Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

“Wir leben in einer männlich dominierten Gesellschaft mit klaren Geschlechterhierarchien”

Erhellendes Interview nicht heute, sondern schon 2009 (Danke, Nadine!) in der taz mit dem Sozialpsychologen Rolf Pohl zu Fragen der männlichen Identitätskonstruktion. Ein Text, der ganz gut mein hier immer wieder formuliertes Plädoyer, man müsse über weiße, heterosexuelle Männer reden, wenn man was über Rassismus, Sexismus und Homophobie erfahren will, illustriert – und klar, es geht um Männer im Allgemeinen, nicht nur weiße und heterosexuelle. Dies Interveiw vermag sogar erklären, warum manche im Rahmen des FC St. Pauli nicht über Sexismus diskutieren wollen, sondern stattdessen lieber das Verhältnis einer männlich dominierten Fanszene zu männlich dominierten Vereinsgremien thematisieren:

“Wenn man sich anschaut, was in unserer Gesellschaft als männlich gilt, dann finden sich immer wieder zwei dominante Merkmale: zum einen eine Hierarchie innerhalb der Männergruppe – Status- und Rangkämpfe sind für eine männliche Identität sehr wichtig. Und zum anderen die Abgrenzung zur Weiblichkeit, die alle Männer in ihrer Überlegenheit miteinander vereint. (…) Sie tut es aber. Wenn man die Gruppe der Männer höher bewertet als die der Frauen, kann man jenseits der Hierarchiekämpfe eine Gruppenidentität herstellen.”

Als Schwuler ist man da in vielen Hinsichten nicht anders getrimmt, ich ja allen voran und vorweg – und auch wenn die rechtslastigen Feuilleton-Schwätzer, war es Bolz oder Poschardt?, weiß ich gar nicht, sogar die im Interview formulierten, tiefenpsychologisch fundierten Ängste vor Frauen gegen unsereins wenden, indem sie es als Antrieb “hinter der homosexuellen Orientierung” vermuten, würde ich vielmehr sagen, dass Herr Pohl homophobe Strukturen gleich mit erhellt:

“Das Problem ist: Männliche Identität ist so konstruiert. Zu dieser Identität gehört das unbewusste Bedürfnis, sich aufzuwerten, indem Frauen abgewertet werden. (…) Die Ambivalenz gegenüber Frauen prägt sich dem kleinen Jungen ein – und erfährt immer wieder Nachprägungen.”

Was bei allen schwulenhassenden Sottisen sehr häufig mit läuft, die Abwertung des als “weiblich” geltenden beim Manne, und das durchaus auch sexuell explizit im Folgenden:

“Unser vorherrschendes Männlichkeitskonzept lautet: Sei autonom, hab alles unter Kontrolle. Besonders in der Sexualität hat ein Mann aber weder seine Sexualfunktionen noch die Aktion oder Reaktion der Frau unter Kontrolle.”

Weshalb insbesondere die passive Rolle bestimmter homoerotischer Praktiken den Schimpfwortschatz so ungemein bereichert. Wobei man als Schwanzlutscher durchaus Kontrolle übernehmen kann.

Wie verschworen viele, nicht alle Heten untereinander ihre frauenfeindlichen Rituale pflegen, darf ich immer erfahren, wenn ich auf welche treffe, die NICHt wissen, dass ich schwul bin. Es wird oft demonstrativ und sehr früh im Gespräch irgendein kumpelhaft einbeziehender, sexistischer Witz zum Zwecke des Schulterschlusses eingeworfen, auch, um sich als coolen Hecht zu positionieren. Oute ich mich, verändert sich die Situation schlagartig, und Unsicherheit betritt die Szenerie.

Diese demonstrative Abwertung von Frauen, die sich in ent-persönlichenden Sprüchen zeigt, ist allerdings, so glaube ich zumindest, im Zuge schwuler Sozialisation zumindest bei vielen derer teilweise anders gelagert.

Dadurch, dass in dieser Gesellschaft viel dafür getan wird, schwule Identifikationsangebote zu unterbinden, in Kalifornien agitieren Gotteskrieger im Zuge ihres mal bewaffneten, mal agitatorischen globalen Glaubenskrieges gegen Schwule (und Frauen) ja gerade mal wieder bestens finanziert genau dagegen an und keiner hierzulande schreit “Meinungsfreiheit” oder will da einmarschieren, um vorgeblich Schwule zu befreien, vielleicht, weil die einen da zumindest nicht gleich aufhängen, sondern lediglich finden, man verstoße gegen christliche Werte und habe entsprechend unsichtbar zu bleiben, suchen sich viele nicht zufällig “Schwestern” Genannte Frauen als “irgendwie Vorbild”. Weil offiziell ja Frauen Männer lieben in dieser Kultur, und man so nichtsdestotrotz eine Sprache der Liebe einüben konnte.

Für mich war die Musik einer Hildegard Knef mit ihrer androgynen Stimme, ihrem Witz, ihrem Pathos ungemein wichtig, hat mich 15 Jahre täglich begleitet, um zunächst durch die finsteren Jahre der Pubertät zu kommen und danach, weil ich mich in ihren Chansons zu Hause fühlte. Andere wählten sich damals Marlene Dietrich oder Zarah Leander, keine Ahnung, wie das bei den Jüngeren heute läuft – und Georgette Dee wurde meine Bühnengöttin.

Da mag Frau aus feministischer Perspektive vielleicht sogar was zu meckern haben, weil das eben auch mit Künstlichkeit spielende Diven waren, Grace Jones ist auch so eine aus einem anderen Feld, Madonna auch: Eben das spiegelt sich in den Bühnenfiguren einer Lilo Wanders zum Teil und zum Beispiel wieder. Wie sie einst in “Beiß mich, ich will das Leben spüren” Gloria Mundi, die alternde Diva, spielte, die sich von Vampiren beißen lassen will, um nicht mit künstlichem Darmausgang zu verenden, das war ein Spiel mit Archetypen geradezu der schwulen Ikonographie, die immer auch die eigene, weibliche Seite illustrieren, wenn auch schwul codiert.

Es sind ja kurioserweise oft gerade die in die Jahre gekommenen, verlebten Diven, die zu inspirieren wissen, während man mit 17 sich fragt, wie man sich ausprobieren könnte – und zu “Stonewall was a riot” hat, so zumindest die Mythologie, auch der Tod von Judy Garland beigetragen: Man trauerte um eine Ikone inmitten von Transen und Puertoricanern, und dann brach brutal die Razzia hinein. Das ging zu weit. Und so schlugen sie zurück.

Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber wegen Judy Garlands “Somewhere over the rainbow” wurde auch die Regenbogenflagge zum “homosexuellen” Symbol. So weiß es zumindest das Netz zu berichten.

Insofern erstaunt angesichts des Interviews mit Herrn Pohl auch nicht, dass manche dieIdentifikation mit unseren Göttinnen oder aber diese selbst als Alptraum empfinden …

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23 Antworten zu ““Wir leben in einer männlich dominierten Gesellschaft mit klaren Geschlechterhierarchien”

  1. vuvuzela//riotqueer September 8, 2011 um 2:57 nachmittags

    Bist Du ‘anti-patriarchal’ und/oder ‘pro-feministisch’? Als anti-sexistischer Mann solltest Du dich auch mit den Besonderheiten gegenüber den ‘linken Publikationen’ vertraut machen. Ob Robert W. Cornell oder die BauSteineMänner mit ihren multi-optionalen Männlichkeiten, oder doch erst bei der ‘Prinzenrolle’ und zögerlichen ‘Sozialisationstheorien’ – vielleicht dann doch sozial-pädophil die selbst-therapeutische Bezeichnung als ein Mann mit dem Hang zur Penetration des etwas anderen als das, was einem abgeht, wenn der kritische Mann in dir -nur- geflissentlich sich mal positioniert.

  2. momorulez September 8, 2011 um 3:01 nachmittags

    Ach, ich habe mir das einfach angewöhnt, so vor mich hin zu denken, wie es mir gerade über Weg läuft, die Vertiefung und wie man das richtig macht überlasse ich gerne Dir ;)

  3. vuvuzela//riotqueer September 8, 2011 um 5:05 nachmittags

    Ist bei mir auch schon über ein Jahrzehnt her, das ich mich mit kritischen Männerthemen auseinandersetzte. Gegenwärtig finde ich die ‘Queer Theorie’ manchmal spannender!

    Gruß

  4. momorulez September 8, 2011 um 6:03 nachmittags

    Ich denke, dass beides zusammen gehört.

  5. Pingback: Schwimmbeutel » ☠ ring2

  6. che2001 September 9, 2011 um 12:03 nachmittags

    Hinsichtlich der Hierarchie unter Männern bin ich mit eisenhartem Konkurrenzverhalten sozialisiert worden, aber nicht, was die Abgrenzung zu Frauen angeht – das lief bei mir immer eher nach dem Prinzip Frauen als Vorbilder ab, ebenso, wie ich mich bei Beziehungskonflikten Anderer im allgemeinen eher in Frauen hineindenken kann als in Männer. Das brachte ja gerade bei sich antipatriarchal verstehenden Männern – Männergruppe und engste Freunde – mir Vorwürfe und Anfeindungen ein, sozusagen Verrat am Anspruch, Männerprobleme in Männerzusammenhängen anzugehen.

    Mit sich aufwerten durch Abwerten von Frauen kann ich nichts anfangen, sehr viel hingegen mit Goethes “Das Weibliche zieht uns hinan”. Tendenziell nehme ich Frauen als gegenüber Männern höherstehend wahr

  7. che2001 September 9, 2011 um 12:14 nachmittags

    Also, jetzt nicht in einer realen Hierarchie, sondern in meiner Achtung einerseits und meiner Selbstverortung ihnen gegenüber andererseits. Mein Frauenideal sind dann allerdings auch straighte Powerfrauen, weibliche Tough Guys. Meine Göttinnen wären dann Sarah Connor (nicht die Sängerin, sondern der Charakter aus Ternminator II), Ltd. Ripley und Private Vasquez aus Alien oder z.B. Gerlinde Kaltenbrunner, Lynne Cox usw.

  8. Loellie September 9, 2011 um 1:55 nachmittags

    Du schätzt also ganz besonders männliche Eigenschaften an Frauen :-D

  9. vuvuzela//riotqueer September 11, 2011 um 4:08 nachmittags

    Brotherment pisser,..parliament stinkts! Oder why ein in deutscher Narration dahin geträllertes ‘you’ll never walk alone’,—keine Historie hat!

    Schickeria aus München nach Hause geflogen, oder doch mit Zug und Auto gefahren!

  10. vuvuzela//riotqueer September 11, 2011 um 10:12 nachmittags

    Sie begehren als den ‘butch’-Style?

  11. che2001 September 11, 2011 um 10:18 nachmittags

    Ach so, ja, das ist es nicht ganz, verstehe aber, was Du meinst.
    Vielleicht bin ich ja ein strukturell lesbischer Mann? ;-)

  12. netbitch September 11, 2011 um 10:55 nachmittags

    Du bist dermaßen was von stockhetero, nur stehst Du auf oder steht Dir was nur bei Topliga-Frauen. Ich will das ja nun auch nicht immer wieder aufwärmen, aber ich habe Dich als Eroberer/Überwältiger-Tüp nunmal erlebt unde fand das gar nicht schlecht. Dein Problem ist, dass Du gar nicht merkst, dass Du selbst eher in die Topliga gehörst als in die Armer-Wurm-Ecke, in der Du Dich verortest. Wenn ich Deine Bergabenteuer verfolge und zeitgleich Deine sexuellen Selbstmarginalisierungen fehlen mir langsam die Worte.

  13. momorulez September 12, 2011 um 8:08 vormittags

    Manchmal glaube ich heimlich, der Che will eigentlich per Selbstmarginalisierung erreichen, das Gegenteil zu hören zu bekommen … gar nicht als bewusste, eher unbewusste Strategie. Das geht allerdings schief, weil solche Gefühle sich selbst gegenüber, gerade die, mit denen man sich vor Enttäuschung schützen will, dieser Zweckpessimismus, ihm gemäße Ergebnisse hervor bringt. Und dieses “Frau findet mich nicht begehrenswert” – “aber Du bist es doch!” tatsächlich nicht sexy macht und sich wie eine Gummiwand ins Leben, vor Andere, schiebt.

  14. che2001 September 12, 2011 um 10:56 vormittags

    Vielleicht hat das auch viel eher mit dem Herunterschalten nach einer kurzfristigen Ultraintensivphase zu tun, sozusagen die Miniausgabe einer Entlastungsdepression. Ich will mich dazu aber nicht weiter online ausmähren.

  15. momorulez September 12, 2011 um 11:53 vormittags

    Brauchste ja auch nicht, und was auch immer Du lieber gelöscht haben willst, lösche ich.

  16. che2001 September 12, 2011 um 12:04 nachmittags

    Bis hierher ist das in Ordnung, nur braucht es nicht vertieft zu werden. Und mal ganz allgemein gesagt geht es mir dabei nicht schlecht, es ist eher die Landung im Alltagstrott nach einem Höhenflug.

  17. Loellie September 12, 2011 um 12:27 nachmittags

    Acht Jahre sind nun wahrlich was anderes, als mini.
    Ich finde das jedenfalls immer merkwürdiger, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ein beliebiges Informationsbröckchen in die Runde zu werfen nur um, sobald jemand es aufgreift, “nee so ist das nicht” zu proklamieren.
    Entweder man lässt sich auf eine Diskussion um besagtes Bröckchen ein, auch wenn diese sich von der Realität aufgrund des Informationsdefizits irgendwann zwangsläufig entfernt, oder hält einfach mal die Klappe.
    Es ist ja nicht so, das es nervt, so langsam fühl ich mich verarscht.

  18. netbitch September 12, 2011 um 1:31 nachmittags

    Es ist ja nicht so, dass es 8 Jahre in Permanenz gelaufen wäre, und ich sagte ja schon, ich würde das lieber per email als öffentlich im Blog weiterbesprechen.

  19. che2001 September 12, 2011 um 1:40 nachmittags

    Lass es gut sein und mail mir einfach, ich verbrate es ganz sicher nicht mehr auf der Kommen tarebene. Und Dir, Loellie, schreibe ich bei Interesse auch was per mail.

  20. Loellie September 12, 2011 um 1:50 nachmittags

    Mit aller Gewalt das letzte Wort haben müssen ist das exakte Gegenteil von etwas nicht besprechen wollen.
    Danke trotzdem, dass es noch knapp gereicht meinem ersten Halbsatz zu widersprechen und den Rest komplett zu ignorieren. Ist ja icht so als wär ich’s nicht gewöhnt.
    “Netbitch”

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