Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: September 2011

Markus Schreiber abschreiben

Jakob Augstein über “Schuld und Vergebung” am Beispiel Oscar Wildes und was das mit Immanuel Kant zu tun hat

Also, die Dreistigkeit, mit der Vertreter des evangelikal-arischen Komplexes (Danke, Loellie) und andere Katholiken ihrer unsouverän-pubertären Papstkritikerkritik sich reflexhaft opfern als Gotteslamm auf dem Altar der Reaktion, die macht mich einfach nur fassungslos.

Es gab einst eine Kritik des “autoritären Charakters” als Faschismusanalyse, die das Ideal der “Mündigkeit” formulierte, das dann nicht entstehen können, wenn das Über-Ich, freudianisch gesprochen, durch Institutionen des Staates oder der Kirche indoktriniert würde.

Es gab ca. 160 Jahre davor einen deutschen Philosophen, ansässig in Königsberg, der formulierte, Aufklärung sei der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit und proklamierte, man solle sich seiner EIGENEN Vernunft bedienen. Selber Denken.

Zurück zu Adorno et. al hieße das u.a., dem Diktat der internalisierten Instanz des Autoritären Vaters in der bürgerlichen Kleinfamilie nicht mehr duckmäuserhaft zu folgen, sondern Urteilskraft walten zu lassen.

Der aus Zeiten der Aufklärung mit der berühmten Schrift darüber, was das sei, ein Lieblingstext Michel Foucaults, Immanuel Kant, hat eine höchst umstrittene und doch immer wieder bedenkenswerte Formel frei gelegt, die in jedem Vernünftigen – so Kant – immer schon schlummere: “Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die Du zugleich kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.” Das ist der Kategorische Imperativ in einer Formulierung aus der “Grundlegung zu Metaphysik der Sitten”.

Maxime ist der Grund, aus dem man handelt; Gesetz meint nicht das des Staates, sondern die Form der Gesetzmäßigkeit selbst. Also: Verallgemeinerungsfähige Handlungsgründe finden als Kriterium der Moralität.

Es gibt religiöse Regeln wie z.B. das Tötungsverbot, das in den ach so christlichen USA ja nicht wirklich gilt, die einigermaßen problemlos verallgemeinerbar sind. Die Regel “Man darf nur bestimmten Menschen ein Recht auf sexuelle Selbstverwirklichung zubilligen” ist nun selbst noch einmal dahingehend begründungsbedürftig, dass sie bei Onanie problemlos anwendbar ist, bei Vergewaltigung aber nicht – es sei denn, man behauptet irgendwelche “höheren Wahrheiten”, die man sich willkürlich aus alten Texten pickt.

Vergewaltigung geht deshalb nicht, weil es da noch einen Anderen gibt, der im Zuge dessen in seiner sexuellen Selbstverwirklichung drastisch eingeschränkt wird; die Regel findet also keine Anwendung in diesem Fall, es wird gegen sie verstoßen. Ein Widerspruch tritt auf.

Da Kant zudem den Kategorischen Imperativ eben kategorisch, also nicht in Relation zu einem zu erreichenden Ziel, aus den Gesetzen der Vernunft selbst gewinnen wollte, hat er noch die Formel nachgeliefert, jeder Mensch sei als Zweck an sich selbst, nicht als Mittel zu irgendetwas – Gebärmaschine z.B. – zu behandeln.

Das ist seit seiner Formulierung umstritten, wird weltweit diskutiert (und ist was anderes als die biblische “Goldene Regel”: “Was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füg auch keinem Anderen” zu, weil der Rekurs auf allgemeine Gesetzmäßigkeiten der Vernunft da fehlt, die auch einer anderen Ebene als das, was man individuell will, eben die Verallgemeinerungsfähigkeit, wirkt), seitdem es formuliert wurde, hat aber bis hinein in den Grundrechtekatalog des Grundgesetzes oder die Erklärung der Menschenrechte nachhaltig gewirkt.

Es ausdrücklich ist eine Analyse, die den Bereich der Vernunft eingrenzen will, um dem Glauben Raum zu verschaffen, verzichtet wird in der Gesamtkonstruktion des Kantischen Werkes z.B. auf rationale Gottesbeweise oder die Fundierung der Unsterblichkeit der Seele aus den Gesetzmäßigkeiten der Vernunft.

Um eben doch strikt Moral INNERHALB dieser vernünftigen Grenzen zu situieren – immer dem Gedanken der Mündigkeit folgend: Denke selbst und folge keinem Dogma. Hume, der britische Philosoph, habe ihn aus dem dogmatischen Schlummer geweckt.

Dass das Selberdenken unter Journalisten unüblich geworden ist und differenten Formen des Fahneneides gewichen ist, schlimm genug. Diese permanente Behauptung, die sich heute allseits findet, ohne Religion gäbe es keine Moral, ist aber einfach falsch. Kant ist nur EIN prominentes Beispiel. Von feministischer Seite, Carol Gilligan, wurde eingewandt, nur rational ginge nicht, es gäbe auch noch Fürsorge und andere Emotionen; Schopenhauer formulierte eine Mitleidsethik. Alles ganz ohne Religion, wobei Schopenhauer durch die Upanishaden wie auch den Buddhismus geprägt war; dennoch kommt die Konstruktion auch ohne aus. Es ist eine ungeheure Anmaßung, menschliche Fähigkeiten wie jene zur Emphatie oder zur Solidarität, Herr Thierse, exklusiv aus der Bibel ableiten zu wollen. Eine koloniale Dreistigkeit und Geschichtsvergessenheit ohnegleichen.

Es gibt sie bereits beim Heiden Platon, Formen der Morla z.B. im Gorgias, wo formuliert wird “Immer noch besser, Böses zu erleiden, als Böses zu tun”. Das sollte sich nicht nur der Papst hinter die Löffel schreiben, auch wenn seine Positionen ganz außerordentlich dezidiert antikantianisch formuliert werden, sein Augustinus war Neu-Platoniker, Thomas von Aquin Aristoteliker, als beide im Denken nachhaltig heidnisch geprägt.

Das all das der Journaille keiner Silbe wert ist, geschenkt, so ist das bei der Wirkung eines führenden Vertreters der Gegenmoderne.

Das ist ja das Üble, das deren Ambivalenz, jene der Moderne – einerseits verschärfter Kolonialismus, Sklavenhaltung, Weltkriege, Völkermord, an vorderster Front Christen aktiv, andererseits Individualisierung, für einige mehr Freiheitsspielräume, immense Fortschritte des Denkens und der materiellen Versorgung einiger – durch die Fokussierung auf Diskursvorgaben der Prä-Moderne verschwindet, und die veröffentlichte Meinung lässt sich auch noch jubilierend darauf ein. Das ist nicht anderes als Geschichtsklitterung.

Zu Zeiten Kants gab es durchaus auch so was wie einen “aufgeklärten Absoutismus”, sehr vereinzelt, letztlich besaß dessen Denken jedoch trotz seiner rassistischen Ausfälle eben jene Sprengkraft, die geteilte, eben unbegründete Herrschaft von Klerus und Adel einzuschränken.

Ganz besonders finster, wie ein Herr Augstein, das alles bewusst ignorierend, er weiß das ja im Gegensatz zu Anderen, im Zuge dieses irrationalen Rausches weißer, heterosexueller Männer im Blätterwald angesichts des Stellvertreters aus dem Gottesstaat in Berlin in ungezügeltem Sadismus nun auch noch gemarterte Schwule instrumentalisiert, um ihre bornierten Tiraden vermeintlich zu untermauern:

“Die katholische Kirche ist nur für Sünder und Heilige. Für normale Leute genügt die anglikanische.” Und weil Linke manchmal Mühe mit Ironie haben, hier gleich die Übersetzung: So furchtbar viele normale Leute gibt es nicht. Wilde hat sich sein Leben lang mit Schuld und Vergebung beschäftigt und um seinen Glauben gerungen. Es sind nicht die Schlechtesten, die das tun..”

Es ist einfach nur ekelhaft, dergleichen in einem solchen Kontext zu veröffentlichen, wo der Normalisierungspapst durch die Republik rauscht. Es sei in diesem Zusammenhang auf den Prozess gegen Oscar Wilde verwiesen:

“In seinem Plädoyer an diesem Tage lässt Marquis Queensberrys Anwalt ein weiteres, die Geschworenen beeindruckendes Detail einfließen, er führt nämlich aus, dass Oscar Wilde wegen eines seiner Briefe an Lord Douglas erpresst worden sei, was nicht ohne Eindruck auf die Geschworenen bleibt. Sehr geschickt vermeidet es dieser Anwalt, Oscar Wilde direkt homosexueller Handlungen mit Douglas zu bezichtigen, aber immer wieder wirbt er um Verständnis für die Rolle eines Vaters, der mit ansehen muss, in welcher Gesellschaft sich sein Sohn befinde und der unter einem derart offenkundig ungünstigen Einfluss wie dem Oscar Wildes sich doch in größter Gefahr für seine Sittlichkeit befinden müsse. Am Ende dieses Prozesstages findet eine intensive Unterredung zwischen Oscar Wildes Anwalt und seinem Mandanten statt. Er wird ihn über den Prozess-Stand und über die Gefahr sehr intensiv unterrichtet haben und rät ihm dringend, den Strafantrag gegen Marquis Queensberry zurückzuziehen. Unter dem Eindruck der Beweisaufnahme sei es so gut wie sicher, dass die Geschworenen die Formulierung “An Oscar Wilde, der sich wie ein Päderast benimmt” als nachvollziehbar und gerechtfertigt ansehen würden. Mit Oscar Wildes Zustimmung wird am nächsten Tag der Strafantrag tatsächlich zurückgezogen, das Gericht spricht Marquis Queensberry frei.

Die Gegenseite zögert nun nicht lange. Unmittelbar nach dem Prozess hat Queensberrys Anwalt eine Kopie aller Erklärungen der im Prozess nicht vernommenen Zeugen neben einem Prozessprotokoll an die Staatsanwaltschaft gerichtet, kurze Zeit später ergeht gegen Oscar Wilde Haftbefehl. Wieder ist Oscar Wilde dem dringenden Anraten seiner Freunde nicht gefolgt, England zu verlassen.

Ihm wird keine Haftverschonung gewährt, in Untersuchungshaft wartet er das Ende des Prozesses gegen ihn ab. Er wird zusammen mit dem Veranstalter der Teestunden Alfred Taylor angeklagt wegen insgesamt 25 Verstößen gegen den “Criminal Law Amendment Act” von 1885, demgemäß männliche Personen sich strafbar machen, die öffentlich oder privat unsittliche Handlungen mit anderen männlichen Personen begehen, an ihnen teilnehmen, Gelegenheit hierzu verschaffen oder zu verschaffen versuchen. Das Strafmaß beträgt bis zu zwei Jahren Gefängnis, Gefängnis mit Zwangsarbeit kann angeordnet werden.”

Schuld und Vergebung. Witzig, Herr Augstein. Da hilft auch der Nachsatz nix. Dieses Beispiel ist doch kein Zufall nach Ihrem dümmlichen Abwatschen Kritischen Denkens.

Die zwei Jahre Zwangsarbeit haben Wilde fast umgebracht, er überlebte sie nur noch 3 weitere. Da hatte der Herr Wilde wohl gute Gründe, über “Schuld” zu grübeln Ihrer Ansicht nach.

Das freilich auch das viktorianianische England Ausgeburt der Moderne war und “rational” ansetzende “Humanwissenschaften” noch Lobotomie, Kastration und Elektroschocks erfanden, um Schwule zum Nachdenken über “Schuld” und “Vergebung” anzuregen, das widerspricht der päpstlichen Doktrin meines Wissens nicht. Irgendwie muss man die Leute halt zur “Erlösung” zwingen.

Das war aber noch Thema, die Ambivalenz der Moderne, damals, zu Zeiten meines Studiums. Heute ist dieses Diskussionsniveau zugunsten von “Schuld” und “Vergebung” Oscars Wildes gewichen. In einer Kolumne, die sich “Im Zweifel links” nennt. Die Restauration hat atemberaubend gegriffen. Und selbst Goa war mal katholisch …

Die Konzentration auf den Text als Schweigegelübde

Es ist ja einigermaßen finster, liest man sich durch, was die veröffentlichte Meinung zum Papstbesuch derzeit treibt. Wie so vieles – sei es nun “antideutsche” Antisemitismuskritik oder Polemiken das “sich neu erfinden” anhand einer Materialbasis, die im wesentlichen aus Broschüren von großen Unternehmensberatungen besteht – ist Welterfahrung eine seltsame Auslegepraxis von Texten geworden, nicht mehr realhistorischen oder gesellschaftlichen Geschehens. Eine Debatte, die rund um den Begriff “Meinung” sich rankt und viel von Toleranz für die Intoleranten schwadroniert. Besonders krass dieser Text in der taz:

 

“Anders ist kaum zu erklären, dass Zehntausende gegen den Mann aus Rom protestieren wollen und dieser Protest offenbar für manche eine fast identitätsstiftende Kraft hat. Und das, obwohl viele von ihnen längst aus der Kirche ausgetreten sind, der Papst ihnen also eigentlich egal sein könnte.”

 

Auch da wird darüber referiert, was der Papst so alles sagt, und in manchen Texten hat man den Eindruck, als hätten Inquisition, Hexenverbrennung, Sodomiegesetze, Religionskriege, das hervorragende Kooperieren mit mehr oder weniger absolutistischen Herrschern, Leibeigenschaft nie existiert, dann “das Christentum” aus sich heraus die Aufklärung geboren und so die pure Glückseligkeit seines historischen Wirkens noch durch Menschenrechte und Gerechtigkeit ergänzt.Bis böse Atheisten wie Hitler, Mao und Stalin dann das so heimelig-nächstenliebende geschehen in “christlichen Ländern” unterbrachen. Nunmehr müsse die Ordnung jedoch wieder hergestellt werden.

So dass nunmehr der in Rom wohnhafte Herr als Vorreiter der Kapitalismuskritik auftreten kann – erinnert sich noch wer an Don Camillo und Peppone? Oder daran, wie christliche Gewerkschaften die Arbeiterbewegung schwächten, während Herr Bismarck ungefähr zugleich die Sozialistengesetze erließ? Und wie sah es da mit dem Frauenwahlrecht aus, und warum wohl?

Mal ab davon, dass man die Gleichheit vor Gott und andere, egalitäre Vorstellungen als in Religionen gründend sehr wohl diskutieren kann: Nun ausgerechnet einen derart hierarchischen Laden wie die katholische Kirche daran maßgeblich mitwirken zu sehen, ist in sich schon völlig absurd, wenn Stellvertreter-Popstar Benedikt zum Event im Bundestag angereist kommt.

Was aber ja gar nicht Sujet sein soll: Es ist geradezu grotesk, wie Kirchensteuer und sonstige staatliche Unterstützungen der Kirchen, die Rolle derer in den Parteien, Rundfunkräten,der Einfluss der Kirchen auf das Staatsfernsehen, die Schulbidlung etc, ist immens,; im gesammelten Hilfssektor – Arbeiter Samariter Bund, Johanniter, Malteser, auch ein Markt -, als Träger von Kindergärten und Altenheimen ignoriert wird in Zitaten wie dem obigen. Ich war selber in einem christlichen Kindergarten und habe da Geschichten gelauscht, wie aus dem Paradies geworfen wurde, habe christliche Lieder gesungen und will das auch gar nicht verächtlich machen, all das aufopfernde Engagement der Menschen in diesen Institutionen.

Es ist nur zum einen ja schon ein gesellschaftliches Phänomen, dass dieser Bereich den Kirchen überlassen wird, was in den USA noch viel stärker der Fall ist und auch deren Macht dort erklärt – denn neben all dem Herausragenden, was an solchen Orten, statt findet, findet im schlimmsten Fall zugleich eine patriachale, offiziell homophobe usw. Indoktrination statt, von den Missbrauchsfällen mal ganz abgesehen.

Wie stark das nun empirisch wirkt, das wäre ja eine wirklich interessante Frage, die stellt aber gar keiner, und vor allem wenn, dann fast affirmativ: “Christlich-jüdische Tradition”, was auch noch halb verlogen ist, meines Wissens wurde die “Gottesmord”-These erst um das Zweite, Vatikanische Konzil herum ein wenig relativiert, also Mitte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts.

Jegliche Kritik an christlicher Prägung scheint mir verschwunden, ganz, als würde diese nur Gutes tun. Hetzer wie Herr Meissner haben durchaus mediale Präsenz, die über die Wirkung von Lilo Wanders deutlich hinaus geht; ja, annähernd unzählige Plots von TV-Schmonzetten zementieren Vorstellungen heterosexuellen Ehe- und Beziehungslebens im christlich-fiundamentalistischen Sinne, dass man manchmal schreiend weg laufen möchte.

Was auf den zweiten Punkt verweist: Es starren allesamt wie blöde auf “Meinungen” oder das, was der Papst sagt. In welchen Kontexten das aber wie WIRKT und was da eher philosophisch-metaphsysisches Welterklären ist, was jedoch ganz klar als Gebot Anspruch auf eine gesellschaftliche Norm, die für ALLE gilt, erhebt, wird schon gar nicht mehr diskutiert. Obwohl die Hetzer jüngst Hunderttausende in Spanien gegen die Homo-Ehe auf die Straße brachten. Ich erwarte von niemandem “Verschwulung”, die katholische Kirche jedoch greift massiv in die Gestaltung geltenden Rechts ein. Mit Opus Dei-Mitgliedern, die als Rechtsprofessoren an Universitäten sitzen, als Landesverfassungrichter agieren und die Bundesregierung als Gutachter bei Fragen der Verankerung des Diskriminierungsschutzes für Schwule, Lesben, Transsexuelle im Grundgesetz beraten. Als wäre das irgendein dahin gepredigtes Gerede, das päpstliche, was man auch mal eben locker ignorieren kann, wenn man von CDU-Mitgliedern als minderwertig beschimpft wird und bestimmte Inhalte in Mainstream-Medien einfach nicht geparkt bekommt, weil alle Angst vor dem Bischof und dem Fernsehrat haben.

Die feministische Perspektive kann ich nicht, würde ich aber gerne beisteuern, da müsste ich mich erst mal tiefer eindenken. Die Identifzierung von Frau mit Fleisch und Sünde, die lange galt, inwiefern das heute noch wirkt, weiß ich nicht wirklich. Das Festlegen auf die Mutterrolle, um so etwas wie Eigenwert zu erfahren, weil ansonsten das Bild der “Hure” statt der “Heiligen” greift, das ist immer noch äußerst prominent in Hirnen vertreten, so weit ich das beurteilen und auf Bürgersteigen beobachten kann. Auch die Ächtung der Abtreibung ist von Frauen einfach besser zurück zu weisen, als wenn ich das hier stellvertretend tue.

Und all das, obgleich die Affinität der Jesus-Überlieferung nun eher den Marginalsierten, den Ausgegrenzten, der Ehebrecherin, der Prostituierten galt, insofern ist vieles des katholischen und evangelikalen Terrors auch noch im engeren Sinne antichristlich.

Was wiederum zum nächsten Ignorierten überleitet:Die ökonomische Rolle der Katholischen Kirche mittels Vatikanbank, unter anderem. Dass diese u.a. bevorzugt Mafiagelder gewaschen hat, dazu gibt es mittlerweile viele Veröffentlichungen, die ich zwar nicht überprüfen kann, die aber gut belegen; und dass diese ihre Finger auch weiterhin in allerlei Unbill tunkt, steht zu vermuten.

In all diesen diskursanlytischen Traktakten über die Begründung von Normen und Werten taucht NICHTS von alledem auf; da sind die großspurigen Leitartikler und Sonntagsredner wie Herr Thierse auch wie üblich recherche-.und denkfaul. Letzterem ist das noch insofern nachzusehen, dass in der DDR die Kirche der einzige teilweise noch staatsferne, öffentliche Raum war. Das ist nur auf aktuelle, bundesrepublikanische Ordnungen nicht übertragbar, da ist eher umgekehrt. Dass es eine Trennung zwischen Kirche und Staat gar nicht gibt, sieht man schon daran, dass man sich in vielen Regionen beim Standesamt um den Austritt müht und die Christlich-Demokratische Union an der Regierung ist. Die Kirchensteuer führt das Finanzamt ab.

Stattdessen starren sie auf das, was der Mann sagt und schreibt – nicht jedoch darauf, wie das wo wirkt, in welchen institutionellen Verflechtungen dies geschieht, und welche ökonomische Rolle der Vatikan in der Welt spielt. Fast, als hätten sie ein Schweigegelübde abgelegt. Was doppelt schlimm ist, weil eben diese drei miteinander korrespondierenden Ebenen, Ökonomie, Institutionen, Struktur von Öffentlichkeiten sowieso und ganz grundsätzlich unter den Tisch fallen, wenn allesamt mal irgendwas auf “Meinung” reduzieren, als würden wegen eben dieser nicht nachts in Parks Schwule verprügelt werden oder sich US-Teenies umbringen.

Niedlich auch diese Bundestagsabgeordneten, die per SpOn verkünden, wenn der Papst schon mal da ist, würden sie ihn doch auch sehen wollen. Wollte ich Take That auch, andere wollen Madonna bewundern. Mir wäre nicht bekannt, dass für deren Besuche 50-100 Millionen aus der Staatskasse geflossen wären oder diese im Bundestag getanzt hätten. Klar, sie sind keine Staatsoberhäupter, obwohl von Pop-Nations zu sprechen nicht mal nur dummes Zeug wäre – aber können sie die Damen und Herren Parlamentarier dann nicht einfach eine Karte für irgendeine Arena kaufen, so wie dieser Mensch sich mit Pomp und Glorie inszeniert, als würde er in einem historischen Hollywood-Streifen den Hauptdarsteller geben?

Wie die Eventisierung des Fussballs könnte man durchaus auch jene der Religion beklagen, wenn man das möchte, weil man religiös ist. Diese ganzen charismatischen Popstars unter den Predigern, letztlich entwürdigen sie doch den Gehalt dessen, wofür sie zu stehen vorgeben. Es ist dies eine Orientierung an medialen Mechanismen, die das Heilige noch für die, die ernsthaft glauben, dieses habe etwas mit dem Papst zu tun, dem Profanen in einer ziemlich erbärmlichen Form anheim gibt.

Was auch nicht dadurch zu ändern ist, dass der Bundestag etwas würdiger wirkt als die Schalke-Arena, wenn dort Aida gezeigt wird. Eine Oper übrigens über die fatale und mörderische Macht der Priesterherrschaft – ja, Verdi ließ da sehr wohl seine Sicht auf die Katholische Kirche einfließen. Auch das hat Kulturräume geprägt. Zum Glück.

Erstaunlich …

Die begrüßenswerte Verkunstung des FC St. Pauli

Wie revolutionieren wir den Verein?

Die Antwort haben wir zwar gestern erst mal vertagt, aber alles andere wäre ja auch viel zu organisiert. So als die Desorganiserten des FC St. Pauli sind wir ja die Internethupen oder zumindest teilweise mit diesen vernetzt und somit strukturell ein klein wenig Die Piraten des FC St. Pauli ;) – was bei den Freibeutern der Liga ja einer gewissen Komik nicht entbehrt. Und eine bruchlose Identifkation mit Programmatik und Personal dieser Partei auch keineswegs besagen soll. Dennoch ist das spannend, wie etwas im Netz Gewachsenes  an den Näpfen der Politik nascht. Und wir haben ja auch genug Pfeffersäcke in annähernd sämtlichen Vereinsregionen, die sich gegen das Netz abschotten …

Nach diesem wüsten Andeutungsgeschreibsel gehe ich über zum Rum. Manche trinken ja die Getränkekarte vom hochpreisigen Zuckerrohrschnaps zum Tonic herab, so gestern der Kleine Tod; beeindruckt war ich, in Fragen des Alkohols zumeist und wenigstens da mal Vollproll – “‘n großes Bier!” – von den feinen, geübten Geschmacksnerven desselben, der sogar das Tuch schmeckte, mit dem die Gläser abgetrocknet wurden und mit profundem Whiskey-Wissen glänzte. Und Fussball gab es dann ja auch. JAAAA!

Der Auftakt war nicht so ganz in unserem Sinne, der Pfosten half; Florian Lechner wurde in der Bar allseits gefeiert und aktiv vermisst. Was unsere so trieben, wirkte einigermaßen souverän zumeist, aber, also, dann, Florian Bruns ist ja nun eh mein erklärter Lieblingsspieler, das aber war einfach sehr, sehr schön:

Also, ich fand den ja schon dolle, den Freistoß. Gelegentlich wackelten die unseren danach noch, fielen jedoch nicht; ja, ein Schuss ging noch an die Latte, doch Ebbers traf präzise nach Kruses Superpass aus echt schwierigem Winkel zum richtigen Zeitpunkt … und irgendwie wollte sich das Gefühl einfach nicht einstellen, dass noch was anbrennen könnte.

Fast langweilten wir uns, es war erstaunlich still in der Kneipe, und was soll das denn eigentlich – haben wir uns ans Siegen etwa so schnell wieder GEWÖHNT? Das darf nicht sein, darf nicht passieren, aber mal ehrlich, Karlsruhe war auch wirklich ziemlich schwach.

Insofern sei doch lieber über die Ästhetik des Freistosses schwadroniert. Nicht nur, dass unser Spieler mit der Nummer 8 bekanntlich die schönsten Beine der Liga hat, auch dramaturgisch war das echt Spitze: Dieses, Überraschung, nach links stoßen und dann so was von passgenau in den Winkel – wieso empfindet man dieses “genau in den Winkel passen” eigentlich als schön? Wieso mag man eine solch ebenmäßige Flugbahn? Was macht die so vollendet geschwungene Linie so angenehm?

Diese ganzen Geometrien, die fortwährend auf dem Platz entstehen, die Pässe in die Gasse, da waren gestern tolle dabei, die in den Taktik-Simulationen im TV, von Knopp und solchen erklärt, als Philosophie des beherrschten Raumes angesichts der Verteilung von sich bewegenden Körpern auf einer Rasenfläche erscheint: Ja, das IST Performance Art. Aber eben nicht zum Selbstzweck. Man will ja siegen. Umgekehrt entbehrt dieses Werk jeder AUSSAGE, was viele an Kunstwerken preisen, sie repräsentiert nichts, stellt nichts da, auch wenn sie “für den Verein steht”, und ist vor allem auch nicht reproduzierbar, hat das mal wer versucht, ein Fussballspiel so exakt nachzuspielen wie eine Aufführung von “Schwanensee”? – man hat es hier mit dem Paradox der selbstreferentiellen Funktionalität zu tun. Und die ist auch noch sexy.

Wie man lesen kann, fällt mir zu dem Spiel im Grunde genommen wenig ein. Es hatte fast etwas Meditatives, da zu sitzen, zu spüren, wie langsam der Alkoholpegel stieg und braunweißen Ringelstutzen hinterher zu schauen, die ein Netz aus Bewegungen ihrer selbst und der Bewegung des Balles über den Platz zogen. Wären sie allesamt mit Farbspendern ausgestattet gewesen, dann wäre eine Art kontrolliertes Action-Painting dabei entstanden; da, wo sich gefoulte Spieler auf dem Boden wälzten, passierte gestern ja häufig, hätte es dann dicke Flecke inmitten des Netzwerkes gegeben.

Was alles eigentlich nur hierzu überleiten soll:

“Dass Kunst und Fußball genial miteinander zu kombinieren sind, beweist die MILLERNTOR GALLERY am 22.09.2011 im Stadion des FC St. Pauli. Viva con Agua eröffnet in der Haupttribüne die weltweit erste dauerhafte Kunst-Galerie in einem Fußballstadion! Alle Gewinne aus der Galerie kommen der Trinkwasserinitiative Viva con Agua zugute. Eintritt ist frei-Spenden sind erwünscht.

Für Überraschungen ist gesorgt: So treten Bela B.(Dauerkartenangeber beim FCSP und nebenbei Rockstar) und Michael Prelle (presented by Deutsches Schauspielhaus) zu einem Kunst-Battle der besonderen Art an.
Mehr wird an dieser Stelle nicht verraten…”

Mmmh. Ich bin gespannt! Finde ich ja gut, dass die hässliche Haupttribüne, auf der ich zu sitzen pflege, nunmehr mit anderer Art des Lebens als Stangentanz, Poker-Plätzen und Uwe Seeler-Devotionalien – ja, die sollen sich in “Separés” tatsächlich befinden! Skandal! – gefüllt zu werden. Dieser scheußliche Gang muss ja irgendwie mal mit Sinn erfüllt werden. Und bitte auch der für uns, nicht nur der für die Business-Seat-Sitzer.

Freuen würde mich ja, wenn jenseits des prima Zwecks der Trinkwasserversorgung für jene, die sonst keines hätten, auch Inhalte, die sich mit dem Verein verbinden, ganz agitpropmäßig da ihren Raum fänden. Travestie auf St. Pauli und so was, meine ich.

Ist freilich immer noch in der Logik der klassischen Galerie und des Veranstaltungsortes gedacht. In Fankreisen beliebt zeigt sich hingegen auch Street Art. Wohl auch wegen des “Reclaim the streets”-Mottos, wegen des Taggens (? – schreibt man doch so?), wegen des Beschriften eines Raumes, der nicht im selben Sinne vermarktbar ist wie Öl auf einer Leinwand. Cool Killer oder der Aufstand der Zeichen! Um so grotesker, dass es so was wie Street-Art-Galerien gibt.

Wobei: Nun schon USP-Kürzel allerorten als Street-Art zu werten, macht das Sinn? Auch dieses tolle Wandbild, was mir supergut gefällt – in welcher Hinsicht ist das unter “Kunst” zu verbuchen?

Ist natürlich die Endlosschleifendiskussion “Was ist Kunst?”, aber welche Erkenntnis vermittelt mir so ein Wandbild? Welche Erfahrung?

Soll nix gegen das großartige Bild sagen, aber wenn schon Kunst in die Haupttribüne geholt wird: Ist da nicht die Frage nach den ästhetischen Formen, in denen sich Fans inszenieren, grundsätzlich eine spannende, die über “Ey, sieht supercool aus!” noch hinaus geht?

Für den Erhalt der Proletarisierung des Weintrinkens! Rettet die Weinbar St. Pauli!

Es ist ja wirklich so: Vor der Weinbar-Tour nach Mainz habe ich annähernd nur Bier, so weit es um Alkohol ging, getrunken. Dann durfte ich dieses wundervolle Wochenende erleben, der Geist des Weines fuhr in mich und ich beschritt einen neuen Erfahrungsraum. Seitdem schmecke ich mich gerne durch Burgunder-, Chardonnay und Rosé-Sorten.

Für mich ist das ja Kennzeichen von Kultur: Nicht etwa nur Traditionen pflegen, sondern diese fortschreiben und erweitern, um neue Erfahrungen zu machen. Alles andere ist Kirche. Und trotzdem ich allenfalls durch die Großeltern väterlicherseits dem Proletariat zugehörig zeichne, ist bei mir die Programmatik der Weinbar voll aufgegangen:

“Wein­bar: In ers­ter Linie war da na­tür­lich die Be­geis­te­rung für Wein als Ge­tränk. In Ham­burg wird das Thema Wein ja zu­meist eher stief­müt­ter­lich be­han­delt und etwas Ver­gleich­ba­res wie die Wein­bar Sankt Pauli gab es in der Ham­bur­ger Gas­tro­no­mie-​Land­schaft ja nicht. Da gibt es sonst nur etwas im hoch­prei­si­gen Seg­ment oder dunk­le Ka­schem­men mit Holz­ver­tä­fe­lung. Ziel war eine Bar für Men­schen, die rein­kom­men und sagen: „Ich habe gar keine Ah­nung von Wein, aber ich trink’s so gerne.“

Basch: Genau so sind wir zu euch ge­kom­men.

Wein­bar: Im Kern woll­ten wir die „Pro­le­ta­ri­sie­rung des Wein­trin­kens“. “

 

Weil man in dieser netten Runde in Essenheim und unweit von Niederolm sich dem dionysischen Gesöff mal ganz angstfrei annähern konnte.

Nun wollen mutmaßlich böswillige Nachbarn diesem Ort der Initiation den Garaus machen und somit auch eine der wenigen mal innovativen Gastro-Ideen in jenem Teil der Stadt lahm legen. Eine Petition gegen den Rausschmiss findet sich im Netz; ich fordere auf, zu unterzeichnen. Auch wegen des gratinierten Ziegenkäses.

 

 

“Das ganze Stadion”

“Insofern sind die „etwas anderen Fans” des „etwas anderen Vereins” so anders gar nicht, wenn auch die Sprüche hier meist einen Tick kreativer sind als anderswo. In letzter Zeit haben sich allerdings die Formen und die Zielscheiben der Attacken am Millerntor geändert.

Der offensichtlichen Kommerzialisierung und immer stärker empfundenen Gängelung treten die Fans mit neuen, radikalisierten Choreographien entgegen. Nicht selten trifft das die eigene Vereinsführung, die für einen Wandel steht, den vor zehn Jahren so wohl kein/e „Retter/in” für möglich gehalten hätte.”

Durfte dieses Werk dank lieb gewonnener Haupttribünennachbarn und desorgansierter Fanclubmitglieder in einer sehr frühen Schnittfassung sogar schon mal sehen und habe mich wahrscheinlich wie üblich nachhaltig unbeliebt gemacht, weil ich mal wieder alles besser wusste und erst mal drauflos referierte :D – kann aber von ganzem Herzen empfehlen, ihn sich anzugucken, weil auch die mittlerweile wohl sehr weit von der von mir begutachteten entfernte Fassung definitiv mit extrem ungewöhnliche Perspektiven aufwartet und sehr viel spannende Einblicke in die Sichtweisen von Menschen auf den verschiedenen Tribünen des Millerntor-Stadions bietet.

Bin selbst wahnsinnig gespannt und hoffe natürlich nichtsdestotrotz, dass wieder noch ein bißchen mehr “anders” als aktuell sich durchsetzen wird in unserem Verein. Vielleicht trägt der Film ja dazu bei: Er ist für einen, der rund um die Fans eines Fussballvereins gebaut ist, auf jeden Fall sehr ungewöhnlich gedreht und somit wirklich anders als andere und geht deshalb auch mit sehr viel Mut an sein Sujet heran, was prima ist. Formal innovativ tut uns ja gut. Ich freue mich somit auf den 4.10.

Hier der Trailer.

 

 

 

Hate Crimes

Oh, Cassie langt hin!

Keine Ahnung, wer das ist:

http://cassie.blogger.de/stories/1885573/

die mir durch Interpretationsorgien da “völkischen Müll” unterschieben möchte und mit irgendwelchen Namen herum fuchtelt, Höfer?, nie gehört, um in klassisch-linker Homophobie die “Männerbündlerei” vermeintlich zu entlarven? Ist das jene, die sich einst begeisterte für zum Schwulenmord aufrufende Evangelikale, die in manchen afrikanischen Regionen so wirkungsmächtig agitieren? Und arme, unterdrückte Christen, die in ihren “religiösen Gefühlen” verletzt würden, als Opfer wortgewaltig in Kommentarsektionen anderer Blogs zur Geltung brachte, um so noch in den gefährlichsten Terrains aktueller Debatten der Reaktion beizupflichten?

Wenn nicht, auch schnurz, kann reine Namensgleichheit sein, weil ihre Rezeptionsweise der Bezugnahme auf schamanische Traditionen mich wenig ùberraschte, hatte fast auf so was gehofft, weil das Thema wichtig ist. Und weil eben das, was “völkisch” sinnvoll meinen kann, unter einem Wust von verbalem Schmonz verdeckt wird, der das Thema der Bezugnahme auf z.B. ein Synchronisieren mittels Musik wie auch der Frage, welche Grundbedürfnisse Menschen menschlich machen könnten oder auch nicht und welchen vielleicht übermäßigen Bedeutung zugewiesen wird, unter einer Agitation gegen das mögliche, auch schöne Zusammenleben mit Tieren, dann verschleiern möchte zugunsten dümmlicher Diffamierung.

Das Unangenehme daran ist ja wie üblich, dass realgeschichtlich widerwärtig wirkende Bewegungen wie jene der “Völkischen” wie auch die Rolle romantischer oder auch nicht Ursprungsphilosophien dabei einfach unreflektiert bleiben in einer Sauce von Ressentiments. Ganz, als wolle Cassie die realgeschichtlichen Völkischen schützen, damit keiner merkt, wie sie funktionierten und wirkten. Darf ich schreiben, “völkisch” heißt halt quasi Nazi, “Männerbündlerei” plus “völkisch” ist die durch Erich Fromm und andere vermittelte Variante der “Pink Swastika”, ein Werk, das auflagenstark weltweit Evangelikale gerade vertreiben, um von Mutterkreuzen und Rosa Winkeln abzulenken und den Malträtierten, Gefolterten und Ermordeten nun auch auch noch die Verantwortung für die selbst erlebten Qualen rüber zu schieben.

Suche noch mal das Parteiprogramm völkischer Parteien in den 20er Jahren heraus. Das Thema ist ja wichtig, auch wenn “Cassie” das anders sieht.

PS: Noch zur Frage, welche schamanischen Traditionen das Christentum in Europa – ich bezog mich in meinem Text ebenso auf solche in Nordamerika, asiatischen und afrikansichen Regionen, wie Völkische das üblicherweise so tun, und die nächstenliebenden Christen warfen die Two-Spirits, die, so weit überliefert, die Rolle des Heilers oder Schamanen übernahmen, Wikipedia zufolge auch gerne mal den Hunden zum Fraße vor  -: Es gibt da verhältnismäßig wenig schriftliche Überlieferungen, was zu einer aktiven Aneignung im Sinne von Neuerfindungen bei links-orientierten Neo-Heiden führt, die gibt es ja auch, Martin kann da mehr zu berichten. Zumeist wird sich auf keltische Überlieferungen berufen.

Und dass die Nazis nun wirklich jedes Feld irgendwann okkupiert haben, insbesondere bei Inszenierungen der Katholischen Kirche lernten und statt dem Papst dann halt dem Führer huldigten, spricht nicht dagegen, Elemente wie Tanz, Rhythmus und Rausch zu behandeln. Auch wenn irgendwelche Schwule hassenden Cassandren noch nicht mal die Architektonik alter Bauernhäuser zur Kenntnis nehmen. Mich hat es damals sehr beeindruckt, wenn Bio-Rinder-Züchter Balou vom Zusammenleben mit seinen Tieren erzählte. Gefiel mir besser als Massentierhaltung.

Woher kommt eigentlich diese Spiegelbildlichkeit?

“Die verschwörungstheoretische Mentalität verrät sich durch ihre übermäßige Folgerichtigkeit. Ihre Theorien sind viel kohärenter als die Wirklichkeit und lassen keinen Raum für Fehler, Zufälle oder Zweideutigkeiten.”

Von “welcher Seite” stammt dieser Satz?

Von den “Truthern”, jener “Wahrheitsbewegung”, die fordern, das alles rund um den 11. September doch endlich mal aufgeklärt werden müsse und die die “offizielle Version” selbst für das “Höhlenmärchen von Osama und den 19 Teppichmessern” und somit eben auch für eine Verschwörungstheorie halten? Eine, in der ein Mastermind in Afghanistan den großen Plan ausheckte, der die Welt veränderte?

Oder stammt der Satz von jenen, die einigermaßen willkürlich mit Kampfbegriffen wie “Antiamerikanismus” und irgendwie zwanghaft hinein geschmuggeltem Antisemitismusvorwurf – der bei einigen der “Truthern” zweifelsohne zutrifft, die Fragen der anderen aber ja nicht entwertet – die Nase rümpfen?

Das ist verwunderlich, wenn man nach und nach erst die einen, dann die anderen, erst Mathias Broeckers, dann z.B. Bernd Greiner, der der “offiziellen Version” folgt, um nichtsdestotrotz harsch die folgende Selbstermächtigung der Exekutive – auch in Deutschland – zu geißeln, liest: Dass bestimmte Vorwürfe, Kritiken, Polemiken annähernd im oben zitierten Sinne geradezu gleichlautend auf beiden Seiten aufscheinen. Eben die oben Zitierten.

Nicht minder bemerkenswert, dass die Hinterfragepraxis eines Mathias Broeckers keinerlei Antwort auf Seiten der “Offiziellen Medien” erfährt, auch bei Greiner nicht. Da wird auf zwei Seiten, ich bitte um Entschuldigung, wenn ich was überlesen habe, mal eben abgewatscht und dann voraus gesetzt, was andere hinterfragen, ohne diese begründeten Zweifel zu thematisieren. Während umgekehrt bei den “Truthern” mir scheint, dass auf so ziemlich jeden Punkt der “Gegenseite” irgendwie eingegangen wird. Ob nun mit belegbaren oder einfach willkürlich im Netz zusammen gesammelten Gründen, das kann ich auch nicht überprüfen, das betonen die Autoren auch, dass sie selbst es nicht können, sondern allenfalls Gerichte und Ermittlungsbehörden, und ich würde lügen, wenn ich nicht zugäbe, dass mir einiges dessen, was die “Truther” schreiben, schlicht plausibler erscheint (vergleiche auch die Debatte bei Bersarin) – das aber vor allem auch dank der Bestätigung  durch die durchideologisierten Sottisen z.B. eines Jörg Lau, der einen einigermaßen erbärmlichen Text in DIE ZEIT mit folgender Rhetorik schließt:

“Die „al-qaidisch-ladinistische Weltverschwörung“ (Bröckers) kann darum nur eine Lüge der Geheimdienste und der mit ihnen konspirierenden Medien sein. Es darf einfach nicht wahr sein, dass 19 junge arabische Männer in ihrem Hass auf die westliche Welt einen solchen Massenmord zu begehen bereit sind. Das besondere Problem mit diesem Hass ist nämlich, dass er so umfassend, im strengen Sinne totalitär ist. Er attackiert die feinen moralischen Unterscheidungen, an denen wir uns orientieren: Dieser Terrorismus macht eben keinen Unterschied zwischen den Gesellschaftskritikern und dem Establishment, Linken und Rechten – wie er ja auch keinen Unterschied zwischen den Brokern und den Putzfrauen im World Trade Center gemacht hat. Für die Verschwörer des 11. September gehörte auch der institutionalisierte westliche Selbstzweifel, dessen absurd-paranoide Zuspitzung Mathias Bröckers und Michael Moore verkörpern, zu jenem Weichlichen und Entarteten unserer Zivilisation, das sie aus tiefster Seele verachteten.”

Ist der gleiche Text wie jener, aus dem das Eingangszitat stammt. Das, wie gesagt, ganz ähnlich auch von den “Truthern” formuliert werden könnte.

Nur: Woher stammt diese seltsame Annahme von Herrn Lau? So als Teil des Restlinken hatte ich nie Probleme, mir vorzustellen, dass eine derartige Radikalisierung, ursprünglich eifrig gegen die damalige Sowjetunion von “westlicher Seite” gefördert, in afghanischen Städten und an Hamburger Universitäten in einigen Köpfen sehr wohl statt finden könnte. Teile dessen kennt man ja hier aus der politischen Rhetorik, nur dass jene, die sie formulierten, nicht selbst in Hochhäuser fliegen, sondern sich lieber an irgendwelchen Nachtsicht-Flugzeug-Innenperspektiven bei der Ansicht des bombardierten Bagdad ergötzten. Das ist ja in etwa eine Umschreibung der “Gutmensch”-Rhetorik, was Lau da aufgreift, eben der Hass auf Verweichlichten und Entarteten, die vor dem skizzierten “Totalitarismus” kapitulieren, Hurra!, würden.

Lau deutet übrigens “totalitär”frappierend ahistorisch nicht etwa als Mechanismengefüge innerhalb eines tatsächlich durch und durch paranoiden Systems wie des Stalinismus, das mit Schauprozessen, Bespitzelungen, Gulag und Nomenclatura arbeitet,  sondern als diffus Haltung, “totales” Gefühl oder sowas, was auch typisch für Debatten in Deutschland ist. Mit so einer terminologischen Unschärfe kann man noch nicht mal reale Phänomene wie den Wächterrat im Iran sinnvoll beschreiben. Das erstaunt aber nicht, dass so ein Wischiwaschi bei einem vermutlich hochbezahlten Mitarbeiter eines großen Wochenmagazins sich zeigt, der sich noch selbst für den Unwillen zur Recherche feiert, indirekt:

“Denn die Verschwörungstheorie inszeniert sich als Wissenschaft. Eine besondere Pedanterie mit Fußnoten, Zitaten und lückenlosen Beweisketten ist geradezu ein Erkennungszeichen ihres Pseudo-Rationalismus. Die verschwörungstheoretische Mentalität verrät sich durch ihre übermäßige Folgerichtigkeit.”

Na, das geht ja gar nicht. Verdorbenes Volk! Dass sich jemand, der sich vermutlich “Journalist” schimpft, gar nicht schämt, so was zu schreiben, erstaunt. Natürlich, direkt danach folgt oben zitierter Satz, und auch im Journalismus muss man wohl mit Unschärfen und Inkonsistenzen, Skepsis und Unwissen schon mal arbeiten, aber dann wäre ja schön, wenn man eben dieses dem Rest des Textes auch anmerken und das zugeben würde.

Und: Was ist eigentlich diese “westliche Welt”, und was Referenz des auch von Rechtsbloggern immer wieder angeführten “Antiamerikanismus”?

In der Tat erinnere ich mich, als wir z.B. “Amerika” von Fee hörten, damals in der Friedensbewegung der frühen 80er, dass es einen Diskurs gab, der sich als friedliches Deutschland gerne neu erfinden wollte nach all dem von Vätern und Großvätern angerichteten Grauen, eine noch nicht vorhandene Souveränität in Fragen dessen, welche Pershings wo stationiert werden, beklagte, sich ein neutrales Land außerhalb der NATO wünschte und mit einer tatsächlichen Arroganz “deutsche Tiefe” gegen “amerikanische “Kommerz- und Plastik-Oberflächlichkeit” ins Feld führte.

Letzteres würde ich schon als kulturellen Antiamerikanismus identifizieren, der mitteleuropäisch dünkelt und sich auch im Ressentiment gegen Popkultur im Allgemeinen, Disco-Musik z.B. im Besonderen, zeigt. Aber nun Britney Spears mit guten Gründen als nievauloses Spektakel abzutun, ist das schon “Antiamerikanismus”? Im schlimmsten Fall spielt dieser Diskurs allerdings immer “echt” gegen “künstlich” aus und pflegt den Heideggerschen Jargon der Eigentlichkeit.

Das andere, Erwähnte jedoch sind einfach politische Forderungen im Rahmen eines demokratischen Gemeinwesens, die von mir aus naiv waren, von mir aus von der Stasi auch noch angefüttert wurden, aber was daran nun “antiamerikanisch” gewesen sein soll, weiß ich bis heute nicht.

Ebenso wenig, wenn manche spekulieren, dass die Bush-Regierung etwa wahlweise einfach nur zu ließ oder selbst inszenierte, was schlichtweg schauerlich war. Wieso ist das “antiamerikanisch”? Wieso unterstellen einem da irgendwelche Rechtsblogger und ZEIT-Redakteure “Krokodilstränen” und sprechen einem in ihrem Hass auf die Linke, die sie seit 150 Jahren am liebsten vernichten wollen,  so scheint es zumindest manchmal, mangelnde Emphatie zu, wenn Menschen in panischer Angst aus einem Hochhaus springen ? Mein Mitgefühl setzt da auch dann nicht aus, wenn ich mir vorstelle, dass Bush, Cheney und Rumsfeld die Drahtzieher gewesen sein könnten.

Diesen ganzen Lau-Absatz “es darf einfach nicht wahr sein, dass”, oben zitiert, könnte man doch nun spiegelbildlich auf eben jene Vorstellung umschreiben, dass eben einfach nicht wahr sein dürfe, dass eine amerikanische Regierung oder Teile derer oder auch nur die CIA, nicht etwas das Super-Subjekt “Amerika”, tausende Landsleute umbringen könnten, um Kriegsgründe zu erfinden, erschütternd zeitnah nach den Anschlägen den “Patriot Act” durchzusetzen usw..

Was soll an dieser Vorstellung absurd oder paranoid ist sein? Sie kann völlig falsch sein, aber kann man das nicht mal irgendwie besser belegen, dass sie das ist? Dann würden die “Truther” vermutlich prompt verstummen.

Die Geschichte hat nun einige andere Beispiele parat, wo sie nun auch nicht gerade “verweichlicht” oder differenziert agiert haben,  die US-Regierungen, ihr Militär, ihre Geheimdienste, wenn es um ökönomische Interessen und Vormachtstellung ging. Hallelujah, was bin ich sogar froh, dass sie das im Falle Deutschlands auch so taten!

Was nun über eine allgemeine Haltung zu Amerika so gar nix aussagt, was liebe ich Janis Joplin, Aretha Franklin, den Cool Jazz oder Teile der Massenkultur! Wäre ja unsinnig, das nun alles aufzuzählen, und hätte ich die Wahl, entweder nach San Francisco oder nach Teheran zu ziehen, ich würde wohl den Blick auf die Golden Gate Brigde aber so was von vorziehen. Wobei Teheran eine sehr spannende, in sich hoch ausdifferenzierte Stadt sein soll.

Es sind doch diese schwachsinnigen Totalisierungen, das, was, Lyotard die “Großen Erzählungen” nannte, diese Erfindung von Supersubjekten mit Eigenschaften, DER ISLAM, DER WESTEN, DIE DEUTSCHEN usw., diese furchtbaren Substantivierungen selbst und die sich um sie gruppierenden Legitimationserzählungen selbst, die all die Verwirrung erzeugen. Übrigens auch bei islamistischen Hasspredigern, die linke Antiimperialismusmotive in einen Diskurs von Selbstmordattentatsrechtfertigungen überführen, die es ja auch gibt. Aus denen nun eine hassgesättigte, mentale Gleichschaltung von Millionen und Abermillionen von Menschen nicht abzuleiten wäre. Ebenso wenig wie von George W. Bush nicht auf das “Wesen” eines jeden Amerikaners zu schließen wäre.

Und zumindest Broeckers muss man einfach zugestehen, dass er im Gegensatz zum Feuilletongeschreibsel eines Jörg Lau eine Ebene tiefer ansetzt. Was, wie neulich bereits beschrieben, wohl wegweisender ist. Damit diese kruden Spiegelbildlichkeiten sich auflösen. Man muss doch auch mal die Mikro-Ebene wieder angehen, anstatt immer nur auf Makro-Ebenen daher zu schwafeln.

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