Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Und der Roland wird weinen …

Ein Finanzamtsdachboden. Ein kleiner Verschlag nur für 4 Personen. Ich glaube, sie hat sich den Rest ihres Lebens geärgert, nicht in Hamburg geblieben zu sein, wo sie gestrandet war – aus Pommern geflüchtet zu Freunden in Nienstedten. Die führten ein Kinderheim. Die Villa steht noch. Meine Mutter wusste später genau, wo der Luftschutzkeller zu finden war, als wir mal gucken gingen.

Dass “Großmama” dort nicht mit den zwei Töchtern einfach ein neues Leben begonnen hat, ohne diesen cholerischen Gatten: Ein Fluch für sie. Er war wieder da, sie kehrte zu ihm zurück – widerwillige Wiedervereinigung. Familienzusammenführung unweit von Bremen. “Draußen vor der Tür”, so der Titel ihres Lieblingsstücks, Wolfgang Borchert der Name ihres Lieblingsdichters. Feierlich schenkte sie mir eines Tages das “Gesamtwerk”. Erzählte, was für ein Skandal tobte, als das Drama in der Kleinstadt aufgeführt wurde, weil es Sätze wie “Der Mond schien wie der Bauch einer Schwangeren” enthielt.

Er hatte sich von Riga aus durchgeschlagen. Riga, eine der zentralen Stätten der Deportation osteuropäischer Juden. Ich weiß nicht, wie tief er involviert war. Er landete nun unweit der Weser in einem Auffanglager. Holte “seine” Frau zurück. Den Verschlag auf dem Finanzamtsboden wies man der Familie als Notquartier zu – in einem imposanten, wilhelminischen Backsteingebäude.

Er ging “hamstern” auf den Höfen rund um die Kleinstadt, mit einem Bollerwagen. Sie flocht den Töchtern die blonden Zöpfe und handarbeitete kunstvoll.  Knüpfen, Klöppeln, Stricken, Häkeln, Sticken, nichts war ihr fremd. Als sie in eine größere Wohnung, bereits im hohen Alter, umziehen wollte, zischte er nur “Und dann mieten wir noch eine dritte an und machen da eine Affenfarm auf!”

Die ersten Merksätze, die ich von ihm lernte, waren “Barzel und Strauss – aus Deutschland raus” und “Wer noch einmal eine Waffe in die Hand nimmt, dem möge sie abfaulen”. Sie neigte eher zu “Ich hab ja nichts gegen lange Haare, aber gepflegt müssen sie sein!”

Bremen, das heisst für mich, Erinnerungen an diese Großeltern zu pflegen.  Mit dem Bus in die Stadt hinein zu fahren, die Geschichten vom Roland und irgendeinem Huhn – war es ein Huhn? – und einem Schlüssel im kunstvollen Relief am alten Rathaus erzählt zu bekommen. Im “Katzencafé” im Schnoor Apfelstrudel mit Vanilleeis zu essen und den Duft der Kaffeeröstereien zu riechen. Sich wehmütig an Politiker wie Hans Koschnick zu erinnern, bei denen man zumindest den Eindruck hatte, dass sie mit Leib und Seele mitlitten, als sie um die Werften kämpften.

Ich mag Bremen. Eine der wenigen deutschen Städte neben Hamburg, in denen ich mir zu leben vorstellen könnte. Fühle mich da wohl. Es ist so gemütlich, und eben auch Norden.

Ich mag auch Werder. Mein Bruder war immer Werder-Fan. Mit 96 konnten wir alle nichts anfangen, diesem Verein der Unsympathen, den ekligen, roten Wölfen. Bei Werder hatte man immer das Gefühl, dass die aus wenig viel machen und dabei Understatement statt Münchener, Stellinger oder Schalker Großmannssucht pflegen.

Okay, die Sprüche damals von Schaaf und Allofs beim legendär surrealen Spiel im Schnee, die enttarnten ein wenig und offenbarten Gegenteiliges. Dafür wurden sie ja prompt bestraft.

Erinnere mich auch an ein Erstligaspiel, da wir, so gnadenlos unterlegen, vor einem Totaldebakel durch einen Spieler namens Holger Stanislawski bewahrt wurden. Was der da so alles hinten raus schädelte – unglaublich. Sehe auch einen, den sie “Kugelblitz” nannten, vor meinem geistigen Auge noch pfeilschnell an unserer Abwehrreihe vorbei flitzen. War das ein Pokalspiel, als man Ailtons von 0 auf 250-Antritt bewundern durfte? Wahnsinn.

Das Hinspiel offenbarte ein wenig, warum ich derzeit annehme, dass trotz aktuell enervierender Trainersuche der Abschied von Stani mir sooo schwer trotz tief empfundener Dankbarkeit nicht fällt. Dieses auf Teufel komm raus Offensiv-Gerenne bei stetem Gegentor-Geklingel halt, das die Mannschaft immer weiter verunsicherte, weil es nicht zu Erfolgen führte, das er spielen lässt. Dieser Verzicht auf die Robusten bei der Kaderzusammenstellung, Ausnahme Asamoah, zugunsten von Filigranen wie Kruse und Bartels.

Als wir so vollblöd an der Weser verloren haben, da hatte ich erstmals das Gefühl, dass der Schädel des so verehrten Trainers auf stur schaltete, statt auf Situationen zu reagieren, und somit in der ersten Liga gar nicht angekommen war.

Und jetzt muss er auch noch ins Kraichgau. Der Arme. Diese Idee, mal etwas zu leben, was einem emotional mehr Distanz, mehr Raum lässt, sich einfach auf den Job zu konzentrieren, die ist gefährlich für Trieb- und Überzeugungstäter, die das Involviertsein brauchen.

Die Unrechtsgerichtsbarkeit des DFB hat uns zwar vorm Geisterspiel bewahrt; liest man nun die Verlautbarungen auf der Homepage, wundert man sich dennoch, mit was für einer Gottherrlichkeit die alten Männer abgehoben mit Kanonen auf Idioten schießen. Und dass der Verein noch auf Schleimspuren hinterher kriecht - puuh. Ich will auch keine Becherwürfe  - es gibt nur Formen, darauf hinzuweisen, wie Scheiße diese Würfe sind, die geradezu welche provozieren. Was allerdings auch niemanden der Verantwortung enthebt, es bleiben zu lassen.

Rückschlüsse von der Härte einer Sanktion auf die Schwere der Tat sind halt nicht zulässig. Man spürt den Vereinsverlautbarungen immer an, wie wenig die Akteure Macht begriffen haben, agieren sie doch immer im Paradigma der Zurechtweisung Heranwachsender durch den Erziehungsberechtigten. Das zeugt schlicht davon, dass da einige selbst noch nicht erwachsen wurden. Das ist Mensch dann, wenn sie das Eltern-Kind-Paradigma hinter sich lässt und jede Autorität erst mal infrage stellt, bevor Mensch der mit guten Gründen zustimmt oder auch nicht. Kant nannte das den Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit.

Das immerhin habe ich von meinem Opa gelernt: Selbst wenn alle Geschichten erfunden waren, wie er virtuos Offiziere verarschte und hinterging, damals, in Riga – sie brachten mir Fundamentales bei. Dass er auch nach ’33 jüdische Bekannte auf offener Straße demonstrativ grüßte, das stimmte zweifelsohne – meine Oma lebte in steter Angst davor, dass sein Handeln entdeckt werden könnte. Denn er hörte den englischen Sender. Darauf stand die Todesstrafe.

Der Roland sei so gebaut, dass er rüstig und trotzig dem Bischof im Dom sein Gesicht zeigte, erzählten mir meine Großeltern – als Zeichen der bürgerlichen Zurückweisung kirchlicher Macht. Bei Wikipedia steht es etwas anders, mir ist meine Kindheitserinnerung sympathischer. Weil das Echo der wüsten, empörten Tiraden meines Opas, wenn ausgerechnet aufgrund verstorbener Päpste das Fernsehprogramm geändert wurde, mir noch wohlig in den Ohren klingt.

Insofern tut es mir leid, dass der Roland morgen weinen wird … ich glaube, wir gewinnen das Spiel. Aber wenn wir uns mal auf unsere Wurzeln besinnen, der bürgerlichen Ordnung trotzen zu wollen, haben wir zumindest idealtypisch die Geschichte auf unserer Seite …


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