In der Kommentarsektion dieses Blogs entbrannte vor kurzem die Diskussion, ob es sich beim FC St. Pauli um einen “Safe Place” handeln würde. Einem Lebensbereich also, in dem man sich als Schwarzer, als Frau, als Schwuler problemlos aufhalten kann.
Von einer schwarzen Freundin wurde dieses dezidiert zurück gewiesen. Koloniale Darstellungstraditionen, Karrikaturen Schwarzer auf mal eben im Stadion hoch gehaltenen Plakaten, dumme Sprüche gegen PoC-Frauen, wenn diese protestieren. Koloniale Darstellungstraditionen auch in den Comics Guido Schröters im Übersteiger. Dieser, so wurde mir in einem Flughafenbus in München berichtet, habe darauf entgegnet, Karrikaturen überzeichneten nun mal. Wie in Deutschland üblich gibt sich der “Humor” als Hort des Stereotyps und der fort geschriebenen Diskreditierung – da fühlt sich der Mehrheitsgesellschaftler wohlig befreit von der Tyrannei der “Political Correctness”, weil das ja alles nur Satire sei. Ebenso, ich habe sie nicht gelesen, fand sich im Übersteiger wohl ein Traktat, dass man doch wohl Herrn Schwensen bei seinem alten, rassistischen Nick-Name nennen “dürfe”, was meines Wissens auch mit Gerichtsverfahren einher ging.
Der eine oder andere Leser weiß, warum ich so so weit aushole. Anlass ist eine wahnsinnig witzige Antwort auf eine an sich unverfängliche Frage im aktuellen “11 Freunde Sonderheft”, die, so wurde mir bestätigt, tatsächlich von Mitarbeitern des Übersteiger so gegeben wurde, die Frage bezog sich auf den Saisonverlauf:
“(11 Freunde): Dein größter Alptraum? (Der Übersteiger): Jahreshauptversammlung 2011: Überraschend erklärt das Präsidium den Rücktritt. Der Aufsichtsrat präsentiert als Nachfolger: Lilo Wanders und Olivia Jones. Das Separee von Susis Showbar wird ab sofort in der Halbzeit live auf der Videowand übertragen, und Beate Uhse wird neuer Sponsor. Außerdem kann man ab sofort Astra per Spritze im Fanshop erwerben.”
11 Freunde Bundesliga 2011/12, S. 99., Berlin 2011
Ähem – war Mario Barth der Autor? Ist ja der Brüller. Wie überzeichnet. Soll wohl die “Freudenhaus”-Klischees rund um den FC St. Pauli aufs Korn nehmen, aber wieso tauchen da nun ausgerechnet zwei in der Öffentlichkeit als Transen auftretende Männer als Alptraum auf? Mal ab davon, dass Gernot Stenger mein persönlicher Alptraum ist, wie zum Teufel kommen weiße Vorort-Familienväter nun ausgerechnet auch so eine spießbürgerliche “Halbwelt”-Fantasie-Aneinanderreihung “Olivia Jones – Lilo Wanders – Susis Showbar – Beate Uhse – Spritze” als Alptraumszenario? Könnte ja was mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen zu tun haben. Eine Selbstreflektion, die beim Übersteiger offenkundig nicht statt findet.
Es gab einst diese offen homophobe BILD-Titelseite “St. Pauli braucht keinen Tunten-Präsidenten”, eines der wenigen Male, da Corny auf schwulenfeindliche Zuschreibungen offen allergisch reagierte. Es gab in der Tat sehr viel an Corny als Präsident zu kritisieren, die homophoben Einsprengsel, die sich natürlich bei Linksspießern immer mal wieder einschlichen, die sind so, hat er sonst jedoch nie gekontert. Weil er wusste, man würde ihm dann vorwerfen, er würde “seine Homosexualität” instrumentalisieren, um Kritik abzuwehren, kann auch Westerwelle ein Lied von singen, selbst so ein homophober Klassiker ebenso wie diese permanente Behauptung, dass “Homosexualität” doch gar keine Rolle spielen würde, wenn es um “Leistung” ginge.
Bei diesem ach so witzigen Szenario, vom Übersteiger entworfen, kam mir sofort dieses Mopo-Titelbild in den Sinn. Obwohl vermutlich die Autoren wie üblich gar nicht schnallten, was sie da mobilisieren, welche Kontexte sie eröffnen, wie sie all das Undiskutierte rund um die Susis Showbar-Frage in reaktionärster Form mit einem transphoben Ressentiment kombinierten, um auch noch indirekt einen Witz über Drogenabhängige hinterher zu schieben.
Natürlich betreibt Olivia Jones eine Table Dance-Bar für Frauen, in der Männer strippen. Natürlich hat Lilo Wanders “Wa(h)re Liebe” moderiert. Ich weiß noch nicht mal, ob die Witzbolde vom Übersteiger das wissen. Dass das nun freilich unreflektiert verknüpft wird mit Susis Showbar und Beate Uhse, verrührt wird zu einem Gesamtszenario des “Schrillen”, das man doch als St. Pauli-Klischee nicht wolle, hallelujah, das sind Konnotationen, an denen US-Evangelikale ihre Freude hätten.
Das verweist neben der unterschwelligen Homo- und Transphobie solcher Witzchen, die immer mit läuft , ob gewollt oder nicht, wenn man feminisierte Männer als “Alptraum” (dazu gehören auch Frank Rosts “rosa Röckchen”, witzig!, Männer tragen so was eben nicht, wurde mir mal gemailt, was habe das denn bitte mit Homophobie zu tun?) und dann noch in Führungpositionen, Gott bewahre!, imaginiert werden, eben auch auf eine äußerst drastische Schieflage bei der “Susis Showbar”-Diskussion. Ich will die auch nicht im Stadion haben und wittere da üblen Sexismus; freilich schleicht sich dennoch immer wieder eine Entsolidarisierung von Sex-Arbeiterinnen, ein Zurückweisen eines wichtigen Teils der Viertel-Historie als Freiraum für “Deviante” und eine EMMA-lastige Pornographiekritik, die sich problemlos mit der US-Rechtsradikaler fusionieren lässt, in die Debatten ein. Das alles war gar nicht wirklich Gegenstand der Diskussion, diese bürgerliche Abgrenzung gegen Sexualität in offener Form, rund um das “Susis Showbar”-Problem, von Einträgen bei Ring2 und Jeky mal abgesehen. Dabei ist das Thema, wenn ich es richtig verstehe, man korrigiere mich, bei der “Slutwalk”-Bewegung. Dass parallel so ein seltsamer Hochzeitsbilder-Hype gerade ausgebrochen ist, fügt sich nahtlos in eben dieses Schema.
Womit auf Magazine wie “Liebe Sünde” und “Wahre Liebe” zurück zu kommen wäre und ebenso Olivia Jones Tabledance-Gastronomie: Ursprünglich äußerst progressive Versuche, Sexualität aus der Schmuddelecke zu holen und als Hort der Freiheit in der Vielfalt der Lüste zu begreifen. Dass in manchen Fällen diese Magazine wieder genau bei dem Schmuddel landeten, den sie eigentlich aufheben wollten, ja, das ist richtig; dass ein als Transvestit auftretender Familienvater, ist Lilo Wanders ja, dergleichen moderierte, war in den 90ern immerhin noch möglich. Mit seinen doofen Witzchen attackiert der Übersteiger solche Denkweisen gleich mit, indem er sie im Beate-Uhse-Kontext verortet, ebenso wie mit diesem dämlichen “Titten!”-Titelbild im letzten Herbst. Ich bin einer Georgette Dee und einem Ernie Reinhardt, also Lilo Wanders, tatsächlich zu tiefem Dank verpflichtet, weil sie mir eine schwule Sozialisation ermöglichten, die in einer heteronormativen Welt nun weiß Gott anstrengend genug war. Der Übersteiger hat wohl was dagegen …
Selbst wenn man diese Reihung als irgendwie stellvertretend für die Klischees des “lustigen und schrillen” FC St. Pauli begreift, macht das die Sache nicht besser: Persönlichkeiten wie Lilo Wanders oder Olivia Jones sind keine Stellvertreter. Ich würde beide sofort wählen als Präsidentinnen des FC St. Pauli: Geschäftstüchtige, charismatische, kluge und medienerfahrene Persönlichkeiten, die die spießige Fussballwelt ordentlich aufmischten und sich weglachen würden, wenn Rostocker gegen die “schwulen Hamburger” sängen.
Die Ausgangsfrage war, ob der FC St. Pauli ein “Safe Place” u.a. für Schwule ist.
Wenn ich solche Aussagen des Übersteiger lese: Nein, ist er nicht. Die finde ich schlimmer als “Schwuchtel”-Rufe im Stadion.
Edith: Im Forum wurde darauf hin gewiesen, dass es sich bei “St. Pauli braucht keinen Tuntenpräsidenten” um eine BILD-Schlagzeile gehandelt hätte. Ich habe das im Text geändert.
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