Auf einem Teakholztischchen stand er. Metallicgrau die Plastikhülle, der Bereich mit den Programmtasten schwarz und chromgetupft. Selbst zu jener Zeit, da er das alte, schwere Röhrenmonster im hölzernen Kommodenlook ablöste, war dieses Neuding ein Relikt. Überall krisselten und leuchteten längst Farbfernseher, zumeist zu rot und zu grün, bei uns daheim regierte flimmernd weiterhin schwarz/weiß. Links von ihm das Fenster mit Jalousien, zugezogen, zum Reihenhausgarten mit Grünpflanzen auf der Fensterbank davor; viele dieser Kakteen, die schlängelnd wuchern, während sie wachsend Glied an Glied reihen. Keine Fernbedienung weit und breit. Rechts das Bücherregal.
Ich räkelte mich auf grünen Lederkissen eines Sessels, skandinavisches Design von “Grigat”, direkt vor dem Ding herum, um die Knöpfe und Regler bedienen zu können, wenn sonst nur noch der Hund zu Hause in sein längst verkommenes und abgerocktes Plüschkissen sich verbiss fiepte. Er klemmte es zwischen die Vorderbeine und wimmerte ununterbrochen, heute weiß ich, was ihm fehlte.
Ich weiß aber nicht, was wichtiger war, der Fernseher, die Bücher oder die Musik. Die Kampfschrift zum Beispiel “Wie vergewaltige ich einen Mann” gefiel mir nicht. Dabei dachte ich, ich könnte daraus fürs Leben lernen. Das stand brav aufgereiht neben anderen Werken aus der Reihe “Neue Frau” auf den Regalbrettern und blinzelte verbiestert Alice Millers “Drama des begabten Kindes” und Watzlawicks “Menschliche Kommunikation” an. Viele Bücher, viel Bertelsmann-Buchclub. “Die Nackten und die Toten” sagte mir ein Buchrücken, der mich eine ganze Kindheit lang finster anstarrte, obgleich ich nicht wusste, worum es ging. Geschweige denn, was Thema in “Kaltblütig” war.
Aus dem Fernseher, der davor stand, drangen häufig Bilder, die mich arg verstörten. Selbst als in “Tanz der Vampire” das erste Mal der Mund sich öffnete und die überlangen Eckzähne zum Biss ansetzten, huschte ich tief verängstigt ins Bett und konnte Wochen kaum schlafen. Nachmittags lief noch die “Drehscheibe”?, und die Story mit dem Frottee-Schlafanzug erspare ich mir nun.
Ich wurde älter und wollte Sinn. Nahm bewusster wahr, was als gewichtig, was als banal galt. Den Fassbinder mit dem “Transsexuellen”, der sich nur wegen seines Mannes umoperieren ließ, weil dieser eigentlich eine Frau wollte und nun seinen Ex-Kerl ständig demütigte und beschimpfte, weil der so deformiert wirkte, den konnte ich kaum ertragen. Der unglücklich Liebende der beiden arbeitete in einem Schlachthof, und man sah minutenlang Kadaver und Blut in einer Tötungsmaschine, und mittendrin der mit sich so unglückliche Körper.
Vielleicht war der Film auch gar nicht von Fassbinder, vielleicht arbeitete der Transsexuelle wider Willen auch nicht im Schlachthof. Oft bin ich verblüfft, sehe ich die Filme, die aus diesem Kasten kamen, nun noch einmal und ganz anders an. Szenen, die ich zu erinnern glaubte, tauchen gar nicht mehr auf oder verliefen ganz anders. Was ich als groß und bedeutsam empfand, schrumpft oft zum Plakativen.
Bei “Verdammt in alle Ewigkeit” habe ich trotzdem geheult wie ein Schlosshund. Als Frank Sinatra, von der Militärpolizei geschunden und zu Tode geprügelt, in den Armen von Montgomery Clift stirbt – ich konnte nicht mehr aufhören zu flennen, weil Dieter ja auch gerade nach Dortmund gezogen war und dort als Zivi im Altenheim eine “Anklageschrift gegen eine Stationsschwester” verfasste. Monty selbst stirbt auch noch so anrührend schön in dem Film, nachdem zuvor er sich so heroisch dagegen wehrt, boxen zu müssen, wegen dem, der wegen seines Schlages erblindete. Klar, ein Militärpropagandastreifen. Trotzdem toll.
Ich fand zufällig eine Montgomery Clift-Biograpie in der Stadtbücherei. “Der längste Selbstmord der Filmgeschichte” nannte jemand dessen Leben. Er ertrug sein Begehren nicht. War ja auch noch verboten. Er schlug urplötzlich mit dem Gürtel auf seine Liebhaber ein und biss sich in deren Lippen fest wohl, weil er es nicht aushielt, dass diese Körper ihn erregten und er sie am liebsten dafür zerstören wollte, nicht vom SM-Lust getrieben.
Der fatale Autounfall, der sein Gesicht zerstörte, den Rest des bereits von Medikamenten und Alkohol zernagten Körpers jedoch weitgehend unversehrt ließ, widerfuhr ihm, als er von einer Party bei Elizabeth Taylor kam. Inmitten der Dreharbeiten zu einem Film mit ihr, ich meine, “Das Land des Regenbaums”, ein Südstaatenepos, nahm der Canyon ihm sein Gesicht – dachten alle. Sie rannten in Scharen ins Kino, um zu diskutieren, welche Szene wohl vor, welche nach dem Unfall eingespielt worden waren. Und irrten sich ständig, weil der Verfall nach “Verdammt in alle Ewigkeit” schon so weit fort geschritten war.
Elizabeth Taylor war ihm gute Freundin. Sie, deren Ehen und Scheidungen den Boulevard weltweit in Atem hielten, verstand ihn. Und er lockte aus ihr bereits in “A Place at the sun” schauspielerische Fähigkeiten hervor, derer sie zuvor sich nicht bewusst war. Ganz, wie es ihm, bereits in jeder Hinsicht ruiniert, auch bei Marilyn Monroe gelang in “The Misfits”.
Bevor auf Regalen Bücher der Reihe “Neue Frau” standen, wie sollten sie auch mal eben sich so zelebrieren, wie es Spencer Tracy als “Vater der Braut” durfte, da sie so als seine Tochter bildhübsch der Welt ihr Gesicht schenkte?
Okay, Lauren Bacall oder Katherine Hepburn vielleicht, da denkt man auch an Schauspielkunst. Aber ansonsten, scannt man die heroischen Zeiten des Actor Studios, von Lee Strasberg, da noch Werke von Tenesee Williams verfilmt wurden und Montgomery Clift auf dem Broadway Tschechows “Die Möve” aufführte, es kommen einem sofort Marlon Brando, James Dean, Humphrey Boghart als große Schauspieler in den Sinn, ein Hitchcock oder ein Elia Kazan als große Regisseure – als heute die Meldung durch das Netz ging, dass Elizabeth Taylor gestorben ist, erschienen als erstes die Bilder von Paul Newman in “Die Katze auf dem heißen Blechdach” vor meinem inneren Schwarz/Weiß-Fernseher auf und dann erst Elizabeth Taylor an seiner Seite. Ja, auch meine Wahrnehmung und doch der Bauweise des Filmes nacherinnert, ja, sogar Sujet ist es, diese Nebenrollenhaftigkeit, da sie doch nicht gebärte, während die Schwägerin lauter “kurzhalsige Ungeheuer” in die Welt setzte.
Oder Elizabeth Taylor zwischen Rock Hudson und James Dean in “Giganten”. Und völlig zugekleistert in “Kleopatra”, diesem Monumentalschinken. Das Glück, in französischen Filmen wie Simone Signoret oder Jeanne Moreau zu brillieren, das war ihr nicht beschieden. Oder ein Bild der Welt zu hinterlassen wie jenes der Knef in “Die Mörder sind unter uns”.
Bis zu diesem unglaublichen “Wer hat Angst vor Virginia Wolf?” Was ein Vulkan! So füllig, war sie nicht gar schlecht blondiert? Was ein Film! Was eine Rolle! Was eine Frau!
Wir haben das Stück im Englisch-Leistungskurs gelesen und mit Vehemenz und nicht zu stoppen auf deutsch gestritten, ob George und Martha sich lieben. Ich glaub das bis heute. Im Hamburg der späten 80er hieß sogar eine Band “George & Martha”. Dieses Setting im Umfeld eines amerikanischen Colleges, dieses irrwitzige Aufeinanderprallen der Giganten Richard Burton und Elizabeth Taylor, wie oft waren sie geschieden und wieder verheiratet?, die boshaft das junge, unschuldige Paar mit einbeziehen in die eigenen Psycho-Schlachten, endlos geführt, und die ihr erfundenes Kind schließlich gar umbringen. Diese Statusverschiebungen, weil sie aufgrund des Berufs ihres Vaters, Chef ihres Gatten, die Mächtige ist und er der Versager. Und doch dieses so tiefe Einvernehmen zwischen den ewig Streitenden … menschliche Kommunikation. Es hatte nicht nur Nachteile, als Film noch gar nicht filmisch, sondern theatralisch war. Die Nähe zur Literatur der Figur war noch gegeben und Blockbusterfähig. Ohne Schlachtengemälde, die wie Historienschinken in Öl wirken, am Computer animiert. Dialog galt nicht als anstrengend. Und wurde ausgefüllt.
Elizabeth Taylor hat sich nach Rock Hudsons AIDS-Tod mehr für die HIV-Infizierten und Kranken engagiert, als Andere es wagten.
Diese Frau, dieses Gesicht, diese Schauspielerin, diese Diva, sie war doch fast von Anbeginn an dabei, als ich Fernsehen lernte, damals auf grünem Leder in schwarz/weiß – nun ist sie weg. Rest in Peace. Heute war ich wirklich traurig.
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