Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Das Desaster deutscher Übersetzungs- und Wiederveröffentlichungspraxen

Mittlerweile auf eBooks per iPad umgestiegen, vergeht kaum ein lesender Tag, da ich nicht mindestens 1mal heftig zusammen zucke. Der inflationäre Einsatz des N-Worts ist ebenso erschütternd wie die unreflektierte Wiederveröffentlichung historischer Stereotype, die wenigstens eines erläuternden Kommentars bedürften. Wenigstens.

Drama Nr. 1 ist die jüngst neu aufgelegte, erste deutsche Gesamtausgabe und meines Wissens teilweise Neuübersetzung von Stephen Kings ES. King ist ein Autor, der Rassismus äußerst offensiv in seinen Werken thematisert und auch kritisiert. So beeindruckt eine Passage in ES nachhaltig durch die Schilderung des “Abfackelns” eines von de facto segregierten schwarzen Soldaten betriebenen Clubs, die in den 30er Jahren im Nordosten der USA stationiert waren. Und während die Geschichte des Ku-Klux-Clan jedem einigermaßen geläufig ist, berichtet King von einer analogen Organisation in Maine, die den Mythos eines nicht-rassistischen Nordens erschüttert. Der Musikclub, in dem rougher Jazz gespielt wird, entsteht überhaupt nur, weil den PoC-Militärs der Zugang zu Kneipen in der Barmeile des Ortes Derry verwehrt wird und man ihnen stattdessen eine abgewrackte Bretterhütte zuweist. Sie möbeln die auf, und nicht zuletzt aufgrund der Musik wird es bald zum Magneten auch für weiße Besucher. Das ist den Rechten ein Dorn im Auge, und so verüben sie einen Anschlag, bei dem viele Menschen verbrennen.

Eine historisch und popkulturell belehrte Fiktion – warum zum Teufel trieft die Übersetzung dennoch nur so vor dem N-Wort? Nicht etwas nur da, wo der Jargon amerikanischer Rassisten Sujet ist, nein, auch sonst andauernd. Kann man das nicht einfach bleiben lassen?

Einer der Charaktere, Richy, ist bereits als Kind Stimmenimitator, später Radiomoderator, und eine seiner Stimmen ist der devote, gebrochen sprechende “Tu mir bitte nicht weh! schwarze Junge”. Das ist anders übersetzt. Ich weiß nicht, wie sich das im amerikanischen Original liest und wie eine solche Anspielung auf erlebte Historie Subordinierter dort rezipier wird. Das ist in den deutschen, kulturellen Kontext transferiert natürlich eine wirklich schwierige Herausforderung für den deutschen Übersetzer, weil er eben diese Erfahrungsdimension nicht übersetzen können kann, und es ist nicht auszuschließen, dass Herr King da echt einen Bock geschossen hat.

Und, bevor jetzt eine unsinnige Diskussion entbrennt: Es geht nicht einfach um irgendein unschuldiges Wörtchen, sondern um die Mobilisierung einer schmerzhaften und grausamen Realgeschichte, in deren Folgen jeder Einzelne hinein sozialisiert wird. Was in der “N-Jungen”-Stimme durchscheint, ist das brutale Zugerichtetsein durch die weiße Mehrheitsgesellschaft. Vielleicht wollte Stephen King exakt darauf verweisen, dennoch, so liest es sich einfach nicht. Eddy Murphy und andere haben daraus Comedy entwickelt, was noch einmal etwas völlig anderes ist – was ich mich frage, ist, warum kann man da nicht einen erläuternden Kommentar beifügen? So eine “Stimme” vermittelt sich nicht ohne weiteres als das Ergebnis einer äußerst sadistischen Realgeschichte. Warum wirft man das einfach so auf den Markt?

Dass man in den Kontexten, wo das N-Wort einfach so auftaucht, es auch adäquat übersetzen kann, indem man von Schwarzen schreibt, steht für mich außer Frage. Bei der N-Jungen-Stimme hingegen wäre es ein Eingriff in das Werk, der schon erheblicher ist – ich weiß nicht, wie meine Freunde vom Braunen Mob das sehen, ob da ein erläuternder Kommentar ausreicht, und freue mich über Kommentierung und Richtigbiegen des von mir Geschriebenen, aber ein solcher Hinweis müsste einfach drin sein.

Noch härter empfand ich “Unter Geiern” von Karl May. Eine ähnlicher Sachverhalt, nur drastischer. Ich weiß gar nicht, warum ich mir das runter geladen habe, aber ich war einigermaßen entsetzt, weil  die ganze Figurenanlage rassistisch arrangiert ist, ganz, wie es dem Geist des 19. Jahrhunderts entspricht: Der Häuptlinge der Apachen hält, ganz “edler Wilder”, rhetorisch geschliffene Reden – der Schwarze hingegen spricht gebrochen, ist Diener eines Weißen, den er “Massa” nennt und glänzt durch Unterwürfigkeit.

Als ich das einem schwarzen Kollegen erzählte, merkte ich, wie er sich tatsächlich körperlich völlig veränderte. In Verteidigungshaltung glomm eine derart tief sitzende Wut auf, dass ich kurz richtig erschrocken war. Er zischte “Die PoC, die ich kenne, sprechen zumeist 4 Sprachen fließend”, autsch, da hatte ich in meiner Blödheit etwas mobilisiert, was ich gar nicht wollte, ich regte mich ja auf über Karl May.  Das tat mir leid, da habe ich mich völlig verschätzt. Sorry.

Was deswegen erwähnenswert ist, weil sich hier und anderswo gelegentlich darüber empört wird, wie “scharf” ich solche Auseinandersetzungen führe. Weil eben etwas mobilsiert wird, was so tief sitzt, dass man es einfach raus lassen MUSS, um nicht Depressionserkrankungen und sonstige Symptome zu entwickeln. Und zudem das Gegenüber ansonsten wohlwollend paternalisierend reagiert. Frantz Fanon hat das in seinen Büchern hervorragend analysiert, wie die Konfrontation mit diskreditierenden Stereotypen und Ohnmachtssituationen das gesamte Körpererleben prägt und zu plötzlichen Gewaltentladungen führen kann. Weil ja zudem ständig erwartet wird, dass man auch noch ruhig und devot erläutern solle, was da in einem vorgeht.

Zurück zu Karl May: Klar, es ist ein historisches Dokument. So rassistisch sieht das Archiv der europäischen Kultur aus. Es ist auch nicht so, dass der Herr nun die psychischen Folgen der Sklaverei thematisiert hätte. Die Rollen sind einfach klar verteilt, die Figur ist ein einziges Stereotyp, das zudem belegt, dass es auch historisch keine wertfreie Verwendung des N-Wortes gibt. Auch nicht, wenn man ehemalige “Spitznamen” einstiger Kiez-Größen genüsslich aussschreibt, übrigens.

Aber wie kann es sein, dass diese “Werke”, übrigens auch literarisch unter aller Sau, einfach so ohne jegliche einordnende Kommentierung ins Netz gestellt werden? Sogar mehrfach, weil das Urheberrecht abgelaufen ist? Dass es kaum einen amerikanischen Spielfilm gibt, bei dem nicht ca. alle 3 Minuten “Schwuchtel” gesagt wird, gibt, ist ja schlimm genug – kann man nicht wenigstens auf dem Buchmarkt mal von Verlagsseite sowohl Übersetzer sensibilisieren und Neuausgaben als eBooks mit flankierenden Anmerkungen versehen? Ich weiß nicht, ob die Forderungen von PoC-Seite nicht noch weiter gehen und vermute, dass ich mich ihnen anschließen würde. Bei Agatha Christies verrufenem Weltbesteller wurde der Titel ja auch geändert.

Klar, auch Verlage haben wenig budgetere Spielräume, aber vielleicht sollte man es dann einfach lassen, so was noch zu distribuieren.

PS: Jede Diskussion über das N-Wort als solches wird kommentarlos gelöscht.

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39 Antworten zu “Das Desaster deutscher Übersetzungs- und Wiederveröffentlichungspraxen

  1. kleinertod August 5, 2011 um 2:07 nachmittags

    “So rassistisch sieht das Archiv der europäischen Kultur aus” ist so traurig, wie wahr – und das nicht nur bei diesem Beispiel. Die Sherlock Holmes Geschichten, die ansonsten lesenswert sind, triefen leider auch nur so über von rassistischem Zeug, daß man einige der Geschichten überhaupt nicht genießen kann, da man sich nur darüber aufregt. Sicher, es ist aus einer anderen Zeit, aber wenn man dies schon heutzutage weiterhin veröffentlicht, dann wäre es doch wirklich nicht zuviel verlangt, da zumindest einen Kommentar anzubringen. Und zwar einen aussagekräftigen.

    Vielleicht wäre es sogar weitergehend – wir leben schließlich in einem Land, das vor Regelungswut nur so überquillt – eine Idee, dies durch eine entsprechende Verpflichtung der Verlage (sei es freiwillig oder aber per Gesetz) zu erreichen, sprich: wo Rassismus in historischer Literatur vorkommt, ist dies durch entsprechende Kommentierung anzumerken (spätestens in einer Neuauflage nach Anfage an den Verlag). Das wäre wenigstens mal eine Form, wo man gesellschaftlich gestaltend positiv per Gesetz einwirken könnte. Derartiges fließt schließlich ungefiltert in die Köpfe der Leute, es wirkt prägend und ohne Gelegenheit, das Vermittelte zu hinterfragen, wird es womöglich als zu bestätigendes Vorurteil aufgenommen und wirkt weiter.

    Ach, eine Frage hätte ich noch, was es nämlich mit “Agatha Christies verrufenem Weltbesteller” auf sich hat. Um welchen geht es denn?

  2. momorulez August 5, 2011 um 2:53 nachmittags

    Neu heisst es “Und dann gab es keines mehr”, und den dazugehörigen Wikipedia-Eintrag kann man noch nicht mal verlinken, weil der lauter Klopper enthält. Auch, dass da nun lediglich aus “Rücksichtnahme” der Titel geändert worden wäre, greift einfach zu kurz – das sind faschistische Realitätsbehauptungen, die da einfließen. Auch im Fiktionalen.

    Ich glaube, dass es tatsächlich bei Astrid Lindgren, Pipi Langstrumpf, im Falle des “Takka-Tukka-Landes” zur Empörung vieler eine Überarbeitung gegeben hat. Dass sich da überhaupt welche empören, zeigt immer nur, mit was für einer verbiesterten Arroganz viele Europäer an der vermeintlichen Glorie ihrer Kultur kleben. Dass gerade bei Kinderbüchern angesetzt wird, ist ja genau richtig. Da gibt es aber auch so drastisch “gut gemeinte”, paternalisierende Werke, die sich antirassistisch taufen, das ist atemberaubend. So im “Brot für die Welt”-Stil.

    Ich glaube, dass das juristisch so schwierig ist, weil die Definitionshoheit dann bei Richtern liegt, die ja tiefenrassistisch geprägt sind. Weil das Bewusstsein auch einfach nicht da ist für solche Fragen.

    Prinzipiell gebe ich Dir aber Recht. Ich habe nur das Gefühl, das bei den Praktikern unter Übersetzern, Lektoren usw. eher breit grinsend genau das Gegenteil passiert, weil sie ja nun mal “dürfen”. Mir ist auch dieser Mechanismus ein Rätsel, dass man es nur als irgendwie unzulässiges “Verbot” wahr nehmen kann, sein Weltbild mal auf einen zeitgemäßen Stand zu bringen. Dahinter steht ja nicht nur eine normative, sondern auch eine Wahrheitsfrage.

  3. georgi August 5, 2011 um 4:10 nachmittags

    Besser ist es natürlich, bedenkliche Romane so lange wegzuschließen, bis es niemanden mehr gibt, der noch weiß, warum diese Romane weggeschlossen wurden. So ähnlich wurde es in der DDR gemacht. Die Romane von Karl May z.B. galten als Schund, und waren praktisch verboten. So wurden sie zu heiß begehrten Sammlerobjekten. Diesen Schund konnte man z.B. gegen echte Badfliesen oder andere Bückware eintauschen.

  4. momorulez August 5, 2011 um 9:29 nachmittags

    @Georgi:

    Die Instituionen der DDR haben freilich KarlMay später noch als Vordenker begriffen? Irre ich?

  5. georgi August 6, 2011 um 6:21 vormittags

    @momo:

    Die Instituionen der DDR haben freilich KarlMay später noch als Vordenker begriffen?

    Du verwechselst ihn mit Karl Marx.

    Karl Mays Romane waren ja so randvoll mit Cliches angefüllt, mit ethnischen, Geschlechts-Cliches und vielen anderen Cliches, daß Kommentierung nicht viel genützt hätte, zumal die jungen Leute, die diese Romane verschlingen, überhaupt nicht auf momos Kommentare achten würden. Das vernichtende Urteil der Literaturwissenschaftler über Karl May hat ja auch noch niemanden davon abgehalten, Karl Mays Romane zu lesen, Karl May kultisch zu verehren, zur Villa Bärenfett nach Radebeul bei Dresden zu pilgern und LARP zu veranstalten, also Indianer zu spielen (hat man zu DDR-Zeiten schon gemacht, nicht nur Kinder übrigens).

  6. momorulez August 6, 2011 um 10:02 vormittags

    Nee, Georgi, die kann ich schon auseinander halten ;) … es gab meines Wissens eine späte Vereinnahmung. Und ich hab die als Kind auch gelesen; dass es bei ihm immerhin auch Transvestiten gibt, die nicht doof dargestellt werden, und er, sogar in diesem jämmerlichen “Unter Geiern”, ja bei allen Klischees vom “edlen Wilden” dezidiert auf die unmenschlich brutale Vernichtung der “First Nations” verwiesen hat, das ist ja gar nicht schlecht. Ich erinnere mich gut, wie mich das als Kind sehr beeindruckt hat. Das allerdings in Deutschland bei lauter Sichgutfühlen wegen Winnetou dann die Haltung Schwarzen gegenüber gar nicht auffällt, das ist auch typisch.

    Den ersten Anti-Pc-Kommentar von irgendwem, der irgendwas schrub, was wie von einem Textgenerator wirkte, denken können diese Deppen ja immer nicht, habe ich schon gelöscht. Ich dachte, da kämen mehr. Die tun halt alles, um ihre Herrschaft abzusichern. Er faselte auch irgendwas von “Bücherverbrennungen” und wüsste wahrscheinlich gar nicht, wessen da eigentlich verbrannt wurden und hat irgendwie vergessen, dass es rassistische, antisemitische Stereotype waren, die zentraler Baustein des Nationalsozialismus waren und die Praktiken der Massenvernichtung in den Kolonien eingeübt wurden.

  7. georgi August 6, 2011 um 12:35 nachmittags

    @momo
    Man erzählt sich, daß auch Hitler Karl May vereinnahmt hätte.

    Es ist ja kein Wunder, daß keine Anti-PC-Kommentare erscheinen, wenn Du angekündigt hast, daß diese keinen Zweck haben.

    Agatha Christies berühmten Roman habe ich nie gelesen, nur im Fernsehen gesehen. Aber, wenn ich mir die Wikipedia-Seite anschaue, dann habe ich den Verdacht, daß es Agatha darum ging, der victorianischen Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Hatten wir nicht eben erst die Diskussion über Rechtsstaatlichkeit, der von Männern erfundener Rotz sei? Dieses hochzivilisierte Zeitalter hat dunkle Seiten, die in Agathe Christies Roman möglicherweise behandelt werden. Zu diesen Seiten gehört auch Kolonialismus. Aber mancheiner stört sich eben an Vokabeln.

  8. momorulez August 6, 2011 um 1:09 nachmittags

    Der Roman selbst ist äußerst spannend; der Täter ist ja ein Richter, der lauter Leute auf eine Insel einlädt, die mit Methoden der Rechtsstaatlichkeit angesichts des seiner Ansicht nach von ihnen begangenen Unrechts nicht zu fassen waren. Einschließlich seiner selbst. Und die bringt er alle um. Selbstjustiz. Agatha Christie und der Kolonialismus wäre übrigens ein Thema für Doktorarbeiten, es tauchen zum Beispiel immer Offiziere auf, die in Indien “gedient” haben.

    Es geht nicht um Vokabeln. Es geht darum, dass diese das Fortschreiben kolonialer Strukturen zum Ausdruck bringen, und wenn man die Vokabeln diskutiert, dann eben zugleich auch diese.

    Bei der Rechtsstaatlichkeit ist übrigens der Staat das Problem, nicht die Begründung der Grundrechte zum Beispiel. Der verfolgt eigene Interessen und ist deshalb parteiisch, was den Grundsatz der Unparteilichkeit aushebelt. Ziemlich gründlich. So treten Richter auch auf: Als Inszenierung von Autorität, nicht von Gerechtigkeit.

  9. Sonnenstrahl August 6, 2011 um 9:07 nachmittags

    Georgi, Karl May war schon zu tot um von Hitler vereinnahmt zu werden. In Hitlers privaten Besitztum auf dem Obersalzberg befand sich eine fast vollständige Sammlung von Karl May Büchern, die viel Lesespuren zeigten und Anmerkungen von Hitler enthielten. Hitler hat seine Begeisterung für Karl May allerdings zu Lebzeiten eher verheimlicht. So, ab jetzt kommt das geguugelte, ich war mir nicht mehr ganz sicher.

    Den Nazis war Karl May mehr als supekt, sodaß sie seine Bücher in antisemitische Machwerke umschrieben und in dieser Form neu auflegten. Hitler soll sogar den letzten öffentlichen Vortrag von Karl May gehört haben, mit größter Begeisterung, was damalige Freunde Hitlers bestätigten, aber leider hatte dieser offenkundig keinerlei größeren Auswirkungen auf das Denken von Hitler, denn anderenfalls hätte es ihn in einen Friedensaktivisten und Humanisten verwandeln müssen, in einen Verfechter von Völkerfreundschaft. Hitler las die Indianergeschichten von Karl May als eine Art militärischer Leitfaden, wie er überhaupt seit frühester Jugend von allem fasziniert war, was mit Militär und Krieg zu tun hatte.

    Zurück zum Thema, könnte man das oben aufgeführte als ein Beispiel für die geringe Kraft des gedruckten Wortes nehmen. Ich glaube es ist etwas komplexer. Ein oft wiederholtes Wort gewinnt mit jeder einzelnen Wiederholung im Kopf Gewicht, ähnlich wie ein großer Sack an Gewicht gewinnt mit jeder einzelnen Glasflasche, die aufgesammelt wurde. Einzelne Worte der Menschenliebe konnten das Kriegsgeschrei in Hitlers Kopf nicht übertönen. Gleichzeitig läßt sich, glaube ich, die Gefahr von Stereotypen zeigen, die bei ausreichender Wiederholung sogar gegenüber jeder Wirklichkeit ein Übergewicht erlangen können. Die ständige Thematisierung von Kinder mordenden Sexualtätern in den Medien überschreibt die Realität der Gesellschaft. Die Schmutzecken des Internets, in denen ABB ausschließlich lebte, formte einen Massenmörder. Die Behauptung von Arno Schmidt, im Jahr 1963, Karl May sei ein Homosexueller (vorher wurde das nie behauptet), hält sich bis heute, obgleich es nur Gerede war, gespeist aus Arno Schmidts Hass gegen die Verlegerfamilie der Bücher von Karl May. Das Feuilleton hat damals die blinden Behauptungen von Arno Schmidt vielhundertfach und ungeprüft weiter verbreitet. Ein einzelnes N-Wort vor dem Hintergrund einer kritischen Leserschaft wird ohne Gefahr sein, wenn man einmal von den Verletzungen absieht, die es anrichten kann. Aber schon ein flapsig gemeintes “das finde ich schwul” unter Fußballanhängern vertieft Stereotypen, schlimmer noch, bringt unwidersprochen diese hervor.

    Mann, was bin ich klasse. Von Karl May fast ohne Umwege zurück zum Thema. :D

  10. Mrsnextmatch August 6, 2011 um 9:28 nachmittags

    Nach jahrelangem Aufreiben und Kampf um das Verschwinden des N-Worts aus deutschsprachiger Literatur -weil es einfach jedes mal ein Schlag in die Fresse ist, es unvermittelt zu lesen- sehe ich die Dinge inzwischen anders. Ich wäre inzwischen in den meisten Fällen dafür, dass das N-Wort bleibt. Denn die meisten Fälle seiner Verwendung sind die, in denen auch rassistische Inhalte vorherrschen. Ja, die Lindgren-Änderung (alle N- und Z- Wörter getilgt) hat zuerst wie ein Fortschritt ausgesehen, aber bei genauer Betrachtung, was wurde dadurch erreicht? Rassistische Literatur für kleine Kinder jetzt noch besser getarnt. Ein komischer weißer Typ ist immer noch per default “König” aller (natürlich servilen) Schwarzen Menschen, alle Kenianer_innen lügen den ganzen Tag, und (das kleine weiße Mädchen) Lotta ist ein Sklave und gefährlich, nachdem sie sich mit Ruß beschmiert hat (statt wie zuvor ein N…-Sklave). Das Ändern des N-Wortes war hier wohl ein Rückschritt, denn der rassistische Inhalt ist jetzt nicht mehr gekennzeichnet, kann daurch giftiger wirken, schlechter erkannt, besser verharmlost werden. Das hat mit S. King jetzt nichts zu tun, aber das mal vorneweg.

    Was Übersetzungen angeht: es gibt einige wenige Lektorinnen, die aus dem kulturhistorischen Kontext heraus Übersetzungen genau darauf hin nochmals lektorieren, ich kenne in Deutschland nur 1 1/2 solche Lektorinnen. S. Kings “tu mir bitte nicht weh!”-N-Wort würde ich so wie im englischen Original oder seiner deutschen “Übersetzung” (die keine ist, weil das dt. Ne… mehr dem engl. Ni… entspricht als dem engl. Ne…) lassen, weil das damit exakt gemeint war: eine weiße Subordinationsphantasie. “Schwarz” wäre in dieser nicht nur anachronistisch sondern auch unpassend, weil es ja eine selbstbestimmte Bezeichnung aus einer ermächtigten Position heraus ist, also genau das Gegenteil dessen was der Junge hier macht/meint. Und eben w e i l sie eine selbstbestimmte Bezeichnung aus einer ermächtigten Position heraus ist, benutzen weiße Übersetzer die Vokabel Schwarz so ungern, selbst wenn sie im Englischen wörtlich da steht. Ich habe öfter “Black” mit dem “F-Wort” oder geografischen Phantasiebezeichnungen ins Deutsche übersetzt gesehen als mit dem soziokulturell und handwerklich korrekten enstprechenden deutschen Wort. Wir erinnern uns an das Herumgeeiere um Obama vor den Wahlen damals, bloß nicht Schwarz sagen.

    Auf Kommentierungen rassistischer Passagen würde ich keinen Wert legen. Niemand wird mir erklären könen, dass etwas so krass ist, dass es unkontextualisiert nicht gedruckt werden kann, aber trotzdem gedruckt wird. Da komme ich mir eher verarscht vor. Wenn rassistische und/oder frauenfeindlicher Dreck jetzt auch noch mit Sternchen sich selbst erklären darf, hört’s dann wirklich auf. Und wenn es nicht rassistisch ist sondern rassistische Sprache enthält (wie z.B. King “tu mir bitte nicht weh”), verstehe ich das auch ohne Sternchen/Fußnote.

    Sinn machen könten Fußnoten evtl. bei Werken z.B. von Schwarzen Autorinnen aus den USA vor den 1980er Jahren, wo das N-Wort ein Respektsbegriff sein konnte (Ich bin fast gegen einen Baum gelaufen als ich zum ersten mal in New York einen Mann mit der riesigen Aufschrift “United N… College Fund” auf der Jacke gesehen habe – zuvor hatte ich nicht verstanden, dass, ja, auch das, Empowerment sein konnte und kann). Natürlich auch nie fern weißer Gewalt, aber natürlich durch sie auch nie gänzlich definiert (wäre ja auch schlimm), aber in diesen Fällen könnte man auch einfach wirklich mit “Schwarz” übersetzen, da genau das gemeint ist (die neuen Grimms Märchen Auflagen haben auch nicht mehr “Mume” und “Oheim” drin stehen), und viell. hinten ein Sternchen über die Originalbegriffe, die geändert wurden.

    In der Suche von Übersetzungsmöglichkeiten sehe ich aber eher ein ‘derailing’ vom eigentlichen Problem, denn das ist: die Verweigerung der weißen Dominanzkultur, sich damit zu befassen/darüber fortzubilden. Dass früher -auch in Büchern von Frauen- “Weib” für Frau stand und was das bedeutete, wissen wir heute alle. Die meisten weißen Kids in den USA wissen die Entsprechungen und Geschichte, was Schwarz bzw N… angeht. In Deutschland weiß das kaum jemand, kein weißes Kid lernt in der Schule oder im TV etwas über die letzten 60 Jahre Kampf Schwarzer Deutscher um Menschenrechte, hier herrscht Geschichtsverblendung allenthalben “das war früher ein neutrales Wort” findet sogar die Langenscheidt-Redaktion, ja klar, früher, zu den Zeiten der Apartheit und Zwangsadoption, voll neutral.
    So lange das so ist, so lange die Verweigerung besteht, eine Fußnote also noch nötig wäre – so lange ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass diese Art von primitivem Rassismus von der Mehrheit gewollt und beabsichtigt ist, und Übersetzer ihren Job, white supremacy schön weiter zu tradieren, einfach ordentlich machen. Sonst würden ja die Kultusministerien auch mal langsam die hardcore entmenschlichenden [und] Nazi-Rassenlehre-Stellen aus den Schulbüchern streichen lassen, nach zahlreichen Aufforderungen, Studien, Protesten, UN-Rügen. Das ist in der BRD aber nicht gewünscht. Wir immer wenn das Selbstverständnis des Abendlandes auf dem Spiel steht, wird es auch in dieser Sache eher irrational und krass als fortschrittlich, demokratisch, zivilisiert.

  11. momorulez August 6, 2011 um 9:31 nachmittags

    @Sonnenstrahl:

    Na, das mit der Behauptung Arno Schmidts war jetzt aber auch nicht ganz sauber; selbst wenn 1963 noch der Nazi-175 galt, ist da ja nun keine Denunziation, eigentlich, sondern eine Möglichkeit. Da der Typ, der die Buchdeckel illustrierte, offen schwul war, gab es meines Wissens diese Mutmaßungen auch schon früher. Interessant ist freilich, dass die Freundschaft z.B. zwischen Winnetou und Old Shatterhand, die Bully als die Nation begeisternden Schwulenwitz inszenierte, dieser Drecksack, vorsichtshalber mit einem “Verdacht” belegt wurde. Was wieder interessant hinsichtlich dessen, was Foucault zum Thema Freundschaft geschrieben hat, ist. Auch so formt man Heten.

    Arno Schmidt hat sich ja auch über die Sadismen empört.

    Aber jetzt bitte keine allgemeine BDSM-Kritik und keine Geschichten von leuchtenden Frauenauge nach zärtlicher Beglückung. Das hatten wir ja, glaube ich, schon mal, oder?

    Und diese politische Idealisierung Karl Mays greift auch zu kurz. Dieses christliche Getue bei gleichzeitiger tatsächlicher Emphatie für die Vernichtung der American Natives ist insofern problematisch, dass diese Vernichtung eine christlich motivierte zum Teil war. Die fanden die “Wilden” halt teuflisch, und das Beschwören des “christlichen Humanismus” ist nun immer mal realgeschichtlich brutalstmöglich Legitimation von allerlei Schauerlichem gewesen.

    Auch die “Verletzung” durch das N-Wort ist ziemlich verniedlichend. Da wird ein Jahrhunderte währendes Macht- und Gewaltverhältnis mobilisiert.

  12. che2001 August 6, 2011 um 9:45 nachmittags

    @MRS.Nextmatch: Als ich als Lehrer im Schulunterricht einen Text aus einem afrikanischen Geschichtsbuch über Sklavenhandel lesen ließ und da das N-Wort auftauchte kamen die Kids sofort mit: “Das ist rassistisch!” Die schrieben aber auch “Yallah!” (arab. “Vorwärts!”) unter ihre Aufsätze, auch wenn es sich um abstammungsmäßig Weiß-Deutsche handelte. es gibt also noch Grund zur Hoffnung.

  13. momorulez August 6, 2011 um 9:48 nachmittags

    @Mrs. Next Match:

    Ah, Danke. Hatte sehr gehofft, dass Du noch kommentierst. Mich macht das aktuell halt echt irre. Hat mich jetzt Wochen beschäftigt, deshalb musste ich es einfach schreiben – und hoffe dann ggf. auf Korrekturen. Mehr als auseinadersetzen mit dem Thema und zuhören kann ich da ja auch nicht.

    Und bei dem “Tu mir nicht weh”-N-Jungen-Stimmchen ist das einfach ein Gag, wenn das auftaucht neben der “Irischer-Polizist”-Stimme. In manchen Passagen, auch in Sarah, nutzt King hingegen ziemlich auf den Punkt das Wort, so aus meiner Nicht-Betroffenen-Perspektive gesehen, wenn er Rassismen aufzeigen will. Und an nun wirklich vielen Stellen hat der Übersetzer gemurkst.

    Mit den anderen bitteren Diagnosen hast Du freilich völlig recht, also dem politischen Willen, der da hinter steht, und dieser ultraggressiven Haltung, wenn das abendländische Selbstverständnis sich bedroht sieht. Das kriege ich ja mittlerweile sogar häufig stellvertretend in geminderter Härte, weil eben doch weißer Mann, zu spüren. Manche Mail-Verkehre der letzten Tage, also, da fasst man sich nur noch an den Kopf. Wobei es auch welche gab, die richtig gut waren. Der auslösende freilich war exakt das, was Du gerade beschrieben hast.

  14. Loellie August 8, 2011 um 6:03 nachmittags

    Er hier bricht sich auch die Finger und bringt ein paar Beispiele zu Lindgren:

    http://www.scilogs.de/wblogs/blog/sprachlog/sprachwandel/2011-08-08/pippi-langstrumpf-negerprinzessin-und-uebersetzungsproblem

    Die Diskussion ist erwartungsgemäss allerdings wie üblich.

  15. momorulez August 8, 2011 um 8:03 nachmittags

    Das ist spannend, wie er das aufdröselt. Ich übersetze ja nun auch alles Nase lang irgendwas, was keinen Werkcharakter hat; gerade dann, wenn Rassismus sogar explizit Sujet ist, komme ich immer total ins Schwitzen, weil man Perspektiven von Schwarzen aus den USA, die Rassismen benennen, gar nicht wirklich ins Deutsche übersetzen kann, ohne ihn einen im hiesigen Kontext riesigen Fettnapf zu landen.

    Aber er landet ja auch bei der Conclusio, die Mrs. Next Match meint: Wenn man das N-Wort tilgt, wird man das Weltbild nicht los. Was mich ja mittlerweile eher zu dem Schluss bringt, bestimmt Bücher nur noch im Geschichtsunterricht zu lesen und gar nicht mehr als “Literatur”.

    Wobei dann auch Wagner nur noch da zu spielen wäre. Schwierig. Am besten wohl doch Gegenbilder schaffen, aber da ist der Markt verdammt eng geworden. Gerade in Deutschland.

  16. T. Albert August 11, 2011 um 12:51 nachmittags

    “Wobei dann auch Wagner nur noch da zu spielen wäre. Schwierig.”
    Wieso? Dieser ganze repräsentativ sich verstehende Bayreuth-Mist muss sowieso mal aufhören. War ja irgendwie seltsam ironisch, als just am Tag nach Blondies rassistischem Massenmord diese Wagner-Festspiele wieder begannen. Dazu mit den unsäglichen Interviews deutscher Wiedergänger zu den Israelis, die endlich “zum ersten Mal!” Wagner-Schlager, dann noch in Deutschland, dann noch in Bayreuth, spielten – was für eine künstlerische Geste der Versöhnung, zu der die Fliegenträger extra angereist waren. Wenn Israelis Wagner spiele, müssen wir kein schlechtes Gewissen mehr vorführen, zumal wir schon seit Jahrzehnten sagen, dass Kunst und Moral nüscht miteinander zu tun haben, und dass der Wagner ein Avantgardist war, der seine Antisemitenscheisse gegen Mendelssohn nur geschrieben hat, weil ihm in Paris von den jüdischen Komponisten wie Offenbach so übel mitgespielt worden war und was der lustigen Rechtfertigungen heute noch zu hören ist.
    Da denkt man dann schon mal, dass Pasolini eben Recht hatte mit seinem Satz, dass die Avantgarden rechts gewesen seien.
    Was so ärgerlich ist, ist, dass diese ewigen avantgardistischen Wagnerparties einen quasi-staatlichen Charakter behalten haben, obwohl der Reichskanzler a. D. Herr Hitler nicht mehr hingeht. Da denkt man dann schon mal, dass Pasolini doch Recht hatte mit seinem Satz, dass die Avantgarden rechts gewesen seien, was ich immer als auf Italien bezogen interpretierte. Wie soll man die Gegenbilder denn schaffen, ja?
    Ich weiss ja, dass ich mich bei manchen Demokratie-Theoretikern hier in die Nesseln setze, aber ich bin durchaus der Meinung, dass es ausreichend Gründe gegeben hat, Wagner ab 49 zu verbieten und Hitler-Liebchen Winifred der demokratischen Republik zu verweisen anstatt die Muhme und ihre Entourage sich in unserem Bewusstsein als deutsch-ästhetische über-Ichs festsetzen zu lassen. Da nützt nämlich alle Dekonstruktion nicht so viel, weil an dieser deutschen Institution nicht gerüttelt wird, in keinem Feuilleton.
    Aber man darf atmosphärische Zusammenhänge, in denen Massenmörder argumentativ fischen, nicht so ernst nehmen, nur dass Marx geradewegs zu Stalin führt, ist allen klar.

  17. momorulez August 11, 2011 um 1:54 nachmittags

    Ich mag ja teilweise die Wagner-Opern, ich gebe es ja zu :( … wobei Du in allem Recht hast, diese ganze Inszenierung drumherum wie auch die nicht nur Spuren im Werk, diese fürchterlichen antisemitischen Schriften und sein Schwiegersohn. Diese ganze Neubegründung des gar nicht existenten “Deutschland” aus der Mythologie – und wenn man das “zuspitzt” wie all die Karrikaturen Schwarzer, Schwuler, Frauen, also möglichst nicht anhand der Wallküren, und all der anderen Deklassierten, als den teutonischen Nazi, oh, das geht dann ja gar nicht, was sind sie da alle hurmorlos, wenn man ihre inneren Pickelhauben nach außen kehrt und ihren wilhelmischen Bildungsbürgerhabitus …

  18. Loellie August 11, 2011 um 10:04 nachmittags

    Wagner verbieten? Da geh ich bestimmt nicht dazwischen.
    Aber warum damals? Den kann man jederzeit verbieten, wenn man denn will, und die ganzen Kriegs- und Arisierungsgewinnler lassen sich auch heute noch enteignen. Verjährung ist da wohl nicht.

    Da gibts noch ‘nen zweiten Teil zu Pipi L..

    http://www.scilogs.de/wblogs/blog/sprachlog/kultur/2011-08-11/pippi-geh-von-bord

  19. Bersarin August 11, 2011 um 10:40 nachmittags

    Es gibt durchaus die Möglichkeit, Wagner gegen seine Liebhaber zu verteidigen. Das geht von Adorno über Daniel Barenboim bis zu Schlingensiefs Parsifal. Und wenn Castorf den Ring in Bayreuth macht, dann ist, so steht zu vermuten, nichts mehr mit falschem Pathos, deutschem Sang und deutscher Treue und dem ganzen Tand des Bildungskleinbürgers. Ich komme nicht von der Musik her, aber der Ring läßt sich ganz wunderbar gegeninszenieren.

    Wagner kann man nicht verbieten, so wie es immer widersinnig ist, Kunst zu verbieten. Sie scheitert allenfalls an sich selbst, genügt ihrer selbst nicht, und damit verbietet sie sich selbst. Statt Wagner zu verbieten, hätte der Spruch in Nürnberg (eine Zugstunde südlich von Bayreuth) vielleicht ein wenig häufiger lauten müssen: Death by hanging. Oder wer keine Todesstrafe mag: Man hätte die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen müssen. Dies war aber keineswegs gewollt. Und da ist Wagner nur ein Nebenschauplatz.

  20. momorulez August 11, 2011 um 10:53 nachmittags

    Na, wo selbst die BND-Gründung von Original-Nazis noch zu Zeiten des “3. Reichs” voran getrieben wurde, die fröhlich in der CIA mit mischten, was Amis zur Diagnose der Nazifizierung der US-Geheimdienste beitrug, und US-Ölgesellschaften dazu beitrugen, dass die IG Farben auch nicht zu gründlich zerschlagen wurde, konnte man halt auch Bayreuth im Zuge des Antikommunismus gebrauchen …

    Ich mag die Musik trotzdem. Trotzder Quandts, die bestimmt auch wieder Bankenrettungsgewinnler waren … um in Bayreuth aufzulaufen. Mutmaßlich.

  21. momorulez August 11, 2011 um 10:54 nachmittags

    @bersarin:

    LSD ist doch auch verboten … Diebstahl auch.

    So sehr ich ja mag, was Adorno an Wagner raus arbeitet, “Tristan und Isolde” liebe ich auch, auch Barenboim und Schliengensief machen doch da nur, was Du sonst kritisierst. Und es gibt schon künstlerische und ästhetische Legitimationen eines desaströsen, gesellschaftlichen Klimas, wozu ich neben “Silbermond” auch Bayreuth, nicht den “Tristan”, zähle, und vor allem ein permanente Hochkulturerzeugung, um den Nicht-Mitteleuropäern zu suggerieren, verglichen damit “primitiv” zu sein. Kunstpolitik und Ästhetische Theorie ist da schon auch ein Baustein.

  22. Bersarin August 11, 2011 um 11:03 nachmittags

    Verbieten oder erlauben kann man alles. Recht ist dezisionistisch, womit wir eben bei Carl Schmitt wären.

  23. momorulez August 11, 2011 um 11:06 nachmittags

    Nee, Recht ist funktional ;) – sorry, ich habe eben noch was ergänzt in meinem Kommentar.

  24. Loellie August 11, 2011 um 11:11 nachmittags

    Arschloch sagen ist auch verboten, und man spuckt anderen Menschen auf der Strasse auch nicht ins Gesicht.

    Was auf der Bühne spielt ist doch fast nebensächlich und natürlich muss man den nicht verbieten. Man muss aber auch nicht jedes Jahr einen Staatsakt daraus machen. Leitkultur.

  25. Bersarin August 11, 2011 um 11:16 nachmittags

    @ Loellie
    Im Punkt des Staatsakts sind wir uns einig. Man müßte diesen Eröffnungsreigen mit Gottschalk, Merkel usw. aufmischen und einen Tanz veranstalten. Stattdessen stehen die hörigen Wichtel an der Straße und applaudieren in der Tat, wenn da Gottschalk oder Stoiber aus ihren Autos steigen und den Parcours beschreiten: Z.K. (Zum Kotzen.)

  26. momorulez August 11, 2011 um 11:20 nachmittags

    Zudem ich micht mittlerweile wirklich frage, wieso ständig so eine Riesendiskussion um Verbot und Gebot im Falle der Kunst und der Veröffentlichungspraxis statt findet, während Eigentumsordnungen und Grenzregime einfach so hin genommen werden.Wenn Cameron sich jetzt hin stellt und behauptet, Plünderungen seien unpolitisch, ist das doch einfach widersinnig. Man konzentriert sich ständig auf Verbote und Gebote in allen möglichen gesellschaftlichen Sphären, aber wenn man da hin denkt, wo es weh tut, ruft kein Schwein mehr “Gegen Denkverbote!”, sondern es wird ratzfatz kriminalisiert. Hätte Schlingensief “Der Merkel die Limousine klauen und ihr Haus besetzen” inszeniert, wäre das vermutlich nicht durch gegangen. Auch nicht als Kunst.

  27. Bersarin August 11, 2011 um 11:21 nachmittags

    @ momorulez
    Immer wenn es spannend wird, fahre ich in Urlaub. ich bin nun leider zu müde, muß morgen erst arbeiten, dann autofahren.

    Im Prinzip hast Du zwar recht, ich will aber das Bad nicht mit dem Kinde ausschütten. (Wobei ich Kinder nicht leiden kann.)

    Am Ende ist man durchs Mitmachen immer dabei (auch Schlingensief, das ist ja richtig. Und das gilt es zu vermeiden, zu sabotieren.)

  28. Bersarin August 11, 2011 um 11:24 nachmittags

    Schlingensief hat auf der documenta X “Tötet Helmut Kohl” als Kunst gegeben. Das ist dann auch nicht durchgegangen, er wurde dort von der Polizei abgeholt.

    In bezug auf das Eigentum und die Kapitalverhältnisse hast Du natürlich recht.

  29. momorulez August 11, 2011 um 11:27 nachmittags

    Ich wünsche Dir wirklich von ganzem Herzen einen wundervollen Urlaub!!!

    Und gebe einfach die Frage mit auf den Weg: Kunst darf man nicht verbieten, Kaufhausdiebstahl und Drogen schon. Aber warum eigentlich? Die Frage ist gar nicht so trivial, wie sie sich liest, glaube ich … hast Du ja auch gerade noch parallel geschrieben.

  30. Bersarin August 11, 2011 um 11:33 nachmittags

    Danke, ich hoffe, auch Du hast eine gute Zeit.

    Nein, diese Frage ist nicht trivial, ich denke auch, daß es darum, genau darum geht. Um die Formen dieser bürgerlichen Ordnung, wie sie arbeitet, funktioniert, ausschließt und Dinge sanktioniert oder erlaubt. Daß einer für Hungerlohn arbeitet, ist erlaubt. Holst Du aus dem Betrieb heraus, was herauszuholen ist, um auf Dein Geld zu kommen, geht’s in den Knast. So sieht es nämlich aus. Und diese Logik gilt es zu brechen: dieses Gleich um Gleich des Kapitalverhältnisses.

  31. T. Albert August 12, 2011 um 12:15 vormittags

    Naja, ich weiss nicht – Carl Schmitt. Verbieten oder erlauben kann man alles, ja, man konnte erlauben, dass KZ-Gefangene Wagner zu spielen gezwungen wurden, während andere Gefangene ermordet wurden. Ja, das hat schon mit Schmitt zu tun.
    Mir wird immer schleierhafter, wieso wir selbst mit der eigenen Kritik letztlich bleiben wo wir hergekommen sind. Sich aus der Scheisse ziehen, könnte zB damit beginnen, sich mit Kunst zu beschäftigen, die unter den Umständen gemacht wurde, zu denen Gefangene Wagner spielen mussten, Zoran Music oder Charlotte Salomon. Mir war Zoran Music bis vor wenigen Tagen unbekannt. M. W. gibt es in keinem deutschen Museum ein Bild von Music. Die sind nicht Leitkultur, Schönberg auch nicht, und als Schlingensief in Bayreuth was machte, dachte ich böses.

  32. T. Albert August 12, 2011 um 12:19 vormittags

    Schönen Urlaub, ja!

  33. momorulez August 12, 2011 um 8:33 vormittags

    Die ganze afroamerikanische Tradition ist ja auch aus Sklaverei und Segregation entstanden und wurde dann als “primitiv” verschrien … gerade gestern ein Traktat in DIE WELT, wo jemand gegen die “enthemmten Farbigen” und deren “Werteverfall” wetterte, die sich ja nur neigungsgetrieben ausleben, weil eine Kritik des strukturellen Rassismus es verhindert hätte, die mal wieder in Ketten zu legen, und außerdem diese Einwanderungspolitik der Kulturmarxisten … vielleicht tatsächlich einfach alles, was hier als “Hochkultur” Abstand zu den “Wilden” und “Unterschichten” her stellen sollte rechts liegen lassen und irgendwo anders weiter denken.

  34. T. Albert August 12, 2011 um 9:48 vormittags

    Meinst Du “Exzessive Gewalt” von Herrn Kielinger?
    Der hat völlig Recht, sein Cameron auch: Ihr “wertefreier” Kapitalismus macht die Leute krank. Vor gewalttätigen Skin-Banden wurden wir schon als Austauschschüler 1973 gewarnt, vor No-Go-Aereas auch, als wir in W-Deutschland gar nicht wussten was das sein sollte. Diese Schwätzer können ja mal versuchen mit einem 3000-Euro-Einkommen in London eine Wohnung zu mieten. Ich fand die relative Armut der weissen Mittelschichtfamilie, bei der ich 73 wohnte, schon schwer erträglich, als verwöhnte BRD-Göre. Werte hatte die allerdings: Der Familienvatere fand, Hitler hätte die Juden nicht umbringen sollen, aber sonst Recht gehabt. England hätte mit ihm, nicht gegen ihn kriegen sollen. Schwarze fand der Gentleman, ein Komissar a.D., – ich hatte ja in der Schule gelernt, die Briten seien alle Gentlemen – so entzückend, dass er gerne mit dem Auto auf dem Zebrastreifen einen schnellen, kleinräumigen Schlenker um sie machte.
    Später, 1990/91, kannte ich weisse gebildete alte Damen ohne Zähne, die ihre abgeranzten Eineinhalb-Zimmer-Buden in Islington nur bezahlen konnten, weil sie an Studentinnnen, die wegen Platzmangels auf dem Boden schlafen mussten, untervermieteten. Sowas konnte 1000 Mark kosten. In GB haben sie schon lange die Zustände, die Schröder Blair nacheifern liessen, dessen New-Labour-Politik Thatchers Plünderungswerk fortsetzte.
    Ich weiss nicht, wie es jetzt in Holloway und Finsbury so aussieht, aber ich vermute, der Herr Kielinger wäre damals dort nicht nachts alleine rumgelaufen, weil er sich dort gar nicht erst nach einer Wohnung umgesehen hätte, in Hampstead oder Richmond arbeiten die öffentlichen Dienste schliesslich.

  35. momorulez August 12, 2011 um 10:33 vormittags

    Ja, Kielinger, “England krankt an der Wertelosigkeit der Unterschicht”. Ich will diesen Scheiß nicht verlinken. Und Du hast in allem recht. Bei den “Werten” ist ja immer das Lustige, dass sich da was Substantielles drunter vorgestellt wird, nicht etwas Relationales, weil die immer so Substantiviert auftreten. Dabei geht es wahlweise um “Bewertungen von” oder um immanente Verhältnisse von Elementen in einem System. Und wenn man das Wirtschaftssystem dahingehend bewertet, dass es einem Null Chance gibt, ungerecht ist, man schlicht und ergreifend unsinnigen Aufwand treiben muss, um, wie Du schreibst, auch nur 1-Zimmer-Wohnungen in Vororten bezahlen zu können, während all die Verheißungen locken, gute Essen und coole Fernseher als “gut” oder “willichihaben” bewertet werden und jeder Idiot geschnallt hat, dass auch die Bankenrettung wieder nur ein Umverteilen von unten nach oben war und die darauf folgenden sozialen Einschnitte eben damit zusammen hängen, was einem nirgends deutlicher wird als in Großbritannien, wo alles nur noch Finanz- und Immobilienmarkt ist, Systeme mit immanenten Relationen, und das alles als “schlecht” bewertet wird, dann greift man halt auch einfach so zu. Irgendwie ist das Glücksversprechen abhaben gekommen, das den Kapitalismus zusammen hielt, dieses “wenn ich nur ordentlich schufte, kann ich mit spielen”, das wurde den Leuten ausgetrieben mit aller Brutalität und nackter Polizeigewalt, die man eben auch als “schlecht” bewertet. “Die Freiheit nehm ich mir”.

  36. Loellie August 12, 2011 um 1:06 nachmittags

    Kommt da irgendwo in der deutschen Bericherstattung “racial profiling” vor?
    Ich will die Sache ja nicht pietätlos hochjazzen, aber im Sinne einer PR-Strategie muss ich bei Bericherstattung und den Kommentaren zu London die ganze Zeit an diese NS-Doku und das Kapitel zum Warschauer Ghetto denken.
    Menschen zusammenpferchen, ihnen nur Lumpen lassen, aushungern und schon hat die Wochenschau prima Bilder, zu denen passend Ratten- und Kakerlakenmetaphern kommentiert werden.

    Und Leitkultur Berliner Art, wenn ich denn schon den Kulturmarxisten gebe:

    ” … So seien die Homophobie von Bounty Killer und anderen Künstlern “nicht einfach ein Moment der jamaikanischen Pop-Musik, sondern der jamaikanischen Gesellschaft überhaupt.” … ”

    So seien der Anti-Semitismus von Goebbels und anderen Publizisten “nicht einfach ein Moment der deutschen Kultur, sondern der deutschen Gesellschaft überhaupt.”

    ” … DIE TOUR WURDE ABGESAGT, DA DREI LOCATIONS IN ITALIEN UND EINE IN DER SCHWEIZ ABGESPRUNGEN SIND! WIR HÄTTEN FÜR EUCH UND FÜR UNS DURCHGEHALTEN – SCHADE !! … ”

    http://www.youtube.com/watch?v=p8D126NPTrU

  37. T. Albert August 12, 2011 um 1:45 nachmittags

    Attenti fascisti, per voi fiscia il vento ancora! Mehr fällt mir irgendwie auch nicht mehr ein.
    Tatsächlich war ich die letzten Tage in Italien zu entsetzt über die Tötung per unterlassener Hilfeleistung der auch libyschen Flüchtlinge im Mittelmeer, an dessen Strand ich rumgammelte. Alles hat seine Logik.

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