Unter PoC und Feministinnen hat sich die Üblichkeit formiert, “Triggerwarnungen” auszusprechen, bevor man einen Link setzt. Wenn also zur Demonstration der kritisierten Phänomene auf beispielsweise rassistische Karrikaturen oder frauenverachtende Darstellungen verweist, ist vorher zu warnen, weil diese etwas auslösen können – in der Regel die Aktivierung Diskreditierungs- und Diffamierungserfahrungen, durch die Mensch zu dem wurde, was Mensch heute ist.
Das wird ja immer unterschätzt, dass all diese internalisierten Stereotype und Abwertungen im negativen Sinne persönlichkeitsbildend sind und Mensch sich erst mal durch sie durchkämpfen muss, um überhaupt ein Gefühl von Selbstwert im ganz buchstäblichen Sinne zu entwickeln. Das ist übrigens auch und gerade bei Klassismus Unterworfenen der Fall.
Irgendwann, wenn Mensch sich da lange genug durch gebissen hat, entsteht die Sehnsucht nach “Safe Places”. Also Orten, wo Mensch unbehelligt bleibt von all diesem Mist und einfach so sein kann, wie Mensch ist, ohne nun ständig zur Disposition gestellt zu werden. Also nicht diesen “Auslösern” ausgesetzt zu sein, die schlechte Erfahrungen in Vergangenheit und Gegenwart aktivieren.
Ich glaube, es entspricht dem Selbstverständnis des FC St. Pauli und eines großes Teils der aktiven wie sonstigen Fans, ein solcher Ort für PoC, Schwule und Frauen zu sein.
Gestern fand eine solche Selbstverständnisdiskussion statt im “Ballsaal” des FC St. Pauli. Justus vom Fanladen moderierte grandios z.B, die Frage an, wieso sich PoC im Stadion wie auch in relevanten, instituionellen Strukturen des Vereins insbesondere da, wo es um Macht geht, so selten nur finden.
Fabian Boll berichtete differenziert und teils fast schon ergreifend, wie es ist, Polizist zu sein und in Rostock dem geballten Hass der dortigen Community als Spieler ausgesetzt zu sein. Das Traurige ist ja, dass große Teile der dort in Drohgebärden und Hass-Gesängen sich ergehenden Personen das noch freuen würde, wenn sie hörten, dass ihre Versuche, Angst und Schrecken zu verbreiten, Wirkung zeigen. Die holen sich vermutlich im stillen Kämmerlein einen runter darauf, weil sie sich dann so mächtig fühlen.
Nun ist gegen Masturbation eigentlich nichts einzuwenden. Das sah die katholische Kirche und andere Saft-Theoretiker lange Zeit anders. Der Terror, dem Heranwachsende sich ausgesetzt sahen, damit diese sich nicht einem spielerischen Umgang mit den je eigenen Genitalien übten, war beträchtlich. “Hand über der Bettdecke” vor dem Einschlafen war noch die harmloseste Varinate. Im Film “das weiße Band” ist beispielsweise zu sehen, wie einem Jungen die Hände nachts fest gebunden wurden. Herr Kellogs, meines Wissens auch Erfinder der Cornflakes, hat wahre Foltermaschinen erfunden, die Schmerzen bei Mädchen und Jungs verursachten, um Onanie zu unterbinden.
Weil alles Sexuelle, das nicht dem “seid fruchtbar und mehret euch” diente, brutal unterbunden wurde. Auch durch das Kreiieren von Horror-Sznenarien rund um Teufel und Hölle, Schuld und Sühne wurde mittels des Erzeugens von Angst buchstäblich Herrschaft ausgeübt, auch im ökonomisch höchst rentablen Sinne. Michel Foucault geht so weit, die These zu formulieren, dass noch die Psychoanalyse im Paradigma der Beichtpraxis situiert sei und durch Sprechenmachen und Abgrenzung gegen die “Perversen” normalisieren würde.
Mittlerweile tritt zumindest in unseren Breiten sie oft sanftmütig und friedvoll auf, regiert freilich in Rundfunkräten und in Parteien verortet und durch eine sehr weit gehende, staatlich geförderte, oft bewundernswerte karitative Infrastruktur in diesem Land mit. Opus Dei-Mitglieder treten als Gutachter der Bundesregierung bei verfassungsrechtlichen Fragen auf. Weltweit – z.B. in Spanien – bringt die Katholische Kirche, selbst tief in den Klerikalfaschismus unter Franco verstrickt, Tausende von Menschen auf die Straße, um gegen Homo-Rechte zu protestieren. Sie beschränkt sich nicht etwa auf individuell gültige Glaubenslehren, sondern wirkt direkt auf staatliche Institutionen ein, um Menschengruppen zu entrechten.
Ich kenne keinen Schwulen, es mag sie geben, der von der unterschwellig christlich indoktrinierten “Schuld und Sühne”-Welt frei wäre, von all diesem Gesabbel, dass das “widernatürlich” sei, was man will. Und habe bei fast allen, die ich kenne, die darauf folgenden Probleme teils hautnah und sehr intim erleben dürfen, durch diesen Quatsch geprägt zu sein, wo man nur Lust und Liebe sucht und sich die Subjektivierungsweisen der Kirchen (und anderer) dazwischen drängeln und am Finden hindern. Was in vielen Fällen angesichts der christlichen Schuld und Sühne-Schwurbel durchaus auch “Heterosexuellen” auf andere Weise vielleicht ähnlich geht. Vielleicht ist das im Osten anders, keine Ahnung – in Ländern wie Polen, die sehr katholisch geprägt sind, ist es für Schwule tatsächlich die Hölle. Die auf Erden.
Offiziell päpstliche Doktrin ist, dass man “homosexuell” zwar “sein” dürfe, es jedoch nicht leben solle. Weil es der “natürlichen Ordnung” widerspräche. Was nicht biologistisch, sondern unter Berufung noch nicht mal auf die Bibel, sondern auf vormoderne Naturrechtslehren, die demokratischen Prozessen und Rechtssetzung vorgängig seien, begründet wird. Hat der Papst gerade im Bundestag betrieben und wurde dafür noch allseits gefeiert, war auf allen Kanälen zu sehen.
Nun gehe ich gestern auf eine Veranstaltung zur Frage “Warum gehe ich zu St. Pauli?”, und auf dem Podium sitzt neben der Vertreterin des Aktionsbündnisses gegen Homophobie ein Vertreter der Katholischen Kirche. Ich habe das als Zumutung empfunden. Ich habe selbst nichts gesagt, weil ich antizipierte, dann sofort eine Debatte über die “intoleranten Schwulen” am Hals zu haben. Trigger! Dann wäre ich drin im Machtschema, ließe ich mich darauf ein. Somit wurde ich freundlicherweise den ganzen Abend wieder mit diesem Müll konfrontiert, den man loszuwerden versucht Zeit seines Lebens. Einfach weil der da saß.
Der Herr wurde auch angesprochen auf die Doktrinen seines Dienstherren und antwortete sinngemäß, “schwule Sau” zu rufen sei nun nicht im Sinne der christlichen Nächstenliebe zu verstehen. Ließ also die offizielle Doktrin, die kraft päpstlicher Verfügung gilt, weg.
Äußerte sie aber wohl Ring2 gegenüber, der für mich sozusagen in den Kampf zog, dass Sexualität, die nicht der Fortpflanzung diene, nicht Gottes Wille sei.
Rumps. Rechte Agitation am Millerntor und meines Erachtens ein klarer Verstoß gegen die Stadionordnung. Im Falle der Homophobie-Frage ist priesterliches Ornat nichts anderes als Thor Steinar-Klamotten.
Ich bin vehementer Verfechter der Religionsfreiheit und habe vollstes Verständnis dafür, dass gläubige Katholiken, die Bedürfnisse verspüren, mit Kerlen zu poppen, diesen dann nicht folgen. Sie können gerne glauben, was auch immer sie wollen.
Das Problem ist, dass das umgekehrte Verständnis NICHT von katholischer Seite aufgebracht wird und sie stattdessen finanzstark gegen Leute wie mich agitiert.
Ich finde, das ist mir als schwulem Fan am Millerntor nicht zuzumuten, dass ich dem ausgesetzt in einem Raum, der sich als “Safe Place” definiert. Hier gelten laut Vereinssatzung noch einmal andere Regeln als gesamtgesellschaftlich.
Ich habe das Bedürfnis, davon nicht behelligt zu werden, auch dann, wenn der andere Schwule im Ballsaal die Sache anders sehen sollte. Ich bitte die sich für solche Veranstaltungen aufopfernden Vertreter der aktiven Fanszene, in solchen Fragen in Zukunft etwas sensibler zu agieren.
Was ich hier NICHT referiere, ist die Frage, wie die Katholische Kirche in Geschichte und Gegenwart mit Frauen umspringt und umgesprungen ist und welche Rolle die Missionsgeschichte in der brutalen Kolonisierung spielte selbst da, wo eine Christianisierung der Unterworfenen sogar funktioniert hat. Nicht, weil das nicht mindestens genau so wichtig wäre, das ist es aber so was von. Das hebe ich mir für weitere Einträge auf.
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