Es ist ja einigermaßen finster, liest man sich durch, was die veröffentlichte Meinung zum Papstbesuch derzeit treibt. Wie so vieles – sei es nun “antideutsche” Antisemitismuskritik oder Polemiken das “sich neu erfinden” anhand einer Materialbasis, die im wesentlichen aus Broschüren von großen Unternehmensberatungen besteht – ist Welterfahrung eine seltsame Auslegepraxis von Texten geworden, nicht mehr realhistorischen oder gesellschaftlichen Geschehens. Eine Debatte, die rund um den Begriff “Meinung” sich rankt und viel von Toleranz für die Intoleranten schwadroniert. Besonders krass dieser Text in der taz:
“Anders ist kaum zu erklären, dass Zehntausende gegen den Mann aus Rom protestieren wollen und dieser Protest offenbar für manche eine fast identitätsstiftende Kraft hat. Und das, obwohl viele von ihnen längst aus der Kirche ausgetreten sind, der Papst ihnen also eigentlich egal sein könnte.”
Auch da wird darüber referiert, was der Papst so alles sagt, und in manchen Texten hat man den Eindruck, als hätten Inquisition, Hexenverbrennung, Sodomiegesetze, Religionskriege, das hervorragende Kooperieren mit mehr oder weniger absolutistischen Herrschern, Leibeigenschaft nie existiert, dann “das Christentum” aus sich heraus die Aufklärung geboren und so die pure Glückseligkeit seines historischen Wirkens noch durch Menschenrechte und Gerechtigkeit ergänzt.Bis böse Atheisten wie Hitler, Mao und Stalin dann das so heimelig-nächstenliebende geschehen in “christlichen Ländern” unterbrachen. Nunmehr müsse die Ordnung jedoch wieder hergestellt werden.
So dass nunmehr der in Rom wohnhafte Herr als Vorreiter der Kapitalismuskritik auftreten kann – erinnert sich noch wer an Don Camillo und Peppone? Oder daran, wie christliche Gewerkschaften die Arbeiterbewegung schwächten, während Herr Bismarck ungefähr zugleich die Sozialistengesetze erließ? Und wie sah es da mit dem Frauenwahlrecht aus, und warum wohl?
Mal ab davon, dass man die Gleichheit vor Gott und andere, egalitäre Vorstellungen als in Religionen gründend sehr wohl diskutieren kann: Nun ausgerechnet einen derart hierarchischen Laden wie die katholische Kirche daran maßgeblich mitwirken zu sehen, ist in sich schon völlig absurd, wenn Stellvertreter-Popstar Benedikt zum Event im Bundestag angereist kommt.
Was aber ja gar nicht Sujet sein soll: Es ist geradezu grotesk, wie Kirchensteuer und sonstige staatliche Unterstützungen der Kirchen, die Rolle derer in den Parteien, Rundfunkräten,der Einfluss der Kirchen auf das Staatsfernsehen, die Schulbidlung etc, ist immens,; im gesammelten Hilfssektor – Arbeiter Samariter Bund, Johanniter, Malteser, auch ein Markt -, als Träger von Kindergärten und Altenheimen ignoriert wird in Zitaten wie dem obigen. Ich war selber in einem christlichen Kindergarten und habe da Geschichten gelauscht, wie aus dem Paradies geworfen wurde, habe christliche Lieder gesungen und will das auch gar nicht verächtlich machen, all das aufopfernde Engagement der Menschen in diesen Institutionen.
Es ist nur zum einen ja schon ein gesellschaftliches Phänomen, dass dieser Bereich den Kirchen überlassen wird, was in den USA noch viel stärker der Fall ist und auch deren Macht dort erklärt – denn neben all dem Herausragenden, was an solchen Orten, statt findet, findet im schlimmsten Fall zugleich eine patriachale, offiziell homophobe usw. Indoktrination statt, von den Missbrauchsfällen mal ganz abgesehen.
Wie stark das nun empirisch wirkt, das wäre ja eine wirklich interessante Frage, die stellt aber gar keiner, und vor allem wenn, dann fast affirmativ: “Christlich-jüdische Tradition”, was auch noch halb verlogen ist, meines Wissens wurde die “Gottesmord”-These erst um das Zweite, Vatikanische Konzil herum ein wenig relativiert, also Mitte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts.
Jegliche Kritik an christlicher Prägung scheint mir verschwunden, ganz, als würde diese nur Gutes tun. Hetzer wie Herr Meissner haben durchaus mediale Präsenz, die über die Wirkung von Lilo Wanders deutlich hinaus geht; ja, annähernd unzählige Plots von TV-Schmonzetten zementieren Vorstellungen heterosexuellen Ehe- und Beziehungslebens im christlich-fiundamentalistischen Sinne, dass man manchmal schreiend weg laufen möchte.
Was auf den zweiten Punkt verweist: Es starren allesamt wie blöde auf “Meinungen” oder das, was der Papst sagt. In welchen Kontexten das aber wie WIRKT und was da eher philosophisch-metaphsysisches Welterklären ist, was jedoch ganz klar als Gebot Anspruch auf eine gesellschaftliche Norm, die für ALLE gilt, erhebt, wird schon gar nicht mehr diskutiert. Obwohl die Hetzer jüngst Hunderttausende in Spanien gegen die Homo-Ehe auf die Straße brachten. Ich erwarte von niemandem “Verschwulung”, die katholische Kirche jedoch greift massiv in die Gestaltung geltenden Rechts ein. Mit Opus Dei-Mitgliedern, die als Rechtsprofessoren an Universitäten sitzen, als Landesverfassungrichter agieren und die Bundesregierung als Gutachter bei Fragen der Verankerung des Diskriminierungsschutzes für Schwule, Lesben, Transsexuelle im Grundgesetz beraten. Als wäre das irgendein dahin gepredigtes Gerede, das päpstliche, was man auch mal eben locker ignorieren kann, wenn man von CDU-Mitgliedern als minderwertig beschimpft wird und bestimmte Inhalte in Mainstream-Medien einfach nicht geparkt bekommt, weil alle Angst vor dem Bischof und dem Fernsehrat haben.
Die feministische Perspektive kann ich nicht, würde ich aber gerne beisteuern, da müsste ich mich erst mal tiefer eindenken. Die Identifzierung von Frau mit Fleisch und Sünde, die lange galt, inwiefern das heute noch wirkt, weiß ich nicht wirklich. Das Festlegen auf die Mutterrolle, um so etwas wie Eigenwert zu erfahren, weil ansonsten das Bild der “Hure” statt der “Heiligen” greift, das ist immer noch äußerst prominent in Hirnen vertreten, so weit ich das beurteilen und auf Bürgersteigen beobachten kann. Auch die Ächtung der Abtreibung ist von Frauen einfach besser zurück zu weisen, als wenn ich das hier stellvertretend tue.
Und all das, obgleich die Affinität der Jesus-Überlieferung nun eher den Marginalsierten, den Ausgegrenzten, der Ehebrecherin, der Prostituierten galt, insofern ist vieles des katholischen und evangelikalen Terrors auch noch im engeren Sinne antichristlich.
Was wiederum zum nächsten Ignorierten überleitet:Die ökonomische Rolle der Katholischen Kirche mittels Vatikanbank, unter anderem. Dass diese u.a. bevorzugt Mafiagelder gewaschen hat, dazu gibt es mittlerweile viele Veröffentlichungen, die ich zwar nicht überprüfen kann, die aber gut belegen; und dass diese ihre Finger auch weiterhin in allerlei Unbill tunkt, steht zu vermuten.
In all diesen diskursanlytischen Traktakten über die Begründung von Normen und Werten taucht NICHTS von alledem auf; da sind die großspurigen Leitartikler und Sonntagsredner wie Herr Thierse auch wie üblich recherche-.und denkfaul. Letzterem ist das noch insofern nachzusehen, dass in der DDR die Kirche der einzige teilweise noch staatsferne, öffentliche Raum war. Das ist nur auf aktuelle, bundesrepublikanische Ordnungen nicht übertragbar, da ist eher umgekehrt. Dass es eine Trennung zwischen Kirche und Staat gar nicht gibt, sieht man schon daran, dass man sich in vielen Regionen beim Standesamt um den Austritt müht und die Christlich-Demokratische Union an der Regierung ist. Die Kirchensteuer führt das Finanzamt ab.
Stattdessen starren sie auf das, was der Mann sagt und schreibt – nicht jedoch darauf, wie das wo wirkt, in welchen institutionellen Verflechtungen dies geschieht, und welche ökonomische Rolle der Vatikan in der Welt spielt. Fast, als hätten sie ein Schweigegelübde abgelegt. Was doppelt schlimm ist, weil eben diese drei miteinander korrespondierenden Ebenen, Ökonomie, Institutionen, Struktur von Öffentlichkeiten sowieso und ganz grundsätzlich unter den Tisch fallen, wenn allesamt mal irgendwas auf “Meinung” reduzieren, als würden wegen eben dieser nicht nachts in Parks Schwule verprügelt werden oder sich US-Teenies umbringen.
Niedlich auch diese Bundestagsabgeordneten, die per SpOn verkünden, wenn der Papst schon mal da ist, würden sie ihn doch auch sehen wollen. Wollte ich Take That auch, andere wollen Madonna bewundern. Mir wäre nicht bekannt, dass für deren Besuche 50-100 Millionen aus der Staatskasse geflossen wären oder diese im Bundestag getanzt hätten. Klar, sie sind keine Staatsoberhäupter, obwohl von Pop-Nations zu sprechen nicht mal nur dummes Zeug wäre – aber können sie die Damen und Herren Parlamentarier dann nicht einfach eine Karte für irgendeine Arena kaufen, so wie dieser Mensch sich mit Pomp und Glorie inszeniert, als würde er in einem historischen Hollywood-Streifen den Hauptdarsteller geben?
Wie die Eventisierung des Fussballs könnte man durchaus auch jene der Religion beklagen, wenn man das möchte, weil man religiös ist. Diese ganzen charismatischen Popstars unter den Predigern, letztlich entwürdigen sie doch den Gehalt dessen, wofür sie zu stehen vorgeben. Es ist dies eine Orientierung an medialen Mechanismen, die das Heilige noch für die, die ernsthaft glauben, dieses habe etwas mit dem Papst zu tun, dem Profanen in einer ziemlich erbärmlichen Form anheim gibt.
Was auch nicht dadurch zu ändern ist, dass der Bundestag etwas würdiger wirkt als die Schalke-Arena, wenn dort Aida gezeigt wird. Eine Oper übrigens über die fatale und mörderische Macht der Priesterherrschaft – ja, Verdi ließ da sehr wohl seine Sicht auf die Katholische Kirche einfließen. Auch das hat Kulturräume geprägt. Zum Glück.
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