Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tagesarchive: August 9, 2011

PC mal wieder

Es gibt ja Leute, die fühlen sich total befreit, wenn sie das “Joch der PC” phasenweise mal hinter sich lassen und so richtig schön die Sau raus lassen können. Endlich dieser totalitären Indieckestellerei impertinenter Marginalisierter enthoben! Kann man beim HSV erleben, wenn knackärschige Vorstadtgymnasiasten so richtig lustvoll ihren Rassismen, ihrer Frauenfeindlichkeit und ihrer Verachtung für Schwule Raum lassen. Hach, das entspannt!

Nun ist ja schon die Frage, was das für eine eigentümliche Vorstellung von Freiheit ist, die im wesentlichen darin besteht, Räume zu fordern, in dem man Andere herabwürdigen kann. Eben die abendländische Form von Freiheit ist das, die Antwort liegt nahe. Das ist man hier so gewohnt, seine Identität auf Kosten Anderer, denen man aus unerfindlichen Gründen sich überlegen fühlt, kulturell oder wie auch immer, zu gewinnen. Da steckt tief drin. Das will raus. “DU SCHWUCHTEL!”

Nun gibt es auch andere Begriffsverwendungen von PC, die das eher im Allgemeinen auf eine Selbst-Tyrannei als Moralist beziehen. Also, in freudschen Terminologien, sozusagen ein Es leben will, das die Umklammerung durch das Über-Ich zurück weist und es sich heraus nimmt, einfach mal zu fühlen. Zuzulassen. Indem man z.B. im Stadion den Schiedsrichter wüst beschimpft. Es sollen sogar schon Bierbecher geflogen sein, und danach tobte dann erst mal eine Schlacht um Moralhoheit von Über-Ich-Geprägten. Dazu lese man einfach mal die Studien zum autoritären Charakter Adornos.

Kurz, bevor der Bierbecher flog, war ich derart wüst am Pöbeln gegen das Schiedsrichtergespann, dass ein älterer Herr, ich glaube sogar vom “Alten Stamm”, vor mir tatsächlich sich völlig entsetzt umdrehte und beim nächsten Spiel lieber erst mal woanders saß. Geworfen habe ich nicht!

Ich bekenne, dass ich ich mich dafür noch keine Sekunde geschämt habe. Und ja, auch ich finde, dass dafür ein Stadion der Raum sein dürfen, St. Pauli dreckig bleiben muss und diese seltsame Kirchentagshaltung unserer Bürgerlichen nun auch nicht weiter hilft.

Nun kann man zwar darüber diskutieren, ob Schiedsrichtergespanne zu den strukturell Diskredierten gehörten. Ich würde doch eher sagen, dass sie auf der Seite der Macht stehen wie Polizisten eben auch, und Machtmissbrauch schon Anlass für Empörung ist.

Womit man wieder bei der PC-Frage im Allgemeinen ist. Ungefähr so basteln sich nämlich tatsächlich globa mit erschütternder Wirkungsmacht, wenn ich es richtig verstehe, ursprünglich von den USA ausgehend politische Bewegungen von Personen aus nicht-marginalisierten Positionen im Kampf gegen den “PC-Terror” ihr Weltbild als Unterjochte. Überall Juden, Schwule, Schwarze, Frauen, Migrantenverbände, die irgendwie darauf aus sind, aufrechte Mehrheitsgesellschaftler ihrer natürlichen Ausdrucksformen zu berauben und in irgendwelchen Ecken abzustellen.

Ich würde doch darum bitten, beide Fragen, also die, ob man im Stadion auch mal rum pöbelt und die nach PC im Allgemeinen voneinander zu trennen. Das ist nämlich politisch gemeingefährlich, das zu vermengen. Nicht umsonst heißt eine der Herrn Breiviks wie auch immer inspirierenden Seiten “Politically Incorrect”. Nicht umsonst wähnen katholische Nazi-Seiten sich als Unterdrückte dieser Erde, während der Papst die Massen ins Olympiastadion zieht und in öffentlich-rechtlichen Sendern wie auch Fernsehräten Kirchen sitzen. Eine leichtfertige Verwendung dieses “politisch unkorrekt” ist aktuell politisch nicht harmlos. Was keinerlei Rechtfertigungsdruck erzeugen soll, so schwer ist ja nicht, das bleiben zu lassen.

Diese hahnebüchene Propaganda, dass irgendwelche Minderheiten mittels Lobbyorganisationen permanent dabei sind, Mehrheiten totalitär zu unterdrücken, ist ungemein erfolgreich. Es sollte schon jedem klar sein, dass diese Denkfigur schlicht ein Zementieren gesellschaftlicher Verhältnisse zuungunsten tatsächlich Dominierter ist und letztlich die Forderung nach einem Recht auf Herabwürdigung ganzer Bevölkerungsgruppen darstellt. Also: Ein Recht auf gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit wird eingefordert. Kann ja jeder selbst auf den Volksverhetzungsparagrafen beziehen.

Und es ist ein Unterschied, ob man, wenn man sich äußert, zur dominanten oder zur gefälligst servil zu bleibenden Gruppe gehört oder auch nicht. Das gilt für alle Diskreditierungsdimensionen, also Klassismus, Sexismus, Rassismus, Homophobie, um die zentralen Methoden zum Erhalt struktureller Ungleichheit zu benennen. Und dass diese vorliegt, ist eine empirische Frage.

Eine Anrennen gegen diese strukturelle Ungleichheit ist KEIN Unterjochen von irgendwas, sondern das Einfordern von Lebensmöglichkeiten für alle gleichermaßen. Manchmal irrt ja sogar Robert Anton Wilson, wenn er schreibt:

“Abgesehen davon kann ich mir auch keinen bedeutenden Künstler oder Wissenschaftler vorstellen, der sich tatsächlich als “politisch korrekt” bezeichnen ließe, da “politische Korrektheit (wie jedes andere Dogma auch) ein informationsarmes Enviromnment erzeugt, und jede Kunst und Wissenschaft immer zu Informationsvermehrung strebt.

Information, so sagte einmal der Mathematiker Norbert Wiener, besteht immer aus den signalen, die man nicht erwartet?”

Robert A. Wilson, Cosmic Triger 3, Position 3183 von 6307 in der iPad-Kindle-Version, Hamburg 2011

Die Frage nach der Kunst mal außen vor lassend: Das Gegenteil ist der Fall. Heteronormativität, Rassismus, Klassismus und Sexismus sind gerade deshalb so erfolgreich, weil sie Erwartungen stabilisieren, Realitätstunnel zugunsten dominanter Gruppen erzeugen und nichts zulassen, was sich außerhalb einer prästabilisierten Ordnung bewegt. Frauen, die aus zugewiesenen Positionen ausbrechen, bekommen das in der Regel am drastischten zu spüren – schwarze Frauen bekommen noch einen mehr drauf, doppelt diskreditiert, da sich Erwartungen an sie richten, deren Objekt zu sein ich wirklich niemandem gönne. Und ich bewundere jede, die das aushält, zutiefst.

Der Kampf gegen den vermeintlichen “PC-Terror” dient gerade der Informationsunterdrückung: Schwule, die selbst definieren, wann sie diskriminiert werden oder gar in Machtpositionen sich befinden, bilden ebenfalls eine Irritation des Systems, weil sie lieb gewonnene Gewohnheiten infrage stellen. Dann fordern in der Regel heterosexuelle Männer irgendeine “objektive” Definitionhoheitsprozedur ein, um Schwule zu entmündigen, Hauptsache, es hört ihnen keiner zu – und das hohe Gericht beanspruchen dann natürlich wie immer schon Heten für sich.

Wobei einmal mehr zu betonen ist, dass ich hier keinen Essentialismus predige, “schwul” und “hetero” sind sozial strukturell wirksame Entitäten, die zugewiesene Rollenmuster darstellen, keine selbst gewählten oder Bekenntnisse erfordernden Identitätsmuster oder gar “Wesen” von irgendwem. Man wird durch sie geprägt und kann sich zu diesen Prägungen verhalten. Diese Prägungen zu ignorieren ist einfach selbst eine Herrschaftspraxis zum mundtot machen.

Das könnte man jetzt anhand aller zentralen strukturellen Methoden zur Informationsunterdrückung durchspielen,; bei Frauen wird oft biologisiert, bei Schwarzen oder auch “Arabern” traut man sich das nicht mehr so richtig, da sabbelt man von “Kultur” und meint “Rasse”, und Klassismus Unterworfene sind sowieso grundsätzlich selbst schuld.

Ganz übel wird es nun für jene, die sich auch noch gänzlich außerhalb dieser Muster bewegen. Bisexuelle z.B., es war neulich ein ziemlich beeindruckendes Plädoyer bei Kiturak zu lesen zur Frage, inwiefern Bi-Menschen Teil “schwullesbischer Bewegungen” sein können. Diese liefern, in Wilsons Terminologie, Informationen, die Erwartungsmuster und GS, Glaubenssysteme, und somit Realitätstunnel zum Einsturz bringen können in binären Ordnungen, und werden deshalb gar nicht wahr genommen. Auch Trans-Menschen gehören dazu, und eine Debatte, die dann plötzlich zwischen “echten” und “unechten” Trans-Menschen unterscheidet, zeigt einfach nur Sehnsucht auf, sich in irritationsfreie Räume zu begeben, wo man im Jargon der Eigentlichkeit wieder festen Boden unter den Füßen gewinnt.

Auch Rassismus Menschen “asiatischer Herkunft” gegenüber, in Deutschland irgendwie quer stehend zu anderen Diskussionen, da oft mit allgemein als “positiv” konnotierten “wesenhaften” oder “kulturellen” Mustern belegt und deshalb von den “politisch inkorrekten” Broders dieser Welt missbraucht, Minderheiten gegeneinander auszuspielen, sind ansonsten ein Faktor, den man aus Diskussionen lieber raus lässt. Zu viel Information, klare Rollenmuster könnten aufweichen.

Nee, Papa Wilson, da hast Du Dich nachhaltig geirrrt und warst gerade im falschen Realitätstunnel unterwegs. Ganz im Gegenteil: Die Forderung nach PC ERMÖGLICHT erst Informationsvielfalt, also all den wuselnden, differenten Erfahrungen von Indivduen Gehör zu verschaffen. Insofern wäre es auch anzuraten, dass mal heterosexuelle, weiße, Männer sich hinterfragen, wo sie einfach nur den großen Stereotypen gemäß sich verhalten, die als Machtfaktoren diese Gesellschaft strukturieren, oder wo sie tatsächlich individuelle Erfahrungsräume sich erobern. DAS ist ja das ende, aber eben nicht der Anfang der Debatte. Wenn sie sich z.B. spannende Sex-Toys bei Beate Uhse kaufen. Aber darüber spricht man ja nicht.

Ich schließe mich dem an!

“Als Mitglied des FCSP würde ich es begrüßen, wenn die JHV im Herbst beschliesse, dass immer VertreterInnen der Frauenabteilungen ins Präsidium einziehen

Ein offenkundig skandalöser Vorgang im Rahmen des FC St. Pauli, den stpauli.nu dort zitiert beschreibt, und wohl symptomatisch für die Platzhirschwirtschaft bei uns im Verein, sei es nun  im Präsidium oder auch anderen formalen und informellen Institutionen des Vereins.

Schön auch zu sehen, wie sich die Reihen der “Fanszene” sogleich in einem Ziel zusammen finden, wenn es gegen das Präsidium geht, während Selbstkritik ja zumindest nicht zu den öffentlich zelebrierten Tugenden dieser gehört. Hinterzimmerwirtschaft zeigt sich in allen Belangen. Wobei da die Erklärungen von USP nach der Südkurvenblockade eine rühmliche Ausnahme darstellten.

 

PS: Nach Hinweis des Magischen FC korrigiere ich meine Zustimmung dahingehend, dass Frauen im Präsidium nicht notwendig solche aus dem Frauenfussball sein müssten, diese aber tatsächlich zu fordern wären.

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