Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Formlosigkeiten rund um das Spiel FC St. Pauli – MSV Duisburg 2:1

Soeben vor der O-Feuer-Sportsbar, da saßen sie, Marcel Eger auf Stippvisite, der gestern so groß aufspielende Kevin Schindler, Marius Ebbers und der wie immer unverschämt attraktive Florian Bruns und chillten, unprätentiös den Blick auf das Schulterblatt gerichtet und eben, im Gegensatz zum Fernsehsender, der diesen Slogan verbreitet, wirklich mittendrin statt nur dabei. Und hatten sich das Genießen der Getränke danach aber so was von verdient.

Das ist ja mein FC St. Pauli, diese Orte im Zentrum des Geschehens, wo jene, die im Viertel in den Bars und Restaurants arbeiten sich, wenn Auswärtsspiele übertragen werden, vor den Bildschirmen und dem Beamer sammeln, wo mittendrin die Spieler sitzen wie alle anderen auch und keiner sie nervt, wo immer mal König Bönig vorbei schaut und die beiden Kostas einen ebenso mit Handschlag begrüßen, wie die beiden Mittags das Essen auf die Tisch manövierenden, wundervollsten Kellnerinnen der Welt einen umsorgen.

Ich fühle mich einfach wohler, wo ein hoher PoC-Anteil mit Leuten wie mir ganz selbstverständlich zusammen lebt, wo nicht nur Leute sind, die unter Weißen und Heterosexuellen irgendwann während des Studiums politisch linke Formen adaptiert haben, die Mann dann, mit Defintionsmacht, Status und Pöstchen ausgestattet, dem Rest der Welt zu präsentieren trachtet und allen Anderen eigene Artikulationsräume, Problemdefinitionen und Ausdrucksformen abspricht, ganz unter sich bleibend. Ja, habe ich auch alles gelernt. Kenne mich nur mit meinen Erfahrungen besser aus als die.

Lieber da hin, wo alle sich sauwohl fühlen und keiner sich in irgendeinem politischen Machtraum bedroht fühlt, einfach weil es den da gar nicht gibt.

Ebenso wie die Domschänke, nach den Spielen gerammelt voll, wo eine kunterbunte Horde die noch extrem günstigen Astras schlürft, wo Tresen- und Clubraum wie Relikte aus den 60er oder 70er Jahren wirken, ein rauher Ton gepflegt wird und überhaupt niemand auf die Idee käme, Formfragen zu diskutieren. Die, na, eher schon älteren Herren zum Teil, die seit 10 Jahren mit mir auf der Haupttribüne sitzen, pflegen einen derben Umgang und sind dabei ganz klischeehaft wirklich herzlich.

Man muss sich immer wieder klar machen kann, dass Leute wie ich, also weiße Bildungsbürger aus der Mittelschicht, allen Unkenrufen gegen Werber und deren 250 qm-Lofts zum Trotze, die Vorhut der Gentrifzierung bilden, insbesondere in Vierteln wie Ottensen und Prenzlauer Berg, und eben jene verdrängen, die sich selbst die günstigeren Getränkepreise irgendwann nicht mehr leisten können. Es ist die so oft gerühmte weiße “Mitte”, die im Zuge ihres stetigen Absackens nichtsdestotrotz oder gerade deshalb als Vorhut der Reglementierung agiert.

Die wollen Anderen als allererstes Kommunikationsformen diktieren, weil sie das wohl in Studium und Schule so gerlernt haben, so ganz unabhängig von deren Inhalt. Nun kann ich zumindest guten Gewissens sagen, ziemlich ungentrifiziert zu wohnen und mir die aktuellen Mieten auch nicht leisten zu können und vor allem eines gelernt zu haben: Wenn Dir jemand eine “sachliche Form” vorgeben will, erhebt er einen Herrschaftsanspruch im Rahmen jenes Wissens, das seine soziale Position mit sich bringt. Und Gekränkten die Wut abzusprechen ist schon ein wenig sadistisch.

Es war damals der erste Frust im Studium, dass all die querschreibenden Versuche, durch Spex und andere einst inspiriert, sofort dem Diktat der Gliederung, der Fussnote, des vermeintlich “sachlichen” Stils, der eben alles und jeden zur Sache, zum Objekt des Verfügbarmachens degradiert, untergeordnet wurden. Da kommt man auch mit dem Habermasschen “Sich mit jemanden über etwas verständigen” dann nicht raus, wenn dieses “etwas” das eigene Leben ist.

Die Hausarbeit zu Baudelaires “Hymne an die Schönheit”, da ich ein Bild eines lecker in Unterhose posierenden Liebhabers auf den Deckel gepackt hatte, wurde nie korrigiert. Dabei passte das durchaus zum Thema. Wundere mich auch, wenn ich all die Fanzines im Vereinsumfeld lese, dass so wenig formale, sprachliche Versuche unternommen werden, da mal Gedanken ein wenig aufzumischen. Den Autoren muss man schon frühzeitig eine Menge Angst eingeimpft haben, etwas falsch zu machen.

Ein Exkurs auch zum gestrigen Abend; es war wieder sehr schön, all die Bekannten, Bekloppten und Wohlvertrauten nach diesem dramaturgisch so überragenden Spiel vor der Domschänke versammelt zu sehen. DSP tummelte sich mit Twitterern, und da kann man sich dann auch zu Hause fühlen. Eben weil da keiner die Form wahrt, sondern alle so wundervoll individuell sind. Wie zuvor auch mal wieder im Stadion; die Stimmung war schon eigenartig eruptiv , das Flutlicht golden. Eine angemessene Choreo aus gelben Schildern mit durchgestrichenem Sport1 und DFL leuchtete von der Süd, und zu meiner großen Freude fand lauthals per Stadionsprecher die Präsentation des Transparentes gegen Homophobie statt:

SPNU hat sich ergänzend Gedanken gemacht. Wie zu erwarten ist, folgen von mir auch noch welche; aber heute, am Todestag Loriots, R.I.P.,wie auch am Tag nach dem Heimspiel will ich das Meckern mal weitestgehend bleiben lassen. Da nun aber mittlerweile schon andere Texte erschienen sind, sei lediglich darauf hin gewiesen, dass es erstaunt, dass bei manchem Ärger erzeugt wird, wenn er auf die Möglichkeit differenter Sozialisationsweisen, Erfahrungsräume und Arten, wie man zu dem gemacht wird, ständig, immer und überall, was man ist, verwiesen wird. Und auf Machtungleichverteilungen diesbezüglich. Na, nicht jeder mag, wenn er aus der liberalen Hypnose erwacht.

Miteinander knutschende Männer gibt es ja uns im Stadion ansonsten immer noch zu wenige zu sehen, um so besser, dass diese Aktion statt fand. Ich weiß nicht, ob diese Haltung “Ey, das ist doch Kult, da darf ich doch F… sagen”, andernorts zitiert, wirklich aufgrund offensiver Bezüge zu Hafen, Kiez oder Szene zu suchen ist. Ich glaube nicht, dass sie sich breit machen würde, wenn wir mehr offen Schwule, PoC-Gangs aus den Vororten und von anderswo, militante Feministinnen und aggressive Transvestiten im Frank N. Further-Style ZUGLEICH im Stadion und vor allem auch als Funktionsträger hätten.

Das Spiel ging schwungvoll los, nach dem Führungstreffer waren sich die unseren zu sicher und fingen einen Gegentreffer ein. Ich weiß nicht, wie Tantra-Sex funktioniert, schade, aber hätte man sich auf das Spiel so eingelassen, dass all das Hinhalten, Bearbeiten, die immer neuen Wellen, Aushalten, beinahe doch, aber nee, wieder nicht, und dann, jaaaa, das so unsagbar orgiastische Finale als Technik zur meditativen Luststeigerung begriffen worden wäre, vielleicht hätte es ja noch mehr Spaß gemacht.

Vielleicht aber auch nicht, die Überraschung hätte gefehlt; noch kurz vor Abpfiff war ich mir sicher, dass wir uns noch einen fangen würden, und eine derartige Ekstase wie nach dem Bartels-Tor habe ich seit Bolls 1 zu 0 gegen die Rauten nicht mehr erlebt. Noch die trockensten Sprücheklöpfer, deren ironische Distanz ansonsten glänzte wie eine frisch polierte, dennoch schmunzelnde Stoßstange, fielen SCHREIEND einander in die Arme, jede Form war aufgelöst zugunsten entfesselter Glückseligkeit, wüstem Gebrülle, sabberndem Taumel, dionysischer Magie … ein Gefühl, das mit dem günstigen Astra aus der Domschänke in die Länge gezogen wurde, inmitten toller Individuen, die allesamt ihre ganz eigene Form gefunden haben im Laufe des Lebens. Das war schön mit denen. Und der ganze Stadionabend auch.

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