Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

“Die Macht kommt von unten”

Das waren Zeiten! Damals, Ende der 80er – die Diskussion rund um “Postrukturalismus” und “Postmoderne” wurde mit erbarmungsloser Heftigkeit an Universitäten, auf Kongresses und in Aufsatzsammlungen geführt. Mein Einstieg in die akademische Philosophie, nachdem zuvor ein eher lebensweltlich-praktisch verstandener Sartre meine Misanthropie nährte, war ein Vortrag von Herbert Schnädelbach zu Michel Foucaults “Die Ordnung der Dinge”, “Das Gesicht im Sand” hieß der. Eigentlich steckte da alles drin, was später mein Studium prägte – Schnädelbach neckte zwar den allseits dominanten Jürgen Habermas, schmiss sich aber auf dessen Seite im Zuge der Verteidigung von “DIE VERNUNFT” in der Vielfalt ihrer Stimmen, da zumeist die philosophische Postmoderne und ihre Vertreter als Vernunftkritik rezipiert wurden. Das Thema ist keineswegs gegessen, sieht doch z.B. der Pro-Westler und der Antideutsche Hand in Hand mit der CIA die “westliche Kultur” ganz hegelianisch als die Verwirklichung des Vernünftigen in Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Wirtschaftssystem, was weniger “zivilisierten” Völkern und Kulturen notfalls per kriegerischer Handlung eingebombt werden müsse.

Nun hatten zuvor bereits Horkheimer und Adorno in der “Dialektik der Aufklärung” die sich historisch entfaltende Vernunft als zerstörerisch in ihrer instrumentellen Form gedacht – sie diene dazu, sich Mensch und Natur gefügig zu machen, beides zu beherrschen, somit sei sie nach dem Umschlagen von Aufklärung in Mythologie zum Prinzip totaler Herrschaft geworden. Dieses “Umschlagen” zeige sich im “Positivismus”, bei dem ganz wie einst im Mythos Begriff und Sache wieder zusammen fielen und ganz wie einst der Magier nun der Wissenschaftler Macht und Herrschaft über Leben und Dinge auszuüben trachtete. Im Zuge der Ökologiebewegung wurde diese Kritik an der “Naturbeherrschung” wieder populär, die in Regenwaldrodung und Meeresverschmutzung ganz rational das Leben zerstörte. Eine nicht mehr marxistische, an den Erfolg technischen Fortschritts, also der Produktivkraftentwicklung glaubende, sich links verstehende Kapitalismuskritik wurde möglich und wirkungsmächtig.

Nichtsdestotrotz hatte eine ganze Generation akademischer Lehrer rund um Jürgen Habermas im Gefolge von Adornos “Negativer Dialektik” versucht, erweiterte, nicht-instrumentelle Vernunftbegriffe zu formulieren. Und dann kamen diese ganze Studenten, lasen die Poststrukturalisten und die “Dialektik der Aufklärung” neu und setzten mit Foucault auf eine Kritik der Macht, die der Vernunft, der Rechtsentwicklung, der Geschichte westlicher Demokratien, ja, die Menschheitsgeschichte durchdrungen hätte, gerade im Zuge der Etablierung all dessen, woran man getreu Adenauer folgend irgendwie zu glauben gewohnt war, nicht äußerlich sei. Die Entwicklung der Humanwissenschaften habe die ach so hehre, bis zum Grundgesetz fort geschrittene Rechtsentwicklung schlicht unterlaufen, so schrub Foucault z.B.. Weil gar nicht mehr der Richter Recht spreche, sondern der psychiatrische Gutachter, zum Beispiel, und für Sicherheitsverwahrung plädiere.

Während man sich auf Gewaltenteilung wer weiß was einbildete, fand in der realhistorischen Entwicklung nur eine fortschreitende Disziplinierung und Normalisierung von Gesellschaften statt – in Schulen, Fabriken, der Psychiatrie und den Gefängnissen. Ganz rational würde die Bevölkerung bürokratisch erfasst und dazu gebracht, sich gewissermaßen selbst zu disziplinieren, um nicht in den Sog  von Umerziehungsinstitutionen wie Gefängnis oder Psychiatrie zu geraten. Fortschreitende Überwachung würde internalisiert und so erst Subjektivität erzeugt, indem man sich an möglichen Sanktionen orientierte, die man vermeiden wollte – ich bin das, was Lehrer und Chefs über mich sagen, die über mich Buch führen, Zeugnisse ausstellen usw.

Um diese Maschinereie zu ölen, wurde abweichendes Verhalten gezielt produziert: Z.B. in dem Wissen über die “Delinquenz”. Was sind das für “Milieus”, in denen sie entsteht? Die Sozialwissenschaft stand Statistik bei Fuß, um auf diese Gruppen einzuwirken. Und so was wie Dorgenkriminalität, auch gut zu gebrauchen bei der Finanzierung von Geheimdiensten, sorgt für einen stets präsenten Pool von Delinquenten, ebenso die Institution Gefängnis, bei der jeder weiß, dass sie “Kriminalität” tradiert, nicht etwa verhindert. So ist permanent die Masse präsent, gegen die sich die “Rechtschaffenden” abgrenzen können.

Die Ergebnisse der Humanwissenschaften, das Wissen über die “Devianten”, wirkt eben auch auf die Normalsierten: In stetem Abgrenzungsdruck zu den erforschten “Populationen” regulierte sich ihr Verhalten. Das Wissen wurde allseits verbreitet, begründete Gesetze, also Interventionsbefugnisse wie die Entmündigung und Psychiatrisierung “hysterischer” Frauen, ermöglicht. Wer will das dann schon noch sein?

Was ergänzend zur Folge hatte, dass Männer auch ja nicht weibisch-hysterisch sein wollten und sich entsprechend bürgerlich-kontrolliert verhielten, immer ganz realistisch die Wahrheit im Visier. Untersucht und erzeugt wurde in den Forschungseinrichtungen Wissen über die Abweichenden, die im “Bauch” der Normalverteilung gerieten nicht ins Scheinwerferlicht – mussten sich aber stets hüten, da nicht rein zu geraten. Der Bundestrojaner könnte ja was finden.

So weit sehr grob die Story in “Überwachen und Strafen”. Revolutionär waren daran zweierlei Thesen: Wissen hat Machtwirkungen, und Macht ist produktiv, nicht repressiv. Sie bringt etwas hervor: Weltsichten, Subjektivitätsvorstellungen, Normalitätsraster. Und mächtig sind diese deshalb, weil sie eben wirken, auf Personen und deren Verhalten. Es war nach Foucault nicht mehr möglich, und wer es tut, obwohl er dessen Werk kennt, lügt, “reine” Wahrheitsfragen zu stellen – denn was soll ein Wissensbegriff, der nicht irgendwie an “Wahrheit” gekoppelt ist? Anders in manchen Formen der marxistischen Ideologiekritik, wo man noch Nicht-Entfremdetes hinter den Tücken der Herrschaft wittert, IST ein jeder durch diese Prozeduren zu dem geworden, als was er sich versteht. Da gibt es keine irgendwo verortete Eigentlichkeit mehr.

Und man kann nur Gegenmacht erzeugen, andere Bilder, Wissensformationen und Praktiken dem entgegen stellen, um die, die Zentren unserer Kultur und Gesellschaft, unseres Institutionengefüges sind, sozusagen durch Pluralität zu entmachten. Das brachte dann im Gegenzug den berühmten Beliebigkeitsvorwurf hervor.

Das hat ganz schön schockiert, damals. Gender- und Queer-Theory wie auch postkoloniale Studien knüpften dort an, indem sie das Wissen über Schwule und Lesben, Frauen und Kolonisierte, das auch in Alltagssituationen sich reproduziert, problematisierten. Weil keiner, der zu den Kolonisierten, patriachal annektierten oder heteronormativ als das Andere dessen Hervorgebrachten gehörte, drumherum kam, sich in seiner Sozialisation mit eben diesen “Bildern” auseinanderzusetzen und sich dazu zu verhalten – eine Möglichkeit, die Foucault erst in seinem Spätwerk einräumte. Und diese Machtwirkungen sind überall, also nicht nur an Formationen wie Staat oder Firma gekoppelt.

Es gibt das berühmte “Die Macht kommt von unten”-Zitat Foucaults, was gerade Linke sehr empörte: Die sind doch die Unterdrückten! Ja, auch, Foucault operiert nicht völlig außerhalb des Raumes der marxistischen Kritik: Z.B. die städtebauliche Veränderung wie in Paris oder Hamburg, da unübersichtliche und unkontrollierbare “Elendsquartiere” abgeräumt oder mit Boulevards durchzogen wurden, sind Teile einer umfassenden Sozialdisziplinierung, um die überhaupt erst ab jetzt gedachte “Bevölkerung” dem kapitalistischen Wirtschaften zur Verwertung zugänglich zu machen. Die ganze auf “Fortpflanzung” zentrierte Sexualwissenschaft, die alle nicht dieser dienlichen Formen pathologisierte, und wer will schon krank sein?, hatte im Hintergrund die Notwendigkeit des Bevölkerungswachstums zu Zeiten der frühen Industrialisierung. Man zeige mir einen Wissenschaftszweig, der nicht unter dem Druck eines solchen “Wozu?” stünde. Dennoch reproduziert sich überall dort, wo die dieses “Wissen” eingesickert ist, die Machtwirkung und wird mittels sozialer Kontrolle weiter gereicht :”Ist ja voll schwul, ey!”.

Das alles hat Denker wie Habermas sehr aus der Fassung gebracht. Zwar hatte der selbst noch in der “Theorie des Kommunikativen Handelns” vor der “Kolonisierung der Lebenswelt” durch administrativ-bürokratische Systeme ebenso wie jener kapitalistischen Wirtschaftens gewarnt und Verrechtlichungstendenzen gegeißelt, aber bei ihm gab es immer die “gute Vernunft”, die sich in Geltungsansprüchen im moralischen und deskriptiven Sinne und auch hinsichtlich der eigenen “Authentizität” äußern würde, die in Sätzen wie “ich finde es richtig, dass …” oder “es ist der Fall, dass …” oder “Ich fühle wirklich, dass …” artikulierte. Diese stifteten sozialen Zusammenhalt und würden helfen, Handlungen zu koordinieren.

Im Fall sozialer Normen, die moralische Implikationen haben, ist er, fast, um sich vor Foucault zu retten, zu einer recht waghalsigen Konstruktion übergegangen: “Die kontrafaktsiche Antizipation der Bedingungen einer idealen Sprechsituation”. Oder aber “der herrschaftsfreie Diskurs”. Soll heißen: Man stelle sich vor, es würde um eine Regel gerungen wie “Du sollst nicht töten!” Doch, Diktatoren schon! Nein! Doch! Um nun zu einem Ergebnis zu kommen, habe man sich vorzustellen: “Wie würde (!!!) die Diskussion laufen, wenn die Interessen ALLER Beteiligten und Betroffenen gleichermaßen Berücksichtigung fänden? Wenn alle die gleichen Mitspracherechte hätte, es kein Machtgefälle zwischen ökonomisch Starken und Schwachen, Männern und Frauen gäbe” usw..

Im Gegensatz zu anderen war Habermas schon klar, dass solche Situationen nie und nirgends gegeben sind; dennoch ist es für ihn ein Verfahren, die Allgemeingültigkeit einer Norm zu begründen. Und Vorbild war zu allem Überfluss noch die Diskussion zwischen Wissenschaftlern und des “zwanglosen Zwangs des besseren Arguments”. Allgemeingültigkeit deshalb, weil eben überhaupt nur unter diesem Gesichtspunkt, der Universalisierbarkeit, Begründungen vorgenommen werden können, sonst sind sie nicht vernünftig.

Das für ihn so Fiese an Foucaults Sicht der Dinge ist, dass das, was der als Machtwirkung eindrucksvoll beschrieben hat, auf der Ebene der Gründe wieder auftaucht, durch Human- und Sozialwissenschaften generiert: Weil wir ja wissen, dass Schwule unglücklich und Kopftuchmädchen durch ehrenmordende Brüder bedroht und Frauen so emotional sind, können die den Standards, die da formuliert sind, gar nicht gerecht werden und sind a priori von der Debatte auszuschließen oder aber Gegenstand der Debatte, also der zu begründenden Norm: Sei lieber nicht schwul, die sind eh allesamt suizidal. Das wurde auf breite Bevölkerungsgruppen angewandt, manche von denen wurden mal eben vernichtet: Eh zu unzivilsiert, die Hereros.

Weil es eben bestimmte Voraussetzungen gibt, die zur Partizipation voraus setzt: Bei Habermas einfach sprach – und handlungsfähig. Doch wurde im Gegensatz zur “kontrafaktischen” Konstruktion bei ihm in der historischen Realität gerne mal Sprach- und Handlungsfähigkeit auch lediglich eingeschränkt behauptet: Bei Frauen und “Wilden” zu Beispiel.

Ja, ein langer Text, um dieses seltsame Phänomen herzuleiten, dass man in real assymetrischen Konstellationen – also einer ist schwul, der andere hetero, einer Mann, die andere Frau, eine ist schwarz, der andere weiß  - ständig auf die Annahme stößt, man würde in “herrschaftsfreien Räumen” diskutieren. Tut man nicht, weil im Sinne Foucaults allesamt systematisch andere Prägungen erfahren hat, die unterschiedliche Arten von Gründen hervor bringen. Die, die das glauben, man operiere in herrschaftsfreien Räumen, tun so, als sei das, was Habermas geschrieben hat, eben keine explizit kontrafaktische, nie und nirgends realisierte Situation, sondern “natürliche” Gesprächsvoraussetzung. Was falsch ist. Und dafür muss man schon einen Wahrheitsanspruch erheben, um das behaupten zu können. Und so kam es zur These vom “performativen Widerspruch”.

Aber auch an der Konstruktion selbst ist etwas grundfalsch: Da taucht auf der Ebene p (“dass p”, “x ist richtig, weil p”) die subjektive Erfahrung auf und nicht auf der Ebene der Sprecherposition – so, als könne man da von sich und sich und seinen Erfahrungen abstrahieren, indem man sie zum Gegenstand einer Diskussion macht.

Das ist ein ganz interessantes Phänomen, betrachtet man, was bei den Umkehroperationen passiert: Weiße, heterosexuelle Männer zumeist sind ja eifrigst und gerne dabei, das Verhalten gegenüber Frauen, Schwarzen und Schwulen zu diskutieren, deren Empfindungen also auf der p-Ebene anzusiedeln und dann über deren Berechtigung oder auch nicht zu lamentieren. Sie fühlen sich aber, gelinde gesagt, selten wohl, wenn die ihren da auftauchen – sie diskutieren ja im Sinne des Allgemeinen über das Besondere.

Nur, ganz plötzlich dann wird ihr Empfinden sogar maßgeblicher Gegenstand der Diskussion, wenn Mensch Homophobie, Rassismus oder Sexismus thematisiert und diese bei ihnen selbst vermutet. Dann geht es ab, und das geht gar nicht. Obwohl doch endlose Diskussionen über die Berechtigung von Empfindungen angesichts ganz realer Traumata der “Gegenstände” ihrer Diskussion ständig und überall statt finden. Also, symetrisch ist das nicht … und vor allem wird die gesamte Foucaultsche Ebene einfach ausgeblendet. Als würden alle mit gleichen Erfahrungen in eine Diskussion gehen. Die Umkehr gibt es auch: Dass Schwule vehement abstreiten, von Homophobie geprägt zu sein, zum Beispiel. Ist ja auch gefährlich in dieser Kultur, darüber zu sprechen – die Sanktionen können sehr hart ausfallen. Ausschluss ist da die häufigste und harmloseste.

Paradox an der Nummer ist, dass im Grunde genommen nur human- und sozialwissenschaftliche Mittel als Gegengift erscheinen – zum Beispiel der permanente Nachweis der realen Benachteiligung von Frauen. Nur dass, wenn sie so verfährt, Frau immer weiter unter Rechtfertigungs- und Beweispflicht gestellt wird, und die Männer-Mehrheit in der Wissenschaft, den Medien usw. schon den “Gegenbeweis” antreten wird … da hat man sie. Wer sich rechtfertigen muss, hat verloren.

Besser ist, die Prämissen anzugreifen. Die Kategorien selbst.  Die Unterscheidung hetero/homo z.B. bei der Fragestellung schon anzugreifen. Doch wieder erscheint dann etwas ganz seltsames: Die ganzen vollends Aufgeklärten kommen mit “spielt doch gar keine Rolle, ob nun schwarz oder weiß. Du Rassist!” um die Ecke. Wie praktisch.

Im Grunde genommen bin ich nun als Ex-Habermasianer eher wieder bei der postmodernen Ansicht gelandet, dass man vielleicht gar nicht so viel auf die Argumentationen schielen sollte. Da gewinnen eh immer die Normalen, die Nicht-Abweichungen (Männer betrachten Frauen oft als Abweichung vom allgemeingültigen, männlichen “Prinzip”, hat ja auch christliche Tradition), die alles dafür tun, ihre Privilegien zu verteidigen (nein, nicht alle).  Sondern vielmehr auf die Literatur, vielleicht auch den fiktionalen Film zu setzen. Vielleicht hat die “Rocky Horror-Picture-Show” doch mehr bewirkt als  Michel Foucault.

Und ansonsten Nischendasein.

Und die Forderung nach der sozialen Revolution. Weil sich im Falle des von Klassismus Betroffenen gerade die Frage nach der Partzipation an Diskussionen, bei denen sich Bildungsbürger die “ideale Sprachsituation” vorstellen, schon aufgrund eines ganz anderen Pools von Gründen und Sprachformen eh zumeist auf der Strecke bleiben. Mit diesem Text könnten sie auch nichts anfangen. Und da weiß ich dann gar nicht mehr weiter.

 

 

About these ads

46 Antworten zu ““Die Macht kommt von unten”

  1. ring2 Oktober 25, 2011 um 5:34 nachmittags

    Im Zusammenhang mit Machtausübung mittels Humanwissenschaften fiel mir letztens die “neue Modekrankheit” Orthorexie ein, also das “krankhafte Gesundernähren”, was über den Sommer immer wieder in den Magazinen auftauchte. Da wird eben auch die, höchstwahrscheinlich absatzmächtig initiiert, Norm aufgestellt, wieviel “Bio” nun noch “normal”, also “gesund” sei.

    http://www.orthorexia-nervosa.net/?page_id=2

    Welche Gegenbilder hätte man denn da? Askese? ARD-Moderatoren, die auf lustigen Landfesten Salat essen?

  2. momorulez Oktober 25, 2011 um 5:47 nachmittags

    :D – welcher Lebensmittelkonzern hat das denn in Auftrag gegeben? Das ist auch ein Aspekt, der bei Foucault fehlt, die Ankopplung von Forschungs- an Industrieinteressen. Gerade bei der Pharmaforschung gibt es dolle Vorgänge, wie man so hört. Die ja immer auf Menschenbilder referieren. “Der Mensch, von dem man uns spricht und zu dessen Befreiung man aufruft, ist in sich schon das Resultat einer Unterwerfung, die tiefer ist als er” ist bei dem immer mein Lieblingszitat.

  3. Pingback: Occupy Yourself | lichterkarussell

  4. Pingback: Politische Begriffe: Aneignung und Subversion. - Medienelite

  5. Pingback: Aneignung und Subversion. - Medienelite

  6. Loellie Oktober 26, 2011 um 4:02 nachmittags

    Weiterhelfen kann ich dir da leider auch nicht. Bestensfalls ergänzend die Episode vom letzten Kreuzberger-CSD zum besten geben, als die tollsten Beschützer der Schwulen in der arabischen Welt ausgerastet sind, als sich diese tatsächlich erfrechten, das Wort zu ergreifen.

    Oder ganz aktuell. Seit Jahren hysterisches gekeife vergewaltigter Kinder wegen … bis die sich zu Wort melden. Dann wird abgetaucht. Wo sind denn plötzlich die ganzen blaublütigen Kinderschützerinnen hin?

    http://www.taz.de/Betroffenenvertreter-zur-Missbrauchspolitik/!80622/

    Die von Lantzschi verlinkte Diskussion auf FemBio ist auch wieder ein prima Bsp dafür, wie Onlinekommunikation funktioniert. Da kommt ein, um es zurückhaltend zu formulieren, fragwürdiger Kommentar. Die Bitte um Intervention wird mit “das ist eine grosse KünstlerIn” abgebügelt, und mittlerweile stehen diejenigen, die um Intervention gebeten haben, als Agressor_innen da.
    Interessant ist, dass der anstössige Kommentar nicht gelöscht wurde, weil man sich gegen Zensur positioniere, als immer mehr Bitten um Intervention auftauchten hiess es dann aber ganz flott “die Diskusion läuft aus dem Ruder, deshalb ist hier erstmal Schluss” (mittlerweile kann wieder diskutiert werden).
    Einen Kommentar löschen ist Zensur, die ganze Diskussion abklemmen aber nicht?
    Mir ist auch neu, dass durch die Löschung eines Kommentars publizierender Autorinnen, deren Werke in den Regalen der Welt sofort zu Staub zerfallen.

    Inhaltlich ist das auch lustig, weil der “Queer-Community” Maskulismus vorgeworfen wird, was mit den gleichen maskulistischen Argumenten belegt wird, mit denen die Maskulisten gegen das Binnen-I argumentieren.

    Du merkst, dass ich auch nicht wirklich weiter weiss, und mich darüberhinaus noch immer Frage, was sexuelle Identität denn überhaupt meinen soll oder kann, so als bekennender Sexueller, und gerade echt Schuldgefühle schieb, weil sich deine Ratlosigkeit sicher nicht zu knapp aus dem Umstand speisst, dass du das Normalisierungsangebot ausgeschlagen und dich stattdessen mit einer hysterischen Tunte solidarisiert hast. Auch wenn ich weiss, dass du es anders ja garnicht hättest haben, oder können, wollen.

    Und den freudschen Schenkelklopfer dürft ihr gerne haben, auch wenn ichs oben editiert hab. Ich hab tatsächlich erst Femdom statt Fembio geschrieben, ich mysoginer Sexist ich. :D

  7. momorulez Oktober 26, 2011 um 5:04 nachmittags

    :D – ich lösch hier in letzter Zeit auch immer beiläufiger weg, weil es stereotyp immer der gleiche Murks ist, der da kommt.

    Und schlechtes Gewissen haben brauchste echt nicht; das war ja eher erhellend, an welchem Punkt der Bruch kam: Als Cassie Opfer spielte, ganz, wie sich bei christlicher Propaganda gehört. Unddas funktioniert offenkundig. Und auf solche Reaktionen kann ich dann auchgut verzichten, auf diesbezügliche Kommunikation. Da sind Alliierte wie Lantzschi oder Noah, die ich mir gleich in der Uni anhöre, echt Lichtjahre weiter, als diese “Linken”, die im Saft ihrer Szenen köcheln. Oder auch der Autor vom Lichterkarussell, echt eine neue Generation mit viel mehr Denkoffenheit. Che hat allerdings auf den Eintrag gelinkt, es ist noch nicht aller Tage Abend :D – und für mich war die Transphobie-Diskussion im FC ST. Pauli-Kontext auch ungleich lehrreicher und erschütternder, auch, weil das ja viel mehr mit meinem gelebten Alltag zu tun hat. Da ist mir einiges noch mal viel klarer in unerfreulicher Hinsicht geworden. Aber auch da gab es diese Inseln. Immerhin.

    Das, was Du über die Kommentarsektion schreibst, ich habe mir die Diskussion lieber gar nicht gegeben, ist ja ansonsten allgemeines Schema. Aber ein paar Inseln des Besseren gibt es ja auch ;)

  8. Bersarin Oktober 26, 2011 um 9:08 nachmittags

    Auf die Ästhetik zu setzen, ist sicherlich nicht falsch. Die „Rocky Horror Picture Show“ war es bei mir nun gerade nicht; ich habe das zu Schulzeiten wegen der exaltierten Fröhlichkeit und den dorthin pilgernden Hippies aus meiner Schulstufe gehaßt. Ich wollte nicht bunt und wild, sondern schwarz und finster sein. Aber ich glaube zumindest zu verstehen, worum es Dir bei der „Rocky Horror Picture Show“ geht. Meine Möglichkeit des Ausdrucks waren andere.

    Ich kann momentan nicht auf alle die Aspekte eingehen, welche Dein Text entfaltet, aber es ist ein guter und wichtiger Text; insbesondere Deine Kritik an Habermas teile ich. Aber das wird Dich sicherlich nicht groß verwundern. ;-) Und dieser Blick auf die Bedingungen der Möglichkeit von Gesellschaft: das ist ja das großartige, was man bei Foucault lernen kann und was die Aufgabe philosophischen Denkens ist: wie etwas geworden ist wie es ist und welche unterschwelligen Paradigmen mitschwingen und strukturierend wirken, ohne daß man dies überhaupt in den Blick bekommt. Wobei ich im Hinblick auf diese verdeckten Strukturierungen immer den Bezug zum ersten Kapitel des „Kapitals“ mitlese, welches dann in „Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis“ ausläuft. Und grob gesprochen: gerade über Kant läßt sich der Bezug von Marx und Foucault gut herstellen.

    Ich selber klammere freilich die konkreten Fragen, die Du und in anderer Weise auch che zu recht stellen, meist aus.

    Bei all Deinen Ausführungen muß ich aber bekennen: Am Ende bleibt für die Praxis bloß die Aporie, weil die Sprachspiele und -formen zwischen den verschiedenen Akteuren doch zu sehr divergieren. Kein Ort, nirgends. Es bleibt die Wahl zwischen dem ganz Anderen (gleichsam dem Messianismus oder einer schwarz verhüllten Utopie) und dem Sozialdemokratismus der kleinen Schritte: daß Dinge um ein winziges besser werden, aber am Ende doch so bleiben wie sie sind. (Wobei ich damit nicht die Taten von denen kleinreden will, die mutig sind und Dinge in die Hand nehmen.) Was aber zumindest bleibt, ist dieser sehr gute Text von Dir. Wenn eine Aufsatzsammlung von Peter Handke hießt: „Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms“, so hat sich dieser Turm samt seinen Bauteilen in der Tat verlagert in die Zonenrandgebiete und die Grenzposten samt den Winkeln.

  9. momorulez Oktober 27, 2011 um 12:23 vormittags

    Ich habe ja gerade einen sehr beeindruckenden jnd hervorragenden und inspirierenden Vortrag von Noah gehört! Kurioserweise endete der danach in der Kneipe – wo mich für mich erstaunlich viele Frauen aus der Queer AG als Blogger und Twitterer kannten, was mich echt überaschte, aber sehr freute – in einer sehr heftigen Diskussion über Josef Beuys. Der ist für mich gar kein relevanter, ästhetischer Bezugspunkt, ich verehre ihn aber für das Wiederentdecken des Schamanischen und die Idee der Umsetzung der sozialen Skulptur. Gegen ihn wurde ins Feld geführt, dass er der in Schulbüchern vermittelte weiße Großkünstler sei und eine ähnliche Rolle im sozialen und institutionellen Gefüge Schwarzen niemals zugestanden würde. Was zweifelsohne stimmt; das sagt aber über dessen Werk nix aus, glaube ich. Das wurde als Argument vehement zurück gewiesen, weil dessen Rolle im sozialen Gefüge eben relevant sei und das Werk ebenso schnurz wie die Intention von Leuten, die unbewusst homophobe Stereotype produzierten.

    Das ist ja wichtig für die Diskursknoten oben: Ich sehe das nun gerade im Falle Beuys’ völlig anders, weil dessen Werk diese Institution des weißen Großkünstlers, der zugleich die Werke schwarzer Künstler in das “Völkerkundemuseum” oder auf den “Brot für die Welt-Basar” verbannt, kann man ja so sehen, ja zugleich vehement bis hin zu persönlichen Konsequenzen, Rau feuerte ihn, attackierte.

    Wie kommt man da raus, oder geht es vielleicht wirklich nicht? Wie geht man damit um, dass Beuys als Lieblingsfeind der Konservativen, die ihn als, typisch links, Hitlerjungen verunglimpfen, wie eh alle ’68 im Geiste SA waren, nun auf einmal zentrale Figur der Demütigung Schwarzer in einer Diskussion war? Was ich aus meiner Perspektive aberwitzig finde, ich fände diesen Ansatz bei Gauguin, Picasso, Lüpertz oder Neo Rauch angebracht, aber nicht bei Beuys, und war sehr bockig. Was keine Rolle spielen würde, weil ich ja weißer Bildungsbürger sei und somit schnurz, was ich dazu sage. Was ja wahr sein kann.

    Das ist ja das obige Habermas-Problem, den ich zwar zu oberflächlich, aber weitestgehend korrekt, glaube ich, jetzt mal ganz ab von dem Propositionalen und dem Illukutionären, angerissen habe. Also die Frage, wer spricht und aus welcher Perspektive tut er das und was hat das mit dem zu tun, WAS gesagt wird, dem p. Welche Rolle spielt der Gehalt des Werkes, wenn er zugleich aus der privilegierten Rolle des weißen Großkünstlers spricht, die einen Raum einnimmt, der zugleich die Reflexion des Werkes z.B. von Performance-Künstlern aus Ghana NICHT eingeräumt wird? Und habe ich die Klappe zu halten, wenn eine Schwarze Beuys so einordnet, während ich ja weiß, was für Arschlöcher auf der Rechten sich den auch als Nicht-Kunst entdecken, um damit ihre weißen Heroen der Kunst gegen Schwarze und deren vermeintlich “primitive” Zugänge ins Feld zu führen?

    Das hatten wir alles schon oft, man landet dann nur in einer sehr seltsamen Situation. Von mir aus können alle wichtigen, gesellschaftlichen Positionen der westlichen Welt, ja, überall, durch Frauen und Schwarze besetzt werden, die Kunstmuseen in Völkerkundemuseen umgwidmet und umgekehrt, und ich geh putzen, besser als “Geschäftsführer” fände ich das aktuell vielleicht wirklich. Aber sagt das was über das Werk von Beuys aus? Ich meine die Frage nicht rhetorisch, ich frage mich das wirklich.

    Und glaube, dass das gerade eine Antwort auf Dich war, Bersarin ;) – weil das auch wieder so ein Punkt ist, der mich in die Ratlosigkeit und zum Verstummen bringt, und ich einfach weiß, wer in das Vakuum stößt. Eben in der Regel weder Frauen noch Schwarze, erfahrungsgemäß. Kurz mal redundant. Und Schwule werden in der Diskussion wie üblich irrelevant, Gott, die gibt es ja auch noch, aber notfalls sind es halt Homonationalisten und nicht so wichtig.

    Edith: Man ersetze durchgängig “schwarz” durch “PoC”.

  10. Loellie Oktober 27, 2011 um 2:47 nachmittags

    Doch, dass kann man unbedingt so sehen, denn Beuys hat die Institution, die afrikanische Künstler ins Völkerkundemuseum verbannt, unabhängig von seinem Werk legitimiert. Diese radikale Position ignoriert allerdings die Machtverhältnisse innerhalb der rassistischen, weissen Institution. Weitergedacht wäre die Konsequenz bestenfalls, dass Beuys aus den Museen verschwindet und stattdessen Neo Rauch ausgestellt wird. Was aktuell ja tatsächlich passiert. Reine Vermutung meinerseits ist, dass es Beuys wohl schlicht egal gewesen wäre, ob seine Werke in der National Galerie, oder dem Völkerkundemuseum oder sonstwo ausgestellt werden. Das der noch in Schulbüchern vermittelt wird wundert mich, bleibt die Frage, wie lange noch, bzw als was.

    Auf Verbündete zu scheissen ist auch eine Position, die ich sehr gut nachvollziehen
    kann. Es ist ja auch nicht so, als hätte sich der Braune Mob noch keine homophoben Patzer erlaubt. Also schön jeder in seiner Ecke vor sich hin schmollen?

    Ich kann ebenfalls nur vermuten, dass es nicht um das Werk von Beuys ging, sondern, wie du schreibst, um den Raum den es in der öffentlichen Rezeption einnimmt. Dann stellt sich aber wieder die Frage, die wir bei Musik ja auch schon hatten, inwieweit der Künstler überhaupt Einfluss darauf hat. Ich finde, dass man zB U2 nicht vorwerfen kann, Dass die soviele Platten verkauft haben, beim wie, mittels Aktienunternehmen, wird es dann schon sehr kritisch, und dass die den dicksten Brocken ihrer Kohle in Steueroasen bunkern geht garnicht. 11Mio Spenden sammeln und davon 10Mio als Verwaltungskosten verbuchen geht noch weniger und Kaffeekränzchen mit Bush und Merkel kann man schon fast nicht mehr Kommentieren.
    Was jetzt alles nicht das geringste über deren Musik aussagt, oder was ich davon halte. Das ist jetzt zwar ein unfaires Bsp, aber Ton Steine Scherben haben sich dem “System” so lange und erfolgreich entzogen, bis sie ihre Stromrechnung nicht mehr bezahlen konnten. Und das eigene Privileg, was nicht meines ist, mit einem Diplom in der Tasche durch die Welt zu ziehen, oder überhaupt durch die Welt ziehen können, kommt auch nirgends vor. Schwule schon garnicht.

    Aber wer ist denn jetzt dafür verantwortlich, dass hier wieder Weisse Männer über Schwarze Frauen sprechen?

    Ich komme trotzdem nicht umhin, eine leichte, narzistische Verschnupfung in deinem Kommentar festzustellen, aber ich hatte schon bei dem Text oben den Eindruck, dass es dir irgendwo auch gegen den Strich ging, den schreiben zu müssen …

    ” … wo mich für mich erstaunlich viele Frauen aus der Queer AG als Blogger und Twitterer kannten, was mich echt überaschte, aber sehr freute … ”

    Was ja schön ist. Warum sich dann aber nie jemand hier blicken lässt bleibt mir völlig unverständlich. Oder ist das hier so abgehoben, sind wir so grausam und unausstehlich, dass sich niemand mehr traut?

  11. Nörgler Oktober 27, 2011 um 3:06 nachmittags

    “Was keine Rolle spielen würde, weil ich ja weißer Bildungsbürger sei und somit schnurz, was ich dazu sage.”
    Critical Whiteness ist ein intellektuell anspruchsvolles, filigranes Instrument. Wer tumb ein Werkzeug der Feinmechanik als Brechstange gebraucht, macht alles kaputt – zuallerst das Werkzeug selbst.

  12. momorulez Oktober 27, 2011 um 4:42 nachmittags

    @Nörgler:

    Ach, man muss da schon auch mal die Brechstange anwenden, mache ich ja auch oft genug. Du auf Deinem Feld auch, und Gott, wir hatten ja auch schon eine Menge getrunken :D … wenn irgendwas wirkt, dann der Schock-Effekt. Wissen wir doch von Naomi Klein ;) ….

    Und mich auf meine weiße Bildungsbürgerposition zu verweisen, das ist ja völlig richtig. Ich habe nur das Gefühl, dass es bei Beuys nun wirklich den falschesten trifft. Bei mir trifft es da schon oft genug den Richtigen ;)

    @Loellie:

    Das einzige, was mich am obigen Text, also ihn zu verfassen, nervte, war, daß ich halt gemerkt habe, dass man bei dieser ständigen Beschäftigung mit “Hate Speech” in all ihren Varianten mit sich selbst was ganz Seltsames macht und es dem eigenen Befinden echt nicht förderlich ist. Umgekehrt werde ich mich auch zukünftig nicht verweigern, wenn ich bei Twitter direkt gefragt werde, Wissen bereit zu stellen, das ich – anders als andere – erwerben durfte.

    Der Vortrag gestern hat systematisch die Sexismus-, Heterosexismus und Rassismus-Frage über den Dominanz-Begriff miteinander verknüpft, und mir sind beim Braunen Mob auch schon länger keine homophoben Untertöne mehr aufgefallen (ich bleibe bei homophob, @Kiturak, falls Du mit liest, weil es tatsächliche Angst-Reaktionen sind, die da eine Rolle spielen).

    Bei Beuys war ich nun aber wirklich stinksauer, weil eben tatsächlich seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, der der Lieblings-Prügelknabe der nicht nur Konservativen, sondern explizit Rechten ist. Und weil ja in der ganzen Frage nach den Sprecherpositionen und deren Rolle sich die Anschlussfrage stellen muss, ob es emanzipatorisches Potenzial in den dominanten Gruppen gibt bzw. geben kann oder nicht. Die Frage findet die “l’art pour l’art”-Position zwar unsinnig, das würde ich aber schon als bürgerliche Haltung bezeichen, also nicht außerhalb sozialer Umstände und Bedingungen, was die Gegenposition ist. Und da weiß ich die Antwort nicht. Bei der schwulen Frage ist es eher ein unaufhebbares Abhängigkeitsverhältnis: Entweder gestehen die einem rechte zu oder auch nicht, und dann wird halt lobotomiert. Da ist ja auch die Drohung permanent präsent. Und das ist halt schlicht und ergreifend die Minderheitenposition. Was ja auch die meisten mir bekannten Heten voll und ganz ausspielen: Die tun dann alles dafür, dass sie die bleiben, die “tolerieren”, und ansonsten wird halt die Tür zu gemacht. Nun ist Kunst und Kultur immer noch eine so eine schwule Nische, und wenn da mit meiner Ansicht nach falschen Argumenten auf Beuys eingeprügelt wird, finde ich das nicht ungefährlich.

    Das ist bei Frauen und PoC dann noch ein wenig anders: Da von Minderheiten zu reden, macht im Falle der PoC im tiefsten Bayern noch Sinn, in Paris ja im Grunde genommen schon nicht mehr, und das ist ja auch prima. Insofern ist da aber auch eine ganz andere Power am Start, wenn Bewusstwerdungsprozesse aktiviert werden, was ich auch gut finde, weil die weiße, männliche Dominanz eben ein historischer Skandal ist. Nur, und deshalb diese weinerliche Pointe, ich habe schon die Befürchtung, dass wir als ewige Minderheit da schlicht auf der Strecke bleiben, weil wir eben immer auch in die dominante Kiste gepackt werden können – mal ab von den mehrfach Markierten. Und das kann böse enden.

    Wir reden hier nicht als weiße über eine schwarze Frau, sondern über ein tatsächliches Problem. So ein Konflikt entsteht ja nicht, weil irgendwer zwanghaft die Brechstange einsetzt, sondern weil da was wirksam ist. Das ist ja der andere, wichtige Foucault-Satz: Die Macht wirkt in den Beziehungen, ist relational.

    Die Frage, was man da als “weiß in der dominanten Position” nun machen könnte, das ist ja schon meistens “einfach mal die Klappe halten”, was ja nun auch nicht soooo schwer ist und historisch eh fällig ist. Nur dass, wenn man gleichzeitig als “schwul” markiert ist, um in der Vortragssprache zu bleiben, man auf einmal nur noch zu schwulen Themen was sagen “dürfte”, was einfach die klassische Diskriminierung ist, die zu erfahren man höllisch in den Medien aufpassen muss. Und das alles ist jetzt gar nicht etwas, was nun meiner gestrigen Gesprächspartnerin anzulasten wäre, das ist einganz fatales Spiel der Macht und zudem logisch ganz schwierig noch zu fassen. Und ich finde, dass gerade ein Beuys im Grunde genommen dazu Stellung bezogen hat, deshalb ist es so absurd, unter Ignoranz des Werkes den nun gerade raus zu picken.

    Dass die gestern sehr nette Runde hier nicht kommentiert, das finde ich auch schade. Bei Twitter ist das eine recht häufige Kommunikation.

    Aber, Abschlussfrage: ist emanzipatorisches Potenzial in den dominanten Gruppen möglich? Adorno, Foucault, Cassirer, Marx, Arendt, Fanon, Stuart Hall, Butler, die gehörten ja alle nicht dazu in bestimmten Hinsichten.

    Was sich schon deren Denken einprägt. Vielleicht ist das wirklich so, dass nur die Subdominanten Zugang zu bestimmten Themen haben.

  13. Bersarin Oktober 27, 2011 um 5:00 nachmittags

    Ja, das sind sehr schwierige Diskussionen. Man kann sicherlich die Bereiche differenzieren: das eine ist das Werk, das in seiner Struktur und in seinem Gemachtsein in die Analyse gerät, das andere sind gesellschaftliche Bedingungen, unter denen Rezeption und Produktion von Kunst stattfinden. Damit diese Aspekte nicht als vereinzelte verbleiben, muß man sie allerdings in einer Analyse zusammendenken. Wobei ich andererseits bei der Kunst nicht viel von demokratischen Abstimmungen halte. Kunst entsteht nicht per Dekret. Das Kunstwerk selbst entscheidet darüber, was Kunst ist. Aber es ist trotzdem darüber nachzudenken, wie die Mechanismen des Ausschlusses von bestimmten Gruppen funktionieren. Und man muß diese Aspekte auch noch einmal über die verschiedenen Künste differenzieren, in der Musik läuft das anders als in der Literatur und dort wieder anders als in der bildenden Kunst.

    Wenn allerdings das Werk schnurz ist, dann ist im Grunde auch alles andere schnurzegal: ein Meinen ist so gut wie das andere Meinen und die Diskussion erschöpft sich in bloßen Ansichten. Dieses Denken benötigt im Grunde gar keine Kunst und sollte sich dann auch nicht an der Kunst festbeißen. Solche Positionen hinterlassen bei mir zuweilen Ratlosigkeit, und ich weiß nicht, was ich da noch diskutieren soll. Und zudem: es kann durchaus angehen, daß ein ziemliches Arschloch ein hervorragendes Buch schreibt: Siehe Céline. (Bei Blogs ist das auch so: siehe Bersarin.) Insofern plädiere ich schon dafür, Werk und Wirkung einerseits zu differenzieren. Der Wahrheitsgehalt des Kunstwerkes ist nicht an Personen gebunden. Ich meine, daß solche alles vermischenden Positionen das Kind mit dem Bade ausschütten. Richtig ist es aber, daß bei der Kategorie des Werkes Mechanismen des Ausschlusses eine zentrale Rolle spielen. Da würde ich gar nicht widersprechen. Bei der nächsten Documenta, die ja nicht bloß eine nationale Kunstschau ist, wird sich dann zeigen, inwiefern die Kunst offen ist oder dem Großkünstler bzw. Amerika und Europa huldigt.

    Die Frage, wer spricht, ist in der Tat zentral. Daß ein Künstler oder eine Künstlerin aus Ghana keine Resonanz erhalten, sollte aber nicht einzig auf einzelne Figuren der Kunstszene abgebildet werden, sondern dies ist ein generelles Problem. Gesellschaftlich Allgemeines zu singularisieren und zu subjektivieren, um es dort dann zu belassen, halte ich für einen nicht gangbaren Weg. Das heißt nicht, das Subjekt, in diesem Falle als Beispiel: Bersarin: als Weißer, als Bildungsbürger, als ökonomisch und ausbildungsmäßig Privilegierter, als Heterosexueller, als Mann, als Beziehungsgestörter außen vor zu stellen. Und darauf kommt es sicherlich auch an: diese Zuschreibungen (und Privilegien) in den Blick zu nehmen und im Diskurs mitzudenken.

    Biographisch weiß ich wenig über Beuys, außer diese Geschichte vom Flugzeugabsturz, die aber wohl ausgedacht gewesen sein soll. Aber hier funktioniert das Prinzip: Hauptsache gut erzählt – es gehört das zum Gesamtkunstwerk Beuys mit hinzu. Dieses Vielschichtige bei Beuys muß man eben in den Blick nehmen: Großkünstler, Guru und zugleich jemand, der Protest machte, der einen umfassenden Begriff von Kunst vertrat. Richtig ist es wohl, daß es Beuys völlig egal wäre, ob und wo er ausgestellt wird. Bei Beuys’ Kunst bin ich zwiespältig. So radikal wie Der alte Bolschwewik würde ich ihn nicht abtun. Aber hier geht es momentan nicht um Binnenästhetisches.

    Das Problem bei der Rede und bei solchen Diskussionen, wie den von Dir beschriebenen, besteht für mich darin: schnell kann das eigene Sprechen als nicht unmittelbar Betroffener paternalistisch geraten. Insofern ist es sinnvoll, daß Betroffene bzw. Subjekte, die Marginalisierungen oder Stigmatisierungen ausgesetzt sind, ihre Position, ihre Gedanken formulieren. Ich selber kann nur darüber reden, wo ich mich auskenne, eben in der Ästhetik und in der Philosophie. Manchmal kann es dann auch gut sein, zuzuhören.

    Wenn es allerdings schnurz ist, was ich sage (oder in diesem Falle: was Du sagtest), dann braucht man freilich auch nicht mehr zu diskutieren. Da fange ich dann auch an bockig zu werden. Und ich kann sehr bockig werden, wenn ich will. Ich lasse dann sogar mein volles Weinglas stehen und gehe.

    Aber manchmal ist eine solche Diskussion, auch in den divergierenden, streitenden Momenten, in der Polemik, fruchtbar, wenn man später darüber nachdenkt und die Gegenargumente abwägt.

    Zudem kommt es bei mir auf die Nähe und die Art eines Menschen an: es gibt Menschen, die beeindrucken mich, die haben etwas, mit denen kann ich einen Abend lang, die Nacht über bis in den Morgen hinein diskutieren, um hinterher beim Aufgehend der Sonne, trunken in den Tag zu wanken. Und bei Menschen, die ich nicht mag, kann es vorkommen, daß ich irgendwann einfach aufstehe und weggehe. Dies ist sozusagen meine Subjektivität. Richtige Antworten weiß ich auf diese Fragen jedoch auch nicht.

  14. Nörgler Oktober 27, 2011 um 5:02 nachmittags

    Dominante Gruppe – subdominante Gruppe – Tonika-Gruppe ;-)

  15. momorulez Oktober 27, 2011 um 5:22 nachmittags

    @Bersarin

    Danke!

    “ein Meinen ist so gut wie das andere Meinen und die Diskussion erschöpft sich in bloßen Ansichten.

    Ja, oder in Machtfragen. Das ist ja das habermassche Problem, und auch wenn ich mich gar nicht mehr auf den so oft berufe, das war der Kern seiner Kritik an den Postmodernen. Und er hat im Gegensatz zu den Positivisten oder Systemtheoretikern versucht, Handlung, Sprecher usw. zu denken, ohne szientistisch zu werden.

    Gestern im Vortrag kam mehrfach die These, dass über subdominate oder auch Tonika-Gruppen ausgeübte Dominanzen eine Kombination von Willkür, Vorurteil und Macht im Gange sei. Und das, was Du schreibst, meint ja Willkür, im Grunde genommen.

    Dann kommen im Anschluss alle Rationalitätsdebatten von Platon bis zu Adorno, Foucault und der analytischen Philosophie und danach einfach mit ins Thema rein – willkürlich ist man nicht, wenn man Gründe hat, Kriterien usw..

    Dann macht man aber eine Tür auf, nämlich die zu diesem ganzen Gerede Nicht-Betroffener, was denn nun Rassismus, Homophobie usw. sei, weil die ja da Denifitionshoheit gewohnt sind.

    Umgekehrt ist die pure Gegenmacht des Mundverbietens ja nun auch nix – in historischen Übergangszuständen vielleicht, vielleicht. Und manchmal ist das auch einfach unerlässlich :D

    Wie kommt man denn da raus?

    “Das Problem bei der Rede und bei solchen Diskussionen, wie den von Dir beschriebenen, besteht für mich darin: schnell kann das eigene Sprechen als nicht unmittelbar Betroffener paternalistisch geraten.”

    Ja, so werde ich gestern wohl auch empfunden worden sein, weil eben gerade Kunstdiskussionen nun tatsächlich in fast allen Fällen weiß dominiert werden, wobei das ein Feld ist, das Mann zumindest Frauen auch zugesteht.

    Aber wenn es doch falsch ist, da den Beuys anzuführen?

    Hatte gar nicht mit bekommmen, dass der Alte Bolschewik den abtut. Finde ich bei dem auch besonders problematisch, bei Beuys, ohne da Experte zu sein. Und die Story ist wirklich gut erfunden :D

  16. Bersarin Oktober 27, 2011 um 6:02 nachmittags

    Nein, eine Antwort weiß ich im Grunde auch nicht.

    Also, Kunst- und Philosophiediskussionen habe ich am liebsten immer nur mit Frauen geführt, weil für mich dieses erotisierende knisternde Moment sehr wichtig war, was sich in solchen Gesprächen mit der Theorie verbunden hat, ohne daß ich konkret jedesmal von einer Frau etwas wollte. (Und ich gehöre, das muß man wohl dazusagen, nicht zu den Zutextern, die sich eben deshalb Frauen auswählen, weil Frauen angeblich so gerne zuhören. Im Gegenteil. Je mehr eine Frau weiß und erzählt, desto besser. Man möge alle die wunderbaren Frauen befragen, die meine Tutorien besuchten. Ich falle wahrscheinlich auch ein wenig in diese Richtung, wie che das in bezug auf Frauen von sich beschrieb. Aber meine Vorlieben gehört jetzt nicht hierher und zum Thema.)

    Ich denke aber nicht, daß es falsch ist, da mit dem Beuys zu kommen. Gerade in solchen Zusammenhängen: Beuys und Schlingensief! Wobei man bei Schlingensief natürlich auch nachfragen muß, wie sein Theater-/Opernprojekt in Burkina Faso nun tatsächlich aufgenommen wird.

    Und eine Form von Rationalität, die nicht rein instrumentell oder im Sinne der herrschenden Interessen manipulativ verfährt, halte ich für unabdingbar. Wie jene freilich ausschaut: darüber kann man lange debattieren. Ich selber halte da Adornos Einleitung und das zweite Kapitel der „Negativen Dialektik“ für zentral. Das ist eben keine Beliebigkeit des Meines. Aber diese Ausführungen zur Rationalität sehen wir philosophisch wahrscheinlich sehr ähnlich, weil wir von der Philosophie her relativ ähnlich sozialisiert sind.

    Was aber bleibt: daß dies ein schwieriges Feld ist. Ich selber zumindest freue mich jedesmal, wenn es unterschiedliche Perspektiven gibt, von denen sich lernen läßt. Und vielleicht nimmt die eine oder der andere auch etwas von mir mit.

  17. momorulez Oktober 27, 2011 um 7:23 nachmittags

    Ich fand ja Adornos “Intuitionen”, was die Rationalitätsthematik betrifft, oft richtiger als die Durchführung ;) – und wieso gerade Beuys? Und was hat der mit Schlingensief zu tun? Ich weiß ja nicht, aber da scheint mir ersterer doch bedeutender zu sein?

  18. Bersarin Oktober 27, 2011 um 9:05 nachmittags

    Kurz nur bevor ich zu Bett gehe:

    Ich würde bei Adorno nun nicht zwischen „Intuition“ und Durchführung unterscheiden wollen. Aber auch das ist ein weites Feld. Adorno praktiziert in seinem Schreiben ja genau das, was er beschreibt – jene Nähe und Freiheit zum Objekt, ohne dabei in eine Dingontologie oder eine Scientismus abzugleiten. Insbesondere über seine „Ästhetische Theorie“.

    Schlingensief halte ich vermittels seiner Politisierung von Kunst für sehr bedeutsam. Wenngleich ich bei ihm manches auch skeptisch sehe. Er macht diese Mischung aus Poltik, Kunst, Happening mit Ernst, mit Eros und Lust zugleich. Allein ein Slogan wie „Tötet Helmut Kohl“ 1997 auf der documenta X, wo er von den Bullen dann abgeführt wurde: das war groß.

    Was er mit Beuys gemeinsam hatte, war die Entgrenzung von Kunst. Diese Sache, auch in bezug auf die soziale Plasitk wäre wohl einen kleinen Text wert, und vielleicht mache ich das irgendwann: Beuys und Schlingensief.

  19. momorulez Oktober 27, 2011 um 9:22 nachmittags

    Ja, mach mal, finde ich spannend!

  20. mühsamer Erich Oktober 28, 2011 um 11:03 vormittags

    “Wer sich rechtfertigen muss, hat verloren.”

    In der politischen Rhetorik könnte das allgemein wahr sein. Schon dort bin ich mir nicht sicher, ob es so stimmt. Müssen wir uns nicht das ganze Leben rechtfertigen? Ist nicht jede Autobiografie vor allem ein Rechtfertigungsversuch? Ist Wissenschaft ohne Rechtfertigungszwang denkbar? Der Schwache ist es zunächst, der für seine Forderungen Belege finden muss, Verbündete, Freunde. Wer mittels Autorität, Gewalt oder Superiorität herrschen kann, muss all das nicht.

    Die Fiktion, ob in Film oder Literatur, mag zunächst ein rechtfertigungsfreier Raum sein. Schön. Aber auch gut? Seher oder Leser müssen erst einmal gewonnen werden, Geldgeber überzeugt, tote Linien lebendig überquert. Da sind sie wieder, als einengendes Duo, Zwang und Rechtfertigungszwang. Vielleicht ist das nur eine Randfrage, und mühsam nur zu klären. Die Freiheit von Rechtfertigungszwängen wäre jedenfalls nicht mein wichtigestes Kriterium zur Festsetzung von Schwerpunkten.

    Das könnte ich vor mir selbst nicht rechtfertigen.

  21. El_Mocho Oktober 28, 2011 um 11:31 vormittags

    “Was ja schön ist. Warum sich dann aber nie jemand hier blicken lässt bleibt mir völlig unverständlich. Oder ist das hier so abgehoben, sind wir so grausam und unausstehlich, dass sich niemand mehr traut?”

    Man stört halt nicht gern, wenn sich andere grade gegenseitig einen runterholen.

  22. momorulez Oktober 28, 2011 um 11:35 vormittags

    @mühsamer Erich:

    Sympathischer Nick ;) … nee, glaube ich nicht. Es gibt den Philosophensprech der “Rechtfertigung” im Sinne der Begründung; in wechselseitigen Anerkennungsverhältnissen wie auch denen sich selbst gegenüber – also kurz: Selbstliebe – bedarf es dieser eigentlich nicht. Das könnte man z.B. auf die “Erklären versus Verstehen”-Kontroverse der 60er Jahre beziehen: Verstehen schließt ein emphatisches Verhältnis nicht aus, Erklären verdinglicht, und wer Erklärung fordert im Bezug auf menschliche Gefühle, z.B., verdinglicht das Gegenüber. Die Normenbegründung ist kein Rechtfertigungsprozess, das ist allenfalls bei Jura so, sondern einer, dessen Material das Verständnis ist. Glaube ich.

    Erzählen/Malen/Film erschließt sich ja im besten Fall nicht über Rechtfertigung, sondern so, dass etwas wahlweise verständlich oder rätselhaft wird – letzteres kann neue Räume eröffnen. Und es ist produktiv in einem anderen Sinne als beispielsweise die Humanwissenschaften.

    Das ich hier in einen ganz seltsamen Heidegger-Sprech gerutscht bin, darüber muss ich jetzt mal nachdenken ;)

  23. momorulez Oktober 28, 2011 um 11:37 vormittags

    El Motscho, Du glaubst gar nicht, wie GEIL das sein kann, sich wechselseitig einen runter zu holen, und immerhin schaust Du ja gerne dabei zu, kleiner Spanner, Du ;)

  24. Loellie Oktober 28, 2011 um 3:19 nachmittags

    Das sollte ja auch garkeine Kritik an dem Text, oder der Motivation den zu schreiben gewesen sein. Ist doch prima wenn du sowas auf Zuruf hin machst. Ich kann das, was mir da oben aufgefallen ist, auch nicht benennen. Ausser das “es” bei dem neuen Text nicht da ist. Begriffe wie rund oder flüssig treffen es auch nicht wirklich, weil es auch keine Stilfrage als solches ist. Eher wie Denkpausen zwischen den Zeilen. Beat me, ich weiss es nicht. Nennen wir es Gefühlsduselei.
    Natürlich macht das was mit einem selbst, wenn man sich andauernd mit Hate Speech auseinandersetzt, und der Umstand, dass man sich dieser Auseinandersetzung garnicht entziehen kann, ist ansich ja schon Gewalt. Die Alternative wäre doch verdrängen bis hin zur Affirmation, wie das am drastischsten wohl die LSU macht, die ich hier nur stellvertretend für den Grossteil der Homo-Institutionen nenne.

    ” … Was ja auch die meisten mir bekannten Heten voll und ganz ausspielen: Die tun dann alles dafür, dass sie die bleiben, die „tolerieren“, und ansonsten wird halt die Tür zu gemacht. … ”
    Womit ich erheblich mehr Probleme habe, als mit Hate Speech. Bei der weiss ich ja woher sie kommt und was das soll. Diese permante Verweigerung der Gleichheit, bzw die Ursache dafür verstehe ich eben nicht. Wirklich nicht, weil das weit über Reibereien, weil jemand was “dummes” gesagt hat, hinaus geht.

    Als akademische Debatte habe ich da schon Verständnis für, sich als Provokation Beuys zur Brust zu nehmen, oder auch Conrad, was, bei dem bisschen das ich über Beuys weiss, ein unfairer Vergleich ist. Mir ist diese strikte Trennung von Person und Werk auch nicht ganz geheuer, zumindest will ich Wissen, Wer da spricht, weil ich es für relevant halte, auch wenn ich weiss, dass ein Arschloch recht haben kann. Mir scheint nur, dass da Ebenen verwischt wurden. Theorie vs Praxis, alltägliche vs institutionelle Diskriminierung, zB.

    Und wie sieht das mit dem akademischen Betrieb aus? Hatten wir ja auch schon mehrfach, dass sich Institutionen grundsätzlich durch drinnen und draussen definieren. Legitimieren dann nicht auch PoC-Akademiker_innen den darüberhinaus gehenden Rassismus innerhalb der Institution durch ihr mittun? Was für Beuys recht ist, kann für Akademiker mit Karriere/wünschen nu auch nicht umsonst sein. Für mich liesst sich das, als wäre da Diskriminierungs-Quartett gelaufen, weshalb ich hier jetzt Distanz wahren kann, anstatt zickig zu werden, oder mich einer Diva-Attacke hinzugeben, weil ich das als Konflikt unter Privilegierten wahrnehme. Was nichts daran ändert dass, wäre ich dabeigewesen, ich ihr wahrscheinlich schlicht den Mund verboten oder sonstwie mitgezickt hätte.
    Mal ganz davon, das PoC im allgemeinen und afrikanische Künstler im besonderen immer sichtbarer am Kunstmarkt werden und, unmassgebliche Vermutung meinerseits, das nächste heisse Produkt werden, sobald der Markt, der gerade brummt, sich wieder beruhigt und was neues braucht.

    ” … ob es emanzipatorisches Potenzial in den dominanten Gruppen gibt bzw. geben kann oder nicht. … ”
    Kann man in Frage stellen, oder auch, wie du es weiter unten in dem Kommentar getan hast, empirisch widerlegen. Ist Emanzipation denn ohne Einbindung der dominten Gruppe(n) überhaupt möglich, und ist das gut so oder ein Problem? Ob man das will sei einfach mal aussen vor. Historiker wissen da mehr als ich, aber bis jetzt wurde zB noch jede Revolution von dominanteren Gruppen innerhalb der diskriminierten Gruppen gehijackt, oder nicht?

  25. momorulez Oktober 28, 2011 um 3:55 nachmittags

    Ja, ist, glaube ich, so. Wobei z.B. die Paragraph 175-Abschaffung – oder zunächst Einschränkung – tatsächlich von der Dominanzkultur vollzogen wurde. Auf dem Rassismus-Feld, da müsste man jetzt genauer hin schauen, aber halbwegs geglückt sind eh nur bürgerrechtsorientierte “Umstürze” und religiöse. Schlimmerweise, letztere.

    Und diese Beuys-Diskussion war, glaube ich, vor allem deshalb eskaliert, weil Noah das Gefühl “jetzt erzählt mir ein Weißer einen über die Wahrnehmung rassistischer Strukturen”, ich einen “ich muss mich gegen die Konservativen und Intellektuellenfeinde wehren”-Kick bekam. Ob das nun was mit Beuys zu tun hat, weiß ich mittlerweile schon gar nicht mehr :D – heute war ja auch wieder neuer Anlass, vehement zu unterstützen, also, was bei diesem “Café Chaos” in Fulda bei Facebook für Kommentare stehen, das ist zum Teil wortgleich das, was bei der “Transphobie”-Diskussion im Forum stand. Und Norbert schreibt zum Teil beim Magischen FC wortgleich mit Rayson von den “Bissigen Liberalen”. Ich finde das allmählich unheimlich, weil sie ja einem zudem suggerieren, das läge alles an der eigenen Aggro-Art. Die aber ja entsteht, weil man im “Tolerierten-Paradigma” zu permanenter Selbstverleugnung getrieben wird. Was ja auch eine lustige Wahl ist, die man da hat. Und dass diese Phänomene auftreten, dieses Tür zu machen, ist die reine Machtfrage, die deshalb bei dem Thema so brisant ist, weil zumindest hierzulande die wenigsten Angst haben, insgeheim schwarz zu sein – in den Südstaaten der USA oder Brasilien ist das schon ganz anders -, aber “schwul” oder “weibisch”, das ist schon eine Gefahr. Die man am besten mit Paternalisieren löst oder eben damit, Schwuppen zur Dekoration und Unterhaltung zu nutzen, wenn man vernunftmäßig nix dagegen haben “darf”. Bei Lesben ist das ja noch viel härter, weil denen eh kaum wer wirklich glaubt, dass sie es überhaupt sind.

    Und mich interessieren die Leute hinter den Werken ja auch immer sehr, man kann den Zusammenhang zum Werk nur nicht zu eng knüpfen. Heidegger, der Nazi, ist da immer das Paradebeispiel – “Sein und Zeit” WAR einfach epochal und grandios.

    Joseph Conrad ist so einer, wo mein Kompagnon – der übrigens auch, wie ich am “Tag danach” fest stellen durfte, eine Beuys-Postkarte hinter sich an der Wand hängen hat :D – voll auf die Diskussion einsteigt, mit einer hoch differenzierten Sichtweise. Natürlich ist das explizit rassistisch, das hat aber wohl auch andere Dimensionen, ich habe es ja nie gelesen. Und dazu würde ich mich mittlerweile gar nicht mehr äußern, da bin ich einfach nicht zuständig. Guguin hatten wir auch an dem Abend, natürlich hat der diese Exotismus-Klischees nachhaltig geprägt, das sieht ja jeder. Der ist deshalb auch im Gegensatz zu Van Gogh kein Bezugspunkt für mich, wobei man bei dem auch über dessen Aneignung japanischer Holzschnitte diskutieren kann. Und die ganzen Hell/Dunkel-Techniken, auch das Spiel von Licht in der analogen Fotografie, das ist auch was, wo man zumindest kann, ob nicht auf der Ebene des Materials selbst sich Rassismen einschleichen, weil die Modulation von Licht eine weiße ist. Auch die Betonung der Komposition und der Melodie vor dem Rhythmus ist so ein immanenter Rassismus, der immer auch einer ist, der sich gegen bäuerliche Kulturen richtete. Das ist ja Thema in der Carmen, auch eine durch und durch rassistische Oper, die das aber irgendwie zugleich thematsiert und deshalb auch Rhythmus anders behandelt. Aber bei Beuys finde ich so was nicht.

    Was die Legitimation von PoC an Unis betrifft: in Deutschland gibt es ja kaum welche. Die AG Queer wird von Studenten und Ex-Studenten organisiert. Solche Fragen kann man hier noch nicht mal sinnvoll stellen. In den USA sind die brandheiß und in GB. Aber in Mitteleuropa ist man völkisch. Und genau das ist ja das Problem, das hier Antira fast durchgängig von Weißen betrieben wird, die gegen Nazis sind und Flüchtlingen helfen, aber ansonsten unter sich bleiben und auch alles dafür tun, dass das so bleibt. Ich kriege ja ganz gut mit, was Noah so alles widerfährt – das halten die meisten Deutschen einfach nicht aus, was sie an Grandiosem erabeitet hat. Ich kann nur sagen, dass ich sie nicht nur sehr tief ins Herz geschlossen habe, sondern auch von ihr wirklich am allermeisten gelernt habe in den letzten, na, fast 10 Jahren.

    Da greift dann aber genau diese “Vergiftung durch Hate Speech: Wenn sich da so intensiv rein gräbt wie sie – das ist einfach für ein Individuum an irgendeinem Punkt zu viel. Das war mir ja hier schon zu viel, und ich mache das nebenher, und wenn ich nicht will, sieht auch keiner, dass ich schwul bin. Aber das zermürbt und frisst auf, und, so kitschig das ist, man verlernt ja wirklich fast die Fähigkeit zu lieben, sich zu freuen, zu genießen usw.. Und eigentlich hatte ich mich gerade im Real Life lieber mal wieder damit beschäftigt, das bin ich mir ja schuldig ;) – ich würde trotzdem Lantzschi, Noah, Dich nie hängen lassen, wenn mal wieder die Shitstorms anheben. Und Lantzschi hatte ein paar Sachen gefragt bei Twitter, deshalb oben der Eintrag. Der ist deshalb anders, auch zögernd, weil die Verkürzung so krass ist. Die Theorie der Geltungsansprüche von Habermas ist schon was Grandioses, da muss man nur eigentlich die Geschichte der Analytischen Philosophie und den Intersubjektivismus bei Habermas mit erzählen. ich habe die diskurstheoretischen Aspekte bei Foucault extra raus gelassen, weil sonst irgendeine Pappnase mit “Sprachidealismus” um die Ecke kommt, und bei dem sind die Übergänge von “Die Ordnung der Dinge” zu “Überwachen und Strafen” zum Spätwerk was sehr Spannendes, was man dann verkürzt, Trotzdem war das wichtig, diese Vorraussetzen von Symeterie, wo die gar nicht gegeben ist, heraus zu arbeiten und mit Foucault zu konfrontieren, der mittlerweile zu Unrecht wieder als Herrschaftskritiker, nicht als Machtanalytiker rezipiert wird, aber auch das ist nicht mal eben so erklärt. Das war es eher.

  26. ziggev Oktober 28, 2011 um 11:34 nachmittags

    Die Dilemma-Situation, um die es dir hier, wie mir scheint, hauptsächlich geht, ist in dieser Kürze zusammen mit einigen philosophischen Hintergründen in meinen Augen sehr gut herausgearbeitet. Auch wenn es nicht möglich ist, ihr zu entkommen, kann, so hoffe ich, wenn sie (oder da sie nun) einmal etwas genauer beschrieben worden ist, in Zukunft es eher vermieden werden, sich in enervierenden, sich im Kreise drehenden und fruchtlosen Diskussionen zu verheddern. Dein Text liefert mir ein paar Orientierungspunkte, um diese Situation besser zu verstehen. Einiges bleibt zwar etwas unverbunden, sicherlich der Kürze geschuldet; da böte es sich natürlich an, mal ein bisschen zu recherchieren … Ach, und nun geht es aktuell um diese abscheuliche ASTA-Fulda-Sache, scheint mir jetzt auch wichtiger zu sein, alles andere als eine “Dilemma-Situation”. Trotzdem wollte mich zu diesem Text noch einmal äußern, denn diese Stelle ist etwas verwirrend und es besteht für mich Klärungsbedarf.

    „Es war nach Foucault nicht mehr möglich, und wer es tut, obwohl er dessen Werk kennt, lügt, ‚reine’ Wahrheitsfragen zu stellen – denn was soll ein Wissensbegriff, der nicht irgendwie an ‚Wahrheit’ gekoppelt ist?“

    Der letzte Satz „… – denn was soll …“ ließt sich ja gerade so, wie die rhetorische Frage desjenigen, der meint, es sei irgendwie möglich oder müsste jedenfalls irgendwie möglich sein, mehr oder weniger „reine“ Wahrheitsfragen zu stellen. Wobei mir allerdings beim ersten Lesen auch nicht ganz klar ist, was eine Wahrheitsfrage ist. (komme noch drauf zurück.)

    Zurück zur rhetorischen Frage des Wahrheitsfragers. Mir kam nun der Gedanke, dass „Wahrheit“ nicht umsonst in Anführungszeichen steht. Anstelle von Wahrheit haben wir „Weltsichten, Subjektivitätsvorstellungen, Normalitätsraster“. Das würde aber mit Foucault selbst, der sich immerhin als fröhlichen Positivisten bezeichnete, schlecht zusammengehen, oder?; jedenfalls käme die „klassische Analyse des Wissens“ (gerechtfertigter, wahrer Glaube (Überzeugung)) in Schwierigkeiten. Der Wahrheitsfrager könnte nun hinwiederum argumentieren: „Gut, belassen wir es bei „Wahrheit“ – in Anführungszeichen – , dennoch kann ich an einem – freilich modifizierten – Wissensbegriff festhalten.“ Er könnte es zumindest versuchen. – Denn es wäre zu bedenken: Erst wenn ich den Wissensbegriff vollständig destruiert habe, gibt es keine Wahrheit mehr, erst wenn ich die Wahrheit vollständig abgeschafft habe, kann es kein Wissen mehr geben. Den Wissensbegriff aufzugeben, wäre ziemlich fatal. Es wäre alles bloß Glauben, Überzeugung? Es gäbe keine (Abstufungen von) Gewissheiten, alles nur gleichgerechtfertigte Meinungen? Das wäre ziemlich kontraintuitiv und würde Philosophen eines ihrer Lieblingsspielzeuge berauben.

    Nun, ich könnte versuchen, die rhetorische Frage ja auch als die des Foucault-Lesers aufzufassen: „Was ist das denn für ein Wissensbegriff, der …“ „Welchen Zweck hat denn das Wissen, wenn nicht den, Macht produktiv werden zu lassen?“

    Es müsste, so sieht´s für mich aus, der Wissensbegriff zuerst kritisiert werden. Das hast du möglw. weggelassen. Für meinen Alltagsverstand (ohne Foucault gelesen zu haben) ist es ja bereits intuitiv leicht einzusehen, dass nicht nur Macht Wissen generiert, sondern vor allem, dass Wissen Macht hervorbringt. Diese Art des Wissens muss kritisiert werden, so oder so. Und die Frage nach der Wahrheit ist eh´ eine allzu philosophische Frage. (Mich hat jedenfalls z.B. die Korrespondenztheorie der Wahrheit noch nie überzeugt, auf eine Wahrheitstheorie, die diesen Namen verdient, werden wir wohl ewig warten müssen (war Tarski betrifft, sie zuerst einmal verstehen)). Am Wahrheitsbegriff lässt sich mMn gar nichts großartig kritisieren, deshalb steht die „klassische Analyse des Wissens“ ja auch immer etwas ratlos unabgegolten in der Gegend herum. Und deshalb würde ich auch den Wahrheitsfrager zu obiger Argumentation raten. Wenn wir den Begriff des Wissens kritisieren müssen, am Ende aufgeben, haben wir gewissermaßen die Wahrheit gar nicht mehr auf dem Schirm, nicht mehr im Blickfeld, sie ist sozusagen gar nicht mehr denkbar. „Wahrheitsfragen“ wären nicht mehr stellbar.

    So, du hast es geschafft, mit langen Sätzen, ein paar Kommata und manchmal ein wenig aneckenden Konstruktionen mich dazu zu bringen, etwas genauer „hinzulesen“, mit den dir jetzt bekannten Folgen ;-) Wie es da oben aber steht, ließt es sich in etwa so:

    Wenn Wahrheit und Wissen voneinander entkoppelt sind, dann ist die Frage nach der Wahrheit nicht mehr stellbar, denn Wahrheit und Wissen sind nun mal in der philosophischen Tradition untrennbar miteinander verbunden. Wenn Wahrheit aus prinzipiellen Gründen nicht mehr denkbar ist – was wäre das für ein Wissen?, – dann ist ebenfalls der Wissensbegriff obsolet geworden. Einzige mögliche Schlussfolgerung: Also ist Wissen ein gerechtfertigter, wahrer Glaube (Überzeugung).

    Ich sehe kein Argument dafür, dass sich Wahrheitsfragen nicht stellen lassen.

  27. momorulez Oktober 29, 2011 um 12:14 vormittags

    @Ziggev:

    Danke für die echt guten Fragen; einiges ist da wirklich kompliziert, da brauche ich ein wenig Zeit für die Antwort!

  28. momorulez Oktober 29, 2011 um 10:04 nachmittags

    @ziggev:

    Da kommt noch was, das ist komplizierter, zu so was Ausführlichem kam ich heute nicht.

  29. ziggev Oktober 29, 2011 um 10:35 nachmittags

    kein Problem ; -) ich rätsel auch die ganze Zeit, was jetzt eigentlich – bei dir oder bei mir – der Punkt ist, den ich meinerseits ja leider nicht in aller Klarheit auszuführen vermochte; vielleicht hast du einfach nur eine Prämisse vergessen zu erwähnen, die dir schon bekannt ist, mir aber nicht ? solltest du aber noch was schreiben … ich freue mich darauf!

  30. momorulez Oktober 29, 2011 um 10:53 nachmittags

    Ja, mache ich, Deine Fragen sind prima! Aber alleine das mit dem “fröhlichen Positivsten” zu erläutern, das ist echtgar nicht so einfach, wenn man das ernsthaft zu erklären versucht. Da brauche ich ein bißchen Muße und bitte um Geduld ;)

  31. kiturak Oktober 30, 2011 um 2:35 vormittags

    :(
    Da les ich einmal in hundert Jahren tatsächlich mit, um ein hübsches kleines Gedanken-Geduldsspiel zu haben nach dem langen Tag der Rassismus-Apologetik an einer Stelle, an der ich mich sicher fühle, und dann stoß ich auf einen kleinen, gemeinen Seitenhieb gegen die Deutungshoheit behinderter Menschen über ihre Behinderungen, der so um so Vieles einfacher ist, weil ohnehin alle das Gleiche denken, und die Angegriffenen so hoffnungslos am Rand liegen.

    We agree: bigotry is partially rooted in fear. We don’t ever want you to forget this. But we reserve the right to question your understanding of phobias when you say that a fear based off of the learned expectation of a lowered social status is a phobia. Because, well, it’s not. Phobias are not socially communicable methods of upholding hierarchal power structures. Sorry!

    Today in ableist fallacies: “The bigotry directed against me is a phobia because I say so and how dare you question my understanding of my own oppression?!”

    Just because you are marginalized in some way, doesn’t mean that it’s okay to base your understanding of this marginalization on an oppressive premise. Seriously.

  32. momorulez Oktober 30, 2011 um 9:12 vormittags

    Ach, Mönsch – das ist ja genau das, was man sich wirklich immer wieder fragt: Wie lädt man sich mal wieder, ganz naiv gesprochen, mit Liebe, Wärme, dem Schönen auf, wenn ganz egal, wohin man guckt, einem ständig dieser Mist entgegen spritzt?

    Habe 5 Jahre Behindertenarbeit gemacht; das war in der Tat lehrreich hinsichtlich dessen, wie man sich zurück nimmt und ihnen ein Raum schafft, in dem sie sicher fühlen konnten. Da musste man in deren Wohnungen latschen, mitten in die Intimsphäre, insofern echt aufpassen, da kein Gift abzuladen, und ich habe wahnsinnig viel von denen gelernt.

  33. kiturak Oktober 30, 2011 um 11:13 vormittags

    *hust* ähm, ich war zu der späten Stunde zu geschafft, um noch mehr htmls zu basteln, um den Kommentar zu zitieren, auf den ich mich beziehe, vor allem, weil ich irgendwie dachte, das sei offensichtlich, ich war ja direkt angesprochen:

    Der Vortrag gestern hat systematisch die Sexismus-, Heterosexismus und Rassismus-Frage über den Dominanz-Begriff miteinander verknüpft, und mir sind beim Braunen Mob auch schon länger keine homophoben Untertöne mehr aufgefallen (ich bleibe bei homophob, @Kiturak, falls Du mit liest, weil es tatsächliche Angst-Reaktionen sind, die da eine Rolle spielen)

    (Nebenbei, ich verstehe meine, äh, unterdrückungs-cobedingte psychische Störung als Behinderung, und Deine Formulierung im letzten Kommentar ist (und wäre in jedem Fall) extrem othering und ähm, patronizing, mir gehen gerade die deutschen Begriffe aus, sorry.)

    Ich habe bei Deinen Kommentaren in Kombination den Eindruck, dass Du nicht nur meinen Blogpost, meinen Kommentar und die links in beiden nicht ernsthaft durchgelesen hast – sondern auch, dass Du Ableismus nicht wirklich in die Dominanzkategorien einrechnest.

    Mich betrifft das Phobien-Problem nicht direkt, aber deshalb habe ich eben die verlinkt und ausführlich zitiert, die sowohl sämtlich nicht hetero, als auch trans* sind und unter Phobien leiden und die Problematik in für mich SEHR KRASSER Weise klargemacht haben.

    Ich kann mir zwei Möglickeiten vorstellen: Entweder, Du leidest selbst nicht unter Phobien – wirkliche, ausgewachsene, klinische Phobien, die ernsthaft Dein Leben einschränken, Dann solltest Du auch nicht die Deutungsmacht darüber beanspruchen. Oder, Du leidest selbst an einer Phobie, findest das aber trotzdem nicht. Dann spielst Du in etwa die Rolle dieser Frauen in rape joke-Debatten, die unweigerlich auftauchen mit ICH WURDE AUCH VERGEWALTIGT UND FAND DEN WITZ TOTAL LUSTIG STELLT EUCH NICHT AN. Sprich, Du entsolidarisierst Dich mit denen, die tatsächlich unter dem Ableismus dieser Aneignung des Begriffes “Phobie” ernsthaft, direkt, leiden.

    Was aber passiert, wenn Du das alles mit einer lässigen Handbewegung abtust (zu dem Punkt, dass Du Dir nichtmal die Mühe gibst, ein einziges Argument zu lesen oder zu widerlegen, sondern im Gegenteil einen Grund nennst, der umgekehrt schon ausführlich behandelt wurde, ohne auf diese Gegenargumente einzugehen), während Du andere Dominanzkategorien respektierst, ist für mich dieser schreckliche, desillusionierende Moment, in dem ich mich nicht nur von der Vorstellung verabschiede, dass das, was ich schreibe, wirklich respektiert wird, sondern vor allem, dass ich hier immer mit Ableismus rechnen muss, weil Du davon Betroffene nicht anhörst und nicht respektierst (wodurch mich das wiederum sehr persönlich trifft und verstört) – und auch, dass der Intersektionalitätsgedanke bei Dir nicht allgemein ist, sondern sich im Zweifelsfall auf einige wenige Kategorien beschränkt. Im Zweifelsfall die, die Du oben nennst. Dass ich mich hier mit jedem anderen *ismus genauso durchkämpfen muss wie gegen jeden Macker in meinem Leben in Bezug auf Sexismus.
    Und das war einfach ein ziemlich bitterer Abschluss des Tages gestern, als ich dachte, ich kann hier gemütlich etwas herumschmökern.

    Warum ich das alles überhaupt schreibe, ist, weil ich Dich wiederum respektiere (ich habe mich nicht ohne Grund hierhin zurückgezogen, und das gilt nicht für viele), nicht zuletzt dafür, dass Du in der Vergangenheit mich und andere ernst genommen hast, und deshalb nicht von vornherein denke, dass das einfach wieder nur verschwendete Lebenszeit ist.

    Und, dieser Blog ist mittlerweise eingestellt, aber er bleibt unglaublich gut mit einer Menge Standard-Texten.

  34. momorulez Oktober 30, 2011 um 11:13 vormittags

    @Ziggev:

    So, jetzt aber:

    “Der letzte Satz „… – denn was soll …“ ließt sich ja gerade so, wie die rhetorische Frage desjenigen, der meint, es sei irgendwie möglich oder müsste jedenfalls irgendwie möglich sein, mehr oder weniger „reine“ Wahrheitsfragen zu stellen.”

    Nee, eher, dass man auf die Unterstellung, dass das, was man sagt, wahr ist, nicht verzichten kann, wenn man spricht. Ja, es gibt auch Fiktion, aber da wird Wahrheit anders behauptet. Foucault hat “Wahrheitsspiele” untersucht, also die Regeln, die sozusagen als Kovention regeln, welche Sätze im Allgemeinen als wahr oder als falsch gelten – gibt ja sogar in der Analytischen Philosophie analog die Rede von der “Konvention W” -, was ein ganz Kantisches Unterfangen ist: Die Bedingung der Möglichkeit von Wahrheit im gesellschaftlichen Feld aufsuchen. Mit Wahrheitsanspruch, aber eben reflexiv.

    “Das würde aber mit Foucault selbst, der sich immerhin als fröhlichen Positivisten bezeichnete, schlecht zusammengehen, oder?

    Ich glaube, das hat er in den 60ern gesagt? Foucault hat immer gegen die Suche nach dem Latenten hinter dem Manifesten angewettert, das meint er damit. Weil dann die Erkenntnis zwischen beidem zirkulieren würde. Ist wie bei Warhol: Gibt nur Oberfläche. Widersprüchlich war das in “Die Ordnung der Dinge”, wo er ja selbst ein variables “historisches A Priori” behauptet hat, was eben auch eine transzendentale Struktur ist. Da geht es ja um die Episteme der Moderne, die immer irgendwas “Eigentliches” zu denken versuchten, was das Manifeste hervorbringt – das transzendentale Subjekt, der Ursprung, auf den alles zurück zu führen ist usw. Das greift er später in “Sexualität und Wahrheit 1″ auf, da ist dann “die Sexualität”, der Trieb, das, was alles erst hervor bringt, ein irgendwie innerlich regierender “Regent”, und er macht sich darüber lustig. Und stellt dem in den 60ern die “Wiederkehr der Sprache”, die dieses rund um “Mensch” zirkulierende Denken hinter sich ließe, indem sie die Positivität und Materialität der Sprache zum Gegenstand macht, die sich in Archiven ablagert. Als Wissen. Deshalb:

    “Es müsste, so sieht´s für mich aus, der Wissensbegriff zuerst kritisiert werden. “

    Nee, Wissen gibt es ja,. Foucault beschreibt ja keine “Konstruktionen”, denen dann irgendeine andere “Wahrheit” entgegen stünde, sondern das, was ist. Aus der Sicht des Skeptikers, ja. Und Wissen ohne Wahrheit ist gar nicht verständlich, weil man, um einen Satz zu verstehen, dessen mögliche Wahrheitsbedingungen kennen muss ;) … gilt sogar für Stephen Kings “Es”. Wenn ich nicht wüsste, unter welchen Bedingungen ES Wirklichkeit sein könnte, kann ich das Buch nicht nicht verstehen. “Wahr”, “wissen, daß p” und “Wirklichkeit” gehören analytisch zusammen. Nur dass bei Foucault als das permanent PRODUZIERT wird, und er analysiert die Produktionsbedingungen, sozusagen.

  35. momorulez Oktober 30, 2011 um 11:38 vormittags

    @Kiturak:

    Was ich mit der Nebenbemerkung sagen wollte, ist, dass ich Deinen Appell, auf die *phob-Formulierungen zu verzichten, gelesen hatte, und das sollte eigentlich eine Respektsbekundung sein. Wenn ich das dann so gemacht habe, dass ich mit einer Handbewegung beiseite wischte, dann tut mir das leid.

    Ich litt an einschränkenden Phobien und habe eine Therapie wegen massiven Angstsymptomen hinter mir, Anfang der 90er. Und wenn ich mir manch Hete so angucke, sehe ich da durchaus Parallelen, was deren Angst vor gleichgeschlechtlichen Sexualpraktiken betrifft. Das ist ja für die auch nix Schönes. Und ich weiß nicht, wie Du das siehst, aber “Behinderung”, das ist doch was graduelles, nichts Absolutes, oder?

    Inwiefern es jetzt “Othering” ist, wenn ich davon erzähle, wie es mir ging, als ich Spastikern die Wohnung putzte und für sie gekocht habe und dass ich dabei etwas lernte oder Vollpflege bei einem Querschnittgelähmten betrieben habe, wo ich was ganz anderes lernte? Irre ich, wenn ich unterscheide zwischen etwa einschränkendem wie Phobien, die ich ja dann doch als Krankheit im engeren Sinne verstehen würde, und von Geburt an Körperbehinderten, die einfach eine andere Form der Körperlichkeit haben, unterscheide? Ich formuliere das als Frage, weil ich das ja nun mir aus tatsächlich nicht beurteilen kann, da müsste hier schon ein Spastiker mit sprechen. Seltsame Reaktionen auf gleichgeschlechtlichen Sex würde ich auch unter Pathologie verbuchen, übrigens, oder irre ich da?

    Ableismus würde ich klar unter Dominanzkategorien einordnen. Und auch, wenn ich selbst nicht im Rollstuhl sitze, habe ich ja die Reaktionen auf meine damaligen Chefinnen 3 Mal die Woche zumindest beobachten dürfen und fand das zum Teil sehr krass und für die, die ich schob, unglaublich entwürdigend, wie auf sie reagiert wurde, was sie dann ja auch berichteten, dass sie das so empfinden. Ist das Othering, von dieser Beobachtung zu berichten?

    Ich habe tatsächlich nur auf Deinen Appell-Text reagiert und komme manchmal auch mit den Lektüren tatsächlich nicht mehr hinterher. Und habe, jetzt mal ganz auf doof, gestern bei “Weldinggate” irgendwann gemerkt, dass ich auch über eine Grenze hinaus geschossen bin, was mein Um-Mich-Selbst-Kümmern betrifft. Da war ich ja direkt aufgefordert worden von Noah, mich einzusetzen, um sie zu entlasten – manchmal bin ich mit diesen ganzen Schauplätzen auch einfach überfordert. Und dann lese ich auch mal einen verlinkten Text nicht und gestehe mir das auch zu. Das mag ein Rückzug in eine dominante Position sein; ich bin aber gerade kurz vorm Burn-Out, was diese ganzen Kämpfe betrifft, und fühle mich ganz schön ausgelaugt. Was ich nun niemand anderem ins Blog schreibe, sondern in mein eigenes ;) … dafür habe ich es ja auch. Und sorry, dass Du Dir das gerade anhören musst, das ist eher mein allgemeiner Zustand gerade.

  36. kiturak Oktober 30, 2011 um 12:15 nachmittags

    … ich würde Dich einfach bitten, nochmal in Ruhe alle Sachen zu lesen, die links (außer FWD/forward, die hab ich nur als generelle Ressource zum Thema Ableismus verlinkt), aber auch meine und Deine Beiträge, sobald Du mal dazu kommst. Das hat wirklich überhaupt keine Eile. Und danach können wir reden, wenn Du Interesse hast.

    Ja, das mit dem Burnout kenn ich gerade auch. Ich war auch unglaublich froh über alle, die sich reingehängt haben in den Dreck. Ich fände auch eine generelle Strategiebesprechung mal nicht schlecht. Also, wer wo wann was wie, damit wir das verteilen können.

  37. momorulez Oktober 30, 2011 um 12:35 nachmittags

    Werde die Links lesen! Gib mir ein paar Tage Zeit!

  38. kiturak Oktober 30, 2011 um 12:49 nachmittags

    Wochen, Monate. Wie es geht. Ernsthaft, keine Eile, pass auf Dich auf und all das. Ich sitz hier nicht und zappel rum ;)

  39. Loellie Oktober 31, 2011 um 5:31 nachmittags

    Ich bin gerade völlig verständnislos, da wir aufgrund des noch immer andauernden Shitstorms Zeugen werden, wie offensichtlich sich da angstgesteuerte Pathologien ausleben. Was soll das denn sonst sein, wenn nicht Phobien. “The Pathology of White Privilege” werf ich mal nur als Stichwort ein.
    Den einzigen Hinweis darauf, worauf sich diese Kritik begründet, habe ich in der steilen These gefunden, dass es Schwule gäbe, die behaupten würden, Heteronormativität sei ein Effekt der von Schrankschwestern verursacht würde. Je nach Diskurszusammenhang, kann ich diese Position angesichts der Tatsache, das regelmässig die schlimmsten professionellen Gay-Hater auf Klappen oder mit Strichern erwischt werden, sogar verstehen, auch wenn man dabei höllisch aufpassen muss, nicht in Pink-Swastika-Gewässer abzurutschen.
    Die fundamentale Kritik gegen das Konzept des Coming-Out widerum, kann man so nur und ausschliesslich dann formulieren, wenn man vorsätzlich und gezielt die zahllosen Coming-Out Ratgeber, die es nun wirklich im Ueberfluss gibt, ignoriert.
    Wie muss man denn drauf sein, um den Umstand, das Privilegierte bisweilen fremdbestimmt geouted werten, soweit zu stricken, dass dies auch für halbwüchsige zu gelten hätte, die realiter gefahr laufen, von ihren “Eltern” auf die Strasse geworfen zu werden, oder im worst case sogar umgebracht werden könnten.

    Einen Grund oder Argument, weshalb Homophobie keine Phobie sein soll, konnte ich nicht finden. Unbenommen davon, dass es einen erheblichen Unterschied macht, ob ich eine Spinne oder eine_n Homo erschlage.

    Und Kiturak, ehrlich, da bei dir bis vor drei Tagen jedes zweite Wort mit -phobie endete, woher der plötzliche missionarische Eifer?

  40. kiturak Oktober 31, 2011 um 7:18 nachmittags

    meine Fresse, wenn von all den Leuten, die mir auf meinen Kram wähwähwähVÖLLIGERBLÖDSINNwäh erwidern, auch nur EIN MENSCH jemals selbständig nachlesen würde, worum es geht, würd ich sofort eine Party schmeißen, incl. gratis Erklärbär_innenkostüme für alle.
    Hiermit nehme ich GENAU DICH von dem Gesprächsangebot aus, das ich dem gesamten Internet allgemein und Momorulez noch mal extra gemacht habe, weil ich ihn mag.
    Bin hier raus.

  41. momorulez Oktober 31, 2011 um 7:45 nachmittags

    @Loellie:

    Ich würde da auch für etwas mehr Feingefühl plädieren bzw. das einfordern und finde es sehr schade, wenn Kiturak hier nicht mehr auftaucht. Deutlicher als sie kann man nun wirklich nicht machen, was die Voraussetzungen sind, auf deren Basis sie die Thema diskutiert haben möchte,

  42. momorulez Oktober 31, 2011 um 7:46 nachmittags

    PS: Die meisten Punkte, die Du genannt hast, hätte man auch an anderer Stelle hier im Blog parken können.

  43. kiturak Oktober 31, 2011 um 7:54 nachmittags

    *schnauf* danke :) aber nur, weil ich grad so lustig aufgeheitert wurde. … wie an meinem Blog zu sehen, bin ich heut etwas, eh, niedrigschwellig erwischbar.

  44. Loellie Oktober 31, 2011 um 8:08 nachmittags

    “wähwähwähVÖLLIGERBLÖDSINNwäh”

    muss ich mich hier auch nicht abkanzeln lassen

  45. momorulez Oktober 31, 2011 um 8:40 nachmittags

    @kiturak:

    Ja, hatte ich gelesen. Das ist eine üble Geschichte. Halt Dich wacker!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 922 Followern an