
Diese Figur bei Beckett, die während des Dramas immer weiter im Sand versickert und plappert, bis sie erstickt: Ist dies ein Moment, der genau so gut in den Horror-Comics anderer, sich über popkulturelle Mythenaneignung fortschreibenden Traditionen auftauchen könnte? Nur wäre es in solchen Werken Treibsand, und der Schrecken würde manifest ALS Schrecken behandelt?
Der “Faust” gibt sich mystisch-religiös, ein Teufelspakt, hey!, der “Schimmelreiter” lässt es geistern – doch, so sehr ich grübel, gibt es im Nachkriegsdeutschland, vor “vereint” und danach, auch nur irgendetwas als relevant Kanonisiertes, in dem Motive der US-Horrorliteratur sich finden? Okay, der frühe Schlingensief. Ansonsten scheint mir, dass im vollends aufgeklärten, post-nazistischen Deutschland noch nicht einmal der meuchelnde “Hinterwäldler” wirklich Sujet wurde – obgleich St. Paulianer verprügelnde Hansa Rostock-Fans auf Dorffesten dafür eine prima Vorlage lieferten. Mecklenburg-Vorpommern, wo könnte Horror besser spielen? Vielleicht kenne ich solche Werke auch einfach nicht.
Dann liest man, aufgesaugt vom Text und hinterher leicht schmutzig und doch von der Spannung getrieben sich fühlend ein Werk von Stephen King, in dem – wer “Sara” lesen will, lese hier nicht weiter – eine schwarze Sängerin, Avantgarde des Blues zur Jahrhundertwende in seiner expliziten Form, eine Vorreiterin von “Hound Dog”, brutal vergewaltigt, dann ermordet wird, weil sie es wagte, sich im Maine von 1901 wie eine Weiße zu verhalten und diese noch da, wo sie drohen, einfach auszulachen: “Sara lacht”. Das nehmen ein paar Jungs aus Maine ihr übel, sehr übel, und furchtbar wird ihr Geist deren Nachfahren heimsuchen, denn Rache ist – verständlich – ihr Ansporn. Auch ihren Beeren sammelnden, 8jährigen Sohn haben sie umgebracht.
Okay, wenn man 6 Millionen ermordete Juden in der eigenen Geschichte bestmöglich ignoriert, indem man wahlweise auf Israel starrt, Muslime als “vormodern” geißelt oder “die Linken”, als noch mal die Anderen, ich meine nicht die Partei, nun auch noch für Antisemitismus haftbar macht, dann mögen solche Plots tatsächlich wie die Büchse der Pandora wirken.
Vielleicht sind der buchstäblichen Leichen zu viele im Keller, wo man doch Schwule meuchelte und malträtierte, unehelich Schwangere noch in den 50ern in den Selbstmord trieb und Hereros abschlachtete, Osteuropa platt machte, Euthanasie betrieb (in US-Horrorfilmen sind Folter-Praktiken in Psychiatrien häufig Thema) – trotzdem: Ist das, was ein Stephen King von “Carrie” an durchprobiert, nämlich Literatur, die die Rache der Marginalsierten zelebriert, hier als Genre überhaupt vorstellbar?
Wo Homophobe schon aufgebracht die ETA auf einen projizieren, wenn man sich weigert, Objekt ihrer “Toleranz” zu sein und stattdessen als Subjekt Grenzen setzt, unterbindet, SIE hinterfragt, so dass sie alles dafür tun, weiter permanent als Richter und Gutachter über DIE ANDEREN zu quatschen, um sich der eigenen Normalität zu versichern? Wo schon Verlautbarungen Volker Becks zum Antisemitismus in der Linkspartei reichen, in Facebook-Kommentarsträngen queer.de zur finsteren Macht zu beschwören und DIE SCHWULEN unter den Verdacht des Denunziantentums zu stellen?
Was ginge wohl ab, würde man UNTERHALTUNGSLITERATUR schaffen, in der die schwarzen Frauen aus Völkerschauen auf dem Spielbudenplatz, denen halb Hamburg am Arsch herum grabbelte, zu Killern werden, die mit eben diesem Hintern ihre Peiniger meucheln und ersticken? Würde ProSieben die Verfilmung senden?
Wenn die zu “Stadtreinhaltungszwecken” verfeuerten Opfer aus Mölln den biederen Brandstiftern jede Nacht im Schlafzimmer erschienen, bis diese sich selbst abfackelten?
Wahrscheinlich würde das Handlungsaufforderung missverstanden; neben der Volkshochschulhaftigkeit ist jegliche Verarbeitung hierzulande unerwünscht.
Wenn statt der so beruhigenden Stolpersteine – “zum Glück sind die tot und stören uns nicht, während wir uns ins Güte inszenieren” – die Opfer wiederkehrten und die Städte aufmischten?
Mit solchen Plots verkauft Stephen King weltweit Millionen Bücher, auch in Deutschland, wahrscheinlich, weil man sich am vermeintlich “Primitiven” der US-Kultur und ihrer Comic-Mythologie so schön distanziert laben kann als überlegen. “Elvis Presley konkurriert doch nicht mit Schönberg!”
Die Amis waren ja schon immer Rassisten, aber WIR?
Wenn in ES die Marginalisierten, “der Club der Verlierer”, das aus Versehen aus dem Makrokosmos in unsere Welt gewanderte Böse besiegen, der Stotterer, der Jude, der Schwarze, der Brillenträger, und das erste Opfer dieses Bösen ein Schwuler ist, dann liegen Möglichkeiten offen, die, hierzulande genutzt, ein Potenzial bergen, das wohl Hysterie bei den Lesern und Zuschauern verursachen würde.
Der einzige mir bekannte “einheimische” Horror-Plot, der auf Leinwand in den letzten 25 Jahren Erfolge feierte, man korrigiere mich, wenn ich etwas nicht mitbekommen habe, ist “Anatomie”, wo natürlich DIE ANDEREN, eben eine nazistische Mediziner-Sekte, Kristina Schröder wurde aus diesem Geist geboren, Nazis sind ja immer DIE ANDEREN, Pink Swastika, “Koran = Mein Kampf” , als das Böse erscheinen, wie praktisch, während heteronormativ Lebende diese bekämpfen.
In Teil 2 wird Migration tatsächlich Thema, aber eben in der Opfer-Form, wenn ich mich recht entsinne. Aber, selbstkritisch: Würden nicht wir, die Wächter der PC, sofort aufspringen und uns darüber aufregen, dass nun die Schwarzen, “Migranten”, Schwulen, Frauen PSI-Killer würden?
Nicht, wenn man es wie Stephen King macht – der zeichnet die Welt der aggressiven Spießer, in der sie zu Gespenstern werden, als notwendige Voraussetzung. Die Rachegeister sind ABKÜNFTIG einer nur scheinbaren Normalität, die harsch destruiert wird, IN DER SELBST der Horror wohnt.
Buttgereit begann sein Werk mit dem Führer-Bunker, der dominiert halt, wenn die ganze Nation verzückt ist, dass man in “Der Untergang” den Hitler so menschlich zeichnet, Lars von Trier lässt grüßen – aber sonst belässt man dergleichen lieber in der Ästhetik der Romantik, dem Schauerroman, das “kalte Herz”, Gebrüder Grimm, wenn solche Stoffe das Licht der Öffentlichkeit erblicken und Sylter Geister-Mythen die Primetime auf Privatsendern füllen. Immer in der gleichen Heimatfilm-Struktur: Das Böse dringt von außen ein in eine heile Welt voller fortpflanzungsbereiter, junger, weißer Menschen.
Bei Stephen King hingegen ist diese Idylle das Trügerische, das Böse erwächst aus den Riten kleinstädtischer Communities, ist deren Zerrbild – und, ganz in der Tradition von “Freaks“, die Ausgegrenzten, Malträtierten schlagen zurück.
Kein Wunder, dass sich an so was hier keiner ran traut (wie gesagt, vielleicht ist mir etwas entgangen, immer her mit den Korrekturen) – halt, ein Gegenbeispiel fällt mir ein: “Der Besuch der Alten Dame”. Kein Horror, aber …
Da sollte man weiter machen … und wem andere Beispiele einfallen, noch einmal: Immer her damit.
Denn diese ganze Begeisterung für das Abstrakte, den zerschmetterter Sinn bei Beckett und Anderen, den die Adorniten pflegen, könnte ja auch darin begründet liegen, dass exakt mit solchen Sujets man sich NICHT auseinander setzen möchte … zumindest nicht in der Kunst. Und schon gar nicht unterhaltend …
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