freilich nichts nimmt.

    @Che: Etwas gewöhnungsbedürftig, der Cheb Kader, obschon meine früheren türkischen Nachbarn meine Lauscher schon etwas an dieses spezielle Tremolo und die Vierteltonharmonik (weiß jetzt nicht, ob das der korrekte Begriff dafür ist) gewöhnt hatten. Diese Fayrouz-Nummer ist schon ziemlich großartig.

  20. che2001 Februar 15, 2012 um 12:40 vormittags

    Bin halt damit sehr geprägt worden: Rai, Oriental Kitchen (den Begriff kenne ich nur von momorulez), für meine türkkurdischsyrischseschen Bekannten war das halt musik und was sich darum rankt, das ist halt eher für mich Normalprogramm

  21. momorulez Februar 15, 2012 um 1:02 vormittags

    @Mark:

    Also, dass den Beatles große Kunst (im Pop-Rahmen), den Surpremes hingegen Fließbandqualitäten zugestanden wurden ebenso wie Martha Reeves, ist das selektive Wahrnehmung? Und Bill Cosby oder Oprah, das sind nun eher Ausnahmen, und die Winfrey-Biographie kannste Dir ja mal aneignen ;) … ja, es gibt jetzt sogar einen schwarzen Präsidenten. Aber auch den hätte es nicht gegeben, wenn nicht schon zuvor Leute so rumgezickt hätten wie ich hier und natürlich auch noch weit darüber hinaus gegangen wären. Wowi wäre noch ’65 im Knast gelandet.

    Soll ich Dir jetzt die ganzen weißen, heterosexuellen Männer aufzählen im Gegenzug? Selbst Kleopatra war doch schwarz, und dass die aus tiefstem Herzen hochverehrte Liz Taylor da das Gegenbild schuf, das ist eh verlogen.

    @Che:

    Mir fehlt jedes Verständnis dafür, dass Du Dich hier noch ausleben möchtest, bleib bitte weg.

  22. Pingback: Momo hat recht! « wortanfall

  23. momorulez Februar 15, 2012 um 10:56 vormittags

    @El Mocho:

    Salsa find ich prima ;) ….

    @Loellie:

    Dieses Ding mit Archie Shepp ist prima!!!

  24. che2001 Februar 15, 2012 um 2:22 nachmittags

    @Momorulez: Es steht Dir immer frei, meine Beiträge zu löschen, aber es gibt genau einen Menschen, der entscheidet, wo ich Kommentare schreibe oder Clips verlinke, und der bist nicht Du. Deine Entscheidung, mit mir komplett zu brechen aufgrund eines Postings, dessen Aussage und Intention Du komplett falsch verstanden hattest (es richtete sich nicht gegen kritischen Umgang mit der Männerrolle, sondern gegen eine Subszene, duie strukturell dazu gar nicht in der Lage ist) und davorc liegende Kommunikationsprobleme haben auf die Tatsache, dass ich Dein Blog weiterhin sehr lesenswert finde ja auch keine Auswirkung. Ich hatte mir überlegt, zum Telefonhörer zu greifen und das Ganze im Gespräch mit Dir zu klären und mich dann dagegen entschieden, weil alle Klärungsvorstöße bei Problemen zwischen uns immer von mir ausgegangen waren und die Initiative kein einziges Mal von Dir gekommen war, und wenn man dann im real life ohnehin immer der Problemlöser und Ausweinschulter für Andere ist verliert man irgendwann den Bock.

  25. momorulez Februar 15, 2012 um 3:03 nachmittags

    Ja, dann verliere doch bitte auch hier den Bock zu kommentieren, Du Armer, und Danke, dass Du nicht angerufen hast.

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