Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Noch mal ein paar Worte zum Thema “Markierung” …

… für jene, die aus dem dogmatischen Schlummer liberaler Credos erwachen, ergänzend zu dem Text eben: Holzschnittartig gilt, dass dominante Kulturen wirkungsmächtig die Dominierten markieren – in unseren Breiten markieren Weiße Schwarze, Christen und Atheisten Muslime, Heterosexuelle Homosexuelle, Männer Frauen. Seit geraumer Zeit überhäufen auch Politik und Medien die Gesellschaft mit Markierungen ALS Unterschicht: Hartzer, die z.B. im Nachmittagsprogramm vorgeführt werden.

Man kann das immer ganz gut belegen anhand dessen, wozu jeweils geforscht wird: Das als abweichend Markierte unterliegt zumeist human- und sozialwissenschaftlichem Zugriff.

Michel Foucault hat beispielsweise in “Sexualität und Wahrheit 1: Der Wille zum Wissen” furios die These aufgestellt, dass Homosexualität nicht etwas irgendein schlummerndes Begehren, das wahlweise therapiert oder befreit werden müsste, sei, sondern ein Produkt der klinischen und psychiatrischen Forschung des 19. Jahrhunderts. Dass man, indem man dazu genötigt wird, sich als “Homosexueller” zu identifizieren oder fortwährend als solcher identifiziert wird, nicht umhin kommt, sich irgendwie zu all den dort erzeugten Stereotypen zu verhalten, weil sie einem fortwährend übergebügelt werden.

Mit “Konzept” ist nicht etwa Arschficken oder ein einigermaßen konstant sich auf ein “gleichgeschlechtliches” Gegenüber richtendes Lieben und Begehren gemeint, sondern eine komplexe Charakterologie “homosexueller” Individuen. Diese avancierten zum Gegenstand der Forschung, als die bürgerliche Kleinfamilie sich durchzusetzen begann. Andere Sujets, die sich prompt immenser Beliebtheit erfreuten, waren die “Hysterisierung der Frau”, also insbesondere jene, die nicht auf Zuruf Sex mit einem Mann haben wollten, Stichwort “frigide”, eingebildete Symptome (Migräne), und masturbierende Kinder. Z.B. der Frühstücks-Kellogs hat grausame Apparaturen erfunden, um Kinder vom Spiel an ihren Genitalien abzuhalten.

Diese Gruppen wurden Objekte, weil sie sich dem “guten Sex”, dem zur Fortpflanzung dienenden, partnerschaftlichen, innerehelichen, entzogen, und die Kinder darauf zentriert und dressiert, sich später auf diesen zu beschränken.

In seinem Spätwerk prägte Foucault den Begriff “Problematisierungsweisen”: Dass etwas gehäuft Thema ist in verschiedenen, vorwissenschaftlichen und wissenschaftlichen Abhandlungen, zeigt, dass es als etwas nicht Selbstverständliches, Anormales  gilt. Diese Gedanken führt Foucault anhand der antiken “Knabenliebe” aus, die er als Erfahrung komplett different zu dem heutigen Konzept der “Homosexualität” begreift. Es sei für die alten Griechen schlicht ein Problem gewesen, dass jemand, der später freier Bürger, Mann, werden würde, sich in seiner Jugend von älteren Herren penetrieren lässt, weil doch nur die aktive Rolle Freiheit bedeute. Und weil das schwierig zu denken war für die alten Griechen, gibt es zu dem Thema so viele historische Belege.

Pointe dieser Ausführungen ist: Die dominante Kultur ist in den seltensten Fällen Thema. Die bleibt unbefragt, während die devianten, abweichenden Formen allseits “Markierungen” erfahren: Schwul, schwarz, Frau. Ja, das wirkt wie ein Kuriosum, das ist aber so – Frau wird in unserer Gesellschaft oft als abweichend und defizitär in Relation zum Mann, der das Allgemeine vertritt, betrachtet. Subjektiv, emotional, weich usw.

Es gibt zudem einerseits ein Völkerkundemuseum, andererseits historische Museen und Kunsthallen, wo das Allgemeingültige zu finden ist, während man afrikanische Kulturen anders behandelt. Die Ethnologie hat das später geschnallt, die breite Bevölkerung nicht – sie identifiziert weiter den Weißen mit Kunst und Geschichte, PoC-Kulturen mit exotischer Folklore.

Nun reproduziert sich all das auch noch im liberalen “Aber wird sind doch alle gleich”. Weil eine moralische und rechtliche Kategorie zur Empirischen wird. Auch so ein Gedanke, den viele schwer zu fassen bekommen, weil sie die Sein/Sollens-Differenz im Alltag nicht reflektieren. Es SOLLTEN alle gleiche RECHTE haben, aber faktisch haben sie das nicht. Ich kann selbst dann, wenn ich mich an bürgerliche Beziehungsformen assimiliere, keine Kinder adoptieren oder steuerrechtliches Ehegattensplitting anwenden.Ein Kumpel von mir WURDE aktiv von der deutschen Botschaft daran gehindert, seine schwarze Frau, die er in Ghana geheiratet hat, mit hierher zu bringen. PoC OBLIEGEN häufiger polizeilicher Kontrolle als Weiße.

Insofern ist Ziel von Aufklärungspraktiken wie “Critical Whiteness”, das Gegenüber AUCH zu markieren. Weiße werden das hierzulande normalerweise nicht, Heten auch nicht. Wenn dann jemand über die Gegengerade läuft und ihm PoC als PoC erkenntlich werden, ist das nur die Vorstufe, gewissermaßen: Die Eigenmarkierung ALS WEIß mit einer Reflektion der daran gekoppelten Privilegienstruktur ist das Ziel. Damit formale Gleichheit WERDE. Auch bei Toleranzgerede ist ja immer noch die dominante Kultur die, die toleriert, deshalb kommt man da aus dem Schema auch nicht raus.

Natürlich wirkt der Ansatz so, als würde er auch die “White Pride”- Schiene begründen können. Kann er nicht, weil er darauf zielt, weiße, männliche und heterosexuelle Privilegien nun gerade im Sinne einer Gleichstellung abzuschaffen, auf dass solche Texte irgendwann überflüssig werden- und differenten ERFAHRUNGEN statt Zuschreibungen Raum zu verschaffen.

Der Ansatz macht nur dann Sinn, wenn man die in NORMATIVER Hinsicht egalitäre Stoßrichtung beachtet.

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14 Antworten zu “Noch mal ein paar Worte zum Thema “Markierung” …

  1. che2001 August 23, 2011 um 6:08 nachmittags

    ” So stellt die Frau eine Abweichung vom eigentlichen Typ des Menschen, dem Manne dar” hieß es in einem Hauptwerk der “Rassenhygiene”, und weiter: “Der Aufruf der farbigen Welt, der größte Rassenverrat der Menschheitsgeschichte, hat durch seine handgreiflich unmoralischen Behauptungen und Ziele das Unheil für Europa vollendet… Dazu trat nach dem Krieg die bolschewistisch-marxistische Propaganda von Russland, das sich wieder dem Asiatentum zuwendet und die widernatürlichen Klassenkampfideen in Rassenkampfideen umzuschmelzen bemüht ist.”

    Das war sozusagen das Vorwort zum Vernichtungskrieg.

  2. momorulez August 23, 2011 um 9:56 nachmittags

    Die “Rippe” … und der Papst.

  3. che2001 August 23, 2011 um 10:26 nachmittags

    Genau, und dazu ein Rassismus, der im wilhelminischen Kolonialreich von Eugen Fischer formuliert und dann von Adolf Hitler exekutiert wurde.

  4. Loellie August 26, 2011 um 12:20 nachmittags

    Bin zu faul den Mönch Artikel rauszukramen. Nichts wirklich neues aber sehr ausführlich:

    http://motherjones.com/politics/2011/08/fbi-terrorist-informants

  5. momorulez August 27, 2011 um 5:27 nachmittags

    Jerry Leiber hat es ja auch erwischt :( … und Danke für die Links. Und dieser Hurricane im Osten der USA ist übrigens die Strafe Gottes für Michele Bachmann und homohassende Evangelikale.

  6. che2001 August 28, 2011 um 12:11 nachmittags

    Whom the hell is Jerry Leiber?

  7. ziggev August 28, 2011 um 2:01 nachmittags

    ohh, geil !! das erwischt mich jetzt wie aus heiterem himmel – genau denselben Video wollte ich schon mal in sonem Forum posten, nachdem ich wiegen irgendetwas gegooglet hatte, weil aber nicht mehr worum es ging. danke

  8. che2001 August 28, 2011 um 2:39 nachmittags

    Also verschwörungstheoretisch formuliert quasi einer der Männer hinter Elvis;-)

  9. che2001 August 29, 2011 um 9:43 vormittags

    Hunzinger-Affäre, seinerzeit Toppthema bei Dotcomtod, oder was meinst Du?

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