Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tagesarchive: August 4, 2011

Gustav Seibt über disziplinierende Partnerschaftsformen: Verbürgerlichung des “Anderen”

Manchmal schenkt das Leben prompt Belege. Nichtsahnend sitzte ich im Zug, das stickige Berlin hinter mir lassend, um mich dem luftigen Hamburg zu nähern, lese gelangweilt auf das öde Brandenburg guckend in der spießigen “Süddeutschen” – und entdecke ein links auf der ersten Feuilleton-Seite sich lang hin ziehendes Traktat von Gustav Seibt, da er dem Papst anempfiehlt, schwullesbische Partnerschaften als zweitklassig zu goutieren.

Nicht nur, dass es schon seltsam ist, sich einem (gewählten) Diktator, der einen Gottesstaat führt, dergestalt anzudienen unter der Überschrift “Ordnung im Dunkelraum”, womit er nicht die Verliese des Vatikan meint, sondern gewitzt auf Gewusel in Darkrooms anspielt. Nein, er akzeptiert auch seltsame Bibelauslegungen, die “natürliche Ordnungen” proklamieren, lässt sich sozusagen symbolisch vom Teufel ficken, als gäbe es da nicht bessere Partner, um dergleichen zu tun, und empfiehlt Ratzinger die Anerkennung der Homo-Ehe als “zweitbeste Lösung”, womit er sich im Rahmen der Regierungsdoktrinen bewegt unserer Merkelschen Herabwürdigungsmaschinerie und somit das zurück weist, was sogar das Verfassungsgericht anders sieht. Doch während man Muslimen permanent mit dem Grundgesetz vor der Nase herum wedelt, nimmt man es wie üblich bei der Katholischen Kirche nicht so genau. Zur Erinnerung: Der besondere Schutz der Ehe war für Karlsruher Richter nicht etwa Grund für für die alleinige Privilegierung einer Rechtsinstitution “zwischen Mann und Frau”. Was ich nicht schreibe, um dem zuzustimmen, es hat nur faktisch Relevanz.

Der Herr Seibt meint es wirklich gut mit uns! Für mich fühlt sich das immer seltsam an, auf ideologischen Verschiebebahnhöfen als Objekt mich wieder zu finden.

Lustig fand ich, dass in seiner Begründung sozusagen Olivia Jones und Lilo Wanders die Bühne betreten, wenn man diese unzulässig im Kontext von Sex-Shops und Astra-Spritzen verortet:

“Warum wehrt sich die Kirche in allen Ländern so zäh gegen die Verrechtlichung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, die doch offenkundig besser ist als die Unverbindlichkeit libertärer Subkulturen oder eine Lebensgestaltung nach der Ästhetik des Christopher Street Days? Gewiss, der gläubige Katholik sollte, wenn er schwul ist, nach dem Gebot der Kirche ganz Verzicht leisten, aber diese Möglichkeit wird ihm durch die Ehe unter den nicht strenggläubigen Homosexuellen nicht genommen. Für sie aber ist eine öffentlich verpflichtende Beziehung gegenseitiger Treue “in persönlicher Zuwendung und Verantwortung” (um es auf Kirchendeutsch zu sagen) eine Verbesserung, die am Ende auch auf die umgebende Gesellschaft ausstrahlt. “

Gustav Seibt, Ordnung im Dunkelraum, Was die Homosexuellen vom Papst erwarten können, Süddeutsche Zeitung 3. August 2011, S. 11

Zoink! Und ggf. die Sozialsysteme entlastet. Man darf ja nicht vergessen, dass die Homo-Ehe eine Gemeinschaft weitestgehend ohne Rechte, aber mit vielen Pflichten ist.

Ja, da ham wirs – die bindungslosen, beziehungsunfähigen, verantwortungslosen wie blöd rum vögelnden Schwuppen in ihren Subkulturen, die wie im “Freudenhaus” sich an die Ästhetik Olivia Jones’ und derer Stripper assimilieren. Besser kann man das nicht pointieren, was für eine krude Ideologie in den Köpfen verbiederter und verbiester Heterosexueller produziert wird und als dem abkünftig auch in Homo-Hirnen, die sich Verantwortung außerhalb von öffentlich Gelöbnissen, diese in kleinkreisigen Rechtsinstitutionen zu belassen und auf Ausstrahlungseffekte zu hoffen, offenkundig gar nicht vorstellen können. Letztlich ein tatsächlich z.B. angesichts des Wutbürgertums im Falle der Hamburger Schulreform ja bestens zu beobachtendes Plädoyer für die Verantwortungslosigkeit: Ich und meine Familie gegen die Deklassierten.

Nix gegen Satz zwei, wer dem päpstlichen Quatsch folgen möchte, soll das doch tun, und abweichende Lebensformen als Terror-Attacke auf privilegierte anzusehen, das ist eh ein Kuriosum und zeigt wohl eher, das niemand besser um Verlockungen außerhalb derer weiß als zölibatäre Priester, die ihre eigenen Praktiken des Machtmissbrauchs dann immer auf “die Anderen” projizieren. Auch nichts gegen jene, die sich in ihren Ehen und Familien glücklich fühlen, wirklich nicht. Empörend ist nur die Etablierung dieser Hierarchie, die Bilder des Lotterlebens braucht, um dann “zweitbeste Lösungen” anzuempfehlen. Damit sich, ganz plump, der, der sich diszipliniert, als etwas Besseres fühlen kann, um den eigenen Verzicht auszuhalten und so Identität und Selbstbewusstsein aus Abgrenzung gegen Andere gewinnt.

Weil, natürlich haben so konträre Denktraditionen wie die Kritische Theorie und die Foucaults gleichermaßen Recht: Diese Selbst-Disziplinierung dient der Bindung der Lüste, um sie auf Warenwelt und Funktionieren im kapitalistischen Wirtschaften zu richten. Die “schrillen Vögel” stören dabei nur, weil sie an den Verzicht auf die Vielfalt menschlicher Möglichkeiten erinnern …

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