Abschließende Worte meinerseits in diesem Blog zur “Übersteigerfrage”! Solche Diskussionen vergiften ja das je eigene Begehren und überschreiben, wie eine Freundin dies jüngst treffend formulierte, die schönen Erfahrungen, das Selbstverständnis und das Empfinden des Alltags jenseits derselben.
Halte die ganze Debatte nichtsdestotrotz auch weiterhin für notwendig; viele der Reaktionen haben gezeigt, dass in der Fanszene des FC St. Pauli einige mit exakt jenen Mustern reagieren, die auch gesamtgesellschaftlich üblich sind Marginalisierten gegenüber, Reaktionen, die diskrimierende Strukturen permanent festigen und die sich anhand des von SPNU veröffentlichen Fragenkataloges präziser fassen lassen.
Will die Fanszene des FC ST. Pauli wieder jene werden, die sich an die Spitze des Kampfes gegen Homophobie, Rassimus und Sexismus, möglichst auch Klassismus setzen will, so ist trotz all des hochrespesktablen Erreichten verdammt viel zu tun.
Mir ist aufgefallen, dass sowohl im Übersteiger-Blog, auch bei Twitter (“Stammtischsprüche: “Der spielt so, als würde er zu Hause einen Rock anhaben” wurden kritisiert), hat mich wirklich gefreut, als auch bei anderen Publikationen rund um den FC St. Pauli wie GAS oder Supra verstärkt das Thema schwule Subkultur und Homophobie in den Focus gerückt ist. Keine Ahnung, ob das was mit der Diskussion rund um dieses Blog zu tun hat oder reiner Zufall ist oder an der Plakataktion liegt; wenn wir nicht einschlafen und vor uns hin dümpeln und vor allem auch vieles aus der Ära Littmann verarbeiten wollen, ist wohl eine ganze Menge zu tun.
In der aktuellen Ausgabe des Übersteiger wird das Thema NICHT aufgegriffen, was eben trotz oben skizzierter Freude eine weitere Entwertung sich echauffierender Schwuler bedeutet. Ein Leserbrief von mir hätte es auch nicht getan, auf Antwortmails wurde nicht reagiert.
Allerdings findet sich in dem aktuellen heft eine, wenn ich das richtig gesehen habe analog zur Stadionzeitung, Verlautbarung des “Aktionsbündnisses gegen Homophobie”. Neben dem Satz “Es ist wirklich nicht nötig, tief in die Argumentationskiste der Gender-Diskussionen zu greifen, um jemandem bewusst zu machen: was du gerade gesagt hast, ist diskriminierend“, was ich für falsch halte, zumindest Fanzines sollten in dieser Kiste sehr wohl mal gekramt haben, um sich schlicht und ergreifend über den Status Quo der Entwicklung in solchen Fragen zu informieren, eine ganz gute Darstellung dessen, was mich so wahnsinnig aufgeregt hat:
“Unser FC St. Pauli hat nicht nur einen antirassistischen, sondern auch antidiskriminierenden Satzungsparagraphen in seine Stadionordnung aufgenommen (§6 (2) a). Es wurde dort festgeschrieben, dass niemand aufgrund ihrer/seiner sexuellen Orientierung oder Hautfarbe bzw. ihre/seines Geschlechts oder Glaubens diskriminiert werden darf.
Es genügt aber nicht, diesen Paragraphen lediglich einzuführen. Wir müssen ihn mit Leben füllen: Zivilcourage beweisen und unser Vokabular nach diskriminierenden Worten abklopfen. Was machst Du, wenn du in der Kurve einen Gesprächsfetzen wie “das Shirt sieht echt schwul aus” aufschnappst? Ziehst du es vor, wegzuhören, weil du keine Lust auf blöde Diskussionen hast, oder nicht als nervig rüberkommen willst? Kennst du den Menschen vielleicht und weißt, der hat ja nichts gegen Schwule und Lesben, also musst Du auch nichts sagen?”
Wer ist das “Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus §6(“)a”? in: Der Übersteiger 104, 22.8. 2011, S. 36
Ja, so ging es mir bei der Lektüre des 11-Freunde-Sonderheftes: Ich dachte, ich sag mal was, fülle mit Leben. Ich habe zunächst den Mail-Weg gewählt, die erste Antwort zu zitieren erspare ich der Welt und dem Autor, hat er ja per Twitter wieder gut gemacht – und hatte prompt eine blöde Diskussionen am Hals. Manche Antworten erweckten den Eindruck, als würde man, wenn man zufällig in der Gegengeraden jemanden in einem solchen Fall ansprechen, erst mal eine Woche warten müssen, bevor man folgende Antwort erhält – nachdem in der Tat zuvor ein Leserbrief angeboten wurde:
“Es geht bei der Nennung der beiden Namen um das überzeichnete Klischee des Kiezklubs und des Freudenhauses der Liga, welches (zumindest uns) einfach nur noch nervt. Nicht, weil die dort genannten Personen nerven (oder gar ihre sexuelle Orientierung, ihre Kunstform, ihre Rolle oder irgendetwas anderes an ihnen), sondern der Umgang der Medien eben damit, die Verquickung von Klischees rund um unseren Verein.
Diese Nennung kann man uns, so wie Du es getan hast, offensichtlich diskriminierend auslegen, wenn man denn will. Wir haben dies nicht so gemeint, sondern im oben beschriebenen Kontext.
Nach dem Lesen Deines Textes und Deiner Kommentare im Blog, fällt uns aber auch kein Weg ein, wie wir dies glaubhafter machen können, als es Frodo bereits versucht hat.”
Ganz ehrlich: Bei einem schlichten “Sorry, ja, soll nicht wieder vorkommen, Danke, dass Du uns da auf was hingewiesen hast” hätte ich sofort die Schnauze gehalten. Stattdessen dieses unverschämte “Wenn man denn will” und Rumlamentieren.
Wenn es um das alles nicht geht, fragt man sich ja immer noch, wieso nun ausgerechnet zwei Persönlichkeiten … aber lassen wir das, es verweist ja einfach nur darauf: Ich rüffelte wegen meiner Ansicht nach diskriminierender Äußerungen, und hatte wie gesagt erst einmal eine blöde Diskussion am Hals. Ja, ich habe sie, weil ich die Reaktion exemplarisch fand und solche Diskussionen sehr gut aus meinen Einblicken in die Arbeit des “Braunen Mobs” kenne, in mein Blog gestellt. Auch, weil ich sauwütend war, dass im Rahmen meines heißgeliebten Vereins solche Sätze auf mich einprasseln und es wichtig finde, das dann auch OFFEN zu diskutieren. Wenn sich Fronten bilden, kann man die ja bei einem Bier auch wieder auflösen. Also, ich zumindest kann das wirklich.
In den Mittelpunkt der Diskussion wurden die Intentionen mutmaßlich Heterosexueller gestellt, nicht die Empfindungen Schwuler – ja, es ging so weit, mir zu unterstellen, ich würde ja ganztägig damit beschäftigt sein, Diskriminierung zu suchen.
Wie kommt man eigentlich auf so einen Scheiß? Wieso sollte ich das tun?
Man stelle sich also vor, im Stadion spricht jemand einen Forumsdiskutanten an “Hey, lass solche Sprüche sein!”, und der antwortet dann “Ach, Du suchst ja auch nur die ganze Zeit rum, was Dich gerade diskriminieren könnte.” Könnte ich jetzt ewig fort führen, und es ist ja exakt analog zu dem von SPNU Zitierten:
“Muss ich mir rassistische Sprüche anhören und weiß, dass das dann nicht groß thematisiert wird? Ja. Werden zwei Schwarze Frauen schon mal ohne jeden Anlass bepöbelt und alle glotzen doof und niemand schreitet ein? Ja. Sind das Einzelfälle? schön wärs. Bei ‘zehn’ hab ich aufgehört zu zählen und meine Dauerkarte verschenkt. Ist die Bude schlicht und einfach weit davon entfernt, ein ‘safe space’ zu sein? Aber Hallo. Bildet der Verein (die Angestellten) sich fort, was und wie Antirassismus eigentlich überhaupt ist und funktioniert? nein. Kann ich eine Combo ernst nehmen, die gegen Rassismus sein will, sich aber über ihre eigenen Exklusionssignale und -Gepflogenheiten keine Gedanken macht? Nein. Es geht nicht ums Persönliche. Sondern ums Strukturelle. Beim ‘ernst meinen’ geht es eben nicht um „Ohren“ (das klingt fast, als haben Leute die nicht marginalisiert werden möchten ein ‘Anliegen’ und sollten ‘gehört’ werden, nicht so dass es notwendigerweise das ‘Anliegen’ einer Gruppe sein muss, Diskriminierung zu verstehen und zu bekämpfen) sondern um eigentlich genau das Gegenteil von ‘Ohren auf andere richten’, nämlich Selbstreflexion und Revision. Und auch noch gegen ‘Ohren’: http://www.noahsow.de/blog/?p=563 – Noah Sow ggue Metaliust & Subdiskurse
Zudem es im konkreten Fall noch um einen weiteren, brisanten Punkt ging: Travestie-Künstler als Präsidenten eines Fussballvereins. Da greift übertragen folgende Frage:
"I can accept leadership from people of color."
Kann sich ja jeder selber Gedanken machen, was das vielleicht AUCH mit der Ära Littmann zu tun haben könnte. Dass auch ich an Corny viel zu kritisieren sehe, ja, schreibe ich zwei Mal die Woche. Es wurde dennoch AUCH mit homophoben Klischees gearbeitet, zu denen es im Falle Orths noch nicht mal mögliche Analogien gäbe.
Ansonsten kamen die üblichen Sprüche – so ein Wort wie Transphobie habe man ja noch nie gehört, es wurde die übliche “Wer definiert denn, was Diskriminierung ist?”-Frage gestellt, was immer etwas absurd ist, wenn diese Frage von jenen gestellt wird, die zu dem Teil der Bevölkerung gehören, der strukturell NICHT diskriminiert wird – Diskriminierung ist die Frage des Empfängers, ganz einfach.
Diskriminierung funktioniert unabhängig von Intentionen, was, Danke für die Diskussion hier im Blog, schon daran deutlich wird, dass ein mit Beleidigungsintention geäußertes “Hopp, Du Bürgersteig” nicht im selben Sinne funktioniert wie beispielsweise “Momo, Du Tunte”. Es kann nicht angehen, dass Diskriminierte darüber Belehrung erfahren, wann sie sich diskriminiert fühlen dürfen und wann nicht. Was für eine Groteske, wenn man sich das im Stadion vorstellt. Dass nunmehr Aufklärung über diskreditierende Muster auch in objektiver Hinsicht erfolgen muss, ja, sehe ich auch so.
Wie völlig frei von Sensibilität in solchen Fragen dennoch manche Mitglieder des FC St. Pauli sind, zeigt sich zum Beispiel auch am Bericht der 7. Herren zum Besuch im Vatikan, ebenfalls im Übersteiger.
Nun gilt selbstverständlich auch jener Passus des §6, dass niemand wegen seines Glaubens diskriminiert werden darf. Dennoch ist weltweit, insbesondere in den USA, aber auch in Ländern wie Uganda und eben AUCH in Deutschland ein offener Konflikt zwischen christlichen Kirchen und so called “Homosexuellen” permanent am Köcheln. Der Papst ist da einer der Antreiber, er steht diktatorisch einem Gottesstaat vor, der u.a. intiiiert, dass Gutachter der Bundesregierung, die Opus Dei-Mitglieder sind, den Diskrimierungsschutz für Schwule z.B. mit Mitteln des Grundgesetzes attackieren.
Nun steht es jedem Katholiken frei, sich enthaltsam zu zeigen, vor dem Glauben selbst habe ich hehren Respekt, wenn er homoerotische Neigungen verspürt, es besteht ja kein Fick-Zwang.
Die Katholische Kirche jedoch geht deutlich darüber hinaus und attackiert allerorten staatliche Gesetzgebungen zu Diskriminierungsschutz und Gleichstellung, bringt in Spanien Hunderttausende zur Demonstration gegen Schwule auf die Straße. Ich finde es ein bißchen absurd, wenn nun ein Besuch in dieser Institution, dem Vatikan, ohne auch nur ein Wort zu all diesen Themen zu verlieren, wie eine x-beliebige Touristenattraktion behandelt wird.
Ein weiterer zu pointierender Aspekt findet sich in dem Artikel zu der Auseinandersetzung mit Susis Showbar, der wiederum die oben skizzierte Form des Ausweichens bei Diskussionen berührt:
“Die Diskussion, ob Stangentanz sexistisch oder diskriminierend oder weder noch ist, wollten wir nicht führen, wir bezogen uns lediglich auf die bestehenden Zusagen des Vereins, dass am Millerntor der Fußball im Vordergrund zu stehen habe und es solche Tanzeinlagen eben nicht gibt.”
Anwalts Show Bar, in: Der Übersteiger, a.a.O., S. 9
Ach so. Wiederum wird Diskriminierungs- und Sexismusdiskussion umgangen und ein ganz anderes Thema in den Vordergrund geschoben. Das ist schon erstaunlich; handelt es sich hier nicht um eine Ignoranz der Stadionordnung? Es ist auch nicht zu vergessen, dass der Herr Stenger politische Transparente als “hat mit Fussball nichts zu tun” einordnete; vielleicht sieht das ja der eine oder ander mittlerweile auch bei der Antidiskriminierungsarbeit so?
Die Problemverschiebung ist schon erstaunlich: Wieder wird eine ernstzunehmende Diskussion unterbunden zugunsten der institutionellen Ordnung. So oft wie in letzter Zeit “Das diskutiere ich nicht mit DIR!” habe ich selten in meinem Leben vernommen, nicht nur ich, übrigens; manchmal schaut man erstaunt in die Leere des Seins und fragt sich, ob beim FC St. Pauli die Diskussion, wer was mit wem wann diskutiert oder auch nicht prioritär gegenüber dem zu Diskutierenden ist.
Heute stand im Abendblatt ein Auszug aus einem Buch des ehemaligen Sonstwas-Senators Peiner, der meinte, dass unter Ole von Beust in der CDU irgendwann Sachfragen keine Rolle mehr gespielt hätten, sehr wohl aber die nach Posten und Gremienbesetzung. Nun steht so dermaßen oft das “Ernstnehmen der Gremien” viel mehr im Focus als das, was diese eigentlich machen, treiben, sagen, tun, dass man sich insbesondere bei der Lektüre der aktuellen BASCH schon weiter gehende Fragen stellt:
“Der entscheidende Moment, in dem jeder feststellen musste, der sich mit diesem Verein und seiner Fanszene seit einigen Jahren beschäftigt, war der Tag, an dem der ständige Fanausschuss seine Stellungnahme veröffentlichte. Zum Höhepunkt der Proteste traf sich die die vermeintliche Führung des FC St. Pauli mit dem Gremium des Vereins, um über eine Beruhigung der Lage zu sprechen. Das Präsidium hatte in diesem Moment schlicht und ergreifend den Willen “die Kuh möglichst schnell vom Eis zu kriegen”. Das ist ihnen gelungen und das ist ein schlechtes Zeichen.
Wenige Tage nach diesem Treffen vom 18. Januar erschein eine Stellungnahme des Ständigen Fanausschusses, in der angekündigt wurde, dass es von nun an regelmäßige Treffen mit dem Präsidium gebe, das erste sei bereits geplant – Ende März. Des weiteren würden die positiven Signale aus dem Präsidium anerkannt. Es ist mir bis heute schleierhaft, warum sich ein Gremium, welches sich aus langjährigen aktiven Fans zusammen setzt (Fanladen, USP, Übersteiger …) so hat verarschen lassen.”
Henning, Das Ende des Jolly Rouge?, in: BASCH #2, 22.08. 2011, S. 7
Dreht sich um die Sozialromantiker-Proteste. Haben sie ja vielleicht gar nicht, sich verarschen lassen. Vielleicht ist die Art, wie aktuell das Gegengeraden-Neubau-Thema z.B. über den Übersteiger gespielt wird ja das, was viele bei der Jolly Rouge-Aktion erreichen wollten: Dass nicht, wie schon unter Corny, die Fan-Gremien ignoriert werden, sondern aktiv in Gestaltungsprozesse eingebunden. Und das ist ja dann zunächst mal ein riesiger Erfolg, von außen betrachtet.
Es bleibt trotzdem die Frage: Und was ist nun aus den INHALTEN geworden, die mit der Jolly Rouge-Kampagne verknüpft waren? Mehr Macht den Gremien, prima Sache, aber wofür stehen die denn aktuell? Sexismus- und Homophobie-Fragen nicht zu diskutieren? Weil es ja ein Aktionsbündnis gibt, soll das sich doch darum kümmern?
Ich glaube, wenn wir das ernst meinen mit dem, was in §6(2) steht, brauchen wir eine Quotierung in allen relevanten Vereinsorganen – verbindlich müssen Frauen, Queer People bzw. LGTB und PoC in diesen vertreten sein bis hin zu Aufsichtsrat und Präsidium.
Das ist übrigens keine Bewerbung, mir war die aktuelle Diskussion schon zu nervenzehrend, als dass ich zu so was bereit wäre. Ich habe Norbert vom Magischen FC angeboten, Infoveranstaltungen durchzuführen; wenn irgendein Fanzine Gastartikel haben will, schreibe ich die gerne.
Aber die Quotierung muss her. Da sitzt ein eingespielter und verdienter Klüngel, der mal aufgemischt werden muss. Dass auch wieder INHALTE der Diskussion zugänglich werden.
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