
Nein, nicht wegen “Schuldigensuche” diese Headline. Auch nicht, um nachzutreten. Noch nicht mal, weil ich es allzu dramatisch finde, wieder in Liga 2 zu rutschen. Okay, die Anstoßzeiten. Und okay, wir haben schon mal erlebt, direkt in die 3. Liga durchgereicht worden zu sein. Das tat sehr weh.
Nein, es geht darum, aus Fehlern zu lernen, im Sinne einer gelingenden Zukunft. Das geht nur mittels Kritik,
Letztlich wird uns was eigentlich sehr Schönes den Klassenerhalt gekostet haben: Dieses fraglose Festhalten an der eigenen Historie. Eben an Holger Stanislawski, dem wir alle, auch ich von ganzem Herzen, zu Dank verpflichtet sind. Dem ich alles Gute wünsche, obgleich ich nicht glaube, dass das im Kraichgau wohnt.
Nur schwingt bei dieser Tugend der Treue die Weigerung mit, Neuland zu betreten. Neuland, das eben nicht Konservieren ist, widersprüchlich flankiert vom Mitmachenwollen bei dem, was die anderen tun.
Ein seltsamer Zwiespalt: Einerseits dieses Festhalten am Eigenen, andererseits wie alle anderen auch auf Logen und Business-Seats zu setzen und wie Dortmund spielen zu wollen, obwohl der Kader dem nicht gewachsen ist. Jammern, dass man bei diesen bekloppten Fans ja eh nicht vernünftig Geld verdienen könne – ganz wie Honess das tun würde, oder ein Magath. Natürlich ranzte J. gestern “Am Abstieg sind doch die Sozialromantiker schuld”.
Nee, eben nicht. Sondern, dass der sportliche Bereich sich verzockt hat. Fehlspekuliert. Es sei denn, es geschieht noch ein Wunder. Grund ist, dass die Hoffnung auf Klopp und Tuchel und dass er auch so einer sein möge, die Fehler Stanis verdeckte.
Jeder darf und soll Fehler machen, auch Stani. Das kratzt ja nicht an dem, was man an ihm bewundert. Aber lernen sollte man schon draus. Jetzt hinterlässt er jedoch einen Scherbenhaufen. Wir müssen “Ton, Steine, Scherben” draus machen. Schritt für Schritt ins Paradies. Wieder mehr Punkrock auf dem Platz statt ständig scheiternde Versuche, den raffinierten Pass zu spielen. Fin Bartels hat gestern gezeigt, wie das geht mit dem Punkrock auf dem Platz. Der hat sich einfach durchgesetzt, und der Ball war drin.
Seine Mitspieler waren in Halbzeit 2 im Wesentlichen mit den eigenen Unzulänglichkeiten beschäftigt. Hat Frings in einem Statement auf der Homepage prima auf den Punkt gebracht. Weil die von Stani gewünschte Spielweise die Schwächen der Spieler offen legt, anstatt sie zu kompensieren. Diese nackte Panik “O Schreck, ein RICHTIGER Bundesligaspieler wie Pizarro!”, die auf Spielergesichtern aufschien, wenn der durchstartete, war in etwa die eines Mittelgewichtsboxers, der gegen ein Schwergewicht in den Ring muss. Das wurde angelernt im Zuge dieser Bundesligasaison. Deshalb gestern diese desolate zweite Halbzeit: Werder musste nur kurz den Druck erhöhen, und das Kaputtgeschossenwordensein, zu dem sich die Saison bereits in der Hinrunde entwickelte, auf Schalke, der Sky-Moderator damals, über den wir uns alle empörten, hatte recht, auch in Stuttgart, auch in Bremen, zu Hause gegen Mainz, brach auf wie eine offene Wunde.
Weil offenkundig keiner den Fehlern Stanis entgegen wirkte. Keine Ahnung, ob Schulte das versucht hat hinter den Kulissen. Ich weiß nicht, ob deshalb Stani Berichte in der FR, so schien es zumindest, lancieren ließ, in denen seine Differenzen zum Sportchef verbreitet wurden. Eben zu jenem Zeitpunkt, als seine Bewerbungstour begann. Und eigentlich Zeit für einen Schlusstrich gewesen wäre. Corny wäre wahrscheinlich nach dem gewonnen Derby gegangen.
Keine Ahnung, ob wirklich kein Geld da war, um in der Winterpause nachzurüsten, oder ob Stani sich durchsetzte im Glauben an den Kader. Dabei zeichnete sich nun wirklich in der Hinrunde deutlich genug ab, dass wir vorne zu wenig Tore schießen und hinten zu leicht welche fangen. Ganz platt. Ein Ozcipka und ein Zambrano alleine machen noch keine Abwehr. Es darf nicht sein, dass deren Verletzungen nicht kompensierbar sind – auch ein heiler Rothenbach hätte das nicht geschafft. Bei aller aufrichtigen Liebe zu diesem Kader, der ja letzte Woche in Wolfsburg gezeigt hat, das er aus saucoolen Typen besteht. Wäre schön gewesen, wenn man denen geholfen, sie unterstützt hätte.
Die Zusammensetzung stimmte und stimmt einfach nicht. Mir tut es weh, dass einem Helden wie Lechner, den ich zutiefst bewundere, gestern mit einer derartigen Drastik seine konditionellen und spielerischen Grenzen aufgezeigt wurden. Dass man einen Traummann wie Bruns, seufz, nicht raus nimmt, der eine Halbzeit lang prima spielte, dann aber nur noch taumelte und ständig irgendwas versuchte, was er gar nicht kann.
Wieso stimmt es konditionell nicht? Wieso die ganzen Verletzungen? Das wirkt alles wie ein Mangel an Selbstreflexion, wenn sich immer die gleichen Vorfälle und Fehler häufen.
Bin ohne jede Erwartung zum Spiel gegangen. Denke gerade “Ach, ich hab die Jungs lieb, wenn sie da vor sich hin trümmern, weil es Liebenswerte sind, mit denen ich schon so verdammt viel erlebt habe!”, da gehen die in Führung. Weil ein nicht minder gemochter Peer Mertesacker dösbaddelig das Abseits aufhebt. Und es sei eh betont: Trotz des Marin-Fouls und dessen Schwalbenversuchen, trotz des unerträglichen Tim Wiese in scheußlichem Mint sind die Bremer gestern höchst sympathisch aufgetreten. Und diese Transparente zum nazifreien 1. Mai und “Flora bleibt!” in deren Block: Super. Eben auch super, weil ein Schulterschluss in zentralen Fragen über getrennte Fanblöcke hinweg möglich ist und die Werderaner das aufzeigten. Danke!
Na, nach der Führung ging es auf einmal wieder um was. Ärgerte mich fast darüber. Die Sonne schien, ich war zu Hause, das Bier schmeckte, mir schien es prima laut zu sein, das “Forza!” wurde mit voller Wucht angestimmt – und nun plötzlich diese Spannung.
Dann der Ausgleich. Ich wurde auch wieder etwas ausgeglichener. Geht ja doch wieder schief. Keine Angst vor dem Scheitern! Losersein hat ja auch was.
Doch nun geschah das oben Beschriebene: Die Mannschaft glaubte nicht mehr an sich. Gab sich schon vor (!!!) dem Führungstreffer auf. “Wir schaffen das doch eh nicht. Das ist ja eine richtige Bundesligamannschaft, die Bremer.” Kruse dachte wahrscheinlich: “Da will ich wieder hin!” Wenn der Trainer immer nur davon redet, dass man sich belohnen wolle, es aber nicht geschieht, verliert man halt die Zuversicht. Zusätzlich der Druck zu Hause, es eigentlich dem Publikum recht machen zu wollen …
Was lernen wir nun aber daraus? Dass es nicht gut ist, unreflektiert und unhinterfragt an der eigenen Mythologie zu hängen, während man gar nicht merkt, dass sie sich auflöst und die Vision fehlt, wie sie fortzuschreiben wäre.
Was ist das eigentlich für eine Pressearbeit, die es zulässt, dass täglich Trainerabsagen berichtet werden? Wie kann es sein, dass “St. Pauli like” mittlerweile als irgendeine bürgerliche Höflichkeitsform im Netz zelebriert wird, so dass man sich nur noch fremd schämt? Zum Glück reden die ja nicht mehr mit mir. Grauenvoll, dieser affektierte Quatsch, hinter dem sich hochaggressive Biedermänner verbergen.
Wie kann es sein, dass ein Präsidium sich zwar für Benimmregeln zuständig fühlt, aber so schwach ist, dass ein Trainer alles okkupieren kann und nun zum Abschied wirklich nix, was nach Zukunft aussieht, hinterlässt? Es sei denn, wir halten durch ein Wunder doch noch die Klasse.
Natürlich will keiner, dass die Gewählten ständig überall rein quatschen. Es war nur schon damals bei “Betriebsunfall”-Fast-Insolvenz-Reenald Koch so, dass der totale Freifahrtschein für Demuth falsch war. Die Quittung bekamen wir zu Beginn der nächsten Zweitligasaison, als mit einer grotesken Kaderzusammenstellung bereits beim Auftaktspiel in Frankfurt klar war, da war ich vor Ort, dummerweise, dass der nächste Abstieg folgen würde.
Nee, her mit den Visionen!!! Gerade an so einem Nullpunkt muss die Zukunftsdebatte doch verschärft werden. Der, der 18 Jahre alles gab und viel zusammen hielt, der ist nun weg. Also her mit dem Morgen! Konservieren ist nicht mehr und das Kleben an all den Mumien aus den frühen Neunzigern auch. Nun ist echt die Chance da, der Zukunft zugewandt sich zu zeigen. Auferstanden aus Ruinen … also, legt mal los, Schulte, Spies, Stenger, Duve und Orth! Ziele wie “Top 25 unter den deutschen Fussballclubs” kann ja jeder klopfen, wie auch von “Toleranz” daher brabbeln – nun mal Butter bei die Fische!
Nachtrag: Ein inhaltlich teilweise ziemlich nah am vom mir Geschriebenen situierter Text des NDR – mit allerdings einer entscheidenden Akzentverschiebung:
“Diese Baustelle hätten Stanislawski und Sportchef Helmut Schulte spätestens in der Winterpause mit einem Neuzugang beheben müssen. Sie verzichteten darauf. “Weil wir voll auf unseren Kader vertrauen”, wie Stanislawski meinte.
Das war aber wohl nur die halbe Wahrheit. Wahrscheinlich fehlte es St. Pauli einfach an dem nötigen Kleingeld, um den in der Breite für die Bundesliga zu schwach aufgestellten Kader zu verstärken. Stanislawski vermied es, sich darüber öffentlich zu beklagen. Der Abgang der Vereinsikone im Sommer zur TSG Hoffenheim lässt aber tief blicken. Der ebenso emotionale wie akribische Coach musste sich eingestehen, dass die Perspektiven beim Kiezclub sehr überschaubar sind.”
“Er vermied es, sich öffentlich darüber zu beklagen.” Wieso wird man das Gefühl nicht los, dass da jemand auch weiterhin eigenständig und ganz für sich Pressearbeit probt?
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