Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Blaue Augen

 Teil 6 des mit Ring2 verfassten Blog-Experiments

 

Teil 1: John Zwo

Teil 2: Der Brief

Teil 3: Der Abschied

Teil 4: Der Leichentransport

Teil 5: Bahnfahrt nach Berlin

 

Diese blauen Augen … der Kontrolleur hatte auch diese blauen Augen … Johns blaue Augen … Jane lächelte ihm zu, genoss, dass er reagierte, als würde sie mit ihm flirten.

Obwohl sie eine Bahncard hatte, nutzte sie sie nicht, damit niemand auf welche Art auch immer ihre Reise nachverfolgen könnte. Bar bezahlt am Hauptbahnhof, gleich neben jenem Ort, da ihr Großvater einst als Großspender der Kunsthalle, errichtet auf einer der alten Bastionen des Stadtwalls, vor allem die Liebermann-Sammlung ausbauen ließ. Sie stellte sich oft vor, sie könnte die Welt so sehen wie Liebermann, getupft und doch geschlossen, lichtvoll und doch so sachlich und spröde, in gebrochenen Farben, mit Form und Formlosigkeiten spielend. Das wäre so beruhigend. Sie hingegen sah alle Farben wie überstrahlt, intensiver. Das musste an den Medikamenten liegen. Ihre Welt war grell.

Bisher hatte sie emotional fast regungslos an ihre Tat gedacht, an die Notwendigkeit, ja Unausweichlichkeit, ihn zu opfern. Hatte einfach so gehandelt, und als es mit dem Taser nicht klappte, einfach so zur Waffe gegriffen, als würde sie Gemüse schneiden oder staubsaugen. Ganz automatisch und selbstverständlich. Es war halt nicht das erste Mal gewesen.

Nun jedoch sah sie wieder das lebendige Leuchten, ja Funkeln in Johns blauen Augen vor sich, das ein für allemal verloschen sein würde … die kleinen Lachtfältchen, das Grübchen an seinem Kinn, diese Narbe auf seinem Oberschenkel, seine formlosen Plattfüße, sie würden verfallen, zu Erde werden, Nahrung … aber vielleicht würde er ja auch verbrannt. Asche zu Asche …

Jane hatte all die lustvoll zusammen verbrachten Nächte, Nachmittage, Morgende ausgeblendet, weil sie ja wusste, dass er nach der Amnesie unaufhaltsam … sie wollte nicht sein erstes Opfer sein.

Als sie in der Wohnung mit der grünen Tür auf ihn gewartet hatte, hatte sie all diese Erinnerungen an ihre zeitweise so leidenschaftliche Liebe fest in ihrem Hinterkopf verschlossen, versiegelt. Hatte sich bildlch den Tresor vorgestellt, in denen sie sie verschließen wollte und imaginiert, wie sie den Schlüssel fort warf. So was half ja manchmal.

Außerdem gab es ja auch noch Juri, und im Grunde genommen machte es mit dem auch viel mehr Spaß. Er war ideenreicher, ging ein auf das, was ihr Körper wollte. Es lief gerade deshalb so gut mit ihm, weil sie für ihn kein anderes Gefühl als Verachtung empfand. Fast einen Hauch von Ekel. Der Leichenfledderer. Gerade, dass er ganztätig mit Leichen zu tun hatte, machte das Spiel um den „Kleinen Tod“ mit ihm so interessant. So lebendig.

Eigentlich war er eine Art Laborratte für sie, sie liebte es, ihn zu manipulieren, während er ihr mit seiner tumben, immergeilen Art hinterher hechelte wie ein treudoofer Köter. Jane lächelte still in sich hinein.

Der Zug fuhr ein im Berliner Hauptbahnhof. Dem Businesstypen, der vor ihr ausstieg, gab sie einen kaum merkbaren Schubs. Er strauchelte, sie lachte, extra schrill – verschiedene Arten des Lachens hatte sie seit ihren Teenager-Jahren geübt. Ihre Allzweckwaffe. Er sah sie wütend an, sie schritt stolz an ihm vorbei auf ihren High Heels den Bahnsteig entlang und warf ihren Schal über die Schulter ganz, wie es sich für eine Diva gehört.

Der Taxifahrer trug die für Berlin so übliche schlecht gelaunte Fresse mit der typischen Selbstgefälligkeit des Hauptstädters. Sie setze sich hinten in den Wagen und demonstrativ die iPod-Kopfhörer auf, nachdem sie „zur Oranienstraße“ gebellt hatte. Da lebte ihr Cousin. Der wusste nicht, dass sie kommen würde, doch sie war vorbereitet. Bestens vorbereitet.

Ihr Handy klingelte. Juris Name wurde angezeigt. „Ja?“ „Ich habe ihn.“ „Lebt er noch?“ „Ja.“ „Dann viel Spaß mit ihm … und denk an das Notizbuch!“ Sie hörte im Hintergrund einen Schrei. Juri lachte.

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Eine Antwort zu “Blaue Augen

  1. Pingback: Deja Vu | rotten hamburg - beautiful st. pauli | » ☠ ring2

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